Von der Siguranta zur Securitate und von der Securitate zum S. R. I.

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1 William Totok Von der Siguranta zur Securitate und von der Securitate zum S. R. I. Der bürgerliche rumänische Geheimdienst, Siguranta, hatte sich während der Zwischenkriegszeit als ein williges Werkzeug der jeweiligen politischen Regime erwiesen. Er diente in der kurzen Zeitspanne der parlamentarischen Demokratie - bis fast ausschließlich dazu, Andersdenkende, das heißt in erster Linie Kommunisten und später auch Anhänger der faschistischen Legionäre unschädlich zu machen. Dabei bediente sich die Siguranta nicht immer legaler Methoden. Diejenigen, die in ihre Fänge gerieten, wurden keineswegs mit Handschuhen angefaßt. Während der Königs- und Antonescu-Diktatur agierte die Siguranta offen als eine politische Geheimpolizei, auf deren Konto Folterungen, Bespitzelungen, ja sogar Morde gehen. Eine historische Untersuchung über die Praktiken, Methoden und den tatsächlichen Aufgaben-bereich der Siguranta steht ebenso aus wie über die kom-munistische Nachfolgeorganisation Securitate, die 1948 gegründet wurde. Während des kurzen pseudodemokra-tischen Intermezzos von 1944 bis 1947, also in der Zeit nach dem Sturz Antonescus bis zur Abdankung des Königs, gab es vereinzelte Prozesse gegen ehemalige Siguranta-Offiziere. 1 Der weitgehend intakt gebliebene Apparat geriet jedoch zunehmend unter die Kontrolle sowjetischer NKWD-Offiziere, die ihrerseits rumänische kommunistische Führungsfunktionäre, die mit der Roten Armee aus dem Exil aus der UdSSR zurückgekommen waren, in den Geheimdienst einschleusten. Dort besetzten sie nach und nach sämtliche Schlüsselpositionen. Einer davon war der spätere hohe Securitate-Offizier, der berüchtigte Nicolski 2, auf dessen Konto unzählige Verbrechen gehen und der unter anderem auch für das unmenschliche Experiment im Gefängnis von Pitesti ( ) verantwortlich ist. Die Umwandlung des alten Gendarmerie- und Polizeiapparates in die sogenannte Miliz erfolgte ebenfalls unter Aufsicht sowjetischer Berater, die nach Rumänien abkommandiert worden waren, um das Land in kürzester Zeit in eine Volksdemokratie zu verwandeln. Nach dem Sturz der prosowjetischen Gruppe Ana Pauker, Teohari Georgescu und Vasile Luca ernannte Parteichef Gheorghiu-Dej Alexandru Draghici zum neuen Innenminister. Draghici sollte das gegen den Hauptrivalen des Parteichefs, dem ehemaligen Justizminister Lucretiu Patrascanu laufende, jedoch stagnierende Strafverfahren ankurbeln und durch einen Schauprozeß abschließen. Der Tod Stalins, im März 1953, änderte nichts am Vorhaben Gheorghiu-Dejs. Patrascanu wurde schließlich zum Tode verurteilt und 1954 hingerichtet. Inwiefern die Beziehungen zum KGB nach dem Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen 1958 aufrechterhalten wurden, ist schwer zu sagen. Die Zusammenarbeit zwischen den anderen osteuropäischen Geheimdiensten funktionierte allerdings bis 1989 ebenso wie mit dem KGB, wobei anzunehmen ist, daß die Beziehungen wegen des von Bukarest eingeschlagenen eigenständigen nationalen Kurses wahrscheinlich abkühlten. Nach 1968 verschlechterten sich diese Beziehungen sowieso. Die Memoiren des prominenten Securitateüberläufers Ion Mihai Pacepa sind in diesem Zusammenhang nicht ernst zu