Praktische Gutachtenerstattung Was ist zu beachten P. Marx Curricularteil I Günzburg, 15. Juni 2013

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1 Praktische Gutachtenerstattung Was ist zu beachten P. Marx Curricularteil I Günzburg, 15. Juni 2013 PM 1 Die Rolle des Gutachters Der Gutachter ist Sachverständiger Berater des Auftraggebers Er erhebt, erläutert und bewertet medizinische Befunde und andere Tatsachen auf medizinisch-wissenschaftlicher Basis und ärztlichem Erfahrungswissen zur Vorbereitung der Entscheidung über die Anwendbarkeit einer Rechtsnorm auf einen Lebenssachverhalt. Er ist weisungsgebunden Er trifft keine rechtswirksamen Entscheidungen Modif. n. Gaidzik PM 2 1

2 Unterschiedliche Rollenanforderungen Arzt Gutachter Fürsorge für den Patienten Neutralität und Objektivität Arthur Worthington1887 und Visueller Sekundärkortex Vis. Assoziationskortex Objekterkennung Vis. Primärkortex Kontrast-kodierende Neurone Umwandlung physikalischer Reize in bioelektrische Signale Signalweiterleitung an Neurone, die funktionelle Netzwerke ausbilden, die für bestimmte Wahrnehmungen kodieren Die neuronalen Netzstrukturen entstehen durch synaptische Verbindungen, die wir durch Lernprozesse entwickeln. Sie sind mit Wertungen behaftet und gleichen abstrakten Zeichen einer Sprache mehr als einem physikalischen Abbild. 4 2

3 Unterschiedliche Rollenanforderungen Arzt Gutachter Fürsorge für den Patienten Neutralität und Objektivität Wahrnehmung ist ein neuronales Konstrukt erkennender Subjekte Objektivität i.s. von frei von persönlicher Wertung ist eine Illusion! Objektivität erfordert Bezug auf gesellschaftliche Übereinkünfte: 1. Verpflichtung des Gutachters auf den gültigen medizinischen Wissensstand und die entsprechenden Rechtsnormen 2. Transparenz, d.h. Gewährleistung, dass der Erkenntnisvorgang nicht durch Faktoren beeinflusst wird, die nicht kontrolliert werden können z.b. laienverständliche Formulierung PM 5 Unterschiedliche Rollenanforderungen Arzt Gutachter Fürsorge für den Patienten Neutralität und Objektivität Objektivität erfordert: 3. Selbstreflexion, d.h. kritische Überprüfung der eigenen Wahrnehmungen, Wertungen und Erfahrungen Verstehen der Vorstellungen des Probanden Verhaltenskontrolle 4. Überprüfung durch Redundanz Plausibilitätsüberprüfung von Beschwerden und Befunden 5. Kritische Reflexion der Reliabilität und Validität von Untersuchungsbefunden (Befunde haben Indiziencharakter) 6. Fortbildung und interdisziplinärer Diskurs PM 6 3

4 Unterschiedliche Rollenanforderungen Arzt Gutachter Fürsorge für den Patienten Diagnostisches und therapeutisches Bemühen, Unterstützung bei psychischen und sozialen Problemen mit Krankheitsbezug Glaubensgrundsatz Neutralität und Objektivität Erläuterung und Bewertung von Beschwerden, Anknüpfungs- und Befundtatsachen sowie der resultierenden Leistungsfähigkeitseinbußen und Behinderungen, Ggf. Kausalitätsbegutachtung Kritisches Hinterfragen Der behandelnde Arzt kann nicht gleichzeitig Gutachter für den Patienten sein! PM 7 Finale vs. kausale Gutachten Zustands- ( finale ) Gutachten Beschreibung und Erläuterung der bestehenden Gesundheitsstörungen ( Diagnosen )und derdadurch hervorgerufenen Schädigungsfolgen, d.h. der Einschränkungen der Leistungsfähigkeit und der Teilhabe Kausalitätsgutachten Feststellung und Begründung eines ursächlichen Zusammenhanges zwischen einem Schädigungsereignis und einer Gesundheitsschädigung Meistens wird anschließendauch eine Qualifizierung und Quantifizierung der Schädigungsfolgen erbeten. PM 8 4

