Da werden Erinnerungen wach...

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1 Da werden Erinnerungen wach... 1

2 Ich weiß, dass manches von dem, was mir in der Johannes Gutenberg Universität den Becher der Jugend schäumend gefüllt, in meinem Gedächtnis schwächer werden und seine Farben und seinen Duft verlieren wird. Mainz nicht. Ich sehe die Alma Mater, den Dom und den Strom und die Brücken darüber, - immerdar, klopft mein Herz. (Zuckmayer, kursiv der Schreiber) 2

3 Am Montag. 22. Mai 2006 feierte die Johannes Gutenberg Universität mit einem Festakt ihr 60jähriges Wiedererstehen. Ich war als Gast geladen und wurde am Nachmittag mit der Überreichung der Goldenen Promotionsurkunde geehrt. So oft ich auch die Universitätsbibliothek benutzte oder auch zu einem Vortrag auf dem Campus war, noch nie wurde mir die innere Verbindung zu dieser Alma Mater so bewusst. Eine ungeahnte Fülle von Erinnerungen stiegen dabei und auch noch an den folgenden Tagen auf. So entstand die Idee, sie aufzuschreiben. Beginnen will ich mit einer Warnung. Dies ist kein objektiver Bericht, abgesehen davon, dass ich davon ausgehe, dass es keinen objektiven Bericht geben kann. Ich bin gleichzeitig Schreiber und Täter (Grätzel), bewusst und unbewusst selektierend, gewichtend, färbend auch mit den Erfahrungen eines langen Lebens (81) rosarot verfälschend. Zum SS 1948 kam ich von Münster nach Mainz und schrieb mich in der Katholisch-Theologischen Fakultät ein. Der Wechsel übertraf alle meine Erwartungen. Ich stamme aus einer liberal katholischen Familie; der Vater Schwabe, Diplomlandwirt; aus Schwaben geflüchtet wegen der Kleinkariertheit der Schwaben (Mutter), Pächter der Stadtgüter von Metz, 1920 Chef der Landwirtschaftskammer in Karlsruhe, 1929 oder 1930 von Reichskanzler Brüning nach Breslau berufen als Chef der Schlesischen Landgesellschaft mit dem speziellen Auftrag der Entschuldung der schlesischen Landjunker, monarchistisch-deutschnational, 1933 aus dem Amt verjagt, eingesperrt, 1940 an den Folgen gestorben; die Mutter Lothringerin, erzogen in französischen oder französisch ausgerichteten Internaten. Das Essen bei uns war eine Mischung aus französischer und schwäbischer Küche: preußische Kartoffeln schmecken, wenn sie durch den Magen des Schweins gewandert sind war ich aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen worden ins Nichtstun und lebte bei einem Bruder meines Vaters, Studiendirektor für Deutsch und Geschichte, Dr. Theodor Abele. Aus Lust begann ich bei einem ehemaligen Chefdolmetscher im Führerhauptquartier Französisch zu lernen. Außerdem begann ich zu lesen, wahllos links oben in der Bibliothek meines Onkels von einigen tausend Büchern nach rechts unten: Plato, Thomas, Goethe, - hier entdeckte ich an dem Wort Wahlverwandtschaften, 3

4 dass ich mir Verwandte wählen darf Hefele, Haecker, Bonaventura, Freud, Stifter, Rilke,.... Münster war eine verstaubte, hoch konservative Fakultät und U- niversität. schwarz, Paderborn, Münster steigerten Studenten (ich benutze das Maskulinum aus Bequemlichkeit; es ist keine Diskriminierung der Studentinnen) das Adjektiv schwarz Es gab nur wenige Lichtblicke, wie Prof. Wust, den katholischen Existenzphilosophen; mein Philosophieprofessor zog, als ich eine Frage im Zusammenhang mit Wusts Denken zog, seine berüchtigte Schublade mit dem Etikett anathema! auf. Und dann Mainz! Zwei Motive brachten mich in diese Stadt, kompliziert durch die Notwendigkeit eines Visums: Einmal, ich wollte wo anders hin und, sehr nüchtern, die Universität hatte vor kurzem verfügt, dass ich keine Ziegelsteine mehr klopfen brauchte, was ich in Münster zu genüge getan hatte. Zum andern meine frankophile Liebe. Ich hatte französisch gelernt wegen des Klangs der Sprache. Dazu trafen sich in der Wohnung meines Onkels alte Freunde aus seiner Studienzeit in Straßburg, Robert Schuman sowie ein Bischof aus der Dordogne, dessen Namen ich vergessen habe; ich durfte an den Gesprächen dabei sitzen und auch fragen. Sie erzählten auch, wie es in Frankreich aussieht und was sie bewegt. Nebenbei: In dieser Wohnung trafen sich anlässlich der ersten Bischofskonferenz in der britisch besetzten Zone eine ganze Reihe Bischöfe (nicht Graf Galen!!), der Jesuit P. J. Hirschmann, Romano Guardini; viel später Brüning und Schuman. Mit einem Köfferchen, gekleidet in eine schwarz gefärbte Hose, ein olivfarbenes Hemd, beide von der US Armee, und einer schwarz gefärbten Drillichjacke der ehemaligen deutschen Luftwaffe auf sie war ich stolz, war sie doch im Gegensatz zu Heeresklamotten elegant kam ich aus dem Mainzer Hauptbahnhof, stand an der O-Bus-Haltestelle und wartete. Ich erlebte einen Schock meines Lebens: Eine völlig fremde Frau spricht mich von der Seite an Wo wolle se denn hi? Uf de Uni? Wo war ich hingeraten! Dazu passt:fastnacht 1950 in einem Weinhaus in der Hinteren Bleiche, berühmt für seine riesigen Portionen. Ich saß auf der Bank, eingeklemmt zwischen lachenden, schwätzenden, essenden Menschen und las (!) auch während des Essens. Um mich entstand Unruhe die mich nichts anging. Und dann ging es los: Ich wurde von allen Seiten beschimpft, verstand überhaupt nicht, worum es ging außer, d i e wollten mich da raus haben, das tut man 4

