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3 Editorial 01 4 Liebe Leserinnen und Leser, es ist vollbracht: Nach längerer Planungsphase erscheint mit diesem NERV das erste Heft, das von Studierenden der Uni und der HAWK gemeinsam realisiert wurde und keine Ausgabe könnte passender sein: Wegweiser haben wir diesmal als Oberthema gewählt. Neue Wege wollen gegangen werden, also brechen wir schon mal auf. Auch an der Uni tastet man sich ein paar vorsichtige Schritte voran, selbst wenn beispielsweise reines Bio-Essen in der Mensa noch in weiter Ferne liegt. Über weitere Projekte, andere mögliche Ziele und Wegvorschläge dorthin informiert euch diese Ausgabe. Viel Spaß beim Lesen! Eure Hannah Feiler NERV Magazin für studentisches Sein An der Universität Hildesheim Sommersemester 20 Gesetzt aus Adobe Garamond Pro Prestige Elite Std Letter Gothic Std Gedruckt auf Igepa Recymago 5 g Grenita granuliert 5 g Resa Offset 250 g igepagroup.com Druck B & W Druckservice b-und-w-druck.de Auflage 1000 Stück ViSdP AStA der Universität Hildesheim, Marienburger Platz 22, 341 Hildesheim Herausgeber Karó Oganesian Stellvertretender Herausgeber Nick Stucke Impressum Chefredakteurin Hannah Feiler Stellvertretender Chefredakteur Olaf Bernstein Grafisches Konzept Eicke Riggers Coverentwurf Eicke Riggers (Vielen Dank an Thimo Redin für des Pudels Kern) An dieser Ausgabe beteiligt Olaf Bernstein (.obe) Maja Ellinghaus (.mae) Jennifer Fandrich (.jfa) Florian Grunau (.fog) Nadja Juckl (.naj) Gudrun Kramer (.guk) Anka Mader (.ama) Johannes Mader (.jom) Josephine Reif (.jor) Marie-Luise Schächtele (.mls) Julia Schendrikow (.jsc) Layout und Lektorat Olaf Bernstein Hannah Feiler Persephone Haasis Marvin Kühn Anka Mader Josephine Reif Eicke Riggers Marie-Luise Schächtele Julia Schendrikow Externe Mitarbeit Simon Dietzel Michael Ebeling Nora Graupner Julia Hartmann Antonia Kalitschke Berenike Kuschel Rainer Kühl Marvin Kühn Sebastian Leierseder Andreas Marx Elisabeth Minewitsch Rübe Margret Schütz Nele Simon Julian Smaluhn Nick Stucke Cathleen Tischoff Der NERV wird aus Mitteln der Asten der Universität Hildesheim und der HAWK Hildesheim / Holzminden / Göttingen finanziert. Die Texte geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

4 6 7 I Wikipedia: Nachhaltigkeit II basf.com/de/germanweeks/sustainability Nachhaltigkeit, die eierlegende Wollmilchsau Und warum Greenwashing doch nicht ausreicht W enn sich Angela Merkel, emanzipatorische soziale Bewegungen und PR-Abteilungen transnationaler Chemiekonzerne gleichermaßen positiv auf einen Begriff beziehen, dann sollte allein diese Tatsache stutzig machen. Nachhaltigkeit heißt diese eierlegende Wollmilchsau, in der alle sich wiederfinden können, weil sie allen alles verspricht. Grund genug, sich mal genauer anzusehen, was sich hinter diesem eleganten Begriff verbirgt, gegen den ja wohl beim besten Willen niemand sein kann. Das Konzept der Nachhaltigkeit beschreibt die Nutzung eines regenerierbaren Systems in einer Weise, dass dieses System in seinen wesentlichen Eigenschaften erhalten bleibt und sein Bestand auf natürliche Weise regeneriert werden kann. I Das klingt so gut und einleuchtend, dass nachvollziehbar wird, wie Nachhaltigkeit es zu so einer steilen Karriere gebracht hat: Basierend auf der in der kursächsischen Forstordnung bereits 1560 verankerten Idee, nicht mehr Holz zu schlagen, als nachwachsen kann, wurde Nachhaltigkeit als Begriff schließlich 1972 im Bericht des Club of Rome Die Grenzen des Wachstums einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Darin wurde Nachhaltigkeit erstmals in den Kontext globaler Entwicklung gestellt und die drei Säulen ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit in Ansätzen ausdifferenziert. Im weiteren Verlauf entdeckten Grüne, Ökologie- und globalisierungskritische Bewegungen dann den Begriff für sich und machten ihn zum Bezugspunkt für einen anderen Umgang mit begrenzten Ressourcen und für ein Ende der kapitalistischen Entwicklungsideologie an dessen Spitze die Industrienation steht. Nachhaltigkeit im Dienste von Chemiekonzernen Richtig populär wurde das Bekenntnis zu Nachhaltigkeit aber erst infolge der UN-Umweltkonferenz 1992 in Rio de