5 Zustandsgutachten Es werden nicht Gesundheitsstörungen ( Diagnosen ), sondern die dadurch hervorgerufenen Schädigungsfolgen (Einschränkungen der Leistungsfähigkeit und der Teilhabe) entschädigt bzw. anerkannt. Zur Leistungsfähigkeitsbeschreibung reicht nicht aus: Rückenschmerzen Fußheberschwächeo.ä. Sie müssen dem Auftraggeber deutlich machen, was der Proband trotzdem noch kann (positives Leistungsbild) bzw. nicht mehr kann (negatives Leistungsbild) PM 9 Beachten Sie die versicherungsrechtlichen Grundlagen!!! Qualitative und quantitative Leistungseinschränkungen sind z.b. in der gesetzlichen Rentenversicherung genau definiert: z. B. mittelschwere Arbeit Zustandsbegutachtung Arbeiten wie Handhaben von 1-3 kg schwer gehender Steuereinrichtungen, unbelastetes Begehen von Treppen und Leitern. Heben und Tragen von Lasten in der Ebene bis 15 kg oder Hantierungen, die einen gleichen Kraftaufwand erfordern... maximal zumutbare Körperhaltung Ständig - >90% Überwiegend = >50 90% Zeitweise = ca. 10% Im Stehen Im Gehen Im Sitzen PM 10 5

6 Checkliste Gutachten I. Sofort klären II. Formalien III. Anamnese IV. Befunddokumentation V. Zusammenfassung und gutachtliche Erläuterungen VI. Beantwortung der Fragen VII. Liquidation PM 11 Checkliste Gutachten I. Sofort klären: Bin ich medizinisch kompetent? Zusatzgutachten notwendig? Kenne ich mich in dem Versicherungs- / Rechtsgebiet aus? Liegen Hinderungsgründe vor? Besorgnis der Befangenheit? Sind die Informationen ausreichend? Ist die Fragestellung adäquat und verstanden? Ist zeitgerechte Fertigstellung möglich? Entstehen dem Auftraggeber unerwartet hohe Kosten? Besteht Delegationsabsicht? PM 12 6

7 Checkliste Gutachten II. Formalien Briefkopf Benennung des Auftraggebers und des Versicherungs-/Rechtsgebietes Identifikation des Probanden Aktenzeichen Angaben, worauf das Gutachten beruht Akten, klin. / techn. Untersuchungen, ggf. Literaturstudium Datum der Untersuchung Datum der Erstellung Hinweis auf Fragestellung (?) Ggf. Deklaration der Delegation Unterschrift Kontakt mit Parteien außer bei Einbestellung und Untersuchung grundsätzlich nur über Auftraggeber PM 13 Checkliste Gutachten III. Anamnese Anamnese nach Aktenlage nur Daten, die in der Beurteilung diskutiert werden Anamnese nach Angaben des Probanden Anamnese in Hinblick auf das Gutachtenproblem, wesentliche Vorerkrankungen, Familien-, Berufs- und Sozial-Anamnese ggf. biographische Anamnese Probleme: dem Auftraggeber bisher nicht zugängige Befunde Fremdanamnese Geklagte Beschwerden und Behinderungen Tagesablauf ggf. Frage nach Bewältigungsstrategien, vom Probanden vorstellbare Ersatztätigkeiten etc. PM 14 7

8 Checkliste Gutachten IV. Befunddokumentation Neurologischer Befund Nur gutachtlich relevante Befunde Psychischer Befund Angaben zum Verhalten Allgemein-medizinischer Befund Zusatzbefunde Eigene Plausibilitätsüberprüfung! PM 15 Checkliste Gutachten V. Zusammenfassung und gutachterliche Würdigung Dies ist der wichtigste Teil des Gutachtens! Hier muss der Gutachter laienverständlich 1. den Sachverhalt und die vorliegenden Gesundheitsstörungen (nosologische und syndromatische Diagnosen gemäß ICD-10) darstellen und erläutern 2. die aus den Gesundheitsstörungen resultierenden Einschränkungen der Leistungsfähigkeit und Teilhabe darstellen und quantifizieren sowie ein positives und negatives Leistungsbild erstellen 3. ggf. psychische Reaktionen oder inadäquate Beschwerdevorbringungen beschreiben und bewerten PM 16 8

9 Checkliste Gutachten V. Zusammenfassung und gutachterliche Würdigung Dies ist der wichtigste Teil des Gutachtens! Hier muss der Gutachter laienverständlich 4. ggf. Kausalzusammenhänge begründen und den Grad ihrer Wahrscheinlichkeit feststellen 5. ggf. Stellung beziehen zu Attesten und Vorgutachten PM 17 Checkliste Gutachten V. Zusammenfassung und Begutachtung Bedenken Sie, dass der Auftraggeber und der Proband in der Regel medizinische Laien sind, die unser Medizin-Chinesisch nicht verstehen! Sie sind Ihnen dankbar, wenn Sie so informieren, wie es sich für ein Patienten-Aufklärungsgespräch gehört. Das Gutachten ist kein Arztbrief!!! PM 18 9

