8 GLOBETROTTER-MAGAZIN Sommer Unterwegs im Hochland der bolivianischen Anden

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1 8 GLOBETROTTER-MAGAZIN Sommer 2013 Unterwegs im Hochland der bolivianischen Anden

2 BolivIEN Text: Jutta Ulmer Fotos: Jutta Ulmer und Michael Wolfsteiner Zu Fuss und mit dem Geländewagen waren Jutta Ulmer und Michael Wolfsteiner im Hochland Boliviens unterwegs. Sie lernten Bergmänner und Quinoabauern kennen, nahmen an einer Kallawaya-Zeremonie teil und feierten am Tag der Wintersonnenwende das andine Neujahrsfest. Bei Minusgraden zu zelten, fanden die beiden hart. Geräuschlose Zweisamkeit in bestürzend-schöner Berglandschaft entschädigte aber fürs Frieren. Auf dem Altiplano. Die Natur ist unglaublich karg, aber malerisch schön. 9

3 Mühsam quälen wir uns den Berg hinauf. Den Blick nach unten gerichtet, erklimmen wir mit kleinen Schrittchen den 5060 Meter hohen Sunchuli-Pass. Endlich oben angekommen, sind wir überglücklich, denn wir haben somit den höchsten Punkt des fünftägigen Apolobamba-Treks erreicht. Die 68 Kilometer lange Trekkingtour führt durch die Cordillera Apolobamba, eine der abgelegensten und unberührtesten Bergregionen Boliviens. Die Landschaft soll spektakulär und der Wanderweg mit gigantischen Gletscherriesen gesäumt sein. Verifizieren konnten wir das bislang nicht. Die Wolken hängen tief, es nieselt ein bisschen, Nebel versperrt die Sicht. Und so machen wir uns nach einer viel zu kurzen Pause an den Abstieg, um auf einer Wiese in 4500 Metern Höhe unser Zelt aufzuschlagen. Passend zum Abendessen lässt der Nieselregen nach. Es gibt eine Quinoa-Gemüse- Suppe, die wir auf unserem Benzinkocher zubereiten. Während des Essens wird es eisiger. Die feuchte Kälte kriecht unter unsere Kleider. Lustlos spülen wir, putzen die Zähne und legen uns mit Wetterfrust in unsere Schlafsäcke. Wir hoffen ganz fest, dass es noch zu einem Wetterumschwung kommt. wir wirklich nicht gerechnet. Um so glücklicher sind wir, dass wir einen Führer für die Trekkingtour engagiert haben. Nebel und Schnee erschweren die Orientierung. Verlässliche Karten und ausgeschilderte Wanderwege gibt es nicht, ganz zu schweigen von Unterkünften, Restaurants oder Menschen, die uns unterwegs die Richtung weisen könnten. Ohne Juan wären wir in der Cordillera Apolobamba wirklich aufgeschmissen. Er führt uns aber nicht nur sicher durch das Gebiet, er hat auch zwei Lasttiere für das Gepäck dabei und macht uns am letzten Abend mit Don Eugenio bekannt. Don Eugenio gehört dem Volk der Kallawaya an und lebt mit seiner Familie in einem stromlosen Adobehäuschen inmitten eisiger Einsamkeit. Wir dürfen unser Zelt in seinem Hof aufstellen. Nur mit Mühe können wir Töchterchen Laurencia davon abhalten, gemeinsam mit uns darin die Nacht zu verbringen. Enttäuscht nimmt sie unsere Zurückweisung hin, steht aber bereits im Morgengrauen wieder fasziniert vor unserer transportablen Behausung. Viel Zeit haben wir für die Kleine allerdings nicht, denn wir sind mit ihrem Vater verabredet. Don Eugenio ist Medizinmann und will für uns ein Ritual durchführen. Hierzu wandern wir zu einem abgelegenen Opferplatz, von dem Watte Nester und legen in diese Nelkenblüten, Kopalharz, Lamafett und Figürchen aus Zucker. Dann tunkt Don Eugenio einen Nelkenstrauss in Portwein, besprenkelt mit diesem die Opfernester und murmelt Gebete in der Ritualsprache Machchaj-Juyai. Auch wir werden aufgefordert, den Berggöttern unsere Wünsche anzuvertrauen. «In welcher Sprache?», möchten wir wissen. «Das ist egal. Auf Deutsch, wenn ihr wollt», erwidert Don Eugenio selbstsicher. Nach unseren Gebeten liegt eine nervöse Unruhe in der Luft. Don Eugenio nimmt eine Walnuss vom Opfertisch