Deutscher Zaubertrank weltweit. Zum 200. Geburtstag von Grimms Märchen. Von Claudia Schmölders

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1 1 Künstlerisches Wort/Literatur SWR2 E s s a y Redaktion: Stephan Krass Regie: Günter Maurer Sendung: , Uhr Deutscher Zaubertrank weltweit. Zum 200. Geburtstag von Grimms Märchen Von Claudia Schmölders Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. by the author Einen Mitschnitt dieser Sendung können Sie unter der Telefonnummer 07221/ bestellen.

2 2 Sneewittchen aber wuchs heran, und als es sieben Jahr alt war, war es so schön, daß es selbst die Königin an Schönheit übertraf, und als diese ihren Spiegel fragte: Spieglein, Spieglein an der Wand: wer ist die schönste Frau in dem ganzen Land? sagte der Spiegel: Frau Königin, Ihr seyd die schönste hier, aber Snewittchen ist noch tausendmal schöner als Ihr! So klingt es im Originalton der Erstausgabe bei den Brüdern Grimm, und mit diesem Motiv muss wohl beginnen, wer ihr Werk feiern will. Denn kein Märchen scheint momentan beliebter als eben die Geschichte vom Schneewittchen, jedenfalls laut Umfrage bei erwachsenen Deutschen. Was vielleicht auch wieder kein Zufall ist, denn Schneewittchen gilt schließlich auch als das meistverfilmte Märchen; und in den USA, wo bisher Aschenputtel und Rotkäppchen regiert haben, stehen dieses Jahr gleich zwei neue Märchenfernsehserien ins Haus, eine sogar mit Julia Roberts als böser Königin. Aber soll man sich wundern? Wenn zwei Drittel aller traditionellen Märchenfiguren und Märchenleser weiblichen Geschlechts sind, muss Schönheitskonkurrenz als Motiv durchschlagen, so traurig das auch für Feministinnen klingt. Wenn dann noch die Technik der Überlieferung so inständig nach Spiegeln greift wie unsere bildbegierige Gegenwart, dann wohl erst recht. Mit einem Schneewittchen gelang Walt Disney 1937 der erste abendfüllende Zeichentrickfilm, und seither hat sich die Disneyfication der Märchenwelt durchgesetzt. Der amerikanische Märchenforscher Jack Zipes sagt sogar: nirgendwo sonst wurden und werden Grimms Märchen so hingebungsvoll gepflegt, variiert, weitererzählt wie in der amerikanischen Kulturindustrie, die - seit es Film und Fernsehen gibt - eben im Kern visuell abläuft. Darüber lässt sich trefflich streiten. Denn im Kern waren die Märchen natürlich Sprachwerke, wurden mündlich überliefert, brauchten nichts weiter als Menschen, die sprechen, hören und behalten können. Ihre Sprachlichkeit hat die Märchen begründet, sie gehören zunächst einmal doch zur literarischen Phantasie. Und kann

3 3 man sich umgekehrt Literatur überhaupt ohne Märchen vorstellen? In Deutschland sicher nicht, wir denken an Dichter von Goethe bis Kafka; und ebenso wenig in anderen Ländern, wir denken an Hans Christian Andersen oder Oscar Wilde. Gibt es aber ein literarisches Werk, das häufiger gedruckt, übersetzt, illustriert und rasanter vermarktet wurde als Grimms Märchen? Eine rhetorische Frage sie ist mit Nein zu beantworten. Seit zweihundert Jahren leben wir hierzulande mit diesem Schatz, von zwei Brüdern in romantischer Absicht gesammelt, nein besser: geschürft in den Bergwerken der Tradition, mit unendlichem Fleiß, Hingabe und Sachverstand. Band 1 der Kinder- und Hausmärchen, kurz KHM genannt, erschien im Dezember 1812, vor bald 200 Jahren. Gewidmet war das Buch einem Johannes Freimund, dem ersten Sohn jener Bettine von Arnim, die gerade ein Jahr zuvor den romantischen Dichter Achim geheiratet hatte, gewidmet war es also einem Kind. Aber ging es wirklich um Kindermärchen? Die Vorgeschichte der Sammlung lässt es nicht unbedingt vermuten. Sie ist viel politischer. Jacob und Wilhelm Grimm werden kurz vor der französischen Revolution, 1785 und 1786, geboren, im hessischen Hanau. Ab 1790 wirkt der Vater als Amtmann in Steinau, sechs Jahre später hinterlässt er eine Witwe mit sechs Kindern - fünf Brüder und eine Schwester. Sozialer Abstieg droht, man muss eine neue Bleibe suchen, es gibt keine Ersparnisse, und keine Seele tritt als Mäzen für die Kinder auf. Nie, von früh auf bis jetzt, ist mir oder meinem Bruder von irgendeiner Regierung Unterstützung oder Auszeichnung zu Teil geworden ( ) schrieb Jacob Jahrzehnte später und fügte hinzu: Diese Unabhängigkeit hat meine Seele gestählt, sie widersteht Anmutungen, welche die Reinheit meines Bewußtseins beflecken wollen.

