Diplomarbeit. Langzeitarchivierung von Online- Publikationen digitaler Repositorien

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1 Fachhochschule Potsdam Diplomarbeit Langzeitarchivierung von Online- Publikationen digitaler Repositorien Untersuchung am Beispiel der Publikationssoftware OPUS zur Erlangung des akademischen Grades Diplom-Dokumentar (FH) eingereicht am Fachbereich Informationswissenschaften von Marco Winkler Matrikelnummer: 6353 Dekan: Prof. Dr. Hans-Christoph Hobohm Gutachter: 1. Prof. Dr. Günther Neher, Fachhochschule Potsdam 2. Dipl.-Inform. Susanne Dobratz, Humboldt-Universität zu Berlin Potsdam, 5. August 2008

2 Zitation: Winkler, Marco: Langzeitarchivierung von Online-Publikationen digitaler Repositorien : Untersuchung am Beispiel der Publikationssoftware OPUS / Marco Winkler. - Potsdam, Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Informationswissenschaften, Diplomarbeit, Diese Diplomarbeit ist unter einer Creative Commons Lizenz veröffentlicht: Namensnennung - Keine kommerzielle Nutzung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Deutschland Um den Vertragstext der Lizenz einzusehen, folgen Sie bitte dem Hyperlink: winkler2008, author = {Winkler, Marco}, title = {Langzeitarchivierung von Online-Publikationen digitaler Repositorien : Untersuchung am Beispiel der Publikationssoftware OPUS}, school = {Fachhochschule Potsdam}, type = {Diplomarbeit}, address = {Potsdam}, keywords = {digitales Repositorium, Online-Publikation, digitale Langzeitarchivierung, Metadaten, OAIS, elektronisches Dokument, OPUS, Persistent Identifier}, year = {2008}, note = {Advisers: Neher, Günther ; Dobratz, Susanne} }

3 Also Weiß ist da und soll Schritt für Schritt bekämpft werden! Paul Klee: Pädagogisches Skizzenbuch (Neue Bauhausbücher)

4 Kurzreferat In der vorliegenden Diplomarbeit werden die wesentlichen Faktoren und organisatorischen sowie technischen Rahmenbedingungen für die digitale Langzeitarchivierung von auf digitalen Repositorien veröffentlichten wissenschaftlichen Dokumenten identifiziert und beschrieben. Die Darstellung orientiert sich am OAIS-Referenzmodell sowie nationalen und internationalen Standards und Kriterienkatalogen, aus denen in den ersten drei Kapiteln ein klar determiniertes, komplexes Begriffsnetzwerk abgeleitet und zur Diskussion gestellt wird. Als Bezugssystem für die Implementierung der technischen Anforderungen wird der Umsetzungsstand der Publikationssoftware OPUS herangezogen. Darauf aufbauend wird für die beteiligten Akteure ein Handlungsrahmen für die durchzuführenden, notwendigen nächsten Schritte eröffnet. Schlagwörter: digitales Repositorium, Online-Publikation, digitale Langzeitarchivierung, Metadaten, OAIS, elektronisches Dokument, OPUS, Persistent Identifier Abstract This diploma thesis identifies and depicts the essential factors and organizational as well as technical conditions for a digital long-term preservation of academic documents published on digital repositories. The description is guided by the OAIS reference model and by national and international standards and criteria catalogues on the basis of which a clearly determined and complex network of terms was being derived and displayed in the first three chapters. The state of realization of the repository software OPUS was brought in reference to the implementation of the technical requirements. Based on these results an operational framework is being opened to all parties concerned within which they can take the next necessary steps. Keywords: digital repository, online publication, digital long-term preservation, metadata, OAIS, digital document, OPUS, persistent identifier iv

5 Inhaltsverzeichnis Kurzreferat iv Abstract iv Inhaltsverzeichnis v Abbildungsverzeichnis ix Tabellenverzeichnis x Verzeichnis der Beispiele x Verzeichnis der Handlungsszenarien x Abkürzungsverzeichnis xi 1 Zielstellung der Arbeit 1 2 Grundlagen des elektronischen wissenschaftlichen Publizierens Begriffsbestimmung Daten, Information, digitales Objekt, Informationsressource Datenmodellierung Werk und Repräsentation Elektronisches Publizieren, Online-Publikation und elektronisches Dokument Digitales Repositorium 13 Typologie digitaler Repositorien Digitale Langzeitarchivierung, Langzeit, digitales Langzeitarchiv Notwendigkeit langfristiger Aufbewahrung wissenschaftlicher Fachinformation Strukturwandel der wissenschaftlichen Informationsversorgung Problemaufriss: Verlust von Information durch Digitalisierung Besonderheiten von in digitaler Form vorliegender Information Definition: Informationsverlust im digitalen Kontext Kosten des Informationsverlusts Lösungsansätze: Langzeitarchivierungsstrategien 36 Szenarien für die Umsetzung von Archivierungsstrategien in digitalen Repositorien38 v

