Herausforderungen einer integrierten, file-basierten Fernsehproduktion

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1 Herausforderungen einer integrierten, file-basierten Fernsehproduktion Mit der Einführung eines neuen file-basierten Produktionsarchivs für die aktuelle Produktion am Standort Unterföhring schließt die ProSiebenSat.1 Produktion, eine Tochterfirma der ProSiebenSat.1 Media AG, nach einer Reihe von Großprojekten in den letzten Jahren die letzte große Lücke für eine durchgängig file-basierte Produktion. Zeit, um am Beispiel von ProSiebenSat.1 eine kurze Bestandsaufnahme zu machen, welche Herausforderungen dabei zu bewältigen waren und in Zukunft noch zu bewältigen sein werden. The integration of a new file-based production archive at ProSiebenSat.1 Produktion, a company within ProSiebenSat.1 Media AG, fills the last gaps that were not already file-based. This step now enables fully file-based production at Unterföhring. The following article contains a short résumé, discusses the challenges that had to be dealt with in the past and considers issues which will be relevant in the future. Einleitung Im Spätsommer 2009 erfolgten als einer der ersten großen Meilensteine für die durchgehende file-basierte Produktion die Erneuerung des Playout Centers und der Neubau eines file-basierten Sendearchivs [2]. Bis zum Herbst 2009 wurden die letzten bis dahin noch genutzten linearen Schnittsysteme durch eine file-basierte Produktionsplattform für die Produktion von Magazinen sowie die Sportproduktion abgelöst. Im Jahr 2010 begann dann die Umstellung der Regien mit file-basierten, HD-fähigen Systemen, die zusammen mit einer durchgängigen Umstellung auf HD und der Inbetriebnahme einer file-basierten Austauschplattform (FME- ( Filebased Material Exchange -)Plattform) im Sommer 2011 abgeschlossen wurde [5]. Im Herbst 2011 schließlich schließt das Projekt Factual Archive mit der Einführung des Content-Management-Systems Faro die letzte Lücke in der file-basierten Produktion bei ProSiebenSat.1. Das ist ein guter Zeitpunkt, um einen Blick zurück auf die Schwierigkeiten zu werfen, die auf dem Weg dorthin zu bewältigen waren, und einen Ausblick auf die Herausforderungen zu wagen, die noch bevorstehen: Einzug gehalten hat die Entwicklung der technischen Konvergenz bereits in den 1990er Jahren und so muss die Frage erlaubt sein, warum ein großes Medienunternehmen wie die ProSiebenSat.1 Group erst jetzt in der Lage ist, durchgängig filebasiert zu produzieren? Der Rückblick erfolgt in den Dimensionen Organisation und Technik, diesichausder Mensch-Maschine-Kommunikation ableiten lassen (Bild 1 [4]). Die Organisation umfasst dabei sowohl strukturelle als auch prozessbezogene Aspekte, die zur Content- Produktion erforderlich sind, in der Dimension Technik werden die dafür verwendeten technischen Systeme betrachtet. Bei der Gestaltung einer integrierten, file-basierten Fernsehproduktion gibt es starke Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Dimensionen. So wird zum Beispiel Bild 1. Medienproduktion im Kontext der Mensch- Maschine-Kommunikation [3,4] bei einem rein prozessorientierten Vorgehen die Technik auf Basis der Anforderungen, die sich aus dem Prozess bzw. der Organisation und dem Content ergeben, gestaltet. Ist bereits Technik vorhanden oder soll ein bestimmtes Produkt verwendet werden, was in den meisten Projekten die Regel ist, so muss auch der Prozess an das Produkt angepasst werden. Die Trennung zwischen Organisation und Technik hilft in diesem Kontext, die Herausforderungen möglichst präzise darzustellen. Produktion und Archive Organisation Die Produktion von Bewegtbildmaterial bei ProSiebenSat.1 ist geprägt von der Unterteilung in die Fernsehproduktion und die Diversifikation. Die klassische Fernsehproduktion wird wiederum unterteilt in die Bereiche Fiction und Factual. Fiction