Sam Millar Die kalte Kralle Ein Fall für Karl Kane Deutsche Erstausgabe Deutsch von Joachim Körber

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1 Sam Millar Die kalte Kralle Ein Fall für Karl Kane Deutsche Erstausgabe Deutsch von Joachim Körber 304 Seiten. Klappenbroschur 16,99 [D] / 17,50 [A] ISBN Leseprobe

2 Sam Millar Die kalte Kralle Ein Fall für Karl Kane Deutsch von Joachim Körber Atrium Verlag Zürich

3 Erster Teil Citizen Kane MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen FSC C Deutsche Erstausgabe 1. Auflage by Atrium Verlag AG, Zürich, 2014 Alle Rechte vorbehalten Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel The Dead of Winter bei Brandon, Dingle Sam Millar 2012 Aus dem Englischen von Joachim Körber Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München Umschlagillustration: FinePic, München Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin Druck und Bindung: CPI Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany 2014 ISBN

4 Kapitel Eins The Ice Harvest»Durch diese schäbigen Straßen muss ein Mann gehen, der selbst nicht schäbig ist ein gewöhnlicher und doch ungewöhnlicher Mann. Er redet wie der typische Mann seiner Zeit, geistreich, rüde, mit einem ausgeprägten Sinn für das Groteske, Ekel vor falschem Schein und Abscheu vor dem Banalen.«Raymond Chandler, Die simple Kunst des Mordes Die Dunkelheit wich dem Morgengrauen, als Karl Kane der nur einen zu kleinen rosa Morgenmantel trug die abgeschnittene Hand bemerkte, die neben der Milch und der Morgenzeitung auf der verschneiten Treppenstufe seines Büros / Apartments in der Belfaster Hill Street lag.»scheiße «, murmelte Kane, nachdem er begriffen hatte, was er da sah. Aus dem Rorschachmuster der feuchten Flecken in dem frisch gefallenen Schnee schloss Karl blitzschnell, dass diese Hand sich vor gar nicht allzu langer Zeit noch an dem zugehörigen Körper befunden haben musste. Es sah aus, als wäre sie zu einem makabren Handschlag ausgestreckt. Ein frostiger Wind wehte vom Fluss Lagan herüber und pfiff unter den Morgenmantel und über Karls plötzlich eis- 9

5 kalte Gletscherspalte; er schlotterte. Hastig zog er den Gürtel des Morgenmantels enger, ließ sich auf ein Knie nieder und betrachtete die Hand und alles um sie herum, das noch relevant sein könnte.»was zum Teufel?«Der kleine Finger fehlte, doch im Gegensatz zur sauberen Schnittkante der abgetrennten Hand war er offenbar achtlos abgebissen worden. Plötzlich sah Karl etwas zwischen den beiden Säulen ungeleerter Mülleimer am Rande seines Gesichtsfelds. Eine magere Katze mit deutlich sichtbaren Rippen behielt ihn misstrauisch im Auge, während sie den fehlenden blutigen Finger fest zwischen den zusammengebissenen Zähnen in ihrem schmutzigen Maul hielt. Bei dem Anblick schrumpelte Karls Schwanz zusammen. Er war kein Katzenfreund mehr, seit seine Exfrau Lynne ihm vor vier Jahren eine ins Gesicht geworfen hatte die Narben hatten man noch monatelang gesehen. Die ausgemergelte Kreatur trug nicht dazu bei, seine Vorbehalte auszuräumen.»mistvieh!«, brüllte Karl, stand auf setzte an, nach dem diebischen Tier zu treten, wobei er prompt und unzeremoniell auf dem Allerwertesten landete. Sofort durchbohrten ihn Schmerzen, die sich in Wellen vom Steiß durch die Wirbelsäule fortpflanzten und ihn jeden einzelnen Wirbel spüren ließen.»scheiße oh «Tränen schossen ihm in die Augen, als er das Gewicht zu verlagern versuchte. Zu allem Unglück löste sich auch noch der Gürtel des Morgenmantels, sodass Karl sich unzüchtig entblößte. Zwei Schulmädchen, die vorbeikamen, kicherten und stießen sich mit den Ellbogen an, als sie die blutige Hand erblickten. Sekunden später liefen sie kreischend die Straße hinunter und warfen ihre Schulranzen achtlos in die Luft.»Ich hatte heute Morgen im Urin, dass es wieder so ein Scheißtag werden würde «, murmelte Karl, der rasch die Fassung wiedererlangte und dann linkisch in das warme Haus stolperte, um die Polizei zu rufen