5 hier nicht, da macht man mit. Ich habe den letzten Bissen geschluckt, gezahlt und bin vor dem Volkszorn geflüchtet. Dann ging die Zimmersuche los. Irgendein Student auf dem Campus sagte mir: Vergiss Mainz! Als ich ratlos, ich war ein Fremder in einer völlig unbekannten Gegend, die Stadt nur Trümmer, auf einer Treppenstufe saß, sprach mich ein anderer Student evangelische Theologie an und frug, was los wäre. Als er meiner Not hörte, meinte er komm mit, wir finden was und dann ging es zu Fuß zum Rhein, über die Brücke, durch die Kontrolle der Amerikaner nach Kostheim zur Familie Schmitt. Unterm Dach gab es drei Dachkammern, zwei schon belegt, ich bezog die Dritte: RM 25 inklusive Frühstück ich habe erst in den nächsten Tagen begriffen, was ich für ein Glück hatte. Der Mann war Werkzeugschlosser, hatte Arbeit, wie ich lernte, schwere körperliche Arbeit und bekam extra Essenmarken. So gab es zum Frühstück dicke Butterstullen; ab 1949 auch Butterbrote mit in die Uni. - Das Waschbecken stand auf dem Speicher auf einem Dreifuß, daneben die Wasserkanne, das Wasser im Winter tief gefroren. Die Toilette war auf dem Hof: Plumps mit Rückantwort. Am nächsten Tag ging ich mich anmelden; dann zu den Amerikanern in Kastell für den Passierschein und besorgte mir in deren Abfallladen Schmitt s hatten mir einen Bollerwagen geliehen - einen Feldofen, 20 Zoll Durchmesser, rund, 25 Zoll hoch. Und auf dem Rückweg beim Holzwerk Abfallholz zum Heizen des Zimmers. Einen Kaminanschluss gab es. Damit war ich etabliert. Dann, am nächsten Tag, drei Tage vor Vorlesungsbeginn, begann ich, die Geographie des Campus zu erforschen und Johannes- Gutenberg-Universitäts-Luft zu schnuppern. Um 10 Uhr auf dem Hof traf sich alles, scheinbar kannte jeder jeden; niemanden störte, wenn ich mal stehen blieb und zuhörte; Chemiker waren am Geruch erkennbar, wie ich lernte es war eine neue Welt. Die ersten Vorlesungen: Prof. von Rintelen, ein mächtiger, stolzer Löwe, der vor uns hin- und herging und lehrte und zum Nachdenken einlud; Bollnow faszinierend, ein wenig in seiner Art zu denken an Peter Wust erinnernd ein Verlust als er nach Tübingen ging; Karl Holzamer, das konnte ich schneller lesen und e- ditierte, ein Jahr später, seine Vorlesungsmanuskripte, von Studentinnen, die viel fleißiger als ich mitschrieben, bekam ich die Scripten. Später Prof. Martin; bei ihm lernte ich das angehäufte 5

6 Wissen Kant zu ordnen und kantisch denken. Sein Buch, das mir irgendwie verloren ging, vergriffen, vermisse ich sehr. Käsemann, evangelischer Neutestamentler, zu seinen Füßen saßen Studenten aus allen möglichen Fakultäten, genial in der Auseinanderfaltung seiner für mich revolutionären Überlegungen; Löw, auch protestantischer Theologe, bei dem ich in-dogmatik- Denken begriff und lernte; Prof. Dr. Schwamm ihn habe ich geliebt. Er war völlig anders als alle anderen katholischen Theologieprofessoren: Er betete vor der Vorlesung frei formuliert z.b. Gott, ich danke Dir, dass Du den Wein wachsen lässt. Er schmeckt so gut. Er erzählte, wie oft er schon, in welchen Fächern lehrend, das Credo beschwören musste; Prof. L. Lenhart, Kirchengeschichte bei ihm erfuhr ich, wie faszinierend Geschichte sein und welche Facetten sie haben kann, wenn ich ein Ereignis in den Zusammenhängen der Zeit und des Umfeldes betrachte. Er hat mich dann auch im Promotionsverfahren im Nebenfach Kirchengeschichte geprüft; Reatz, Dogmatik ich saß in der ersten Vorlesungsstunde neben einem Mainzer Theologen, später Professor an dieser Uni. Als er sein Kollegheft aufschlug, sah ich auf der ersten Seite ein großes schwarzes, dickes Kreuz unter dem stand requiescam in pace so war die Vorlesung. Ich beschloss, dieses Fach in meine Liste Studium durch Lesen aufzunehmen, wie dann auch Adler ich war verwöhnt durch die Privatstunden Heinz Schürmanns, später Professor für Neues Testament in Erfurt, Schneider, er betonte die Sätze hebräisch und war nicht anzuhören, und Dr. Dr. Karl Schmitt zu ihm noch später. Erst später, ich studierte bereits Philosophie, kam Prof. Joseph Adam Lortz; Der Lutherforscher! Führend in der kath. Forschung zur Reformationsgeschichte, bahnbrechend für ein geändertes, neues katholisches Lutherbild, Wegbereiter der Una-Sancta-Bewegung. Damals jedoch: Die Fakultät Katholische Theologie verweigerte ihm einen Lehrstuhl, er wurde Mitglied der Philosophischen Fakultät. Ich hatte sein Buch Geschichte der Reformation, 2 Bände, als Lehrling, 1941 (16 J.) gelesen Da ich kein Abitur machen durfte, hatte ich Verlagsbuchhändler im Herderverlag, Freiburg gelernt. Prof. Süß in Latein Meine Damen und Herren, ich freue mich ab nächstem Semester emeritiert frei sagen zu können, was ich will. Meine Damen bleiben sie weg, ich werde das Satiricon offenherzig kommentieren ; dann als Nachfolger Tierfelder, im dringend notwendigen Oberseminar 15 Teilnehmer, in einer haarigen Klausur mit über 200 Bewerbern gesiebt ein Student aus dem Siegerland mit einem unwahrscheinlichen Gedächtnis, er brauchte kein 6

