Einführung in ökonomische Theorie und Wirtschaftspolitik. Seminar für LA Politik und Wirtschaft im Wintersemester 2006/07

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1 Einführung in ökonomische Theorie und Wirtschaftspolitik Seminar für LA Politik und Wirtschaft im Wintersemester 2006/07 1

2 Seminarkonzept I II Wirtschaftspolitische Ziele 1 Stabilitäts- und Wachstumsgesetz: Magisches Viereck 2 Ansatz der Wohlfahrtsökonomik Theoretische Begründungen, Felder und Instrumente der Wirtschaftspolitik 1 Wirtschaftspolitik aus Perspektive der Neoklassik 1.1 Grundzüge der neoklassischen ökonomischen Theorie 1.2 Sozial- und Steuerpolitik 1.3 Wettbewerbspolitik 1.4 Umweltpolitik 2 Wirtschaftspolitik aus der Perspektive von Keynes 2.1 Grundzüge der Theorie von J.M. Keynes 2.2 Fiskalpolitik 2.3 Geldpolitik 2

3 Wirtschaftspolitische Ziele 3

4 I Wirtschaftspolitische Ziele Wirtschaftspolitik = jede staatliche Einflussnahme auf Entstehung, Verwendung und Verteilung von Gütern Güter sind alle Gegenstände und Leistungen, welche irgend einem Menschen nützen. 4

5 Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft, 1: Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, dass sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen. Welche vier Ziele werden genannt? Die vier im Gesetz genannten Ziele werden als Magisches Viereck bezeichnet. Warum? Mögliche Zielkonflikte! Literatur: Jörn Altmann: Wirtschaftspolitik, Stuttgart 2000 (7., erw. u. völlig überarb. Aufl.), S. 4-8 Peter Bofinger: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, München 2003, S ,

6 Ziel 1 des Magischen Vierecks : Stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum Was soll wachsen? Literatur: Jörn Altmann: Wirtschaftspolitik, Stuttgart 2000 (7., erw. u. völlig überarb. Aufl.), S

7 Bruttoinlandsprodukt Entstehungsrechnung Produktionswert - Vorleistungen = Bruttowertschöpfung + Gütersteuern - Gütersubventionen = Bruttoinlandsprodukt - Abschreibungen = Nettoinlandsprodukt Das BIP wird im Rahmen der so genannten Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung erfasst, und zwar für die Staaten der EU nach einer einheitlichen Methode, dem Europäischen System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG). Produktionswert = Summe der Erlöse (= Umsätze) aller inländischen Unternehmen Vorleistungen = monetärer Wert aller Güter, welche inländische Wirtschaftseinheiten von anderen Wirtschaftseinheiten bezogen haben und welche sie in der Berichtsperiode in der Produktion verbraucht oder zu anderen Produkten weiter verarbeitet haben Gütersteuern = pro Einheit eines gehandelten oder produzierten Gutes erhobene Wert- oder Mengensteuer (z.b. Mehrwertsteuer, Mineralölsteuer) (Gütersteuern werden von Unternehmen auf Abnehmer, letztlich auf Konsumenten übergewälzt) Gütersubventionen = vom Staat oder von EU an Unternehmen pro hergestellter oder importierter Einheit eines Gutes gezahlte Subvention (Gütersubventionen senken die Kosten des Unternehmens und darüber die Absatzpreise) Abschreibungen = monetär bewerteter Verschleiß von Produktionsmitteln in der Berichtsperiode 7