6 Wie ein wilder Stier Kapitel Zwei»Meine Augen haben gesehen, was meine Hände getan haben.«robert Lowell, Dolphin»Haben Sie eine Ahnung, warum Ihnen jemand eine abgeschnittene Hand vor die Tür legt, Mister Kane?«, fragte Detective Malcolm Chambers drei Stunden später, als er in Karls Wohnzimmer stand. Der junge Polizist hielt ein aufgeschlagenes Notizbuch in der Hand. Unmittelbar hinter Chambers summte ein Radio. Ein Song aus den Siebzigern, der Erinnerungen an Motown heraufbeschwor.»mich beschäftigt mehr die Frage, welches Arschloch die Presse informiert hat«, sagte Karl, der unbehaglich auf dem Sofa herumrutschte, da sein Steiß vor Schmerzen pochte. Chambers hatte er noch keinen Platz angeboten.»die lungern schon fast den ganzen Vormittag vor meiner Tür rum, brüllen zum Fenster herauf oder durch den Briefschlitz und verscheuchen meine Klienten.Wir waren das ganz sicher nicht. Die Medien machen unsere Arbeit nie leichter.außer, wenn sie was für euch durchsickern lassen sollen.die Hand«, sagte Chambers.»Können Sie sich vorstellen, weshalb sie jemand vor Ihre Tür gelegt hat?das ist nicht nur meine Tür. Ich teile sie mir mit rund zwanzig weiteren Unternehmen und den betrunkenen Idioten, die nachts auf die Treppe pissen.wir können auf den Sarkasmus und die Flüche verzichten, Mister Kane.Ich denke, wir sind uns beide darin einig, dass der Besitzer dieser Hand von dem Serienkiller zerstückelt wurde, der gerade Belfast unsicher macht.«chambers erstarrte.»die Polizei glaubt nicht, dass es einen Serienkiller gibt.vielleicht sollten Sie noch mal nachdenken. Zwei abgehackte rechte Hände, und Sie glauben nicht an einen Serienkiller?Die erste Hand die vor drei Wochen auf dem Hafengelände gefunden wurde gehörte Kevin Johnson, einem stadtbekannten Wucherer. Den Rest seines Leichnams fand man kurz darauf. Für die Tat haben wir schon jemanden angeklagt.charley Montgomery? Das ist ein schlechter Witz. Jeder weiß, dass Charley in seinem ganzen Leben nie ein Messer benutzt hat. Sein Modus Operandi ist ein komplettes Magazin in den Rücken und ich spreche nicht von einer Zeitschrift.Wir haben erdrückende Beweise gegen Mister Montgomery. Zwei Augenzeugen haben ihn am Tatort gesehen und Blödsinn. Heben Sie sich den Mist für die Kameras draußen auf.«chambers Gesicht lief rot an.»bitte mäßigen Sie Ihre Ausdrucksweise, Mister Kane. Ich mache nur meine Arbeit als «12 13