6 3 Anforderungen an den Betrieb vertrauenswürdiger digitaler Repositorien Kernaufgaben im Hinblick auf die digitale Langzeitarchivierung Die technische Infrastruktur eines digitalen Repositoriums Die technische Implementierung: Repositoriumsoftware Installationen in Deutschland Konzeption von OPUS Organisation und Konzeption eines Archivs: OAIS Das OAIS-Informationsmodell Akteure, Prozesse und Funktionsmodule im OAIS Umgebung eines OAIS Informationspakete und Funktionsmodule Pflichten eines OAIS-konformen Archivs Anwendbarkeit des OAIS-Modells auf digitale Repositorien 65 Zwischenergebnis Kriterienkataloge und Zertifizierungsverfahren Qualitätssicherung durch das DINI-Zertifikat Kriterien im DINI-Zertifikat zur Sicherung der Langzeitverfügbarkeit Schlussfolgerungen aus der OAIS-geprägten Perspektive der DINI-Kriterien Kriterien für vertrauenswürdige digitale Archive Kooperation mit digitalen Langzeitarchiven Überblick über Softwaresysteme für die Langzeitarchivierung kopal 96 kolibri BABS Ausgewählte Handlungsfelder der digitalen Langzeitarchivierung Anforderungen an die Identifikation von elektronischen Dokumenten Grundlagen der Identifikation von Ressourcen Zitation im wissenschaftlichen Kontext Die Identifikation von Informationsressourcen Uniform Resource Locator (URL) Uniform Resource Name (URN) National Bibliographic Numbers Das URN-Konzept von OPUS Exkurs: Open Archives Initiative - Object Reuse and Exchange (OAI-ORE) Lösung des URN-Problems Der Einsatz von ARKs als alternatives Bezeichnungssystem Zwischenergebnis 126 vi

7 4.2 Metadaten zur Dokumentation vertrauenswürdiger digitaler Objekte Abbildung von Beziehungen in Metadatenformaten Abbildung von Objektrelationen in UOF und kolibri Abbildung von Objektrelationen in XMetaDiss Ergebnis Resümee und Ausblick Fortschreibung der Kriterien des DINI-Zertifikats Vorschläge bezüglich der OPUS-Entwicklung Ausblick 138 Literaturverzeichnis 140 Referenzen 140 Gesetze und Normen 151 Bildquellen 151 Anhang I A Glossar II B Datenmodelle VI B.I Datenbankmodell von OPUS VI B.II Modell der kolibri-datenbank VII C Das OAIS Reference Model: Functional Entities (vollständig) VIII D Metadatenformate: Beispiele IX D.I PREMIS und METS: Minimales Beispiel IX D.II MPEG-21 DIDL: Minimales Beispiel (LANL adore) XX D.III DARE DIDL XXII D.IV XMetaDiss: Vollbeispiel XXV D.V EPrints Application Profile (EPDCX) XXXI vii

8 D.VI Dublin Core Simple via SRU/SRW XXXV E Vergleich struktureller Markupformate XXXVI F Beispieldatensätze aus Format Registries XXXVIII F.I Beispiele aus der PRONOM Technical Format Registry XXXVIII F.II Beispiel aus der GDFR XL F.III File Format Registry von kolibri (Auszug) XLII G Inhalt der CD-Beilage XLIII Erklärung XLIV viii

