Material zu Laptop-Klausuren. Prof. Dr. Gerhard Struck. Klausurenschreiben mit dem Laptop ist nötig und möglich

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1 Material zu Laptop-Klausuren Prof. Dr. Gerhard Struck Klausurenschreiben mit dem Laptop ist nötig und möglich 1.) Ausgangspunkt: Leistungskontrollen müssen professionellem Handeln entsprechen Das abschliessende Examen und die darauf vorbereitenden Leistungskontrollen müssen in einer Juristenausbildung professionelle Arbeitssituationen nachstellen. Das bedeutet in der Hauptsache: 1. Der Jurist muss mündlich über Rechtsfragen reden unddiskutieren können; dieser Anforderung soll die mündliche Prüfung entsprechen. 2. Der Jurist muss grössere Texte (zb Zeichen) als Referat von Rechtszuständen und in Argumentationen zu Rechtsfragen auf derbasis von vollständig erfasster Rechtsprechung und Literatur gestalten können; dieser Anforderung soll die Hausarbeit entsprechen. 3. Er muss auch immer wieder zu einzelnen Rechtsfragen und Fällen unter Zeitdruck professionell passable Texte produzieren; dieseranforderungen sollen die Klausuren entsprechen. Darüber hinaus gibt es weiteres Unentbehrliches, das aber bisher nicht in das Endexamen Eingang gefunden hat: Grundlagenfächer mit einem Grundlagenschein, Schlüsselqualifikatione einerseits der mündlichen Kommunikation und der situativen Präsentation und andererseits der Gestaltung von Recht. Das soll in diesem Papier nicht weiter verfolgt werden 2.) Ist-Stand betreffend des Verhältnisses von Leistungskontrollen im Studium, Examenanforderungen und professionellen Anforderungen Keine der drei Hauptprüfungsarten ist in der Realität problemlos. 1. Das mündliche Prüfung wird im Studium zuwenig vorbereitet und wird von zu vielen Prüfern verstanden als Abfragen, also als Kommunikationstyp, den es in keiner Praxis gibt. 2. Der grosse Text, nämlich die Themenhausarbeit wird von vielen Studierenden abgewählt und ersetzt durch eine Fallbearbeitung; diese ist im Anforderungsprofil richterzentriert und zusätzlich zentriert auf richterliches Handeln in beruflich fortgeschrittenen Karrieren. 3. Am wenigsten entspricht die Fallklausur einer professionellen Arbeitssituation; sie steht damit in diametralem Gegensatz zu ihrer Bedeutung für die formalen Studienabschlussergebnisse. Deshalb ist es nötig, Verbesserungen gerade für die Klausur zu erreichen. 3.) Ist-Zustand des Klausurenschreibens 1. Eine Klausur wird geschrieben auf weissem Papier und mit Kuli. Bisher nicht mit dem PC und mit Drucker. 2. Benutzt wird der Gesetzestext. Nicht vorhanden sind die Bücher, die noch jeder Amtsrichter und noch jeder Rechtsanwalt auf ihrem Schreibtisch haben. 3. Wissensfundus ist also das Gedächtnis. Keine Datenbank! Angesichts der durchgängigen Darstellung aller juristisch-professioneller Arbeitsergebnisse als geprinteter Text ist die handgeschriebene Klausur offen anachronistisch und in ihrer Abkopplung von Büchern und Datenbänken mindestens seit Jahrzehnten veraltet. 4.) These: Der (schrittweise) Übergangs zu Laptop-Klausuren ist nötig und möglich

2 4.1) Vorbemerkung: Die Erfahrung lehrt unverändert, dass jeder Schritt in Richtung auf neue Arbeitsformen und techniken mit Pilotprojekten starten muss und nicht vergleichbar dem Stande industrieller Massenfertigung anfangen kann. Man muss also sehen, ob es nicht doch bei Laptop-Batterien oder an ähnlichen Stellen Schwachpunkte gibt, auf die man sich dann einstellen muss. 4.2) Die Ausbaustufe 1 Sie wird erreicht (a) über die Probeklausuren in Arbeitsgruppen und bei kleinen Zahlen von Klausuren, also zum Beispiel in Schwerpunktklausuren, und das (b) mit Laptops ohne Internet-Zugang. Die Teilnehmerzahl ist die Variable, die sicherlich bald gesteigert werden