Prof. Dr. Hans-Joachim Gehrke Präsident des Deutschen Archäologischen Institutes a. D.

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1 Wiesbaden, 16. Juni 2011 Prof. Dr. Hans-Joachim Gehrke Präsident des Deutschen Archäologischen Institutes a. D. Rede gehalten anlässlich der Vorstellung des 1. Band der Glauberg-Forschungen Archäologie und Politik Archäologische Ausgrabungen der 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts im zeitgeschichtlichen Kontext im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst Archäologie ist eine Wissenschaft, sogar eine, die viel Freude macht, vor allem weil sie uns in buchstäblich greifbarer Weise zu Entdeckungen unserer eigenen Herkunft führen kann und weil sie gerade auch deshalb viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit findet. Schon damit aber wird sie sehr politisch, ja sogar Gegenstand und Kampffeld für Politik. Gerade das mehrt wiederum das Interesse der Öffentlichkeit, und dann schaukeln sich die Dinge gelegentlich hoch. Denken Sie an die wiederholten Rückgabeforderungen zu bedeutenden Kunstwerken, an die Elgin Marbles, die Nofretete, die Sphinx von Boghazköy. Es geht aber noch um mehr. Zwischen Griechenland und der Ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien (FYROM) herrscht Streit um ein antikes Symbol, die so genannte Sonne von Vergina, die als Signet des antiken (und damit auch modernen) Makedonien gilt. In Bosnien hat man die Wiederherstellung von im Krieg zerstörten Moscheen verhindert mit dem Argument, man müsse erst die darunter liegenden Reste (nicht selten von Kirchen) ausgraben. Im Iran hat man sich nach der islamischen Revolution von seiner glorreichen altpersischen Vergangenheit getrennt, an die der Schah bewusst angeknüpft hat. Jetzt entdeckt man sie gerade wieder neu. Dass dem so ist und dass es dabei durchaus leidenschaftlich zugeht, ist nur zu verständlich, geht es doch um einiges, ja letztlich um alles, um Land und Besitz, um Macht und Verfügung, um Identität und Zugehörigkeit. Schon seit jeher haben Menschen dabei auf das hohe Alter, ja die Ursprünglichkeit ihrer Gruppe, ihres Stammes, ihres Staates verwiesen, um sich selbst in Zeit und Raum zu verankern und daraus auch Ansprüche abzuleiten. In heutigen Zeiten haben sich solche Ansprüche und Positionen immer wieder wissenschaftlich zu legitimieren. Und da die Archäologie diejenige Wissenschaft ist, die sich mit den ältesten Gestaltungen der menschlichen Kultur befasst, kommt sie immer wieder zwangsläufig ins Spiel, weil es eben um Alter und Tradition als Kerne der Identitätsbildung geht. Wir in Deutschland bzw. in Europa brauchen deshalb auch nicht auf die anderen mit dem Finger zu zeigen, sondern können uns durchaus an die eigene Nase fassen. Der Prozess der deutschen Nationenbildung ist, wie wir alle wissen, ganz entschieden mit dem Rückbezug auf die Germanen verbunden gewesen. Auch hier war das Älteste gerade gut genug: Die Entdeckung der 'Germania' des Tacitus und ihre philologische Erschließung in der Zeit des

2 Renaissancehumanismus hat hier eine eminente Rolle gespielt, übrigens keineswegs nur in Deutschland, sondern bei allen Nationen, die sich auf Germanen zurückführen konnten, bis hin zu den Nachkommen der Angeln und Sachsen jenseits des Atlantiks, die mit Montesquieu der Meinung waren, die Freiheit stamme aus den Wäldern Germaniens was man aus Tacitus gelernt hatte. Naturgemäß aber haben das diejenigen, die man sogar Germans nannte, am weitesten getrieben. Diesen hatte Tacitus ja sogar den nationalen Freiheitshelden geschenkt, der nun nicht mehr mit seinem römischen Namen Arminius bezeichnet wurde, sondern zum germanisch-deutschen Hermann wurde, gerade in der Zeit der Freiheitskämpfe gegen Napoleon man denke an Kleists 'Hermannschlacht'. Je mehr sich die Archäologie danach als die Wissenschaft vom Altertum mit ihren stets sich verfeinernden Grabungsmethoden entwickelte, desto mehr kam auch sie hier ins Spiel. Sie hatte zudem noch den Vorzug der konkreten