7 Lexikon, später Professor für alte Geschichte, schrieb drei Klausuren, für einen Freund, für eine Studentin, der er Latein für das kleine Latinum beibrachte, und für sich. Mergell ein begeisterter und begeisternder Professor, wenn er z.b. uns Parzival nahe brachte oder Minnesänger; Flemming, die unwahrscheinliche Kompetenz für Barockdichtung und gleichzeitig entsetzlich langatmig in seiner Vorlesung, zum Davonlaufen a- ber ich konnte alles in seinen ausgezeichneten Büchern nachlesen! Auch er prüfte mich später im Nebenfach über die Lyrik Andrea Gryphius. Gegen Ende Prof. von der Heydt. Er war ein Symptom, wie sich WS 1953 die Welt meiner Uni veränderte. Mein Doktorvater hatte mich verdonnert, an einem Seminar Rechtsphilosophie Gerechtigkeit in der mittelalterlichen Philosophie teilzunehmen. Ich erlebte einen mir nur zu gut bekannten Typ: Einst General der Fallschirmjäger hatte er in Gehorsam gegenüber dem Gröfaz (Größter Feldherr/Führer aller Zeiten) tausende von Soldaten in einem längst verlorenen Krieg auf Kreta in den Tod geschickt und war, so schien es mir, immer noch stolz darauf. Ihn hatte der Gläubige Katholik auf den Lehrstuhl gespült. Die Seminararbeiten, auch meine Der Begriff der Gerechtigkeit bei Bonaventura - wurden nach Präsentation eingesammelt, erschienen später in einem Buch ohne Nennung auch nur eines der Verfasser oder, dass Studenten und Studentinnen daran mitgewirkt hatten. Professor Adalbert Erler, Prorektor, Jurist, u.a. Kirchenrecht ihn lernte ich erst kennen, als er bereits nach Frankfurt abgewandert war. Ein Freund, Peter Rotthaus, später in Nordrhein- Westfalen hoch angesehen für sein Reformkonzept für den Knast, gehörte bereits in Mainz zu seinen Doktoranden. Erler vertrat die katholischen Bischöfe vor dem Bundesverfassungsgericht Bundesregierung vs. Kath. Kirche im Konkordatsstreit. Er lud seine Doktoranden zu der Gerichtsverhandlung ein und ich durfte mit. Es war hoch interessant, völlig anders als meine Vorstellung einer Gerichtssitzung, es wurde nicht plädiert, trockene Darlegungen und beeindruckend die Richter in ihrer Majestät. Dazu eine Nachlese mit dem Prof im Kreise der Doktoranden: Präzisieren Sie!; und die Auswirkungen? ; Ihre Argumentation ist unklar;..es war ein Stil, den ich schätzte. Ein Grasen auf fremden Weiden war der Besuch der Vorlesungen über Weinbaukunde, Freitag morgens mit einer Handvoll Hörern und, mit mehreren Händen voll, die Teilnahme an den samstäg- 7

8 lichen Exkursionen. Einem Winzer aus Mußbach, Dr. Otto Sartorius gelang es, einen an Bier und an harte Sachen in Russland bekamen wir regelmäßig unsere Ration Wodka Gewöhnten, an den Genuss des Weines heranzuführen und ihn zu einem Freund dieser Gottesgabe zu machen. Er war Lehrbeauftragter. Die Veranstaltung war innerhalb von BWL für die Söhne der Winzer gedacht. Und dann gab es das Studium generale für manchen Zwang, für mich neugierigen Menschen Anregung und Herausforderung: Ein Chemiker Über Köpervorstellungen der Chemie; Professor Troll machte mich mit Biologie bekannt, die man mir in der Schule vergällt hatte; bei Prof. Rohrbach lernte ich verstehen, wie Mathematiker denken als ich später die Theologie verließ und mein Studium Philosophie hieß, durfte ich Mathematik nicht als zweites Fach nehmen, das ging damals nicht. Nöll von der Nahmer ein Student schwärmte von ihm; so besuchte ich neugierig seine Vorlesung Einführen in die Volkswirtschaftslehre vier Stunden um 8 Uhr; als er in der vierten Stunde immer noch bewies, dass Volkswirtschaftslehre eine Wissenschaft ist, flüchtete ich. Das Forum. Hier fraß, kaute und schluckte ich die Luft dieser Universität. Ich hatte als Soldat gelernt, Informationen zu riechen, zu sammeln, zu analysieren und zu ordnen hier half mir diese Fähigkeit, schnell heimisch zu werden. Was war das völlig andere und für mich faszinierende? Einmal, abgesehen von den Klinikern, hier traf jeder jeden; konnte jeder, unabhängig vom Fach, mit jedem schwätzen es war eine Campus-Universität. Nachrichten verbreiteten sich mit enormer Geschwindigkeit: Wo es etwas Wichtiges oder Interessantes gab, Gerüchte wie die Uni wird wieder geschlossen, Rheinland-Pfalz kommt zu Hessen, in Höchst spielt Louis Armstrong oder singt Ellen Fitzgerald.... Unmerklich, wie ich später, reflektierend feststellte, sog ich den Geist de la liberté ein. Und es gab etwas pragmatisches, wie ich es von den Amerikanern in Gefangenschaft kennen gelernt hatte, what makes them tick. Die Stadt. Mit ihr hatten ich (wir) nichts zu tun. Ich lief durch sie auf dem Weg zur Uni und zurück, Trümmer, Trümmer, Frauen, Kinder, alte Männer, gekerbte Gesichter, Not manchmal hörte ich Knurren: Notwohnungen, nichts zu essen und dann eine Universität zu Beginn des Sommersemester (?) war eine Balkenüberschrift in der Zeitung s Ungeziffer kimmt. Und - auch 8

9 um diese Zeit gab es bereits Lokale, in denen ich ab und an essen ging, wie in das Weinhaus in der Hinteren Bleiche neben einem Kino, oder in die Schifferkneipe am Fischtor, wo die Stammkundschaft Schiffer waren und es Soleier gab, das große Glas stand auf der Theke. Mit den Schiffern kam ich gut zurecht. Ich wusste was über Lastkähne und ihre Schiffer. Der größte Teil der Männer in dem ehemaligen Bataillon, in dem ich diente, waren Oder- und Elbeschiffer gewesen. Und doch war die Stadt in der Uni präsent. Sie hatte ein Stipendium gestiftet, das Gutenbergstipendium: DM 2000 für ein Jahr und Gebührenerlass ohne Fleißprüfungen. Ein Professor musste vorschlagen, ein Kolloquium mit einem fachfremden Professor und einem Vertreter des ASTA und eine vierstündige. mit einem Kennwort versehene Klausurarbeit. Ich erinnere nicht mehr das Jahr, als ich das erste Mal (ich war es zweimal) Stipendiat wurde. Es war unvorstellbar: 2000 DM ein Vermögen. Einmal im Jahr lud Oberbürgermeister Dr. Stein die Stipendiaten zu einem gemeinsamen Abend. Ich saß schräg gegenüber dem Kurator, Herrn Eichholz, ein kantiger Berliner, der die Neigung hatte, alle zu duzen. Als wir nach dem Essen beim Wein saßen, sagte er plötzlich Menneken, ick versteh Euch nicht. Als ich Student war und wir vor vollen Flaschen gesessen haben, eingeladen na! Und Sie sitzen hier und nippen. Dann war was los! Und völlig unabgesprochen der Erste Prost, Herr Kurator!, der nächste Prost, Herr Kurator! und so fort im Kreis. Der Abend wurde lustig. Der Kurator wurde langsam knülle; er begann zu erzählen janz parterre war ick, janz parterre, bei de Hiwis (Hilfswillige = nicht deutsche Hilfstruppen der deutschen Wehrmacht an der Ost-front). Das Studium. Das zentrale Kennzeichen war, ich musste es selbst organisieren, selbst den Studienplan zurechtbasteln, entscheiden, was ich höre, und ausprobieren, wie viel Stunden ich schaffe, es gab keine Hilfe. Den heute vorhandenen wissenschaftlichen Unterbau gab es nicht, nicht alle Ordinarien hatten einen Assistenten. Hier hatte ich aus meiner Ausbildung und Tätigkeit als Nachrichtenoffizier einen großen Vorsprung, ich hatte ordnen gelernt und praktiziert. Dann, die Campus-Universität ermöglichte die Leichtigkeit des Schnupperns in anderen Fächern. Das schuf Breite und übte das über-den-zaun-schauen und es verlangte den eigenen Impuls. Heute ist dies, ein hoher Zugewinn, scheint mir, institutionalisiert, was möglicherweise zu Lasten des Übens der Eigenverantwortung geht. 9