kann. Praktischer Ablauf: Jeder Teilnehmer bringt seinen Laptop und einen Stick mit (vielleicht muss man anfangs noch CDs oder Disketten akzeptieren oder vereinzelt einen Laptop leihweise bereitstellen) mit aufgeladener Batterie. Der Sachverhalt wird in herkömmlich gedruckter Form geliefert (gedruckte Ausgangsmaterialien sind in dje der Praxis normal und erleichtern die visuelle Rückkopplung der Texterstellung an den Falltext). Die Verwendung von Papier für Kladden (namentlich für Schemata, Bilder, Dreiecke Pfeile) bleibt jedem überlassen (auch das ist bewährte Praxis.). Die Klausur wird direkt auf den Stick geschrieben und mit Layout versehen, und der wird mit Namen abgegeben. Ausdruck falls für die Korrektur gewünscht kann bei nicht allzuvielen Teilnehmern eine studentische Hilfskraft in kurzer Zeit erledigen; diese Zeit rentiert schon wegen der leichteren Lesbarkeit. Beim Schreiben macht jeder Gebrauch von den Festplatteninhalten, die er mitgebracht hat, wenn er das will. 4.3). Die Leistung, die die Leistungskontrolle kontrolliert: Was muss der geleistet haben und leisten, der unter diesen Bedingungen eine gute Klausur schreiben will? 1. Er muss im Vorfeld einer Klausur den Rechtsstoff verstanden haben, um auf dieser Basis sinnvoll zu selektieren (Praxiskompetenz!), was er auf der Festplatte wirklich brauchen kann. 2. Wer einfach massenhaft Texte geladen hat, tappt in eine Falle: Die Ordnungskriterien, kraft derer er Gebrauch machen kann von Festplatteninhalten, müssen von ihm vorher entworfen seinsein. M.a.W.: Er muss vorher viel gelernt haben, was er so auch in der Praxis gelernt haben muss! 3. Mitgebrachte Prüfungsschemata helfen eben nur, wenn man verstanden hat, welches Schema passt und wie es abgewandelt werden muss für diesen Fall (und wenn man das Schema schnell genug findet; das heisst: gute Arbeitsorganisation eingeübt hat). 4. Von der eigenen Texterstellung kommt der Klausurschreiber nur in vernachlässigbarem Masse frei: Download hilft kaum je. Ein BGH-Text im obergerichtlichen Urteilsstil ist als Klausurtext typischerweise unbrauchbar und der Zeitaufwand des Findens ist gross. 5. Wer fremde Texte von der Festplatte wofür auch immer- holen will, der muss auch den zusätzlichen Aufwand des Belegens treiben (oder as Risiko des Plagiatvorwurfs - null Punkte! laufen). Auch das ist eine Veränderung Richtung Professionalität. 6. Wenn fremdgeordnete oder ungeordnete Textmassen situativ sinnvoll verwendet werden sollen für den Klausurtext, dann ist dafür professionelle Arbeit fällig. Man stelle sich vor, jemand bringt zu einer Deliktsrechtsklausur den Bamberger/Roth 823 auf der Festplatte mit; wenn er nun in der Lage ist, diese vielen Seiten in kurzer Zeit danach zu durchforsten, was für seine Klausur hier und jetzt brauchbar ist, dann soll er zu Recht eine gute Note dafür bekommen. 4.4). Vorteile für Prüfer:

3 1. Die leichte Lesbarkeit spart viel Zeit; immer wieder sind Handschriften ein echtes Hindernis zum Verständnis. 2. die genaue Vergleichbarkeit der Länge der Arbeiten hebt die Gerechtigkeit der Bewertung. 3. Die Bewertung wird unabhängig von der Schönheit der Schrift und dadurch sicherer gerecht. 5.) Ergebnis Die Professionsangemessenheit und Prüfungsgerechtigkeit spricht sehr für Laptop-Klausuren und es gibt keine relevanten Gründe dagegen. 