Ich darf Sie im Namen der beiden Bezirksregierungen Düsseldorf und Köln ebenfalls zur heutigen Fachtagung begrüßen.

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1 Grußwort von Hartmut Müller, Bezirksregierung Köln Sehr geehrter Herr Göbel, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Coelen, sehr verehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler! Ich darf Sie im Namen der beiden Bezirksregierungen Düsseldorf und Köln ebenfalls zur heutigen Fachtagung begrüßen. Die Tagung "Netze der Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe" findet heute bereits zum 16. Mal statt eine gewachsene Kultur"! "Partizipation von Kindern und Jugendlichen" beschäftigt uns in der Schule und in der Jugendhilfe und stellt eine besondere Herausforderung dar. Was verstehen wir unter dem Begriff "Partizipation"? Auf Grund der rechtlich verankerten Schulpflicht, geht es dabei aber nicht nur um die bloße Teilnahme. Vielmehr steht "Partizipation" in unserem Kontext für darüber hinausgehende Formen von Beteiligung, Mitsprache, Mitwirkung und Mitbestimmung. Das wiederum bedeutet das Einbeziehen von Kindern und Jugendlichen in Entscheidungen auf der Grundlage von Willensbildung. In den pädagogischen Arbeitsfeldern steht der Begriff Partizipation also für das Einbeziehen der Kinder und Jugendlichen bei allen sie betreffenden Ereignissen und Entscheidungsprozessen. An dieser Stelle drängt sich die Frage auf: Ist Partizipation in Schule ein optionales Angebot oder ein Recht? In der "Konvention über die Rechte des Kindes" der Vereinten Nationen von 1989 gehören die Gleichbehandlung, das Kindeswohl, das Recht auf Leben und persönliche Entwicklung und eben auch die Achtung vor der Meinung und dem Willen des Kindes zu den Grundprinzipien. Kinder haben demnach ein Recht auf freie Meinungsäußerung, einen Anspruch auf Kind gerechte Information, auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, auf Freizeit und Beteiligung am kulturellen und künstlerischen Leben. In Artikel 7 der Verfassung des Landes Nordrhein-Westfalen werden als vornehmliche Ziele der Erziehung u.a. benannt, "die Bereitschaft zum sozialen Handeln" zu wecken und Jugendliche "im Geiste der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit zu erziehen". Daraus abgeleitet wird im Schulgesetz NRW als Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule u.a. formuliert: 1

2 Die Schule "fördert die Entfaltung der Person, die Selbstständigkeit ihrer Entscheidungen und Handlungen und das Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwohl, die Natur und die Umwelt. Schülerinnen und Schüler werden befähigt, verantwortlich am sozialen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, beruflichen, kulturellen und politischen Leben teilzunehmen und ihr eigenes Leben zu gestalten" (vgl. 2 Abs. 4 SchulG). Die Schülerinnen und Schüler sollen lernen, "selbstständig und eigenverantwortlich zu handeln" und "die eigene Meinung zu vertreten und die der anderen zu achten" (vgl. 2 Abs. 6 SchulG). Es besteht somit ein Recht auf Partizipation! Eigenverantwortliches Handeln in gesellschaftlichen Bezügen zu erlernen wird aber nur dann gelingen, wenn man in der Erziehung schon früh Beteiligung und Mitverantwortung zulässt. Damit wird deutlich, dass es sich bei der Partizipation von Kindern und Jugendlichen nicht nur um eine Option - d.h. um ein fakultatives Angebot von besonders engagierten Pädagoginnen und Pädagogen - handeln kann. Partizipation ist vielmehr obligatorischer Bestandteil der Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen. Es stellt sich nun die Frage: Wie ist Partizipation in der Schulorganisation verankert? Die Schülermitwirkung wurde in Nordrhein-Westfalen schon seit 1979 per Erlass geregelt. Im Schulgesetz NRW wird zur Schulverfassung gefordert: "Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Schülerinnen und Schüler wirken in vertrauensvoller Zusammenarbeit an der Bildungs- und Erziehungsarbeit der Schule mit und fördern dadurch die Eigenverantwortung in der Schule" ( 62 Abs.1 SchulG). In 42 Abs. 2 SchulG NRW heißt es außerdem, dass Schülerinnen und Schüler "... an der Gestaltung des Unterrichts und sonstiger schulischer Veranstaltungen zu beteiligen" sind. Der Schülervertretung (SV) kommt die Aufgabe zu, die Interessen der Schülerinnen und Schüler wahrzunehmen: "Sie vertritt insbesondere deren Belange bei der Gestaltung der Bildungs- und Erziehungsarbeit der Schule und fördert ihre fachlichen, kulturellen, sportlichen, politischen und sozialen Interessen. Sie kann sich durch die Mitwirkung in den Gremien an schulischen Entscheidungen beteiligen sowie im Rahmen des Auftrags der Schule übertragene und selbstgewählte Aufgaben durchführen und schulpolitische Belange wahrnehmen" ( 74 Abs.1 SchulG). In den Schulen werden Klassen- oder Jahrgangssprecherinnen bzw. -sprecher, der Schülerrat und die Schülersprecherinnen bzw. -sprecher gewählt. Gleichfalls können Schülerversammlungen im Benehmen mit der Schulleitung einberufen werden. Vom Schülerrat gewählte Verbindungslehrerinnen bzw. -lehrer unterstützen die Arbeit der Schülervertretung. Schülervertretungen können auf örtlicher oder überörtlicher Ebene zusammenwirken und ihre Interessen gegenüber Schulträger und Schulaufsicht vertreten (vgl. 74 Abs. 2 ff SchulG). 2

