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1 Herbert Kuhner Gewalt unter dem Deckmantel der Kunst Vorspann Die Blasphemie, die Obszönität, die Scharlatanerie, der sadistische Exzeß, die Orgie, die Senkgruben-Ästhetik sind unsere moralischen Mittel. 1 Auch der Lustmord ist drin. 2 Zur Sexualität gehört natürlich auch das Morden. Es wird bald zur sittlichen Pflicht gehören, Banken zu knacken und irgendeinen Krüppel niederzuschießen. 3 - Otto Mühl, Aktionist Ich kannte Universitätsprofessor Dr. Stephan Koren. er war ein Krüppel und wollte mir immer zeigen, daß er einer ist wie ich wenn das Krüppel Koren über Wochenschau und Fernsehen so sengend in die Volksfluren einbricht daß jedem gesunden Österreicher vor Entsetzen über diesen Aussatz der Nation die Pupille platzt. 4 - Peter Weibel, Aktionist, Kulturkommissar Auf einem wird ein Vogel mit dünnen Schnüren befestigt. Ich knie vor dem Vogel auf dem Podest und übergieße ihn mit flüssigem, heißem Wachs, dann übergieße ich meine Füße und meine linke Hand mit Wachs. 5 - Valie Export, Aktionistin, Gestalterin des antifaschistisches Mahnmal, Allentsteig, N.Ö. Die Nitsch-Debatte ist seit langem abgehakt die Valie-Export-Debatte Der Wiener Aktionismus ist keine Kulturkampfstätte mehr, der ist längst kanonisiert und hängt im Museum. Heute am Aktionismus Anstoß nehmen zu wollen, disqualifiziert nur den Anstoßnehmer. 6 - Sigrid Löffler, Kritikerin In solcher, aufgeklärten Atmosphäre schien ein Mann, der öffentlich jemand blutig ausgepeitscht hat, sich im Kot begattete, 7 eine Gans enthauptete und eine Frau mit dem Halsstumpf penetrierte, 8 war geradezu prädestiniert, eine Kommune zu leiten, wo er als Hüter von Kindern fungierte. Dort herrschte er fast zwei Jahrzehnte unbeschränkt. Die Subventionen flossen, und Lob kam von den höchsten Stellen. Eine der Frauen, heute 29, sagt etwa aus, sie habe als Fünfjährige, umringt von der Führungsmannschaft der Kommune, Mühl sexuell befriedigen müssen. Die beiden nun gegen 1 Transparent Spezial, ORF, 8. Mai Josef Dvorak: Die Faschisten von heute: Antwort auf Hermann Nitsch, Neues Forum, Nr. 246, Juni 1974, Wien, S.44; Otto Mühl ZOCK, Aspekte einer Totalrevolution 66/71 München, 1971; Supervisuell 6, Otto Mühl will Menschen schlachten, Zürich, Josef Dvorak: Amoklauf der Aktionisten, Neues Forum, Sept./Okt. 1974, Nr. 249/250,Wien S Peter Weibel, Valie Export: Wien: Bildkompendium Wiener Aktionismus und Film: Kohlkunst Verlag, Frankfurt, performance-art-research.de/anderetexte.htm; Beschreibung von VALIE EXPORT in: Sigrid Löffler: Banausie am Ballhausplatz, Profil, Nr.39, 21.Sept. 1992, S Peter Weibel, Valie Export: Wien: Ein Bildkompendium Wiener Aktionismus und Film, Kohlkunst Verlag, Frankfurt, 1970, S Fritz Rumler: Ein Problem der Umweltverschmutzung?, Der Spiegel, Nr. 47, Nov. 16, 1970, Frankfurt, S. 254; Otto Mühl 7, Peter Noever, Hrsg., Kurator, Museum f. Angewandete Kunst, Cantz Verlag, Ostfildern, 1998, S