10 Die Studenten. Wir waren eine Mischung aus Kriegsteilnehmern, den Jahrgängen mit Notabitur die in Mainz große Schwierigkeiten hatten; das Notabitur wurde nicht anerkannt und junge Abiturenten, darunter Studenten aus unterschiedlichster sozialer Herkunft. Letzteren Unterschied lernte ich insbesondere im ASTA, kennen und beachten. Und wir brachten in verschiedenster Ausprägung eine Mischung von Realität mit: lernen, fertig werden, was leisten, die neue Welt anschauen; Visionen: eine Welt schaffen, anders, ohne Waffen, ohne Uniform (ich hatte als ich in Gefangenschaft kam, geschworen, nie wieder eine Waffe, Uniform oder einen Orden zu tragen), demokratisch, was immer das auch ist oder sein wird, politisch; und mit Idealen: Toleranz, Respekt vor dem Anderen, gleich wie er denkt was auch schwer fiel, und der mit dem Misstrauen gegenüber ehemaligen Nazis stritt -, Freiheit, noch vor allem von was oder wofür, Unbestechlichkeit nur mühsam lernte der Eine oder Andere der Kriegsteilnehmer, auch ich, den Leuchtturm des Ideals vom Ziel zu trennen, in Unerbittlichkeit nicht rigide zu verurteilen: Dr. Adenauer, der die Nazis wieder hoffähig machte wir brauchen sie und nicht daran dachte, den Opfern der Nazis zu helfen, den ehemaligen HJ-Bannführer, der von seiner Macht schwärmte, den Pfarrer oder Bischof, der den Naziverbrechern half mit Hilfe von Odessa über den Vatikan, Genua, Kairo nach Argentinien zu verschwinden. Und wir waren stolz auf unsere Uni, eine ganz andere Uni. Was haben wir uns gefreut und waren stolz, als das Eingangstor ein strahlendes Kupferdach bekam. Sie war bei all der täglichen Not unser Raum prallen Lebens, ein Freiheitsraum, den wir füllten, ein Platz für effizientes und fleißiges Studium wir zahlten Studiengebühren; Gebührenerlass gab es gegen zwei Fleißprüfungen je Semester ich wünschte, es wäre heute wieder so. Es gäbe keine Studenten, die im vierundzwanzigsten Semester noch nicht wissend, wann mit der Abschlussarbeit beginnen und das bezahlt vom Steuerzahler! Sie war ein Raum für Feiern und Feste, für Miteinader, besonders um 10 auf dem Forum Die soziale Herkunft als Schwierigkeit erfuhr ich zum ersten Mal, als ich begann Lateinnachhilfe zu geben.es war eine Studentin, die das kleine Latinum nachmachen musste. Sie stammte aus einer Arbeiterfamilie; sie war die erste in einer Familie mit sieben Onkeln und einer Heerschar von Kindern, die eine höhere Schule besucht und Abitur hatte und studierte. Sie war nicht mit Lesen als Selbstverständlichkeit aufgewachsen, sie hatte noch nie ein Konversationslexikon gesehen, sie hatte nicht lernen gelernt und 10

11 schon gar nicht, lernen zu organisieren und nun war sie in dieses selbst zu organisierende Studium geworfen und musste schwimmen. Dazu kam, ihre Familie war, mit recht, ungeheuer stolz auf sie wenn sie nach Hause kam, war sie Hahn im Korb und gleichzeitig war sie eine Fremde geworden bei ihren Geschwistern ihren Freundinnen. Die Frau hat gelitten. Und es gab damals noch keine Hilfe. Erst viel später organisierten wir im ASTA Studienberatung. Damals war zuerst Überleben das zentrale Thema ich habe später begriffen, dass es für diese Frau anders und auch um Überleben ging. Essen. Wir hatten Hunger. Ich mit meinem dicken Frühstück war noch gut dran. Ein Winzerssohn, Jurist, später Staatssekretär, ein Freund, den ich fand, brachte mir ab und zu ein Brot und ein Stück Speck mit. Dafür war ich schlank und rank, knapp 100 Pfund. Ab Winter 1949, wenn ich es richtig erinnere, haben wir gehoovert (nach dem Präsidenten Hoover genannte Hoover Speisung) für 10 Pfennige ein Essen: Montag Kakao mit Rosinenbrötchen, ich kaufte Kartoffelstärke und dickte den Kakao ein, dann füllte er den Magen, Dienstag eine Art Brei aus Mais, Mittwoch süßen Brei, wurde aus einem Fertigpulver gemacht, schmeckte, ab Donnerstag Wiederholung: Kakao.... Da ich Mainzer Theologen kannte, die im Seminar verpflegt wurden, hatte ich zwei Marken; so konnte ich abends noch einmal essen. Ich weiß nicht mehr ab wann es in Mainz Lokale gab, in denen es Essen ohne Marken gab. Dann leistete ich mir ab und zu ein Essen. Und, ich schätze Wintersemester 1951 zog ich in das Studentenheim; es ersparte mir den Weg von und nach Kostheim. Wir bewohnten zu Zweit ein Zimmer und kochten zusammen mit zwei anderen des Zimmers gegenüber, abwechselnd jeder eine Woche lang. Einer, er kochte manchmal indonesisch ein Gemisch von Fleisch, gebratenen und rohen Zwiebeln und Reis, hatte eine Freundin, die bei der indonesischen Botschaft in Bonn arbeitete. Von ihr brachte er exotische Gewürze mit., darunter Sambal, eine scharfe Sache. Einem späteren Mitbewohner von mir, Chemiker, hatte ich gesagt, er dürfe nur eine winzige Menge davon nehmen. Als ich zum Essen kam, saß er erschüttert vor dem Topf. Ungläubig hatte er einen vollen Teelöffel genommen es war schlimmer als ein Sikh-Curry, bei dem ich in Bengalen Jahrzehnte später Feuer gespuckt habe. Doch wir konnten Essen nicht wegwerfen, wir waren arm und Fleisch war eine Kostbarkeit. Wir haben das Gericht mit Milch, Wein, Kartoffeln gelängt 11

