Lesezeit. Immer in der Hautundknochenzeit

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1 gratis Lesezeit Buchhandlung Schwarz L i t e r a t u r a u s d e r B u c h h a n d l u n g S c h wa r z Buchhandlung Schwarz Immer in der Hautundknochenzeit Von Bettina Schulte Der fiktive Name befremdet. Man meint, eine andere Stimme durch ihn hindurch zu hören. Leopold Auberg, der Ich-Erzähler, ein 17- jähriger Rumäniendeutscher, der im Januar 1945 in ein Lager in der Ukraine deportiert wird, ist gleich Oskar Pastior, dem genau das widerfuhr. Der Lyriker war einer der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, die nach der Kapitulation und der Kriegserklärung Rumäniens an das vorher mit ihm verbündete Nazideutschland fünf Jahre lang Zwangsarbeit für den Wiederaufbau der Sowjetunion leisten mussten. Die Gleichung ist jedoch prekär. Herta Müller, die 1953 in der Ceauşescu-Diktatur geboren wurde und der die offiziell tabuisierten Lager nur im bedrückenden (kollektiven) Schweigen ihrer ebenfalls deportierten Mutter präsent waren, hat mit Atemschaukel einen Roman geschrieben und hätte ihn doch niemals schreiben können ohne die Gespräche mit dem Dichter. Es sollte ein gemeinsames Buch werden. Die Schriftstellerin, deren Texte mit unerbittlichem, zugleich poetisch verdichtetem Ton die ungreifbar bedrohliche, gewalttätige Atmosphäre allgegenwärtiger Überwachung im Mangelreich des rumänischen Nachkriegspotentaten sinnlich erfahrbar gemacht haben, hatte in Pastior bei einem Gespräch in Lana über Tannen zufällig den Zeitzeugen gefunden, der im Gegensatz zu allen, die sie zuvor befragt hatte, in der Lage war zu erzählen, wie es gewesen war. Vier Notizhefte hatte sie mit seinen Erinnerungen vollgeschrieben, als er im Oktober 2006 kurz vor der Verleihung des Büchner-Preises in Frankfurt plötzlich starb. Man muss dieses Buch auch als Gedenkbuch für den Freund lesen; als sein Vermächtnis von fremder Hand so paradox es klingen mag. Es ist Herta Müller hoch anzurechnen, dass sie nach langem Zögern das Wagnis auf sich genommen hat, die zu zweit begonnene Arbeit allein zu vollenden. Welchen Anteil daran der Dichter hat, ist naturgemäß nicht auszumachen letztlich hat allein Herta Müller den Stoff in Literatur verwandelt. Sicher aber ist: Die den Roman prägende, ihn auszeichnende eigentümliche Metaphorik, seine für sogenannte Lagerliteratur höchst ungewöhnliche, gewagte Bildsprache, die Iris Radisch in der Zeit als gestrig und kitschig gegeißelt hat, ist keineswegs allein der Autorin zuzuschreiben. Der Hungerengel das zentrale Motiv des aus 64 zum Teil sehr kurzen Abschnitten gebauten Romans ist die Erfindung Oskar Pastiors. Das entnimmt man auch dem aufschlussreichen Hörfunkfeature Hungerengel von Ulrike Jansen und Norbert Buchhandlung Schwarz Wehr. Es kann als von den Stimmen Müllers und Pastiors getragene Begleitmusik des Romans gelten. Im Hungerengel verdichtet sich die alles übertönende, die alles überwältigende Erfahrung des Lagers: Immer ist der Hunger da. Weil er da ist, kommt er, wann er will und wie er will. Das kausale Prinzip ist das Machwerk des Hungerengels. Wenn er kommt, dann kommt er stark. Die Klarheit ist groß: 1 Schaufelhub = 1 Gramm Brot. Der Hungerengel weicht den Zwangsarbeitern in der Ewigkeit der Hautundknochenzeit nicht von der Seite. Er ist kein tröstlicher Begleiter. Er ist, mit Rilke zu sprechen, schrecklich. Eine Gewalt. Man wird ihn nie mehr los. Wie man das Lager nie mehr loswird. Seit dem Hungerengel, heißt es am Ende, erlaube ich niemandem mehr mich zu besitzen. Der Hungerengel macht aus Menschen keine Menschen mehr. Er bringt den Advokaten Paul Gast dazu, seiner Frau aus dem Essgeschirr die Suppe zu stehlesen Sie weiter auf der nächsten Seite Annette Pohnert / Carl Hanser Verlag Herta Müller ist Gast der Buchhandlung Schwarz am 20. Oktober, 20 Uhr im Weingut Andreas Dilger Urachstr. 3

2 2 Lesezeit 16 Herbst 2009 Fortsetzung: Immer in der Hautundknochenzeit Herta Müller Claus Stephani Von Werwölfen und anderen Menschen len, bis sie nicht mehr aufstand und starb. Er bringt Karli Halmen dazu, Albert Gion, dem Schicht-Kollegen des Ich-Erzählers, die gesparte Brotration unter dem Kopfkissen zu stehlen, und die anderen dazu, ihm für diesen Brotdiebstahl die Zähne auszuschlagen und ins Gesicht zu pissen. Man nennt es mit dem Hungerengel: die Brotgerechtigkeit. Noch heute ist für den Ich-Erzähler Essen eine große Erregung. Er isst das bezeugen auch die, die Oskar Pastior gekannt haben, und das sagt Herta Müller von ihrer dem Kind unheimlichen, gierig schlingenden Mutter mit allen Poren : Ich esse seit meiner Heimkehr aus dem Lager, seit sechzig Jahren, gegen das Verhungern. Es sind die einem (späteren) Lyriker zugemessenen bildhaften Wörter, in denen sich der Alltag in der Lagerhölle offenbart, eher beiläufig als spektakulär: Meldekraut, Herzschaufel, Tageslichtvergiftung, Blechkuss, Hasoweh, Kartoffelmensch, Eigenbrot und Wangenbrot, Eintropfenzuvielglück, Atemschaukel, Mundglück. Es ist der Versuch der Autorin, dem herkömmlichen Sprechen durch Sprachschöpfung zu entrinnen: eine kühne Gratwanderung, die den Schrecken des Zivilisationsverlusts, die Demütigung, die Entwürdigung und die Scham darüber in der Momentaufnahme, im sprechenden Detail festzuhalten sucht wie Pastior sich verblüffend gut an lauter Einzelheiten erinnerte, die ein Gesamtbild kaum ergeben konnten. Deshalb ist der Roman, der einem in der Wiederholung der bildhaften Wendungen fast wie eine Sammlung von Prosagedichten entgegenkommt, nichts weniger als eine Chronik des Lagers Nowo-Gorlowka. Es gibt keinen Standpunkt, von dem aus sich das System der Entmenschung überschauen ließe. Nur Episoden, bestürzende und groteske, widerwärtige und widersinnige, ja sogar glückliche, aus einer Welt, die dem, der nie dort war, unvorstellbar bleibt. Und Begegnungen: mit dem Zement und der Schlacke im Keller, wo jede Schicht aus Trotz zum Kunstwerk wird, dem brettharten Boden im Winter und der steinigen Hitze im Sommer, den Schlackoblocksteinen, dem versteinerten Pech im Kokswerk. Begegnungen mit dem Bösen wenn ein so pathetischer Begriff zulässig ist in Gestalt des Lagerkapos Tur Prikulitsch und seiner Geliebten Bea Zakel. Begegnungen mit dem Tod, der den Insassen ins Totenäffchengesicht geschrieben steht. Wenn der Tote kein persönlicher Bekannter ist, sieht man nur den Gewinn. Abräumen ist nichts Böses, im umgekehrten Fall würde der Leichnam mit einem dasselbe tun, und man würde es ihm gönnen. Das Lager ist eine praktische Welt. Die Scham und das Gruseln kann man sich nicht leisten. Man handelt in stabiler Gleichgültigkeit, vielleicht in mutloser Zufriedenheit. So abgründig können sich die Maßstäbe verkehren, dass das Lager zur Heimat und die Heimat zur Fremde wird. Wieso zwinge ich das Lager, mir zu gehören, fragt sich der Ich-Erzähler 60 Jahre später. Heimweh. Als ob ich es bräuchte. Als Herta Müller mit Pastior den Ort seiner Deportation besuchte, wurde er nicht depressiv, sondern euphorisch. Es war für ihn wie Heimkommen. Das letzte Kapitel heißt Von den Schätzen. Gemeint sind die mentalen Hinterlassenschaften des Lagers. Die schwerste ist der Arbeitszwang, die Umkehr der Zwangsarbeit: ein Rettungstausch. Auch wenn davon mit keinem Wort die Rede ist: Von daher allein erklärt sich Pastiors Schreiben. Dass der, der dort war, das Lager für immer in sich trägt: Auch diese Erkenntnis verdankt sich Herta Müllers verstörendem, großem Roman, der über das individuelle Schicksal hinaus die rumäniendeutschen Zwangsarbeiter aus dem Schatten der Geschichte rückt. Der Bann, der aus den Rückkehrern Nichtrührer machte, ist endlich gebrochen. Herta Müller: Atemschaukel. Roman. Hanser Verlag. 