Janeiro. Jetzt war alles nachhaltig: nachhaltige Re-genwaldabholzung, nachhaltige Automobilproduktion, nachhaltige Sozial- und Finanzmarktreformen und überhaupt nachhaltige Politik. Kein Parteiprogramm, kein staatliches Bildungskonzept und keine Konzernselbstdarstellung kam jetzt noch ohne begeisterte Beschwörung einer nachhaltigen Verantwortung gegenüber der Zukunft aus. Natürlich ohne die wirtschaftlichen Interessen zu beeinträchtigen oder gar Grundsätzliches in Frage zu stellen, wie die Kostprobe des Chemiekonzerns BASF zeigt: Nachhaltigkeit bedeutet für uns als The Chemical Company, dass wir wirtschaftliches Wachstum, Umweltschutz und soziale Verantwortung in Einklang bringen. Dies sehen wir als Vorraussetzung, um als Unternehmen erfolgreich zu sein. Nachhaltigkeit hilft dabei, die Zukunft der BASF und die unserer Mitarbeiter, Kunden und Anteilseigner erfolgreich zu gestalten. II Ein Fest für PR-Strateg_innen und Werbefachleute! Hurra, alles kann bleiben wie es ist, wir sind im Gleichgewicht! Erstaunlich, was so, mitunter für interessante Neuinterpretationen für einen Begriff entstanden, der ursprünglich immerhin eine ganz schön radikale Komponente beinhaltete: Konsequente Begrenzung des eigenen Handelns auf das, was für das Gesamtsystem keine schädlichen Auswirkungen haben kann. Doch beim Vergleich mit den Floskeln aus Greenwashing-Selbstdarstellungen von Regierungen, die Umweltzerstörung billigend unterstützen und den leeren Corporate- Social-Responsability-Versprechungen von Konzernen, die von Kinderarbeit profitieren, dämmert einem langsam, dass diese Nachhaltigkeit mit der anderen Nachhaltigkeit kaum mehr als den Namen gemeinsam hat. Anders ausgedrückt: Nachhaltigkeit ist als Begriff diskursiver Deutung unter-worfen, seine Inhalte sind variabel austauschbar. Es ist aber nicht so, dass nun einfach jede_r nach Lust und Laune diesen leeren Signifikanten III mit Bedeutung füllen könnte. Was unter einem solchen umkämpften Begriff verstanden wird, unterliegt gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen, denn sie bestimmen die hegemoniale, d.h. vorherrschende Deutung. So lässt sich erklären, wie die ehedem mit Nachhaltigkeit verbundenen weitreichen-den Ideen heute zusehends weichgespülten Minimalzielen weichen müssen. Statt Forderungen nach einer Abkehr von gnadenloser Verheizung der begrenzten natürlichen Ressourcen und einem Ende der globalen Ausbeutung, statt Kritik am grenzenlosen kapitalistischen Wachstumswahn und emanzipatorischen Perspektiven grundsätzlicher gesellschaftlicher Veränderung bleibt es meist bei gut klingenden PR-Botschaften. In der hegemonialen Deutung wird Nachhaltigkeit so aus dem Kontext der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen herausgelöst, bis schließlich ein gedemütigter Torso aus ein bisschen Emissionshandel, Ökosteuer und meist unkontrollierten Selbstverpflichtungen von Staaten und Konzernen übrig bleibt, der sich zahnlos der herrschenden diskursiven Ordnung anpasst. Nachhaltigkeit wiederaneignen? Wer nun die eigenen kritischen Perspektiven in dieser neuen Nachhaltigkeit nicht mehr wiederfinden kann, dem bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder es gelingt, den Begriff diskursiv neu zu besetzen und in seiner inhaltlichen Fülle zurück zu erkämpfen, so dass er wieder als Bezugspunkt nutzbar wird. Ein solches Vorhaben scheint aber, vor-sichtig formuliert, extrem schwierig, so dass Nachhaltigkeit als Schlagwort für radikale Kritik bereits früh aufgegeben wurde, da eine Vorstel- lung grundlegenden gesellschaftlichen Wandels damit kaum mehr zu artikulieren war. Die zweite Option wäre, sich an anderen Begriffen neu zu orientieren, die effektiver zu hegemonisieren sind und eine klare Sprache sprechen, die nicht wieder von PR-Strateg_innen gekapert und sinnentleert werden kann. Klimagerechtigkeit könnte ein solcher Bezugspunkt sein, mit dem sich eine Verbindung zwischen endlicher Ressourcen- und Emissionskapazität sowie sozial-ökonomischer, gesellschaftlicher Praxis herstellen lässt. Der Bestandteil Klima verweist so einerseits auf die faktische Tatsache, dass die Umwelt bereits lange nicht mehr in einem nachhaltigen, also natürlich regenerierbaren Zustand ist, den