10 Unverständliches Fachchinesisch Es handelt sich um eine internukleäre Ophthalmoplegie (INO) im Rahmen einer zerebralen Mikrovaskulopathie bei Lupus erythematodes disseminatus mit der Folge einer Diplopie und Bildinstabilität Gefordert ist: Für Nicht-Mediziner verständliche Sprache ohne Verlust an Prägnanz Ein Gutachten wird nicht für den nächsten Gutachter, sondern für medizinische Laien (Auftraggeber) geschrieben!!! Es sollte auch dem Probanden verständlich sein PM 19 Unverständliches Fachchinesisch Es geht auch besser: Es handelt sich um eine internukleäre Ophthalmoplegie (INO). Diese Augenbewegungsstörung äußert sich dadurch, dass der Proband das rechte Auge beim Blick nach links nicht über die Mittellinie bewegen kann, wodurch Doppelbilder entstehen. Zusätzlich kommt es zu Nystagmen (ruckartigen unwillkürlichen Augenbewegungen). Doppelbilder und Nystagmus stören besonders beim Gehen und Lesen. Sie sind mit Schwindel und Gangunsicherheit verbunden. Lesen ist nur für kurze Zeit möglich, wenn das Buch rechts von der Mittellinie gehalten wird; Radfahren und Führen eines Kraftfahrzeugs sind nicht möglich. Ursache der Erkrankung ist ein kleiner Hirninfarkt In Folge einer Entzündung kleiner Schlagadern. Ein Unfallzusammenhang besteht nicht. PM 20 10

11 Checkliste Gutachten VI. Beantwortung der Fragen Sie sind an die Fragestellung gebunden Sie müssen jede Frage beantworten Wenn Sie die Fragestellung für unzureichend oder falsch halten, müssen Sie das dem Auftraggeber vor Erstellung des Gutachtens mitteilen und um Ergänzung oder Berichtigung bitten PM 21 Gutachtliche Fehler Interaktionsfehler Klagsamer, verdeutlichender Patient Abwehrender, aggressiv werdender Gutachter Desinteressierter, oberflächlicher Gutachter Zunehmende Verdeutlichungstendenz des Untersuchten PM 22 11

12 Gutachtliche Fehler Unvollständige Erfassung der Sachverhalte von Beschwerden von klinischen Befunden Unterlassung notwendiger Zusatzuntersuchungen Unnötige Untersuchungen Überbewertung technischer Befunde PM 23 Gleichsetzung von Gutachtliche Fehler Beschwerdeangaben mit Gesundheitsstörung Diagnose mit Leistungsfähigkeitsminderung Ausschluss von Diagnosen und Beschwerden bei nicht hinreichenden technischen Befunden Übersehen von Funktionseinschränkungen z.b. reg. Schmerzsyndrom, psychische Reaktionsbildung mit Krankheitswert Nichtberücksichtigung von Behandlungsfehlern nach Unfällen PM 24 12

13 Gutachtliche Fehler Fehlende oder mangelhafte Darstellung der Einschränkungen der Leistungsfähigkeit und der Teilhabe Fehlende oder mangelhafte Darstellung des positiven und negativen Leistungsbildes Nichtberücksichtigung versicherungsrechtlich definierter Begriffe Leichte, mittelschwere, schwere Arbeiten etc. PM 25 Gutachtliche Fehler Privatdiagnosen Hirnstammtaumeligkeit Zerviko-enzephalesSyndrom Gefordert ist eine Diagnose nach ICD-10 Nichtssagende Diagnosen Zustand nach schwerem Schädelhirntrauma MdE= 70% PM 26 13

14 Gutachtliche Fehler Gefordert ist eine aussagefähige Benennung der Gesundheitsstörungen z.b. statt Zustand nach SHT III 2009 SHT III (Contusiocerebri) [S06.23] mit Hirnprellungsherdenrechts frontal (Stirnhirn), rechts temporal (Schläfenlappen), Sekundärblutung im Mittelhirn und traumatischer Subarachnoidalblutung[S06.5] PM 27 Fortsetzung 1 Die Gesundheitsstörungen bewirken: 1. Leichte Lähmung der linken Körperseite [G81.1] 2. Organisches Psychosyndrom [F07.2] s. hierzu neuropsychologisches Zusatzgutachten Aus den Gesundheitsstörungen resultieren folgende Einschränkungen der Leistungsfähigkeit und Teilhabe: Ad 1. Die Lähmung der linken Körperseite ist leicht ausgeprägt. Sie bedingt eine Feinbeweglichkeitsstörung der linken Hand Einschränkungen beim schnellen Gehen Behinderungen bei Sport- und Freizeit-Aktivitäten PM 28 14