2 Mühl auftretenden Frauen sagen, sie seien zur Zeit der Gerichtsverhandlung gegen Mühl von ExKommunarden gezwungen worden, nicht über die Geschehnisse zu reden. 9 - Der Spiegel, 1. März 2004 Derzeit steigen sie gerade wieder auf ihre Ringelspiel-Schaukelpferde die Moralattackierer, die letztlich ein wenig peinlich wirken, wenn sie seit Jahrzehnten mit dem gleichen Kopf gegen die gleiche Wand rennen Dr. Rudolf Scholten, Kontrollbank- Direktor, Kunstminister, a. D, betreffend Otto Mühl Aber wenn man ihn jetzt beobachtet, sieht man ja diese Gruppe, die ist dageblieben, da möchte ich auch dabei sein, die sind lustig da entsteht was bei ihnen Dagmar Koller, Schirmherrin, Power4Me, betreffend Otto Mühl Mühl ist spezialisiert auf Minderjährige und Sex, und ich bin spezialisiert auf qualvolles Martern von Viechern... Ich könnte mir vorstellen, daß ein Mord durchaus Bestandteil eines Kunstwerks ist. 12 Das Töten war und ist außerhalb des ethischen Urteils Hermann Nitsch, Aktionist Nitsch ist ein Sadist, ein geltungssüchtiger, autistischer Psychopathensäufer, er ist ganz narzißtisch, ein zu kurz gekommenes Muttersöhnchen. Rainer ist ein echter Schläger und Sadist. Nitsch quält dafür Leute bei seinen Aktionen, sie frieren immer. Er richtet das so ein. Ich hätte gern gewußt, wie viele da krank geworden sind, wie viele Lungenentzündung gehabt haben und wie viele gestorben sind Otto Mühl Nitsch ist der größte Tierfreund, den ich kenne. Eine schwere Ehekrise im Haus Nitsch, bei der ich anwesend war, entstand über eine Gelse, die von seiner Frau erschlagen worden war. Nitsch ließ seien m Ärger über den sinnlosen Tod eine Lebewesens freien Lauf Danielle Spera, Musemsdirektorin Lieber Herr Bundeskanzler! Würde ihre Tochter nackt als elfjähriges Mädchen auf einer Bühne stehen, ihr Schädel kahlgeschoren und unter der Anleitung des Herrn Nitsch in ihren Geschlechtsteilen herumgebohrt werden möchte ich wissen, ob Sie dann noch von Freiheit der Kunst sprechen Lore Jarosch, Autorin Die Berauschung durch Blut und das Auseinanderreißen von rohem Fleisch soll befriedigend sein... Das Töten war und ist außerhalb des ethischen Urteils. 17 Wenn es möglich wäre, würde ich durchaus lieber mit Menschen arbeiten, mit toten Menschen, nämlich mit Leichen. 18 Ich könnte mir vorstellen, daß ein Mord durchaus Bestandteil eines 9 Jürgen Kremb: Opfer der Kommine, Der Spiegel, Nr. 10, 1. März 2004, S Rudolf Scholten, Profil, Nr. 11, 8. März 2004, S Barbara Stöckl, ORF , 23:00 Uhr. 12 Falter , Nr. 30, 1998, S Gerhard Jaschke: Das rote Tuch, aus Paula Devarney: Nitsch: Art of Killing, Caellian, 9. Okt Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, S Danielle Spera: Hermann Nitsch. Leben und Arbeit, Brandstätter, Wien, 2002, S Das Freie Wort, Leserbrief von Lore Jarosch, Krone -Zeitung, 4. August, 1998, S Gerhard Jaschke: Das rote Tuch, aus Paula Devarney: Nitsch: Art of Killing, Caellian, 9. Okt Mojca Kumerdej: Hermann Nitsch o smrti in ziviljenju, Delo, 3. Okt. 1992, Ljubljana; Im Blutrausch, News, Nr.30/95,S.190; Sechs Tage blutiges Welttheater, News, Nr.40/96, S.190; The Devil In a Grey Beard, Interview mit Adrian Searle, The Guardian, 15. Nov. 1997, S. 17; News, Nr. 27, 5. Juli 2001, S. 7. 2