es nur zu erhalten gelte, so wie dies das Konzept der Nachhaltigkeit nahelegen möchte. Die Ursachen von Klimawandel zu bekämpfen, bedeutet heute neben der Entwicklung einer zukunftstauglichen Lebens- und Produktionsweise auch, die Hauptschuld der Industrieländer daran anzuerkennen und damit im Denken nicht mehr von einem neutralen oder natürlichen Ursprungszustand auszugehen. Gerechtigkeit ist dabei die normative Komponente mit der Verantwortung und Wiedergutmachung für die gesellschaftlich katastrophalen Folgen von Umweltvernutzung und -zerstörung eingefordert werden kann meist durch die, die am wenigsten dafür können und von eben jenen, die sich heute Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreiben. Klimagerechtigkeit! Klimagerechtigkeit ist dabei aber natürlich den selben Kämpfen um diskursive Deutungsmacht ausgesetzt und wenn mächtige Akteure wie Angela Merkel heute unter Berufung auf Klimagerechtigkeit ein Recht auf (gleiche) Emission pro Kopf gültig machen wollen, ist auch hier wie bei Nachhaltigkeit die Kernbedeutung gefährdet. Trotzdem besteht aber gerade im Vergleich mit Nachhaltigkeit mit Klimagerech-tigkeit als Bezugsbegriff immerhin noch die Chance, grundsätzliche kritische Forderungen an gesellschaftlichen (Natur-)Verhältnissen zu verankern und darüber konsequent, wie in dieser Nerv- Ausgabe, ökologisch zukunftsfähige und gerechte Lebensstile zu entwickeln. foto: cgtextures.com III vgl. Laclau, Ernesto und Chantal Mouffe (1991): Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. Wien: Passagen-Verlag Sebastian Leierseder

5 8 9 Bild:.jsc Sonne! Ein Kommentar Und warum Hildesheim eine Fahrradstadt werden sollte J eden Morgen quetschen sich hunderte Studierende in überfüllte Busse, zumindest die, die noch reinkommen. Draußen scheint die Sonne. Es quetschen sich noch mehr Studierende in die Busse und noch mehr müssen warten oder laufen. Es regnet. Klar, wir brauchen öffentliche Verkehrsmittel, vor allem im tiefsten Winter und ich bin für ein Busticket, oder noch besser kostenlose öffentliche Verkehrsmittel für alle, aber unser Busticket soll noch teurer werden und das bei bleibenden unzureichenden Leistungen. Glücklicherweise hat die Studierendenschaft schon reagiert und dem Ticket wurde ein negatives Votum für die Fortsetzung unter diesen Bedingungen ausgesprochen. Hoffentlich wird die SVHI über ihre Politik nachdenken und die Öffentlichen wieder zu bezahlbaren Verkehrsmitteln machen. Jetzt kommt wieder der Sommer. Aber was können wir tun, ganz konkret und nicht auf politischer Ebene? Genau: Hildesheim ist eine Stadt, in der alles noch irgendwie gleich um die Ecke ist. Zu Fuß etwas zu weitläufig, da die Uni ja ihr gutes überall ein bisschen -Konzept immer schön weiter treibt, aber mit dem Rad ist man schnell da, wo man hin will und auch schnell im Grünen, im Wald oder am Hohnsen. Da erinnern sich die Ersten mit gemischten Gefühlen daran, dass ihrem Reifen schon seit langem der Atem ausgegangen ist, und die Fazze wird wieder voll, immer montags von 17-19:30 Uhr. Die Fazze ist unsere Fahrradselbsthilfewerkstatt, untergebracht im alten Eichamt in der Moltkestrasse, dort wo auch die Fotographen Bilder an die Hauswand kleben. Allerdings mangelt es etwas an der Infrastruktur für uns Fahrradfahrer: Fahrradparkplätze an der Uni, der Domäne, am Haupt- und Ostbahnhof fehlen, Fahrradwege in der Stadt sind nur mäßig vorhanden, die Möglichkeit auch stadteinwärts zum Klingeltunnel zu fahren, ohne dass ein Beamter in Grün (oder modern in Blau) einem das Geld aus er Tasche zieht, ist leider auch nicht gegeben. Meiner Meinung nach ist der wichtigste Punkt eine Fahrradwerkstatt mit den Ressourcen, die Studierenden Hildesheims mit allem zu unterstützen, was nötig ist, um mobil bleiben zu können. Dafür braucht sie aber wiederum unsere Unterstützung. Ich träume von einer Fahrradwerkstatt, die jeden Tag offen hat. Ein Ort, von dem ich weiß, dass ich dort Hilfe bekomme und dass alles, was man braucht, einfach da ist. Ein Ort, an dem die Leute, die dort arbeiten, es gerne tun und dafür auch wertgeschätzt und bezahlt werden. Und wenn mal alles schief läuft mit dem eigenen Rad oder Besuch da ist, gibt es einen studentischen