15 Fortsetzung 2 Ad 2. Die neuropsychologischen Störungen sind erheblich Mangelhafte Aufmerksamkeitsfokussierung Erläutern, wie sich das im täglichen Leben auswirkt Störungen der Handlungsplanung und Handlungskontrolle Erläutern, welche Folgen das in Beruf und Freizeit hat Verlust der Emotionskontrolle mit aggressiven Ausbrüchen Erläutern, welche Folgen das im Umgang mit Kunden, Angehörigen etc. hat Wesens- und Persönlichkeitsänderung Erläutern, welche Folgen das für das berufliche und familiäre Leben hat Zusammenfassung des positiven und negativen Leistungsbildes Kann nur in geschützter Umgebung arbeiten, ist nicht mehr fahrtauglich, benötigt dauerhaft Hilfestellung und psychiatrische Betreuung PM 29 Gutachtliche Fehler Unprägnantebzw. gutachtlich nicht relevante Formulierungen Wegen der Schmerzen wird es dem Antragstellern nicht möglich sein, eine neue Arbeitsstelle zu bekommen Aufgrund der Sachlage möchte ich empfehlen Nach den vorliegenden Befunden ist ein Zusammenhang mit dem Unfallereignis durchaus möglich. Gefordert ist Festlegung: Wahrscheinlich Nicht wahrscheinlich Nicht zu beantworten PM 30 15

16 Gutachtliche Fehler Nichtbeachtung des Versicherungs- bzw. Rechtsgebietes Auftraggeber Bewertung Maßstab Addition Entgelt ab Zivilrecht Sozialrecht Gesetzliche Rentenversicherung Gesetzliche Unfallversicherung Soziales Entschädigungsrecht Schwerbehindertenrecht Private Unfallversicherung Haftpflichtrecht Quant. und qual. Leistungsfähigkeitseinschrkg. Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) Grad der Schädigungsfolgen (GdS) Grad der Behinderung (GdB) Grad der Invalidität Gliedertaxe % Einschränkung im ausgeübten Beruf und im Privatleben Sozialmed. Begutachtung in der GRV maßgebliche Literatur, z.b = 100% 5%-Schritte VersMedV, 10 v.h.-schritte VersMedV, 10er-Schritte z.b. +10 = 0 meist Gliedertaxe (z.b 1/1 Arm) nicht definiert, 5%-Schritte global nichtlinear nichtlinear nichtlinear linear 3 bis <6 Std < 3 Std Leistungsvermögen MdE 20 v.h. MdE 25 v.h. GdB 50 alle Folgen global 5% Modifiziert n. B. Widder 31 Erik Liebermann 32 16

17 Checkliste Gutachten VII. Liquidation Gerichts-Gutachten Gesetzl. Unfallversicherung Private Unfallversicherung Haftpflichtversicherung Gesetzl. Rentenversicherung ZVEG* M1, M2, M3 UV-GOÄ GOÄ Empfehlungen der Rentenversicherer * Vergütet wird der Zeitaufwand nach einem Stundensatz + zusätzl. Aufwendungen. Ggf. Pauschalsätze für besondere Verrichtungen PM 33 Die 10 Gebote: Anforderungen an den Gutachter I. Übernahmepflicht II. III. Eigenverantwortlichkeit Objektivität, Neutralität, Unabhängigkeit IV. Medizinische Kompetenz, Berücksichtigung der jeweiligen Rechtsgrundlage V. Vollständige Erfassung der Sachverhalte VI. Laienverständliche Darstellung VII. Beschränkung auf Fragestellung VIII. Termingerechte Erstellung IX. Beachtung der Schweigepflicht X. Beachtung der Verweigerungsrechte PM 34 17

18 Viel Freude und Erfolg! Danke für Ihre Aufmerksamkeit! PM

19 Probegutachten Praktische Gutachtenerstattung P. Marx DGNB 13. ReisensburgerSeminar Modul I 15. Juni 2013 Diagnose ICD - 10 Hirnkontusion S06.30 mit posttraumat. Anfallsleiden G40.2 mit org. Psychosyndrom n. Hirntrauma F07.2 Lumboischialgie, Rückenschmerz M54.3, M54.5 Bandscheibenvorfall, Wurzelkompression M54.4 Spondylarthrose, Osteochondrose M42.9, M47.8 Abgeheilte Querfortsatzfraktur S32.03 Coxarthrose M16.2 Ileosakralgelenksblockierung M99.84 HWS-Syndrom M54.2 Adipositas E66.9 Hypertonie I