6.) Fernere Zukunft: Ausbaustufe 2? Die Allgegenwart von Google, die sich in wenigen Jahren hergestellt hat, lässt die Prognose zu, dass Datenbanken (für Juristen: Typ juris und beck-online) noch in der Anfangsphase der Berufstätigkeit der jetzigen Studierenden professionelle Normalität sein werden. Dem entspricht eine Leistungskontrolle unter Einschluss von Datenbank-Zugang, also internet während der Klausur. Die Probleme eines sonstigen Aussenkontaktes während der Klausurerstellung sind auch jetzt schon lösbar. Das verändert übrigens auch den Umgang mit gesellschaftlicher Realität, ein Thema, das in diesem Papier auch nicht behandelt werden konnte. Wenn Ausbaustufe 2 erreicht wird, dann wird sich die Erfahrung erst recht wiederholen, dass ein Text nicht von der Datenbank geschrieben wird, sondern vom Autor. Die juristische Klausur im digitalen Zeitalter Von Jens Kahrmann Wie einst die Großväter verfassen auch heute die angehenden Juristinnen und Juristen die Klausuren im juristischen Studium und insbesondere die beiden Examina mit Papier und Stift, und das in allen 16 Bundesländern. Dass das mit der Praxis im Beruf und der Gegenwart im Allgemeinen nicht viel zu tun hat, ist offenkundig. Jeder juristische Praktiker zieht regelmäßig sowohl Kommentare als auch die gängigen juristischen Datenbanken zu Rate, wenn es knifflige Rechtsfragen zu lösen gilt - wer würde sich auch in die Hände eines Rechtsanwaltes begeben, der sich ausschließlich auf sein Gedächtnis stützt und obendrein nur handschriftliche Briefe verfasst? Wäre es daher nicht an der Zeit, auch die Klausurenpraxis an die Gegenwart anzupassen? Die Meinungen darüber gehen auseinander, auch an unserer Fakultät. Angestoßen hat die Diskussion um den Einsatz neuer Technologien in Klausuren an unserer Fakultät Prof. Struck, der zu Beginn des Jahres ein Thesenpapier unter dem Titel Klausurenschreiben mit dem Laptop ist nötig und möglich auf dem Schwarzen Brett veröffentlichte. Darin monierte er, dass die Leistungskontrollen im und am Ende des Studiums nicht die Fähigkeiten abprüften, die der durchschnittliche Jurist im wirklichen Leben brauche. Insbesondere die Klausuren bedürften nach Herrn Struck einer Reformierung dergestalt, dass Studierende Klausuren auf ihrem eigenen Laptop mit ihren eigenen Materialien anfertigen. Als mögliche Ausbaustufe stellt er sich die Anbindung an juristische Datenbanken vor. Auf die Frage, welche Reaktion sein Vorschlag ausgelöst habe, räumt Prof. Struck ein, dass die Begeisterung sich in Grenzen hielt. Wir wollen wissen, warum man bei der Durchführung

4 von Klausuren an offensichtlich anachronistischen Arbeitsweisen festhält und an Änderungen scheinbar nur mäßig interessiert ist. Herr Struck sieht da vor allem ein Problem: Bisher werden die Korrekturen weitgehend von Korrekturassistenten durchgeführt, die sich an entsprechenden Lösungsskizzen orientieren. Lässt man jedoch eine Fülle von Hilfsmitteln zu, werden die Lösungen für die Klausuren viel differenzierter und die Korrektur wesentlich anspruchsvoller. Das jetzige Korrektursystem würde so vermutlich nicht mehr funktionieren das ist meines Erachtens die vorherrschende Befürchtung. Aber, fügt er hinzu, in Zeiten, in denen mehr Betreuung gefordert wird, ist es ohnehin ein unbefriedigender Zustand, wenn sämtliche Korrekturarbeit durch Korrekturassistenten geleistet wird. Freilich gibt es auch andere Einwände insbesondere, wenn Studierende ihre eigenen Notebooks zur Anfertigung mitbringen können, wie das Thesenpapier dies vorschlägt. Bestimmte Teile, man denke beispielsweise an die Zulässigkeitsprüfung von öffentlichrechtlichen Klausuren, könnten vorformuliert mitgebracht werden. Darauf angesprochen, stellt Herr Struck die Gegenfrage, wo denn die Wissenschaftlichkeit, die Methodik und die Argumentation in Aufgabenstellungen sei, deren Lösung man vorformulieren kann. Das veranlasst ihn auch zu einer allgemeinen Kritik: Es besteht eine Differenz zwischen Außendarstellung und Realität es wird immer gesagt, es würde Methode geprüft. Tatsächlich aber wird meist Wissen abgeprüft. Die Möglichkeit, auf der Festplatte einen Fundus an Informationen zu speichern, der