4 4 Eine Tante in Kassel ließ Jacob und Wilhelm immerhin während der Schulzeit bei sich wohnen. Eisernen Fleiß, Intelligenz und ungeheure Sparsamkeit konnten die zwei in die Waagschale werfen, für täglich sechs Stunden Unterricht, plus vier oder fünf Privatstunden in Latein und Französisch beim Pagenhofmeister Dietmar Stöhr. Durch ihre Leistungen ausgezeichnet, durften sie anschließend in Marburg das Studium der Rechte aufnehmen wird Jacob Privatbibliothekar des Rechtshistorikers Karl von Savigny in Kassel und bleibt dort, nach kurzer Unterbrechung in Paris, die kommenden 25 Jahre, immer zusammen mit seinem Bruder - vielleicht seine interessanteste Zeit, in der alle weiteren Pläne gefasst werden: nicht nur zum Märchenbuch, sondern auch zum berühmten Deutschen Wörterbuch und den Forschungen zu Germanischen Altertümern, Sagen und Mythen. Nach dem Aufstieg Napoleons und nach dem Tod der Mutter, wird Jacob Bibliothekar beim französischen König Jerôme, zwar als Autodidakt, aber mit Hoffnungen auf Beförderung; nach dem Ende der französischen Besatzung wird er Stadtbibliothekar und kann sich fortan seinen Lieblingen widmen: altdeutschen Sprachdenkmälern und der Sprachgeschichte überhaupt versagt man ihm die Stelle des Leiters, aber Göttingen bietet Aussicht auf eine Professur, die er zusammen mit seinem Bruder Wilhelm auch annimmt. Doch mit dem berühmten Protest der Göttinger Sieben von 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung im Königreich Hannover verlieren die Brüder ihre Stellen. Wie ein ruhig wandelnder Mann in ein Handgemenge gerät, aus dem ein Ruf erschallt, dem er auf der Stelle gehorchen muss, sehe ich mich in eine öffentliche Angelegenheit verflochten, der ich keinen Fußbreit ausweichen darf, nicht erst lange umblicken, was Hunderttausende tun oder nicht tun, die gleich mir zu ihrer Aufrechterhaltung verbunden sind... erinnerte Jacob seine und seines Bruders damals keineswegs märchenhafte Gesinnung. Beide werden des Landes verwiesen. Drei Jahre später folgen sie einem

5 5 Ruf Friedrich Wilhelms IV. nach Berlin, wo sie bis zu ihrem Tode bleiben, vor allem beschäftigt mit dem Wörterbuch. Dessen erster Band erschien 1854, der letzte mehr als hundert Jahre später, Inzwischen ist das Unternehmen ein großes Digital-Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Wilhelm starb 1859, Jacob folgte ihm Beide wurden auf dem Alten St. Matthäus Kirchhof in Berlin Schöneberg bestattet, einem Ehrengrab der Stadt. Der kleine hagere Jacob mit dem scharf gezeichneten Gesicht und den blauen Augen und Wilhelm, der kränkliche, träumerische Bruder - wie kamen die beiden überhaupt auf die Idee, eine Märchensammlung anzulegen? Bekanntlich stellte ein anderes Männerpaar, die beiden Romantiker Achim von Arnim und Clemens Brentano im Jahr 1805 den ersten Band einer Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn vor. Gleichzeitig riefen sie öffentlich dazu auf, weitere Sagen, Sprüche, Geschichten und Prophezeiungen einzusenden, sogenannte volksläufige Prosa. Brentano bat damals auch Schwager Karl von Savigny um Hilfe; Savigny wiederum empfahl Jacob und Wilhelm. Dass die Brüder von Anfang an beides vorantrieben: schöne Texte sammelten wie auch die sprachgeschichtliche Kenntnis vermehrten - und beides mit außerordentlichem Fleiß und Spürsinn - hat die Nachwelt schon immer erstaunt und begeistert. Mit ihrer Ehrfurcht vor dem Literaturgut der Vorfahren gehörten sie tief in die sogenannte Heidelberger Romantik und deren Inspiration durch Johann Gottfried Herder, der schon Ende der siebziger Jahre Volkslieder vorgelegt und einen weltweiten, längst nicht nur deutschen literarischen Volksgeist beschworen hatte. Zwischen 1807 und 1812 also haben die Brüder den ersten Band ihrer Kinder- und Hausmärchen zusammengestellt, teils aus schriftlicher, teils aus mündlicher Überlieferung, der sie einen geradezu kultischen Vorrang einräumten.

6 6 Betrachten wir aber ( ) das Wesen der Poesie, welche Fülle von Sprachlebendigkeit hat sich zwischen der Ursprache ( ) und den heutigen Mundarten bewegt, welch ein Wachsthum des epischen Lebens liegt zwischen der göttlichen Idee und folgenden Zeiten, worin sie sich tausendmal wiedergeboren an menschliche Geschichten anknüpft! Die Poesie, das Epos ist nun gerade diese nährende Mitte, diese irdische Glückseligkeit, worin wir weben und athmen, dieses Brod des Lebens schrieb Jacob feierlich in seinen Betrachtungen über die Mythologie. Es war dann aber Achim von Arnim, der schließlich auf eine Publikation drängte. Heiligabend 1812 also lag Band 1 des Wunderwerks mit insgesamt 54 Stücken, samt wissenschaftlichen Anmerkungen, auf dem Weihnachtstisch der Arnims im brandenburgischen Schloss Wiepersdorf. Bekanntlich hat sich das Buch, vom Verleger Reimer in rund 900 Exemplaren gedruckt, nicht gut verkauft. Es gab Kritik wegen der allzu akademischen Anmerkungen. Es gab aber auch Kritik überhaupt an der Andacht, mit der hier angeblich Kindergeschichten präsentiert wurden. August Wilhelm Schlegel etwa, Bruder des Romantikers Friedrich und seinerseits Sprachwissenschaftler in Bonn, war nicht sehr begeistert: Was nun die Ammenmärchen betrifft, so wollen wir sie keineswegs geringschätzen: nur glauben wir, daß das Vortreffliche in dieser Gattung eben so selten ist, als in allen übrigen. Jede gute Wärterin soll ihr Kind unterhalten oder wenigstens beruhigen und einschläfern; leistet sie dies durch ihre Geschichtchen > Es war einmal ein König< u.s.w., so ist weiter keine Forderung an sie zu machen. Wenn man aber die ganze Rumpelkammer wohlmeinender Albernheit ausräumt und für jeden Trödel im Namen der > uralten Sage< Ehrerbietung begehrt, so wird in der Tat gescheiten Leuten allzuviel zugemutet. Tatsächlich haben sich die Brüder eine eigentümlich wertschöpfende, eben romantische Ideologie für ihr Tun zurechtgelegt, die auf den ersten Blick weder nur etwas mit Kindern, noch nur mit Sprachwissenschaft, wohl aber viel mit frommen Idealen