12 und genießbar gemacht und wir haben es zu viert länger als eine Woche gegessen. Geld. Ich war wie viele arm. Die Mutter bekam erst Ende der 50iger Jahre als Verfolgte eine Pension. Jeden Pfennig, den ich ausgab, musste ich verdienen. Das Prinzip war, ich nehme jede Arbeit mit möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit, egal wie schwer die Arbeit war. In den ersten Jahren gab es, wenn überhaupt, nur Arbeit in den Ferien fand ich die erste Stelle als Gedingeschlepper vor Kohle auf Lothringen in Bochum-Gerthe; später dann im Stahlwerk an der Bessemer Birne, ich habe nicht gefroren; als Nietjunge auf der Weisenauer Brücke; als Mädchen für alles beim Justiziar von MAN in Gustavsburg; dann auch während des Semesters als Pächter des Weinbrunnens auf den ASTA-Festen zu Fassnacht, als Revisor der Verkaufsabrechnungen bei Südmilch, Hier konnte ich die Arbeitszeit bestimmen. Und die Stelle war auch ein Gewinn für meine Ausgabenseite. Ich bekam Milch, Butter, Käse zum Mitarbeiterpreis und, darüber hinaus: Schweizer Käse, der, wenn der Laib gerissen war, wurde zurückgenommen und zu Schmelzkäse verarbeitet. Der Lagerist, wenn ich dann kam und Schweizer Käse wollte, den ich mochte, sagte jedes Mal das arme Student le hier.. und ich bekam ein Riesenstück Gerissenen ohne Berechnung. ASTA. Im SS 1949 (?) wurde ich in den ASTA gewählt. Es war eine Herausforderung, denn der vorhergehende ASTA mit Peter Manns, nachmalig Direktor des Instituts für Europäische Geschichte, mit Schwartländer, einem Schüler Bollnows, er ging mit diesem nach Tübingen, dort später Professor. Sie hatten als Vertreter der Studentenschaft Marksteine gesetzt. Doch auch wir waren eine gute Mischung: Drei ehemalige Soldaten, vier Jahrgang 1929, die anderen mit Abitur nach dem Krieg. Johannes Reinhold, Gottfried Leich und Peter Rotthaus wurden gute Freunde. Johannes, Baptist, studierte Theologie, um als Missionar nach Afrika zu gehen, weil nur bei den kleinen Negerlein noch etwas zu bewirken sei. Als später die Baptistenmissionare aus China vertrieben wurden und in Afrika neue Arbeit fanden, gab es auf lange Sicht keine Aussicht, dort Missionar zu werden. Er sattelte um zu Jura. Gottfried war lutherischer Protestant und studierte auch Theologie. Wir wurden von Rektor und Kurator ernst genommen, waren Gesprächspartner, manchmal in harten Verhandlungen und bewegten etwas: Wir bauten den Studiendank auf, eine Geldbettelstel- 12

13 le zur Unterstützung finanziell schwacher Studenten; organisierten Studentenfeste, ASTA-Bälle und den Medizinerball zur Fastnacht, eine gute Verdienstquelle für Studenten; fochten Kämpfe: o gegen die Zulassung der FdJ an dieser Uni; wir waren stolz, als wir hörten, dass wir im DDR Rundfunk mit Namen genannt und beschimpft wurden, o gegen das Wiederauf kommen der Verbindungen an unsere Uni und verloren. Wir wollten keinen Neuen Wein in alten Schläuchen, wir hatten kein Verständnis dafür, dass, nachdem wir jeden Tag noch Männer mit den Narben schwerer Verwundungen sehen konnten, Menschen sich freiwillig, wie Ureinwohner Ozeaniens sich Mannesnarben beibringen ließen, Wir verloren, weil vor allem ein Professor der katholischen Theologie Dr. Dr. Karl Schmitt hier den Vorturner machte. Ich werde es nie vergessen, als er in einer öffentlichen Diskussion, auf den Hinweis, ich weiß nicht mehr von wem, dass er als katholischer Verbindungsmann den Vorkämpfer für die schlagenden Verbindungen mache, die in der Vergangenheit oft die katholische Kirche bekämpften, sagte das Verbindungsprinzip steht höher als das katholische Hurra! Ich wurde in diesen Auseinandersetzungen berüchtigt, weil ich ebenfalls in einer solchen Debatte Tucholski zitierte: Jeder Saxo Borusse ein janz feudales Schwein.... Die Buschtrommel verbreitete dies in ungeahnte Weiten. Mein Bruder in Münster, Privatdozent, Burschenschaftler, schrieb mir einen bösen Brandbrief, mit welch bösen Mächten ich paktiere! o gegen die Wiederbewaffnung und das Entstehen des von uns als paramilitärisch eingeschätzten THW beides Zeichen für eine sich in eine Richtung ändernde Welt, mit der wir nicht einverstanden waren wenn auch sicherlich aus unterschiedlichen Antrieben. Hier sammelte ich zusammen mit meinem Freund Gottfried Unterschriften gegen die Wiederbewaffnung. Die Ironie der Geschichte, als ich die Promotion hatte, bekam ich ein Angebot von Blank als Dozent an die Offiziersschule in Hamburg. Stellen waren damals rar und ich brauchte einen Beruf und Geld, ich war das jobben leid. Ich hätte angenommen, wenn keine Uniform; auf mein entsprechendes Schreiben bekam ich eine Antwort von Blank selbst unterschrieben, ich sollte Verständnis haben, dass in der Aufbauphase Uniform dazu gehöre. o für ein zusätzliches Studentenheim. Noch immer wohnten viele Studenten im weiten Umkreis von Mainz, o gegen die Besetzung der Leitung des Studentenwerks mit einem Protegé Prof. Becherts, den wir als ungeeignet einschätzten hier verloren wir auch. 13

