Occupy! Die ersten Wochen in New York Eine Dokumentation edition suhrkamp digital

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1 Occupy! Die ersten Wochen in New York Eine Dokumentation edition suhrkamp digital SV

2 Inhalt I. Teil: Szenen aus dem besetzten New York... 7 II. Teil: Hintergründe, Analysen, Ausblicke Marco Roth, Abschiedsbriefe an den amerikanischen Traum.. 38 Joseph E. Stiglitz,»E pluribus unum«. Von dem einen Prozent durch das eine Prozent für das eine Prozent...44 Charles Petersen, Die Politik der Armen. Die 99 Prozent und der Populismus von links...50 Doug Henwood, Reformiert die Fed! Anmerkungen zur Politik der US-Notenbank...58 Marina Sitrin, Ein Nein! Viele Jas! Occupy Wall Street und die neuen horizontalen Bewegungen...60 Onnesha Roychoudhuri, Eine kleine Flamme Slavoj Žižek, Das gewaltsame Schweigen eines Neubeginns Mark Greif, Weg mit dem Bullen!...78 Astra Taylor, Eine Zwischenbilanz Anstelle eines Schlussworts: Einige Vorschläge der Herausgeber.. 88 Mitwirkende...90 Glossar

3 II. Teil: Hintergründe, Analysen, Ausblicke Marco Roth Abschiedsbriefe an den amerikanischen Traum Eine Webseite. Rote und weiße Schrift vor nahezu schwarzem Hintergrund. Eine scrollbare Fotogalerie, lauter Gesichter, verborgen hinter handbeschriebenen Zetteln in unterschiedlichen Farben und Größen. Die Gesichtshälfte eines kahlköpfigen, bärtigen Weißen hinter gelbem Schreibpapier, auf dem in Blockschrift Folgendes steht:»ich habe 3 Jobs, bei keinem bin ich krankenversichert. Mein Sohn ist über Medicaid versichert. Wir bekommen Lebensmittelgutscheine im Rahmen des W.I.C.-Programms. Wenn ein Gehaltsscheck ausbleibt, sind wir am Ende. Ich bin die 99 %.«Auf einem anderen Foto sieht man lediglich die Finger einer jungen Frau, auf deren Zettel steht:»ich habe vor einem Jahr meinen Collegeabschluss gemacht und arbeite als Journalistin. Ich habe großes Glück. Bei jeder unserer Personalversammlungen wird jemand entlassen. Alle in der Redaktion haben Schwierigkeiten; trotz hoher Qualifikation verdienen wir weniger als 30K (K steht hier für Kilo bzw. Tausend; Anm. d. Ü.) im Jahr. Ich habe jeden Tag Angst, meine Stelle zu verlieren und auf den 50K Studienkredit sitzenzubleiben, die ich frühestens mit 40 zurückgezahlt haben werde. Wenn ich die Kreditrate und die Autoversicherung bezahlt habe, reicht das Geld nur noch fürs Benzin. Ich habe Glück, es könnte viel schlimmer sein, wenigstens kann ich bis auf weiteres bei meinen Eltern wohnen. Ich bin die 99 %.«Und immer so weiter, je tiefer man scrollt, Seite um Seite: mit Mehrfachbehinderungen heimgekehrte Veteranen, die keinen Job finden können, hochqualifizierte Arbeitslose»Ich habe 3 Master-Degrees, keinen Job und muss mehr als $ Studienkredit zurückzahlen«, eine verheiratete Frau, die keine Kinder bekommen will, weil diese»zu den 99% gehören werden«, eine andere Frau, die ihren Zettel mit einer Art Nachruf auf sich selbst beschließt:»als Erste aus meiner Familie aufs College gegangen. Erfolgreich für internationale Hilfsorganisationen gearbeitet. Jetzt kann ich nicht mal mehr an der Zookasse anfangen, weil meine Bonität aufgrund einer chronischen Depression, 38