Anschaulichkeit und der unmittelbaren Verbindung mit dem Land selbst. Es war besonders die Prähistorische Archäologie, die sich (zum Teil in bewusster Abgrenzung von der Klassischen Archäologie) gerade auch als eine vaterländische Wissenschaft verstand, die Kenntnisse über unsere Vorfahren lieferte, und das auch noch aus der Erde. Hier wurde das deutsche Volk, das im 19. Jahrhundert ganz auf seine nationale Einheit fixiert war, sehr konkret im Raum und in der Zeit situiert. Damit wurden zugleich Kontinuität und Zugehörigkeit gestiftet, es waren unsere Vorfahren, sie lebten am selben Ort. Sie sehen: Hier liegt eine Basis für die Blut-und-Boden-Ideologie. Ich will nicht sagen, dass die Archäologie und die Archäologen das erfunden oder stark forciert haben. Aber was sie taten, konnte haargenau passen, und auch Wissenschaftler sind nicht frei vom Zeitgeist. Sie dachten ähnlich, sie erwarben damit Aufmerksamkeit und Anerkennung (die sich auch finanziell auswirken konnte) auch das passte. Wie vieles aus jenem nationalistischen, dem 19. Jahrhundert wurde auch diese Verbindung von Archäologie und Politik in der Nazizeit ins Extrem gesteigert. Verschiedene Einrichtungen des NS-Staates, der Partei und anderer Organisationen wetteiferten auch auf diesem Gebiet, die Polykratie des Systems lebte auch hier. Entscheidend war der Bezug auf die Vorfahren und den Ort, den Boden; und so konnten durchaus auch die Kelten neben den Germanen ihren Platz finden. In diesen Zusammenhang gehören auch die von Heinrich Richter ( ) zwischen 1933 und 1939 durchgeführten Grabungen am Glauberg, die sich des besonderen Interesses des hessischen Gauleiters und Reichsstatthalters Jacob Sprenger sicher sein konnten. Hier ging es um Selbstvergewisserung, im Sinne des eingangs angesprochenen Suchens nach den Wurzeln und der Herkunft, nach dem Land und dem Leben der Vorfahren, mit denen man sich direkt verbunden fühlen wollte. Und man bediente sich durchaus wissenschaftlicher Standards. Doch leicht geriet das alles in den Sog des Nationalsozialismus. Was zutage kam, wurde nicht nur als eigene und besondere, sondern als besonders bedeutende und wertvolle Vergangenheit im Geiste des Völkischen normativ aufgeladen. So kam eine brisante Melange zustande, wie sie auch sonst das Nazi-System kennzeichnet und seine Verführungskraft ausmachte: Begeisterung, Engagement und Idealismus, in diesem Falle Entdeckerfreude und Forscherneugier, und Fähigkeiten und Kenntnisse, in diesem Falle in den wissenschaftlichen Standards, wurden hier wie auch sonst ausgenutzt und missbraucht und damit pervertiert und entwertet. Dass von da her an diesem Platz, am Glauberg, etwas davon haften blieb und dass es so aussah (oder gar: aussieht), als würden die modernen Grabungen, Forschungen und Ausstellungen davon überschattet werden, mag überraschen, muss es aber nicht. Die Suche nach den Wurzeln ist ja, wie ich schon erwähnte, dem Menschen offenkundig irgendwie 2

3 eingewurzelt, und nur, weil sie instrumentalisiert und pervertiert wurde und werden kann, ist solches Suchen ja nicht eo ipso schlecht, im Gegenteil, es steckt in ihm ja auch der Impuls des Forschens. Weil sich aber alles hier leicht verquicken kann, muss man besonders aufmerksam sein. Wo vermengt und vernebelt wird, sind Wachheit und Aufklärung gefragt. Wir haben ja selber erlebt, wie politisch in solchem Gebräu die Archäologie wird, wie das, was sie will und kann, vom Politischen, auch in seiner unangenehmeren Form, überlagert wird. Ewig gestrige und dumpfe Vorstellungen von Blut und Boden schaffen sich Orte und Figuren der Verehrung, Medien tragen dazu bei (aus welchen Motiven auch immer), diesen Aufmerksamkeit zu verschaffen, das Spiel mit einem Tabu bzw. dem Bruch eines Tabus skandalisiert die Vorgänge, die politischen Akteure nehmen ihre Kampfpositionen ein. Worum es eigentlich geht, in den letzten Jahren erbrachte bedeutende Leistungen in den archäologischen Wissenschaften wie ihrer Organisation und Präsentation, bleibt auf der Strecke oder