3 Kunstwerks ist, daß aber jetzt eine andere Verantwortungsebene an den Mörder herantritt Also: Kunst kann auch ein Verbrechen sein, sagen wir es so Hermann Nitsch Man hat Hermann Nitsch gelernt. Man hat begonnen, ihn zu verstehen... man denkt tiefer. Nur die Ewig-Gestrigen verstehen ihn nicht Alfred Worm, Journalist Da hatte man geglaubt, Hermann Nitsch Sicht auf die menschliche Existenz habe einen Punkt Jenseits von Gut und Böse erreicht. Er sei fraglos geworden und stünde jetzt außerhalb jedes Streits. Alle Einwände sein endgültig ausgeräumt, seien mit guten Gründen und überzeugende Argumenten widerlegt... Ausgerechnet Tierquälerei dem praktizierenden Tierfreund Nitsch aus Anlaß der Proben zu einer Aufführung des Orgien Mysterien Theaters an der Leipziger Bühne vorgeworfen Das mag bewundern. Auch wenn solche Stimmen aus der rechten Ecke zu stammen schienen Wieland Schmied, Kritiker Wir garantieren Nitsch den Schutz des Staates für die freie Berufsausübung Dr. Peter Wittmann, Staatssekretär für Kultur Wir haben schon daran gedacht, Leute umzubringen, als Kunstwerk Bayer, Achleitner, Rühm und ich haben uns zwei, drei Jahre lang fast täglich zu intensivieren Diskussionen getroffen Oswald Wiener, Autor und Aktionist Sie haben das alles aus dem Kontext herausgenommen Ferdinand Lacina, Finanzminister a. D, Präsident der Österreichischen Liga für Menschenrechte Entweder uns geht s gut oder die Welt geht in die Luft. 25 Schwanz raus! Exhibitionisten an die Front... Wir schlagen Staatsbürger zu Menschen zusammen. - Peter Weibel, Aktionist und Kultur Kommissar 26 Das heißt also, in der Kunstszene kann man unter linken Etiketten mal so richtig die Nazi- Sau rauslassen Lutz Dammbeck, Regisseur, Das Meisterspiel Die moderne Kunst ist ein Teil der antifaschistischen Bewegung. - Helmut Butterweck von der Furche bezüglich Nitsch & Co 19 Falter , Nr. 30, 1998, S Alfred Worm: Club 2, ORF, 7. Feb Wieland Schmied: Hermann Nitsch: Alte Querelen, aufs Neue ausgebrochen Kunstzeitung, August 2013, Nr. 204, Regensburg. 22 Ebd, S Oswald Wiener: Über Kunst, Selbstbeobachtung und Automatentheorie: Ein Gespräch mit Stan Lafleur; Textauszug aus: Eckhard Hammel, Hrsg., Synthetische Welten. Kunst Künstlichkeit und Kommunikationsmedien, Essen: Verlag die Blaue Eule, 1996, S Geschichte der Menschenrechte, Soll und Haben, Eine Brisante Bilanz, ÖBV-Atrium, Grillparzerstraße 14, 1010 Wien, 31. Jänner Josef Dvorak: Amoklauf der Aktionisten, Neues Forum, Sept./Okt. 1974, Nr. 249/250, Wien, S Fritz Rumler: Exhibitionisten and die Front, Der Spiegel, Nr. 17, 21. April, 1969, S Interview Lutz Dammbeck, Regisseur, Das Meisterspiel, Deutschland,

4 Antihumanismus und Antifaschismus sind Gegensätze. - H. K. Die Nazis haben versucht, die Kunst von außen zu zerstören. Die jetzigen Zerstörer haben sich alles unter den Nagel gerissen und zerstören die Kunst von innen. - Padhi Frieberger, Objektkünstler Die Raffinesse besteht darin, Menschenverachtung und Brutalität unter dem Mantel der Freiheit der Kunst ungestraft auszuleben. - Johannes Diethart, Autor und Verleger Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus. - Ignazio Silone Bevor Museumsdirektor Otto Breicha verstarb im Dezember 2003, gab er zu, daß es in Künstlerkreisen Pädophilie ausgeübt wird, und fügte hinzu, daß diese Informationen weiterzugeben, könnte gefährlich sein. Kuhner soll nicht in deinem Buch nicht vertreten sein. - Gabriel Lansky, der Rechtsberater der SPÖ und der Jüdischen Gemeinde, an Ruth Wodak, Herausgeberin von Das kann einem nur in Wien passieren. Alltagsgeschichten. Diese Alltagsgeschichten von Juden und Jüdinnen. (Er wurde dabei von Rubina Möhring, der Präsidentin der Reporter ohne Grenzen, unterstützt.) Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Österreich keine gründliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Angeblich sind in den Fünfzigerjahren die übriggebliebenen Nazi-Autoren verdrängt worden. (Aber man muß auch hinzufügen, daß die Verdrängung sehr lückenhaft gewesen ist.) Jene, die sich für eine barbarische Bewegung eingesetzt haben, sind von denen, die öffentlich Gewaltveranstaltungen aufgeführt haben ersetzt worden. Der alte Geist zog neue Kleider an und fand ein neues Ambiente für sich. Was vorher hinter der Bühne stattgefunden hat, ist dann auf der Bühne präsentiert worden. Ist der Staffelstab einfach übernommen worden? Die Nazis leugnen die Schoah ab; die Revisionisten schwächen sie ab. Sie sind die respektablen Apologeten der Nationalsozialisten. Sie haben sich in der Gesellschaft angepaßt. Die braune Gesinnung kommt nur hie und da heraus. Die Revisionisten sehen und beschreiben die braunen Taten vergangener Tage in Rosafarben. Sie widersprechen der barbarischen Wahrheit des Dritten Reiches und verurteilen die Gewalt der Aktionisten. In der Folge geben sich die Apologeten des Nationalsozialismus und die politischen Reaktionäre scheinheilig und gewinnen leicht Punkte gegen die Antifaschisten, derer sich die Aktionisten angenommen haben. Jene, die mit den sadomasochistischen Veranstaltungen der Aktionisten nicht einverstanden sind, haben Angst, mit den Ultrarechten in einen Topf geworfen zu werden. 4

5 Ich zitiere Michael Ley: Da man sich jedoch als antifaschistisch ausgab, schien man gegen jegliche Kritik gefeit und bezichtigte häufig die Kritiker als Faschisten. 28 Dieter Bandhauer, Kommentar: Als wir uns seinerzeit beim (Restaurant) Ubl kennenlernten, ging es primär um ein Kunst & Totalitarismus-Symposion, von dem ich mich aber schnell distanzierte. Ich habe Michael (Ley) bald nach unserem Treffen erklärt, daß mich ein solches Projekt nicht interessiert Auch wenn ich ein heftiger Kritiker fataler linker Positionen bin, möchte ich das linke Projekt nicht in Bausch und Bogen verurteilen, und ganz besonders will ich nicht an der rechten Seite anstreifen oder von dort den falschen Beifall bekommen. 29 Die Nationalsozialisten haben Gewalt gegen Menschen und meistens im Geheimen praktiziert, da sie ehrenhaft und anständig erscheinen wollten. Heute wird anständig als Nazi-Codewort verwendet. Dies hat Tradition. Heinrich Himmler: Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Und dies durchgehalten zu haben, und dabei abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen anständig geblieben zu sein, hat uns hart gemacht und ist ein niemals genanntes und niemals zu nennendes Ruhmesblatt. 30 Eineinhalb Millionen Kinder wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Jene, die versuchen, das Dritte Reich zu rehabilitieren, sind nicht wirklich an dem Schicksal von Kindern interessiert. Bischof Kurt Krenn äußerte Verständnis für die Verehrung des Anderl von Rinn in Tirol, eine antisemitische Legende über einen angeblichen Ritualmord von Juden an einem katholischen Knaben. 