umfasst im Wesentlichen die Aufbereitung und Distribution von Programmmaterial wie Spielfilmen, Auftragsproduktionen, Trailern und Werbespots. Dazu gehörten die Programm- und Sendeplanung, die Bestellung und Annahme von Material, die Programm-optimierung, die Trailererstellung sowie die Archivierung und Verwaltung des Programmmaterials bis hin zur Sendeabwicklung inklusive der Verpackung mit On-Air- Grafiken. Unter Factual fällt im Wesentlichen die Produktion aktueller Formate wie Magazinund Sportsendungen. Dazu erfolgten ausgehend von einer Sendungsplanung in einem Redaktionssystem der Schnitt von Beiträgen und die Live- (oder Nearlive-)Produktion der Sendung im Studio. Beide Bereiche unterscheiden sich stark in ihrer Handhabung und arbeiten mehr oder weniger entkoppelt voneinander. Den dritten großen Bereich stellt die Diversifikation dar, das heißt, dass vor allem die Entwicklung von Online-Auftritten sowie der Vertrieb von Bewegtbild-Content über das Internet und somit die Verlängerung der Sendermarken ins Internet aber auch ins Pay-TV Dr.-Ing. Christoph Kloth (FKTG) ist Projektmanager in der Abteilung Project Management Group Operations & IT bei der ProSiebenSat.1 Media AG in München FKTG-Förderfirma 552

2 Bild 2. Anwendungsarchitektur Produktion und Archive (Free-TV und Pay-TV) erfolgt, wobei das Pay-TV in der Arbeitsweise stark dem Fiction-Bereich ähnelt. Besonders der Online-Bereich gewinnt immer mehr an Bedeutung und rückt auch zeitlich näher ans Medium Fernsehen heran. Technik Die zuvor beschriebene Trennung spiegelt sich auch in der Systemarchitektur wieder (Bild 2), wobei eine zunehmende Integration zwischen allen drei Bereichen angestrebt und realisiert wird. Am Standort in München-Unterföhring existieren zwei Archivsysteme, die jeweils den Schwerpunkt auf die Anforderungen im Fiction- und Factual-Bereich legen. Das Fiction-Archiv besteht aus der Eigenentwicklung ProMams für das Asset- Management, Ardome von der Firma Ardendo für das Essence-Management und einem WebSphere Process Server (WPS) von IBM für das Workflow-Management. Es verfügt über eine enge Integration mit zahlreichen Schnittstellen zum Playout und zu den Sendeplanungssystemen What s On der Firma MediaGenix und der Eigenentwicklung SePla. Der Fokus im Archiv selbst liegt auf der Verwaltung von ganzen Clips, dem Ingest und der Qualitätssicherung sowie der Verwaltung der dazugehörigen Lizenzen. Im Bereich Factual wird das Augenmerk hingegen auf die Bereitstellung von Rohmaterial jeglicher Art gerichtet, die Timecodegenau erfolgen muss. Dazu findet im Factual- Archive das Content-Management-System Faro (Bild 3) der Firma SCS Verwendung, das die sequenzgenaue Beschreibung von Content ermöglicht. Die Verwaltung der Essencen erfolgt durch das IBM-Produkt Admira. Eine komplexe Workflow-Steuerung wie im Fiction-Archiv findet in diesem Umfeld nicht statt. Auch verfügt das System bei weitem nicht über eine derart weitreichende Integration zu angrenzenden Systemen. Sie beschränkt sich im Wesentlichen auf die An- und Auslieferung von Content, wobei besonderer Wert auf die Mitführung von Metadaten gelegt wurde (Kasten Factual Archive ). Für das Editing existieren zwei separate Plattformen. Es handelt sich hier um zwei nahezu identische Avid-Isis-Systeme, die jeweils an beide Archive angeschlossen sind, sodass im Sinne der Havariesicherheit und der optimalen Ressourcennutzung keine Einschränkungen bestehen. In dieser Systemlandschaft ist es für Bild 3. Screenshots (links: Sendungsinfos und rechts: Videovorschau) des Content-Management-Systems Faro (Factual Archive) 553