4 Arbeitslosigkeit und fehlender Krankenversicherung ruiniert ist. Ich habe mich immer an die Regeln gehalten.«man begegnet Lehrerkindern, die sich nicht trauen, aufs College zu gehen, Immigrantenkindern, denen bewusst wird, dass sie es schwerer haben werden als ihre Eltern, Großeltern, die sich um ihre Rente und die Zukunft ihrer Enkel sorgen. Die meisten verdecken ihre Gesichter zumindest teilweise oder senken den Blick verschämt, nur wenige, zumeist die jüngsten, schauen den Betrachter trotzig an. So kann es nicht weitergehen. Doch es geht weiter. Die Webseite»We are the 99 %«ist ein offenes, für jedermann nutzbares Blog, ein sogenannter»tumblr«, und zugleich eines der wenigen bemerkenswerten Dokumente, die die Occupy-Wall-Street-Bewegung bislang hervorgebracht hat. Das breite Spektrum an Gesichtern und Schicksalen widerlegt die teils auf Naivität, teils auf Feindseligkeit beruhende Auffassung, der Protest stütze sich in erster Linie auf von linken Medien wie CNN, der National Review Online oder New Republic aufgehetzte Hippies, Anarchos und andere Versprengte der Neuen Linken der sechziger Jahre. Die auf der Seite versammelten Selbstporträts spiegeln die Lage wider, in der sich demnächst die Mehrheit der Amerikaner befinden wird: verschuldet, überqualifiziert für die wenigen verfügbaren, schlecht bezahlten Jobs, ihrer Selbstachtung beraubt, von der Angst gepackt, sich und die eigene Familie nicht über Wasser halten zu können, umstandslos entlassen, ohne gewerkschaftliche Anbindung, sich an eine prekäre Idee von Bürgerlichkeit klammernd, die ihnen wie eine Schimäre aus der Vergangenheit vorkommen muss. Mach dir nichts draus, Demokratie, so sehen eben zehn»verlorene Jahre«aus! Was den Menschen hier geschieht, ist die private Entsprechung jener ökonomischen Verwerfungen, die renommierten Wirtschaftswissenschaftlern wie Paul Krugman oder Joseph E. Stiglitz zufolge aus einer chronischen Liquiditätsklemme entstehen, in der Unternehmen nicht in Arbeit investieren und der Staat die Wirtschaft nicht mehr zu stimulieren vermag. Was ihre politischen und kulturellen Aspekte angeht, sind die Botschaften auf der Seite jedoch eher ambivalent. Eine Gesellschaft, die ein solches Dokument hervorzubringen vermag, befindet sich unzweifelhaft in den Geburtswehen eines unerfreulichen Übergangs. Historisch gebildete Leser werden sich an die Lage der unabhängigen Weber im England des 18. Jahrhunderts erinnert fühlen, deren rare Selbstzeugnisse Edward P. Thompson in seinem Buch über die Herausbildung der englischen Arbeiterklasse zugänglich gemacht hat. Die nach 39