Fahrradverleih. Warum ist das in anderen Städten vorhanden, hier aber noch nicht? Das klingt erst mal nach einem Riesenprojekt und scheint nicht so ohne Weiteres machbar zu sein, oder? Ich habe etwas recherchiert, gerechnet und meinen Taschenrechner bemüht und bin zu dem Schluss gekommen, dass man nur einen kleinen Schritt gehen muss, um meine Traumwerkstatt Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn jeder Studierende pro Semester einfach einen Euro Werkstatt-Beitrag zahlen würde, hätten wir genug Geld, um davon während des Semesters fünf Tage die Woche jeweils drei Stunden am Tag die Fazze offen zu haben, mit zwei oder drei Helfern, die für ihre Arbeit acht Euro pro Stunde erhalten würden, und um Material und Werkzeug zu kaufen. Wenn es Leerlauf in der Werkstatt geben sollte, gerade am Anfang, weil sich das ganze noch entwickeln und verbreiten muss, kann die Zeit genutzt werden, um Leihfahrräder herzurichten und das Drumherum zu organisieren. Damit wäre ein Grundstein dafür gelegt, Hildesheim ein Stück lebendiger zu machen. Daher wünsche ich mir, dass ich mit meiner Forderung nicht allein bleibe. Gemeinsam können wir Hildesheim etwas fahrradfreundlicher gestalten. Also bis bald in der Fazze oder auf der Straße! Julian Smaluhn

6 10 Ökorrekt reisen Wie sich Urlaubssehnsüchte und ein gutes Gewissen verbinden lassen Das leise Rauschen der Wellen und der Duft nach salzigem Meerwasser erfüllen die milde Südseeluft. Vor uns erstreckt sich der endlos weisse Strand und am Horizont springen Delphine in das türkisschimmernde Wasser. Goldene Sonnenstrahlen wärmen unsere Haut und lassen uns all unsere Probleme vergessen. Wir sind sorgenfrei, entspannt und glücklich! Diese paradiesischen Bilder haben viele vor Augen, wenn sie von ihrem nächsten Urlaub träumen. Doch unser sehnsuchtsvolles Fernweh hat einen Feind: Das schlechte Gewissen hat dem unbeschwerten Urlaubsgenuss den Kampf angesagt! U mweltschutz, Nachhaltigkeit und Klimawandel sind in aller Munde. Und Umfragen zufolge mehr als die Hälfte der Deut- das Sinnvollste sein. Tatsächlich machen sich längst ist es offensichtlich, dass auch schen Gedanken über die negativen Auswirkungen ihrer Reise. der Tourismus nicht nur ein Segen ist, sondern gravierende soziale, ökologische und kulturelle Probleme mit sich bringt. Auch wenn wir ungerne jeden Schritt unseres wohlverdienten Urlaubs ten, wenn wir umweltschonend und sozialver- Doch was genau müssen wir eigentlich beach- hinterfragen, allmählich ahnen wir: Ein Luxusurlaub in Thailand kann ökologisch gesehen nicht neue, zukunftsfähige Tourismusformen träglich reisen möchten? Viele Tipps rund um findet man im Internet. Aber nicht nur dort schwappt einem eine Informationsflut entgegen. Inzwischen werben auch immer mehr Reiseveranstalter mit nachhaltigen Reiseangeboten. Schließlich gehört das Engagement für die gute Sache heutzutage zur modernen Unternehmensführung dazu. Doch wer bestimmt eigentlich, was nachhaltig ist? Im Tourismus gibt es zwar zahlreiche regionale, nationale und internationale Umweltzeichen, doch die vielen Siegel und Gütezeichen verwirren mehr, als dass sie helfen. Dabei ist es gar nicht so schwer, ökorrekt zu reisen. Verbände wie das forum anders reisen bieten eine erste Orientierung und zeigen, wie man seine Reiseerlebnisse an der Umwelt und am Menschen orientieren kann. Sie fördern einen sanften Tourismus, der langfristig ökologisch tragbar, wirtschaftlich machbar sowie ethisch und sozial gerecht für ortsansässige Gemeinschaften ist. Für die Ökobilanz einer Reise ist demnach nicht nur entscheidend, wohin man wie reist und wo man wohnt, sondern auch, was man vor Ort unternimmt und was dem Gast zuliebe mit der Natur im Zielgebiet geschieht. Müssen wir ständig im Flugzeug um die Welt jetten oder auf geschminkten Kreuzfahrtschiffen über die Meere schippern? Müssen wir auf künstlichem Schnee die Alpen runter brettern, im trockenen Spanien Golf spielen oder Wale streicheln? Müssen wir wirklich in Länder reisen, in denen Krieg geführt wird oder Menschenrechte missachtet werden? Nein, eigentlich können wir auf all das locker verzichten. Aber keine Angst, das bedeutet nicht, dass ab jetzt nur noch Balkonien angesagt ist!