31 Seminaristen in Bischof Krenns Obhut in St. Pölten begeilten sich tausendfach an Kinderpornographie aus dem Internet. Krenn: Das sind in keiner Weise Dinge, die irgendwie mit Homosexualität zu tun haben. Es sind Dummheiten, so Bubendummheiten. 32 Krenn zweifelt nicht: Bevor ich über die Richtigkeit meines Weges nachdenke, müßt eben der Liebe Gott abdanken. 33 Der rechtsstehende Politiker Ewald Stadler ist ein ausgesprochener Aktionismus-Gegner und zugleich ein Verteidiger des rechtslastigen Bischofs Kurt Krenn. Stadler über Krenn: Man wird sich noch nach Krenn sehnen, trauerte Stadler im Neuen Volksblatt dem zurückgetretenen Oberhirten nach. 34 Die traditionstreuesten Katholiken sind jetzt führungslos. Das sind Tausende allein in Niederösterreich. 35 Die Linken sollen diskreditiert, und die Ultrarechten unterstützt werden. 28 Michael Ley: Die Würdigung blieb aus, Illustrierte Neue Welt, April 1995, Wien, S Dieter Bandhauer, Sonderzahl-Verlag, Brief an Herbert Kuhner, 3 Juli Heinrich Himmler, 4. Okt. 1943, anläßlich einer SS-Gruppenführertagung in Posen. 31 Die Welt, 29. Nov News, Nr. 530, 30. Jänner 2014, S. 15; freigeisterhaus.de/viewtopic 33 News, Nr. 530, 30. Jänner 2014, S Österreich-Nachrichten Online 35 Katholische Nachrichten Online, Okt

6 Stadler über vergangene Tage: 1945 sind wir angeblich vom Faschismus und von der Tyrannei befreit worden und in die nächste Tyrannei geraten. 36 Die, die Gewalt und Sadomasochismus predigen und öffentlich praktizieren, marschieren in der vordersten Reihe mit den Antifaschisten. So können sie sich profilieren und werden dafür bestens belohnt. Welch ein Segen für die Revisionisten! Sie kriegen die besten Karten und können leicht Punkte sammeln. Gewalt wurde in die Kunst integriert und stellt sich als Protest gegen Gewalt dar. Der Maler Adolf Frohner: Der Aktionismus hat aufbegehrt gegen das Schweigen nach Die gleichen Leute, die in der Nazizeit dort gewesen sind, sind weiterhin auf ihren Stellen geblieben, mit dem Parteizeichen unter dem Revers oder sie haben es weggeworfen. 37 Den Wiener Aktionismus halte ich für einen Beitrag zur Kunstgeschichte, den man aus dem damals verschwiegenen Nationalsozialismus in Österreich verstehen muß Peter Huemer, Historiker Blut und Boden ist von Blut und Kot ersetzt worden. Manchmal ist das Gegengift nicht weniger giftig als das Gift. Hitler befahl 1934 den Mord an Ernst Röhm und Bundeskanzler Dollfuß. Röhm war Hitlers Konkurrent, aber er war nicht Anti-Nazi. Dollfuß war Anti-Nazi, aber nicht Antifaschist. Stalin war Antifaschist, aber er war nicht antitotalitär. Man soll nicht nur fragen, wogegen man ist, sondern auch wofür. Als Josef Goebbels das von sowjetischer Seite verübte Massaker an polnischen Offizieren 1941 in Katyn anprangerte, tat er dies, weil es in sein Konzept paßte. Wir wissen, daß er nicht gegen Massaker war, denn die Verbrechen, die er guthieß, waren grenzenlos. Der falsche Mann sagt die Wahrheit für die falsche Sache. Demagogen lügen nicht immer. Sie erzählen die Wahrheit, wenn es ihren Zielen dient. Ein Demagoge kann weder eine Lüge in die Wahrheit verdrehen, noch kann er die Wahrheit in eine Lüge verdrehen. Ich mußte aus Österreich, beziehungsweise aus der Ostmark flüchten, sonst hätte ich das Schicksal mit denen die nicht flüchten wollten oder konnten, geteilt. Deswegen ist es eine logische Folge, daß ich Grausamkeit gegen jedes Lebewesen, Brutalität und Erniedrigung von Menschen und Schändung religiöser Kultobjekte entschieden ablehne. 