Jussuf Windischer Brasilien nach 30 Jahren

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1 Jussuf Windischer Brasilien nach 30 Jahren Dr.Mag. Josef "Jussuf" Windischer,geb.1947, katholischer Theologe in Innsbruck, verheiratet mit Veronika Windischer, 4 Kinder. 4 Jahre in Brasilien (in Basisgemeinden in Curitiba/Paraná und im CIMI am Rio Madeira/Amazonas), 15 Jahre in der Brasiliengruppe Innbruck. Mehrere Projektreisen nach Brasilien im Auftrag von Bruder und Schwester in Not (Tirol). Unterricht an berufsbildender höherer Schule und an der Sozialakademie. Sozialarbeit (homeless people, drogenkranke Personen, Integration). Seit in Pension und seit 1.Okt.2011 Generalsekretär von Pax Christi Österreich. Einstimmung 1978 General Ernesto Geisel war noch Präsident Brasiliens. Die brutale, langjährige Militärdiktatur ging seinem Ende entgegen. Wir konnten damals als Entwicklungshelfer des IIZ einreisen, Visum bekamen wir keines. Mit einigen Tricks konnten wir das Touristenvisum verlängern, sogar der Erzbischof von Curitiba (Paraná) half uns dabei. Wöchentlich hatten wir einen Termin bei der Fremdenpolizei. Es waren eigentlich Verhöre: was wir wollen, warum wir mit der Kirche arbeiten, welche Arbeit wir machen usw. Wollte ich eine Frage nicht beantworten, redete ich mich auf meine schlechten Portugiesischkenntnisse aus. Bei den Versammlungen in der Basisgemeinde war immer wieder jemand von der Zivilpolizei dabei. Schwestern und Padres warnten mich frühzeitig. Nach 18 Monaten erhielten wir die Ausweisung. Innerhalb von 7 Tagen sei das Land zu verlassen, bei Nichtbefolgung wurde Festnahme und Haft angedroht. Genau in diesen Tagen wurde unser zweiter Sohn geboren, nach damals geltendem Recht brasilianischer Staatsbürger durften Eltern nicht ausgewiesen werden. Wir durften bleiben. Ich blieb aber offiziell persona non grata. Dieses damalige Faktum wurde auch viele Jahre später offiziell per Amtsblatt bestätigt. Wir, d.h. meine Frau Vroni und unser Sohn Matthias, später noch 2 weitere Söhne, wohnten gemeinsam mit einem Priester in einer Hütte in einem Randviertel, genauer gesagt in der Vila Rex (Curitiba), halfen bei Basisgemeinden, bei der Gründung von Genossenschaften, Gewerkschaften, Kindergärten und Frauenbewegungen mit. Die Oppositionsbewegungen wurden immer stärker. Die ersten Zellen der Partido dos Trabalhadores (PT) bildeten sich an der Peripherie Curitibas (Paraná), an den Peripherien der Großstädte. In unserem Pfarrteam war auch Gilberto Carvalho, engagierter Laientheologe, heute Minister. Er wohnte auch in einer bescheidenen Hütte des Viertels. Er schleuste sich in einer Metallfabrik ein, gründete und animierte die Metallarbeitergewerkschaften Curitibas. Die Streiks begannen in São Paolo, und Belo Horizonte, Curitiba folgte. Die kleine Genossenschaftsbewegung, in der ich arbeitete, war zuständig, streikende Metallarbeiterfamilien zu versorgen und zu ermutigen. Die Militärdiktatur fiel, auch deren Ausläufer, eine Opposition erstarkte, nach wiederholten Anläufen wurde der Metallarbeiter und Gewerkschaftsführer Luis Ignacio da Silva, kurz Lula, zum Präsidenten gewählt. Seine Nachfolgerin wurde Dilma Rouzef. Sie wurde gewählte Präsidentin. Sie stritt nie ab, im Guerillakampf von Araguaia aktiv gewesen zu sein. Sie ist anerkannte, engagierte Präsidentin Brasiliens. Der Kontakt zu den Bewegungen und zu den FreundInnen in Brasilien ist nie abgebrochen. Gegenseitige Besuche fanden statt. Diverse Projekte konnten finanziert werden, Bruder in Not, Dreikönigsaktion und auch die Brasiliengruppen Österreichs leisteten immer wieder Beiträge. Früher Gefängnis -heute Gedenkstätte Ein gefürchtetes Gefängnis der Militärdiktatur (DOPS in São Paulo) kann heute als Museum besichtigt werden. In Videos werden die Szenen in Erinnerung gerufen, welche zum Sturz der Militärdiktatur führten. Kampagnen, die zum Sturz der Militärdiktatur führten,