dann in der Prüfung fruchtbar gemacht werden kann, hält Prof. Struck für Klausuren nach seinem Gusto daher auch für weitgehend unproblematisch und betont, dass ein Haufen von Daten alleine dem Prüfling nichts nutzen wird. Mitgebrachte Prüfungsschemata helfen eben nur, wenn man verstanden hat, welches Schema passt und wie es für den jeweiligen Fall abgewandelt werden muss. Und noch einen weiteren positiven Effekt habe es: Es wäre zu erwarten, dass bereits in den Vorlesungen viel auf Laptop mitgeschrieben und systematisiert wird, eben weil man weiß, dass man es hinterher in der Klausur verwenden darf. Derartige Aufzeichnungen würden später auch eine hervorragende Grundlage für eine Repetition des Stoffes bilden, wenn es auf das Examen zugeht. Wobei dieser Plan natürlich nur dann aufgehen kann, wenn die Vorlesungen qualitativ auch durchgängig auf einem hohen Niveau sind. Angesichts der noch immer vorherrschenden Praxis, den wissenschaftlichen Nachwuchs hauptsächlich nach fachlichen und weniger nach didaktischen Kriterien auszusuchen, ist dies zumindest in der Gegenwart wohl noch kritisch zu beäugen. Und wie steht es um Täuschungsversuche? Öffnet man in Zeiten von Bluetooth, W-Lan und nicht Mogeleien Tür und Tor, wenn die Benutzung des eigenen Notebooks zugelassen wird? Dies ist einer der Kritikpunkte des Leiters des universitären Prüfungsamtes, Prof. Bork, der darauf hinweist, dass schon jetzt den Prüflingen in den Schwerpunktbereichsklausuren sowie den Examina stets die Mobiltelefone weggenommen werden, um Täuschungsversuche zu verhindern. Prof. Struck hält solche Befürchtungen für wenig realistisch der anwesende Kommilitone habe selbst keine Zeit, umfassende Hilfestellungen zu geben und der befreundete Rechtsanwalt, dessen Ratschläge womöglich ohnehin nur begrenzt klausurkompatibel seien, würde es sich nicht mit der Rechtsanwaltskammer verscherzen wollen, die auf solcherlei Aktivitäten seiner Meinung nach empfindlich reagieren würde. Wird die Aufgabenstellung als harte Kopie in den Raum gebracht, dann muss derjenige, die Hilfe von außen haben will, die Aufgabe zuerst einmal schnell vollständig abtippen; das kostet Zeit und fällt auf, gibt Struck weiterhin zu bedenken. Selbst wenn man in der Hinsicht weniger optimistisch ist, scheint dieses Problem durchaus überwindbar: Neben Patrouillengängen von Aufsichten käme auch eine alternative

5 Herangehensweise in Betracht - die Fakultät selbst könnte die Laptops oder fest installierte Rechner stellen und somit von vornherein bestimmen, was auf den Rechnern läuft und was nicht; welche Datenbanken abgerufen werden können und welche nicht. Daran wird auch deutlich, wie variabel die Diskussionsgrundlage ist es steht nicht ein einziges Modell gegen das derzeitige System, vielmehr sind diverse Varianten denkbar. Benutzt man Laptops anstatt eines baulich und damit gleichsam finanziell aufwändigen Computerlabors, stellt sich die Frage nach der Akkulaufzeit. Andreas Engel, Systemadministrator der Fakultät, weist darauf hin, dass das zumindest mit Blick auf fünfstündige Klausuren nicht gänzlich unproblematisch ist: Die üblicherweise von den Studenten eingesetzten Geräte stammen aus der Consumer- oder unteren Businessklasse und bieten laut Herstellerangaben Laufzeiten von 2-5 Stunden. Damit kann man mit ganz viel Glück und allen Stromsparmaßnahmen, wie z.b. einem sehr dunkel eingestellten Display das Ende einer 5-Stunden-Klausur erreichen. Aber verlassen würde ich mich darauf nicht, zumal die Akkus im Laufe der Zeit schwächer werden und man trotz aller Anzeigen am Notebook nie ganz genau vorhersehen kann, wann der Akku endgültig leer ist. Das vorläufige Ende der Idee? Nicht wirklich einerseits entwickelt sich die Technik zum Besseren: In Heft 