20 Ärztliches Gutachten für die gesetzliche Rentenversicherung - Schlussblatt A. Letzte berufliche Tätigkeit Elektroinstallateur Bezeichnung der Tätigkeit Beurteilung des zeitlichen Leistungsvermögens, in dem die letzte berufliche Tätigkeit ausgeübt werden kann Die getroffenen Feststellungen gelten seit Besserung unwahrscheinlich Dauer der Leistungsminderung voraussichtlich weniger als 3 Jahre Verkaufstätigkeit, Elektroinstallationen Verkaufstätigkeit möglich, Installationstätigkeit ausgeschlossen Antragstellung ja nein Ärztliches Gutachten für die gesetzliche Rentenversicherung - Schlussblatt B. Positives und negatives Leistungsbild (Allgemeiner Arbeitsmarkt) 1. Positives Leistungsbild: Folgende Arbeiten können verrichtet werden Körperliche Arbeitsschwere Leicht bis zeitweilig mittelschwer Arbeitshaltung im Stehen zeitweise Arbeitshaltung im Gehen zeitweise Arbeitshaltung im Sitzen überwiegend Arbeitsorganisation Tagesschicht ja Arbeitsorganisation Früh-/ Spätschicht ja Arbeitsorganisation Nachtschicht nein 2. Negatives Leistungsbild Geistig / psychische Belastbarkeit Sinnesorgane Bewegungs-/ Halteapparat Gefährdungs- und Belastungsfaktoren keine Einschränkungen keine Einschränkungen Einschränkungen der Trage- und Hebefähigkeit Keine Arbeiten in Kälte, Nässe, Zugluft Keine Arbeiten in unnatürlichen Körperhaltungen Keine Arbeiten auf Leitern, Gerüsten Keine Tätigkeiten mit erhöhter Unfallgefahr (z.b. an offenen Maschinen, stromführenden Strukturen etc.) Keine Fahrtauglichkeit 20

21 Letzte berufliche Tätigkeit Tätigkeit Anteil Beeinträchtigung [%] Beeinträchtigungs anteil an gesamter Berufstätigkeit [%] Verkauf von Elektroartikeln im Laden, Kundenberatung Supervision eines angelernten Mitarbeiters bei Installationsarbeiten 60 % % 0 0 Arbeiten an stromführenden Strukturen 10 % Autofahrten 10 % Gesamt 100 % 20 % Besteht Berufsunfähigkeit? 21

22 Ärztliches Gutachten für die gesetzliche Rentenversicherung - Schlussblatt B. Positives und negatives Leistungsbild (Allgemeiner Arbeitsmarkt) 3. Beschreibung des Leistungsbildes insbesondere der unter Ziffer 2 genannten Einschränkungen 4. Beurteilung des zeitlichen Leistungsvermögens, in dem eine Tätigkeit entsprechend dem positiven und negativen Leistungsbild ausgeübt werden kann Quantitative Einschränkungen der Leistungsfähigkeit Leistungsfähigkeit: > 6 Std. Einschränkungen der Leistungsfähigkeit und der Teilhabe Nur leichte (bis mittelschwere) Arbeiten Einschränkungen der Körperhaltung bei der Arbeit Einschränkungen der Trage- und Hebefähigkeit Keine Arbeiten in Kälte, Nässe, Zugluft Keine Arbeit an gefährlichen Arbeitsplätzen Keine Arbeiten auf Leitern und Gerüsten Keine Arbeiten an offenen elektr. Schaltungen etc. Kein Führen eines Kraftfahrzeuges 22

23 Checkliste Gutachten IV. Befunddokumentation Fachspezifischer und allgemein-medizinischer Befund Angaben zum Verhalten Zusatzbefunde Festgestellte Gesundheitsschädigung (Diagnose) Qual. und quant. Beschreibung der Funktionseinschränkungen, Behinderungen und der Partizipation Positives und negatives Leistungsbild 45 V. Zusammenfassung und Begutachtung 1. Darstellung der gutachtlich relevanten Anknüpfungsund Befundtatsachen 2. Erläuterung der Gesundheitsschäden (Diagnosen) 3. Darstellung und ggf. Einschätzung psychischer Reaktionen oder inadäquater Beschwerdevorbringungen, falscher Verursachungsvorstellungen, inadäquaten Verhaltens Cave: Aggravation, Simulation 4. Ggf. eingehende Erläuterung der Kausalzusammenhänge und ihrer Wahrscheinlichkeit / Sicherheit 5. Darstellung und Erläuterung der gutachtlich relevanten Leistungseinschränkungen und Behinderungen, ggf. Abgrenzung gutachtlich nicht relevanter Leiden. 6. Quantitative Einschätzung der Unfallfolgen 7. Auseinandersetzung mit Attesten, Vorgutachten, Stellungnahmen 46 23