2 werden im Memorial in Erinnerung gerufen: Amnistia ampla e geral (Große Amnestie für politische Gefangene), Metallurgicos em greve (Metallarbeiter im Streik). Man kann dann auch die im Original belassene Zelle betreten, in welcher Frei Betto und viele andere politisch Verfolgte gefangen und gefoltert wurden. Heute ist das Gefängnis eine Gedenkstätte des Widerstandes: Memorial de resistencia. Ehemals Gefangene, die überlebten, dokumentieren, wie es ihnen damals ging und wie sie heute denken. Das Museum der Migranten - eindrucksvoll und berührend - wurde im ehemaligen Auffanglager São Paulos eingerichtet. Abertausende von Migranten, aber auch von Flüchtlingen waren in diesen Gebäudekomplexen untergebracht, bevor sie sich irgendwo in Brasilien ansiedeln konnten. Heute ist es ein Museum. In diesem Memorial, in dieser Gedenkstätte wird erzählt und dargestellt, was die Einwanderer alles mitmachten, wie viel sie durchmachten - Krankheit, Armut, Entbehrungen waren ihre Wegbegleiter, Anpassungsschwierigkeiten folgten. In dieser Gedenkstätte dankt Brasilien den MigrantInnen, dass sie so viel Heimweh, so viel Entbehrungen auf sich genommen haben, um ein neues Brasilien aufzubauen. Dokumentiert wird voll Stolz, dass sich inzwischen fast alle als stolze Brasilianer fühlen. Im Museum spürt man den Geist von Respekt und Dankbarkeit. Es gibt inzwischen viele und andere Museen in Brasilien, auch Museen, die Geschichtsaufarbeitungen machen, so z.b. auch vom Versagen erzählen, vor allem, wenn es um die ursprünglichen Einwohner, die indianischen Völker Brasiliens geht. Eine späte Geschichtsaufarbeitung fängt erst an. Die Genossenschaften eine rasante Entwicklung Als ich vor 30 Jahren im Genossenschaftswesen in Paraná (CECOMA) arbeitete, steckte das meiste noch in den Kinderschuhen. Konsumenten der Basisgemeinden organisierten sich, um gemeinsam einzukaufen; Kleinbauern organisierten sich, um ihre Produkte, vornehmlich Bohnen, zu vermarkten. Die Gruppen (über 20) trafen sich, um die Lage zu besprechen. Die Genossenschaften wurden von der damaligen Regierung bekämpft und als subversiv eingestuft. Die Genossenschaftsgruppen wurden mit allen möglichen Mitteln bekämpft und auch bedroht. Die damalige Opposition aber meinte: um Gesellschaftsstrukturen zu verändern, bräuchte es: Gewerkschaft, Partei, Genossenschaft und ein Finanzsystem, kontrolliert vom Volk. Einiges hat sich sehr schnell entwickelt. Heute gibt es in Südbrasilien eine Genossenschaftsbank, die CRESOL (Cooperativas de Credito Rural com Interacão Solidária). Mitglieder können Kleinbauern sein, vornehmlich Bauern der sg. agricultura familiar (kleine intensive Landwirtschaft von Familien betrieben), Mitglieder von Bewegungen, welche diese Politik unterstützen. Sie funktioniert mit sg. Kleinkrediten. Für die Mitglieder von CRESOL heißt Armut nicht nur arm zu sein, sondern auch keine Gelegenheit zu Verbesserungen zu haben. Konkret: arme Leute bräuchten bei einer günstigen Gelegenheit rasch und unkompliziert einen Kredit (für Samenkauf, eine Maschine, eine neue Erfindung, Werkzeug, Bau eines Lagers ). Die CRESOL ermöglicht das. Man wird Mitglied, die Gruppe genehmigt, garantiert, verleiht. Es gibt inzwischen schon über 200 Filialen Die Filialen schauen aus wie kleine Bankfilialen in Österreich, etwas einfacher, etwas bescheidener, keineswegs Repräsentativbauten, vielmehr zweckmäßige Büros bzw. Schalter. Die Rückzahlungsmoral ist hervorragend. Das beweisen die Bilanzen. Ein Gründungsmitglied von CECOMA begleitete den Prozess, half beim Aufbau. Diese Genossenschaftsbanken haben eine besondere Werteskala: Umwelt, Produktionsvielfalt, biologischer Anbau, Solidarität werden hoch eingestuft. Es geht also nicht um Gewinnmaximierung, sondern um Wertsteigerung. Insofern unterscheidet sich dieses Banksystem von handelsüblichen Banksystemen. Nach der Teilnahme an etlichen Besprechungen von Führungskräften der Genossenschaften war ich mit großer Bewunderung erfüllt. Insgeheim dachte ich mir, dass ich in dieser Arbeit wieder einsteigen könnte. Das Genossenschaftssystem hat