19,90 Von Diethelm Blecking Ein altmodisches Buch ist anzuzeigen und zur Lektüre zu empfehlen: Ein Roman, dessen Schauplatz der längst verschwundene Gürtel der vermischten Völker (Hannah Arendt) weit im Osten ist, wo die Flüsse Tscheremosch und Pruth heißen und bis heute Wölfe und Braunbären in großer Zahl leben. In dieser abgelegenen Wildnis zwischen Timişoara (Temeschwar) und Iaşi (Jassy) lebte eine deutsche Minderheit, deren aufrechte und dissidente Vertreter schrecklich unter der rumänischen Spielart des Stalinismus, unter dem Despoten Nicolae Ceauşescu und seiner brutalen Prätorianergarde, der Securitate, zu leiden hatten. Viele wohnen heute in Deutschland und erzählen sprachmächtig und zäh vom Trauma des Ausgeliefertseins an die Knechte der Macht, das schon in der Zeit des Faschismus seine Wurzeln hat. Einer von ihnen, ein Stiller, den Märchen, den kleinen Leuten und ihrer Geschichte zugewandt, ist Claus Stephani aus Braşov (Kronstadt) in Siebenbürgen. Der heute in München lebende Autor erzählt in seinem ersten Roman von einem Völkergewirr aus Rumänen, Juden, Ruthenen, Polen, Ungarn, Deutschen und Zigeunern in der Zeit zwischen den großen Kriegen bis zur Vernichtung der Juden im Osten. Im Mittelpunkt steht die Geschichte der rumänischen Jüdin Beila, deren Mann von rumänischen Judenhassern erschlagen wird. Sie bringt nach dieser Katastrophe von einem anderen Mann ein uneheliches Kind zur Welt, ein Blumenkind eben, und wird Opfer von Vergewaltigungen, die in der patriarchalischen, bäuerlichen Welt für allein lebende Frauen zum Schicksal gehören: Eine junge Frau ohne Mann gehört niemandem oder manchmal auch allen. Am Ende einer langen Odyssee mit ihrem Kind durch die Wirren des Krieges und am Ende eines langen einsamen Leidensweges wird Beila durch einen schrecklichen Zufall von ungarischen Faschisten ermordet. Ihr Kind Maria, das dem Horror der ethnischen Säuberungen nach Westen ins Nachkriegsdeutschland und in die USA entkommt, wird durch einen weiteren schrecklichen Zufall bei einem späteren Besuch in Rumänien Akteurin und Opfer zugleich in einer ödipalen Tragödie, die tödlich endet. Diese Geschichte soll hier nicht erzählt werden. Sie wirkt konstruiert, so wie die uralte griechische Tragödie des Königsohns, der mit seiner Mutter schläft, konstruiert wirkt, und das kann man diesem Roman sicher vorwerfen. Kritisieren kann man auch, dass Stephani sehr freigiebig mit den Kenntnissen des gelernten Ethnologen umgeht und viele Märchenfiguren, Geister und Dämonen aus der Volkskunde einführt. Aber man ist froh, den Prikulitsch, den Werwolf, und die Pădureanca, die Waldmutter, kennengelernt zu haben. Dieses Buch enthält eine der traurigsten und trostlosesten Erzählungen der letzten Zeit und doch gibt es Passagen des Glücks im Erfahren der körperlichen Liebe, der Zuneigung und des Geborgenseins. Sie erzählen von jener Zeit als Beila, auf ihrer Flucht zur Ruhe gekommen, in zeitweiliger Sicherheit bei den Zipser Deutschen in Nordsiebenbürgen lebt. Ohne Angst, anders sein zu können, das erfährt die Gehetzte und Ausgestoßene nur bei den Angehörigen dieser Minderheit. Nach der Lektüre dieses Romans schaut man, das mögen Tierfreunde beklagen, Wölfe anders an, es könnten getarnte Menschen, also sehr gefährliche Tiere sein, und wer will ausschließen, dass der Rabbi Mendel noch ein andermal Recht behält und seine Prophezeiung nicht nur für diese schreckliche Epoche gilt: dass das Gesicht des Zeitalters bald dem Gesicht eines Wolfes gleichen wird, und die Wahrheit wird vermisst werden. Claus Stephani: Blumenkind. Roman. SchirmerGraf. 19,80

3 Lesezeit 16 Herbst 2009 Das Bröckeln der Fassaden Peter Henning Andreas Maier Von Markus Bundi Johanna Jansen ist 78 Jahre alt, und sie hat sich entschieden, das Haus zu verlassen und in ein Altersheim überzusiedeln. Noch einmal soll die Familie bei ihr in Hanau zusammenfinden, denn sie will die Neuigkeit nicht jedem einzeln am Telefon mitteilen. Das scheinen nicht gerade spektakuläre Aussichten zu sein für einen Roman, der beinahe fünfhundert Seiten umfasst. Doch Schriftsteller Peter Henning hat die Zeichen in seinem Roman Die Ängstlichen von Anfang an auf Sturm gesetzt. Zum einen gehen sintflutartige Regenfälle über Taunus und Rhön nieder, zum andern ist Janek, Johannas Lebenspartner, verschwunden. Janek hat sich verzockt, hat Spielschulden in Höhe von Euro, wovon allerdings wiederum nur Benjamin, Johannas Enkel weiß. Zu den Hauptfiguren gehören auch die Kinder Johannas: Helmut, Benjamins Vater, der aber nie in der Lage war, sich um seinen Sohn zu kümmern; Ulrike, die mit Rainer verheiratet ist und von diesem bei jeder sich bietenden Gelegenheit betrogen wird; und der psychisch kranke Konrad, dessen Leben sich hauptsächlich in Kliniken abspielt. Es sind die Archetypen des 21. Jahrhunderts, die Henning nicht nur skizziert, sondern präzise beschreibt, in ihren oft zwanghaften Handlungen schildert, wie sie sich alle zumindest in der eigenen Wahrnehmung mehr oder minder vom Leben betrogen fühlen, einem Ideal nachjagen, das doch nie einzuholen sein wird. Keiner, und das dürfte der Kern von Hennings berührendem Familienroman sein, hat sich je seiner Angst gestellt, geschweige denn diese zu überwinden versucht. Den Weg, wie ihn schon Sören Kierkegaard, der erste große Experte in Sachen Angst, Mitte des 19. Jahrhunderts vorzeichnete, will von der Familie Jansen niemand auf sich nehmen: Man findet den Begriff Angst kaum jemals in der Psychologie behandelt, ich muss deshalb darauf aufmerksam machen, dass er gänzlich verschieden ist von Furcht und ähnlichen Begriffen, die sich auf etwas Bestimmtes beziehen, während Angst die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit für die Möglichkeit ist, so einst Kirkegaard. Das klingt zwar nicht nur philosophisch, sondern auch einigermaßen abstrakt, sagt aber doch nichts anderes aus, als dass nur im ernsthaften Umgang mit der eigenen Angst so etwas wie Freiheit überhaupt zu erlangen ist, und das wiederum heißt: Es eröffnen sich in der Auseinandersetzung mit sich selbst echte Möglichkeiten als Alternativen zum ansonsten zwanghaften Verhalten. Die Jansens aber haben andere Strategien entwickelt, sie pflegen die Ignoranz Es sind die Archetypen des 21. Jahrhunderts, die Henning nicht nur skizziert, sondern präzise beschreibt. oder üben sich im Verdrängen und sie flüchten sich in die je eigene Sucht: Sei es das Spiel, sei es der Alkohol oder seien es Tabletten. Wahlweise betrügen sie sich selbst oder instrumentalisieren andere, denn eines gilt es immer aufrecht zu erhalten: die eigene Fassade. Hennings Roman ist so inszeniert, dass die jeweilige Hauptfigur mit jedem Kapitel wechselt: Wir sind bei Helmut, als dieser Blut im Urin entdeckt und über sich selbst das Todesurteil verhängt; wir erfahren von Benjamins Panikattacken und auch, wie er seine neue Freundin darum bittet, die Euro für Janek zu beschaffen; wir erleben Rainers Flucht vor Ulrike, als sein Lügengebäude endgültig einzustürzen droht; und wir sind bei Konrad, als dieser seine Medikamente absetzt und eine weitere Flucht aus der Klinik plant. Die Raffinesse bei dieser Konstruktion wird immer dann deutlich, wenn Henning Eigenund Fremdwahrnehmung aufeinanderprallen lässt, zum Beispiel in einem Rainer-Kapitel zur Sprache kommt, was der Schwiegersohn über Johanna denkt, dass diese nämlich eine unersättliche Tyrannin sei, die es blendend verstand, ihre Selbstsucht als Altruismus (für Rainer die gefräßigste Form von Egoismus) zu tarnen und andere für sich einzuspannen, indem sie geschickt mit deren Schuldgefühlen operierte und sie somit geschickt an sich band. Wechselweise erweist sich der eine als brillanter Analytiker des andern, und bleibt doch, was den eigenen Seelenhaushalt betrifft, ein verblendeter Klotz, der sich nicht traut, Schwäche zu zeigen ein Gefangener seiner selbst mit all den inwendig brodelnden Ängsten. Geht es um die Familie als Ganzes, so bringt Helmut ihre Wesensart auf den Punkt: Im Fall der Jansens hatte einer dem andern bloß mehr oder weniger tatenlos beim Untergang zugesehen. Obwohl es sich bei den Protagonisten in Peter Hennings Roman nicht gerade um Sympathieträger handelt, die einzelnen Figuren vielmehr zwischen Selbstmitleid und Größenwahn hin und her pendeln, in ihrer Egozentrik vereinsamen oder zum Amoklauf ansetzen, so verrät der 50-jährige Schriftsteller dennoch keine, zeichnet vielmehr jeden Charakter mit großer Empathie und erweckt so ein Familiengefüge zum Leben, das als solches eben kein Spezialfall ist, sondern sich so oder so ähnlich in unserer Gesellschaft in jedem zweiten Haus findet. Das Bröckeln der Fassaden ist allgegenwärtig, und dass jenes Familientreffen in Hanau, auf das der Roman wie auch seine von Angst zerfressenen Figuren zusteuern, nicht ein Happy End sein wird, ahnt der Leser schon früh. Kein Stoff für Hollywood also, dafür ein großer Roman. Peter Henning: Die Ängstlichen. Roman. Aufbau Verlag. 