und öffnet sie vorsichtig. Unsere Gastgeber beginnen zu strahlen. Der Kern ist hellbraun und gesund. «Super! All Zu Gast beim Kallawaya-Arzt. Tatsächlich tritt eine Änderung ein, allerdings nicht zum Besseren. Am nächsten Morgen scheint unser Zelt in Watte gepackt zu sein. Vorsichtig öffnen wir es. Sofort rieselt Schnee auf unsere Hände, Gesichter und schlafzerzausten Haare. Wir blinzeln nach draussen. Über Nacht hat sich die Andenlandschaft in ein Wintermärchen verwandelt. Natürlich haben wir im Wanderführer gelesen, dass es in der Apolobamba-Region ganzjährig bewölkt und regnerisch sein kann. Aber mit so schlechtem Wetter hatten don eugenio murmelt gebete in der ritualsprache machchaj-juyai. aus man den schneebedeckten Akhamani, den heiligen Berg der Kallawaya, sieht. Als Assistentinnen hat Don Eugenio seine Frau Arminda und seine Schwägerin Juana mitgenommen. Cocablätter kauend, richten die drei nun gemeinsam den Opfertisch her. Sie formen aus eure Wünsche werden in Erfüllung gehen», verkündet Doña Juana erleichtert. «Wäre die Walnuss innen schlecht, würde euch Unglück drohen.» Zwar teilen wir nicht den Glauben der Kallawaya, trotzdem freuen wir uns sehr über die positiven Zukunftsaussichten. ì è Unerwartet. Über Nacht hat sich die Landschaft in ein Wintermärchen verwandelt. Kartoffeln. Eines der Grundnahrungsmittel der Andenbevölkerung. Bergsicht. Trotz Wetterpech zeigt sich im Wolkenschleier ab und zu eine Bergspitze. 10

4 bolivien è Einstimmung. Vor dem Heilungsritual kauen die Kallawaya Cocablätter und rauchen dazu. Apolobamba-Trek. Er führt durch eine der unberührtesten Bergregionen Boliviens. Kartoffelvielfalt. Abschliessend verbrennt Don Eugenio die Opfergaben in einem kleinen Feuer. Er kontrolliert die Flammen und entnimmt dem aufsteigenden Rauch göttliche Botschaften. Dann werden alle Utensilien zusammengepackt, und wir gehen zurück zum Hof. Don Eugenios Mutter hat zwischenzeitlich Kartoffeln gekocht, und wir werden zum Essen eingeladen. Die gegarten Erdäpfel liegen auf einem Tuch auf dem Boden. Wir sind von ihrer Vielfalt begeistert: Es gibt grosse und kleine, runde und längliche, gelbe und braune, manche sind innen sogar lilafarben. Keinen Gefallen finden wir an Chuños, gefriergetrockneten Kartoffeln, die bitter-erdig schmecken, aber ein wichtiges Nahrungsmittel der Andenbevölkerung sind. Beim Gefriertrocknen verlieren die Kartoffeln drei Viertel ihres Wassers. So können sie mehrere Jahre gelagert werden und bei Missernten den Indígenas das Überleben sichern. Der Alltag in Höhen über 3600 Metern ist entbehrungsreich und hart. «Wir leben vom Kartoffelanbau und der Lamazucht», erzählt Don Eugenio. Wie alle anderen Männer hat auch er einen roten, handgewebten Umhang an. Die Frauen dagegen tragen zum schwarzen Faltenkleid eine farbenfrohe Stola und einen perlenbesetzten Hut. Zwar hat die UNESCO die Kultur der Kallawaya in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen, ihre Jahrtausende alten Rituale und Bräuche verlieren dennoch immer mehr an Bedeutung. «In der Hoffnung auf ein komfortableres Leben verlassen vor allem junge Menschen die Cordillera Apolobamba. Ich will nicht, dass unsere Traditionen verloren gehen. Deshalb bleibe ich mit meiner Familie hier wohnen», so Don Eugenio. Uns bleibt nichts anderes, als danke zu sagen und unseren Gastgebern für die Zukunft alles erdenklich Gute zu wünschen. Denn es ist an der Zeit, Abschied zu nehmen und die letzten Kilometer unserer Trekkingtour zu absolvieren. Am Endpunkt der Wanderung steigen wir in einen alten, klapprigen 2.-Klasse- Bus. Wir steuern den Titicacasee an, um uns von den Wanderstrapazen zu erholen. Sommer 2013 GLOBETROTTER-MAGAZIN 11