7 12 13 Alle Fotos:.naj Wenn man ein paar Tipps beachtet, lassen sich Urlaubssehnsüchte und ein gutes Gewissen ganz leicht vereinbaren. Dazu sollten wir vor der Buchung einer Reise über folgende Fragen nachdenken: - Wohin reise ich? - Wie komme ich da hin? - Wie und wo wohne ich? - Was mache ich da? Einer der wichtigsten Faktoren für die Ökobilanz einer Reise ist die Entfernung zum Urlaubsparadies. Dabei gilt: Regional ist optimal! Und das scheint sich rumgesprochen zu haben. Denn tatsächlich ist Deutschland schon seit langem das liebste Urlaubsziel der Deutschen. Ob Segeln auf der Nordsee, Wandern in den Bergen Bayerns oder Sightseeing in Berlin. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? weil wir halt eben doch ab und zu raus wollen! Wir wollen fremde Sprachen hören, bei 40 C im Schatten zerfließen, durch uralte Tempel kriechen und uns von Marktschreiern kitschige Vasen andrehen lassen. Und gegen dieses Fernweh ist ja auch erst einmal nichts einzuwenden wenn man denn ein paar Punkte beachtet. Entscheidend wäre da zunächst einmal die Art der Anreise. Ein Vergleich macht deutlich, wie sehr sich die Klimabilanzen der einzelnen Transportmittel unterscheiden. Das Umweltbundesamt hat den CO2-Ausstoß für die Strecke Berlin Paris (ca Kilometer) pro Person errechnet: Per Bus sind es 34, per Bahn 55, per Auto 151 und per Flugzeug ganze 387 Kilogramm. Würde man den Weg mit einem Kreuzfahrtschiff zurücklegen, würde man sogar 430 Kilogramm verblasen. AIDA sollte man deshalb lieber im Hafen lassen und auch ein Flugzeug sollten wir höchstens einmal jährlich von innen sehen. Und wenn es denn dann doch mal unbedingt der Flieger sein muss, können wir mit Kompensationszahlungen den Klimaschutz unterstützen. So kann man beispielsweise auf atmosfair.de berechnen lassen, wie viel CO2-Ausstoß ein Flug verursacht und welche Geldspende angemessen wäre, um den Schaden an anderer Stelle auszugleichen. Spendet man diese Summe, unterstützt man Projekte, die einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dadurch sollen Emissionen an anderer Stelle vermieden werden. Nachhaltiger Tourismus bedeutet aber nicht nur, der Natur Respekt entgegen zu bringen. Auch die Menschen vor Ort gilt es zu unterstützen. Schließlich birgt fairer Tourismus die Chance, Arbeitsplätze zu schaffen und lokale Strukturen zu fördern. Dazu können wir beitragen, indem wir kleine private Hotels und Restaurants bevorzugen und mit Respekt vor anderen Kulturen, deren Sitten und Gebräuchen reisen. Anders reisen für eine bessere Welt Natürlich ist es verlockend, für ein paar Euro nach Barcelona zu fliegen oder in New York seine Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Schließlich gibt es Billigflüge wie Sand am Meer. Und hier mal ein Wochenende in London, dort mal eine kurze Erholung auf Bali; das ist schon fast Normalität. Aber ist das wirklich nötig? Wird es nicht allmählich Zeit, weniger egoistisch zu sein? Sollten wir unsere Ansprüche der Erde zuliebe nicht endlich etwas zurück schrauben und Verantwortung für die Folgen unseres Handelns übernehmen? Denn wenn wir so weiter machen wie bisher, zerstören wir genau das, was wir lieben: Unsere Urlaubsparadiese. Wo einst eine gesunde Strandlandschaft zum Träumen einlud, prägen heute Bettenburgen und Betonwüsten das Bild. Große Teile der Mittelmeerküste sind verbaut, daneben türmen sich Müllberge. Wo es einst artenreiche Feuchtgebiete und Mangrovenwälder gab, sollen heute Golfplätze und Marinas Touristen anlocken. Der Massentourismus hinterlässt auf der ganzen Welt Narben in der Natur. Das bedeutet nicht, dass wir aufhören müssen zu reisen. Wir müssen einfach nur lernen, anders zu reisen! Und wenn du jetzt sagst, dass man als Einzelner doch ohnehin nichts bewirken kann, dann denke an Mahatma Gandhis Worte: Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt. Die Rechnung ist schließlich ganz einfach: kleine Taten x Millionen Menschen = Große Veränderung!.naj Literatur: - Leo Hickmann (2008, Pendo Verlag): Und tschüss! Was wir anrichten, wenn s uns in die Ferne zieht. - Fred Grimm (2008, Wilhelm Goldmann Verlag): Shopping hilft die Welt verbessern. - Kerry Lorimer (2006, Lonely Planet): Code Green. Links:

8 14 15 Trampen Reisen mit Unbekannten D as Trampen ist zugegeben nicht unter diesem Namen schon sehr lange eine Form der Fortbewegung. Vermutlich seitdem es schnellere Verkehrsmittel gibt, versuchen Menschen in nicht voll ausgelasteten Transportmitteln mitgenommen zu werden. Seit der Erfindung des Automobils bietet es die Möglichkeit, sehr schnell weite Strecken zurückzulegen. Ob organisierte Mitfahrgelegenheiten und Fahrgemeinschaften oder das spontane Mitnehmen: Die gemeinsame Nutzung großräumiger Transportmittel durch mehrere Menschen ist umweltfreundlicher und billiger. Nachdem das Trampen in den 1950er, 60er und 70er Jahren starke Verbreitung gefunden hat, ließ es in der Folgezeit nach. Dies lässt sich durch den Umstand erklären, dass immer breitere Bevölkerungsschichten in der finanziellen Lage waren, ein eigenes Auto zu unterhalten. Infolge steigender Kosten für die Unterhaltung eines Autos beziehungsweise stetig steigender Aufwendungen für den öffentlichen Personennah- und Fernverkehr könnte sich diese Entwicklung aber auch wieder umkehren. Entsprechend der Prognosen zur stetig wachsenden Verarmung breiterer Bevölkerungsteile und der sinkenden Möglichkeit, mit staatlichen Transferleistungen die erforderlichen Tickets zu bezahlen, werden kostengünstige oder im besten Fall kostenlose Möglichkeiten des Reisens beziehungsweise der Fortbewegung eine steigende Bedeutung zurückerlangen. Auch Studierende dürften es sich angesichts stetig steigender Beiträge für so ziemlich alles überlegen, ob der kleine Wochenendausflug ins elterliche Verwöhnparadies wirklich notwendig ist, der Urlaub vielleicht doch an der Nordsee ausreicht und es nicht Griechenland sein muss. Hier bietet Trampen eine echte Alternative mal eben flott nach Hause getrampt und im Sommer die sieben Sachen gepackt und ab in den Süden. Neben einer beachtlichen Kostenersparniss steht für viele Tramper_innen auch der Spaß im Vordergrund. Innerhalb eines Tages trifft man Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, unterhält sich auf Deutsch, Englisch, Französisch und mit Händen und Füßen über spannendste oder belangloseste Sachen. Ein Top- Banker erzählt einem über zwei Stunden was für ein toller Hecht er ist und mensch muss sich das Lachen verkneifen, ein Trucker schwärmt von seiner weit entfernten Heimat, zum Schluss fachsimpelt mensch mit einem alten Omachen über die Ausgewogenheit einer veganen Ernährung. Und schon steht mensch zu Hause vor der Tür und fragt sich, wie die Zeit so schnell vergehen konnte. Tatsächlich ist eine der obersten Regeln beim Trampen ruhig bleiben und sich Zeit lassen. Gefühle wie Unruhe und Gehetztheit werden ausgestrahlt und wirken sich nicht positiv auf potentielle Lifts (Tramper_innensprache für Mitfahrgelegenheit) aus. Neben Spaß und finanziellen Faktoren macht die Freiheit den Reiz des Trampens aus. Besonders wenn es in den Urlaub geht und das Ziel nicht

9 16 17 genau festgelegt ist, ist es ein unbeschreibliches Gefühl, an Raststätten zu stehen, selbstbemalte Pappkartons mit dem Zielort drauf hochzuhalten, Leute anzusprechen oder auch einfach nur mal Pause zu machen, alternativ auch einfach an Landstraßen zu stehen; gemütlich den Daumen raushalten und die Seele baumeln lassen. How to hitchike Wie trampe ich? Für alle Menschen, die genau jetzt Lust aufs Trampen bekommen haben, hier eine kleine Praxisanleitung, an was alles beim Trampen gedacht werden kann oder sollte. Atlas dabei? Möglichst mit eingezeichneten Rasthöfen. Schon auf einen guten Spot (Tramper_innensprache für den Ort von dem aus man lostrampt) rausgesucht? Das Hitchwiki ist das freie Wikipedia der Tramper_innengemeinde in Deutschland. Hier findest du zu fast jeder großen Stadt einen Eintrag mit Spotempfehlungen. Immer einen oder mehrere DICKE Eddings in der Tasche haben. Kartons zum bemalen kriegst du an jedem Rasthof, einfach das Personal fragen, die kennen das schon und geben meist gerne alte Pappen raus. Bist du eher der ruhigere oder der kommunikativere Mensch? Entweder kannst du dich mit der Pappe an das Ende einer Raststelle oder an eine Autobahnauffahrt stellen und nett aussehen. Oder direkt Leute, die tanken oder rasten ansprechen, möglichst wenn gerade getankt wird, dann können die nicht wegrennen. Hier auch nach ein paar Zurückweisungen nicht den Kopf hängen lassen. Nicht jede_r sieht es gern, wenn getrampt wird und reagiert etwas forsch, andere blicken starr gerade aus und haben gar keine Tramper_innen gesehen. Mit diesen Situationen umzugehen erfordert keinerlei Übung, es ist schön, an der Straße zu stehen und sie trotzdem anzulächeln, rein aus Prinzip. Doch das