22,95 Bekenntnis Von Michael Schwarz Ich bin ein Andreas-Maier-Leser! Sie wissen nicht, wen ich meine? Sie erin-nern sich nicht an Wäldchestag, seinen ersten Roman, der nur im Konjunktiv geschrieben ist? Sind Sie denn überhaupt Kunde der Buchhandlung Schwarz? Ich nerve Sie doch schon seit Eröffnung mit diesem Autor. Vier Mal war Andreas Maier bereits Gast der Buchhandlung. Zuletzt im Januar. Da hat er aus seinem Roman Sanssouci gelesen. Nein? Sie waren nicht bei der Lesung und kennen das Buch auch nicht? Ich soll Ihnen kurz erzählen, um was es da geht? Mmh! Stellen Sie sich Sanssouci als eine literarische Folge der Lindenstraße vor, und die Folge selbst ist wieder eine Folge... Der Roman könnte also endlos weitergehen. Schauplatz ist natürlich nicht München, sondern Potsdam und alle Stadtbewohner ein Michael Schwarz tritt auch auf dürfen mitspielen und vor allem mitreden. Das führt zu einem unendlichen Stimmengewirr und keiner versteht das, was der andere sagt. Dort schrien die einen dies, die anderen das; denn in der Versammlung herrschte ein großes Durcheinander, und die meisten wußten gar nicht, weshalb man überhaupt zusammen gekommen war. P.S.: Ich kann Sie trösten. Andreas Maier wird, wie er selbst angekündigt hat, nur noch ein letztes Buch schreiben. Er wird dieses Buch beginnen und einfach nie mehr aufhören damit, bis an sein Lebensende. Daraus wird er dann auch wieder in der Buchhandlung Schwarz lesen. Andreas Maier: Sanssouci. Roman. Suhrkamp Verlag. 19,80

4 6 Lesezeit 16 Herbst 2009 Urs Widmer Ungebrochene Fabulierund Lebenslust Der Schuppen der Utopie Jochen Schimmang Von Markus Bundi Er ist ein Meister des Surrealen, keine Groteske ist ihm fremd, und er hat sich eine Leichtigkeit im Erzählen bewahrt, die immer wieder zu faszinieren vermag. Kurz: Der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer, mittlerweile 71-jährig, ist längst mit allen Wassern gewaschen und weiß doch stets, neue Quellen zu erschließen. In seinem neuen Roman Herr Adamson stößt Widmer kurzerhand das Tor zur Totenwelt auf, bewegt sich sowohl im Jahr 1946 wie auch 2032, spricht zuweilen griechisch oder unterhält sich mit einem toten Häuptling der Navajos in dessen Sprache. Er? Also sein Ich-Erzähler, Widmers nächster Verwandter. Er ist Rasender Hirsch oder Never Mind, einmal stellt er sich auch als Horst vor und er feiert gerade in Basel, inzwischen stolzer Urgroßvater der Zwillinge Bimbo und Bembo, seinen 94. Geburtstag. Ein guter Zeitpunkt, das eigene Leben in einem guten Anzug mit Feder im spärlichen Haar und Mammutknochen in der Hand Revue passieren zu lassen. Genau das tut dieser Ich-Erzähler am Folgetag, und zwar in jenem fremden Garten, wo er zum ersten Mal Herrn Adamson begegnet ist. Knut Adamson ist nämlich sein Vorgänger. Das heißt: Der Mann ist exakt in jenem Augenblick gestorben, als der Ich-Erzähler (und Widmer selbst) am 21. Mai 1938 geboren wurde. Nur deswegen konnte der achtjährige Junge damals den alten Mann im Garten sehen. Und, so lautet die nächste Regel, Adamson wird der Begleiter des Ich-Erzählers sein, wenn dessen letzte Stunde schlägt. Nicht ganz zufällig kommt der Ich-Erzähler auch einmal auf Scheherazade zu sprechen, die über Tausendundeine Nacht erzählend ihr Leben zu retten versucht. Doch was im Märchen gelingt, schließt der Ich-Erzähler im Jahr 2032 aus, denn seine Geschichte ist keine Erzählung aus dem Morgenland und kann mich also nicht retten. Gleichwohl schafft Widmer einen neuen Mythos, erklärt sich und den Lesern Werden und Vergehen, stemmt sich so mit aller Fabuliermacht jener menschlichen Urangst entgegen, dass nach dem Tod womöglich nichts sein könnte. Wer sich damit abgefunden hat, dass unsere Welt den physikalischen Gesetzen gehorcht und also kausal geschlossen ist, der ist bei Widmer an der falschen Adresse, denn dieser Schriftsteller schreibt mit aller Wucht aller Wahrscheinlichkeit entgegen. Widmer- Kennern hingegen sei versichert: Herr Adamson erweist sich als mindestens so verrückt wie beispielsweise Der Kongreß der Paläolepidopterologen (1989) und als genauso poetisch wie Der blaue Siphon (1992). Das ist mitnichten nur immer lustig. Was Widmer verhandelt, ist die menschliche Tragödie schlechthin, meint den Tod, der alle früher oder später ereilt, und mit ihm das schlechte Gewissen, das schon die Söhne Adams plagte, sprich Versäumtes nicht mehr ausbessern zu können. So pendelt auch der Ich-Erzähler zwischen Fremdbestimmung und Verwirklichung des eigenen Willens hin und her und erlebt die spektakulärsten Abenteuer aufgrund von Unerledigtem seines Vorgängers. Obschon das in die Sphären des Kitsches abgedriftet scheint: Der Ich-Erzähler erfährt, welche Kraft die Liebe in sich birgt, einerseits gegen den Tod, für die Seinen andererseits. Nietzsche sprach einst von amor fati, von der Schicksalsliebe, als der einzigen sinnvollen Lebensform, und dieser spricht auch Widmers Herr Adamson das Wort. Ein Roman, der sich auch nur als unterhaltsames Abenteuer lesen lässt, der aber zugleich philosophische Tiefen auslotet für all jene, die nach jenem Text suchen, der nicht geschrieben steht. Und wäre es tatsächlich nur ein Spiel, so müsste auf der Verpackung stehen: Für wache Mitspielerinnen und Mitspieler zwischen 8 und 94 Jahren. Urs Widmer: Herr Adamson. Roman. Diogenes Verlag. 18,90 Von Felix Gollinger Ein Wochenendhaus am Silvesterabend Die Mauer ist gefallen, die deutsche Einheit noch nicht vollzogen. Gregor Korff, Berater eines hochrangigen Politikers, verfolgt misstrauisch die Neujahrsansprache des Kanzlers im Fernsehen, im Wissen, dass die Bonner Republik, seine Republik, Vergangenheit ist. Dies ist die Ausgangssituation des neuen, bemerkenswerten Romans von Jochen Schimmang. Das Beste, was wir hatten hat er ihn betitelt, und er erweist sich denn auch als eine Erinnerungsschrift. Gregor Korff ist ein Protagonist der 68er-Bewegung, er flieht die norddeutsche Provinz, um im Berlin der Studentenbewegung ein Politikstudium zu absolvieren, liebäugelt mit dem Maoismus und schließt sich verschiedenen K-Gruppen an. Nach zwei Jahren ist der Spuk linker Politisierung vorbei. Gregor sagt sich los und nimmt nach einigen Jahren der Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten das Angebot einer Referententätigkeit eines einflussreichen CDU-Politikers an. So idealtypisch dieser Marsch durch die Institutionen auch konstruiert sein mag, Gregor treibt Wir sind Ironiker. Wir begnügen uns damit, alles zu durchschauen und spöttisch den Mund zu verziehen. ihn nicht voran, Entscheidungen fallen ihm eher zu, wie das meiste in seinem Leben. Das Provisorium der Bonner Republik entspricht seiner zaudernden Natur, die sich nicht festlegen mag, sich auch nicht mit politischen Verhältnissen identifizieren kann. Wir sind Ironiker. Wir begnügen uns damit, alles zu durchschauen und spöttisch den Mund zu verziehen. Dieses ironische Verhältnis zum Leben wird im Roman in den Jugenderinnerungen Gregors aufgehoben, stellvertretend im Bild des abgelegenen Schuppens am Waldrand, den die herumstreunenden Jungen eines Tages entdecken und in Besitz nehmen. Hier wird Beckett rezitiert, heimlich die eine oder andere Zigarette geraucht und so manches Mädchen überredet. Das war doch das Beste, was wir je gehabt haben!, so lautet das Resümee dieser von Rückzug und Isolation geprägten Zeit. Gregors Weg vom Privaten über den Umweg der Opposition mitten ins Zentrum der politischen Macht findet da ein Ende, wo die neue Berliner Republik sich zum Ziel der Geschichte erklärt. Dieses Pathos ist ihm, der historische Prozesse als Übergänge begreift, fremd, und als Sonja, seine große Liebe, als Stasi-Spitzel enttarnt wird, ist er in seiner beruflichen Position nicht mehr zu halten. Zudem wird ein ehemaliger Gesinnungsgenosse in Vorbereitung eines Anschlags auf ein deutsch-patrio- tisches Denkmal festgenommen und verurteilt. Gregor und seine gleichgesinnten Freunde, inzwischen Staatsschützer und Juristen, sind sich einig: Es muss gehandelt werden. Was nun beginnt, ist ein politisches Possenspiel, eine Rebellion, die zu spät kommt. Schimmangs Roman lässt sich als Studie der 68er-Generation lesen, er spürt ihren Beweggründen nach und begleitet sie auf ihrem bisweilen auch grotesken Weg in die deutsche Gesellschaft. Melancholisch, humorvoll und in einer wohltuend sachlichen Sprache. Der Schluss des Romans bleibt offen und hält doch an einem utopischen Gedanken fest: Jede geschichtliche Epoche birgt ihr kritisches Potential schon in sich. Jochen Schimmang: Das Beste, was wir hatten. Roman. Edition Nautilus. 19,90 lesung Jochen Schimmang ist Gast der Buchhandlung jos fritz am 25. November, 20 Uhr.