14/09 des Computermagazins c t wird die Entwicklung neuer energiesparender Prozessorarchitekturen in Aussicht gestellt, ebenso ökonomische Modifikationen des Bildschirms beispielsweise durch den Einbau einer reflektiven Schicht, die die Hintergrundbeleuchtung überflüssig machen würde. Weiterhin gibt es in Form von externen oder Hochleistungs-, bzw. Zusatzakkus bereits heute eine Möglichkeit, die Laufzeit des eigenen Laptops zu verbessern. Herr Engel weist zudem auf die immer beliebter werdenden Netbooks hin: Diese verbrauchen bauartbedingt - kleineres Display, häufig Flash (SSD) statt Festplatte und sparsamer Prozessor - deutlich weniger Strom als ein normaler Laptop und lassen mit einem vergleichsweise kleinem Akku großartige Laufzeiten zu. Gleichzeitig sind die Geräte nicht teuer. Zwar gibt Herr Engel dabei zu bedenken, dass Netbooks in ergonomischer Hinsicht für fünfstündige Klausuren nur bedingt geeignet sind das dürfte für das Schreiben mit einem Stift jedoch nicht minder gelten. Auch Herr Bork räumt ein, dass technische Argumente allein kaum überzeugen können und so lenkt er den Fokus auf didaktische Erwägungen: Ein fundierter Wissensschatz ist für den Juristen unerlässlich. Auch der Praktiker schaut nicht andauernd in schlaue Bücher manches muss er einfach wissen. Stellen wir in Klausuren Laptops mit Datenbankzugriff zur Verfügung, so steht zu befürchten, dass sich ein entsprechender Wissensschatz eben nicht mehr angeeignet wird. Nach Prof. Borks Ansicht laute die Frage also vielmehr, welchen Wissensfundus man von den Studierenden erwarten kann: Sofern die Prüfungsgegenständeverordnung sinnvoll angewendet wird, haben wir derzeit meiner Meinung nach eine gute Regelung. Steht der Zugriff auf Datenbanken in der Klausur der Aneignung eines soliden Wissensfundus wirklich diametral entgegen? Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass umfangreiche Hilfsmittel dazu verleiten, sich auf ebendiese zu verlassen. Andererseits hilft einem, wie bereits erwähnt, die beste Datenbank ohne entsprechend solides Grundwissen nicht ein Postulat, dem auch Prof. Bork zustimmt. Weiterhin hat derjenige, der etwas auswendig weiß, immer auch einen starken zeitlichen Vorteil gegenüber demjenigen, der nachschlagen muss. Wissen wird nach wie vor nicht nur ein großer Vorteil, sondern unerlässlich sein. Eine gänzliche Inkompatibilität mit verbreiteten Lehrzielen lässt sich den Refommodellen also nur schwerlich attestieren.

6 Da Prof. Struck und Prof. Bork zwei völlig divergierende Auffassungen vertreten, möchten wir eine dritte Meinung einholen und wenden uns vertrauensvoll an Herrn Prof. Klatt, insbesondere, da er dafür bekannt ist, neuen Technologien offen gegenüber zu stehen. Zu Beginn unseres Interviews weist er darauf hin, dass elektronische Klausuren in Jura auf den ersten Blick eher fernliegend erschienen, insbesondere da Vorteile wie automatische Auswertung wegfielen. Trotzdem stehe ich dieser Idee sehr aufgeschlossen gegenüber - die FU Berlin hat ein groß angelegtes Projekt E-Examination, was übrigens auch von der juristischen Fakultät genutzt wird. Dabei ging es meines Wissens nur um den Kurs Introduction to Legal Technology in English. Aber immerhin - an der Juristischen Fakultät der FU in Berlin sind E-Klausuren gelaufen. Er mahnt allerdings auch zur Vorsicht: Ich halte weder etwas davon, zu sagen, dass alles Bisherige Quatsch war und wir es jetzt mal richtig machen, aber die technischen Innovationen zu scheuen, wie der Teufel das Weihwasser, kann auch nicht richtig sein man muss die goldene Mitte finden. Herr Klatt betont indes, dass ein umfassendes Konzept vonnöten wäre: Es wäre ein sehr aufwendiges Projekt mit hohem Finanzierungs- und Personalaufwand, denn wenn man das