8 Bruttoinlandsprodukt Verwendungsrechnung Private Konsumausgaben + Konsumausgaben des Staates + Investitionen + Exporte von Waren und Dienstleistungen - Importe von Waren und Dienstleistungen = Bruttoinlandsprodukt gesamtwirtschaftliche reale Ersparnisse Der Saldo aus Exporten und Importen (= Ex Im) wird als Außenbeitrag bezeichnet. Das gesamte BIP (= Y) im Sinne der Summe aller im Inland erzielten Einkommen kann für Konsumzwecke (Konsumausgaben = C) verwendet werden oder aber gespart werden (Ersparnisse = S). Ersparnisse dienen zur Finanzierung von Investitionen (= I) im Inland, oder sie gehen als Kredite ins Ausland, um den dort ansässigen Wirtschaftseinheiten Käufe im Inland zu ermöglichen, welche sie nicht aus Importerlösen im Inland finanzieren können. (Wenn umgekehrt das Inland wertmäßig mehr Güter importiert als exportiert, muss das Inland aus Ersparnisse des Auslands zurückgreifen. Es findet dann ein Entsparen statt.) Investitionen umfassen solche in Ausrüstungen, Bauten und sonstige Anlagen sowie Vorratsänderungen (sind diese negativ, handelt es sich um Desinvestitionen). Ersatzinvestitionen = Investitionen zum Ersatz verbrauchter ( abgeschriebener ) Produktionsmittel Bruttoinvestitionen Ersatzinvestitionen = Nettoinvestitionen (falls < 0; falls <0, findet Vermögensabbau statt) Entstehungsrechnung: Y C + I (Konsumgüter + Investitionsgüter) Verwendungsrechnung: Y C + S (Konsumausgaben + Ersparnisse) Die Konsumausgaben sind identisch mit dem Wert der produzierten Konsumgüter. I S 8

9 Grundmodell eines gesamtwirtschaftlichen Kreislaufs Gütermärkte Güter Güterausgaben Haushalte Unternehmen Faktorentgelte Faktordienste Faktormärkte Dass die Entstehungsrechnung und die Verwendungsrechnung des BIP zu demselben Ergebnis führen, ergibt sich aus dem Kreislaufzusammenhang der (zu Sektoren zusammengefassten) Wirtschaftseinheiten. Das Modell abstrahiert von Sparen. Äußerer Kreislauf = Fluss realer Güter (einschließlich Faktordienstleistungen) Innerer Kreislauf = Fluss von Geld Die Haushalte bieten den Unternehmen die Dienste der in ihrem Eigentum befindlichen Produktionsfaktoren (Arbeitskraft, reale Kapitalgüter) an und erhalten dafür Faktorentgelte (Arbeitsentgelt, Zinsen, ausgeschüttete Gewinne z.b. in Form von Dividenden etc.). In den Unternehmen werden mit den Produktionsfaktoren neue Güter produziert. Die Summe aller Faktorentgelte ist das gesamtwirtschaftliche Einkommen (= Y oder BIP). Die Haushalte verwenden es zum Kauf von Gütern, welche die Unternehmen produziert haben. Das gesamtwirtschaftliche Einkommen drückt damit zugleich den monetären Wert aller produzierten Endgüter aus. In den Haushalten wird über die Einkommensverwendung entschieden, in den Unternehmen über die Güter- und Einkommensentstehung. Die nominale Einkommensverteilung ergibt sich aus dem Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage auf den Faktormärkten. Auf den Gütermärkten, wo die Preise der produzierten Güter gebildet werden, wird die Kaufkraft des nominalen Einkommens, damit das reale Einkommen bestimmt. 9

10 Bruttonationaleinkommen Bruttoinlandsprodukt + Primäreinkommen von Inländern im Ausland - Primäreinkommen von Ausländern im Inland = Bruttonationaleinkommen - Abschreibungen = Nettonationaleinkommen Das BIP bezeichnet die (soweit möglich mit Marktpreisen) monetär bewertete Summe aller im Inland produzierten Endgüter (Güter ohne Vorleistungen) oder die Summe aller Faktorentgelte. Es wird nach dem so genannten Inlandskonzept ermittelt. Um zur Summe der Einkommen zu gelangen, über welche Inländer verfügen können, müssen dem Bruttoinlandsprodukt Primäreinkommen zugerechnet werden, welche Inländer im Ausland erzielt haben (im Wesentlichen sind das Arbeitsentgelte von Grenzgängern, Zinseinkünfte aus Kapitalanlagen im Ausland), und müssen vom BIP Primäreinkommen abgezogen werden, welche Ausländer im Inhalt erzielt haben. (Die Unterscheidung in In- und Ausländer erfolgt nicht nach Staatsangehörigkeit, sondern nach Wohnsitz oder tatsächlichem Aufenthalt der natürlichen Person bzw. dem Ort der Unternehmenstätigkeit.) Das Ergebnis ist das Bruttonationaleinkommen (früher: Bruttosozialprodukt ). Es wird nach dem Inländerkonzept ermittelt. 10