nehmen. Viele von ihm in Umlauf gesetzte Behauptungen entsprechen nicht der Wahrheit und scheinen aus einem schlechten Krimi entlehnt worden zu sein. 3 In den nun zugänglichen Stasi-Archiven wurden bislang keine einschlägigen Dokumente entdeckt, die eine Zusammenarbeit der Securitate mit dem Staatssicherheitsdienst der DDR nach 1968 belegen würden. Ein einziger spektakulärer Fall aus den 50er Jahren ist bekannt, bei dem die Stasi einen rumänischen Exilanten, der 1955 in den Terroranschlag auf die rumänische Botschaft in Bern verwickelt war, in Berlin verhaftete und an Bukarest auslieferte. Gelegentlich einer Ausstellung für Angehörige der Stasi wurde 1958 bislang noch nicht entdecktes Bildmaterial gezeigt, zu dem folgender Text fabriziert worden war: Überschrift: Emigrantenorganisationen. Vorgang Beldeanu. Überschrift: Der Mörder von Bern... in der DDR ohne Chance. Gesamttext: Am wurde im demokratischen Sektor von Groß-Berlin der Terrorist Oliviu Beldeanu von Angehörigen der Sicherheitsorgane der DDR nach Brechung bewaffneten Widerstandes festgenommen. Beldeanu war im Auftrag einer faschistischen Emigrantenorganisationen, die ihren Hauptsitz in New York hat, nach Berlin gekommen, um die Chancen für konterrevolutionäre Provokationen nach dem Muster des 1 Virgil Ierunca berichtet in seinem Buch Fenomenul Pitesti ( Das Pitesti-Phänomen ), Bukarest 1990, über einen gewissen Oberst Sepeanu, einen Stellvertreter des gefürchteten Securitatechefs Nicolski, der während des Rußlandfeldzuges eigenhändig Kommunisten erschossen haben soll. Kurz nach seiner Verurteilung wurde er allerdings rehabilitiert und zeigte sich deswegen den neuen Behörden gegenüber besonders erkenntlich (S. 20). 2 Alexandru Serghievici Nicolski (alias Stefanescu; alias Boris Grumberg), geboren am oder am in Tiraspol, gestorben einige Tage, bevor er sich am bei der Staatsanwaltschaft hätte präsentieren müssen, die ein Strafverfahren gegen ihn eröffnen wollte. Er wurde 1941 als sowjetischer Spion verhaftet und dafür, am , zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt. Am wurde er aus der Haft entlassen. Im April 1945 wurde er zum Stellvertretenden Direktor in der Generaldirektion der Polizei ernannt; später leitete er die Detektei (corpul detictivilor), um dann Generalinspekteur der Polizeidirektion zu werden. Am Stellvertretender Generaldirektor in der Generaldirektion der Volkssicherheit (Securitatea Statului), ab 1953 Generalleutnant und Generalsekretär im Innenministerium absolvierte er die Wirtschaftsakademie. - Die Daten stammen aus einem Artikel ( A murit o fiara ) von Constantin Ticu Dumitrescu, dem Vorsitzenden der Vereinigung ehemaliger politischer Häftlinge (seit 1992 Senator im rumänischen Parlament): Rezistenta, Marturii si atitudini anticomuniste, Nr. 5/1992, (Bukarest), S. 5. Weniger aufschlußreich ist der Artikel von Nicolae Grebenea Nicolsi, in: Din documentele rezistentei, Nr. 5/1992, S Vergleiche: Ion Mihai Pacepa: Orizonturi rosii ( Rote Horizonte ), New York Berner Mordüberfalls auf die rumänische Gesandtschaft vom Februar 1955 zu erkunden. Die faschistische Emigrantenorganisation 'Freies Rumänien' in deren Diensten Beldeanu stand, wird vom US-Geheimdienst angeleitet; ihre Verbrechen gegen die sozialistischen Staaten werden aus dem 100-Millionen-Dollar-Fonds der amerikanischen Regierung finanziert. 43