5 9 Lesezeit 16 Herbst 2009 In der Wunderkammer David Foster Wallace Von Heiko Fischer Als sich David Foster Wallace im September letzten Jahres das Leben nahm, um der Qual seiner schweren Depressionen ein Ende zu machen, war ich persönlich getroffen. DFW war für mich ein Autor gewesen, den man nicht nur liest, sondern entdeckt. Ich wurde nicht müde, die schillernden, aber durchaus sperrigen Texte weiterzuempfehlen. Doch der einzige Freund, bei dem ich den Eindruck hatte, dass er (selber Autor) die Texte mit der gebotenen Aufmerksamkeit gelesen hatte, reagierte mit prompter und unverhohlener Ablehnung. Als ich zur Verteidigung DFWs Talent ins Feld führte, das man ja wohl nicht leugnen könne, erwiderte Jason: Yes, but it s nothing BUT a display of talent. Ein interessanter Einwand, an den ich noch öfter bei der Lektüre denken musste. Das Werk, das DFW hinterlässt, ist mit zwei Romanen, drei Kurzgeschichtensammlungen und ein paar Dutzend Essays und Reportagen durchaus überschaubar. Trotzdem ist es gehaltvoll genug, um ihm einen Platz unter den wichtigsten amerikanischen Schriftstellern seiner Generation zu sichern. Wenn man ihn hierzulande dem literarischen Underground zurechnet, wie es immer wieder getan wird, mag das daran liegen, dass die Stimme des Autors hinter der Bandbreite verwendeter Stilmittel und literarischer Haltungen zu verschwinden scheint. Doch in DFWs postmoderner Wunderkammer werden jene menschlichen Grunderfahrungen verhandelt, denen sich die Literatur schon immer gewidmet hat Einsamkeit, Spiritualität, Liebe, Tod. Sein Werk hat damit vielleicht mehr mit den klassischen Autoren gemein als mit der Avantgarde, die sich die Erforschung formaler Grenzen zur Aufgabe gemacht hatte. DFWs Stilmittel entsprechen lediglich der zeitgenössischen Wirklichkeitserfahrung und sind am ehesten geeignet, diese abzubilden. Nach sechs Jahren Ü b e r s e t z u n g s a r - beit erscheint nun DFWs Opus Magnum auf Deutsch, was seiner Rezeption im deutschsprachigen Raum neue Impulse geben dürfte. Unendlicher Spaß bringt es auf Seiten und der Auftritt der weißen, ziegelsteinähnlichen Ausgabe wurde schon im Vorfeld von Verlag und Feuilleton entsprechend vorbereitet. So erschien schon vor Monaten ein (übrigens sehr lesenswerter) Band mit Bonusmaterial, in dem nicht nur der Übersetzer Ulrich Blumenbach zu Wort kommt und exemplarisch übersetzerische Probleme und Lösungen schildert, sondern Betritt man den Roman, stösst man auf einen ÜBERWÄLTIGENDEN sprachlichen Reichtum und eine glasklare, schneidende Intelligenz. unter anderem auch Jonathan Franzen, den eine enge Freundschaft mit Wallace verband. Nun ist es also da, das Buch, auf das wahrscheinlich auch jene Nicht-Muttersprachler gewartet haben, die es gewohnt sind, amerikanische Romane im Original zu lesen. Denn die Fülle an Fachsprachen, Expeditionen in sprachliche Hinterländer, Subkulturen und Erzählhaltungen, dürfte auch die Sprachkenntnisse versierter Amerikanisten auf die Probe stellen. (Ulrich Blumenbach dankt in einem Nachwort einem ganzen Stab von Übersetzerkollegen, die einzelne Fachbereiche bearbeitet haben.) Doch um mit der Beschreibung dieses monströsen Gestaltwandlers eines Romans irgendwo anzusetzen, hier ein paar Worte zur Handlung. Die Handlungsstränge des Romans verlaufen in einer nahen Zukunft durch ein nordamerikanisches Staatengefüge namens O.N.A.N. Zwei weitere wichtige topographische Pole sind einerseits eine Elite-Akademie für zukünftige Tennisprofis, andererseits eine Drogenentzugsklinik in unmittelbarer Nachbarschaft (autobiografische Elemente DFWs, der eine Erfolg verheißende Karriere als Profi-Tennisspieler zu Gunsten des Schreibens aufgab). Titelgebend für den Roman ist jedoch ein gleichnamiger Film, den Quebecer Separatisten in ihren Besitz bekommen wollen. Unendlicher Spaß stellt die ultimative Form der Unterhaltung dar und jeder, der den Film anfängt anzusehen, stellt das Wiedergabegerät unweigerlich auf Wiederholung und vergisst über dem seligen Konsum des glücklich machenden Clips alle körperlichen Bedürfnisse, was schließlich und unweigerlich zum Tod führt. Die Quebecer Terrorzelle plant den Film ins nationale Fernsehnetz einzuspeisen, um so der verhassten Staatsmacht den Todesstoß zu versetzen. Darüber hinaus gibt es noch ein Heer von Nebenfiguren und Handlungsverläufen, die zum Teil schnell wieder verschwinden, nachdem sie eingeführt wurden, beziehungsweise abrupt abbrechen. Diese Mischung aus Tennis, Terror, Drogen und Unterhaltung mag etwas krude erscheinen und die Frage aufwerfen, warum man sich dieses monströse Buch antun sollte. Doch sind die oben aufgeführten Koordinaten nicht mehr als Eckdaten und man sollte die Landkarte nicht mit der Landschaft verwechseln. Betritt man nämlich den Roman und lässt sich auf DFWs Sprach- und Ge- Das atemberaubende Werk von David Foster Wallace sei jedem ans Herz gelegt, der sich für die Möglichkeiten zeitgenössischer Literatur interessiert. dankenwelten ein, stößt man auf einen überwältigenden sprachlichen Reichtum und eine glasklare, schneidende Intelligenz. Außerdem gibt es diese großartigen satirischen Passagen, die DFWs Ruf als einen der wichtigsten zeitgenössischen Satiriker begründet haben. Vor dem Horizont einzelner Kapitel ist der Roman auch durchaus leicht und unterhaltend zu lesen. Es empfiehlt sich also, sich bei der Lektüre mit dem jeweiligen Berg zu beschäftigen und das Gebirge erstmal zu vergessen. DFW liebt es zweifellos, sein Können vorzuführen. Der Roman erscheint in dieser Hinsicht tatsächlich wie eine Bühne, auf der allerhand atemberaubende Kunststücke aufgeführt werden. Doch die kühle Ironie, mit der DFW seine Fähigkeiten präsentiert, sollte nie darüber hinwegtäuschen, wie ernst und zutiefst moralisch seine eigentlichen Anliegen sind. Es geht in Unendlicher Spaß vor allem um die Besessenheit von Erfolg und darum, jedes erdenkliche Potenzial aufzuspüren und zu verwirklichen. Die großen Sedative, die diesen Verwundungen gegenübergestellt sind, sind einerseits pharmakologischer, andererseits kultureller Natur, aber eine geradezu zwingende Konsequenz in der Welt, die DFW zeichnet. Das atemberaubende Werk von David Foster Wallace sei jedem ans Herz gelegt, der sich für die Möglichkeiten zeitgenössischer Literatur interessiert. Denn Neuentdeckungen, wie Schreiben (auch) verstanden und ausgeführt werden kann, gibt es gerade in Unendlicher Spaß jede Menge zu machen. Und auch wenn man der unterkühlten Präsentation des Autors der eigenen Fertigkeiten eher reserviert gegenüberstehen mag, so lohnt es sich, das eine oder andere Kunststück aufmerksam zu verfolgen. Es könnte nämlich sein, dass es sich als grandioser Witz entpuppt. David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. Roman. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Kiepenheuer & Witsch. 39,95 lesung Ulrich Blumenbach stellt seine Übersetzung am 23. Oktober um 20 Uhr im Alten Wiehrebahnhof, Urachstr. 40, vor.