7 7 zu tun hat. Oder mit einem verlegerischen Programm? Schon der öffentliche Aufruf von 1811 ist jedenfalls charakteristisch eingefärbt: Wir gehen aus, alle mündliche Sage des gesamten deutschen Vaterlandes zu sammeln und wünschen nur, in dem nachstehenden die Allgemeinheit und Ausgedehntheit des Sinns, worin wir die Sache nehmen, nicht verfehlt zu haben.( ) Ist nicht die Volkspoesie der Lebenssaft, der sich aus allen Taten herausgezogen und für sich bestanden hat? Und es so tun müsste, weil anders keine Geschichte zum Volk gelangen und keine andere von ihm gebraucht werden könnte? Und diese Volksgeschichte ist wahrhaftig Bienenlauterkeit, keine Spinne hat dazu gesogen und keine Wespe papiern daran gearbeitet; ihr Geist aber von jeher ist allzu flüssig, rührig und bewegig gewesen, als daß er sich von Namen oder Zeiten hätte binden lassen, darum ist er doch unerlogen geblieben, ja äußerlich fast niemals gefälscht worden, obwohl er sich unaufhörlich von innerhalb neu gestaltet und wiedergeboren hat. Wenn wir also hiermit ganz besonders die Märchen der Ammen und Kinder, die Abendgespräche und Spinnstubengeschichten gemeint haben, so wissen wir zweierlei recht wohl, daß es verachtete Namen und bisher unbeachtete Sachen sind, die noch in jedem einfach gebliebenen Menschengemüt von Jugend bis zum Tod gehaftet haben. Hier sieht man den Wertehimmel der Brüder Grimm in voller Pracht. Er musste das Herz des einfachen Menschen ergreifen, respektive das bürgerliche Publikum: so einfach und unverlogen und rein stellt man sich seine Volksseele vor, so lange vernachlässigt und verachtet, aber nun doch zu leuchtender Sinnhaftigkeit erhoben. Auch wenn der Aufruf nicht sonderlich bekannt wurde, seine Tochterversion, die Vorrede zur gedruckten Ausgabe, wurde es sehr wohl. Hier hieß es viel prägnanter und deutlich auf die Politik der Franzosenkriege bezogen: Wir finden es wohl, wenn Sturm oder anderes Unglück, vom Himmel geschickt, eine ganze Saat zu Boden geschlagen, daß noch bei niedrigen Hecken oder Sträuchern, die am Wege stehen, ein kleiner Platz sich gesichert und einzelne Ähren aufrecht

8 8 geblieben sind. Scheint dann die Sonne wieder günstig, so wachsen sie einsam und unbeachtet fort, keine frühe Sichel schneidet sie für die großen Vorratskammern, aber im Spätsommer, wenn sie reif und voll geworden, kommen arme, fromme Hände, die sie suchen; und Ähre an Ähre gelegt, sorgfältig gebunden und höher geachtet als ganze Garben, werden sie heimgetragen und Winterlang sind sie Nahrung, vielleicht auch der einzige Samen für die Zukunft. ( ) Nahrung war hier das gar nicht heimliche Stichwort, schließlich musste den Brüdern wie auch dem Verleger sehr viel am guten Verkauf des Buches liegen; auch vier Geschwister wollten ernährt sein. Nahrung sollten die Märchen auch in geistiger, wenn nicht geistlicher Hinsicht bieten. Wenn es auch eher weniger Sache Jacobs war: Das Kindliche und das Volkstümliche gingen in dieser Vorrede eine innige Verbindung ein, wohl in Erinnerung an pietistische Gotteskindschaft: Innerlich geht durch diese Dichtungen dieselbe Reinheit, um derentwillen uns Kinder so wunderbar und selig erscheinen; sie haben gleichsam dieselben bläulich-weißen, makellosen, glänzenden Augen (in die sich die kleinen Kinder selbst so gern greifen) die nicht mehr wachsen können, während die andern Glieder noch zart, schwach und zum Dienst der Erde ungeschickt sind. Was aber heißt hier nun Reinheit? Ist es eine historische Kategorie oder eine narrative oder eine nationale? Zu den aufreizend paradoxen Grundsätzen der Grimmschen Märchenarchitektur gehören die Widersprüche zwischen der Art der Sammlung, dem Inhalt der Texte und der Redaktion der Druckausgaben. All dies ist wissenschaftlich längst beschrieben und gedeutet worden, aber es frappiert eben immer noch. Eine Geschichte wie die folgende steht in der ersten Ausgabe von 1812 Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben - und wird also vom Glauben an kindliche Reinheit gedeckt: In einer Stadt Franecker genannt, gelegen in Westfriesland, da ist es geschehen, daß junge Kinder, fünf- und sechsjährige, Mägdelein und Knaben mit einander