2 Es folgen weitere Bildbeschriftungen, aus denen ersichtlich wird, wie und unter welchen Umständen Beldeanu verhaftet wurde: 14. Februar 1955 in Bern... ; / Die Bande, die den Überfall auf die rumänische Gesandtschaft verübte (1. v. r. Beldeanu) ; / So hausten sie in Bern ; / Ihr Opfer: Aurel Setu ; / 26. August 1958 in München... ; / Bedeanu (2. v. rechts) im Kreise faschistischer Emigranten in München vor seiner Abreise nach Berlin ; / 31. August in Berlin... ; / Beldeanu widersetzt sich einer Personenkontrolle mit Waffengewalt ; / Hier, in Berlin-Mitte, Leipziger-, Ecke Wilhelmstraße wurde der Terrorist Beldeanu festgenommen. 4 Als im Herbst 1989 zahlreiche Stasiakten nach Bukarest gebracht worden sein sollen, dementierte das Neue Deutschland jegliche Beziehungen zum Geheimdienst des Bruderlandes: Weder das ehemalige Ministerium für Staatssicherheit noch das aufgelöste Amt für Nationale Sicherheit haben, so das ostdeutsche Parteiblatt, jemals Beziehungen zum rumänischen Geheimdienst unterhalten. 5 Ceausescu versuchte nach 1965 mit allen Mitteln, seine eigene Macht zu stabilisieren. Die Abrechnung mit seinem Vorgänger lief darauf hinaus, jegliche Opposition innerhalb des Politbüros zu neutralisieren. Alexandru Draghici beispielsweise blieb an der Spitze des Innenministeriums bis 1968, als ihn Ceausescu aus diesem Amt mit der Begründung entfernte, er habe sich schwerwiegender Mißbräuche und Verletzungen der Parteidemokratie schuldig gemacht und seine Hände mit dem Blut Pa-trascanus und anderer Partei- und Staatsfunktionäre be-sudelt 6. Ceausescu erließ damals die Verfügung, die früheren hohen Parteifunktionäre Foris, Patrascanu, Luca u.a. zu rehabilitieren. Obwohl er Alexandru Draghici als Organisator und Vollstrecker dieser verbrecherischen Aktionen und Gheorghiu Dej, der diese Aktionen angeregt und patroniert hat 7, offiziell der erwähnten Verbrechen beschuldigte, und sogar eine Untersuchung der Tätigkeit jener Genossen, die beim Sicherheitsdienst gearbeitet haben, anordnete, erhielt beispielsweise Nicolski noch 1971 eine hohe Verdienstmedaille, Draghici hingegen durfte ungeschoren seine Pension verzehren. Mit großem propagandistischen Aufwand versprach Ceausescu damals: Es ist wahr, Genossen, daß dies einer vergangenen Zeit angehört; aber es ist notwendig, darüber jetzt zu sprechen, weil es schwere Schäden hervorgerufen hat und weil wir gewährleisten müssen, daß sich dergleichen nie mehr wiederholen kann. 9 Tatsächlich wurden in den nächsten Monaten auch zahlreiche andere frühere politische Häftlinge rehabilitiert. Was sich vor den Augen der Öffentlichkeit 1968 abspielte, verwandelte Ceausescu schlagartig in einen Hoffnungsträger der sozialistischen Demokratie. Der geniale politische Taschenspielertrick, der darin gipfelte, keine rumänischen Truppen in die reformistische Tschechoslowakei zu entsenden, verschaffte ihm auch im Ausland die Aura eines vom Moskauer Kurs unabhängigen Ostblockpotentaten. Seine Unberechenbarkeit, die systematischen Menschenrechtsverletzungen, seine demographische Wahnsinnspolitik und später seine paranoide Systematisierungskampagne wurden in ihrer ganzen Tragweite erst Ende der 80er Jahre im Westen registriert. Die vorsichtige Liberalisierung, die Ceausescus Vorgänger