5 Bolivianische Autoversicherung. Copacabana ist ein beschauliches Städtchen. In einer Bucht am Ufer des Titicacasees gelegen, empfängt es uns mit seiner relaxten Backpacker-Hippie-Atmosphäre. Es gibt gemütliche Hostels, coole Kneipen, luxuriöse Restaurants und, was uns besonders freut, Sonnenschein! Wir schlendern durch verwinkelte, kopfsteingepflasterte Gassen hinunter zur Strandpromenade. Beiger Sand, strahlend blauer Himmel, smaragdgrünes Wasser am liebsten würden wir uns die Kleider vom Leib reissen und ein ausgiebiges Bad nehmen. Rechtzeitig erinnern wir uns aber daran, dass Copacabana auf 3800 Metern Höhe liegt und die Seetemperatur gerade mal zehn Grad beträgt. Am Ufer stehen fünfzehn Strandbuden, die Señora Carina, Señora Matilda, Señora Rosa, Señora Maura und so weiter heissen. So wenig die Namensgebung variiert, so wenig unterschiedlich ist das Angebot: Es gibt Forelle gedünstet, gegrillt, paniert oder frittiert, dazu Bratkartoffeln und Salat. Selbstverständlich ist der Fisch fangfrisch aus dem Titicacasee. Ohne zu wissen, warum, wählen wir einen Tisch bei Señora Matilda aus. Sie serviert uns Trucha al ajillo, Knoblauchforelle, die köstlich schmeckt und spottbillig ist. Matilda ist nicht nur eine gute Köchin, sondern auch neugierig. Ohne Umschweife will sie wissen, ob wir die «Virgen de Candelaria» schon aufgesucht haben. Die ê Kurios. In Copacabana segnen katholische Priester Autos. Potosí. Ohne Arbeitsschutzbestimmungen suchen Bergmänner im Cerro Rico in engen Tunneln reiche Erzadern. Kupfer, Zinn, Zink und Blei werden abgebaut. aus dunklem Holz geschnitzte Jungfrauenstatue soll bei allen möglichen Problemen helfen und ist in Copacabanas Basilika zu finden. Bislang waren wir noch nicht in dem monumentalen Gotteshaus, machen uns aber nun auf den Weg dorthin. Allerdings weniger der wundertätigen Jungfrau, als vielmehr der kuriosen Autosegnungen wegen. Jeden Samstag und Sonntag finden sich Hunderte blankgeputzter Autos, Minibusse und Lastwagen auf der Plaza vor der Basilika ein. Sie werden von ihren Besitzern mit Blumen und Papiergirlanden geschmückt, bevor katholische Priester die Taufe durchführen. Pater Enrique ist ein altgedienter geistlicher Würdenträger. Mit einem Plastikeimer voller Weihwasser schreitet er von Fahrzeug zu Fahrzeug. Er schlägt ein Kreuz, bespritzt die Wagen mit geweihtem Wasser und bittet Gott, seine schützende Hand über Fahrer und Mitfahrer zu halten. Anschliessend schütten die Pilger Sekt und Schnaps über ihre Gefährte. Reis und Konfetti fliegen durch die Luft. Knallkörper explodieren. Unmengen Bier werden lachend getrunken. Mit dem Cha lla genannten Ritual erhoffen sich die Wagenbesitzer, ein Jahr lang von Unfällen und Pannen verschont zu bleiben. Uns überzeugt die bolivianische Art, ein Auto zu versichern, nicht. Deutsch, wie wir sind, ziehen wir dem Cha lla ein ordentliches All-Inklusive- Versicherungspaket mit Vollkasko- und Diebstahlschutz vor. Von Zuhause aus haben wir nämlich für zwei Wochen ein Mietauto gebucht, das wir nun in La Paz abholen. In der Hölle von Potosí. Die Grösse des Autos überrascht uns. Wegen des Allradantriebs und der Bodenfreiheit haben wir einen Geländewagen gewählt, der riesiger ist als erwartet. Zeit, um uns an die Masse des Autos zu gewöhnen, haben wir nicht. Ehe wir uns versehen, befinden wir uns im grossstädtischen Strassengewühl. Irgendwie finden wir den Weg aus La Paz hinaus, und dann gehts auf der Autobahn 535 Kilometer Richtung Süden nach Potosí. Verkehr gibt es kaum. Bei der erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern kommen wir trotzdem nur langsam voran. Nach einer gefühlten Ewigkeit sehen wir am Horizont den Cerro Rico, das Wahrzeichen Potosís. Früher steckte der kegelförmige Berg voller Silber, mit dem die Spanier Jahrhunderte lang ihre Staatskasse füllten. Obwohl die Silberadern versiegt sind, wird noch immer in unterirdischen Gängen Kupfer, Zinn, Zink und Blei abgebaut. Wir sind in Potosí mit Oscar verabredet. Der einstige Bergmann übt heute den Traumberuf vieler Jugendlicher aus. Er ist Touristenführer und wird mit uns die Mine Candelaria besuchen. Zunächst geht es aber zum Bergarbeitermarkt, wo wir Dynamit, Zündschnüre, 12 GLOBETROTTER-MAGAZIN Sommer 2013