6 10 11 Lesezeit 16 Herbst 2009 Das perfekte Nachttischbuch Antonio Fian Höher hinauf geht's nicht mehr Wolf Haas Von Markus Bundi Ein Torhüter verliert bei einer mirakulösen Parade die Unterhose (nicht aber die Trikothose), Schriftsteller Robert Menasse ist Bundespräsident von Österreich geworden und ein Kind tötet mit einem großen Amethyst einen jungen Delphin im Aquarium. Wer das Tor zur Traumwelt aufstößt, betritt ein Spielfeld, auf dem so ziemlich alles möglich ist, ein Terrain also, das jedem Schriftsteller liegen müsste, auf dem er sich endlich einmal nach Lust und Laune austoben und der Fantasie freien Lauf lassen kann. Dennoch ist das Nacherzählen von Träumen bis heute nicht das vorzügliche Metier der Schriftsteller. Wohl weniger, weil sich deswegen der Autor gleich in der Psychoanalyse wähnte, sondern vielmehr, weil ein grenzenloser Raum das Schreiben von Geschichten nachgerade erschwert im sich gegenseitigen Überbieten des Surrealen. Gleichförmigkeit, gar Langeweile droht denn wo alles verrückt ist, ist alles auch schon wieder normal. Was das Erzählen von Geschichten im Kern ausmacht, nämlich das Anschreiben gegen Grenzen jedweder Art, wird in der Traumwelt auf eine harte Probe gestellt. Antonio Fian ist sich dieser Schwierigkeiten fraglos bewusst, ist diesen nun aber nicht ausgewichen, sondern legt mit seinem Band Im Schlaf über sechzig Traumgeschichten vor, kurze und kürzeste Erzählungen, die nie nur lustig sind, die vielmehr durch ihre Doppelbödigkeit überzeugen. Das Groteske ist dem 53-jährigen Schriftsteller nie Mittel zum Zweck, die Überzeichnungen oder Verzerrungen sind mit Bedacht und zuweilen unmerklich angesetzt. Und ist das Absurde schlagartig gegeben, so erzählt Fian mit einer lakonischen Nüchternheit, einer Selbstverständlichkeit, dass dem Leser der Atem stockt. Insbesondere wenn es um Leben und Tod geht, was in diesen Traumgeschichten keine Seltenheit ist. Da leistet eine Frau nach einem Verkehrsunfall erste Hilfe, versucht einen Teil des Kotflügels, der sich durch den Leib des Fahrers gebohrt hat, wieder herauszuziehen, und obwohl die Widerhakeln ja, die Widerhaken bei jedem Versuch tiefer in die Genitalien des Opfers getrieben werden, wird die Frau in ihrem Tun vom Gepeinigten noch angefeuert. Weniger schmerzhaft, doch ebenso grotesk das Auftreten von Elfriede Jelinek in einem anderen Traum. Sie gewährt dem Ich-Erzähler großzügig einen Wunsch. Dieser wünscht sich sodann die Nobelpreisträgerin nackt, worauf die Jelinek ohne Zögern zum Striptease ansetzt. Freilich verfügt Fian über genügend Raffinesse, auch dieser Geschichte noch einen ganz andern Dreh zu geben. Und wenn es nicht mehr auszuhalten ist, dann drückt der Ich-Erzähler im Aufzug aufs E, fürs Erdgeschoss oder eben: fürs Erwachen. Und auch wenn das nun widersprüchlich klingen mag: Fians neuer Band Im Schlaf ist auch das perfekte Nachttischbuch, für angeregte Träume nach der Lektüre auch wenn Schriftsteller und Verlag dafür wohl jede Haftung ablehnen. Antonio Fian: Im Schlaf. Erzählungen nach Träumen. Droschl Verlag. 16,00 Neugier L e s e p r o b e : Wie es dazu gekommen war, weiß ich nicht, aber ich war mit Peter Handke in einem Doppelzimmer einquartiert. Ich wagte nicht, ihn anzusprechen, und er beachtete mich nicht, sondern schrieb immerzu in ein Notizheft. Ich wollte gern sehen, was, vor allem wie er notierte, und umschlich ihn, immer näher kommend, so auffällig, dass ich selbst verwundert war, dass er nichts bemerkte oder, falls er etwas bemerkte, nicht reagierte. Einmal gelang es mir, Einblick zu nehmen: Zwischen wenige, in unleserlicher Schrift geschriebene Sätze zeichnete er Schiffe. Von Markus Orths Jetzt war er also angekommen. Beim lieben Gott. Nicht der Brenner, sondern der sonder- und wunderbare Erzähler, der sämtliche Brenner-Kriminalromane mit seiner Lakonie und seinem Witz rein vom ding her so schelmisch und pointiert und ganz nebenbei hinschnoddert. War also gestorben am Schluss des letzten Brenner-Romans mit dem Titel Das ewige Leben. Man hat also gedacht: Stille. Aber pass auf : Er ist wieder da. Konnte nur schlecht den Standard- Ersten-Satz, also den in jedem der fünf Brenner-Fortsetzungen identischen ersten Satz Jetzt ist schon wieder was passiert anbringen, sondern muss sein Wiederauftauchen aus dem Reich der Toten erst mal erklären: Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen. Der Brenner, anfangs heißt er noch Herr Simon, nach seinem Vornamen, hat einen neuen Job als Chauffeur des Baulöwen Kressdorf. Der hat gerade einen Mordsauftrag: Das Riesenland. Seine Frau ist Chefin einer Abtreibungsklinik. Und Brenners Aufgabe als Chauffeur besteht hauptsächlich darin, deren zweijährige Tochter Helena herumzukutschieren: Die junge Gattin in Wien, der KREBA-Firmensitz in München, dann ein zweijähriges Kind, treffen sie sich am einfachsten in der Mitte, sprich Kitzbühel. Weil in Kitzbühel natürlich die Geschäfte, die Kontakte, ja was glaubst du. Der Brenner kann sich nun beim Tanken nicht für eine Tafel Schokolade entscheiden, die er der kleinen Helena mitbringen will, er kommt zurück zum abgeschlossen geglaubten Wagen, Helena ist verschwunden, sprich entführt. Verdächtige gibt es genug. Die Proleben- Gegner der Abtreibungsklinik, Banker, der Obersenatsrat, alle, die irgendwas mit dem Riesenbauauftrag zu tun haben. Und am Schluss, also nach ein paar Tagen, zählt man sage und schreibe sieben Tote. Sicher, wie jeder Krimi ist das gnadenlos konstruiert. Aber warum es nicht konstruiert wirkt, liegt einzig und allein an der Erzählerstimme. Wolf Haas gelingt das große Kunststück, die Krimihandlung nebenbei erzählen zu lassen. Man hat das Gefühl, in einer Kneipe zu sitzen und dem Erzähler, der einen ständig anspricht, zuzuhören. Imaginierte Mündlichkeit des Erzählens: ein alter Trick, beispielsweise in The Web of Earth von Thomas Wolfe, wo eine alte Frau während einer Zugfahrt ihrem Enkel eine Geschichte erzählt bzw. erzählen will und immer wieder vom Hundertsten aufs Tausendste kommt. Bei Haas ist es ein wenig anders. Hier deutet der Erzähler oft die Dinge nur an, umkreist sie, beginnt mit dem Ergebnis dessen, was geschehen ist, ehe das, was zu diesem Ergebnis geführt hat, Scheibchen für Scheibchen nachgereicht wird. Es ist dieser Gestus des Nebenbei, dieses Lakonische, was aus den Brenner-Krimis Literatur macht; es ist der Humor, der den gesamten Text trägt ( Im alkoholfreien Bier ist ja auch ein kleines bisschen Alkohol, und es heißt, wenn man sechsunddreißig trinkt, Vollrausch. ); es sind die scheinbaren, im Grunde irre komischen Weisheiten, die der Erzähler von sich gibt ( Aber wenn du als Chauffeur ohne Auto im Regen stehst, ist das natürlich subjektiv der Moment, wo du begreifst, dass du eine Krise hast. ); es ist der Duktus der Mündlichkeit und dieses geschickte Ineinanderverweben von Handlung und Handlungsfetzen, von Betrachtungen und Kommentaren und Leseransprachen. Und die Szene, in welcher der Brenner endlich dem lieben Gott begegnet, ist grandios, so viel sei verraten. Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott. Roman. Hoffmann und Campe. 18,99

7 12 13 Lesezeit 16 Herbst 2009 Rainer In Schwindel Malkowski erregender Kürze Angelika Overath Messias der Meere Von Walle Sayer Rainer Malkowski, 1939 in Berlin geboren, wäre in diesem Jahr siebzig geworden. Er arbeitete anfangs etliche Jahre für Werbeagenturen und war von 1968 bis 1971 Geschäftsführer und Teilhaber der damals größten der BRD. Seit 1972 lebte er als freier Autor und schrieb seit seinem Debüt 1975, Was für ein Morgen, fast ausschließlich Gedichte. Das Einfache ist nur der unverstellte Zugang zum Komplexen. Zeitweilig vom Erblinden bedroht, ist er 2003 nach längerer Krankheit in Brannenburg am Inn gestorben. Postum erschienen 2004 im Hanser Verlag unter dem Titel Die Herkunft der Uhr seine letzten Gedichte, die er noch zum großen Teil selbst zusammenstellen konnte, oder die, in gesprochener Form, als Texte vom letzten Band festgehalten wurden. In seinem Nachruf formulierte der Karlsruher Dichterfreund Walter Helmut Fritz: Die zurückhaltenden, alles Plakative meidenden Gedichte Rainer Malkowskis überzeugen durch ihre Skepsis, ihre Illusionslosigkeit, ihr Formbewusstsein. Sie zielen auf Erkenntnis durch Vergegenwärtigung von Augenblicken intensiver Wahrnehmung. Rhetorik ist ihnen fremd. In einfachen Versen sprechen sie von komplexen Zusammenhängen. Für Rainer Malkowski selbst waren Gedichte unter anderem jene Art von Genauigkeit, die die Ungenauigkeit, mit und in der wir leben, bewußt macht. Die Poesie fing für ihn dort