3 sich aber so rasant entwickelt, dass ein Wiedereinstieg meinerseits ein solides Wirtschaftsstudium (anderer Art) und ein längeres Praktikum erfordern würde. Auf Grund meines Pensionsalters musste ich deshalb von einem Wiedereinstieg Abstand nehmen. Voll Freude bewunderte ich Genossenschaften und all das, was sich entwickelte. Der Pferdefuß: nachdem Brasilien in einer kapitalistischen Wirtschaftswelt leben muss, funktioniert dieses alternative Bankensystem nur integriert im System. CRESOL gibt sich auch keiner Illusion hin. Die Banco do Brasil (Großbank) verwahrt das Geld der CRESOL zu guten Zinssätzen, die Banco do Brasil gewährt Vorschüsse, erfreut sich auch des Wirtschaftsaufschwungs der Kleinbauern und übernimmt viele Kunden der CRESOL, wenn sie größer und stärker sind. Das sind bedauerliche Wirtschaftsrealitäten. Trotz alledem: schön, kleine Banken zu erleben, die sich ethischen Grundsätzen, letztlich auch dem Menschen verschreiben, nicht nur dem Kapital. Landflucht und trotzdem noch ein bisschen Optimismus Vor ca. 30 Jahren organisierten die Basisgemeinden Genossenschaftstreffen im Landesinneren, u.a. in Alvorada (Paraná). Das war und ist ein Gebiet von Kleinbauern (ca. 500 km von Curitiba entfernt) neben Großfazendas. Damals gab es schon den Exodus, heute stehen ein Drittel der kleinen Landgüter leer. Die verbliebenen Bauern pflanzen fast nichts mehr an. Weder die Arbeit, noch der Verkaufspreis von Bohnen, Reis, Mais würden dazu animieren. Die Arbeit ist total hart, der Preis ist sehr niedrig. Dort, wo früher Felder waren, ist heute nur mehr Weideland. Die wenigen verbliebenen Bauern verkaufen Milch. Die Jugend ist ausgewandert. Das Dorf ist kleiner geworden, Schulen haben zugemacht, auch einige Kapellen sind außer Betrieb und verfallen. Wir besuchten viele Familien, es gab sehr berührende Gespräche, einige meinten, man müsste wieder Versammlungen machen, einige erinnerten sich an die Gründungen von Gewerkschaften, vor allem die Gewerkschaft von Pitanga, mit dem berühmten Gewerkschaftsführer Osmano (er kam aus Alvorada).Warum gab es den Niedergang? Einige meinten, weil jeder Bauer für sich arbeitete, für sich vermarktete und so langsam verarmte. Trotzdem sprachen die Bauern von Zukunftsperspektiven: wenn das MST (movimento sem terra = Landlosenbewegung mit Landbesetzungen) in der Region einziehen würde, die hätten eine gute Organisation, Genossenschaften, ein kollektives System, eigene Busse usw. Ja, wenn es nur diese Brücke über den Fluss gäbe, die würden sofort kommen und alles beleben. Es wäre der Beginn einer Landwirtschaft, es gäbe dann sicher wieder ein Transportwesen, Schulen, Geschäfte. Sie wünschten sich so, dass die brachliegenden Ländereien wieder intensiv von Familien bebaut werden würden. Diese Bewegung (MST) wurde früher verfolgt, diese Bewegung hatte viele Märtyrer. Heute ist das MST eine respektierte, manchmal herbeiersehnte Bewegung. Dies gilt für den Großteil der Bevölkerung und auch Landwirtschaftsreformer. Alteingesessene Großgrundbesitzer, die es übrigens noch zur Genüge gibt, auch deren Killer und Jagunços, sind über solche Bewegungen natürlich nicht glücklich. Es gibt in Paraná ca. 100 große Landbesetzungen (je Familien). Das MST wird von der Regierung Dilma z.t. unterstützt und hat radikale Landreformsvorstellungen, denen allerdings weder Lula noch Dilma entsprechen konnten. Eventuelle Vorschläge zur Landreform scheiterten an der fehlenden gesetzgebenden Mehrheit. Ein anderer Umgang mit Straßenkindern In Curitiba und anderen Städten Brasiliens gibt es sie noch immer, aber es gibt immer weniger - und vor allem hat sich in manchen Städten der Umgang mit Straßenkindern geändert. In Curitiba, auch in anderen Städten, wird die Bevölkerung aufgefordert, den Straßenkindern keine Almosen zu geben, sondern sie zu diversen Sozialeinrichtungen zu schicken. In einem Programm können die sg.