machen will, dann muss es vernünftig geschehen, und das setzt voraus, dass man reflektiert und sich auch in der Fakultät darüber verständigt, welche Fähigkeiten man den Studierenden lehren und was man prüfen möchte. Klatts Zukunftsvision weicht dabei signifikant von der gegenwärtigen Realität ab: Vorlesungen müssten meines Erachtens mittelfristig sehr stark in Richtung projektbezogener Arbeit tendieren, wo die Studierenden in kleinen Gruppen betreut und intensiv an bestimmten Projekten arbeiten. Und wenn das die Form der Lehre in der Zukunft ist, dann wäre es nur konsequent, ähnliche Modelle auch in der Prüfung einzusetzen. In diesem Zusammenhang weist Herr Klatt auch auf das zum ersten Mal im letzten Semester veranstaltete Planspiel zum öffentlichen Baurecht von Prof. Ramsauer hin: Eine großartige Sache, eine ganz neue Lehrform, etwas echt Innovatives, ein Leuchtturmprojekt unserer Fakultät. Aber auch eine kleine Lösung dergestalt, dass in der bisherigen Prüfungsform neue Hilfsmittel eingesetzt werden, hält Klatt für diskutabel: Prof. Struck hat aus meiner Sicht das starke Argument, dass die Praktiker die Hilfsmittel auch zur Verfügung haben. Was ist eigentlich die Rechtfertigung dafür, dass wir in unseren Prüfungen eine absolut künstliche Situation schaffen? Es ist ja beinahe so, als setzten wir die Prüflinge auf eine unbewohnte Insel im Pazifik, gäben ihnen einen Stift und sagten Jetzt dürft ihr mal eure Lösung in den Sand ritzen. Und auch dem vorgebrachten Argument, dass das unterschiedliche Schriftbild für unterschiedliche Benotungen sorgen kann, pflichtet er ausdrücklich bei: Es gibt eine eigene Forschungsrichtung in der Psychologie, die sich mit diesen Dingen beschäftigt und es ist empirisch nachgewiesen, dass solche Effekte auf die Benotung von Prüfungen selbstverständlich vorhanden ist - das Schriftbild ist wie der Anzug und die Krawatte in der mündlichen Prüfung. Wenngleich Prof. Klatt sich nicht auf eine Position festlegen lassen möchte, so betont er doch, dass es wichtig und richtig sei, sich mit diesen grundlegenden Fragen (erneut) zu beschäftigen. Dem wird man beipflichten müssen gerade in Zeiten, in denen der Wettbewerb der Hochschulen immer wieder hervorgehoben wird und in denen erste deutsche Universitäten bereits multimediale Ansätze in ihren Prüfungen verfolgen. Wenn zudem immer gepredigt wird, dass es auf das Grundlagenwissen ankommt und es dieses ist, das unbedingt beherrscht werden muss, dann erscheint es nur konsequent, wenn man durch Einführung entsprechender Hilfsmittel gleichzeitig in Maßen die Angst vor

7 fehlendem Detailwissen nimmt und somit erreicht, dass sich bei der Prüfungsvorbereitung wirklich verstärkt auf die Grundstrukturen konzentriert wird. Gleichzeitig könnte man damit womöglich ein Stück weit den Wind aus den Segeln der kommerziellen Repetitorien nehmen, deren Taktik es ja gerade zu sein scheint, die zahlenden Kunden mit Detailwissen zu bombardieren einerseits, um sich immer darauf berufen zu können, dass der jeweilige Klausurstoff behandelt wurde und andererseits, um ein gewisses Niveau der Angst aufrechtzuerhalten, das für das eigene Geschäftsmodell wohl unerlässlich ist. Die Thematik steht inzwischen auf der Agenda des Think Tank Lehre, der sich dem Vernehmen nach auch grundsätzlich offen für Neuerungen zeigt und dem Fakultätsrat eventuell entsprechende Pilotprojekte vorschlagen wird. Es bleibt zu hoffen, dass man sich dort aufgeschlossen für solche Ideen zeigt. Noch bestünde jedenfalls die Chance, zu den Pionieren zu gehören, die etwas Neues und vielleicht sogar Besseres schaffen. Und Erfolgsmeldungen wären für die Universität Hamburg sicher eine willkommene Abwechslung.

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