an, wo sich das Substanzielle vom bloß Interessanten unterscheidet, die Wahrnehmung als Ereignis stattfindet. Wenn Gedichte glücken, erzählen sie, laut ihm, in Schwindel erregender Kürze eine unendliche Geschichte. Die schönste Definition des Einfachen, die ich kenne, stammt von ihm: Das Einfache, sagt er, sei nur der unverstellte Zugang zum Komplexen. Und mit diesem Anspruch, aus diesem Blickwinkel, aus dieser Haltung heraus, schrieb er seine Gedichte, die sich am Stoff entzünden, in denen kein Wort zu viel gesagt wird, nichts Überflüssiges, nichts Banales steht, in denen die Verse immer durch das eigene Leben gedeckt sind. Gedichte, deren Dinghaftigkeit äußerste Verdichtung voraussetzt, und in denen für ihn kaum zu unterscheiden ist, ob genaues Sehen noch bloßes Sehen ist oder schon ein Gedanke. Und da über ein Gedicht zu reden immer schwächer ist als das Gedicht selbst, soll der Dichter, soll das Gedicht zu Wort kommen mit diesen wunderbaren Zeilen die in sich, wie nebenbei, auch eine Art von Poetik mitformulieren: All die nichtssagenden Fotos, in die wir unsere Liebe hineinlesen, unsere Erinnerungen an Augenblicke, die nicht auf dem Bild sind. Ihr Armen, was tut ihr, wenn wir sterben, unter Menschen, dir nur sehen, was ihr zeigt? Reduziert auf das Sichtbare: wer könnte so leben. Rainer Malkowski: Die Herkunft der Uhr. Gedichte. Mit einem Nachwort von Albert von Schirnding. Hanser Verlag. 14,90 Von Gabriele Michel Flughafenfische ist der neue Roman von Angelika Overath überschrieben er könnte ebenso gut Zärtliche Seepferdchen heißen. Der sachliche, auch ein wenig rätselhafte Titel verweist auf den passageren Raum, in dem die Protagonisten über Flugziele und Fluchtorte, Aufbrüche und Abschiede entscheiden. Anmutig und fragil wie die zärtlichen Seepferdchen, die bei dieser Entscheidung keine geringe Rolle spielen, ist auch der sprachliche Gestus, mit dem die Autorin ihren Figuren Leben einhaucht. Vor allen den Dreien, deren Wege sich an einem langen Nachmittag in den fensterlosen Fluchten des Flight Connection Centers kreuzen: Tobias Winter, dem stillen Messias der Meere, der Fotografin Ellis und einem anonymen Geschäftsmann. Tobias Winter lebt nahezu ausschließlich für das riesige Aquarium, das er selbst in diesem Flughafen aufgebaut hat. Er ist ein Sammler von Menschen, Szenen, und instabilen Metamorphosen, ein Schlafloser und Beobachter, der alles über seine Fische weiß und auch, dass es sehr oft die nebensächlichen Dinge (sind), die die großen bestimmen. Tobias Winters kundiger Blick führt den Leser in die komplex organisierte Gemeinschaft der Fische ein, die sich mit ihren Eigentümlichkeiten und Raffinessen als Spiegel des menschlichen Zusammenlebens erweist. Der Krebs war blind, die Grundel hingegen sah gut und konnte drohende Gefahr erkennen. In fragiler Transparenz, ein Hauch von Tier, war sie doch sein Sicherheitssystem, mit ihren langen Fühlern blieb sie in Körperkontakt mit seinem Krustenpanzer, seinen festen Zangen. Unter ihrer Aufmerksamkeit überlebte er und arbeitete für sie, grub Futter aus, bereitete die Höhle neu. Sie haben sich über ihre Schwächen gefunden, dachte Tobias.... Kaum einer von den Reisenden beachtete dieses winzige, glückliche Drama im körnigen Korallensand. Tobias Winter ist ein introvertiert und fantasiebegabt Sehender. Er sieht nicht einfach etwas oder jemanden, er sieht immer Geschichten. Damit bestimmt er den Grundton des Romans. Sein behutsam nachdenklicher Blick verleiht den Figuren Kontur und den Begegnungen in den verzweigten Gängen des Flughafengebäudes jene vitale Bedeutung, die sie im wahren Leben hätten. In schwerelosen, mal assoziativ versponnenen, mal hellsichtig analysierenden Sätzen verdichtet die Autorin die inneren Dramen und Sehnsüchte der Figuren zu eigenwilligen Schicksalen, die einen unmerklich in ihren Bann ziehen. Selbst Tobias, der Einzelgänger, bleibt nicht ewig allein. Auf dem Weg von einem Einsatz zum nächsten strandet Ellis, Fotografin für Hochglanzmagazine, neben seinem Aquarium. Sie bringt die Pracht und Rätselhaftigkeit exotisch fremder Räume mit ins Spiel. Zwischen dem sesshaften Beobachter und der weitgereisten Beobachterin entspinnt sich ein Kontakt, dem Overath fern von Klischees eine feine, traumwandlerische Dynamik verleiht. Verglichen mit Tobias und Ellis, die neugierig und intuitiv sind und für Überraschungen sorgen, ist der Dritte im Bunde ein namenloser Businessclass-Man, der sich im einsamen Whiskeyrausch das Scheitern seiner Ehe in Erinnerung ruft vorherseh- und verzichtbar. Statt seiner mäandernden Wehklage hätte man lieber noch mehr jener feinsinnigen Reflexionen gelesen, in denen Overath sich als inspirierte Essayistin erweist: Exkurse über unterschiedliche Formen von Müdigkeit, den Verzehr von Austern oder das Sterben einer Elefantenkuh. Sie bilden das zweite Zentrum dieses in seiner Ereignislosigkeit verblüffend fesselnden Romans und bewirken durch ihre poetische und sinnliche Schönheit, dass man beim Lesen nicht selten einfach glücklich ist. Angelika Overath: Flughafenfische. Roman. Luchterhand Verlag. 17,95

8 14 15 Lesezeit 16 Herbst 2009 China ein Streifzug Von Mathias Heybrock Bei einer Veranstaltung im Vorfeld der Buchmesse protestierte die chinesische Delegation scharf dagegen, dass entgegen der Absprache auch zwei Dissidenten teilnehmen durften, die Missstände und Menschenrechtsverletzungen ansprechen wollten. Deutsche Medien reagierten einhellig empört: Einmal mehr stellte China also unter Beweis, dass es kritische Stimmen konsequent unterdrückt! Ganz so einfach ist es aber wohl nicht. Als offizielles Mitglied der Delegation war etwa auch der 1955 geborene, international renommierte Schriftsteller Mo Yan angereist, dessen Buch Rotes Kornfeld 1987 von Zhang Yimou verfilmt wurde. Mo Yan ist ein Pseudonym, das ungefähr mit sagt nichts übersetzt werden kann. Von selbst verordneter Sprachlosigkeit freilich ist der Autor weit entfernt, wie auch sein jüngstes Werk Der Überdruss wieder belegt ein 800 Seiten starkes Epos, das die letzten fünfzig Jahre der chinesischen Geschichte anhand der Geschehnisse in einem kleinen ostchinesischen Dorf erzählt (eine Gegend, aus der Mo Yan selbst stammt) sperrt sich dort ein rechtschaffener Bauer gegen die von den Kommunisten angeordnete Kollektivierung des Landes und wird daraufhin vom lokalen Rädelsführer der KP, die ihre Macht gerade erst zu sichern beginnt, kaltblütig erschossen. In den Augen der Partei ist es eine gerechte Tat soll der Reaktionär doch in der Hölle schmoren! Tatsächlich beginnt Mo Yan seinen Bericht mit der detailreichen Schilderung, wie der arme Mann vom Höllenfürsten zwei Jahre gefoltert und zum krönenden Abschluss knusprig frittiert wird. Das setzt den Ton für ein ungezügeltes und durchaus auch etwas ungehobeltes Werk, das der Autor in nur 52 Tagen heruntergeschrieben hat. Eine vergleichbare Sprache ist in der deutschen Gegenwartsl iteratur kaum zu finden. Eher schon in Grimmelshausens barockem Simplicissimus, der in China interessanterweise ein Bestseller ist. Der Überdruss ist ein drastisch gestalteter Schelmenroman, in dem der Bauer nun vom Höllenfürst überraschend das Recht auf eine Wiedergeburt gewährt bekommt allerdings als Esel, wie er bestürzt feststellen muss. Später wird er als Stier, als Zuchteber und schließlich als Affe wiederkehren und die gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzungen seiner Heimat aus diesen Perspektiven erleben. Erst ganz zum Schluss darf er erneut menschliche Gestalt annehmen. Zu diesem Zeitpunkt freilich hat auch das kommunistische China seine Gestalt längst gründlich gewandelt. Eine vergleichbare Sprache ist in der deutschen Gegenwartsliteratur kaum zu finden. Das großartige Buch schildert große, manchmal komplett verrückte Dramen; angerichtet durch menschliche Not, Dummheit oder Gier: den mörderischen Hunger zur Zeit des Großen Sprungs nach Vorn, die systematische Entmenschlichung der Gesellschaft während der Kulturrevolution. Es ist ein magischer und gleichzeitig vollkommen ungeschönter Realismus, der sich auch in einer weiteren Neuerscheinung zur Buchmesse finden lässt: Dem Roman Brüder des 1960 geborenen You Hub, von dem Zhang Yimou (Leben) ebenfalls ein frühes Werk verfilmte. Wie Der Überdruss ist auch Brüder eine groß angelegte Gesellschaftschronik, verfasst in einem fantastischen, verrückten Stil. In einem etwas bescheideneren Rahmen versuchen sich auch jüngere Autoren an solchen Gesellschaftspanoramen. Etwa die 1972 geborene Yiyun Li (ihr A Thousand Years of Good Prayers wurde von Wayne Wang verfilmt), die