36 Ewald Stadler, 8. Mai 2002; Der Standard, 5. Juli Adolf Frohner, Abendjournal. ORF 2, 19 Uhr 30, 16. Januar Peter Huemer, Brief an Herbert Kuhner. 6

7 Nachdem meine Satire über den Aktionismus, Da-Da Ga-Ga Ka-Ka : Duck Dich! Die Zukunft überrollt uns 1972 veröffentlicht worden war, 39 erzählte mir Helmut Butterweck von der Furche: Du hast gerade literarischen Selbstmord verübt. (Nur, war ich schon längst tot bevor ich mich umgebracht habe. Also bin ich zweimal gestorben.) Manchmal sagt der falsche Mann das Richtige für die falsche Sache. Indem die Revisionisten den Aktionismus anprangern, helfen sie mit, ihn aufrecht zu erhalten. Die Revisionisten sind nicht gegen Gewalt, sie sind nur dagegen, wenn sie in einem anderen politischen Lager zu Hause ist. Gewalt wurde in die Kunst integriert und stellt sich als Protest gegen Gewalt dar. In der Kunst wird es immer schwieriger, die Böcke von den Schafen zu unterscheiden, wahre Künstler von Scharlatanen. Es ist alles eine Geschmackfrage. (Meiner Meinung nach, haben die Böcke längst alles unter den Nagel gerissen, und ihr Blöken dominiert.) Jedoch öffentliche Aktionen wie z. B. Tiere zu Tode zu quälen, Selbstverstümmelungen, Geißelungen und Auspeitschungen, das Trinken von Blut und Urin, das Essen von Kot, und schließlich Selbstzerstörung, sind Taten, die von mir eine Stellungnahme verlangen. Beispiele: Valie Export goß kochendes Wachs über lebende Vögel. 40 Günter Brus schlitzte seine Brust mit einer Rasierklinge auf 41 und sagte, der nächste Schritt wäre ein Stück Fleisch von sich selbst zu essen. Rudolf Schwarzkogler verübte Selbstmord als die endgültige Aktion. Es wird behauptet, daß Rudolf Schwarzkogler seinen Penis abgeschnitten hat, bevor er sich aus einem Fenster stürzte. 42 Diese Darstellungen wurden von der österreichischen Kulturelite praktiziert und von der crème de la crème unterstützt, und sie sind von den Machthabern und jenen, die Macht anstreben, gutgeheißen worden. Manche ihre Befürworter sind in der Kunst des Sophismus sehr gewandt und geübt. Gewalt als Nervenkitzel auszuüben hat überhaupt nichts Gemeinsames mit Antifaschismus, und deswegen meiden die Kulturmacher die Auseinandersetzung mit diesem Thema. Diejenige, die nicht Befürworter oder Mitläufer sind, schweigen meistens, und sie haben auch die Angst, daß jegliche Kritik die Revisionisten verstärken wird. Die Frage ist: können Lügen und Gemeinheit einer guten Sache dienen? Die Nazis zerstörten Menschen und menschliche Werte. Sie versuchten die Kunst durch eine sterile Verherrlichung von Mutterschaft und soldatisches Heldentum sowie Familien-, 39 Herbert Kuhner: Die Pestsäule, Nr. 1, Sept. 1972, Wien, S ;.Der Ausschluß: Memoiren eines Neununddreißigers, Edition 39/Verlag der Apfel, Wien 1988, S An der Grenze des Erlaubten: Kunst und Zensur in Österreich, ein Projekt des Universitätskulturzentrums Unikum, Klagenfurt, 1996, S Peter Weibel, Valie Export: Wien: Ein Bildkompendium Wiener Aktionismus und Film, Kohlkunst Verlag, Frankfurt, 1970, S. 62; Wiener Sonderdruck, 1981, Wien, S Kate Connoly, Adrian Searle: The Devil in a Grey Beard, The Guardian, Manchester, 15. Nov