24 Unverständliches Fachchinesisch Zustand nach SHT III mit temporo-polarem Kontusionsherd rechts, parietaler Contre - Coup Kontusion links, bilateraler SAB und mesenzephalärer Sekundär-Hämorrhagie. Besser beschreiben: Schweres Schädelhirntrauma (SHT III 0 ) mit 1. Hirnprellungsherd im Schläfenlappen der rechten und gegenüberliegend im Scheitellappen der linken Hirnhälfte 2. Subarachnoidalblutung (Blutung in den das Gehirn umgebenden Wasserraum) über beiden Hirnhälften 3. Blutung in das Mittelhirn (Hirnstamm) mit Erläuterung, wie diese durch Druckerhöhung und Massenverschiebung im Schädelinnenraum hervorgerufen wurde 47 Fortsetzung Die Diagnosen lauten SHT III 0 ( ) mit Multiplen Hirnkontusionen ( Traumatischer Subarachnoidalblutung Sekundärer Eiblutung in das Mittelhirn ( Schädelfraktur (, folgenlos abgeheilt) Die vielfachen Hirnverletzungen bedingen folgende Gesundheitsstörungen: 1. Lähmung der linken Körperseite 2. Neuropsychologische Störungen (s. neuropsycholog. GA) Unfallunabhängige Gesundheitsstörungen liegen nicht vor

25 Fortsetzung Aus den Gesundheitsstörungen resultieren folgende Leistungsfähigkeitseinschränkungen und Behinderungen: Ad 1. Die Lähmung der linken Körperseite ist leicht ausgeprägt. Sie bedingt eine Feinbeweglichkeitsstörung der linken Hand, Einschränkungen beim schnellen Gehen, Behinderungen bei Sport- und Freizeit-Aktivitäten 49 Fortsetzung Leistungsfähigkeitseinschränkungen und Behinderungen Ad 2. Die neuropsychologischen Störungen sind erheblich Die mangelhafte Aufmerksamkeitsfokussierung führt zu leichter Ablenkbarkeit, wodurch eigenverantwortliche Tätigkeiten stark eingeschränkt sind. Sie bedingt u.a. Fahrtauglichkeitsverlust Störungen der Handlungsplanung und Handlungskontrolle schränken eigenverantwortliche Tätigkeiten zusätzlich ein. Der Verlust der Emotionskontrolle führt rasch zu aggressive Ausbrüchen, die schwer zu kontrollieren sind Hinzu kommt eine Wesens- und Persönlichkeitsänderung, die die sozialen und familiären Bezüge erschwert. Benötigt dauerhaft psychiatrische Betreuung, MdE = 70% 50 25

26 Gutachtliche Fehler Nichtbeachtung rechtlicher Vorgaben Nichtbeachtung des Versicherungs- bzw. Rechtsgebietes Nichtbeachtung vorgegebener Leistungsfähigkeitskriterien Falscher Bemessungsmaßstab (MdE, GdB, GdS, Invaliditätsgrad) Falsche Arhitmetik von Bemessungsmaßstäben Nichtbeachtung von Vorgaben des Auftraggebers 51 Gutachtliche Fehler Nichtbeachtung rechtlicher Vorgaben Falsche Kausalitätsnormen Nichtbeachtung von Beweislast und Beweisanforderungen Nichtbeachtung von Ausschlusskriterien 52 26

27 Gutachtliche Fehler Interaktionsfehler Klagsamer, verdeutlichender Proband Abwehrender, aggressiv werdender Gutachter Desinteressierter, oberflächlicher Gutachter Zunehmende Verdeutlichungstendenz des Untersuchten 53 Gutachtliche Fehler Diagnose allein aus Übernahme von Beschwerden Rezidivierendes vertebragenes Schmerzsyndrom nach HWS- Schleudertrauma I 0 vor 5 J. MdE = 20% Meist zutreffender: Rezidivierende HWS-Beschwerden Abgrenzung der bei HWS-Beschleunigungstrauma I 0 meist vorübergehenden gegen vorbestehende und nicht traumatisch bedingte Beschwerden: Abgestufte MdE: 30% für 1 Monat 20% für 1 weiteren Monat Danach keine MdE 54 27

28 Gutachtliche Fehler Unprägnantebzw. gutachtlich nicht relevante Formulierungen Nach den vorliegenden Befunden ist ein Zusammenhang mit dem Unfallereignis durchaus möglich. Aufgrund der Sachlage möchte ich empfehlen Gefordert ist Festlegung: Wahrscheinlich Nicht wahrscheinlich Medizinisch nicht zu beantworten 55 Gutachtliche Fehler Gleichsetzung technischer Befunde mit Diagnose oder von Diagnose mit Leistungsfähigkeitsminderung Ausschluss von Diagnosen und Beschwerden bei nicht hinreichenden technischen Befunden Übersehen von Funktionseinschränkungen z.b. reg. Schmerzsyndrom, psychische Reaktionsbildung mit Krankheitswert etc