9 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Informationsobjekte im OAIS: Content Information 6 Abbildung 2: Entitäten der Gruppe 1 der FRBR und ihre Primärbeziehungen 8 Abbildung 3: Datenmodell von PREMIS 9 Abbildung 4: Entwicklung der Zahl der registrierten Repositorien und der Datensätze in ROAR von Abbildung 5: Entwicklung der Zahl der registrierten Repositorien in OpenDOAR von Abbildung 6: Bestandteile der Content Information nach OAIS 53 Abbildung 7: Bestandteile eines Informationspaketes im OAIS 55 Abbildung 8: OAIS-Informationsobjekte 56 Abbildung 9: Umfeld eines OAIS 57 Abbildung 10: Bestandteile und Relationen eines AIPs 58 Abbildung 11: Funktionsmodule, Akteure und Informationsflüsse eines OAIS (Basismodell)59 Abbildung 12: Prozesse innerhalb des OAIS-Funktionsmoduls Ingest 60 Abbildung 13: OAIS: Arten von Information innerhalb des Funktionsmoduls Metadatenverwaltung 61 Abbildung 14: Informationsflüsse im OAIS auf oberster Ebene 63 Abbildung 15: OAIS-konformes Modell verteilter Dienste gemäß SHERPA DP 68 Abbildung 16: SHERPA DP: Lebenszyklus digitaler Publikationen in einem verteilten Modell 69 Abbildung 17: Datenmodell des FRBR-orientierten EPrints Application Profiles 89 Abbildung 18: kopal Workflow 97 Abbildung 19: Konkordanz LMER-PREMIS (schematische Darstellung) 98 Abbildung 20: BABS Workflow 102 Abbildung 21: OAI-ORE Aggregation von Informationsressourcen 118 Abbildung 22: Schematische Darstellung einer OAI-ORE Aggregation am Beispiel einer Online-Publikation 119 Abbildung 23: OAI-ORE Resource Map einer Online-Publikation (Verwendung von ARK und URN) 125 Abbildung 24: Struktur eines METS-Dokumentes 129 Abbildung 25: Struktur eines DIDL-Dokuments 129 Abbildung 26: Abbildung von Repräsentationen in einem METS-Dokument 130 Abbildung 27: Datenbankmodell von OPUS VI Abbildung 28: Modell der kolibri-datenbank VII ix

10 Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Typologie digitaler Repositorien 16 Tabelle 2: Phasen des traditionellen wissenschaftlichen Publizierens 23 Tabelle 3: Kostenverteilung hinsichtlich der wesentlichen Funktionsmodule eines digitalen Archivs 36 Tabelle 4: Aufteilung der in Deutschland für digitale Repositorien verwendeten Softwaresysteme 48 Tabelle 5: A comparison of encoding options for structural metadata XXXVI Tabelle 6: Tabelle 7: Datensatz aus PRONOM: Beschreibung eines JPEG-Formates (Exif Compressed Image (2.2)) XXXVIII Tabelle 8: Datensatz aus PRONOM: Beschreibung eines JPEG-Formates (Raw JPEG Stream) XXXIX Tabelle 9: Datensatz aus der GDFR: Beschreibung eines XHTML-Formates (XHTML 1.0) _ XL Verzeichnis der Beispiele Beispiel 1: Daten, Information und Wissen 4 Beispiel 2: Werk und Repräsentation 11 Beispiel 3: Abgrenzung von digitaler Langzeitarchivierung und digitaler Bestandspflege 19 Beispiel 4: Die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen 30 Beispiel 5: Reale Verluste von digitalen Informationen 32 Beispiel 6: Andocken eines digitalen Repositoriums an ein Langzeitarchiv der NASA 40 Beispiel 7: Datenobjekt und Representation Information 54 Beispiel 8: Beispielausgabe für einen Datensatz im xepicur-format aus OPUS 114 Beispiel 9: Resolving einer Ressource, die auf einem OPUS-Server veröffentlicht wurde _ 115 Beispiel 10: Identifikation und Resolving eines Werkes beim edoc-server der HU zu Berlin120 Beispiel 11: Zitation von Informationsressourcen 120 Verzeichnis der Handlungsszenarien Szenario 1 39 Szenario 2 39 Szenario 3 40 Szenario 4 40 x