3 einige Nutzergruppen zum Teil schwer nachzuvollziehen, in welchem der beiden historisch entstandenen Archiven sich das gesuchte Material befindet. Das führte in der Vergangenheit dazu, dass zum Beispiel bandbasierte Sendemitschnitte, die sowohl für Wiederholungen im Sendebandarchiv (Fiction) als auch für die Wiederverwertung im Rohmaterialarchiv (Factual) relevant sind, in beiden Archiven vorgehalten wurden. Über eine technische Schnittstelle ist es Factual-Archive nun mit dem neuen Archiv über Faro möglich, auch nach Inhalten im Fiction-Archiv zu suchen und auf das Material zuzugreifen, ohne dass die Videofiles dazu redundant vorgehalten werden müssen. Im Diversifikationsbereich werden, ebenfalls historisch bedingt, unterschiedliche Content- und Asset-Management-Systeme eingesetzt. Zum Teil besteht dabei wie im Falle von maxdome eine punktuelle Kopplung zu den Systemen aus dem Bereich Für die aktuelle Produktion bei ProSiebenSat.1 und das dazugehörige Produktionsarchiv (Factual Archive) fiel die Entscheidung auf das Archivsystem Faro (s. Bild 2), das bereits beim Schweizer Fernsehen (SRF) eingesetzt wird. Als Essence-Management-System nutzt man Admira, darunter liegt eine TSM-Architektur (HiRes- und LoRes-Speicher: DS5300/TapeLibrary: TS3583) von IBM, die ebenfalls von Admira angesteuert wird. Aufgrund von betrieblichen aber auch wirtschaftlichen Überlegungen fiel die Entscheidung bewusst auf eine einfache und überschaubare Systemarchitektur. So besteht Faro im Wesentlichen aus einer Datenbank, auf der einige wenige Scripte (zum Beispiel für die Kommunikation mit Admira) laufen, und dem RichClient, der für Dokumentare und Redakteure gleichermaßen eingesetzt wird. Der ebenfalls verfügbare WebClient wird bei ProSiebenSat.1 lediglich als Havariesystem genutzt, da ein wesentlicher Bestandteil der redaktionellen Arbeit neben der Recherche und Materialanforderung die Erstellung von sogenannten Herkunftsnachweisen (HKN) ist. In diesen Herkunftsnachweisen dokumentiert der Redakteur durch Abstecken von Sequenzen die Rechte und Ortsangaben für das im Beitrag genutzte (verschnittene) Rohmaterial. Die HKN sind die Ausgangsbasis für die dokumentarische Arbeit des DokuCenters. Die Abbildung dieses für ProSiebenSat.1 wichtigen Workflows stellt neben der leichten Veränderungen und Optimierung des Datenmodells eine der wenigen Anpassungen dar, die im Rahmen des Projekts an Faro gemacht werden mussten. Dabei erfolgte unter anderem eine Vereinfachung und Optimierung der Rechteverwaltung. Waren die Rechteangaben bislang nur Freitextangaben, so wurde im Rahmen der Datenmigration eine Vereinheitlichung vorgenommen, die eine Auswertung über ein Ampelsystem ermöglicht. Dieses Ampelsystem zeigt im Gegensatz zu anderen Systemen alle Farben an, die im Beitrag verwendet werden. Enthält ein Beitrag sowohl gesperrtes als auch frei verwendbares Bildmaterial, so leuchtet die Ampel sowohl grün als auch rot (statt nur gelb) und wird bei einer Recherche nach verwendbarem Material ebenfalls als Treffer gelistet. Die Integration zu den Umsystemen beschränkt sich im Wesentlichen auf den Austausch von Content (Essence und Metadaten) und ist über Schnittstellen zwischen Admira sowie den Umsystemen zum Teil sowohl auf Basis von Watchfolder-Integrationen als auch mit API-basierten Schnittstellen (application programming interface) realisiert. Zu diesen Schnittstellen gehört zum Beispiel die Schnittstelle zum Avid-Interplay-System, sodass auch mit den Avid-Plattformen ein Content-Austausch inklusive Metadaten möglich ist. Darüber hinaus ist der Export von Material zu Faro und Admira über einen Interplay-Watchfolder möglich. Dabei wird eine fertige Schnittsequenz im Interplay in den Archiv-Watchfolder verschoben. Diesen Trigger nutzt Admira, um den automatischen Export der Sequenz über den Avid-Transfer-Manager zu steuern. Auf eine ähnliche Weise wurden die Schnittstellen zu dem zentralen Archiv-Ingest und -Outgest und der dafür verwendeten PebbleBeach-Automation sowie der mit Signiant realisierten FME-Plattform umgesetzt. Das Projekt wurde in etwa 1 ½ Jahren gemeinsam mit der IBM