4 Straßenkinder gesammelte Rohstoffmaterialien (Papier, Alu, Blech ) sofort gegen Nahrungsmittel eintauschen. Die Straßenkinder werden angehalten doch wieder in die Schule zu gehen, einer Ausbildung nachzugehen und nicht mehr zu betteln. In einem Busbahnhof entdeckte ich sogar einen Anschlag, auf welchem angekündigt wird, dass das Almosengeben strafbar sei. Im Anhang werden verschiedene Anlaufstellen für Straßenkinder angeführt, wohin die Kinder geschickt werden sollen. Ich sah auch Streetworker, welche sich bemühten, mit Straßenkindern in ein geduldiges Spiel und auch Gespräch zu kommen. Interessant, wenn es sozialpolitische Maßnahmen gibt, die strukturell greifen und Straßenkindern helfen. Diese Maßnahmen sind auf lange Sicht sicher zielführender als punktuelle, gut gemeinte Straßenkinderprojekte. CEBs - Kirchliche Basisgemeinden Vor 30 Jahren beschäftigten sich Basisgemeinden mit dem Evangelium, den Sorgen und Freuden der Gemeinden, mit dem sozialen Leben, mit Genossenschaften, mit Gewerkschaften, Stadtviertelvertretungen und der Sozialpolitik. Wir haben jetzt Gemeinden besucht, haben mit Gemeindevertretern gesprochen, sind durch die Stadtviertel spaziert. Es gibt viel weniger Basisgemeinden an der Peripherie Curitibas, die noch aktiv sind. Sie feiern genauso wie vor 30 Jahren, der liturgische Ritus hat sich kaum verändert. Aber die Gesprächsthemen haben sich radikal verändert, es geht selten um Politik, es geht selten um Volksbewegungen, Gewerkschaften, Demonstrationen u.ä.m. Die Inhalte sind eher frommer Natur. Die Leute erzählten, dass viele ehemalige Basisgemeindemitglieder in verantwortlichen politischen Funktionen (Partei, Gewerkschaft, Genossenschaft, Politik, Verwaltung...) sind. Der verbliebene Rest, die noch aktiven Leute vollziehen die Versammlung sehr selbstbewusst, geben dem Meditativen, dem Musikalischen viel Raum, predigen und segnen. Zugleich gehen die Leute auch in die großen Kirchen, in denen Volksfrömmigkeiten und den Priestern viel zentraler Platz eingeräumt wird, von und über Politik sehr wenig geredet wird. Es gibt Pfarren, die die Basisgemeinden immer mehr entwerteten und große Kirchen bauten. Es gibt Pfarren, die engagierte (politische) Priester mobbten, bis sie gingen. Es gibt die Basisgemeinden aber noch immer, aber nicht mehr viele: eine größere Zeitung der Basisgemeinden, in hoher Auflage, hat folgende interessante Schlagzeilen: der feministische Kampf, ein Kampf von allen (luta feminista, uma luta de todos); öffentliches Verkehrssystem, skandalöse Einsparungen: PT kritisiert; ein Internet für das Volk (internet popular) unterstützt und finanziert von der Regierung; Wallfahrtsort St. Rita - Wallfahrt mit Rosen; Papst erinnert an Tauferneuerung; Bibel in feministischer Leseart - so die gestellten Themen. Die Kirchen des Weltkirchenrates (katholisch, lutheranisch, methodistisch, presbyterianisch ) arbeiten nach wie vor zusammen, arbeiten z.t. auch in einer emanzipatorischen, befreienden Tradition (Landarbeiterpastoral "CPT", Indianderpastoral "CIMI", Arbeiterpastoral "Pastoral operaria", Landlosenbewegung "MST" usw ). Es sind aber kleine, bescheidene Kirchen geworden. Evangelikale Gemeinden im Aufwind Was augenscheinlich ist: es gibt viel, viel weniger Basisgemeinden. Die Basisgemeinden sind nicht mehr so politisch. Die Kirche wurde "charismatischer" (z.t. im komischen Sinne) Es gibt sehr, sehr viele neue Kirchen (Sekten), noch mehr Neugründungen, große individualistische Tendenzen. Die Egozentrik scheint zum Kult geworden zu sein. Evangelikale Gruppen, große evangelikale Fernsehstationen mit Ganztagsprogramm, unzählige Berichte von Heilungserfahrungen, Wundern, begeisterten und lauten Gebeten u.ä., diese Kirchen erleben einen Aufschwung. Die sg. Crentes evangelicos (evangelikale Freikirchen) sind inzwischen in Brasilien eine Mehrheit. Einzelne Mitglieder dieser Kirchen arbeiten sicher auch in Gewerkschaften, politischen