11 Abkürzungsverzeichnis AIP API APP ARK ASF BABS BSZ CS-TR CNRI CCSDS CQL DAITSS DARE DBMS DBS DCES DCMI DDC DSEP DFG DFN DIAS DIDL DINI DIP DLR DNBG DRM DROID EPDCX FCLA Fedora FRBR GDFR Archival Information Package Application Programming Interface Atom Publishing Protocol Archival Resource Key Atom Syndication Format Bibliothekarisches Archivierungs- und Bereitstellungssystem Bibliotheksservicezentrum Baden-Württemberg Computer Science Technical Report Corporation for National Research Initiatives Consultative Committee for Space Data Systems Contextual Query Language (SRU Version 1.2 Specifications, in version 1.1 CQL stands for: Common Query Language) Dark Archive In The Sunshine State Digital Academic Repositories Datenbankmanagementsystem Datenbanksystem Dublin Core Element Set Dublin Core Metadata Initiative Dewey Decimal Classification Deposit Systems for Electronic Publications Deutsche Forschungsgemeinschaft Deutsches Forschungsnetz Digital Information Archiving System Digital Item Declaration Language Deutsche Initiative für Netzwerkinformation e.v. Dissemination Information Package Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek Digital Rights Management Digital Record Object Identification EPrints Dublin Core XML Florida Center for Library Automation Flexible Extensible Digital Object Repository Architecture Functional Requirements for Bibliographic Records Global Digital Format Registry xi

12 GIF Graphics Interchange Format HTTP Hypertext Transfer Protocol IANA Internet Assigned Numbers Authority IETF Internet Engineering Task Force ISBN International Standard Book Number ISI Institute for Scientific Information JHOVE JSTOR/Harvard Object Validation Environment JIF Journal Impact Factor JPEG Joint Photographic Experts Group KIM Kompetenzzentrum Interoperable Metadaten KOBV Kooperativer Bibliotheksverbund Berlin-Brandenburg kolibri kopal Library for Retrieval and Ingest kopal Kooperativer Aufbau eines Langzeitarchivs digitaler Informationen KWF Kahn-Wilensky Framework LANL Los Alamos National Laboratory LaTeX Lamport TeX. LMER Langzeitarchivierungsmetadaten für elektronische Ressourcen LOCKSS Lots of Copies Keep Stuff Safe MARCXML Machine-Readable Catalog in XML METS Metadata Encoding and Transmission Standard MODS Metadata Object Description Schema MPG Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V. NCSA National Center for Supercomputing Applications NCSTRL Networked Computer Science Technical Reference Library NDLP National Digital Library Program NEDLIB Networked European Deposit Library nestor Network of Expertise in Long-Term Storage of Digital Resources NLNZ National Library of New Zealand N2T Name-to-Thing OAI-ORE Open Archives Initiative - Object Reuse and Exchange OAI-PMH Open Archives Initiative - Protocol for Metadata Harvesting OAIS Open Archival Information System OCLC Online Computer Library Center ODF Open Document Format ODT Open Document Text ONIX Online Information exchange OOXML Office Open XML xii

13 OPAC OpenDOAR OPUS PAIMAS PDF PDI PGP PKI PNG PREMIS RAID RAP RDF RDFa RFC REST ROAR Online Public Access Catalogue Directory of Open Access Repositories Online-Publikationssystem der Universität Stuttgart Producer-Archive Interface Methodology Abstract Standard Portable Document Format Preservation Description Information Pretty Good Privacy Public Key Infrastructure Portable Networks Graphics Preservation Metadata: Implementation Strategies Redundant Array of Independent Disks Repository Access Protocol Resource Description Framework Resource Description Framework attributes Request for Comments Representational State Transfer Architecture Registry of Open Access Repositories RSS Really Simple Syndication (in RSS 2.0) SAN SIP SOAP RPC SRU SRW STM TIFF TSM UOF UrhG URI URL URN WWW XML XSL-FO XSLT Storage Area Network Submission Information Package ursprünglich: Simple Object Access Protocol (seit V 1.2 nicht mehr als Akronym sondern als Eigenname verwendet) Remote Procedure Call Search/Retrieve via URL Search/Retrieve Web Service International Association of Scientific, Technical and Medical Publishers Tagged Image File Format Tivoli Storage Manager Universelles Objektformat Gesetz über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte Uniform Resource Identifier Uniform Resource Locator Uniform Resource Name World Wide Web Extensible Markup Language Extensible Stylesheet Language - Formatting Objects Extensible Stylesheet Language Transformation xiii