durch die spektakuläre Unabhängigkeitserklärung und die Freilassung der politischen Gefangenen 1964 einleitete, setzte er eigentlich fort. Der blutige Terror des vorangehenden Regimes wurde nun zunehmend durch einen selektiven, eher psychologischen Terror ersetzt. Bei diesem raffiniert ausgeklügelten Szenario mischte selbstverständlich der Sicherheitsdienst Securitate mit, der nun in die Hände national gesinnter jüngerer Kader überging. Die kollektive Erinnerung an die brutale Repression aus der Gheorghiu-Dej-Zeit wirkte sich prophylaktisch in breiten Kreisen der Bevölkerung aus. Gerade deshalb gab es während der Ceausescu-Diktatur kaum politische Häftlinge, und wenn tatsächlich Leute wegen irgendwelcher politischer Delikte verurteilt wurden, zum Beispiel wegen sogenannter antisozialistischer Propaganda 10, dann handelte es sich zumeist um pure Abschreckungs- und Einschüchterungsverfahren. Ähnlich wie in der restaurativen Breshnew-Ära wurden potentielle Systemgegner eher zur Auswanderung gezwungen. Der Fall des bekanntesten rumänischen Dissidenten Paul Goma 11 ist in diesem Zusammenhang bezeichnend. Seit 1977 lebt er in Paris und weigert sich auch nach der Wende, in seine Heimat zurückzukehren. Über die Ceausescu-Zeit und die subtilen sowie brutalen Methoden des Sicherheitsdienstes wurde viel geschrieben. Eine wissenschaftliche Untersuchung steht nach wie vor aus. Der Sturz des Regimes im Dezember 1989 veränderte nicht nur die politische Landschaft Rumäniens, sondern auch den ehemaligen Geheimdienst Securitate, von dem es in zahlreichen mystifizierenden Berichten 12 heißt, er habe eigentlich die Wende ausgelöst. Beim Prozeß und bei der überstürzten Hinrichtung des Diktatorenehepaares am 25. Dezember 1989 war auch ein Unbekannter dabei, dessen Namen kaum jemand in Rumänien kannte. Es handelt sich um Virgil Magureanu, Lehrer an der Bukarester Parteiakademie Stefan Gheorghiu und Angehöriger der Securitate. Eine der ersten Maßnahmen der Übergangsregierung war die offizielle Auflösung der verhaßten Securitate, deren Chef, General Iulian Vlad, verhaftet wurde. Die Archive des Geheimdienstes wurden der Armee übergeben, um sie, so die 4 Einzelblatt Privatarchiv. Über die Berner Affäre gibt es einen Bericht von Magda Neuweiler: Zwischen Galgen und Kreuz. Das Leben des rumänischen Freiheitskämpfers Oliviu Beldeanu, Verlag SOI, Bern Neues Deutschland vom Nicolae Ceausescu: Rede auf der Versammlung des Parteiaktivs des Munizipiums Bukarest, 26. April 1968 ; in: Derselbe: Rumänien auf dem Weg der Vollendung des sozialistischen Aufbaus. Bericht, Reden, Artikel, Januar März 1969, Bukarest 1968, S. 200 f. 7 Ebenda, S Ebenda, S Ebenda, S Laut 166 StGB. 11 Vergleiche: Paul Goma: Culorile curcubeului 77", Bucuresti Siehe unter anderem: Antonia Rados: Die Verschwörung der Securitate. Rumäniens verratene Revolution, Hamburg 1990; Hans Vastag, György Mandics, Manfred Engelmann: Temeswar. Symbol der Freiheit, München 1992; Roland Vasilievici: Piramida umbrelor, Timisoara 1991; Filip Teodorescu: Und risc asumat. Timisoara decembrie 1989, Bucuresti 1992; Radu Portocala: Autopsie du Coup d état Roumain. Au pays du mensonge triomphant, Calmann-Lévy