14 Dann NOBIS unsere tolle Studentenzeitung. Ein Organ des AS- TA und unabhängig! Darauf legten wir Wert und das funktionierte. Auch wenn mancher Beitrag manchem in der Uni nicht passte. Ich erinnere von mir Verse über Orden als Belohnung für Mord, Ironisierung von Bräuchen der Verbindungen: In einer Sitzung einer Korporation wurde ein so genannter Trauersalamander gerieben, an dessen Schluss der Vorsitzende sein Glas auf den Boden warf, es sollte zerspringen und tat es nicht, er wiederholte dies, wieder ohne Erfolg und ein drittes Mal, das Glas zerspringt, die Wirtin stürmt herein und schreit wo sind die Scherben?. Den man werben wollenden Gast hat es vor Lachen fast zerrissen; er ist allerdings aus anderen Gründen kein Verbindungsstudent geworden eine wahre, vielleicht auch mehrbödige Geschichte. Und wir haben wahrlich gefeiert zu jeder, auch nur denkbaren Gelegenheit. Ich besorgte von meinem Freund Winzerssohn eher größere Fässchen Wein. Im Zimmer der NOBIS wurden sie gelagert: Der Weinbrunnen ist geöffnet! Am Tag danach konnte jeder. Vorbeigehende vom Übriggebliebenen profitieren. Und es gab böse Erfahrungen, die Narben hinterließen. Wir hatten einen Chemiker im ASTA, einen liebenswerten, fröhlichen Mann. Nachher wussten wir, dass er dem Selbstordnen des Studiums wahrscheinlich nicht gewachsen war. Eines morgens kam ich in das ASTA Büro und bekam einen Anruf des Rektorates die Polizei hatte informiert, M. hatte sich selbst umgebracht. Reinhold und ich als Mitglieder des Vorstands wurden als Zeugen zur Polizei und dann zum Amtsgericht gebeten. Dort wurde sein Abschiedsbrief an seine Eltern verlesen:... Ihr seid Schuld an meinem Tod. Ihr habt mich umgebracht, denn Ihr habt mich in diese Welt gesetzt... - Eine Studentin, eine schöne Frau, als Mädchen in einem eng behüteten Elternhaus aufgewachsen. Eines Tages wurden wir wieder zur Polizei gerufen, als eine Art Leumundszeugen. Sie war nachts in der Nähe des Heilig Geist, damals ein schräges Lokal, auf der Straße aufgefallen. Vor Gericht wurde sie verwarnt. Sie war völlig unerfahren und vor allem auch unaufgeklärt, ohne jedes Wissen an einen Pimp geraten, von dem sie dann zur professionellen Prostituierten gezwungen wurde. 14

15 Franzosen. Die Alma Mater war von der französischen Besatzungsmacht (mit)gegründet worden. Wir wussten dies und für uns im ASTA war dies auch spürbar. Ich habe erst viel später, als die Verbindungen wieder da waren, bei einem oder anderen Corps Mitglied national(istisch)e Vorbehalte ihnen gegenüber wahrgenommen. Mme. Carré, im Mainzer Kulturbüro, war die Verbindungsstelle. Eine kluge, fließend, ohne Akzent Deutsch sprechende, für alles Deutsche aufgeschlossene Frau und hoch interessiert, uns Frankreich und seine Kultur nahe zu bringen. Und sie unterstützte unsere Finanzen. Im Laufe meiner zwei ASTA Perioden entstanden immer mehr Kontakte nach außen, zu Universitäten auch in den anderen Besatzungszonen, zu dem dann gegründeten Deutschen Studentenverband, zum Internationalen Studentenbund oder auch zur JEC, einem katholischen, in den Ländern Belgien und Franreich existierenden Studentenverband mit assoziierten Verbänden in den Niederlanden und in Deutschland, mit dem Bund Neudeutschland, einem aus der in der Nazizeit verbotenen Bündischen Jugend stammenden Verband mit drei Gliederungen von Schülern, Studenten und Berufstätigen. Hier erinnere ich eine von diesem Verband organisierte Tagung mit der JEC in Mainz. Alle diese Gruppierungen gestalteten Konferenzen, Treffen, Tagungen. Und die Teilnahme von Vertretern das ASTA an diesen Veranstaltungen, der Besuch anderer ASTen erforderte Reisen und diese kosteten Geld. Ein Anruf bei Mme. Carré genügte und wir bekamen die notwendigen Bahnfahrkarten, 1. Klasse. Oder: In der Universität von Dijon fand 1950 ein internationales Filmfestival, fünf Tage, statt, zu dem fünf Studenten unserer Uni eingeladen wurden. Die Fahrkarten lieferte und den Aufenthalt in einem Erste Klasse Hotel bezahlte Mme. Carré. Ich, als Vertreter des ASTA mit frankophilen Neigungen durfte zusammen mit je zwei Frauen und Männern reisen. Es ist heute kaum noch vorstellbar, was das für ein Ereignis war: Deutsche Studenten das erste Mal im Ausland; ich das erste Mal in einem fremden Land, dazu noch Frankreich im Frieden. Bei einem Festdinner lernten wir die völlig unbekannte französische Esskultur kennen. Es begann mit einer Art kalten Platte hors d ouvre Wir, noch Hunger kennend, schlugen zu und wie. Und dann kam ein zweiter Gang und wir konnten fast schon nicht mehr, entsetzlich! Und dann noch drei Gänge! Jeder Gang von einen Soumelier eingeleitet und ein anderer Wein. Ich habe nur noch einmal später in einer Curasceria in Argentinien eine solche Völlerei erlebt. Eine 15

16 Studentin aus Paris erklärte uns was Fasten heißt: Nicht Askese, nein, wenn man satt ist, weiteressen. Mir gegenüber saß die Delegation der Lomonossow Universität aus Moskau angeführt von einem Politkommisar. Zu meiner Überraschung war ich ihnen ein begrüßter Gesprächspartner, wissend, dass ich im Großen Vaterländischen Krieg als Soldat in ihrem Land war. In der Schluss- und Danksitzung, in der ich als Vertreter der Deutschen Delegation auch gesprochen hatte, sprach der Kommissar zuletzt, es ging dem Alphabet nach. Ich war fassungslos, als ich für meine wörtlich Verständigungsbereitschaft für Frieden einen Orden der UDSSR verliehen bekam, ich der ich geschworen hatte, keine Orden mehr zu tragen. Dann wechselte die Besatzungsmacht: Amerikaner. Im ASTA merkten wir das, es gab USA Stipendien Fulbright, eine neue, gewöhnungsbedürftige (?) Welt. Mein Freund Gottfried bewarb sich. Die Aufnahmeprüfung war ein Unterschied wie Tag und Nacht vom Gewohnten. Wir kannten die Wissensabfragen. Hier erfuhr Gottfried etwas deutlich anderes. Ein Drittel war Wissen, ein Zweites wie gestaltete ich soziales Gefüge und das Dritte, mein aktiv-werden, antiv-sein im Lebensumfeld, z.b. ASTA Mitglied, Mitglied der équipe der CIMADE, Gestaltung von Arbeitslagern der Gossner Mission. Völlig undeutsch, dass ehrenamtliche Tätigkeit beachtet, ja honoriert wird. Eine Anmerkung: In einer internationalen Untersuchung ehrenamtlichen Engagements in Europa etwa um 1990 war Großbritannien mit 35% der Bevölkerung die Spitze, die BRD landete mit 15% abgeschlagen am Schluß. Sport. Ich erinnere nicht mehr, ab wann es möglich war, unter dem Dach über dem Auditorium Maximum Sport zu treiben. Benno Wischmann war der Herrscher über diese Domäne. Als ich ihn kennen lernte, war er bereits im Kampf um ein Sportinstitut. Ich war ein Frühaufsteher. Um sechs morgens saß ich am Schreibtisch oder später, lief mit Benno das in Freiburg entwickelte Intervaltraining um Bretzenheim. Mittags hatte ich fast alle Vorlesungen besucht; am Nachmittag gab es noch eine Handvoll Seminare und Sport. Turnen, die hohe Kompetenz Wischmanns, Boxtraining, ein intensives Konditionstraining, als Junge hatte ich Boxen in der Schule gelernt und, meine Liebe während der ganzen Studentenzeit, Basketball. Ein Spiel, das Ernst? in intensivem Kontakt mit den US-Soldaten in Mainz etablierte. Von ihnen bekamen wir Schuhe und Bälle geschenkt; ich ihrer Halle 16