5 Parteien oder Volksbewegungen. Die Kirchenleitungen unterstützen aber selbige Option kaum, warnen sogar ihre Mitglieder vor einer Teilnahme. Es gibt in Brasilien hunderte von sg. Freikirchen: Versammlung Gottes, Kirche Jesu Christi, Brasilianische Kongregation, Wahre Kirche des Erlösers, Kirche des Hl. Geistes usw. Am Straßenrand stehen Dutzende von Kirchen mit verschiedensten Bezeichnungen. Manche Kirchen sind so groß wie Messehallen, fassen an die Leute und viel mehr, manche nur Diese Kirchen haben eines gemeinsam: fast alle stehen dem Fundamentalismus sehr nahe. Für sie sind andere Weltreligionen falsch, auch die traditionellen Kirchen, insbesondere die katholische und evangelische sind am Irrweg. Sie beteiligen sich weder am Dialog der Weltreligionen, noch an ökumenischen Treffen. Die Bibel wird einfach, direkt und wortwörtlich interpretiert. Kritische Exegese, zeitgeschichtlicher Kontext und Wissenschaft wird abgelehnt. Die Bekehrung erfolgt in der jeweils neuen Kirche durch die persönliche Jesuserfahrung plus erstmals gültiger Wiedertaufe, vermittelt durch die jeweils neue Kirche: Ich lernte Jesus in dieser Kirche kennen, er hat mich gerettet. Durch den neuen Glauben wird Gesundheit, Glück, Eintracht, manchmal sogar Reichtum versprochen. Demokratiepolitisch sind die Kirchenleitungen der evangelikalen Gruppen eher konservativ bzw. rechts. Die Basisgemeinden waren und sind ihnen immer ein Dorn im Auge, zu politisch. Befreiungstheologie wird von evangelikalen Kirchen schärfstens verurteilt, die Kritik von manchen Päpsten hört sich im Vergleich dazu fast harmlos an. Ein Problem dieser Religionsausübung liegt sicher in der Entfremdung. Religion kann auch entfremden, kann zum Opium werden. Die Kirchenleitungen verlangen auch sehr viel Geld von ihren Gläubigen. Ob es im Sinne Jesu ist, wenn Ungerechtigkeiten gesundgebetet werden, wenn fanatisch gebetet wird, wenn Bibelzitate durch die Gegend fliegen, aber über soziales und politisches Engagement eher gelächelt wird. Ob es im Sinne Jesu ist, wenn Notsituationen durch Hallelujagebete (manchmal histerisch anmutend) verdrängt und vergessen werden, wenn das Engagement an Hilfsprojekt aber abgelehnt wird, übertönt durch Jesus hilft, du musst nur glauben. Am Fronleichnamstag bewegten sich manche kleine bescheidene Prozessionen von katholischen Pfarren durch São Paulo, die evangelikalen Freikirchen versammelten aber am Jesusbekenntnistag einige Millionen Leute. Die Fernsehstationen berichteten begeistert über diesen großen Event, die katholische Kirche wurde in einer kurzen Randnotiz erwähnt. Realitäten haben sich nach 30 Jahren geändert. Die Welt der Freikirchen ist in Brasilien viel präsenter als die kathölische Kirche bzw. die anderen Kirchen des ökumenischen Weltkirchenrates. Nachdenkliches Die Kirche, auch die wohl viel bescheidenere prophetische, befreiungstheologische Kirche hat heute eine andere Funktion wie vor 30 Jahren. Viele Bischöfe wurden durch eher konservative Bischöfe, z.t. sogar Opus-Dei-Bischöfe ersetzt. Auch Volksbewegungen, inzwischen kleiner und institutionalisierter, haben offenkundig heute eine andere Funktion als in Zeiten von Unterdrückung, als in Zeiten einer