und der Schweizer Firma SCS realisiert. Eine der größten Herausforderungen war dabei die Migration der vorhandenen Daten aus dem noch laufenden, zum Teil instabilen Altsystem. Allein die Migration der Video-Essencen vom alten Standort in Berlin an den neuen Standort in München, die nach Schwierigkeiten mit den LoRes- und HiRes-Formaten erst verzögert begonnen werden konnte, nimmt nach aktuellen Hochrechnungen etwa 200 Tage in Anspruch und wird voraussichtlich erst nach der Produktivsetzung zum Jahresende 2011 abgeschlossen sein. Fiction oder Factual. So nutzt maxdome für seinen Content auch den Ingest und die Qualitätskontrolle des Fiction-Archivs. Hierbei wird die Synergie genutzt, dass das VoD- System unter anderem Content benötigt, den auch die Free-TV- oder Pay-TV-Sender ausstrahlen. Herausforderungen Bei der Einführung und dem Betrieb der erforderlichen Prozess- und Systemlandschaften gilt es zahlreiche Herausforderungen zu bewältigen, von denen einige in den Augen des Autors besonders wichtige nachfolgend näher beleuchtet werden sollen. Komplexität historisch gewachsener Systemlandschaften: Große Medienunternehmen sind oft durch sehr heterogene Systemlandschaften gekennzeichnet, deren Einzelsysteme auf unterschiedlichste Weise miteinander verbunden sind. Die Ursache dafür liegt zum einen darin, dass in unterschiedlichen Bereichen eines Unternehmens sehr spezifische Lösungen für unterschiedliche Aufgabenstellungen gekauft oder entwickelt wurden, und zum anderen, dass bei Fusionen oder dem Zukauf von Unternehmen auch die neuen Systemlandschaften in die vorhandene Landschaft integriert werden mussten. Soll in einem solchen Umfeld ein neues System eingeführt oder ein vorhandenes System ausgetauscht werden, so sind in der Regel auch viele andere Systeme davon betroffen und müssen bei der Integration mit berücksichtigt werden. Komplexität historisch gewachsener Prozesse: Selbiges gilt für die Workflows, die häufig zusammengeführt werden, ohne dass ein komplettes Redesign des gesamten Prozesses vorgenommen wird. Meistens funktioniert das irgendwie, führt aber selten zu optimalen Prozessen. Nur selten besteht die Möglichkeit, quasi auf der grünen Wiese neu zu planen. Gerade bei Projekten, die sich mit der Einführung file-basierter Prozesse beschäftigen und häufig viele Unternehmensbereiche zumindest berühren, führt das zu einer hohen Komplexität. In einer solchen Umgebung ist es unbedingt erforderlich, ganzheitlich und prozessorientiert vorzugehen. Das erfordert auch die Bereitschaft, von gewohnten Prozessen abzuweichen und Best Practise -Workflows heranzuziehen. Anforderung flexibler Integration und 554

4 Abkopplung: Gleichzeitig ist bei der Integration neuer Systeme zu berücksichtigen, dass die Flexibilität bestehen bleiben muss, weitere Systeme, zum Beispiel von neuen Dienstleistern oder neuen Unternehmensbereichen, an die vorhandene Systemlandschaft anzubinden. Genauso muss es umgekehrt möglich sein, mit einem vertretbaren Aufwand einzelne Systeme wieder aus dem Gesamtkontext herauszulösen, falls zum Beispiel bestimmte Unternehmensteile herausgelöst werden. Aus diesem Grunde ist bei der Planung abzuwägen, wie tief die Integration zwischen verschiedenen Systemen sinnvollerweise erfolgen sollte. Dabei ist zu beachten, dass nicht alles, was technisch möglich ist, auch rechtlich zulässig ist. Rechte und Rollen, die im System existieren, müssen auch an der entsprechenden Schnittstelle berücksichtigt werden (zum Bild 4. Verortung der Prozesse im Referenzmodell der Fernsehproduktion [3] Beispiel sollte, wenn ein Online-Mams Content aus einem anderen Mams beziehen kann, auch systemisch sichergestellt werden, dass nur der für Online- Zwecke zu verwendende Content abgerufen werden kann). Umgang mitden eigenenassets: Weitere sehr wichtige Punkte in diesem Kontext sind die Archivierung, Verwaltung