5 der Erfindung des dampfkraftbetriebenen Webstuhls vom Land in die Lohnarbeit bei großen Textilmanufakturen in Manchester und anderswo getriebenen, zumeist alphabetisierten Weber erzählten ihre Geschichten in Briefen an ihre Familien oder die Friedensrichter vor Ort und hielten sie in volksliedhaften Balladen fest. Damals»wurden Wohlhabende wie in einem Traum in die Armut hinabgezogen / und viele Arme hörten auf zu existieren / und ihre Heimat kannte sie nicht mehr«, wie William Wordsworth in einem Gedicht über das Schicksal einer Weberfamilie notierte. Trotz der eindrucksvollen Zeugnisse ihrer Not sind die Weber heute kaum mehr als eine Fußnote in der Geschichte der Modernisierung und Industrialisierung, deren Opfer sie wurden. Ein Archiv oder Denkmal zu schaffen, sei es auch in Echtzeit, ist für sich genommen noch kein Akt des Widerstands. Womöglich werden zukünftige Historiker die auf dem Tumblr erscheinenden Vertreter der 99-Prozent-Bewegung achselzuckend als unvermeidliche Opfer des Übergangs zur postindustriellen Ära bezeichnen, der»großen Anpassung«oder wie immer der vermutlich dem Chinesischen oder dem brasilianischen Portugiesisch zu entnehmende Begriff für das lauten wird, was sich gegenwärtig an ökonomischer und sozialer Neuordnung abspielt. Dennoch eignet all diesen Zeugnissen vergeblichen Bemühens eine begrenzte, aber nicht unbedeutende Kraft. Indem sie ihre Klageschriften mit der Formel»Ich bin die 99 %«(manchmal auch»wir sind die 99 %«) abschließen, tun jene, die ihr postindustrielles Elend im Netz öffentlich machen, etwas, das Amerikanern früherer Generationen stets widerstrebt hat: Sie stellen so etwas wie ein Klassenbewusstsein her. Das ist mehr als nur eine Geste, nämlich ein Sprechakt nach dem Vorbild des Bekenntnisses zu Jesus Christus als Herr und Erlöser, das in manchen Kirchen der Erweckungsbewegung als hinreichende Qualifikation für die Mitgliedschaft gilt. Wer sich entschließt, den Anweisungen auf der Internetseite wearethe99percent.tumblr.com zu folgen»erzählen Sie uns, wer Sie sind. Machen Sie ein Foto, auf dem Sie ein Schild halten, das Ihre Lage schildert zum Beispiel:» Ich bin Student und habe $ Schulden «oder» Als mir der Arzt zu der Operation riet, war mein erster Gedanke nicht, ob ich gesund werde, sondern wie ich das bezahlen sollte. Darunter schreiben Sie Ich bin die 99 %. «, der schreibt einen Abschiedsbrief an den amerikanischen Traum und gelobt der»nation und Flagge«der 99-Prozent- Bewegung die Treue, deren Ziele bislang unklar sind, auch wenn sie mit jedem neuen Bekenner auf der Seite an Stärke gewinnt. 40

6 Der Eindruck demütiger Bescheidenheit, den die handschriftlichen Schilderungen privater Nöte machen, wird durch ihre sich jedem Kenner amerikanischer Großstädte aufdrängende Ähnlichkeit mit den Papptafeln vieler Obdachloser verstärkt:»hiv-positiv, nicht krankenversichert. Bitte hilf mir«,»obdachloser Vietnam-Veteran«,»Dichter Veröffentlichungen in der New York Times, den Amsterdam News usw. verkauft seine Gedichte direkt an Sie!«Ob absichtliches oder zufälliges Stilelement: Die Nähe der Occupy-Bewegung zu den Obdachlosen und Bettlern in den Innenstädten ist einer der unheimlichsten und verstörendsten Aspekte der gegenwärtigen Proteste. So wie die frühen Kommunisten im Proletariat einen potenziellen Träger des revolutionären Bewusstseins erkannten, betrachtet die Occupy-Bewegung den Obdachlosen als potenziell revolutionäres Subjekt des gegenwärtigen amerikanischen Postkapitalismus. Die Aufwertung der Obdachlosen, denen alle außer dem einen Prozent der»über-kapitalisten«zugerechnet werden, findet auf mehreren Ebenen statt. Dadurch könnte die im Zuccotti Park und anderswo stattfindende Inanspruchnahme des halböffentlichen Raums den urbanen Obdachlosen ganz unmittelbar praktisch nützen, indem sie sie demnächst nicht nur in die Lage versetzt, dieselbe politische Würde für sich selbst in Anspruch zu nehmen, sondern auch Zugang zum inoffiziellen Unterstützernetz der Suppenküchen, Erste-Hilfe-Zelte, Bibliotheken und mobilen Rechtsberater zu verlangen. Wie die meisten Solidaritätsaktionen, die etwa in Europa unter Motti wie»alle Menschen sind Ausländer. Fast überall«oder, kurz nach dem 11. September 2001,»Wir sind alle Amerikaner«, stattfanden, muss auch der Slogan»Wir sind alle Obdachlose«irgendwann mit der Realität kollidieren. Das geschah etwa, als ein echter Obdachloser in eine Sitzung des Schulausschusses der Besetzer in Philadelphia vordrang und die Anwesenden um Geld bat. Die Ausschussmitglieder waren offensichtlich konsterniert. Als sich der Mann dann am Rande der Gruppe auf den Asphalt legte, setzte sich deren Leiterin, eine junge Frau von einnehmender Schönheit (was für auffällig viele führende Mitglieder der Occupy-Bewegung gilt), ohne Scheu zu ihm und versuchte, ihn zu einem Ortswechsel zu überreden, vergeblich indes, während das Meeting im Chaos versank. Die junge Frau handelte in diesem Augenblick nicht mehr aus Solidarität»Wir stehen auf der Straße wie du, Bruder!«, hatte ein Ausschussmitglied ausgerufen, ohne die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen, sondern aus altmodischem Mitgefühl. Sie glaubte, sich die Auszeit von der Revolution 41