11 Volkseinkommen Nettonationaleinkommen - indirekte Steuern + Subventionen = Volkseinkommen (= Nettonationaleinkommen zu Faktorkosten) = Arbeitnehmerentgelt + Betriebsüberschüsse und Selbständigeneinkommen Indirekte Steuern = vom Produzenten erhobene Steuern (v.a. Mehrwertsteuer, aber auch z.b. Gewerbesteuer) Subventionen = ohne Gegenleistung inländischen Produzenten gewährte laufende Zahlungen von Seiten der BRD oder der EU Betriebsüberschüsse = z.b. Mieten, Pachten, Zinsen auf Fremdkapital, Gewinne bzw. Gewinnanteile (z.b. Dividenden) 11

12 Nominales Bruttoinlandsprodukt Güter werden mit Preisen des aktuellen Jahres bewertet Reales Bruttoinlandsprodukt Güter werden mit Preisen eines Basisjahres bewertet Nominales BIP = p 1t x 1t + p 2t x 2 t +.. Reales BIP = p 10 x 1t + p 20 x 2 t +.. (0 = Basisjahr) Nominales BIP/Reales BIP = BIP-Deflator (= Preisindex nach Paasche) 12

13 Mögliche Gründe für Wachstum des realen BIP: a) Auslastungseffekt b) Kapazitätseffekt Auslastungseffekt: Wirtschaftswachstum geht auf zunehmende Auslastung der bestehenden Kapazitäten der Produktionsanlagen zurück. Kapazitätseffekt = Wachstum geht auf Ausbau der Kapazitäten zurück. Bei voll ausgelastetem Produktionspotential erfordert Kapazitätsaufbau Netto-Investitionen. Dazu muss wiederum auf Gegenwartskonsum verzichtet werden, d.h. es müssen gesamtwirtschaftliche Ersparnisse gebildet werden. 13

14 Was bedeuten stetiges Wachstum angemessenes Wachstum? Beide Adjektive werden im Gesetz nicht präzisiert. Ist angemessen = maximal? Diskussion um Verwendung des BIP/Einwohner als Wohlfahrtsmaß: Kritik: 1) Nichtberücksichtigung des Nutzens von Freizeit; 2) Nichtberücksichtigung der Güterverteilung; 3) Nichterfassung von Produktionen für Eigenverbrauch oder in Untergrundwirtschaft; 4) Ignorierung von Änderungen der Güterqualität bei Deflationierung des BIP; 5) Verbuchung von Leistungen, die eigentlich Vorleistungen sind (z.b. Ausgaben für Fahrten zum Arbeitsplatz), als Endprodukte BIP wird zu hoch ausgewiesen 6) Verbuchung staatlich bereitgestellter Güter mangels Marktpreise zu Herstellungskosten; 7) Nichterfassung des Verbrauchs von Naturvermögen über entsprechende Abschreibungen Überschätzung des NIP 8) Verbuchung von Tätigkeiten, welche Naturvermögen wiederherstellen oder erhalten sollen, als Investitionen; da andererseits keine Abschreibungen am Naturvermögen erfolgen Überschätzung des BIP 14

15 Ziel 2 des Magischen Vierecks : Stabilität des Preisniveaus Bedeutet die Forderung nach Stabilität des Preisniveaus, dass alle Preise sich nicht verändern sollen? Wie misst man die Veränderung des Preisniveaus? Literatur: Jörn Altmann: Wirtschaftspolitik, Stuttgart 2000 (7., erw. u. völlig überarb. Aufl.), S ,