9 9 spielten. Und sie ordneten ein Büblein an, das solle der Metzger sein, ein anderes Büblein, das solle Koch sein, und ein drittes Büblein, das solle eine Sau sein. Ein Mägdlein, ordneten sie, solle Köchin sein, wieder ein anderes, das solle Unterköchin sein; und die Unterköchin solle in einem Geschirrlein das Blut von der Sau empfangen, daß man Würste könne machen. Der Metzger geriet nun verabredetermaßen an das Büblein, das die Sau sollte sein, riß es nieder und schnitt ihm mit einem Messerlein die Gurgel auf, und die Unterköchin empfing das Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Ratsherr, der von ungefähr vorübergeht, sieht dies Elend: er nimmt von Stund an den Metzger mit sich und führt ihn in des Obersten Haus, welcher sogleich den ganzen Rat versammeln ließ. Sie saßen all über diesen Handel und wußten nicht, wie sie ihm tun sollten, denn sie sahen wohl, daß es kindlicher Weise geschehen war. Einer unter ihnen, ein alter weißer Mann, gab den Rat, der oberste Richter solle einen schönen roten Apfel in eine Hand nehmen, in die andere einen rheinischen Gulden, solle das Kind zu sich rufen und beide Hände gleich gegen dasselbe ausstrecken: nehme es den Apfel, so soll es ledig erkannt werden, nehme es aber den Gulden, so solle man es töten. Dem wird gefolgt, das Kind aber ergreift den Apfel lachend, wird also aller Strafe ledig erkannt. Reinheit und Unschuld: gesucht ist die sichere Grenze zwischen Gut und Böse. Die Geschichte mit ihrem eigenartig narrativen Gleichmut ist bekanntlich kein Einzelfall. Vielmehr herrscht Grausamkeit in fast jedem Kinder- und Hausmärchen, trotz des betulichen Titels; und meist ist diese Grausamkeit gerade nicht unschuldig kindlichen Ursprungs, sondern die Tat böser Geschöpfe, gegen die sich das Kind wehren muss, man denke nur an die böse Mutter von Schneewittchen. Ist nun das grausame Element schädlich für kindliche Seelen? Angeblich haben nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Amerikaner kurzzeitig alle Exemplare der Grimmschen Märchen aus deutschen Bibliotheken, soweit erreichbar, entfernt, denn man schrieb die Gräueltaten der Deutschen nicht zuletzt der Erziehung durch Märchen zu. Stattdessen nahmen sie die Bücher offenbar in die USA, und hier studierte sie Jahre später der bekannte Psychoanalytiker und jüdische Emigrant Bruno Bettelheim. Mit dem Ergebnis eines Weltbestsellers namens Vom

10 10 Nutzen der Verzauberung oder zu Deutsch Kinder brauchen Märchen. Die Geschichte vom Schlachtenspielen mussten die Brüder Grimm in der zweiten Auflage streichen; der Widerstand war damals zu groß. Auch andere Grausamkeiten ursprünglicher Fassungen hat Wilhelm, der ruhige Redakteur, mit der Zeit getilgt. Für manchen Geschmack redigierte er zu lieblich, zu viktorianisch, aber offenbar in Übereinstimmung mit dem Zeitgeschmack. Der Absatz stieg jedenfalls. Bevor redigiert werden konnte, musste man aber erst einmal Texte finden und aufschreiben, brauchte also mündliche Erzähler, die dem gesuchten deutschen Ur- Ton nahestanden und mindestens hessische Häuslichkeit anmuten ließen. Vor allem drei Familien lieferten den Brüdern das Gesuchte: die Familien Hassenpflug und Wild aus Kassel, bald auch ehelich mit den Grimms verbunden, sowie Mitglieder der adligen Familie Haxthausen. Weitere Zuträger kamen hinzu, darunter die berühmte Dorothea Viehmann, die Wilhelm ganz entzückt beschrieb: Einer jener guten Zufälle aber war die Bekanntschaft mit einer Bäuerin aus dem nah bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn, durch welche wir einen ansehnlichen Teil der hier mitgeteilten, darum echt hessischen Märchen ( ) erhalten haben. Diese Frau, noch rüstig und nicht viel über fünfzig Jahre alt, heißt Viehmännin, hat ein festes und angenehmes Gesicht, blickt hell und scharf aus den Augen, und ist wahrscheinlich in ihrer Jugend schön gewesen. Sie bewahrt diese alten Sagen fest im Gedächtnis ( ) dabei erzählt sie bedächtig, sicher und ungemein lebendig mit eigenem Wohlgefallen daran, erst ganz frei, dann, wenn man will, noch einmal langsam, so daß man ihr mit einiger Übung nachschreiben kann. Nein, sagt die Forschung, hier stimmt einiges nicht, hier wurde der Andacht zu Ehren der Mündlichkeit zu viel geopfert. Dorothea Viehmann war weder echt hessisch noch eine Bäuerin, vielmehr war sie die Frau eines Schneiders, mit hugenottischem Hintergrund und vom französischen Pfarrer in Kassel zu den Brüdern geschickt worden. Also ein Fall von Propaganda? Heute weiß man, dass die meisten Grimmschen Geschichtenzuträger gebildete Frauen mit Kenntnis französischer

11 11 Märchen waren, und dass dergestalt Stücke der bekannten und gedruckten Sammlung Geschichten meiner Mutter Gans von Charles Perrault aus dem Jahre 1697 in die Kinder- und Hausmärchen Eingang fand: Der gestiefelte Kater zum Beispiel, Dornröschen, Rotkäppchen, Aschenputtel und andere. Auch sonst haben ausländische literarische Quellen Pate gestanden - Italien, Spanien und natürlich die Antike. Heinz Rölleke, Germanist aus Wuppertal, hat diese unerhörte Vorgeschichte seit den siebziger Jahren enthüllt, unter großem Protest der Märchengemeinde; ihm verdanken wir seither sämtliche definitiven Ausgaben zu den Kinder- und Hausmärchen. Die Grimmbrüder selber wussten natürlich, woher ihre Stoffe eigentlich kamen; sie hatten ihre Recherche schon immer international angelegt. Jenseits ihrer und des Verlegers - Liebe zur kindlich reinen hessischen Überlieferung, in der sie selber aufgewachsen waren, endeten sie daher die Vorrede ganz realistisch: So erscheint uns das Wesen dieser Dichtungen: in ihrer äußeren Natur gleichen sie aller volks- und sagenmäßigen: nirgends feststehend, in jeder Gegend, fast in jedem Munde, sich umwandelnd, bewahren sie treu denselben Grund ( ) Weil diese Poesie dem ersten und einfachsten Leben so nah liegt, so sehen wir darin den Grund ihrer allgemeinen Verbreitung, denn es gibt wohl kein Volk, welches sie ganz entbehrt. Selbst die Neger im westlichen Afrika vergnügen ihre Kinder mit Erzählungen, und von den Griechen sagt es Strabo ausdrücklich. Nehmen wir für diese Verbreitung nur ein kleines Dialektbeispiel, eines aus der Geschichte vom Rumpelstilzchen, weit verbreitet und alt, wie man an der Namensgebung erkennt. Forscher haben die unterschiedlichen Verse der unterschiedlichen Erzähler zusammengestellt: Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!

