Analytische Erkenntnistheorie & Experimentelle Philosophie

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1 Analytische Erkenntnistheorie & Experimentelle Philosophie

2 Klassische Analyse von Wissen Die Analyse heisst klassisch, weil sie auf Platon zurück geht (Theaitetos) Sokrates will wissen, was das Wissen selbst ist (Theaitetos 146e). Sokrates fragt nach der Natur (Idee) des Wissen. Klassische Antwort: Wissen ist gerechtfertigte, wahre Meinung (Überzeugung, Glaube) Justified true belief Pointe: Was muss zu wahrer Meinung hinzukommen, dass sie Wissen wird? 1960er Jahre: Gettier-Fälle Gettier, E. (1963). Ist gerechtfertigte, wahre Meinung Wissen?. P. Bieri (Hg.), Analytische Philosophie der Erkenntnis, Frankfurt/M. 1987,

3 Ein Gettier-Fall Müller und Huber sind beide begierig auf eine Beförderung in ihrer Firma. Müller hat gute Gründe zu glauben, dass Huber befördert wird, denn der Chef hat ihm versichert, dass er Huber befördern wird. Müller weiss auch, dass Huber 10 Münzen in seiner Tasche hat, denn er hat sie mit eigenen Augen gesehen. Frustriert bringt Müller abends am Stammtisch die Überzeugung zum Ausdruck: Ich weiss, dass derjenige, der 10 Münzen in der Tasche hat, befördert wird. Der Schluss ist durchaus gerechtfertigt. Nun ist es aber in Wahrheit so, dass Müller befördert wird und dass er ebenfalls 10 Münzen in der Tasche hat, nur weiss Müller weder das eine noch das andere. Es ist also wahr, dass derjenige, der 10 Münzen in der Tasche hat, befördert wird.

4 Gettier-Fälle Was würden Sie sagen: Weiss Müller tatsächlich, dass derjenige, der 10 Münzen in der Tasche hat, befördert wird? Nach der klassischen Definition weiss Müller dies. Aber ihre Reaktion für die Frage lautet vermutlich: Nein, er weiss es nicht. Daraus haben Erkenntnistheoretiker zwei Schlüsse gezogen: 1. ist die klassische Definition falsch, weil die fiktionalen Fälle Gegenbeispiele darstellen; 2. muss eine Definition gefunden werden, die durch solche fiktionalen Fälle nicht widerlegt wird.

5 Methode fiktionaler Fälle Eine philosophische Analyse ist nur dann eine gute Theorie über einen beliebigen philosophischen Begriff oder Sachverhalt, wenn sie unsere Reaktionen (Intuitionen) auf fiktionale Fälle voraussagen kann. Kann sie dies nicht, ist sie prima facie falsifiziert. Etwas, das die philosophische Methode von der Methode der Naturwissenschaften unterscheidet, ist ihr extensiver und expliziter Verlass auf Intuitionen [reliance on intuitions]. Goldman, A., Philosophical Intuitions, Grazer Philosophische Studien 74 (2007), 1-26.

6 Kausale Theorie des Wissens Kausale Definition des Wissens (Goldman 1967) Ein Subjekt weiss, dass p, gdw (1) S überzeugt ist, dass p, (2) die durch p ausgedrückte Tatsache wahr ist, (3) die Tatsache, dass p, die Ursache ist, dass S überzeugt ist, dass p.

7 Fiktionaler Fall Land der Scheunenfassaden Heinz fährt durch ein Land, in dem es nur Scheunenfassaden gibt, mit einer einzigen Ausnahme, es gibt eine einzige echte Scheune. Nun blickt Heinz aus dem Fenster, sieht die einzige echte Scheune und dies verursacht in ihm die wahre Meinung, dass dort eine (echte) Scheune steht. Rundherum stehen aber lauter Scheunenfassaden.

8 Fiktionaler Fall Land der Scheunenfassaden Heinz fährt durch ein Land, in dem es nur Scheunenfassaden gibt, mit einer einzigen Ausnahme, es gibt eine einzige echte Scheune. Nun blickt Heinz aus dem Fenster, sieht die einzige echte Scheune und dies verursacht in ihm die wahre Meinung, dass dort eine (echte) Scheune steht. Rundherum stehen aber lauter Scheunenfassaden. Weiss Heinz, dass dort eine Scheune steht? Hätte er auf eine andere Scheune geschaut, wäre seine Meinung falsch und also kein Wissen. Unsere Intuition weist also auch diese Theorie zurück.

9 Zuverlässigkeits-Theorie des Wissens Zuverlässigkeits-Definition des Wissens (Goldman) Ein Subjekt weiss, dass p, gdw (1) S überzeugt ist, dass p, (2) die durch p ausgedrückte Tatsache wahr ist, (3) Die Überzeugung von S, dass p, durch einen durch einen objektiv zuverlässigen Prozess hervorgebracht worden ist

10 Fiktionaler Fall Charles Truetemp Eines Tages fällt Charles ein Stein auf den Kopf und sein Hirn wird durch den Schlag auf eine Weise neu vernetzt, dass er immer richtig liegt, wenn er die Temperatur in seiner unmittelbaren Umgebung schätzt. Er hat keine Ahnung von dieser Veränderung. Einige Wochen später denkt er ohne weitere Anhaltspunkte, dass es in einem Hotelzimmer 19 hat. Tatsächlich hat es 19 im Hotelzimmer. Keith Lehrer, The Theory of Knowledge,

11 Zwei Probleme mit der Methode fiktionaler Fälle Markus Wild, Intuitionen, intuitiver Verstand und Intuition, Begriffsanalyse: Liegt der Methode fiktionaler Fälle eine korrekte Affassung von begriffen zugrunde? 2. Intuitionen: Sind Intuitionen eine zuverlässige Quelle der Erkenntnis?

12 Experimentelle Philosophie Charles Truetemp weiss, dass 19 glaub nur, dass 19 Westerners 32% 68% Eatsasians 12% 88% Weinberg et al. 2008

13 Experimentelle Philosophie Truetemp-Kollektiv weiss, dass 19 glaub nur, dass 19 Westerners 20% (32%) 20% (68%) Eatsasians 88% (12%) 12% (88%) Weinberg et al. 2008

14 Der order effect Legt man den Versuchspersonen zuerst einen alltäglichen klaren Fall von Wissen vor, bewerten sie Charles Truetemp weniger häufig als jemanden, der weiss. Legt man den Versuchspersonen aber zuerst einen alltäglichen klaren Fall von Nicht-Wissen vor, dann bewerten sie Charles Truetemp häufiger als Wissenden. Weinberg et al. 2008

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