16 Konzepte zur Messung der Veränderung des Preisniveaus: a) Preisindizes b) Inflationsraten Zu a) Bei der Ermittlung von Preisindizes wird die Gütermengenstruktur eines bestimmten (Basis- ) Jahres zugrunde gelegt. Diese Gütermengen werden dann zum einen mit den Preisen des aktuellen Jahres gewichtet, zum anderen mit den Preisen des Basisjahres; die Ergebnisse werden sodann dividiert: Preisindex = (p 1t x 10 + p 2t x )/(p 10 x 10 + p 20 x ) (0 = Basisjahr) (Preisindex nach Laspeyres) Inflationsarten messen die Veränderungen des Preisniveaus gegebener Gütermengenstruktur des Basisjahres gegenüber dem Vorjahr: Inflationsrate = (p 1t x 10 + p 2t x )/(p t-1 1 x 10 + p t-1 2 x ) (t-1 kann auch das Basisjahr 0 sein.) Inflationsrate = (Preisindex t Preisindex [t-1])/preisindex [t-1] Es können verschiedene Preisindizes und auf dieser Basis verschiedene Inflationsraten ermittelt werden. Interessant sind v.a. Verbraucherpreisindizes für verschiedene Haushaltstypen. Die so genannte Inflationsrate ( Verbraucherpreisindex für Deutschland ) wird üblicherweise auf Basis des Preisindexes für die Güter berechnet, welche ein fiktiver Haushalt (zwei Erwachsene mit 0,3 Kindern) verbraucht (Güter des täglichen Bedarfs, Mieten, langlebige Verbrauchsgüter, Dienstleistungen). Dazu wird ein bestimmter so genannter Warenkorb fingiert, dessen Preise dann regelmäßig ermittelt werden. Die EZB verwendet für den Euro-Raum den so genannten Harmonisierten Verbraucherpreisindex zur Inflationsmessung und wertet einen Anstieg von bis zu zwei Prozent desselben als Preisniveaustabilität. Der Harmonisierte Verbraucherpreisindex wird etwas anders berechnet als der Verbraucherpreisindex für Deutschland. Negative Inflationswirkungen: 16

17 Jahr Verbraucherpreisindex Inflationsrate ,3 106,2 104,5 103,4 102,0 100,0 2,0 % 1,6 % 1,1 % 1,4 % 2,0 % -- Quellen: Zugriff am Eigene Berechnungen 17

18 Ziel 3 des Magischen Vierecks : Hoher Beschäftigungsstand Wie misst man den Beschäftigungsstand? Literatur: Jörn Altmann: Wirtschaftspolitik, Stuttgart 2000 (7., erw. u. völlig überarb. Aufl.), S

19 Konzepte zur Operationalisierung des Beschäftigungsstandes 1) Arbeitslosenquote 2) Produktionspotential 19

20 Arbeitslosenquoten gemäß SGB III: Arbeitslosenquote I = Arbeitslose Abhängige zivile Erwerbspersonen Arbeitslosenquote II = Arbeitslose Zivile Erwerbspersonen Nach 119 SGB III ist arbeitslos, wer 1. beschäftigungslos ist, genau: keiner Erwerbstätigkeit im Umfang von 15 oder mehr Wochenstunden nachgeht, 2. sich um Beendigung seiner Beschäftigungslosigkeit bemüht, 3. den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung steht. Erwerbspersonen sind Erwerbstätige + Erwerbslose. Zivile Erwerbspersonen sind Erwerbspersonen ohne Soldaten. Erwerbstätige sind alle Personen im Alter von 15 oder mehr Jahren, die irgendeine abhängige oder selbständige, auf Erwerb gerichtete Tätigkeit ausüben. Abhängig Erwerbstätige sind Beamte (Arbeitnehmer in einem öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis), privat-rechtlich beschäftigte Arbeitnehmer (= sozialversicherungspflichtig Beschäftigte + ausschließlich geringfügig Beschäftigte) und Auszubildende. Erwerbslose sind alle Personen, die keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, aber eine Beschäftigung suchen ( Arbeitslose i.s. des SGB III; die Arbeitslosen sind also im Nenner z.t. als Erwerbslose, z.t., sofern sie weniger als 15 Wochenstunden erwerbstätig sind, als Erwerbstätige erfasst). Das Institut für Arbeitsmarktforschung (IAB) schätzt als weiteren Teil des Arbeitsangebotes die so genannte Stille Reserve: Deren Mitglieder sind weder beschäftigt noch als Arbeitlose registriert. Sie umfasst Personen, - die vorübergehend (z.b. wegen schlechter Arbeitsplatzaussichten und fehlenden Anspruchs auf ALG oder ALG II) ihr Arbeitsangebot zurückgenommen haben, bei günstigeren Beschäftigungschancen auf den Arbeitsmarkt zurückkehren würden, - die im Bildungssystem auf bessere Beschäftigungschancen warten (z.b. Hinauszögerung des Schulabschlusses, bis sich Arbeitsmarktlage verbessert hat) oder sich in Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung befinden, - die wegen schlechter Arbeitsmarktlage vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erfasst unter dem Begriff der verdeckten Arbeitslosigkeit ebenfalls Personen, die nicht arbeitslos registriert sind. Dazu zählt er auch Kurzarbeiter und Beschäftigte in ABM, die vom IAB nicht der Stillen Reserve zugerechnet werden. Bei welcher Arbeitslosenquote ist ein hoher Beschäftigungsstand gegeben? - Natürliche Arbeitslosigkeit! [Auszüge aus aktuellem Monatsbericht der BA] 20