6 bolivien Cocablätter, Zigaretten und hochprozentigen Schnaps kaufen. Die ungewöhnlichen Mitbringsel schenken wir am Stolleneingang den Bergmännern. Dann gibt es kein Entrinnen mehr! Mit Stirnlampen, Helmen, Schutzkleidung und Gummistiefeln ausgerüstet, schlüpfen wir in gebückter Haltung in die Mine hinein. Die erste Station ist El Tío, der Schutzpatron der Mineros. Carlos, ein 20-jähriger Bergarbeiter, nimmt einen kräftigen Schluck Schnaps und bespritzt dann El Tío mit dem 96-prozentigen Alkohol. Ausserdem steckt er der gehörnten Gottheit eine brennende Zigarette in den Mund und opfert ihr Cocablätter. «Es ist wichtig, dass El Tío zufrieden ist, damit er uns reiche Erzadern zeigt. Wenn wir ihn verärgern, bringt er uns Unglück», doziert Carlos. Uns wird klar, dass nicht nur wir Respekt verspüren, sondern auch die Mineros, die täglich im Innern des Berges sind. Verwunderlich ist das nicht, denn im Cerro Rico gibt es keine Arbeitsschutzbestimmungen. Aktuell sind Erzsucher tätig, die einer von 32 Bergbaukooperativen angehören. Jede Gesellschaft hat ihren eigenen Bereich und schlägt planlos Gänge in den Berg. Wie viele unterirdische Tunnel es gibt, ist unbekannt. Manche vermuten mehr als In diesen sprengen die Mineros auf der Suche nach Metall ungeschützt mit Dynamit Löcher in den Fels. Es knallt ohrenbetäubend. Der Berg um uns herum erzittert. Steine lösen sich. Staub wirbelt durch die Luft und erschwert das Atmen. Gut geht es uns nicht mehr. Es ist warm und eng, kaum zum Aushalten. Irgendjemand bietet uns Cocablätter an. Wir lehnen dankend ab, und Oscar erklärt, dass die Mineros ständig Cocablätter kauen, um die harte Arbeit im Stollen überhaupt durchhalten zu können. Dann will er wissen, ob wir tiefer in die Mine kriechen möchten. «Nein», ist unsere sofortige Antwort. Vielleicht ist der Minenbesuch das interessanteste Erlebnis unserer Bolivienreise, ganz bestimmt aber nicht das angenehmste. Wir möchten so schnell wie möglich der nachtschwarzen Hitze des Berges entfliehen und treten den Rückweg an. «wenn DER SCHUTZGOTT ZUfrieden ist, ZEIGT er uns reiche erzadern.» è Quinoa. Das Korn wird nach dem Trocknen gedroschen, gesiebt und verpackt. Kleines Andenkorn. Quinoa trotzt dem extremen Klima im bolivianischen Hochland. Draussen geniessen wir nicht nur die eiskalte Frischluft und das gleissende Tageslicht, sondern auch den Blick auf Potosí. Im 17. Jahrhundert war die Silberstadt grösser als Madrid, Paris und Rom. Potosí soll damals die reichste Stadt der Welt gewesen sein. Davon zeugen bis heute 36 Kirchen und viele herrschaftliche Kolonialgebäude. Einige beherbergen nun Kulturzentren, Hotels und Restaurants. Wir suchen eine stilvolle Bar auf und diskutieren über die verheerenden Arbeitsbedingungen im Cerro Rico. Sogar Kinder sollen in den Minen arbeiten und ihrer Kindheit beraubt werden. Beim Blick auf die exklusive Speisekarte fällt uns auf, dass alle Gerichte teurer sind als der Tagesverdienst der Mineros. Diese erhalten durchschnittlich drei Euro am Tag, was kaum zum Überleben reicht. Alternative Verdienstmöglichkeiten gibt es aber nur wenige. Potosí liegt auf 4070 Metern Höhe, wo es selbst schwierig ist, Landwirtschaft zu betreiben. Quinoa macht glücklich. Ein Korn, das dem extremen Klima der Anden trotzt, ist Quinoa. Das Hauptanbaugebiet liegt im Departement Potosí. Als Fotojournalisten mit dem Schwerpunkt Fairer Handel haben wir in Uyuni eine wichtige Besprechung mit dem Präsidenten des Kleinbauernzusammenschlusses ANAPQUI. Die Kooperative vereint 1260 bolivianische 13