7 »Sagen Sie mir verdammt noch mal nicht, dass ich meine Ausdrucksweise mäßigen soll!«karl wurde gereizt. Sein Steißbein brachte ihn um, und die Hämorrhoiden brannten auch wieder.»wie lange machen Sie schon nur Ihren Job als Detective, Detective Chambers?Ich Ja?Sechs Monate Sechs Monate. Sechs Scheißmonate!«Karl schüttelte den Kopf.»Da trage ich meine Unterwäsche ja schon länger.sie müssen sich wirklich auf die Fragen konzentrieren, Mister Kane, anstatt Wir haben uns das letzte Mal vor fünf Monaten auf der Beerdigung von Ivana gesehen. Richtig?Ivana?«Chambers sah einen Moment verwirrt drein.»oh, Frank Gilmore, der Transvestit, den Robert Hannah ermordet hat?ivana war kein Transvestit. Er war transsexuell. Kriegen Sie nicht mal das richtig hin, Detective?«Karl wurde allmählich richtig wütend.»warum haben Sie den Polizeifotografen da ein Foto von mir machen lassen?ich habe mich nur an die Vorgehensweise und meine Befehle gehalten. So viele Fotos wie möglich von allen auf dem Friedhof machen, falls der Mörder zur Beerdigung kommt. Es heißt doch, ein Hund kehrt stets Zu seiner eigenen Kotze zurück. Ja, das habe ich schon gehört, als Sie noch in die Windeln gekackt haben.«jetzt kam Karl so richtig in Fahrt.»War ich ein Verdächtiger?Sie? Nein nicht dass ich wüsste.vielleicht Naomi?Naomi?Verschonen Sie mich mit diesem gespielt fragenden Blick. Ich hatte genügend Zeit, um über diesen Tag auf dem Friedhof nachzudenken. Vielleicht haben Sie sich ja gar nicht für meine runzlige alte Visage interessiert, sondern für Naomis hübsches Gesicht?Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«chambers Gesicht lief von Sekunde zu Sekunde dunkelroter an.»haben Sie Naomis Foto in Ihren Spind geklebt, wie ein pickeliger Halbwüchsiger? Hm?Ich habe nur meine Arbeit gemacht Sagen Sie Ihrem Boss meinem Exschwager Wilson, wie Sie sicher wissen, er soll das nächste Mal jemanden mit mehr Erfahrung schicken, wenn er «Die Tür wurde aufgestoßen.»kaffee, Detective?«, fragte eine junge Frau, die mit einem Tablett voll dampfender Kaffeetassen und Keksen das Zimmer betrat. Sie war äußerst attraktiv und schlank, dunkelhäutig, mit großen Mandelaugen und störrischen schwarzen Haaren, die in alle Richtungen abstanden.»ich ja vielen Dank «, murmelte Chambers.»Seit wann haben wir hier ein verfluchtes Café, Naomi?«, fragte Karl verbiestert und sah dabei seine Halbtagssekretärin und Ganztagslebensgefährtin an.»beachten Sie ihn gar nicht, Detective«, sagte Naomi und stellte das Tablett auf den Tisch. Ihre Stimme hatte den reizenden Singsangtonfall des Südens; sie brachte ein wenig Ruhe in den Raum, wenn auch nur kurzfristig.»morgens ist er immer so grantig. Er hat seine Frühstücksflocken noch nicht bekommen, der Ärmste.Wie sich gerade herausstellt, hat dieser Chorknabe hier dein Foto auf Ivanas Beerdigung gemacht, Naomi.«Karl schenkte Chambers ein diabolisches Grinsen

8 »Das habe ich nicht gesagt, Mister Kane. Sie trommeln mir da etwas zu sehr Ringo Starr trommelt. Ich nicht.oh, daher kenne ich Sie, Detective?«Naomi lächelte.»ivanas Beerdigung.Ich habe kein Foto von Ihnen gemacht. Es war von jedem Ich hoffe, Sie haben meine Schokoladenseite erwischt? Ich bin sehr eitel, wenn es um mein Gesicht geht, müssen Sie wissen.«naomi zwinkerte, bevor sie zur Tür ging.»lassen Sie sich den Kaffee schmecken.«chambers wartete, bis Naomi das Zimmer verlassen hatte, dann wandte er sich wieder an Karl.»Hören Sie, Mister Kane, ich mache die Vorschriften nicht. Ich befolge sie nur und hoffe, dass ich böse Menschen der Gerechtigkeit übergeben kann.kommen Sie mir nicht mit frommen Sprüchen. Sie hören sich wie einer dieser Schleimbeutel oben in Stormont an. Und davon brauchen wir gewiss keine mehr. Noch einen schlangenzüngigen und überbezahlten Politiker.Ich nehme an, für Sie bin ich ein naiver Grünschnabel?«Chambers Gesicht sah gequält aus.»tut mir leid, dass Sie so denken, aber ich habe vor, meine Pflicht zu tun. Wenn das altmodisch ist, kann ich damit leben.«einen Augenblick schien Karl bestürzt über Chambers unverblümte Offenheit zu sein.»sie klingen mehr wie ein Idealist als ein verdammter Grünschnabel an. Sie wissen hoffentlich, dass Idealismus in Ihrem Beruf gefährlich ist?«karl rutschte auf dem Sofa herum.»hören Sie, wir haben uns ganz offenkundig auf dem falschen Fuß erwischt. Setzen Sie sich und trinken Sie Ihren Kaffee.Danke«, sagte Chambers, sichtlich erleichtert, dass er sich setzen durfte. Er klappte das Notizbuch zu. Trank von dem Kaffee.»Der schmeckt ausgezeichnet.bei dem Preis, den ich dafür bezahlt habe, will ich das auch verdammt noch mal hoffen.«karl trank ebenfalls und sah Chambers über den Rand der Tasse hinweg an.»kann ich meine Frage wiederholen?«, fragte Chambers.»Welche? Ich habe ein schreckliches Gedächtnis.Können Sie sich erklären, weshalb Ihnen jemand eine Hand vor die Tür legt?hören Sie, zugegeben, manchmal lasse ich mich mit den fragwürdigsten Typen ein. Ich bezweifle aber, dass mir einer von denen eine Hand auf die Türschwelle legen würde. Außerdem wurde die Hand in den Mülleimer geworfen.aber man fand sie auf dem Boden, nicht im Mülleimer.«Karl trank wieder von dem Kaffee. Er schien seine Antwort abzuwägen.»die Katze hat sie herausgeholt und vermutlich fallen lassen, weil sie ihr zu schwer wurde. Sie landete nur zufällig in der Nähe meiner Tür und Katze?«Chambers verkniff das Gesicht. Hastig stellte er die Tasse auf den kleinen Beistelltisch. Schlug das Notizbuch wieder auf.»was für eine Katze?«Jetzt sah Karl etwas nervös drein.»die Katze, die den Finger abgenagt hat. Das Scheißvieh ist damit abgehauen, die Straße runter. Ich wollte sie verfolgen, war aber praktisch nackt.das hätten Sie gleich erwähnen sollen«, sagte Chambers verschnupft und kritzelte hastig etwas in das Notizbuch.»Es war nicht klug, mir diese Information zu verschweigen.«karls Gesicht lief rot an.»wenn ich mich recht erinne