12 12 steht in der bekannten Grimmfassung. Anderswo heißt es: Dat is gaut, dat de gnädige Frau nich weit, dat ik Zirkzirk heit. Dat öss man got, dat min Mutterke nich weet, dat ök Trampeltienke hett. Güngele spinn, Haspele wind! Ist guet, dass mein Braut nit weiß, dass i Klein Waldhügele heiß! Wenn das die Frau Königin wüsst, dass ich Friemel Frumpenstiel heiß, ich ihr das Kind lassen müsst. Nimmy nimmy not, my name s Tom Tit Tot. Zirkzirk, Trampeltienke, Waldhügele, Friemel Frumpenstiel, Tom Tit Tot auch wenn es sich hier nur um Namen handelt, allein diese Varianz verrät den Zaubertrick aller Märchen: dass zwar zuweilen der Name alles ist, wie gerade in diesem Märchen, dass aber alles auch anders heißen kann als man weiß und anders laufen kann als man denkt. So auch die Bewegung der glückverheißenden Phantasie: als utopische Übersteigung des Gewohnten, Ausbrechen aus der Norm, und umso willkommener, je schrecklicher das Gewohnte. Die Brüder hatten dafür ein schlagendes Beispiel. Von allen Märchen, die man ihnen zutrug, war es die merkwürdige Geschichte Vom Fischer un syner Fru, die der Maler Runge ihnen vermittelte, und die sie schließlich zum Stilvorbild aller Märchen erhoben; schließlich hatten sie als Kinder selber leidenschaftlich gern und gut gezeichnet. In ihren Anmerkungen zitierten sie nun natürlich die hessische Variante: In Hessen wird es auch häufig, aber unvollständiger und mit Abweichungen erzählt. Es heißt vom Männchen Dominé (sonst auch von Hans Dudeldee) und Frauchen

13 13 Dinderlinde (wohl von Dinderl, Dirne). Dominé klagt über sein Unglück und geht hinaus an den See, da streckt ein Fischchen den Kopf hervor und spricht: was fehlt dir, Männchen Domine? - ach daß ich im Pispott wohn, tut mir so weh. so wünsch dir was zu haben - ich wills nur meiner Frau erst sagen. Er geht heim zu seiner Frau und fragt was er wünschen solle. Wünsch uns ein besseres Haus, sagt Dinderlinde. Am See ruft er Fischchen, Fischchen, an der See! - Was willst du, Männchen Dominé? Nun gehen die Wünsche an, erst Haus, dann Garten, dann Ochsen und Kühe, dann Länder und Reiche und so fort alle Schätze der Welt. Wie sie sich ausgewünscht haben, sagt das Männchen nun möcht ich der liebe Gott sein und mein Frauchen Mutter Gottes. Da streckt das Fischchen den Kopf heraus und ruft willst du sein der liebe Gott, - so geh wieder in deinen Pispott! Tiefschürfende Forscher haben in dieser Geschichte einen wahren Springbrunnen an Bedeutsamkeit ausgemacht, das Motiv des Sündenfalls, den Mythos der Semele, literarische Parallelen vom Xenodoxus über die Päpstin Johanna bei Achim von Arnim bis hin zu Günter Grass Roman Der Butt. Schon 1841 gab es daneben auch eine Märchenparodie auf Aufstieg und Fall Napoleons, 1945 auf Hitler und immer so fort. Dabei führt der Auftritt des lieben Gottes in diesem Märchen doch auch zu einem ganz anderen Gedankengang. Der Christengott erhöht ja nicht den, der es fordert, sondern nur den, der es nicht verdient zu haben scheint. Und er erhöht auch niemanden innerweltlich, sondern nur im Versprechen der Auferstehung. Mag auch der christliche Glaube uns allen Erlösung versprechen: es ist eben keine Erlösung der innerweltlichen Art wie im Märchen. Der größte deutsche Propagandist dieser phantastischen Art hieß nicht zufällig Ernst Bloch, Verfasser eines philosophischen und ebenfalls nicht-christlichen Werkes namens Das Prinzip Hoffnung. Märchen als Spielform der Utopie nehmen hier keine Nebenrolle ein: Die märchenhafte Welt, besonders als magische, ist selbstverständlich nicht mehr von heute: wieso kann sie dann, auf einem längst verschwundenen Hintergrund, unsere Wunschbilder spiegeln? Oder besser gesagt: wie kann das Märchen sie anders spiegeln als auf völlig abgelaufene Weise? Es gibt nicht einmal mehr richtige Könige, erst recht scheint die atavistische, zugleich feudal-transzendente Welt