7 Quinoaproduzenten. Wir werden herzlich empfangen, und Don Lucas händigt uns einen Besuchsplan aus. Geschäftig lässt er uns wissen, dass wir in eine abgelegene Region fahren werden und unsere Begleiterin Tania heisst. Sie entpuppt sich als junge Quechua-Frau, die westlich-modern gekleidet und sehr sympathisch ist. Auf Feldwegen voller Schlaglöcher fahren wir gemeinsam mit ihr nach Mañica, in ihren Geburtsort. Dort lernen wir alsbald Tanias Eltern, Cousins, Onkel und Grosstanten kennen. Alle arbeiten auf den Feldern, denn das Quinoa muss dringend eingebracht werden. Weil uns Tania als Freunde vorstellt, dürfen wir die sonst so fotoscheuen Quechua-Indígenas bei der Arbeit fotografieren. Die Andenkörner wurden vor drei Wochen geerntet und liegen zum Trocknen in der Sonne. Nun müssen sie gedroschen, gesiebt und verpackt werden, bevor die Bauern das Quinoa an ANAPQUI verkaufen können. Dank des Fairen Handels erhalten sie einen gerechten Preis für ihre Ernte und eine Zusatzprämie für soziale Gemeinschaftsprojekte. Stolz erklärt uns Onkel Manuel, dass Quinoa glücklich und gesund macht. Das kleine Korn enthält nämlich stimmungsaufhellendes í íí î Zivilisationsfern. Offroadfahren auf dem Altiplano macht unglaublich Spass. Neugierig. Der Andenfuchs lässt sich geduldig fotografieren. Hungrig. Die Flamingos im Naturreservat Eduardo Avaroa fischen nach Plankton. Vulkan Licancabur. Im Vordergrund die leuchtende Laguna Verde. Tryptophan, ist glutenfrei sowie reich an Eiweiss, Vitaminen und Kalzium. Tania ergänzt, dass sich Quinoa wegen des überdurchschnittlichen Nährstoffgehalts vor allem in Europa wachsender Beliebtheit erfreut. Als Büroangestellte bei ANAPQUI sind ihr die steigenden Verkaufszahlen bekannt. Tania hat mit 16 Jahren ihr Dorf verlassen und ist zum Arbeiten nach Uyuni gezogen. «Ehrlich gesagt, wohne ich da nicht gerne. Die Stadt ist hässlich und es ist furchtbar kalt.» Auch wir haben Uyuni als unschön und eisig kennengelernt. Trotzdem kommen fast alle Traveller hierher. In Uyuni gibt es zahlreiche Reiseagenturen, die Mehrtagestouren ins Naturreservat Eduardo Avaroa und auf den Salar de Uyuni anbieten. Dank unseres Mietwagens haben wir die Möglichkeit, das abgeschiedene Gebiet auf eigene Faust zu erkunden. Weil Tania ein paar Tage bei ihrer Familie auf dem Land bleiben will, können wir unsere Offroadtour direkt in Mañica starten. Winkend werden wir von einer Schar Quinoabauern verabschiedet. Eine pechschwarze, fast unheimliche Einsamkeit legt sich über uns. Bestürzend schöne Natur. Eine endlose Wüste breitet sich vor uns aus. Geröll poltert gegen den Unterboden unseres Geländewagens. Stundenlang fahren wir durch das karge Ödland. Unsere erste Etappe endet am Mirador Volcán Ollagüe. Umgeben von mehreren Fünftausendern schlagen wir unser Zelt inmitten grandioser Natur auf. Einen schönen Kontrast zum rötlich-braunen Erdreich bilden der stahlblaue Himmel sowie grüne Yareta-Moose, die wie Riesenmaulwurfshügel aussehen. Allerdings versinkt die Sonne schon bald hinter der Vulkankette. Eine pechschwarze, fast unheimliche Einsamkeit legt sich über uns. Wir schlüpfen flink ins Zelt und lassen uns vom eisigen Wind in den Schlaf singen. 14