geht zumindest fast unter: In einem relativ kurzen und nüchternen dpa-text las ich in meiner heimischen Lokalzeitung von der Eröffnung der Keltenwelt am Glauberg (bei der ich glücklicherweise selbst anwesend war) sehr viel über den Skandal mit den zwei den Keltenfürsten bewachenden Neonazis und nur ganz wenig darüber ( jenseits des Eklats ), was da eigentlich eingerichtet worden war. Hier verquicken und vermengen wir etwas, und hier wird kräftig instrumentalisiert. An die Stelle und gegenüber der Hype der politischen Leidenschaften müssen wir deshalb das ruhige, sachliche und nüchterne Abwägen stellen. Das betrifft nun keineswegs nur die östliche Wetterau, das Land Hessen oder die Bundesrepublik Deutschland. Erinnern wir uns: Hinter der Melange aus Politik und Archäologie stecken tief sitzende Bedürfnisse nach und weit reichende Interessen an Identität und Selbstvergewisserung, Positionierung und Dominanz. Als ehemaliger Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts, das weltweit in rund vierzig Ländern arbeitet, war ich damit ständig konfrontiert. Unter dem übrigens sehr sprechenden Stichwort cultural heritage, um das wir uns alle kräftig und gerne bemühen, verbergen sich nicht selten massive politische und kommerzielle Interessen. Immer wieder überlagert das Politische das Wissenschaftliche an der Archäologie. Auch wenn wir so manche "sterile Aufgeregtheit" (Max Weber) erlebt haben, können wir uns glücklich schätzen, dass wir in einer aufgeklärt-demokratischen Gesellschaft leben, in der die Stimme der Wissenschaft nicht nur einen Platz hat, sondern auch ihrerseits Beachtung findet. Insofern sollen und wollen wir unsere Stimme erheben, auch und gerade wenn es um das Politische an unserem Tun gibt. Die Position der Wissenschaft bzw. eines Wissenschaftlers, die zugleich sein Angebot an die Gesellschaft ist, ist klar und eindeutig. Wir müssen handeln wie die Kriminalisten, die einen Fall aufklären (was uns von unserer Arbeit als Archäologen und Historiker, als Detektive der Vergangenheit, ohnehin vertraut ist). Wir müssen danach suchen, was wirklich passiert ist. Dabei schauen wir auf die Sache, bedienen uns der angemessenen Methoden und konzentrieren uns auf die Beweise und Indizien, die allein zählen. Wir folgen unserem Verstand und versuchen nach Kräften, Voreingenommenheit und falsche Leidenschaft zu unterdrücken, objektiv zu sein. Wir verschleiern unsere Ergebnisse nicht, sondern bringen sie ans Licht der Öffentlichkeit, das sie nicht zu scheuen brauchen. Sie merken, ich beschreibe ein Ideal. Aber gerade deshalb gehört zur Wissenschaft zwingend die Selbstkontrolle und die Selbstkritik, das ständige Suchen nach Fehlern, nicht nur der der anderen, sondern auch der eigenen. Wir schauen also genau hin gerade dort, wo es zu den erwähnten Verquickungen und Verneblungen, Instrumentalisierungen und Manipulierungen kommt. Und genau dafür kann 3

4 ich Ihnen, wie es sich gehört, ein Beweisstück präsentieren und komme damit vom Globalen und Generellen wieder zum Glauberg. Im Zuge der markanten Wiederaufnahme der dortigen Arbeiten in den neunziger Jahren und der Planungen der hessenarchäologie für die Keltenwelt am Glauberg sind die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sofort auf die Problematik der vorherigen Grabungen gestoßen. Sie haben das aber nicht verdrängt, sondern thematisiert, zum Fall gemacht, sozusagen den Stier bei den Hörnern gepackt, mit den Methoden der Wissenschaft. Ohne auf eine Medienhype zu warten, machten sie ihre Arbeit. Die Institution selbst, also die Keltenwelt am Glauberg, veranstaltete im Oktober 2008 in Nidda-Bad Salzhausen ein internationales und interdisziplinäres Kolloquium zum Thema "Archäologie und Politik 75 Jahre Ausgrabungen auf dem Glauberg und ihr zeitgeschichtlicher Kontext". Organisiert wurde sie von der Leiterin selbst, Katharina von Kurzynski, und von dem wichtigsten Bearbeiter der Funde und Befunde, Dr. Holger Baitinger. Mehr als hundert Teilnehmer hörten und diskutierten