14 14 versunken, aus der das Märchen stammt und mit der es verbunden scheint. Dennoch ist der Märchenspiegel nicht trüb geworden und die Art Wunscherfüllung, die aus ihm herausblickte, nicht ganz heimatlos. ( ) Nicht nur bleibt das Bedürfnis, das zum Märchen treibt, so frisch wie die Sehnsucht oder die Liebe, sondern hier wirken Dämonisch-Böses, woran das Märchen reich ist, immer noch als gegenwärtig, das Glück im Es war einmal, woran das Märchen reicher ist, immer noch als zukünftig. So bekannt Grimms Märchen heute sind - die Verkaufsgeschichte der ersten Auflage wie überhaupt des ganzen Unternehmens muten rückblickend abenteuerlich an. Der zweite Band von 1815 musste später großenteils eingestampft werden. Auch die nächste Auflage von 1819 wollte sich nicht wirklich verbreiten - dabei konnte jede Auflage mit neuen Geschichten werben: Von den anfänglich 54 Stücken wuchs die Sammlung schließlich bis zur Auflage letzter Hand auf mehr als 200, also fast viermal so viel. Und dennoch konnte man nicht wirklich von einem Erfolg sprechen. Sollte man mehr auf die kindertümliche Linie einschwenken? Dazu angeregt hat die Brüder tatsächlich erst die illustrierte englische Ausgabe von Edgar Taylor von Hier wurden die Märchen eher witzig und harmlos präsentiert, zumal mit den ansprechenden Illustrationen des bekannten und beliebten Karikaturisten George Cruikshank. Die sogenannte Kleine Ausgabe mit den 50 schönsten Märchen von 1825, von Wilhelm nach englischem Vorbild redigiert, erzielte endlich den ersehnten Erfolg; sie wurde bis zu seinem Tod zehnmal aufgelegt und das Gerücht verbreitete sich, die Deutschen läsen Grimms Märchen gleich nach der Bibel. Da mit der Zahl der Geschichten auch der Umfang der Anmerkungen wuchs, wurden diese schließlich in einem gesonderten Band ausgeliefert und damit war ein erstaunlicher Doppelweg in die Nachwelt vorgezeichnet. Grimms Märchen, dieser romantische Zaubertrank für die gesamte Literatur, wurden einerseits zur Leitwährung des nationaldeutschen Erzählens, zur Marke eines immer weiter erstarkenden nationalen Selbstbewusstseins. Als 1857 die Ausgabe letzter Hand erschien, gab es schon die Walhalla bei Regensburg und das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg, waren volkskundliche Vereine entstanden und das Fach Germanistik begründet. Das Vorbild einer nationalen Märchenpflege machte

15 15 auch im Ausland Schule. Nicht nur in England, ebenso in Russland. Alexander Afanassjew stellte nach dem Vorbild der Brüder eine achtbändige Sammlung von Zaubergeschichten aus der Welt sibirischer Schamanen zusammen, die ihrerseits die erstaunliche Märchentheorie eines Vladimir Propp angeregt hat. Andererseits strahlten Grimms Märchen auch nach ihrer wissenschaftlichen Seite weit über deutsche Grenzen hinaus. In Finnland entstand eine eher nüchterne folkloristische Gegenbewegung zu romantischem Überschwang, eine vergleichende geographische Motivforschung, die im bis heute größten und verbindlichsten Katalog der Erzählforschung mündete, benannt nach den beiden Urhebern: Aarne und Thompson, wieder ein männliches Duo. Der erste Band dieses Katalogs erschien 1911, im Vorgriff auf den hundertsten Jahrestag der Erstausgabe, die dann mit der damals wie heute größten deutschsprachigen Buchreihe namens Märchen der Weltliteratur gleichsam fortgesetzt wurde. Auch diese Reihe, im Jenaer Verlag von Eugen Diederichs, versammelte teils aus Büchern und alten Handschriften gezogene Texte neben solchen, die durch Arbeit im Feld gewonnen waren. Vor allem die afrikanischen Märchen, die Leo Frobenius damals bei seinen Exkursionen bereits auf Wachswalzen speicherte, kamen so in die deutschen Archive. Wiederum ein Jahr später erschien der erste Band der neuen Märchen- Anmerkungen durch die beiden Forscher Johannes Bolte und Georg Polivka, die in jahrelanger Arbeit Tausende von Hinweisen auf das Leben der Märchenmotive in aller Welt zusammengestellt hatten, regelrecht kleine Biographien zu jedem einzelnen Text. Der Internationalismus des Märchens war also festgeschrieben, bevor es ein Drittes Reich gab; der fünfte und letzte Band erschien Märchenphilologie in des Wortes strengster Bedeutung ist eine deutsche Angelegenheit geblieben. Die gewaltige Enzyklopädie des Märchens, die seit vielen Jahren in Göttingen erscheint, ist eines der nachhaltigsten und zugleich elegantesten Nachschlagewerke in diesem Feld. Gleichzeitig gibt es viele Vereine, die sich dem Märchenerzählen als phantastischer Praxis widmen: Die Europäische Märchengesellschaft mit Sitz in Schloss Bentlage steht der katholischen Theologie nahe; die Deutsche Märchenstraße von Hanau bis Bremen dem Tourismus; das Grimm