und Kennzeichnung des vorhandenen Contents und der daran geknüpften Verwertungsrechte insbesondere dann, wenn der Content weiterverwendet werden und ein Tausch des verwaltenden Systems erfolgen soll. Das Ziel sollte daher sein, die Metadaten und Essencen in einer Form zu archivieren, die möglichst systemunabhängig ist, was mit Blick auf die verfügbaren Standards zum Beispiel bei den Essence-Formaten nicht immer ganz einfach ist. Hier gibt es viele Produktionssysteme oder Videoserver, die entweder keine Standard-konformen Files erzeugen oder den Standard so exakt auslegen, dass nicht Standard-konforme Files zu Problemen führen. Für Archive, die aus unterschiedlichen Quellen befüllt werden und selbst unterschiedliche Senken beliefern, bedeutet das, dass eine Normalisierung der eingehenden Files unbedingt erforderlich ist. Nutzungsverhalten und Akzeptanz: Ebenfalls wichtig bei der Projektierung ist die Schaffung der notwendigen Akzeptanz für neue Systeme genauso wie die Abschätzung des zu erwartenden Nutzerverhaltens. Die Herausforderung besteht darin, die Erwartungen der Nutzer zu managen, die geprägt sind durch die mittlerweile sehr günstige Consumer- Technik und davon ausgehen, dass etwa die Arbeit mit professionellen Videoformaten ähnlich problemlos und schnell über die Bühne geht, wie auf dem heimischen PC, auch wenn eine ganze Redaktion gleichzeitig auf das Material zugreift. Materiallogistik Organisation Die Materiallogistik stellt in einem großen Medienunternehmen gemessen an der Bedeutung und dem dafür betriebenen Aufwand nicht nur einen unterstützenden Prozess dar, sondern gehört zu den Kernprozessen (Bild 4). Damit Planung, Verarbeitung und Distribution von Content erfolgen kann, ist es notwendig, große Mengen an Content gezielt und effizient zwischen internen Produktionsorten und mit externen Dienstleistern auszutauschen. Das wird umso wichtiger, wenn einmal produzierter Content auf unterschiedlichen Distributionskanälen für die Zuschauer verfügbar gemacht werden soll und das möglichst zeitnah. Dabei ist es wichtig, dass nicht nur die Essence sondern auch die dazugehörigen Metadaten in einer nutzbaren Form verfügbar sind, sodass eingehendes Material an jedem Punkt im Prozess für Redakteure, Cutter oder andere am Produktionsprozess beteiligte Kollegen identifizierbar bleibt und über die im Laufe des Produktionsprozesses entstandenen Metadaten für die zielgruppengerechte Aufbereitung genutzt werden können. Bild 5. Anwendungsarchitektur Materiallogistik Technik Im Bereich der Materiallogistik waren lange Jahre das Band und die Leitungsüberspielung die vorherrschenden Transportmedien. Mit 555

5 der Einführung file-basierter Archive erfolgte zunächst eine zielgerichtete Schaffung von Filetransfer-Wegen zwischen einzelnen Systemen. Diese wurden entweder durch die angrenzenden Systeme selbst, durch spezielle Werkzeuge (Tools) zum Steuern von Filetransfers oder zum Teil auch manuell gesteuert. Als nächster konsequenter Schritt erfolgte Anfang des Jahres 2011 die Einführung einer eigenen zentralen Filebased Material Exchange Plattform (FME). Diese bedient sich unter anderem der Produkte Signiant, Admira und Aspera (Bild 5, [5]). Die Nutzung unterschiedlichertools soll die erforderliche Betriebssicherheit gewährleisten, damit im Havariefall auch andere filebasierte Wege für den Transport von Material zur Verfügung stehen. Hinzu kommt, dass sich verschiedene Dienstleister auf den Materialaustausch über zum Beispiel Aspera oder Signiant festgelegt haben, und die Pro- SiebenSat.1 Group in der Lage sein muss, mit einer Vielzahl von Produzenten Content auszutauschen. Ergänzend ist weiterhin der Havarieweg zum Beispiel über Bänder oder klassische FTP-Server vorgesehen, sodass die FME-Plattform eine Anbindung an den Ingestund Outgest im zentralen Aufzeichnungsraum (ZAR) hat. Über diese Plattform