21 Unterschiede zwischen Arbeitslosen nach SGB III und Erwerbslosen nach ILO-Konzept: Erhebungsmethode Beschäftigungslosigkeit Aktive Suche, wenn Erwerbslose nach ILO-Konzept Telefonische Stichprobenerhebung keine Beschäftigung von mindestens einer Wochenstunde Beschäftigung von mindestens 1 Wochenstunde gesucht wird Arbeitslose nach SGB III Meldung bei Arbeitsagentur, Arbeitsgemeinschaft oder Optionskommune keine Beschäftigung von mindestens 15 Wochenstunden Beschäftigung von mindestens 15 Wochenstunden gesucht wird Erhoben wird neben den Arbeitslosenquoten aus den Geschäftsdaten der Arbeitsagenturen, Arbeitsgemeinschaften und Optionskommunen gemäß SGB II eine international vergleichbare Erwerbslosenquote auf Basis der ILO-Erwerbsstatistik, und zwar durch das Statistische Bundesamt. 21

22 Produktionspotential = Produktionsleistung, welche eine Nationalökonomie mit gegebenem Bestand an Produktionsfaktoren erbringen kann Das Produktionspotential ist eine andere Größe, mit der der Beschäftigungsstand gemessen werden und an der das Ziel hoher Beschäftigungsstand quantifiziert werden kann. Komponenten des Produktionspotentials sind a) das Arbeitspotential = Erwerbspersonen durchschnittlicher Arbeitszeit je Erwerbstätigen, b) das produktiv nutzbare Sachanlagevermögen ( Kapitalstock ). Ziel ist nicht die maximale Auslastung, sondern die so genannte Normalauslastung des Produktionspotentials bzw. enger gefasst des Kapitalstocks (die Normalauslastung liegt bei nicht ganz 100 % des Kapitalstocks). 22

23 Ziel 4 des Magischen Vierecks : Außenwirtschaftliches Gleichgewicht Literatur: Jörn Altmann: Wirtschaftspolitik, Stuttgart 2000 (7., erw. u. völlig überarb. Aufl.), S