7 leisten zu können, da sie, ob sie nun zu den 99 oder zu dem einen Prozent gehört, über Ressourcen verfügt, die dem Obdachlosen fehlen. Eine solche Haltung verlernt man nicht über Nacht, auch nicht über eine Reihe von Nächten, und es wäre womöglich nicht von Vorteil, wenn wir sie irgendwann zur Gänze hinter uns ließen. Nichts könnte weniger individualistisch sein als der Slogan»Ich bin die 99 %«. Dennoch ist es schier unmöglich, die individuellen Schicksale bei der Lektüre der Bekenntnisse nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ich bin auf Kindesmissbrauch und zerbrochene Ehen gestoßen. Ich habe mich als Amateurgraphologe betätigt, um festzustellen, ob der Typ mit den drei Abschlüssen vielleicht übertreibt. Irgendwann bin ich an der Frage hängengeblieben, worauf der Slogan»Banks got bailed out, we get sold out«(»die Banken wurden gerettet, wir werden abgeschrieben«) eigentlich hinausläuft. Will die Occupy-Bewegung, dass man auch die»kleinen Leute«freikauft, oder will sie den Unternehmenswohlfahrtsstaat hinwegfegen, in dem wir seit geraumer Zeit leben? Ist sie eine Befreiungsbewegung, die sich gegen die Refeudalisierung des öffentlichen Raums im Namen von Tourismus und Kapitalismus richtet und dem Volk die Straße zurückerobern will? Oder ist sie der Welt größte Bewegung für die Rechte der Obdachlosen?* Nachdem ich mir Seite um Seite auf»we are the 99 %«angesehen hatte, überkam mich ein heftiges Verlangen, Walker Evans ikonische Fotografien aus der Depressionszeit zu betrachten. Diese nüchternen und kargen Bilder haben sich in das kulturelle Gedächtnis einer ganzen Generation von Amerikanern geätzt: der ins Nichts gerichtete Blick einer jungen Frau vor einer holzverschalten Hauswand, ihr schiefes Beinahe-Lächeln, das nicht über die von Mangelernährung und frühem Zahnverlust eingesunkenen Wangen hinwegtäuschen kann, die barfüßigen flachsblonden Kinder, die auf baufälligen Veranden zwischen nutzlosen bäuerlichen Gerätschaften spielen, die abgetragenen, staubigen Stiefel am Rand. Entstanden im Rahmen eines Dokumentationsprojekts der Farm Security Administration, das die Armut der amerikanischen Landbevölkerung bekannt machen sollte, liefen Evans Fotos perverserweise darauf hinaus, die Not, die die ihn beauftragende Behörde lindern wollte, zu musealisieren und zu veredeln. Der aus den Bildern und dem begleitenden Text von James Agee hervortretende Stoizismus der Porträtierten ließ sie als Virtuosen des Elends erscheinen, die»eine Aufmunterung, nicht ein Almosen«verdienten, obgleich die meisten von ihnen von Essensmarken lebten. Die Bilder richteten sich an ein Publikum von Außenstehenden, 42

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