8 bolivien PERU CHILE Cordillera Apolobamba Titicaca-See Copacabana La Paz Tiahuanaco Salar de Uyuni Uyuni Cochabamba Sucre Potosi Santa Cruz Naturreservat Eduardo Avaroa ARGENTINIEN PARAGUAY BRASILIEN Nach zehn Stunden Nachtruhe stehen wir um 6 Uhr auf und verhandeln darüber, wer mit dem Autofahren beginnen darf. Offroadfahren macht unglaublichen Spass. Keiner von uns beiden will zu kurz kommen. Michael gewinnt den Disput und chauffiert uns sicher zur Laguna Cañapa. Wir werden von einem Andenfuchs empfangen, der neugierig ist und sich geduldig fotografieren lässt. An der Laguna Hedionda beobachten wir Flamingos, die durchs bitterkalte Wasser staksen und nach Plankton fischen. Unsere Lieblingstiere sind aber die Vicuñas. Immer wieder sehen wir eine kleine Herde dieser zierlichen Andenkamele. Sie haben ein gelbbraunes Fell, und ihre Wolle ist mit einem Kilopreis von bis zu 500 Euro die teuerste Naturfaser der Welt. Uns sind die Vicuñas so sympathisch, weil sie sich, im Gegensatz zu Lamas und Alpakas, nicht domestizieren lassen. Versunken in eine Diskussion über die Freiheitsliebe von Vicuñas und Menschen raschen BOLIVIEN INFOS&TIPPS Einreise Für einen Aufenthalt von bis zu 30 Tagen benötigen EU-Bürger und Schweizer einen noch mindestens sechs Monate gültigen Reisepass. Sprachen Offizielle Landessprache ist Spanisch. Darüber hinaus werden Quechua (22 %), Aymara (15 %) und andere indigene Sprachen gesprochen. Klima Ideale Reisezeit für die Anden ist im Winter von April bis Oktober (Trockenzeit). Zwar können die Temperaturen nachts unter den Gefrierpunkt sinken, die Tage sind aber meist regenfrei und klar mit Temperaturen um die 20 C. In der Regenzeit, im Sommer, von November bis März sind Trekkingtouren und Bergbesteigungen nicht zu empfehlen. Verkehrsmittel Wichtigstes Verkehrsmittel ist der Bus. In allen grösseren Orten gibt es einen Flughafen, sodass längere Strecken mit dem Flugzeug zurückgelegt werden können. Weil es in Bolivien nur etwa 3000 km asphaltierte Landstrassen gibt, ist bei Anmietung eines Autos ein 4 4-Geländewagen empfehlenswert. Übernachtungsmöglichkeiten Unterkünfte der ge hobenen Preisklasse (ab US$ 80. ) gibt es in grösseren Städten. In kleineren Städten und Dörfern findet man Unterkünfte der mittleren (US$ 40. bis 80. ) und unteren (US$ 10. bis 40. ) Preisklasse. Essen Grundnahrungsmittel sind Quinoa, Mais und Kartoffeln. Typisch für die Anden sind Chuños, gefriergetrocknete Kartoffeln, die erdig und etwas bitter schmecken. In allen touris tischen Orten gibt es Restaurants mit internationaler Küche. Reiseführer «Peru, Bolivien», Reise Know-How, ISBN «Bolivien kompakt», Reise Know-How, ISBN «Rother Wanderführer Bolivien», Rother, ISBN «Peru und Bolivien», GEO Special, ISBN Landkarte «Bolivien», World Mapping Project, Reise Know-How, ISBN Websites wir fast am Arbol de Piedra vorbei. Der berühmte Felsen steht in der lebensfeindlichen Pampa Sololi und erinnert an einen sturmgepeitschten Baum. Wir legen bei der Naturschönheit nur einen kurzen Stopp ein, denn wir möchten unbedingt vor Einbruch der Dunkelheit die Laguna Colorada erreichen. GPS- Daten und eine zerfledderte Karte weisen uns den Weg durch das zivilisationsferne Gebiet. Dann kommt der Schreck: Unvermittelt taucht vor uns ein Parkplatz mit 32 Jeeps auf. Am Ufer der glutroten Laguna Colorada tummeln sich etwa 150 Touristen. Irgendwann mussten wir ja auf sie treffen. Schliesslich besuchen jährlich Menschen das Naturreservat Eduardo Avaroa. Alle schauen das Gleiche an wir inbegriffen. Und so müssen wir nicht nur die Laguna Colorada bei Sonnenuntergang mit anderen teilen, sondern auch sehr früh am nächsten Morgen das Geysirfeld Sol de Mañana. Hier blubbert und kocht die Erde. Dampffontänen steigen aus dem Boden auf. Jeder Schritt erfordert hohe Konzentration. Denn überall sind Löcher