Opposition. Die Nucleos der PT (Parteizellen an der Basis) gibt es schon lange nicht mehr. Die Instrumentarien der Opposition wurden z.t. staatstragend. Sozialistische Grundsatzziele haben sich der staatstragenden Realität angepasst. Auch wenn die Regierung Dilma auf "Bundesebene" einiges Positives für die Bevölkerung tut, es gibt noch immer parlamentarische Mehrheiten, die in Opposition zu Dilma stehen. Es gibt etliche Landeshauptleute und Bürgermeister, welche einer rechten Politik verhaftet sind. Sie stehen im Dienste von Konzernen, im Dienste von Unternehmern, Großgrundbesitzern, Banken und anderer Interessensvertretungen. Lula und Dilma

6 konnten sich auch nicht gegen die Lobby der Industrie, der Urwaldroder und Umweltzerstörer, der großen Holzfirmen in Belo Monte durchsetzen. Schlimmer noch: sie machten Belo Monte zu ihrem Projekt. Belo Monte wird zum gigantischen. fast größten Stausee Lateinamerikas zur Gewinnung von Strom für große Industrien. Der Protest der Bevölkerung, der Umweltschützer und auch des Bischofs von Xingo, Dom Erwin Kräutler blieb ohne Erfolg. Das Wirtschaftssystem Brasiliens ist neoliberal. Das Wirtschaftswachstum ist enorm. Die Regierungsvertreter der USA und der EU holen sich nicht nur Ratschläge zum Thema Wirtschaft, Banken oder Entschuldung, sie verhandeln sogar in Augenhöhe, um Anleihen zu bekommen. Was sicher stimmt, was uns auch öfters fröhlich stimmte: den Brasilianern geht es besser, es gibt weniger Hunger, abertausende von Familien haben bescheidene kleine Häuser, viele Familien können sich ein Auto, elektronische Geräte und auch Flachbildschirme leisten. In São Paulo herrscht Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, aber auch an Hilfsarbeitern. Viele Menschen sind sehr sehr stolz auf die Entwicklung ihres Brasiliens. Vor 30 Jahren wollten die Genossenschaftsmitglieder wissen, was Sozialdemokratie ist. Sie ließen sich das Modell der Sozialpartnerschaft erklären. Sie kannten den Namen Kreisky. Sie wollten wissen, wie sich die Bauern Europas aus der Leibeigenschaft befreiten, wie Tiroler Bauern Genossenschaften bildeten, was die Bauern taten, damit Genmossenschaften nicht konzernähnlich würden. Natürlich wollten die Leute auch etliche Wirtschaftstheorien kennenlernen und diskutieren: sie fragten nach Kapitalismus, Sozialismus, Liberalismus, sie diskutierten Marx, Engels, Lenin, Mao und Tito. In Zeiten der Militärdiktatur wurde Kuba damals ein interessanter Referenzpunkt. Heute pflegt Brasilien mit sozialistischen Regierungen beste Kontakte, aber auch mit anderen. Am Flughafen traf ich noch 2 große Gruppen von brasilianischen Wirtschaftsstudenten; eine Gruppe flog in die Türkei, die andere flog nach China. Warum sie daselbst 2-3 Jahre studieren wollen, warum sie diese fremden Sprachen lernen wollten? Ja, dort gibt es Wirtschaftswachstum, dort läge auch wirtschaftliche Zukunft. Es scheint, daß der Neoliberalismus sehr viel Macht hat, er droht auch den letzten Rest von Sozialismus zu ersticken. Optimistisch formuliert: vielleicht entwickelt sich aus Brasilien heraus etwas Anderes, vielleicht sogar eine politische Alternative. Hoffentlich nicht erst dann, wenn der Urwald gerodet und São Paulos Verkehr durch Millionen Autos hoffnungslos, vielleicht endgültig verstopft ist. Einerseits freut man sich, wenn es Millionen von BrasilianerInnen besser geht, andererseits bleibt man nachdenklich: die Welt hat ihre Grenzen. Die Ideologie vom freien Markt und unendlichen Wirtschaftswachstum ist verderblich.

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