16 16 Museum in Kassel der Philologie. Hier jedenfalls liegen die originalen Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen, die im Jahr 2005 tatsächlich einen Status als Weltdokument-Erbe durch die Unesco erhalten haben. Fragen wir also noch einmal: Kann man sich Literatur überhaupt ohne Märchen vorstellen? Und wenn nein: wurden Grimms Märchen genau deshalb zum meistgedruckten, -nachgeahmten, -übersetzten und -vermarkteten Literaturstück der Welt, weil sie das Herzstück aller Literatur sind? Lesen wir noch ein wenig im Gesicht dieses Wunderwerks. Die Märchen von damals, in einer Zeit ohne Film und Fernsehen, waren verpackte Botschaften, deren Urheber man nicht kannte. Bis heute werden sie nicht genannt. Inzwischen sind die Märchen echte Objekte der Unterwelt namens Internet, die ohnehin keine Autoren mehr duldet oder nur sehr marktgewaltige. Anonym geht es aber oft auch im Innern der Texte zu. Figuren mit Namen stehen neben mindestens ebenso viel Namenlosen. Die namentlichen heißen etwa Schneewittchen, Rotkäppchen, Hans im Glück oder Froschkönig; die anonymen sind Feen, Zauberer, Dämonen oder Tiere. Darunter liegen soziale Verhältnisse allgemeinweltlicher Art wie Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Könige und Prinzessinnen, Mägde, Bauern, Jäger und Fischer. Sie erleben allgemeinweltliche Zustände und Begierden wie Angst, Armut, Hunger und Hilflosigkeit oder aber Begehren, Mordlust, Ungehorsam, Selbstliebe, Ehrgeiz und so fort. Der Erzähler schließlich verwickelt sie untereinander in ebenfalls all-gemeinweltliche Handlungen: Trennung, Ausstoßung, Vergewaltigung, Beraubung, alle möglichen Schädigungen - neben ausdauernder und erfolgreicher Gegenwehr mit übernatürlichen Helfern oder natürlicher Schläue. Nicht zu vergessen die Requi-siten wie Spiegel, Schlüssel, Schmuck- oder Schriftstücke, Waffen, Kleider sowie Wege und Pfade, Häuser, Hütten und Höhlen. Über alldem oder mindestens über dem europäischen Geschichtenfundus wölbt sich ein Wertehimmel mit Sternen namens Liebe, Schönheit und Reichtum, Güte und Unschuld, Glück und Zauber. Zauber ist dabei das wirklich mächtige Stichwort. Märchenhandlungen, happy ends, gelingen mit Zauber und Intelligenz. Märchen heißen auf Englisch Fairytales, weil angeblich Fairies, zu Deutsch Feen, die Hauptrolle spielen. Auch wenn das für

17 17 Grimms Märchen gar nicht stimmt - die Idee der Fee meint eben die erlösende Instanz. Würden Menschenfresser die Szene beherrschen, wäre es eine Schreckgeschichte, kein Märchen. Die Ängste und Schrecken sind ebenso groß wie die Wunder, die sie bezwingen; die Hilflosigkeit ebenso atemberaubend wie die Hilfe, die der Erzähler dann wirklich liefert. Man muss das alles so ausgiebig beschreiben, um die vielen Vereinnahmungen abzuwehren, die das Märchen im Namen der Pädagogik oder sonstiger Theorie erleidet. Es genügt eben nicht, am Märchen vorzeitliche Riten abzulesen wie Vladimir Propp, oder einen Ödipuskomplex im Anschluss an Freud, oder eine archetypische Szenerie wie C.G. Jung, oder eine erzpatriarchale Gesellschaft wie August Nitschke, oder emotionale Reifungsprozesse wie Bruno Bettelheim, und was immer es sonst noch an Theorien gegeben hat und gibt. Was nicht gegen die Theorie spricht. Jack Zipes, der amerikanische Herold der Gattung, hat vor einigen Jahren sogar die neueste neurologische Gedächtnistheorie für die Märchen entdeckt. Aber die buchstäblich schönste Theorie Westeuropas stammt immer noch von dem Schweizer Max Lüthi. Ihr Herzstück ist die übrigens asexuelle - Idee der Schönheit, die Freude an der Pracht von Körpern wie auch Gebäuden oder Kleidern. Lüthi verdanken wir den wunderbaren Begriff eines Schönheitsschocks, den der Märchenheld erleidet, wenn er das Bild der geliebten Frau erblickt oder auch in einem herrlichen Palast erwacht oder goldene und silberne Gerätschaften findet. Er selber verfügt dabei über gar nichts, und so hat Lüthi für ihn eine eigene Anthropologie entworfen: Der Märchenheld ist nicht nur ein grundsätzlich Isolierter, er ist auch, und zwar gerade als Isolierter, der sich leicht lösen kann, ein Beziehungsfähiger. Er ist nicht nur auf Helfer und Hilfen angewiesen, er empfängt solche Hilfen wirklich, die Helfer stellen sich ein. ( ) Der Märchenheld ist der Begabte schlechthin.( ) Märchenhelden, als Isolierte weder in Volk und Boden verwurzelt noch durch das eigene Innere gefesselt noch durch spezifische Fähigkeiten und Fertigkeiten eingeengt, sind potentiell allverbunden.( ) Der Märchenheld ist ein Wandernder, ein Täter. Er ist kein Grübler, kein Forscher, kein Philosoph. Er denkt nicht daran, die Zusammen-