insgesamt 15 Vorträge von verschiedenen Spezialisten vor allem aus den Bereichen Archäologie, Zeit- und Wissenschaftsgeschichte. Heute dürfen wir allen dafür Verantwortlichen nur Dank sagen und gratulieren, dass sie sich nicht nur über die brisante Thematik ausgetauscht haben, sondern auch und das ist gleichsam der Schlussstein ihr Ergebnis der Öffentlichkeit vorstellen können. Wenn Sie in den Band hineinschauen, dann sehen sie sofort, wie diese Kriminalisten ihren Fall bearbeitet haben. Aus Zeitgründen kann ich hier nicht ins Detail gehen. Nur was mir besonders bedenkenswert erscheint, sei hier erwähnt: Am Beginn steht der historische Zusammenhang, der Kontext. Frank-Rutger Hausmann aus Freiburg, einer der besten Kenner der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik, und Achim Leube aus Berlin, der wie kein zweiter die Wissenschaftsgeschichte der prähistorischen Archäologie zu seinem Anliegen gemacht hat, beschreiben jeweils auf eigene Weise mit dem ihnen eigenen streng analytischen Blick das Umfeld, in dem sich die Arbeiten Richters am Glauberg bewegten. Holger Baitinger und Egon Schallmayer beschreiben und charakterisieren diese ganz konkret mit ihrer reichen Kennerschaft der gesamten Materie. Andere renommierte Kollegen stellen diese Arbeiten neben vergleichbare weitere Unternehmungen einer nazistisch eingefärbten Archäologie. Besonders hervorgehoben sei, dass Marieke Bloembergen aus Leiden und Martijn Eickhoff aus Amsterdam, Historiker, die mit Methoden der postcolonial theory vertraut sind, unter dem uns vertrauten und positiv besetzten Begriff des Erinnerungsortes eine Linie in die Nazizeit ziehen, die uns zur Selbstkritik ermuntert. Das alles ist eindrucksvoll genug, aber es weist noch weit über sich hinaus und erlaubt uns, am Schluss den Blick noch einmal vom Glauberg in die weite Welt zu richten. Wie den Organisatoren und Beteiligten von vornherein klar war, standen ihre Bemühungen von Anfang an im Zusammenhang mit vergleichbaren Projekten, mit denen gerade die prähistorische Archäologie, ein aus den vorhin genannten Gründen durch den Nationalsozialismus besonders kontaminiertes Fach, eben auch besondere Anstrengungen unternommen hat, diese Verstrickungen aufzuklären. Das fügt sich in einen weiteren Trend der internationalen Forschung ein, der mittlerweile schon zu beachtlichen Publikationen und Ausstellungen geführt hat und noch weiter zunimmt. Immer mehr werden die politischen Aspekte des archäologischen Tuns, besonders im Zusammenhang mit der kolonialistischen Expansion des 19. und 20. Jahrhunderts, kritisch beleuchtet. Auch das Deutsche Archäologische Institut ist in dieser Hinsicht, mit der Einrichtung eines Forschungsclusters zur Untersuchung seiner eigenen Geschichte in context und besonders in der Nazizeit, aktiv geworden. 4

5 Wie uns die Ereignisse der letzten Wochen einmal mehr gelehrt haben, ist das nicht nur l'art pour l'art, sondern eine Erfordernis jedweden wissenschaftlichen Arbeitens, das stets die politischen Implikationen ihres Handelns mit zu bedenken hat. In der Archäologie ist das sogar besonders wichtig, weil es um elementare Phänomene wie Landbesitz und kollektive Identitäten geht, um Recht und Legitimierung. Hier ist das geduldige und sachliche Suchen und Forschen nach den Regeln der Kunst gefragt, das methodisch das Richtige vom Falschen, das Wahrscheinliche vom Spekulativen sondert. So lassen sich mindestens die falschen und die halben Wahrheiten aufzeigen und so kann man Mythifizierungen und Mystifizierungen entgegentreten. Dann lässt sich auch über kulturelles Erbe und dessen politische Implikationen nüchtern sprechen, auch international. Und dann kann Archäologie mit den Worten Hermann Parzingers eine "Zukunftswissenschaft" werden. Die Hessische Landesarchäologie hat mit ihren Partnern diesen Weg bereits eingeschlagen. Dafür gebührt allen Beteiligten unser Dank und Respekt. Und den bekunden Sie am besten, indem Sie das Buch lesen! 5

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