3 Soweit die schulorganisatorischen bzw. -rechtlichen Voraussetzungen. Sie werden sich jetzt fragen: Welche Qualitätsmerkmale für die Partizipation von Kindern und Jugendlichen werden von der Schule erwartet? Im Referenzrahmen zur Schulqualität in Nordrhein-Westfalen sind im Inhaltsbereich Schulkultur viele Hinweise zur Partizipation von Schülerinnen und Schüler enthalten. U.a. heißt es hier: "Die Schule verfügt über eine demokratische Gestaltungs-, Diskussions- und Streitkultur." "Die Gestaltung des Schullebens ermöglicht den Schülerinnen und Schülern, demokratisches Handeln zu erleben, aktiv handelnd zu erfahren und zu reflektieren." Konkretisiert wird dies durch Indikatoren wie z.b.: "Die Schule sorgt dafür, dass Schülerinnen und Schüler ihre Interessen aktiv einbringen können und Vorschläge von Schülerinnen und Schülern wertschätzend einbezogen werden." "Die Schule stellt sicher, dass alle Schülerinnen und Schüler über Handlungsfelder, Funktionen und Ämter der Schülervertretung informiert sind." Heute möchte ich die Handlungsebenen des Landes betonen, die die Umsetzung von Partizipation in der Schule gewährleisten sollen: Im Schuljahr 2006/07 wurde in Nordrhein-Westfalen die "Qualitätsanalyse an Schulen" landesweit eingeführt. Hierbei handelt es sich um eine externe Evaluation der schulischen Arbeit durch speziell ausgebildete Prüferteams. Neben dem Unterricht und der Schulentwicklung wird entsprechend des Qualitätstableaus im Bereich Schulkultur auch die Partizipation in den Fokus genommen. Im Rahmen des Schulportfolios, des Schulprogramms und in jeweils getrennten Interviewgruppen mit Lehrkräften, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler wird die Qualität der Arbeit in den Schulen erfasst. Für den Aspekt "Partizipation" gilt dabei als... "Verbindliches Kriterium: Die Schule fördert die Arbeit der Schülervertretung und beteiligt sie am Schulentwicklungsprozess." sowie: "Die Schülerinnen und Schüler beteiligen sich aktiv am Schulleben." Die Ergebnisse in Bezug auf die genannten Indikatoren stellen sich bisher positiv dar. Schulen nehmen das Thema an und sie gestalten es! Dennoch bestehen in Schule und gerade im Unterricht auch Grenzen der Partizipation, wenn wir an die curricularen Vorgaben in den Fächern denken. Hier gilt es Spielräume zwischen den kompetenzorientierten Kernlehrplänen und der 3