3 Virgil Magureanu 13 Vergleiche: William Totok: Fassadensäuberung á la Iliescu. Der alte Geheimdienst Securitate funktioniert wieder im posttotalitären Rumänien ; in: die andere, Nr. 14/1991, S Er gehörte vor allem wegen seiner aufsehenerregenden Enthüllungsartikel zu den gefürchteten Journalisten der Nachwendezeit; es scheint, daß er bei der Enttarnung des Bukarester römisch-katholischen Vikars Blasutti, der als Einflußagent in der Vergangenheit bestimmte heikle, den Vatikan betreffende Aufträge auszuführen hatte, mitbeteiligt war. Die Ergebnisse der Recherchen im Fall Blasutti veröffentlichte allerdings Petro Mihai Bacanu in România lebera vom Gekürzter Wortlaut veröffentlicht in: Osteuropa-Forum-aktuell, Nr. 27 / Mai 1990, S BBC-Meldung vom halboffizielle Begründung, vor Unbefugten in Sicherheit zu bringen. Verschiedene Bürgerrechtsbewegungen, darunter eine Temeswarer Gruppe zur Auflösung der Stasi, gebildet nach DDR-Vorbild, versuchte vergeblich, im März 1990 an die gut versteckten Archive heranzukommen. In dem damals herrschenden Wirrwarr machte sich kaum jemand Gedanken darüber, daß die eifrigsten Gegner der aufgelösten Securitate früher nie durch eine besondere regimekritische Haltung aufgefallen waren. Im Gegenteil. Der lautstarke Sprecher der Temeswarer Gruppe forderte mit der Begründung, den sozialen Frieden nicht gefährden zu wollen, die vollständige Vernichtung der Spitzelberichte. Nach den blutigen ungarisch-rumänischen Ausschreitungen im März 1990 in Târgu Mures, gab die Regierung die Gründung des neuen Geheimdienstes unter dem Namen Rumänischer Nachrichtendienst (S. R. I.) 13 bekannt. Zum Chef dieses zu 60 Prozent aus alten Securitate-Offizieren bestehenden Geheimdienstes wurde Virgil Magureanu ernannt. Als Gegenreaktion gründete ein insbesondere durch seine journalistische Aggressivität 14 aufgefallener Redakteur der oppositionellen Zeitung România libera (Freies Rumänien), Sorin Rosca-Stanescu, die Antisecuritateorganisation Patriot. Diese Organisation forderte in erster Linie eine juristische Abrechnung mit den Würdenträgern des alten Regimes, ähnlich wie sie im vielleicht wichtigsten nachrevolutionären Dokument, der sogenannten Temeswarer Proklamation 15 (vom ) verlangt wurde. Im nachhinein stellte sich heraus, daß der Gründer und Vorsitzende der Organisation Patriot, Rosca-Stanescu, seit Jahren als IM der Securitate tätig war. Seither ist es still geworden um diese Gruppe. Stenescu wurde als Redakteur der România libera entlassen und erhielt 1992 eine Anstellung bei der auflagenstarken Boulevardzeitung Evenimentul zilei. Zusammen mit ihm wurde ein weiterer IM aus der Redaktion entfernt. Brisante Akten aus dem unzugänglichen Securitatearchiv tauchten in der Folgezeit immer wieder auf und wurden sowohl in der regierungsfreundlichen als auch in der Oppositionspresse veröffentlicht. So oft der altneue Geheimdienst ein Interesse daran hatte, die eine oder andere Person unschädlich zu machen, tauchten derartige kompromittierende Dokumente auf, die den verschiedenen Redaktionen zugespielt wurden. Einzig und allein zwei hohe Vertreter der neuen Macht hatten im Dezember 1989 ihre Securitatedossiers in Sicherheit gebracht: Silviu Brucan, die graue Eminenz der damaligen Regierung, und Vizepremier Gelu Voican Voiculescu. Bislang hat keine einzige offizielle Persönlichkeit - weder aus der Regierung, noch aus dem Parlament und schon längt nicht aus dem Bereich