17 durften wir trainieren und spielen, einer ihrer Offiziere trainierte uns bis später ein persischer Medizinstudent, Mitglied der iranischen Olympiamannschaft uns drillte. Als der USC entstand, wurden wir Glied der rheinland-pfälzischen Oberliga: Kaiserslautern, Kirn hier lernte ich das Kirner Bier schätzen -,... Ich erinnere noch ein internationales Turnier in Essen oder Düsseldorf, wo ich als Schiedsrichter fungierte, die Zuschauer durch ein Drahtgitter vom Spielfeld getrennt waren und die südamerikanischen Zuschauer tobten. Und als Ruderer war ich der gesuchte Rennsteuermann mit damals ca 90 Kg und einem taktisch gedrillten Gehirn. Leben. Im Laufe der Semester veränderte sich Leben und Lebensstil. Jazzmusik, Künstler wie Armstrong, Gillespie waren selbstverständlich ; klassische Konzerte in der Stadt waren aus dem Pulverturm in andere Räume gewandert; die Stadt war farbiger geworden, Trümmer verschwunden, barocke Gebäude ab und an renoviert; wir hungerten nicht mehr im Gegenteil, ich wurde wählerischer, das Essen wurde nicht mehr hineingeschaufelt sondern auch genossen, das Mensaessen wurde skeptisch beäugt, lieber selber gekocht; ich hatte einen Kühlschrank, eine Holzkiste 55 x 30 x 40 cm mit einem dicht schließendem Deckel. Mein room mate, Chemiestudent, brachte aus dem Labor, wenn nötig, eine Eisstange und über die Kiste kam eine Wolldecke: Kirner Bier, Butter, Käse.... Ich hatte mehr Geld, 1950 kaufte ich mir eine Armbanduhr, dick, die einfachste und billigste sie geht heute noch; WS 50 ein gebrauchtes Motorrad 98er NSU, Tretmobil, mit Rückenwind und bergab kam sie auf 90; damit besuchte ich meine Mutter in Westfalen, 300 Km eine Strecke; 1954 kaufte sie mir Paul Schädler, später Landrat, ab und fuhr damit in den Sommerferien nach Italien! Über die Alpen! Ich erwarb eine 125er NSU; die lief 100 auf ebener Strecke, ein gewaltiger Fortschritt. Beides waren betagte und gebrauchte Maschinen von vor dem Krieg. Meine erwachte Liebe zum Wein trieb Blüten. Ein Freund lernte durch eine Studentin, die der Vater gerne mit ihm verheiratet hätte, Winzer kennen, in Rheinhessen und im Rheingau. Von einem der Rheingauer Winzer bekamen wir das Angebot, Wein per Kasse im Fass zu einem beachtlich reduzierten Preis kaufen, bereits im Februar - wir trugen das Risiko, wie er wird er lagerte ihn und füllte ihn je nach Bedarf im Herbst ab ein Stück, ein Halbstück etc. Mein Freund und ich versammelten eine Einkaufsgemeinschaft, wurden im ersten Jahr Viertelstückbesitzer, im 17

18 nächsten schauten wir stolz auf ein Halbstückfass unser Fass! Beim ersten Gespräch hatten wir den Winzer gefragt, was man denn im Jahr so brauche; seine Antwort:...pro Tag eine Flasche und für die Freunde, Bekannten, Besuche noch einmal eine. Auch die Meenzer Fassenacht wurde ein Element meines Lebens. Ich weiß nicht mehr, wann es den ersten Rosenmontagzug wieder gab; doch im zweiten oder dritten trug ich einen Schwellkopp es ist schwer zu glauben, wie schwer so ein Ding ist, und was man geschafft hat am Ende des Zuges. Doch ich war sportlich und durch schwere körperliche Arbeit gestählt, also im nächsten Jahr wieder. Es brachte Geld. Für Kurator Eichholz schrieb ich ein Exposé Die politischen Aspekte der Mainzer Fassnacht, das er bei Lions vortrug. Da war ich in einer völlig neuen und andersartigen Gesellschaft: Geschäftsleute z.b. ein Inhaber von Kupferberg, Frh von Schilling, hohe Beamte u.ä. Mein Denken. Über die Jahre wurde es immer vielseitiger, breiter. Aus meinen ersten philosophischen Studien war es stark durch die Denkstrukturen der mittelalterlichen Philosophie geprägt und durch Peter Wusts Existenphilosophie. Dazu kamen dann die Anregungen durch Bollnow und die intensive Beschäftigung mit Kant und dem Kantianer Ernst Cassirer, insbesondere durch sein Die Philosophie der symbolischen Formen. Schillers Ode dichtete ich um Neugier, Neugier treibt die Räder // in der großen Weltenuhr. // Zu der Wahrheit Feuerspiegel // treibt sie den Studenten an. Dann bekam ich, nach erst einmal drei Monaten in der Alliance Francaise in Paris zum Auffrischen meines Französisch, ein Stipendium für zwei Semester an die Sorbonne bei Étienne Gilson (Philosophie des heiligen Bonaventura), einem Philosophen aus der franziskanischen Schule, Bonaventuraforscher. Er kam zu Gastvorlesungen aus Toronto, wo er seit 1951 lehrte. Dieser neue Ansatz des Denkens fesselte mich. In der Entscheidung über den Primat des Intellekts (Aristoteles, Thomas) oder des Willens (Plato, Bonaventura) überzeugte mich das Argument für den Willen, die Liebe als Element des Willens. Außerdem hörte ich einen Schüler A. G. Sertillanges, ein bedeutender der bedeutendste? Neuthomist (Thomas von Aquin). Hier lernte ich, dass es auch unter den Thomisten Auslegungsstreitigkeiten beachtlicher Art gab, so besonders mit den deutschen Dominikanern in Walberberg, die die Thomasübersetzung ins Deutsche verantworteten - auch ein akademischer Streit ist spannend. Bei Gilson wurde ich mit einer neuen Arbeitsmethode konfron- 18