mit Die Sterblichen eine Geschichte erzählt, die kurz nach der Kulturrevolution ihren Anfang nimmt. Eine junge Frau, einst fanatische Rotgardistin, wird wegen der von ihr begangenen Verbrechen hingerichtet. Doch mit dieser weiteren Gewalttat lässt sich die Vergangenheit nicht sühnen und schon gar nicht bewältigen. Es ist ein eindringliches Buch, doch im Wie»Der Überdruss«ist auch»brüder«eine gross angelegte Gesellschaftschronik, verfasst in einem fantastischen, verrückten Stil. Stil grundverschieden von den Werken der in Peking lebenden Autoren Mo Yan und Yu Hua. Yiyun Li, die seit 1996 in den USA lebt und ihr Buch auf Englisch verfasste, ist durch die amerikanische Creative-Writing-Schule gegangen. Sie schreibt klarer, strukturierter, weniger verrückt und damit vielleicht für uns auch etwas zugänglicher. Gleichzeitig jedoch geht so der typisch chinesische Sound irgendwie verloren. Der findet sich wieder bei I Love Dollars, einer Sammlung von Kurzgeschichten, des 1967 geborenen Zhu Wen. Seine Stories fallen mit der Tür ins Haus, direkt ins Geschehen, das dann in einem lakonischen, manchmal sarkastischen, immer frappierend präzisen Stil vor sich hin mäandert, bis es an ein abruptes Ende kommt: Ein Reisender auf dem Yangtse, der am liebsten allein wäre aber von einem obskuren Objekt nach dem anderen um Ruhe und Schlaf gebracht wird. Ein Fabrikarbeiter, der die kafkaesken Zustände in einem chinesischen Kernkraftwerk schildert. Es sind kurze, gut verdichtete Szenen, denen man anmerkt, dass Zhu Wen auch als Regisseur arbeitet. Wenn die ältere Autoren-Generation die Verfehlungen der Vergangenheit in gewaltige Panoramen einbettet, so künden die nervösen Reflexionen Zhu Wens vom modernen China: Korruption, Umweltverschmutzung, die verheerenden Folgen einer im Schnelldurchlauf vollzogenen Modernisierung. Die Aufgabe der chinesischen Literatur ist es, Missstände und Tabuthemen aufzugreifen, sagte Mo Yan in Frankfurt. Und nicht immer reagiert das offizielle China darauf mit Druck und Zensur. So wurde Yu Hua zwar zunächst dringend nahe gelegt, sein Manuskript Brüder zu entschärfen. Doch als er sich weigerte, konnte das Buch auch so erscheinen und wurde ein Bestseller. Auf der anderen Seite steht der rigide Umgang mit der in Frankfurt anwesenden Dissidentin Dai Quing, die den Drei-Schluchten- Staudamm scharf kritisierte. Die Verhältnisse sind kompliziert und widersprüchlich bis ins Machtzentrum der KP hinein, die keineswegs nur mit einer Stimme spricht. Die reflexartige Empörung westlicher Medien über das diktatorische China wird der Wahrnehmung solcher Wirklichkeiten freilich kaum gerecht. Mo Yan: Der Überdruss. Aus dem Chinesischen von Martina Hasse. Horlemann Verlag. 29,90 Von Mo Yan erschien außerdem soeben: Die Sandelholzstrafe. Aus dem Chinesischen von Karin Betz. Insel Verlag. 29,80 Yu Hua: Brüder. Aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz. Fischer Verlag. 24,95 Yiyun Li: Die Sterblichen. Aus dem Englischen von Anette Grube. Hanser Verlag. 21,50 Zhu Wen: I Love Dollars und andere Geschichten aus China. Aus dem Chinesischen von Frank Meinshausen. A1 Verlag. 19,80

9 16 17 Lesezeit 16 Herbst 2009 Thomas Glavinic Das Leben, das Sterben, der Tod Kurz und bündig Von Martin Gülich Am Anfang steht eine Begegnung. Jonas, 35 Jahre, verheiratet mit Helen, zwei Söhne, verstrickt in eine Affäre mit Marie, trifft im Park auf einen sonderbaren Mann, der nicht nur über sein Liebesleben, sondern auch über alles andere in seinem Leben Bescheid zu wissen scheint. Aber nicht nur das: Der Mann, weiß gekleidet, mit Goldkettchen und Bierfahne, gibt vor, Jonas drei Wünsche erfüllen zu können, und leichte Zweifel machen sich im Leser breit, ob derlei erzählerisch wohl gutgehen mag. Immerhin schließt sich an diese Feen-Sequenz ein gut 300 Seiten starker Roman an, und mit einer solchen Eröffnung kann ein Autor, man glaubt es zu wissen, prächtig auf die Nase fallen. Dieser hier tut es nicht, denn dieser heißt Thomas Glavinic. Ein Autor, dem es schon in der Vergangenheit immer wieder gelungen ist, aus einer ungewöhnlichen, ja gewagten Erzählkonstruktion literarischen Gewinn zu ziehen. So geschehen in seinem Roman Die Arbeit der Nacht, in dem er seinen Protagonisten als letzten Überlebenden durch die Straßen einer materiell unversehrten Welt laufen lässt, so geschehen auch in Der Kameramörder, wo das Glavinicsche Konstrukt in der Sprache selbst liegt, und auch seine selbstironische Vorführung der eigenen Autorenexistenz Das bin doch ich, die es im letzten Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, scheut das Wagnis nicht. Das Leben der Wünsche heißt der nun vorliegende neue Roman von Thomas Glavinic, und was es mit dem sonderbaren Mann im Park auf sich hat, mit dem er ihn eröffnet, wird Jonas (und mit ihm der Leser) nie erfahren. Doch obwohl der Mann im gesamten Buch kein zweites Mal auftaucht, ist er im Kopf des Lesers jederzeit anwesend. Alles was fortan geschieht versucht man unweigerlich mit dem abzugleichen, was Jonas, nach anfänglichem Zögern, auf seine Wunschliste diktiert hat. So will er zum Beispiel wissen, ob das Leben einen Sinn hat, das Sterben, der Tod. Er möchte wissen, wie es sich anfühlt, um Haaresbreite einer Katastrophe zu entgehen, will in die Zukunft und in die Vergangenheit schauen können, und überhaupt wäre er gerne ein wenig aktiver, neugieriger, lebendiger. Es bleibt also nicht bei drei Wünschen, aber erst, als es Jonas mit dem alten Trick versucht, sich mehr Wünsche zu wünschen, beendet der Mann das Gespräch. Hier nun beginnt sich die eigentliche Geschichte des Romans zu entwickeln, die Geschichte eines mäßig erfolgreichen Werbetexters zwischen Familienalltag und Geliebter, einer Frau, die sich wie er vor den Konsequenzen ihrer Liebe fürchtet. Dann, völlig unerwartet, stirbt Helen, Jonas Frau, und sämtliche Koordinaten in seinem Leben müssen neu justiert werden. Weitere Ereignisse folgen: Tatsächlich entgeht Jonas knapp einer Katastrophe, sein von Kleinwuchs bedrohter Sohn erfährt einen rätselhaften Wachstumsschub, die Schemen zweier Männer verfolgen eine Frau und erschlagen sie, ohne dass Jonas eingreifen kann. Überhaupt mischen sich Jonas reale Erlebnisse zunehmend mit solchen, die nicht mehr von den ihm bekannten Gesetzen der Wahrnehmung gedeckt sind. Eine der großen Stärken von Thomas Glavinics Romans ist, dass sich diese Verunsicherung der Jonasschen Welt komplett auf den Leser überträgt. Nichts kann der sich noch sicher sein, und konsequent wie Glavinic nun einmal ist wird man vom Autor mit genau dieser Unsicherheit irgendwann auch aus dem Roman entlassen. Erzähler erzählen Geschichten, schrieb Ulrich Weinzierl einmal, Erzähler von Rang wie Thomas Glavinic erschaffen Welten, in denen wir uns verlieren. Wie wahr. Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche. Roman. Hanser Verlag. 21,50 Paradies von Michael Schwarz Geheimnis-Schwestern. Schiffbrüchige Schwestern. Vietkong-Schwestern. So nennen sich die ungleichen Frankie und Kate selbst. Sie leben zusammen mit ihrer Mutter und Ah Bing, einer auf Mao und die Kulturrevolution schimpfenden chinesischen Haushälterin, in Hongkong. Der Vater ist Kriegsfotograf und meist in Vietnam unterwegs. Die Mutter, Künstlerin, blendet den Krieg und die aufkommenden politischen Unruhen in Hongkong aus, versteckt die Zeitungen vor Frankie und Kate und glaubt sie so beschützen zu können. Besonders für Frankie ist die explosive politische Situation vor einer exotischen Kulisse Aufforderung zu gefährlichen Exkursionen. Während eines Ausflugs mit ihrer Haushälterin zu Ah Bings Tempel büxen sie aus und geraten in die Fänge von zwei chinesischen Revolutionären. Was als abenteuerliches Spiel beginnt, wird zu einem traumatischen Erlebnis. Es bedeutet das Ende ihrer Kindheit. Aus der Erinnerungsperspektive erzählt, spürt der Leser von Anfang an das sich anbahnende Unheil. Die sinnliche, subtropisch-fruchtbare Umgebung wird immer mehr durchdrungen vom Geruch nach Fäulnis und Tod. Einer Schlingpflanze gleich umschließt der Text den Leser. Es gibt kein Entrinnen und der Leser ist den erzählten Ereignissen genauso schutzlos ausgeliefert wie Frankie und Kate. Alice Greenway: Weiße Geister. Roman. Aus dem Englischen von Uwe- Michael Gutzschhahn. Marebuchverlag. 