14

15 Because of the critical importance of data and information in the global scientific enterprise, the international research community must address a series of new challenges if it is to take full advantage of the data and information resources available for research today. Equally, if not more important than its own data and information needs, today s research community must also assume responsibility for building a robust data and information infrastructure for the future. (International Council for Science 2004 Scientific data and information, S. 7) 1 Zielstellung der Arbeit In a very short time, preservation has developed into a critically important part of managing a library's most precious assets, its collections. (Smith 1998 Preservation in the future tense) Diese Arbeit soll unter Beachtung der nachfolgenden Prämissen klären, wie die digitale Langzeitarchivierung der auf einem digitalen Repositorium publizierten elektronischen Dokumente zu veranstalten ist. Besonderer Wert wird zunächst auf die möglichst präzise Definition relevanter Begriffe und derer Beziehungen und die Einordnung digitaler Repositorien in die wissenschaftliche Publikationslandschaft gelegt, die die Grundlage für die weiteren Überlegungen bilden. Anhand vorhandener Anforderungskataloge und Referenzmodelle soll hernach ermittelt werden, welche Aufgaben zu erfüllen und wie diese sinnvoll zwischen den identifizierten Akteuren aufzuteilen sind. Es wird zu klären sein, wie die Informationsinfrastruktur einer kooperativ organisierten Langzeitarchivierung beschaffen sein muss. Dabei wird von dem Betreiber des digitalen Repositoriums ein hohes Maß an Verantwortungsübernahme zur Sicherung der Langzeitverfügbarkeit der eingebrachten elektronischen Dokumente verlangt, z.b. durch die Garantie bestimmter Archivierungszeiträume oder den Ausbau des Dienstes zu einem vertrauenswürdigen digitalen Langzeitarchiv. Der Betreiber des Repositoriums soll die teilweise Übertragung der Verantwortung jedoch nicht scheuen, wo dies angebracht ist, um Handlungsfreiräume zur Erfüllung der Kernaufgaben eines Repositoriums zu schaffen, nämlich der Förderung des Open-Access-Gedankens durch Akquise von Dokumenten und Erhöhung des Bekanntheitsgrades der Publikationsdienstleistung bei den Wissenschaftlern. Die konzeptionelle Beschreibung der Kooperation mit einem digitalen Langzeitarchiv wird deshalb im Mittelpunkt der Arbeit stehen, die die Organisation sinnvoller Arbeitsteilung und effektiver Arbeitsabläufe zum Ziel hat. Untersucht wird anschließend inwieweit ein Bestand elektronischer Dokumente, der in einem digitalen Repositorium und insbesondere mit der Repositoriumsoftware OPUS verwaltet wird, den Anforderungen einer kooperativen Lösung gegenwärtig gewachsen ist und es werden Bedingungen für die Erweiterung des Systems herausgearbeitet. Das heißt jedoch nicht, dass gewonnene Erkenntnisse auf dieses System 1

16 1 Zielstellung der Arbeit begrenzt sind. Auch die Anwender anderer Standardsoftware oder selbst entwickelter Systeme sollen durch die Arbeit angesprochen werden. Digitale Repositorien sind qua Definition auf Kooperation und Vernetzung angewiesen und zeichnen sich unabhängig von ihrer konkreten technischen Umsetzung durch ein offenes Architekturprinzip, die Unterstützung von Standards und die Interoperabilität 1 der Dienste aus. Vor allem eine gelingende digitale Langzeitarchivierung erfordert gemeinsame Anstrengungen und kooperative Lösungen. Lupprian schreibt dazu: Was wir brauchen, das sind Standards und Modelle. Diese müssen zum einen hinreichend abstrakt sein, damit sie nach Möglichkeit überall herangezogen werden können, zum anderen aber auch differenziert genug, um für den jeweiligen Einzelfall konkrete Praxislösungen aus ihnen ableiten zu können[ ]. 2 Dabei sollen neben den Bedingungen für die technische Implementierung neuer internationaler Standards auch die Projekte einiger internationaler Akteure der Langzeitarchivierung überblicksartig untersucht und im Hinblick auf ihre Nachnutzbarkeit bewertet. Best Practises sollen identifiziert werden. Berücksichtigt wird die Auswahl und der Umgang mit digitalen Objekten. Die Anforderungen an die personelle und finanzielle Absicherung der Dienstleistung digitaler Repositorien durch die Trägerinstitution werden jedoch nicht näher betrachtet. Das Vorhandensein einer derartigen Nachhaltigkeitsgarantie wird jedoch unterstellt, da jeglicher Betrieb und die verbindliche Planung und Organisation der technischen Basis eines vertrauenswürdigen Repositoriums auf institutionellen Bestandsgarantien aufbaut. Fehlt die organisatorische Unterstützung des Dienstleistungsträgers ist die Verfügbarkeit des Bestandes akut gefährdet. Der Erfolg der Bemühungen um eine effektive, digitale Langzeitarchivierung kann durch ein im Zuge einer Zertifizierung des digitalen Repositoriums verliehenes allgemein anerkanntes Gütesiegel transparent nach außen und innerhalb der Trägerinstitution vermittelt werden. Die ermittelten Ergebnisse sollen daher als Diskussionsgrundlage für die Anwendergemeinde dienen und Vorschläge für einen gemeinsamen Katalog von Anforderungen und Empfehlungen im Rahmen des DINI-Zertifikats für Dokumenten- und Publikationsservices unterbreitet werden. Der Rahmen einer Diplomarbeit erlaubt allerdings lediglich eine kursorische Betrachtung der grundlegenden Konzepte der überaus komplexen Thematik. 1 Definition: Als Interoperabilität bezeichnet man die Fähigkeit zur Zusammenarbeit von verschiedenen Systemen, Techniken oder Organisationen. Dazu ist in der Regel die Einhaltung gemeinsamer Standards notwendig. Wenn zwei Systeme miteinander vereinbar sind, nennt man sie auch kompatibel.. - [ ]. 2 Lupprian