der Kultur oder der Presse - über frühere Kontakte zur Securitate berichtet. Einzig und allein der derzeitige Parlamentsabgeordnete Alexandru Paleologu, bis 1990 Übergangsbotschafter in Paris, gab selbstkritisch derartige Kontakte, zu denen er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in den 60er Jahren gezwungen worden war, zu versuchte der Abgeordnete der Regierungspartei, Claudiu Iordache, ein Revolutionär der ersten Stunde aus Temeswar, dem Parlament einen Antrag vorzulegen, wonach jeder Parlamentarier auf eventuelle Kontakte mit der Securitate überprüft werden sollte. Sein Antrag verschwand spurlos. Seit 1992 amtiert ein neugewähltes Parlament. Iordache selbst hatte, nach schweren Auseinandersetzungen mit seinen Parteikollegen, die inzwischen in zwei Gruppierungen aufgesplitterte Organisation verlassen und auf eine weitere Kandidatur verzichtet. Kürzlich griff der Vorsitzende der Vereinigung ehemaliger politischer Häftlinge aus Rumänien, der als Abgeordneter des Oppositionsblocks, dem Demokratischen Konvent, im Parlament sitzt, den Vorschlag Iordaches auf und versuchte erneut, eine Durchleuchtung der Parlamentarier sowie der Beamten aus dem öffentlichen Dienst durchzusetzen. Er forderte ferner eine Veröffentlichung der Namen aller Securitateinformanten. 16 Ein derartiges Unterfangen ist bei der jetzigen Rechtslage eigentlich aussichtslos, nachdem das Parlament ein Gesetz verabschiedet hatte, wonach die Securitatearchive in den nächsten 40 Jahren geschlossen bleiben. Der Sprecher 45

4 Ion Iliescu des Rumänischen Nachrichtendienstes, Nicole Ulieru, vor der Wende Mitarbeiter eines als inoffizielles Sprachrohr der Securitate bekannten Wochenblatts, das seit 1990 als Zentralorgan der extrem-nationalistischen großrumänischen Partei 17 erscheint, erklärte in einem Interview, er sei kategorisch gegen eine Veröffentlichung der IM-Listen. Ein Nachrichtendienst ohne Informationen, sagte er, ist wie ein Mensch ohne seine rechte Hand. Informanten gibt es seit Menschengedenken. Eine Veröffentlichung dieser Listen würde sich negativ auf unsere jetzigen Informanten ausüben, aber auch auf die früheren Informanten. Gleichzeitig meinte jedoch derselbe Pressesprecher, daß Einzelpersonen den Zugang zu den eigenen Akten ermöglicht werden sollte. Dies würde bloß durch die jetzige Gesetzeslage verhindert, fügte er abschließend hinzu. 18 Trotz derartiger scheinheiliger Stellungnahmen seitens des neuen Geheimdienstes hat sich in der Nachwende-zeit in diesem Bereich keinerlei Transparenz bemerkbar gemacht. Im Gegenteil. Die unter dem Trauma der Securitatevergangenheit leidende rumänische Öffentlichkeit wurde im Sommer 1991 mit der Tatsache konfrontiert, daß Angehörige des Nachrichten dienstes tonnenweise alte Akten zu vernichten versuchten. Damals entdeckte die Presse die verkohlten und durchnäßten Reste hochbrisanter Dossiers 19, die danach wochenlang in den Zeitungen veröffentlicht wurden und für Diskussionsstoff gesorgt hatten. Konsequenzen daraus hat niemand gezogen. Der für den Nachrichtendienst zuständige parlamentarische Kontrollausschuß konnte bislang noch nicht einmal Magureanu zu einem klaren Bericht über Geheimdienstaktivitäten bewegen. Sein Bericht und die folgende Anhörung im Parlament waren alles andere als aufschlußreich, stellenweise