29 Gutachtliche Fehler Privatdiagnosen, wie Hirnstammtaumeligkeit Zerviko-enzephales Syndrom Gefordert ist eine Diagnose nach ICD-10 Diagnose und Kausalitätsanerkennung allein nach Angaben des Probanden Unkritische Kausalitätsanerkennung allein aus zeitlichem Zusammenhang Gefordert ist objektiver Nachweis 57 Gutachtliche Mängel Fachgebietsüberschreitung Aus einem orthopädischen Gutachten: Zusammenfassend besteht... eine deutliche psychische Überlagerung von Beschwerden, die orthopädischerseits bei Ausschlußdafür bestehender objektivierbarer Ursachen nicht einzuschätzen sind. Orthopädischerseits ist aber anzufügen, dass solche Erscheinungen insbesondere bei Frauen nicht selten bestehen (vor allem im Rahmen der Wechseljahre und danach), aber mit Nachdruck darauf zu verweisen ist, dass Anerkennung solcher Beschwerden dazu führt, dass sich die Betroffene in diesen Problemen bestätigt sieht und die somit von ihr empfundene Problematik weiterhin bestehen bleibt

30 Die 10 Gebote: Anforderungen an den Gutachter I. Übernahmepflicht II. III. Eigenverantwortlichkeit Objektivität, Neutralität, Unabhängigkeit IV. Medizinische Kompetenz, Kenntnis der jeweiligen Rechtsgrundlage V. Vollständige Erfassung der Sachverhalte VI. Laienverständliche Darstellung VII. Beschränkung auf Fragestellung VIII. Termingerechte Erstellung IX. Beachtung der Schweigepflicht X. Beachtung der Verweigerungsrechte 59 Viel Freude und Erfolg! Danke für Ihre Aufmerksamkeit! 60 30

31 61 Beurteilung von Kausalität Conditio sine qua non "Ursache ist jede Bedingung eines Erfolges, die nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele Strafrecht: Äquivalenztheorie Alle Bedingungen sind gleichwertig Begrenzung über Rechtswidrigkeit und Schulderfordernis Das Beispiel Mord mit der Bratpfanne 62 31

32 Beurteilung von Kausalität Conditio sine qua non "Ursache ist jede Bedingung eines Erfolges, die nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele Strafrecht: Äquivalenztheorie Alle Bedingungen sind gleichwertig Begrenzung über Rechtswidrigkeit und Schulderfordernis Das Beispiel Mord mit der Bratpfanne 63 Beurteilung von Kausalität Conditio sine qua non "Ursache ist jede Bedingung eines Erfolges, die nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele Öffentliches Recht: Relevanztheorie Hat das Unfallereignis -im Vergleich zu anderen Faktoren- wesentlich zum Auftreten der Gesundheitsstörung beigetragen? 64 32

33 Beurteilung von Kausalität Conditio sine qua non "Ursache ist jede Bedingung eines Erfolges, die nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele Zivilrecht: Adäquanztheorie Welche Umstände waren -unter Ausschluss unwahrscheinlicher Umständezur Herbeiführung des Gesundheitsschadens geeignet? (Zurechenbarkeit) 65 Gutachtliche Fehler Gutachtlich irrelevante Formulierungen Gutachter legt sich nicht fest:.. Nach den vorliegenden Befunden ist ein Zusammenhang mit dem Unfallereignis durchaus möglich... Aufgrund der Sachlage möchte ich empfehlen Gefordert ist Festlegung: Wahrscheinlich Nicht wahrscheinlich Nicht zu beantworten 66 33

34 Arten von Gutachten Ärztliche Atteste Entspricht einer schriftlichen Zeugenaussage Cave Gutachtliche Äußerungen gehören nicht in ein Attest: z.b. Leichtfertige Diagnose bzw. Angaben zur Ursache: HWS-Schleudertrauma nach Verkehrsunfall am... Formulargutachten Beachte: Problematisch wegen der Einschränkung der Beantwortungsmöglichkeiten Freie Gutachten

35 Zustandsbegutachtung Versicherungs-und Rechtsgebiete: Gesetzliche Rentenversicherung Berufsunfähigkeits(zusatz)versicherung Schwerbeschädigtenrecht Es werden nicht Gesundheitsschädigungen ( Diagnosen ), sondern die dadurch hervorgerufenen Schädigungsfolgen (Leistungsfähigkeitseinschränkungen, Teilhabeeinschränkungen) entschädigt bzw. anerkannt 69 Gutachtliche Mängel Schadensanerkennung ohne Benennung der zu Grunde liegenden Funktionsstörung Zustand nach Schädelhirntrauma MdE = 70% Besser: 1999 Contusio cerebri (Hirnprellungsherde)rechts frontal und temporal (S06.23), traumatische Subarachnoidalblutung (S06.5) Daraus resultierend: Ausgeprägte Hirnleistungsschwäche (Details s. neuropsychologisches Zusatzgutachten) und leichtgradige Halbseitenlähmung MdE = 70% 70 35