mit kochendem Schlamm, in die man auf keinen Fall stürzen sollte. Noch im Morgengrauen verlässt ein Touristenjeep nach dem anderen das Geysirfeld. Wir haben Zeit und können bleiben, bis die ersten Sonnenstrahlen die hervorquellenden Dampfsäulen ins perfekte Licht setzen. Der magische Moment dauert allerdings nur kurz an. Bald steht die Sonne so hoch, dass man den Dampf nicht mehr richtig sehen kann. Für uns ist das das Zeichen, weiterzufahren. Es geht zum südlichen Wendepunkt der Tour, zur türkisfarbenen Laguna Verde mit dem Vulkan Licancabur im Hintergrund. Sommer 2013 GLOBETROTTER-MAGAZIN 15

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10 bolivien Über Nacht auf dem Salar. An aussergewöhnlichen Plätzen im Naturreservat Eduardo Avaroa sowie um den Salar de Uyuni hat ein Investor gemeinsam mit der ortsansässigen Bevölkerung vier Hotels errichtet. Den Indígenas gehört ein Drittel der Herbergen, und sie sind aktiv in Entscheidungen eingebunden. Eins dieser sogenannten Tayka-Hotels ist das Hotel de Piedra in San Pedro de Quemes. Es wurde komplett aus Steinen gebaut und liegt südöstlich des Salar de Uyuni. Unser Zimmer bietet alle Annehmlichkeiten. Vor allem hat es eine ç Hotel de Piedra. Ein gewisser Luxus in der Einsamkeit. Isla Incahuasi. Mitten im Salar de Uyuni ist die Insel mit einem Kakteenwald bestanden. Zelten auf dem Salar de Uyuni. Die Autoren erfüllen sich einen Traum. solarbetriebene Warmwasserdusche. Das heisse Nass entspannt unsere Muskeln und tut nach vier Tagen Katzenwäsche einfach nur gut. Frisch riechend lassen wir uns in der gemütlichen Sitzecke unseres beheizten Zimmers nieder, trinken eine Tasse Cocatee und geniessen den Blick durch riesige Fenster auf eine bombastische Vulkanlandschaft. Alle Hotelangestellten sind aus San Pedro de Quemes und bestätigen, was wir zuvor gelesen haben: Das Hotel schafft Arbeitsplätze und bringt der Gemeinde durch ihren Eigentumsanteil Einnahmen. Früher war San Pedro de Quemes eines von vielen vergessenen Andendörfern. Heute profitieren seine Bewohner dank des Tayka- Hotels vom Tourismus. Sommer 2013 GLOBETROTTER-MAGAZIN 17

11 Ausgeschlafen, sauber und satt verwirklichen wir uns am nächsten Tag einen Traum: Zelten auf dem Salar de Uyuni. Der legendäre Salzsee ist Quadratkilometer gross und kann befahren werden. Weil im Uferbereich Einbruchgefahr besteht, wurden an ausgewählten Stellen Steinrampen aufgeschüttet, die die Auffahrt ermöglichen. Uns kostet es schon ein ç í ê Tiahuanaco. Boliviens wichtigste prähispanische Stätte. Vespererlebnis. Jutta und Michael auf dem Salar de Uyuni. Panflöte. Viele Indígenas sind wahre Meister dieses Instruments. Zauberhafte Nacht. Trotz Temperaturen um minus 15 Grad. bisschen Überwindung, die Rampe bei Chuvica zu verlassen und den Geländewagen auf die Salzkruste zu lenken. Unter unseren Rädern knirscht das Salz, aber es hält! Wir folgen älteren Fahrzeugspuren, die uns zur Isla Incahuasi führen. Eingeschlossen in ein endloses Universum aus Weiss ist die schroffe Insel mit einem Kakteenwald bestanden. Manche Exemplare sind zwölf Meter hoch und mehrere Jahrhunderte alt. Wir Käse und Oliven dabei. Dazu gibt es Salzkekse und einheimischen Wein. Dass in Bolivien Wein angebaut wird, ist in Europa kaum bekannt. Dabei ist der Rebensaft ausgesprochen gut. Der tolle Wein, das leckere Essen, der grelle Sonnenschein und die weisse Unendlichkeit vereinen sich zu einem surrealen Vespererlebnis. Ganz langsam färbt die untergehende Sonne die Salzkruste rosa-violett. Und dann erstrahlen über uns unzählige Sterne. Einen solch himmlischen Zauber haben wir noch nie erlebt und eine derartige Kälte noch nie verspürt. Die Temperatur fällt auf minus 15 