Wichtigste: Traue niemals deinem Lift, wenn er oder sie dich zu einer total super geeigneten Landstraße bringen will. IMMER versuchen auf der Autobahn zu bleiben, an Rasthöfen rausgelassen zu werden und nicht an kleinen Auffahrten. Von hier kommt ihr immer weg, an Auffahrten steht man oft sehr lange. Bitte nicht über Politik reden, dass kann böse enden. IMMER vor dem Einsteigen genau klären, wo du rausgelassen wirst, sonst erlebst du manche blöde Überraschung. Wenn das Auto oder Fahrerin oder Fahrer dir ungeheuer erscheint, ist es okay, Nein zu sagen. Es gibt, besonders für Frauen, einige Sicherheitsaspekte, die jedoch gleichermaßen für Männer gelten. Am wichtigsten ist es, selbstbewusst aufzutreten und Gefühle wie Unwohlsein klar zu äußern. Du kannst zusätzlich SMS mit dem Autokennzeichen an Bekannte verschicken. Nicht ohne Grund hat sich das Trampen bis heute gehalten, es macht einen riesigen Spaß, egal obs nur die Strecke nach Hause ist oder der mehrwöchige Trip mit Backpack und Hängematte quer durch die Welt. Es gibt kaum etwas Schöneres als unter der knallend heißen Sommersonne durch fremde Länder zu trampen und deren Kulturen und Landschaften kennen zu lernen..fog &.mae

10 18 19 Bild: cgtextures.com»nachhaltig«im Kontakt Gewaltfreie Kommunikation W enn ich von Nachhaltigkeit spreche, spreche ich wohl von anderen Dingen als wenn BASF das tut, aber das findet ihr schon im Artikel Nachhaltigkeit, die eierlegende Wollmilchsau beschrieben. Dennoch werde ich im Folgenden von Nachhaltigkeit sprechen. Was heißt es, nachhaltig im Sozialen zu sein? Nachhaltig im Kontakt, in der Kommunikation zu sein? Ich verstehe darunter einen Weg, den zu gehen bedeutet, Konflikte als das zu sehen, was sie meiner Meinung nach sind: Chancen. Chancen, um Situationen, Beziehungen und Verhalten zu verändern, sich dieser bewusst zu werden. Wenn ich Konflikte nicht meide, sondern ihnen und meinem Gegenüber authentisch begegne, ist dies die Basis, auf welcher Veränderung möglich wird. Konkret heißt das, dass ich in der Lage sein muss, mich selbst auszudrücken und auch den Anderen wirklich zuzuhören. Zwei Fähigkeiten, die ich, wie ich dachte, schon seit meiner Kindheit beherrsche. Dennoch habe ich bei mir und Menschen in meinem Umfeld immer wieder Konflikte miterlebt, bei denen die Konfliktparteien einander gar nicht hören konnten, obwohl sie viele Worte austauschten. Hierdurch erschien mir die Kommunikation, welche wir von klein auf erlernt haben, nicht mehr als lebensdienlich. Das Grundproblem hierbei ist, dass die Menschen nicht miteinander in Kontakt kommen, sondern nur Positionen, Bewertungen und Analysen austauschen. À la einer muss ja Recht haben; richtig gegen falsch, gut gegen böse. Dabei wird außer Acht gelassen, dass alle Menschen die selben Bedürfnisse haben. Und ich bin mir sicher, dass, wenn die eigenen Bedürfnisse gesehen und erfüllt werden, Menschen mit Freude bereit dazu sind, zur Erfüllung der Bedürfnisse von anderen beizutragen. Schon beim Beschreiben worum es eigentlich geht, krachen oft die Positionen aneinander und weiter kommt man nicht: Du hast wieder den Flur nicht aufgeräumt, wie immer! gegen Klar habe ich das, du hast es letzte Woche nicht gemacht. Eine klar formulierte Beobachtung ist hier oft hilfreich, aber dazu unten mehr. Erstmal eine kleine Geschichte: Die Geschichte der geteilten Orange. Zwei Jugendliche streiten sich um eine Orange. Beide sagen, sie haben sie zuerst gehabt und außerdem bekommt der andere eh immer was er will. Irgendwann sind beide genervt. Die Mutter schlägt vor, einen Kompromiss zu finden, die Jugendlichen nicken stumm. Sie greift zum Messer, schneidet die Frucht in der Mitte entzwei und gibt jedem eine Orangenhälfte. Man könnte sagen: Super, ein Kompromiss, das ist doch das Beste was passieren kann. So haben beide Kinder die Hälfte von dem was sie wollten. Das ist auf den ersten Blick eine gute Lösung, und auch nicht zu verachten. Aber dennoch ist es eine Lösung, die von Mangel ausgeht und bei der die Bedürfnisse keiner der beiden Beteiligten voll erfüllt worden sind. Vielleicht hätte es auch andere Strategien gegeben, die zu einer sogenannten Win-Win Situation geführt hätten, also die Bedürfnisse aller erfüllt hätten. Hätten sich die Kinder im Bewusstsein darüber, was sie eigentlich wollen, ausdrücken können, hätte es vielleicht zu folgender Situation geführt: Der eine sagt, dass er die Orange braucht, weil