36 Gutachtliche Mängel Fachgebietsüberschreitung Aus einem orthopädischen Gutachten: Zusammenfassend besteht... eine deutliche psychische Überlagerung von Beschwerden, die orthopädischerseits bei Ausschluß dafür bestehender objektivierbarer Ursachen nicht einzuschätzen sind. Orthopädischerseits ist aber anzufügen, dass solche Erscheinungen insbesondere bei Frauen nicht selten bestehen (vor allem im Rahmen der Wechseljahre und danach), aber mit Nachdruck darauf zu verweisen ist, dass Anerkennung solcher Beschwerden dazu führt, dass sich die Betroffene in diesen Problemen bestätigt sieht und die somit von ihr empfundene Problematik weiterhin bestehen bleibt. 71 Häufige Gutachtenfehler 1. Untersuchung durch Hilfskräfte 2. Unvollständige Erfassung der Sachverhalte 3. Fehlerhafte Wiedergabe und Interpretation von Anamnese und Beschwerden 4. Interaktionsfehler 5. Unverständliche Sprache 6. Medizinische Fehler 7. Fachgebiets- und Kompetenzüberschreitung 8. Unsachliche gutachtliche Äußerungen 9. Unverwertbare Aussagen 10. Nichtbeachtung der Rechtsverhältnisse 72 36

37 Anforderungen an den Gutachter Unparteilichkeit Medizinisch wissenschaftliche Objektivität und Neutralität. Der Gutachter ist nicht Interessenvertreter des Probanden, des Auftraggebers/der Versicherung oder einer bestimmten medizinischen Schule Unabhängigkeit Keine Verwandschafts- oder Freundesbeziehung Keine enge Geschäfts-oder Berufsbeziehung 73 Anforderungen an den Gutachter Unparteilichkeit Medizinisch wissenschaftliche Objektivität und Neutralität. Unabhängigkeit Keine Verwandschafts- oder Freundesbeziehung Keine enge Geschäfts-oder Berufsbeziehung Eigenverantwortlichkeit Kompetenz Medizinische Kompetenz Kenntnis der Rechtsgrundlagen 74 37

38 Finale vs. kausale Gutachten Zustands-( finale ) Gutachten: Bewertung der Auswirkungen von Gesundheitsstörungen Kausalitätsbezogene ( kausale ) Gutachten: Beurteilung des kausalen (Verursachungs-) Zusammenhangs zwischen Gesundheitsstörungen und einem schädigenden Ereignis 75 Zustandsbegutachtung Es werden nicht Gesundheitsschädigungen ( Diagnosen ), sondern die dadurch hervorgerufenen Schädigungsfolgen (Einschränkungen der Leistungsfähigkeit und der Teilhabe) entschädigt bzw. anerkannt Fußheberschwäche oder Schmerz sind keine Beschreibung von Leistungsfähigkeitseinschränkungen! Sie müssen dem Auftraggeber deutlich machen, was der Proband trotzdem noch kann (positives Leistungsbild) bzw nicht mehr kann (negatives Leistungsbild) 76 38

39 Checkliste Gutachten V. Zusammenfassung und Beurteilung Dies ist der wichtigste Teil des Gutachtens! Er sollte daher auch entsprechenden Raum einnehmen. Hier muss der Gutachter die Anknüpfungs- und Befundtatsachen erläutern, die Gesundheitsstörungen und ihre Folgen verständlich darstellen, Kausalitätserwägungen begründen, das positive und negative Leistungsbild darstellen und die sich daraus ergebenden Einschränkungen quantifizieren 77 Checkliste Gutachten V. Zusammenfassung und Beurteilung 1. Darstellung der gutachtlich relevanten Anknüpfungsund Befundtatsachen 2. Erläuterung der Gesundheitsstörungen (Diagnosen) 3. Darstellung und ggf. Einschätzung psychischer Reaktionen oder inadäquater Beschwerdevorbringungen (inadäquate Kausalisierungen, Aggravation, Simulation) 4. Ggf. eingehende Erläuterung der Kausalzusammenhänge und ihrer Wahrscheinlichkeit / Sicherheit 5. Darstellung und Erläuterung der Gesundheitsstörungen und der daraus resultierenden Einschränkungen der Leistungsfähigkeit und Teilhabe, ggf. Abgrenzung gutachtlich nicht relevanter Leiden. 6. Qualitative und quantitative Einschätzung der Unfallfolgen 7. Auseinandersetzung mit Attesten, Vorgutachten, Stellungnahmen 78 39

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