19,90 Rache Von Michael Schwarz Im Norden von Maine kündigt sich der lange Winter mit einem kalten Wind aus Kanada an. Dort, in dieser abgeschiedenen, erbarmungslosen Landschaft, lebt Julius Winsome zusammen mit seinem Hund Hobbes in einer Blockhütte, die sein Großvater gebaut hat. Es ist einsam hier oben, nicht nur im Herbst und im Winter, sondern immer. Julius Winsome sitzt neben seinem Ofen und liest Tschechow, als er einen Schuss hört. Nichts Ungewöhnliches, wird doch in den Wäldern rund um die Hütte viel gejagt. Was ihn irritiert ist die Lautstärke des Schusses und dass Hobbes nach mehrmaligem Rufen nicht auftaucht. Er beschließt, ihn zu suchen und findet ihn blutüberströmt, kaum noch atmend auf einer Lichtung. Der Tod von Hobbes setzt die Handlung von Gerard Donovans' Roman Winter in Maine in Gang. Julius Winsome ist ein besonnener Mann, aber sein verletztes Herz lässt ihn unberechenbar werden. Die Grenzen zwischen Kummer und Rache verschwimmen. Er überlegt, wer seinen Hund getötet haben könnte und fängt an, mit dem Gewehr seines Großvaters die vermeintlichen Täter zu erschießen. Auch die Erinnerung an seine kurze Liebesgeschichte mit Claire vor vier Jahren bringt ihn nicht von seinem Rachefeldzug ab. Im Gegenteil: Er verdächtig sogar sie, mit dem Mord an Hobbes etwas zu tun zu haben. Immer enger werden die Kreise, die er um den tatsächlichen Täter zieht, während gleichzeitig die Polizei beginnt, ihn einzukreisen. Erzählt ist der Roman in einem ruhigen Ton, der der Stille der Wälder entspricht. Die Sprache dämpft die geschilderte Gewalt, als würde Julius Winsome uns seine Geschichte zuflüstern mit der verstörenden Wirkung, dass wir zu Winsomes Komplizen werden. Gerard Donovan: Winter in Maine. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Luchterhand Verlag. 17,95

10 18 19 Lesezeit 16 Herbst 2009 Unser Fluch und unser Spiegel Roberto Bolaño Von Annette Hoffmann Wenn Autoren in Roberto Bolaños Romanen einmal nicht über Versmaße aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert diskutieren, gehen sie gerne der Welt verloren. Dann werden sie von anderen Autoren gesucht, manchmal auch von Literaturwissenschaftlern. Das war in Bolaños 1998 veröffentlichten Roman Die wilden Detektive so und so ist es auch in seinem jetzt auf Deutsch vorliegenden Werk Der knapp 1100 Seiten starke Roman ist ein eigentümliches Werk, das nach Absolutheit strebt, oft eine Zumutung. Erschienen ist es 2004, kurz nach Bolaños Tod. Er selbst wollte es in fünf Teilen veröffentlicht sehen, der Verlag hat sich anders entschieden. Aus guten Gründen, denn 2666 verträgt die Zersplitterung nicht. Und vieles deutet darauf hin, dass der Roman, der Bolaños letzter geworden ist, auch der ist, auf den sein Gesamtwerk zusteuerte. Bolaño gehört zu jenen großen Romanautoren, die eine ausufernde Fiktion entworfen haben und nicht so schnell mit ihren Protagonisten fertig waren. Nebenfiguren wie etwa der General Eugenio Entrescu, finden sich schon in Die UND WO ZUM TEUFEL steckt Apollo, die alte Schwuchtel? Apollo ist krank, schwerkrank. aus: Der unerträgliche Gaucho Naziliteratur in Amerika und auch der verschwundene Autor von 2666, Benno von Archimboldo, hat in Die wilden Detektive bereits einen Namensvetter. In diesem Roman erzählt Auxilio Lacouture, wie sie 1968 auf der Toilette der UNAM von der Besetzung des Militärs überrascht wurde und dort ausharrte, bis der Spuk nach Tagen vorbei war. Ihre Geschichte wurde zu einer Art urbanen Legende, die sie selbst in immer anderen Varianten hörte. Ein wenig verhält es sich so mit dem Autor selbst; mag die Ruhelosigkeit vieler seiner Romanfiguren mit Bolaños eigener Jugend zu tun haben. Nachzulesen in seinem Roman Die wilden Detektive, für den er mit dem Premio Rómulo Gallegos ausgezeichnet wurde. Geboren wurde er 1953 in Chile, wuchs jedoch in Mexiko auf. Für kurze Zeit soll er nach Chile zurückgekehrt sein, er entkam den Gefängnissen Pinochets nur mit Glück. Es folgte eine unstete Zeit, in der er unter anderem als Campingwächter jobbte. Seit 1977 lebte er in Europa, seit 1993 in der Nähe von Barcelona. Zu seinem Exilleben hatte er ein eher unsentimentales Verhältnis, die Sprache und die Literatur war ihm Heimat genug. Arturo Belano, sein Alter Ego in Die wilden Detektive, führt wie sein bester Freund Ulises Lima das Leben eines Bohemiens: Sex, Drugs und viszeraler Realismus. Als sie gezwungen sind aus Mexiko-Stadt zu fliehen, machen sie sich zu viert auf die Suche nach der Dichterin Cesárea Tinajero, die sich vor Jahrzehnten in die Wüste von Sonara zurückzog. Es gehört zur burlesken Komik, aber auch zu der inneren Tragik des Romans, dass sie die Begründerin der Realviszeralisten gleichzeitig finden und töten. Der Rest: eine Odyssee. Sein letzter Roman 2666 wird in großen Teilen in dieser Landschaft spielen, von der es in Die wilden Detektive heißt: einer imaginären oder wirklichen Region, jedenfalls von der Sonne versengt und in einer längst vergangenen Zeit, vergessen und zumindest hier, im Paris der siebziger Jahre, ohne jede Bedeutung. Eine Geschichte von den Randbereichen der Zivilisation. Damals wusste Bolaño schon von der Mordserie an Frauen und Mädchen, die hier an der Grenze zu den USA in Juárez seit Mitte der 1990er Jahre geschah. Viele der Opfer arbeiteten in den riesigen Fabriken der Freihandelszone. In einem Interview mit dem mexikanischen Playboy nur wenige Tage vor seinem Tod antwortet er auf die Frage, wie er sich die Hölle vorstelle. Wie Ciudad Juárez, unser Fluch und unser Spiegel, der beunruhigende Spiegel unserer Frustrationen, unserer infamen Interpretation der Freiheit und unserer Sehnsüchte. Tatsächlich sind die Morde, mehrere Hundert an der Zahl, das eigentliche Kernstück des Romans. Sie sind der Stein, der im Wasser Kreise zieht. Die anderen Teile, die unter anderem von der Suche von vier Literaturwissenschaftlern nach Benno von Archimboldi erzählen, der im letzten Teil wirklich nach Santa Teresa reist, gruppieren sich um ihn. 108 Opfern gibt der Erzähler einen Namen, er beschreibt, wo und wie sie aufgefunden wurden. Immer wieder vermerkt der Erzähler, wie die Frauen umkamen: vaginal und anal vergewaltigt, dann erwürgt, als ließe sich mit diesem hässlichen Vers ein Reim auf die Welt machen. War in Die wilden Detektive noch die (lateinamerikanische) Diktatur die Folie, geht Bolaño in 2666 weiter. Er führt nicht nur in die Randbereiche der Zivilisation, sondern geht durch sie hindurch. Der Roman erzählt von Rassentrennung, dem Russlandfeldzug, an dem Benno von Archimboldi als Soldat teilnimmt, Massenerschießungen von Juden im Generalgouvernement und einem enthemmten Kapitalismus, der Frauen in einer von Drogenkartellen und Korruption in Politik und Polizei beherrschten Stadt zur Ware macht porträtiert das 20. und 21. Jahrhundert als das außer Rand und Band geratene Dionysische. Insofern diese Zeit monströs ist, ist 2666 ein monströser Roman ein Jahrhundertroman im doppelten Sinne. Der Erzähler jedoch klaubt die geschundenen Körper auf und gibt ihnen eine Geschichte. So gesehen ist Roberto Bolaños Roman ein zutiefst moralisches Buch. Er ist aber auch ein Roman über den Roman, der danach strebt, eine Totalität von Welt abzubilden und schrei- bend die Möglichkeiten von Literatur auszuloten. Derart wurden die Grenzen der Gattung lange nicht mehr erweitert. Eigentliches Thema in 2666 ist der Tod und die Einsamkeit. Oft träumen seine Protagonisten von leeren Räumen und Spiegeln, in denen sie sich nicht erkennen (und auch Bolaños Leser werden nicht gut schlafen). Wiederum ist es Auxilio Lacouture, die einen Hinweis auf die mögliche Bedeutung des Romannamens gibt, der in 2666 selbst an keiner Stelle aufgegriffen wird. In dem Roman Amuleto heißt es: Die Avenida ähnelte um diese Stunde vor allem einem Friedhof, aber weder einem Friedhof von 1974 noch einem von 1968 oder 1975, sondern einem Friedhof im Jahre 2666, einem Friedhof, vergessen hinter einem toten oder ungeborenen Augenlid, dem wässrigen Rest eines Auges, das, weil es vergessen möchte, am Ende alles vergessen hat. Santa Teresa ist dieser Friedhof, dessen Ausdünstungen sich auf den Zähnen ablagern, so hartnäckig, dass auch mehrfaches Putzen nicht hilft. In 2666 ist er Mittelpunkt der Welt. Roberto Bolaño: Roman. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Hanser Verlag, ,90 Roberto Bolaño: Exil im Niemandsland. Aus dem Spanischen von Kirsten Brandt und Heinrich von Berenberg. Berenberg Verlag, ,00 Roberto Bolaño: Der unerträgliche Gaucho. Aus dem Spanischen von Hanna Grzimek. Antje Kunstmann Verlag, ,90 Roberto Bolaño: Die wilden Detektive. Roman. Aus dem Spanischen von Heinrich von Berenberg. Hanser Verlag, ,90 (dtv Taschenbuch, ,90 ) lesung Bolaño-Abend mit Heinrich von Berenberg am 20. November um 20 Uhr in der Buchhandlung Schwarz.

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