sogar lächerlich. Unter anderem erklärte er, es gebe in Rumänien weitere sechs 20 unabhängig voneinander funktionierende Geheimdienste, die der Rumänische Nachrichtendienst nicht kontrollieren könne und schon längst nicht der parlamentarische Kontrollausschuß. Anläßlich einer Anhörung im Parlament wich Magureanu jedoch allen Fragen der Kommission geschickt aus. Seit nunmehr vier Jahren tappt die rumänische Öffentlichkeit im Ungewissen, wenn es um die Aufklärung der Revolutionswirren geht, als sogenannte Terroristen das Feuer eröffnet haben, um die Aufklärung des Bergarbeitereinsatzes im Juni 1990, der Ereignisse im September 1991, als das Roman-Kabinett zum Rücktritt gezwungen wurde, um die oben erwähnte Aktenvernichtungsaktion 1991 und so weiter und so fort. 21 Der von verschiedenen Bürgerrechtsbewegungen geforderte Prozeß des Kommunismus stockt. Die Würdenträger des alten Regimes blieben bis jetzt ebenso ungeschoren wie die Verbrecher der alten Securitate, die im Laufe der Jahrzehnte unzählige Menschen ermordet hatten. (Abgesehen von den nach dem Sturz Ceaussescus organisierten Schauprozessen 22 gegen einige Mitglieder des ehemaligen Politischen Exekutivkomitees und gegen einige hohe Securitateoffiziere, hat es bisher kein einziges Verfahren gegen weitere Schuldige gegeben.) Auf Druck der erwähnten Bürgerrechtsbewegungen und der Vereinigung ehemaliger politischer Häftlinge leitete die Staatsanwaltschaft schließlich ein Ermittlungsverfahren gegen Nicolski und den früheren Innenminister Alexandru Draghici ein. Nicolski starb, noch bevor er sich bei der Staatsanwaltschaft melden konnte, Draghici setzte sich nach Ungarn ab, wo er ungestört lebt, da die ungarischen Behörden seine Auslieferung an Rumänien verweigern. 23 Ein wichtiger postrevolutionärer Prozeß fand trotz dieser Hürden statt, und zwar gegen die Schuldigen für ein blutiges Massaker Damals versuchten einige junge Leute, einen Bus zu entführen und die Reisenden als Geiseln in ihre Gewalt zu bringen und dadurch ihre Ausreise zu erzwingen. Die meisten Busreisenden wurden bei der Erstürmung durch Securitateleute niedergemetzelt. 24 Die Verantwortlichen - darunter der ehemalige Ceausescu- Innenminister George Homosteanu und der damalige Securitatechef von Temeswar, Mortoi - wurden für diese 17 Saptamîna ( Die Woche ); erscheint seit 1990 unter dem Namen România Mare ( Groß-Rumänien ) und wird vom Chef der großrumänischen Partei, Corneliu Vadim Tudor, herausgegeben. 18 România libera, , S Vergleiche unter anderem: Boris Kalnoky: Rumäniens Watergate begann im Wald von Berevoiesti ; in: Die Welt, , S Den Nachrichtendienst (1) des Innenministeriums, (2) des Justizministeriums, (3) des Wach- und Protokolldienstes, (4) des (????...), (5) des Verteidigungsministeriums und (6) des Außenministeriums. Vergleiche România libera, , S Mehr dazu in: România libera, , S Vergleiche dazu: Rudolf Herbert: Geschichtsverweigerung oder die Kunst der Verdrängung ; in: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, Heft 2/1992, S , und: Doru Pavel: Procesul CPEx ( Der Prozeß der Mitglieder des Politischen Exekutivkomitees ), Bukarest Vergleiche: S. Alexa: Cazul Draghici: Justitie sau farsa? ( Der Fall Draghici: Justiz oder Farce? ); in: Gazeta de Mures, Nr. 9 (69), , S Unter anderem RFE-Bericht vom