24 Zahlungsbilanz Devisenzufluss Leistungsbilanz Devisenabfluss Güterexport Einkommenstransfers ins Inland Übertragungen des Auslands Güterimport Einkommenstransfers ins Ausland Übertragungen des Inlands Kapital- und Devisenbilanz Kapitalimport Kapitalexport In der Zahlungsbilanz werden alle wirtschaftlichen Transaktionen zwischen Personen und Organisationen mit Sitz im Inland und solchen mit Sitz im Ausland erfasst. Auf der linken Seite der Zahlungsbilanz werden alle Zuflüsse, auf der rechten Seite alle Abflüsse von ausländischen Zahlungsmitteln verbucht. Die Leistungsbilanz setzt sich zusammen aus der a) Handelsbilanz: Sie erfasst Im- und Exporte von Sachgütern ( Waren ); b) Dienstleistungsbilanz: Sie erfasst Im- und Exporte von Dienstleistungen (Urlaubsreisen, Patente, Lizenzen, Montagen); c) Bilanz der Transfers von Faktoreinkommen (Einkommen aus unselbständiger Arbeit, Kapitaleinkommen) aus dem Ausland ins Inland und aus dem Inland ins Ausland; d) Bilanz der laufenden Übertragungen (ohne Gegenleistung erbrachte Transfers): Diese umfasst Übertragungen der BRD an internationale Organisationen (EU, IWF, UNO), öffentliche Entwicklungshilfen, Überweisungen von Gastarbeitern in deren Heimat. a) und b) bilden zusammen den so genannten Außenbeitrag zum BIP. Er spiegelt den Saldo aus (monetär bewerteten) Ex- und Importen realer Güter wider. a), b) und c) den so genannten Außenbeitrag zum BNE. Abgesehen worden ist in der Abbildung von einseitigen Vermögensübertragungen (z.b. Erbschaften, Schenkungen, Schuldenerlassen) aus dem Ausland ins Inland bzw. umgekehrt. Die Bilanz der Vermögensübertragungen kann als Teil der Leistungsbilanz interpretiert werden. Die Kapitalbilanz saldiert v.a. so genannte Direktinvestitionen (Unternehmensbeteiligungen), Portfolioinvestitionen (Wertpapierkäufe) und Kreditvergaben von Inländern (Privatpersonen, Unternehmen, Staat ohne Zentralbank) ins Ausland mit solchen von Ausländern ins Inland, jeweils mit Ausnahme der Transaktionen der Zentralbanken. Entsprechende Transaktionen der inländischen Zentralbank mit dem Ausland sowie Veränderungen der Devisenreserven der Zentralbank werden in der Devisenbilanz ( Kapitalbilanz der Zentralbank ) erfasst. Ist der Außenbeitrag zum BIP positiv (Export > Import), muss der Exportüberschuss finanziert werden durch den Abfluss von Finanzierungsmitteln ins Ausland, und zwar in Form von Faktoreinkommen, die aus dem Inland ins Ausland fließen, durch einseitige Einkommens- oder Vermögenstransfers oder durch Kapitalexport ( Kredite ) von Seiten inländischer Akteur an das Ausland (bzw. umgekehrt). Kapitalimporte bedeuten die Zunahme von Verbindlichkeiten, Kapitalexporte die Zunahme von Forderungen von Inländern gegenüber Ausländern. Ist die Leistungsbilanz positiv, muss der Überschuss durch Kapitalexport finanziert werden (bzw. umgekehrt). Das heißt, das Ausland muss im Inland netto Kredite aufnehmen, um den (nicht durch Einkommenstransfers und Übertragungen gedeckten) Überschuss seiner Güterkäufe im Inland über seine Verkäufe dort finanzieren zu können. Der Saldo der Zahlungsbilanz ist zwangsläufig und definitionsgemäß immer ausgeglichen! (Saldo der Leistungsbilanz Saldo der Kapital- und Devisenbilanz = 0) Buchungstechnisch wird der Ausgleich der Zahlungsbilanz durch die doppelte Buchung jedes Vorgangs bewerkstelligt. Das heißt, jede Transaktion wird mit dem selben Betrag auf der linken und auf der rechten Seite der Bilanz verbucht. Z.B. wird der Verkauf von Waren im Wert von 500 Mio. aus dem Inland ans Ausland in der Handelsbilanz auf der linken Seite als Warenexport und in gleicher Höhe auf der rechten Seite der Kapitalbilanz als kurzfristige Kreditvergabe ans Ausland (Kapitalexport) verbucht. 24