Grad. Wir freuen uns jetzt schon auf den Sonnenaufgang am folgenden Tag. Nur zu gut können wir verstehen, dass sich in den Anden ein Sonnenkult entwickelt hat. Andines Neujahrsfest. Am 21. Juni, dem Tag der Wintersonnenwende, wird die Sonne in ganz besonderer Weise verehrt. Dann feiern die Indígenas in den Anden Neujahr. Anlässlich des Festes fahren wir nach Tiahuanaco, der wichtigsten prähispanischen Stätte Boliviens. Von der einst prächtigen Anlage sind nur ein paar Mauern, Monolithe und Flachreliefs übrig. Uns beeindrucken die Ruinen nicht. Faszinierend finden wir aber, dass immer mehr Menschen nach Tiahuanaco strömen. Auf der Plaza der Seelen-Gemeinde spielt eine lateinamerikanische Rockband. Fliegende Händler verkaufen Rinderherzspiesse, Cocablätter und heissen Tee an die Besucher. Wir bekommen einen Flyer in die Hand gedrückt, dem wir entnehmen, dass die ganze Nacht hindurch Programm sein wird: Tanz, Theater, Film und Musik versprechen gute Laune pur. Eigentlich haben wir schon Lust, die Nacht durchzufeiern, die Kälte macht uns aber einen Strich durch die Rechnung. Tiahuanaco liegt in eisiwir verstehen, warum sich in den kalten anden ein sonnenkult entwickelt hat. stehen auf einer Anhöhe, von der aus die Salzfläche einen glatten Eindruck macht. Tatsächlich ist sie aber rau und mit einem unendlichen Sechseckmuster überzogen. Abseits der Touristenroute suchen wir uns auf dem Salar ein geeignetes Plätzchen zum Zelten und für eine Brotzeit. Wir haben luftgetrockneten Schinken, 18 GLOBETROTTER-MAGAZIN Sommer 2013

12 bolivien gen Höhen, sodass wir doch von unserem einfachen Hotelzimmer Gebrauch machen und gegen Mitternacht ins Bett kriechen. Allerdings nicht für lange, denn um 4.30 Uhr schrillt der Wecker. Wir ziehen mehrere Schichten Outdoorkleidung an und begeben uns zur Ruinenstätte. Die Eintrittskarten haben wir am Vorabend gekauft, sodass wir schnell reinkommen müssten. Falsch gedacht. Vor dem Eingang steht eine Kilometer lange Menschenschlange. Wir reihen uns ein und frieren mit mehreren Tausend Pilgern um die ì Kosmische Energie. Einheimische und Touristen feiern gemeinsam. Neujahrsfest. Mit zum Himmel gestreckten Händen wird die aufgehende Sonne begrüsst. Wette. Irgendwann passieren wir den Eingang und ergattern in der historischen Anlage einen Platz mit Blick aufs Sonnentor. Wir tun es den anderen gleich und strecken unsere Hände zum Himmel. Endlich blinzelt die Sonne über die Bergspitzen. Sie wärmt Gesichter, Arme und Körper. Wer diesen wohltuenden Moment erlebt, weiss, warum er den Indígenas heilig ist. Die Sonnenstrahlen sollen voller kosmischer Energie stecken und Power fürs neue Jahr geben. Männer in Trachten spielen mit Panflöten und Trommeln die typische Musik der Anden. Indígenas, Mestizen und Touristen fassen sich an den Händen und beginnen, unter einer riesigen indigenen Flagge zu tanzen. Wir geben uns dem Augenblick hin, drehen uns im Kreis, nehmen die positive Stimmung auf und nehmen sie als Souvenir im Herzen mit auf den baldigen Rückweg nach Europa. Globetrotter Club, Bern «Ich war dort.» Ihr Traumreise-Erfüller Peter Kast, 900 Tage Reiseerfahrung in Südamerika. An 22 Standorten in der Schweiz H globetrotter.ch 19

13 Weitere exklusive Reise reportagen lesen? Für 30 Franken pro Kalenderjahr liegt das Globetrotter-Magazin alle 3 Monate im Briefkasten. Mit spannenden Reisegeschichten, Interviews, Essays, News, Tipps, Infos und einer Vielzahl von Privatannoncen (z.b. Reisepartnersuche, Auslandjobs etc.). Dazu gibts gratis die Globetrotter-Card mit attraktiven Rabatten aus der Welt des Reisens. Inklusive Globetrotter-Card Informieren und Abo abschliessen:

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