er den Orangensaft trinken möchte, der andere sagt, dass er die Orangenschale für einen Kuchenteig braucht. Die beiden kommen, sobald klar ist, was sie wollen, selber auf eine Idee, z.b. zuerst die Schale für den Kuchen abzureiben und anschließend den Saft aus der Frucht zu pressen. Durch meinen Bruder wurde ich auf die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) aufmerksam, mit der ich mich seit nunmehr sechs Jahren beschäftige. Die GFK ist eine Methode und Haltung, die das Ziel hat, eine Kommunikation zu fördern, auf deren Basis es möglich ist, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt werden. Grundlage ist eine wertschätzende Haltung gegenüber seinen Mitmenschen und eine klare, verständliche Ausdrucksform. Dies kann das private Leben in einer Weise bereichern, die es ermöglicht, dass die Beziehungen erfüllender werden und die persönlichen und materiellen Ressourcen achtsamer und effektiver verwendet werden können. Aber lasst mich nochmals die Orangen-Geschichte von oben aufgreifen. Die Mutter hätte, anstatt einen Kompromiss vorzuschlagen, die Jungen dabei unterstützen können, sich dem, was sie brauchen, bewusst zu werden und sich mitzuteilen. Hierdurch hätte die Mutter die Jugendlichen dabei unterstützt, eine für beide befriedigende und dadurch nachhaltige Lösung zu finden. Dies lässt sich von der Rolle der Mutter wunderbar auf einen zurzeit sehr gehypeten Beruf übertragen, den des Mediators. Man hört in letzter Zeit immer häufiger von Mediation, von neuen Mediationsgesetzen, von gerichtsnaher Mediation, usw. Überall sprießen Mediations-Angebote aus dem Boden, an Unis, Schulen und Gemeindeinstitutionen, aber was Mediation eigentlich bedeutet ist noch weitgehend unbekannt. Die Mediation ist ein Ansatz, der es Menschen ermöglicht, Hilfe bei einer unbeteiligten dritten Person zu holen, z.b. wenn sie allein nicht zu einer Lösung kommen können oder den Prozess beschleunigen bzw. vereinfachen möchten. Mediationen eignen sich sowohl für Konflikte im kleinen Rahmen, wie z.b. unter Freunden oder in partnerschaftlichen Beziehungen, als auch im Größeren, z.b. zwischen Großkonzernen. Vom Kindergarten bis zum Erbstreit sind Konflikte mit Mediation nachhaltig lösbar. Der Mediator hilft Konflikte zu lösen, ohne zu bewerten und zu urteilen. Er hat im Prozess die Aufgabe, den Medianten (wie in der obigen Geschichte die Mutter den Kindern) zu helfen, sich ihrer Bedürfnisse und Gefühle klar zu werden und die Verbindung zur Gegenseite aufzubauen. Anders als ein Richter ist er nicht für das Inhaltliche, sondern für den Rahmen und Kommunikationsfluss zuständig. Er wird am Ende nicht urteilen und keine Partei ergreifen, daher muss und darf er auch nichts bewerten. Er leitet die Streitparteien durch den Prozess, gleicht Hierarchien unter den Medianten aus und achtet darauf, dass alle gleich gesehen werden. Im letzten Jahr habe ich eine Ausbildung zum Mediator auf Basis der Gewaltfreien Kommunikation gemacht. Nun bin ich mitten in meiner ersten großen Mediation, bei der ich den Medianten durch Anleitungen und Unterstützung in der Kommunikation helfe, die Bedürfnisse hinter Vorwürfen und Gefühlen zu sehen und auszurücken oder das Gespräch unterbreche, wenn ich meine, dass es nicht mehr zielführend ist. Ich helfe den Medianten dabei, eine für alle befriedigende Lösung des Konflikts zu finden. Meine Rolle ist es, die Gespräche zu leiten und eine wertschätzende Atmosphäre zu halten. Die Ideen und Lösungsfindungen kommen von den Medianten selbst und daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Lösung nachhaltig ist, sehr hoch. Viel höher als es bei einer über den Kopf der Medianten entschiedenen Lösung durch eine Autorität, z.b. einen Richter oder Lehrer, wäre. Mediation ist ein Weg, der auch nach Überwindung der auf Konkurrenz basierenden bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und der auf ihr basierenden Probleme noch seine Existenzberechtigung hat, um auf freiwilliger Basis die für alle Parteien besten Lösungen zu finden. Daher glaube ich, dass hier, in dieser Ausgabe, auch der richtige Platz ist, um über Mediation zu berichten. Ich bin überzeugt davon, dass eine nachhaltige Gesellschaft neue Formen des Miteinanders benötigt, welche ihre Legitimation nicht in den Herrschaftsstrukturen, sondern im Einverständnis der Beteiligten begründen. Julian Smaluhn

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