25 Mögliche Definitionen außenwirtschaftlichen Gleichgewichtes : = Saldo der Leistungsbilanz = 0 Saldo der Kapitalbilanz + Saldo der Devisenbilanz = 0 = Saldo der Leistungsbilanz + Saldo der langfristigen Kapitalbilanz = 0 Saldo der kurzfristigen Kapitalbilanz + Saldo der Devisenbilanz = 0 = Saldo der Leistungsbilanz + Saldo der Kapitalbilanz = 0 Saldo der Devisenbilanz = 0 Da die Zahlungsbilanz definitionsgemäß immer ausgeglichen ist, d.h. der Saldo der Zahlungsbilanz immer = 0 ist, kann unter einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht nur eine Situation verstanden werden, in der eine bestimmte Teilbilanz oder die Summe einiger bestimmter Teilbilanzen ausgeglichen sind, womit zwangsläufig natürlich auch die Summe der übrigen Teilbilanzen ausgeglichen ist. Das Stabilitätsgesetz ist vor dem Hintergrund eines weltweiten Systems fixer Wechselkurse beschlossen worden. Vor diesem Hintergrund war mit dem Ziel außenwirtschaftlichen Gleichgewichts gemeint, dass der DM-Wechselkurs stabil blieb. Das verlangt, dass der Saldo der Leistungsbilanz und der Saldo der Kapitalbilanz zusammen = 0 waren, da andernfalls Devisenanoder verkäufe zur Verteidigung des Wechselkurses nötig waren, die aber nicht unbegrenzt möglich sind (so sind z.b. die Devisenbestände begrenzt, so dass die Zentralbank nicht beliebig viele Devisen verkaufen kann). Ein wie auch immer definiertes außenwirtschaftliches Gleichgewicht ist kein Selbstzweck, sondern Zwischenziel zur Erreichung anderer Ziele, insbesondere der Ziele hoher Beschäftigungsstand und Preisniveaustabilität. Z.B. kann a) ein Leistungsbilanzdefizit negative Beschäftigungswirkungen (Verlagerung der Inlandsnachfrage auf das Ausland), eine Zunahme der Auslandsverschulung, darüber des inländischen Zinsniveaus mit negativen Rückwirkungen auf die Inlandsinvestitionsnachfrage, bei flexiblen Wechselkursen eine durch Abwertung der inländischen Währung induzierte Inflation auslösen (eine Abwertung verteuert die Importe und erhöht damit cet. par. das inländische Preisniveau; außerdem regt eine Abwertung die Exportnachfrage an, was ebenfalls bei ausgelasteten Kapazitäten zu Inflation führen kann); b) ein Leistungsbilanzüberschuss positive Beschäftigungswirkungen haben, bei fixen Wechselkursen jedoch auch eine Geldmengeninflation (Käufe ausländischer Devisen durch die Zentralbank zur Stützung des Wechselkurses erhöhen die inländische Geldmenge) auslösen; bei flexiblen Wechselkursen wird die einheimische Währung unter Aufwertungsdruck geraten; eine Aufwertung verteuert die Exporte im Ausland, so dass die Exportnachfrage zurückgeht und der Leistungsbilanzüberschuss tendenziell abgebaut wird. 25

26 I Wirtschaftspolitische Ziele: Wohlfahrtsökonomik Wohlfahrtsökonomik Maximierung einer sozialen Wohlfahrtsfunktion der Form W = f(u 1 [x], U 2 [x],.., U m [x]) Max x mit δw/δu i > 0 i = 1, 2,.., m x steht für irgendeine Verteilung irgendeines im Rahmen der gegebenen Ressourcen möglichen (Konsum-) Güterbündels (einschließlich Freizeit) auf die Gesellschaftsmitglieder Zu jedem möglichen x gehört eine bestimmte Kombination individueller Nutzen. Die Menge aller im Rahmen der gegebenen Ressourcen möglichen Nutzenkombinationen heißt Nutzenmöglichkeitenraum. Die Nutzenmöglichkeitengrenze verbindet alle Pareto-effizienten Nutzenkombinationen. Die Funktion f ordnet jeder Nutzenkombination aus dem Nutzenmöglichkeitenraum einen bestimmten Wert W zu. Dass die partielle Ableitung δw/δu i > 0 ist, impliziert, dass jede Zustandsänderung (Reallokation), welche dem Pareto-Kriterium genügt, sich in einem wachsenden Wert von W äußert. Spezialfall: Soziale Wohlfahrtsfunktion vom Bergson-Samuelson-Typ W = f(u 1 [x 1 ], U 2 [x 2 ],.., U m [x m ]) mit x 1 + x x m = x Implizites Werturteil der sozialen Wohlfahrtsfunktion: Maßgeblich für W sind ausschließlich individuelle Nutzen. 26

27 I Wirtschaftspolitische Ziele: Wohlfahrtsökonomik Nutzenmöglichkeitenraum U 2 Nutzenmöglichkeitengrenze U 2 = f(u 1 ) U 1 Welcher Punkt im Nutzenmöglichkeitenraum soll realisiert werden? 27