17 2 Grundlagen des elektronischen wissenschaftlichen Publizierens 2.1 Begriffsbestimmung Im Rahmen dieser Arbeit werden die folgenden Begriffe dergestalt definiert Daten, Information, digitales Objekt, Informationsressource Die Begriffe Daten, Information und digitales Objekt stellen Schlüsselbegriffe für das Verständnis der digitalen Informationstechnologie dar, die die Grundlage elektronischer Publizierens bildet. Daten: Gemäß DIN sind Daten als Zeichen oder kontinuierliche Funktionen definiert, die aufgrund von bekannten oder unterstellten Vereinbarungen dem Zweck der Verarbeitung dienen. 3 Daten lassen sich semiotisch gesehen der syntaktischen Ebene zuordnen 4 und sind in digitaler und analoger Form darstellbar. Im nestor Kriterienkatalog für vertrauenswürdige digitale Langzeitarchive sind Daten als maschinenlesbare und bearbeitbare Repräsentationen von Information in digitaler Form definiert. 5 Die digitale Form bezeichnet dabei eine Darstellung von Daten als diskrete Ziffern, wobei der Digitalwert für eine bestimmbare Zeit durch einen festen Wert repräsentiert wird. Jede Aktion eines Computers ist einen Prozess digitaler Elektronischer Datenverarbeitung. In Computern wird auf physischer Ebene das binäre Zahlensystem verwendet, d.h. eine Information wird als Folge von zwei unterschiedlichen binären Zuständen kodiert, dessen kleinste Einheit ein Bit, d.h. ein zweiwertiger, dimensionsloser Zustand mit einem Wert von 0 oder 1, darstellt. Auf der logischen Ebene bestehen Daten aus Zeichenfolgen, d.h. aus Buchstaben, Zahlen oder Symbolen, die in Dateien für die Verarbeitung durch Computer gespeichert sind. 3 vgl. IT Wissen. - [ ]; DIN (Informationsverarbeitung) wurde zurückgezogen und durch DIN ISO/IEC 2382 (im Original auf engl. und fr. erhältlich) ersetzt. Die in ihr enthaltenen Definitionen können für den deutschen Sprachraum jedoch weiterhin zur Orientierung für die Bedeutungsklärung des Fachvokabulars genutzt werden. 4 vgl. Kuhlen 2004, S. 11f. 5 nestor Arbeitsgruppe Vertrauenswürdige Archive - Zertifizierung 2006, S. 2 3