besteht die Möglichkeit, Content, das heißt Essence inklusive Metadaten, sowohl innerhalb des Hauses zwischen den verschiedenen Produktionsplattformen und Archiven zu verteilen als auch mit externen Dienstleistern wie Produktionsfirmen, Major-Studios oder Synchronstudios auszutauschen. Der Austausch von Essencen und Metadaten erfolgt soweit möglich in den Hausstandards. Dabei handelt es sich um MXF IMX50 bzw. XDCAM HD bei Videofiles und ein eigenes einfaches, erweiterbares XML-Format, das die wichtigsten Content- und Essence-bezogenen Metadaten enthält [5]. Die Übertragung erfolgt dabei insbesondere im Austausch mit externen Partnern bandbreitenoptimiert und verschlüsselt. Darüber hinaus wird sämtliches Material bereits auf Viren geprüft, um für die Zukunft gerüstet zu sein und die Produktionssysteme vor externen Angriffen zu schützen. Die Verteilung des Materials ins Haus hinein kann bei bekannten, vertrauenswürdigen Lieferanten automatisch erfolgen. Bei sporadischen Anlieferungen von weniger bekannten Lieferanten kann sie nach einer Überprüfung der Lieferung auch manuell über eine überall im Hause erreichbare Web-Oberfläche erfolgen. Herausforderungen Bei der Umstellung großer Teile der Materiallogistik von rein band- und leitungsbasierten auf file-basierte Prozesse ist man mit verschiedenen sowohl organisatorischen als auch technischen Herausforderungen konfrontiert. Anpassung von Prozessen und Workflows: Bei technischen Projekten wurde in der Vergangenheit oft die Tatsache vernachlässigt, dass die Einführung technischer und insbesondere file-basiert arbeitender Systeme meist mit der Änderung der Arbeitsweise einhergeht. Vermutlich aus diesem Umstand heraus entstand auch die Anekdote, dass Kollegen, um einen Beitrag wiederzufinden, den sie auf dem einen System produziert hatten und auf ein anderes System transferieren ließen, dem nächsten Kollegen eine DigiBeta- Hülle mit einer MAZ-Karte übergaben, auf der Titel und Material-ID des Beitrages standen. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, sich die betroffenen Workflows bereits vor Einführung eines Systems anzusehen und auch die Auswahl des Systems davon abhängig zu machen, sodass auch in vermeintlich technischen Projekten die künftigen Systemnutzer frühzeitig mit einbezogen und erforderliche Prozessänderungen analysiert werden (Bild 6). Anpassung von Organisationsstrukturen: Neben den Veränderungen auf der Mikroebene sind darüber hinaus auch die Veränderungen auf der Makroebene der Unternehmensorganisation zu berücksichtigen. Die Abteilungs- und Teamstruktur der ProSiebenSat.1 Produktion spiegelte zum Beispiel bis Anfang des Jahres in einem Team den bandbasierten und in einem anderen Team den leitungsbasierten Materialeingang wider. Der filebasierte Materialeingang wurde zwar an Bild 6. Schematische Produktionsprozessdarstellung (Content Creation) 556

6 einigen Stellen bereits stillschweigend mit bedient, jedoch gab es für die entsprechenden Workflows keine eindeutige Zuordnung der Verantwortlichkeit bzw. landete diese implizit bei den technischen Verantwortlichen der verwendeten Systeme. Um diese und ähnliche Probleme zu lösen, wurde im Sinne des Change-Managements eine kleine Arbeitsgruppe aus unmittelbar Betroffenen, Projektbeteiligten und zwei Führungskräften unterschiedlicher Ebenen Bild 7. Schematische Darstellung des steigenden Automatisierungsgrades [3] gebildet, die mit Blick auf die file-basiertenprozessediegesamteunternehmensstruktur auf den Prüfstand stellte und einen Entwurf für eine angepasste, prozessorientierte Unternehmensstruktur erarbeitete. Als erster Schritt wurde Anfang des Jahres 2011 ein neues Team gebildet, das unabhängig vom Medium (Band, Leitung oder File) für den gesamten Materialeingang zuständig ist. Standards und Austauschformate: Weitere Herausforderungen ergeben sich aus der Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern wie den Major Studios, Produktionsfirmen oder Synchronisationsstudios. Dazu gehört die Einigung auf einheitliche Standards zur Übertragung von Essencen und Metadaten, wobei sich zum Beispiel einige Werbeagenturen explizit darauf eingerichtet haben, für unterschiedliche Kunden die jeweils geforderten Formate zu liefern. Selbst wenn die geforderten Formate geliefert werden können, bedarf es häufig mehrerer Runden, bis die Interpretationsspielräume die Standards wie MXF IMX und XDCAM HD zulassen soweit definiert sind, dass alle erforderlichen Systeme mit den Files arbeiten können. Den Austausch mit Metadaten erschwert in einigen Fällen die Tatsache, dass einige Dienstleister wie mehrere Major-Studios noch nicht bereit sind, Essence-Files mit Metadaten auszuliefern, da die Verwaltung der Files intern noch nicht über Asset-Management-Systeme erfolgt und der Auslieferungsprozess rein manuell abgebildet wird. 3G-SDI Interface for Embedded Audio Dolby E Encoder Interface Dolby E Decoder Interface Mixing & Audio Processing Interface NEXUS... more than Digital Audio Routing NEXUS Digital Audio Network DISCOVER STAGETEC INNOVATIONS SALZBRENNER STAGETEC MEDIAGROUP

7 Ein weiteres Thema ist die zum Teil noch nicht vorhandene breitbandige Internetanbindung, was nicht nur bei ländlich gelegenen Produktionsfirmen immer noch ein Problem darstellt. Arbeit mit klassischen IT-Dienstleistern: Gerade im Bereich des File-Austauschs erfolgt die Zusammenarbeit oft mit Dienstleistern, die primär in anderen Branchen tätig sind und daher bestimmte, für den Broadcaster selbstverständliche Anforderungen wie Latenzzeiten, gesicherte Übertragungsgeschwindigkeiten und die Arbeit mit besonders großen Files unterschätzen. Um so wichtiger ist es, auch für diese Bereiche hinreichend Know-how im Hause vorzuhalten, um solche Themen beim Dienstleister gezielt hinterfragen und steuern zu können. Bei sehr produktions- und logistiknahen Themen wie dem Transcoding wird wieder die Strategie verfolgt, diese selbst zu realisieren und zu betreiben, um die Anforderungen schnell und optimal bedienen zu können. Herausforderungen der Projektierung Neben den rein technischen Herausforderungen sieht sich ProSiebenSat.1 auch mit zahlreichen Herausforderungen bei der Projektierung konfrontiert: Beteiligung von vielen Stakeholdern und Dienstleistern: An nahezu allen Projekten im Umfeld sind eine Vielzahl von Stakeholdern aus unterschiedlichen Abteilungen und Unternehmen beteiligt, dieaktivoderpassivanderveränderung technischer Systeme und der dazugehörigen Prozesse beteiligt sind; das ist ein wesentliches Merkmal des file-basierten Arbeitens. Hinzu kommen meist zwei oder mehrere Dienstleister, sodass auch bei einer scheinbar eindeutigen Definition der Projektziele unterschiedlichste Sichtweisen existieren. Das reicht von der Abweichung zwischen der Darstellung im Marketing und dem, was eine Software tatsächlich kann, bis hin zu Anforderungen, die für den Medienbereich selbstverständlich zu sein scheinen (zum Beispiel: ein Outgest muss Timecode-genau erfolgen können oder zum LoRes gehören immer Keyframes) und deshalb nicht gesondert in den Spezifikationen berücksichtigt werden. Volatiles Umfeld: Bei Projektlaufzeiten von ein bis drei Jahren, die für die Umsetzung file-basierter, integrierter Lösungen in der Regel erforderlich sind, ist im Medienumfeld davon auszugehen, dass sich auch sehr zentrale Rahmenbedingungen ändern können. Das kann zum Beispiel die Unternehmenstruktur (der Verkauf eines Unternehmensteils usw.), personelle Besetzungen sowohl im Projektteam als auch im Management sowie technische und organisatorische Schnittstellen oder Standards betreffen. In der Konsequenz führt das auch während der Projektlaufzeit immer wieder zu veränderten Anforderungen, die es zu bewerten und zu priorisieren