9 re, haben Sie die Hand untersucht, als Sie am Tatort eingetroffen sind. Aber Sie haben sich nicht die Mühe gemacht und nach dem fehlenden Finger gefragt. Das war nicht klug. Liegt an den sechs Monaten Erfahrung.«Mehr als eine Stunde später verließ ein frustriert dreinblickender Chambers endlich das Haus.»Du hättest ein wenig freundlicher zu dem jungen Detective sein können, Karl«, schimpfte Naomi, als sie das Zimmer betrat.»der war ja völlig fertig mit den Nerven.Wenn ich noch freundlicher gewesen wäre, hätten wir ein Kondom gebraucht. Außerdem macht ihn das nur härter«, sagte Karl.»Was? Was ist denn?nichts Wenn du mit diesem unheilschwangeren Tonfall und der Miene Nichts sagst, ist immer etwas. Was?Ich mache mir Sorgen. Du glaubst wirklich, dass ein Serienkiller die Hand hiergelassen hat, richtig?na ja, es besteht die leise Möglichkeit.Das macht mir Angst.Es macht dir Angst? Was ist mit mir? Ich hätte mir fast in die Unterhose geschissen wenn ich eine angehabt hätte, und nicht deinen Morgenmantel.Kannst du zur Abwechslung einmal ernst sein und nicht immer so schnippisch?ich bin verflucht ernst. Erkennst du das nicht daran, wie ich «Wir unterbrechen unser Programm, ertönte eine stoische Stimme aus dem Radio, für eine Eilmeldung. Soeben haben wir erfahren, dass ein schockiertes Mitglied der Öffentlichkeit in den frühen Morgenstunden eine abgeschnittene Hand im Stadtzentrum gefunden hat»schockiert? Ich war nicht schockiert«, sagte Karl und heuchelte Schock.»Hoffentlich nennen die Mistkerle nicht meinen Namen, sonst geht meine Detektei den Bach runter. Wer zum Teufel würde einen Privatdetektiv engagieren, den der Anblick von Fleisch und Blut schockiert?du mischst dich da doch nicht ein, oder?«, fragte Naomi mit plötzlich besorgter Miene.»Ich habe gar kein gutes Gefühl bei der Sache.Nenn mir einen guten Grund, weshalb ich mich in eines deiner unguten Gefühle einmischen sollte?«und noch eine Eilmeldung. Ein Geschäftsmann, der ungenannt bleiben möchte, gab zu Protokoll, dass die Morde zukünftigen geschäftlichen Investitionen im Weg stehen könnten»gebt dem Mann eine Zigarre«, sagte Karl sarkastisch.»jetzt brauchen wir nur noch «und lobte eine Belohnung von zwanzigtausend Pfund für alle Informationen aus, die zur Festnahme des oder der Individuen führen, die für die abscheulichen Verbrechen verantwortlich sind»karl? Was ist denn?«, fragte Naomi mit gerunzelter Stirn.»Was? Oh, gar nichts Wenn du mit diesem unheilschwangeren Tonfall und der Miene Nichts sagst, ist immer etwas. Was?Nichts«, wiederholte Karl und dachte: Gerade habe ich zwanzigtausend Gründe bekommen, mich einzumischen 18 19

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