5 beispiellose Aktion im Laufe dieses Jahres zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Angesichts dieser Situation ist es kein Wunder, daß restaurative Organisationen ungehindert in Erscheinung treten. Die Nachricht von der Gründung des Komitees zur Pflege der Erinnerung an Nicolae Ceausescu im März hört sich wie ein schlechter Witz an. In Rumänien sind jedoch Witze immer bittere Realität. Die meisten nach der Revolution verurteilten Securitateleute sind inzwischen wieder frei. Zwei bezeichnende Beispiele seien hier genannt: Der frühere Vizesecuritatechef aus Temeswar, Major Radu Tinu, und Securitatehauptmann Valentin Ciuca, ebenfalls aus Temeswar. Beide waren maßgeblich an den blutigen Auseinandersetzungen während des Temeswarer Aufstandes im Dezember 1989 beteiligt. Heute sind sie erfolgreiche Unternehmer, die in Temeswar die Import-Export-Firma Trival Impex GmbH leiten. 26 Andere, frühere Securitateleute sitzen heute als Abgeordnete im rumänischen Parlament, so beispielsweise der bis 1985 amtierende Securitatechef aus der Stadt Reschitza, Stefan David 27, der in den 50er Jahren eigenhändig Häftlinge gefoltert hatte. Als Kandidat der KP-Nachfolgeorganisation, der sogenannten Sozialistischen Partei der Arbeit, erhielt er einen Sitz als Senator und erfreut sich somit parlamentarischer Immunität. 25 RFE-Meldung, România libera, , S România libera, , S. 3. William Totok, rumäniendeutscher Autor, wurde 1951 im Banat geboren; 1975/76 saß er wegen staatsfeindlicher Hetze im Gefängnis; seit 1987 lebt er in Berlin- West; er veröffentlichte den autobiographischen Essay Die Zwänge der Erinnerung (Hamburg 1988); er brachte mehrere Bücher heraus und ist zur Zeit Mitherausgeber der Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik. Annonce Zu Totalitarismustheorien Totalitarismustheorien, die eine Vergleichbarkeit, ja Gleichartigkeit von faschistischen und kommunistischen Regimen behaupten, sind umstritten und konnten bisher durch die empirische Forschung nicht bestätigt werden. Kommunistische und faschistische Staaten unterscheiden sich einmal im Hinblick auf ihre sozioökonomische Basis: Im Dritten Reich war die Wirtschaft nicht verstaatlicht. Sie unterscheiden sich ferner im Hinblick auf den staatlichen Aufbau und schließlich und vor allem im Hinblick auf die ideologischen Zielsetzungen: Der marxistischen Klassenideologie steht die faschistische Rassenideologie und Rassenvernichtung gegenüber. Damit kann und soll natürlich nicht der stalinistische Terror in irgendeiner Weise relativiert werden. Andererseits finde ich es mehr als fragwürdig, wenn die DDR nach ihrem Untergang mit dem Dritten Reich verglichen und gleichgesetzt wird. Damit wird die DDR dämonisiert und das Dritte Reich verharmlost. (Prof. Dr. Wolfgang Wippermann, Professor für Neue Geschichte an der FU Berlin) In unserem Heft 10 veröffentlichten wir ein Zitat von Hans Schwenke und verbanden das mit der Bitte an unsere Leserinnen und Leser, darüber zu diskutieren. Diesmal drucken wir ein weiteres Zitat zu diesem komplex ab, das eine andere Meinung als die des ersten Zitates zum Ausdruck bringt. Hoffentlich ist das für viele ein zusätzlicher Anlaß, sich an der angestrebten Diskussion in Horch und Guck zu beteiligen. / Das Zitat 47

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