19 tiert. Im Seminar, in einer der ersten Wochen begann ich mein Referat Denkstrukturen bei Bonaventura vorzulesen. Noch keine drei Sätze und Gilson unterbrach mich, frug, ob ich das alles vorlesen wolle und, als ich bejahte, sagte sprechen Sie mit meinem Assistenten, dass er Ihnen hilft, frei vorzutragen. Ich hatte eine Birne wie ein großer, roter Luftballon. Und ich lernte es. Später in der Firma, für die ich arbeitete und in der Referierenkönnen ein Leistungskriterium war, das sich in Einkommen niederschlug, und freies Sprechen selbstverständliche Anforderung war, und Vorträge, Referate, Vorlesungen innerhalb von Lehraufträgen zu meinem täglichen Brot gehörten, war dies ein hoher Gewinn. Nebenbei, das Essen in der Mensa in Paris für einen winzigen Betrag, war hervorragend, ¼l ordinaire gehörte selbstverständlich dazu. Als ich einmal frug, wie die das machen, weil es sicherlich zwei oder dreimal in der Woche Steak gab, lernte ich, dass ich Pferd genoss. Mein Denken beschäftigte sich darüber hinaus mit den unterschiedlichsten Themen, die ich las: Oswald von Breuning SJ über Soziallehre, Semmelroth SJ, Die Kirche als Ursakrament, Koepgen, Gnosis, Hefele, Geschichte und Gestalt, Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung; - ich bot im Frauenlob Gymnasium einen Arbeitskreis über dieses Thema an -, Schubart, Religion und Eros, S. Freud, über den Witz, C.G. Jung, Freud und die Psychoanalyse und Symbole der Wandlung, Hesse, Glasperlenspiel u.a. Thomas Mann, John Steinbeck, Die Ölsardinenstraße u.a., Lenin und Marx, die Werke standen im Giftschrank, es bedurfte der Spezialerlaubnis eines Professors, um sie auszuleihen. - Ich hatte einen Leseantrieb, der nicht genug bekommen konnte, der fraß - oder die ich außerhalb der Mainzer Uni hörte: In St. Georgen, Frankfurt P. J. Hirschmann SJ, der mir auch methodisch etwas beibrachte durch seine Art, in jeweils drei Punkten zu gliedern, Carlo Schmidt, der Anekdoten über sich selbst in die Vorlesung einstreute wie Ich warte in Bonn auf dem Bahnhof. Es spricht mich eine junge, hübsche Frau an..können Sie mir bitte helfen? Ich gehe mit ihr zu einem weit aufsperrenden Koffer auf einer Bank. Können Sie sich bitte mal drauf setzen? Sie sind so schön dick. Oder Ich besuche meine Tochter in einem Nonneninternat und warte auf dem Flur auf die Pause. Eine vorbeigehende Nonne fragt mich Erwarten Sie ein Kind? Ich schaue an mir herunter und sage Nein, ich bin immer so dick. 19

20 Das Umfeld. An der Frankfurter Uni gab es eine Gruppe YMCA, die in Mainz am Schwarzen Brett, etwa ab WS 50 Skiferien im Kleinen Walsertal für wenig Geld anbot. Im März 1951 fuhr ich mit, drei Wochen. Ich lernte fast als Erstes, dass diese Gruppe sich deutlich vom CVJM als zu aggressiv gegen Katholen distanzierte. Sie wären offen, so wie die Amerikaner und gehörten auch zu dem USA Dachverband. Dann frischte ich meine Skifahrkenntnisse auf; gelernt hatte ich sie als Junge in Breslau, verbessert in Freiburg in der Lehre und vervollkommnet als Rekrut, als uns Christel Kranz, ein Mannweib, drillte und senkrecht die Hänge herabjagte, auf den Haselnussstöcken sitzend und je nach Tempo schwerer werdend, bremsend. Es war herrlich, Schnee, Kälte, eine tolle Hütte. Eines abends fuhr ich nach Garmisch, um einen anderen Studenten zu treffen und blieb bei ihm über Nacht. Als ich am nächsten Morgen aus Riezlern aus dem Bus stieg, wehte eine große schwarze Fahne, auf der Strasse gab es heftig diskutierende Gruppen; ich erfuhr, dass es in der Nacht ein furchtbares Unglück gegeben hätte. Eine Staublawine hatte eine Hütte unter dem Hohen Ifen überrollt und bis auf einen wären alle tot, die Lungen durch den Druck zerquetscht. Ich weiß noch, dass ich wie gelähmt war, als ich durch Nachfragen hörte, es war meine Hütte, ich hatte überlebt und der Ski- und Kletterlehrer aus dem Tal. Er lag in Oberstdorf im Krankenhaus doch er lebte. Im nächsten Jahr hatte die Gruppe eine neue Hütte gepachtet, Franz war wieder der Chef und ich fuhr, diesmal schon im Februar, gleich nach Semesterschluss hin. Ich war für die ganzen Ferien als Skilehrer für die Anfänger angeheuert: Freie Fahrt, freies Quartier und Essen: Telemark, Schneepflug, Umsetzen Schwingen oder ähnliches kam erst viel später. Ein Tag in der Woche hatten die Skilehrer frei, dann stiegen wir mit Fellen auf für lange, herrliche Abfahrten, bis zu Zehnstundentouren. Auch fuhren wir nach Österreich ab, kauften in der nächsten Hütte Schnäpse ohne Zoll, schleppten volle Rucksäcke wieder hoch, waren auf dem kiwif gen Zoll und ergänzten so den Hüttenvorrat auch und vornehmlich zu Gunsten des Vereins. Schon WS 48 gab es an der Augustusstraße auf einem ehemaligen Sportplatz eine Arbeitsdienstbaracke, in der die CIMADE - Centre internationale...-, eine Organisation des Ökumenischen Rates in Genf hauste. Sie war im Winter geheizt, es gab eine Schreibmaschine und eine kleine Bibliothek, Stühle und Tische zum arbeiten und Themendiskussionen, angeboten von l equipe, 20

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