18 2 Grundlagen des elektronischen wissenschaftlichen Publizierens Information: Der Rang des Informationsbegriffes für die gegenwärtige Zeit wird durch die Charakterisierung der Gesellschaftsform als Informationsgesellschaft deutlich, deren Leitbild eine auf Informations- und Kommunikationstechnologien basierende Transformationsgesellschaft und Informationsökonomie ist. Die Bedeutung des Informationsbegriffes ist in den einzelnen Wissenschaftsdomänen sehr unterschiedlich besetzt. 6 Das Verb informieren wurde im 15. Jahrhundert aus dem Lateinischen informare in der Bedeutung eine Gestalt geben, formen, unterrichten, benachrichtigen in die deutsche Sprache übernommen. 7 Kuhlen hat den Informationsbegriff informationslinguistisch pragmatisch ausgedeutet als Wissen in Aktion und Kontext. 8 Wissen ist dabei als besondere persönliche Disposition stets an ein Subjekt gebunden und bezeichnet die in einer Person angelegte, kognitive Struktur, aufgrund derer die Person über individuelle Problemlösungspotenziale verfügt. Die Kodierung und Übersetzung dieser Wissensbasis in eine medial gebundene oder nichtmediale, kommunizierbare Form wird als Information bezeichnet. Information ist somit repräsentiertes Wissen. Informationstechnisch wird als Information der Inhalt einer Nachricht verstanden, die in textueller, grafischer oder audiovisueller Form kodiert sein kann. Informationen können durch Daten manifestiert, auf Datenträgern (Medien) gespeichert, in Computern verarbeitet und über Ausgabegeräte ausgegeben werden. 9 Beispiel 1: Daten, Information und Wissen Metamorphose und Relationen der Verdinglichungsformen Information und Daten und des Abstraktums Wissen lassen sich anhand der Besonderheiten der wissenschaftlichen Fachkommunikation erläutern. Eine wissenschaftliche Publikation setzt einen Arbeitsprozess der Wissensproduktion voraus, der auf der vorhandenen Wissensbasis aufbaut. Wissenschaft ist demzufolge auf den freien Informationsaustausch angewiesen. 10 Diesen Kreislauf verdeutlicht folgendes Szenario: Wissenschaftler A liest in einem Preprint, das er von einem fachlichen Repositorium auf seinem PC als digitale Kopie bezogen hat, die neuesten Forschungsergebnisse des Forschers B. Die Ergebnisse des Forschers B fußen auf den theoretischen Erkenntnissen von Wissenschaftler C, die B durch Experimente belegen konnte. B hat somit durch einen Kommunikationsprozess das Wissen von C durch die Rezeption der publizierten Information in die eigene Wissensbasis transferiert und daraus neues Wissen produziert. Er hat die neu gewonnenen Erkenntnisse mit Hilfe eines Texteditors unter Verwendung der englischen Sprache und deren schriftliches Kodiersystem, der lateinischen Schrift, in Information umgewandelt. Diese Information wird 6 siehe zur Vielfalt der Deutungsversuche: Kuhlen 2004, S. 4f. 7 Drosdowski vgl. Kuhlen 2004, S vgl. IT Wissen. - [ ]. 10 vgl. Riehm et al. 2004, S

19 2 Grundlagen des elektronischen wissenschaftlichen Publizierens technisch repräsentiert in Form digitaler Daten in einer Textdatei, die in einem Zeichensatz, z.b. ASC II, kodiert sind. Im einfachsten Fall hat B diese Datei dann auf demselben Fachrepositorium wie C publiziert, wo A die Ergebnisse recherchiert und auf die eigene Festplatte herunterlädt. Da er über ein geeignetes Abspielgerät samt passender Software für die herunter geladene Datei verfügt und auch des Lesens lateinischer Buchstaben und der englischen Sprache mächtig ist, kann er nun in einen mittelbaren Kommunikationsprozess mit B eintreten und da dieser den C ordnungsgemäß zitiert hat, auch dessen Grundlagenartikel in seine Wissensbasis aufnehmen. Digitales Objekt: Ein Objekt ist ein abstraktes Element, das die wirkliche Dingwelt in der menschlichen Vorstellung repräsentiert. Objekte können zueinander in Beziehung gestellt werden, wobei das Zusammenwirken zwischen den Objekten nach einem funktionalen Plan erfolgt. 11 Aus informationstechnologischer Sicht spiegelt ein Objekt eine Realität aus der Anwendungsumgebung mitsamt allen relevanten Zusammenhängen wider. Bei dem Objekt selbst handelt es sich um die modellartige Nachbildung von Strukturen gemäß einer Softwareanforderung. 12 Im nestor Kriterienkatalog wird der Begriff digitales Objekt definiert als eine logisch abgegrenzte Informationseinheit in der Form digitaler Daten. 13 Die logische Abgrenzung wird qua Konvention für eine Domäne festgelegt. Neben den Daten, die den Inhalt repräsentieren, kann das Objekt auch aus weiteren Daten (Metadaten) bestehen, die der formalen und inhaltlichen Beschreibung, der Strukturbeschreibung, der Interpretierbarkeit oder der Abbildung administrativer Prozesse, die das Referenzobjekt durchlaufen hat, dienen. Im PREMIS Data Dictionary erfolgt die logische Abgrenzung auf drei Ebenen. Es werden die Objekttypen Repräsentation (engl.: representation), Datei (engl.: file) und Binärdatenstrom (engl.: bitstream bzw. filestream) unterschieden. 14 Die PREservation Metadata: Implementation Strategies (PREMIS) working group ist eine ursprünglich von OCLC and RLG eingesetzte Arbeitsgruppe, mit dem Ziel ein Datenmodell für einen Kernsatz an Metadaten für die Langzeitarchivierung digitaler Objekte und einen Handlungsleitfaden zu dessen Implementierung in digitalen Langzeitarchiven zu kreieren. Das PREMIS-Datenmodell wird im Data Dictionary beschrieben. Das Referenzmodell für Offene Archivische Informationssysteme (Open Archival Information Systems, OAIS) unterscheidet dagegen zwischen Daten- und Informati- 11 IT Wissen. - [ ]. 12 vgl. IT Wissen. - [ ]. 13 nestor Arbeitsgruppe Vertrauenswürdige Archive - Zertifizierung 2006, S. 2; wobei diese Definition freilich eine Tautologie hinsichtlich der digitalen Daten darstellt, da Daten bereits als Repräsentationen von Information in digitaler Form definiert sind. 14 PREMIS 2008, S. S. 7; siehe auch PREMIS 2008, Glossar, S