28 I Wirtschaftspolitische Ziele: Wohlfahrtsökonomik Mögliche Spezifizierungen einer sozialen Wohlfahrtsfunktion Utilitarismus W = U 1 [x] + U 2 [x] U m [x] John Rawls W = Min (U 1 [x], U 2 [x],.., U m [x]) Darstellung der jeweiligen Wohlfahrtsmaxima im Nutzenmöglichkeitenraum. ( Überlegen Sie, welchen Punkt im Nutzenmöglichkeitenraum Utilitaristen, welchen Punkt Verfechter des Rawls- Prinzips wünschen würden. ) Sofern eine (Vermögens-) Umverteilung die Nutzenmöglichkeitengrenze nicht verschiebt, liegen die Optima der Utilitaristen sowie der Rawls-Anhänger auf der ursprünglichen Nutzenmöglichkeitengrenze und sind damit Pareto-effizient. Utilitaristen und Rawls-Anhänger würden auch einer Zustandsänderung zustimmen, welche das Pareto-Kriterium verletzen würde, nicht aber Neoliberale. Diese akzeptieren nur Zustandsänderungen, die durch freiwillige (Tausch-) Akte zustande kommen. Da kein rationales Individuum gegen seine eigenen Interessen entscheidet, genügen freiwillige Tauschakte immer dem Pareto-Kriterium. Probleme: 1) Wer spezifiziert die soziale Wohlfahrtsfunktion? Wer entscheidet, welches Gewicht den Nutzen der verschiedenen Individuen innerhalb der Wohlfahrtsfunktion zukommt? Eine Einigung aller Gesellschaftsmitglieder auf eine bestimmte soziale Wohlfahrtsfunktion ist unwahrscheinlich (Arrow-Paradoxon). 2) Die Ermittlung einer soziale Wohlfahrt ist, unabhängig davon, wie W genau spezifiziert wird, an bestimmte, schwer realisierbare Voraussetzungen gebunden: a) Die Individuen müssen ihren Nutzen aus einer bestimmten Allokation kardinal angeben, d.h. an einer Intervall- oder sogar Verhältnisskala messen können. (Kardinales Nutzenkonzept; Vilfredo Pareto: Individuen könnten ihren Nutzen nur an einer Ordinalskala messen. Das reiche jedoch aus, damit sie ihre jeweiligen Konsumoptima finden könnten.) b) Darüber hinaus muss es möglich sein, die Nutzen intersubjektiv nachprüfbar an einem einheitlichen kardinalen Maßstab messen und damit interpersonell vergleichen zu können. (Interpersonelle Nutzenvergleichbarkeit) Das setzt ein kardinales Nutzenkonzept voraus. 28

29 I Wirtschaftspolitische Ziele: Wohlfahrtsökonomik Maxima verschiedener sozialer Wohlfahrtsfunktionen U 2 W maxr W maxu U 1 Das Maximum der Rawls-Wohlfahrtsfunktion wird, wenn von Leistungsanreizen der Verteilung abgesehen wird, realisiert, wenn alle Individuen größtmögliche gleiche Wohlfahrt genießen. In der Grafik wird diese Allokation durch den Schnittpunkt der Winkelhalbierenden mit der Nutzenmöglichkeitengrenze angezeigt. Das Maximum der utilitaristischen Wohlfahrtsfunktion liegt dort, wo der Anstieg der Nutzenmöglichkeitengrenze gleich -1 ist. Von dort aus kann die Wohlfahrt einer der beiden Personen nur erhöht werden um den Preis eines größeren Wohlfahrtsverlustes für die jeweils andere Person: Wenn man von W maxu aus eine bestimmte Strecke horizontal nach rechts (oder vertikal nach oben) geht und dann vertikal (bzw. horizontal) ein Lot auf die Nutzenmöglichkeitengrenze wirft, wird das Lot länger sein als jene Strecke. Das heißt aber, dass U 1 (U 2 ) weniger stark zunimmt, als U 2 (U 1 ) kleiner wird. Das bedeutet schließlich, dass die Summe beider Nutzen bei einer beliebigen Bewegung auf der Nutzenmöglichkeitengrenze von W maxu aus in die eine oder andere Richtung auf jeden Fall abnimmt. Analytische Herleitung: U 2 = f(u 1 ) Max W = U 1 + U 2 = U 1 + f(u 1 ) δw/δu 1 = 1 δu 2 /δu 1 = 0 δu 2 /δu 1 = -1 Z.B.: U 2 = 10 U 2 1 Max W = U 1 + U 2 = U U 2 1 δw/δu 1 = 1 2U 1 = 0 U 1 = ½ U 2 = 39/4 > U 1 δu 2 /δu 1 = -2U 1 = -1 für U 1 * Unterschiedlich hohe individuelle Nutzen der Individuen im Maximum der utilitaristischen Wohlfahrtsfunktion treten auf, wenn die individuellen (Grenz-) Nutzenfunktionen unterschiedlich sind. 29

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