gilt. Parallele Projektvorhaben: Bedingt durch Veränderungen im Unternehmen (zum Beispiel eine Reorganisation oder Einführung neuer Produkte und Vermarktungsstrategien), Entwicklungen am Markt (wachsende Bedeutung von HD oder ähnlichem) oder gesetzliche Vorgaben (Forderung nach einer durchgängigen Prozessdokumentation für börsennotierte Unternehmen usw.) existieren immer mehrere Baustellen, an denen gleichzeitig gearbeitet wird. Beim technischen Dienstleister, der ProSiebenSat.1 Produktion, waren es im Sommer 2011 zum Beispiel vier gleichzeitig laufende technische Großprojekte im Broadcast-Umfeld. Alle Projekte greifen in der Regel auf denselben Pool von Spezialisten und technischen Ressourcen zu, sodass eine immer detailliertere und projektübergreifende Ressourcenkoordination erforderlich ist. Aus dieser Situation heraus erfolgte zunächst bei der ProSiebenSat.1 Produktion und mittlerweile auch bei der Gruppe seit etwa fünf Jahren eine gezielte, schrittweise und auf das Unternehmen angepasste Professionalisierung des Projekt- und Portfoliomanagements, ohne die das hohe Aufkommen an Projekten gar nicht mehr zu bewältigen wäre. Neben dem personellen Ausbau der Abteilung Projektmanagement gehört dazu auch eine gezielte Weiterbildung und Zertifizierung der Projektmanager. Schlussbemerkung und Ausblick Auch wenn die Brücken zwischen den filebasierten Inseln mittlerweile gebaut sind, wird es noch eine Weile dauern, bis der Verkehr darüber reibungslos abgewickelt werden kann. Denn nur basierend auf dem wachsenden Erfahrungsschatz können die nötigen Feinjustierungen vorgenommen und eine hinreichende Systemstabilisierung erreicht werden. Von zentraler Bedeutung ist dabei das gezielte und weitestgehend automatische Management der knappen Ressourcen. Das zeigt einmal mehr, wie groß die Bedeutung der Materiallogistik mittlerweile geworden ist. Parallel dazu werden die Integrationstiefe und der Automatisierungsgrad in den nächsten Jahren weiter steigen, wobei vor allem die Planungssysteme aus Produktions- Management- und Unternehmens-Management-Ebene immer weiter an die Systeme aus der Asset-Management-Ebene herangeführt werden (Bild 7). Des Weiteren wird die bereits begonnene Integration in Richtung der Systeme für die Diversifikation (Online und ähnliches) weiter vorangetrieben werden. Das betrifft nicht nur den Materialaustausch, sondern verstärkt auch die integrierte Planung, sodass über den Content hinaus auch die im gesamten Planungs- und Produktionsprozess (Bild 6) entstehenden Metadaten prozessübergreifend zur Verfügung stehen. Es ist zu erwarten, dass über die nächsten Jahre in einem ähnlichen Umfang und mit einer ähnlichen Geschwindigkeit Veränderungen an Prozessen und Systemen vorgenommen werden müssen. Umso wichtiger ist es, immer die gesamte Prozess- und Systemlandschaft im Blick zu behalten und sämtliche Projekte übergreifend zu koordinieren. Das kann nur effektiv geschehen, wenn das Knowhow sowohl für die Kerntechnologien als auch für die Kernprozesse auf der einen Seite sowie das methodische Know-how für Prozess- und Projektmanagement auf der anderen Seite fest im Medienunternehmen verankert sind. ı Schrifttum [1] Kloth, C.; Krömker, H.: Referenzmodell für die Projektierung integrierter Fernsehproduktionen. Fachverlag Schiele und Schön, FKT, Jg. 62, 12/2008, S [2] Fehr, M.; Schwarz, T.: Mit neuem Playout Center zur Multi-Plattform-Strategie. Fachverlag Schiele und Schön, FKT, Jg. 63, 8-9/2009, S [3] Kloth, C.: Systemgestaltung im Broadcast Engineering. Verlag Vieweg & Teubner, 2010, S. 20ff, S. 122ff, S. 168ff. [4] Krömker, H.; Klimsa, P. (Hrsg.): Handbuch Medienproduktion. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, S. 21ff. [5] Kloth, C.; Schwarz, T.; Schimmel, A.: Austauschplattform zur Optimierung der Content-Verfügbarkeit

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