4 konkreten methodischen und didaktischen Umsetzung im Unterricht im Sinne einer Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen zu nutzen. Nicht zuletzt ist hier auch auf die zunehmende Bedeutung und die Forderung nach Einbeziehung des "Schüler-Feedbacks" im Rahmen der Unterrichtsentwicklung hinzuweisen. Der Untertitel der heutigen Fachtagung lautet: "Was geht in Jugendhilfe und Schule?" Also: Wie wird Partizipation von Kindern und Jugendlichen in Schule und Jugendhilfe tatsächlich umgesetzt? Hierzu möchte ich auf ein gemeinsames Handlungsfeld eingehen, in welchem die Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe in den vergangenen Jahren sukzessive gewachsen ist: Der Ganztag! Nach dem quantitativen Ausbau der Ganztagsangebote an den Schulen in NRW sowohl in der Primar- als auch in der Sekundarstufe beschäftigt uns verstärkt die Qualitätssicherung und entwicklung des Ganztags. Mit seinem Ausbau hat sich nicht nur der Aufenthalt von Kindern und Jugendlichen in der Schule zeitlich verlängert. Schule wird vielmehr mit Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, Arbeitsgemeinschaften, Projekten und Freizeitangeboten um neue Schwerpunkte erweitert. Schule wird mit dem Ganztag zu einem immer wichtigeren Lebensraum für Kinder und Jugendliche. Gerade deshalb ist deren Mitwirkung bei der Gestaltung des Ganztags zur Förderung von Akzeptanz und zur Persönlichkeitsentwicklung von großer Bedeutung. Wie ist es hier um die Beteiligungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen bestellt? Der Bildungsbericht Ganztagsschule NRW (BiGa) von 2014 beinhaltet dazu wichtige und z.t. ernüchternde Erkenntnisse zum Thema Partizipation, denen wir uns gemeinsam stellen müssen. Anhand der Rückmeldungen von Schülerinnen und Schüler der 7. Klassen wird deutlich, dass sie selbst ihre Möglichkeiten zur Mitgestaltung und Mitwirkung insgesamt nur auf einem niedrigen Niveau einschätzen. Nicht nur bzgl. des Menüplans für das Mittagessen, der Gestaltung von Lernzeiten oder der Angebote in Arbeitsgemeinschaften werden Einfluss- bzw. Mitbestimmungsmöglichkeiten als gering ausgeprägt wahrgenommen. Offensichtlich fühlen sich die Schülerinnen und Schüler von den Erwachsenen überwiegend fremdbestimmt. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass im Ganztag die Beteiligung und Mitwirkung von Schülerinnen und Schülern im Sinne einer ernstgemeinten Partizipation noch deutlich besser gestaltet werden muss. Insbesondere im Ganztag sollten inhaltliche Abstimmungsprozesse mit den Erwachsenen und Selbstbestimmungsmöglichkeiten der Kinder und Jugendlichen deutlich an Bedeutung gewinnen. 4

5 Es gibt also noch viel zu tun! Gestatten Sie mir, dass ich hierfür ein wesentliches Fazit aus dem Bildungsbericht Ganztagschule (BiGa) zitiere: "Ganztag für Schülerinnen und Schüler heißt Ganztag mit Schülerinnen und Schülern gestalten!" Hierzu möchte ich abschließend auf das Themenheft 27, welches die Serviceagentur Ganztägig Lernen Nordrhein-Westfalen in Münster (ISA) 2014 zum Thema "Partizipation von Schülerinnen und Schüler im GanzTag" herausgegeben hat, hinweisen. Frau Dr. Helle Becker stellt darin Checklisten zur Partizipation vor, u.a. zu den Bereichen Information, Schülervertretung, Unterricht, Schulleben und Ganztag. Diese ermöglichen es vor Ort einerseits den Ist-Stand anhand von praxisorientierten Indikatoren zu prüfen und daraus andererseits Schwerpunkte für die Weiterentwicklung abzuleiten. Ich hoffe, dass Sie in der heutigen Fachtagung für Ihre Arbeit in Schule und Jugendhilfe wichtige Impulse und Erkenntnisse für eine Stärkung der Partizipation von Kindern und Jugendlichen gewinnen können. Dabei sollten der Thematik entsprechend gerade die Kinder und Jugendlichen mit ihren Erfahrungen und Interessen in den Praxisforen zu Wort kommen und Gehör finden. Ich freue mich, dass heute auch Schülerinnen und Schüler - sozusagen in eigener Sache - angereist sind und begrüße euch ganz herzlich! In diesem Sinne wünsche ich der heutigen Netze-Tagung einen erfolgreichen Verlauf und danke allen, die zur Organisation, Durchführung und nicht zuletzt zur inhaltlichen Ausgestaltung beitragen! Mein Dank gilt insbesondere Herrn Alexander Mavroudis, der sich in besonderer Weise für die gewachsene Kultur der "Netze-Tagungen" verdient gemacht hat und die heutige Tagung wieder moderieren wird. 5

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