20 2 Grundlagen des elektronischen wissenschaftlichen Publizierens onsobjekten. 15 Dabei bezeichnet das Datenobjekt (engl.: content data object) den eigentlichen Gegenstand der Archivierung, also das Objekt, dessen Informationsgehalt es zu bewahren gilt. Ein Informationsobjekt entsteht demgegenüber erst aus einer Einheit von Datenobjekt und zusätzlichen Informationen, die seiner Interpretierbarkeit dienen, der so genannten Representation Information (siehe Abbildung 1). Das OAIS-Referenzmodell ist ein ISO-Standard, der den Aufbau und die Organisation eines Archivs anhand seiner Funktionen und Prozesse modelliert. Das Modell wird in Kapitel 3 näher behandelt. Abbildung 1: Informationsobjekte im OAIS: Content Information Informationsressource In der Webarchitektur wird alles, was eine Identität besitzt, als Ressource bezeichnet. 16 Identität besitzt, was Quelle einer Beschreibung seiner selbst sein kann, einschließlich Menschen, Unternehmen oder Gegenstände der Alltagswelt. Ressourcen müssen deshalb nicht notwendig netzbasiert zugänglich sein. Netzfähige Ressourcen sind Ressourcen, die sich dadurch auszeichnen, dass alle wesentlichen Eigenschaften in einer Nachricht (mithin als Information) übermittelt werden können, d.h. der Gegenstand selbst (das Datenobjekt) und die Beschreibung des Gegenstands (die Representation Information im OAIS-Modell). 17 Eine derartige Ressource wird als Informationsressource (engl.: information resource) bezeichnet. Informationsressourcen müssen adressierbar sein und einen Bezeichner (engl.: identifier) besitzen. Die Beschreibung einer Ressource, die selbst keine Informationsressource ist, kann dagegen eine Informationsressource sein, z.b. die Metadaten eines gedruckten Buches in einem Onlinekatalog. Die Qualifizierung eines Gegenstands als Informationsressource sagt noch nichts über die tatsächliche Bereitstellung einer vollständigen Informationsübermittlung aus, sondern nur über das potentielle Vermögen, sämtliche Informationen netzbasiert bereitzustellen. Da letztlich jedes Objekt conditio sine qua non auf die Anfangsbedingungen des Universums zurückgeführt werden könnte, ist faktisch eine vollständige Bereitstellung der Representation Information eines Objektes nicht möglich und muss auf ein angemessenes Maß reduziert werden. Logisch begrenzt wird der Umfang der Representation Information durch die Wissensbasis, die für das Verständnis der Res- 15 vgl. ISO 14721: OAIS Reference Model, S vgl. RFC , Punkt vgl. World Wide Web Consortium (W3C) [ ]. 6

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