18 18 hänge aufzudecken, in denen seine zaubermächtigen Helfer stehen, er fragt nicht nach den Quellen ihrer Macht. Er durchwandert die Welt und handelt. Max Lüthi erklärt nicht, warum und von wem eigentlich diesem Mangelwesen geholfen wird, und warum es so oft mit dem Anblick des Schönen belohnt wird. Seine Theorie, die noch ganz andere Perspektiven, etwa auf die Welt der Dinge zeigt, hat selbst etwas von einem Märchen. Wie dem auch sei: Diese erzählten kleinen Botschaften, die der Holländer André Jolles in die Gruppe der einfachen Formen mündlicher Poesie eingereiht hat, diese kleinen säkularen Evangelien, dargeboten in schlichter Sprache, so knapp und dicht wie möglich zur Unterhaltung von Kindern wie auch Erwachsenen, fanden um 1800 Eingang in die hohe Literatur der Deutschen. Namen wie Wieland und Goethe, Novalis, Achim von Arnim, Clemens Brentano, E.T.A. Hoffmann, Eichendorff und viele andere stehen in der Geschichte der Märchen wie Paten um ein Kind; und Kindlichkeit haben die Brüder Grimm ihrem Werk ja auch inständig bekräftigt. Hohe Literatur heißt in diesem Fall nicht: literarischer als die Vorlage, sondern freier, in gewissem Sinne mündlicher, denn die Dichter haben sich eben nicht an die vorgegebene Textform gehalten, sondern um- und weitergedichtet, so wie ein mündlicher Erzähler eine Geschichte umdichtet, wenn es die Umstände fordern. Man denke nur an den Kater Murr von ETA Hoffmann, der aus dem Tiermärchen stammt. Das Umdichten von Märchen, das Spiel mit dem Repertoire, führt definitiv ins 20. Jahrhundert. Es wurde eine der literarischen Lieblingsbeschäftigungen sämtlicher aufsässiger, aber auch futuristischer Geister, die sich zwischen 1900 und 2000 gegen Festschreibungen, Diktaturen und schlechte Gewohnheiten aller Art wehren wollten. Das Jahrhundert eingeleitet hat hierzulande Paul Scheerbart, der Phantast, der schon damals die gläserne Existenz des Menschen beschworen und eine architektonische Apokalypse wie aus Tausendundeiner Nacht verlangt hat:

19 19 Die großen Burgen, die aus reinen Riesendiamanten bestehen, sprühen ihren Farbenbrand so festlich in die Dämmerung. Und die andern Edelsteine der Säulenhallen glänzen mit den reinen Riesendiamanten um die Wette. Und die kostbaren Steingewächse, die aus den Domen aufstreben, sind auch so wunderbar. Die Smaragdkuppen einzelner Schlösser werden von innen erleuchtet und werfen in den schwarzen Sammethimmel weite grüne Lichtkegel, die sich langsam bewegen. Die Saphirtürme ragen höher als die andern Türme. Und das stille Licht, das überall durch die tausendförmigen Glasfenster hinausströmt, das schimmert so heilig-bunt und verheißungsvoll. Ungeheure Palastgebirge sind mit riesigen Opalbogen umgittert. Wenn das Auge von Pol zu Pol schweift, so wird es verzückt bei all der Glanzglut. Der Bauzauber ist so gewaltig, dass man sich verwundert fragt, wie es kommt, daß die auferstandenen Menschen nicht einfach toll werden. Paul Scheerbart, der so dichtete, war ein Enthusiast. Aber auch die politische Satire vor 1914 zehrte vom Märchenstil etwa bei Kurt Tucholsky, der die reaktionäre Kunstpolitik des deutschen Kaisers tadelte: Es war einmal ein Kaiser, der über ein unermesslich großes, reiches und schönes Land herrschte. Und er besaß wie jeder andere Kaiser auch eine Schatzkammer, in der inmitten all der glänzenden und glitzernden Juwelen auch eine Flöte lag. Das war aber ein ganz merkwürdiges Instrument. Wenn man nämlich durch eins der vier Löcher in die Flöte hinein sah o! was gab es da alles zu sehen! Da war eine Landschaft darin, klein, aber voll Leben: Eine Thomasche Landschaft mit Böcklinschen Wolken und Leistikowschen Seen. Rezniceksche Dämchen rümpften die Nasen über Zillesche Gestalten, und eine Bauerndirne Meuniers trug einen Armvoll Blumen Orliks kurz, die ganze moderne Richtung war in der Flöte. Und was machte der Kaiser damit? Er pfiff drauf.

20 20 Nach Tucholsky blühte die politische Satire erst recht in der Weimarer Republik regelrecht auf. Politische Köpfe wie Hermynia zur Mühlen, die der Frauenemanzipation zuhilfe kam oder sprachexperimentelle wie Kurt Schwitters hatten ihre große Stunde; Expressionisten wie Jakob von Hoddis und Else Lasker- Schüler zehrten vom Märchenton. Während des Dritten Reiches gab es in Deutschland naturgemäß keinen Grund zur märchenhaften Satire, sondern ausschließlich zum bösen Erwachen, gerade weil mit den Märchen Germanischer Kult getrieben wurde. Erst spät nach dem Zweiten Weltkrieg, etwa um 1970, als die Studenten Hesse und Tolkien lasen, als Fantasy- Romane wie Der Name der Rose verfasst und Regimekritik im Westen und Osten immer lauter wurde, traten die Märchen der Brüder Grimm durch die Editionen von Heinz Rölleke wieder in die Buchhandlungen und das Märchen wieder als Spielmaterial ins Bewusstsein. Abends, vor seiner riesengroßen Hütte, saß der Riese. Na schön, sprach der Riese nach einer guten Stunde, jetzt muss ich also wieder einmal alle, alle Türen meiner riesigen Hütte zuschließen mit demselben alten, großen Schlüssel, den ich von meinem Großvater geschenkt bekam, als ich noch klein war. - Hier schwieg der Riese. - Dann sagte er: Und weshalb muss ich das tun, weshalb? Nur wegen der Zwerge, die uns Riesen immer irgendetwas wegnehmen mitten in der Nacht, winzige Sachen, wie sie sagen: Häuser, Freunde, Berge, den Abendstern! So Günter Bruno Fuchs Parodien dieser Art blühten natürlich vor allem in der DDR, wie etwa in der folgenden Rede eines bekannten DDR-Schriftstellers: Ich habe hier wahrhaftig nichts zu suchen, aber allerhand verloren. Auch ein Blümlein werde ich hier nicht im finstren Walde finden und würde es auch niemals wie ein Rotkäppchen pflücken, denn ich bin der Wolf. Ja, ich bin der Wolf. Ich heulte

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