8 Bauern- und ländliche Idyllen zu ersetzen. Im Grunde zeigt nationalsozialistische Kunst oder Nicht-Kunst eine verlogene Darstellung von patriotischer Liebe zu Mutter Erde und zum Vaterland. Die sadomasochistischen, antihumanistischen und mörderischen Elemente in den antisemitischen Schriften, Karikaturen und Propagandafilmen sind selten in der Nazikunst zu finden. Deswegen ist die Lüge in der Nazikunst eine doppelte. Die Lüge sollte eine bravbiedere Bewegung und Gesellschaft widerspiegeln. Nicht gezeigt wird der wahre Charakter. Aktionistische Kunst oder Anti-Kunst fügt das hinzu, was fehlt. Und tatsächlich ist dies ehrlicher. Man könnte sehr wohl argumentieren, daß sie wahrhaft die Gesellschaft repräsentiert, in der sie entstanden ist. Aufschlußreich ist, daß diejenigen, die ihren Kot auf den Staat entladen haben, von diesem die höchste Anerkennung als Staatskünstler genießen. Für die Bürger des Dritten Reiches gab es großartige Möglichkeiten, sich ihren sadistischen Neigungen hinzugeben. Die Konzentrationslager und andere Mordstellen waren ein Paradies für sadistische Kommandanten, Aufpasser, Wärter, Kapos und die Totenkopfbrigade der SS. Ausgenommen die Kristallnacht vom 9. November 1938, fanden barbarische Nazitaten meistens unter Ausschluß der Öffentlichkeit oder in eroberten Ländern statt. Die Nazis wollten den Ruf als tapfere Krieger genießen, nicht als Massenmörder hilfloser Zivilisten. Sie benahmen sich ehrlos, wollten aber als ehrenhaft gelten. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs, bis in die Gegenwart, wird einhellig die Auschwitzlüge von den Nazis und ihren Apologeten verbreitet. Und sie bleiben auch dabei, wenn Neo-Nazis gegen Minderheiten, Asylanten und ihre Helfer im heutigen Deutschland und Österreich Gewalttaten verüben. Diese Zustände sind natürlich ein gefundenes Fressen für die Revisionisten. Sie übermalen die Barbarei der braunen Vergangenheit mit rosigen Farben, verurteilen aber Gewalt, wenn sie von Andersdenkenden, ausgeübt wird. Dadurch profitieren alle. Gültige Argumente werden den Revisionisten auf einen Servierteller präsentiert, und jeder, der Kritik an Gewalt unter dem Deckmantel der Kunst übt, wird mit ihnen in einem Topf geworfen. Wer sich äußert, muß mit Konsequenzen rechnen, weil man gegen Macht und Einfluß agiert. Geschlossene Bücher sind gefährlicher als offene Bücher. Die Gegenwart ist ein Schlüssel zur Vergangenheit, und auch umgekehrt. Die revisionistische Fraktion ist ein offenes Buch, aber nur wenn auch die geschlossenen Bücher offen liegen, kann es eine echte Aufklärung geben. Der menschenverachtende Geist des Dritten Reichs ist in die Kunst geleitet worden und fließt darin mit großer Leichtigkeit, und es ist kein Ende in Sicht. Die sadomasochistische Ideologie befürwortet Gewaltformern wie Vergewaltigung, Pädophilie und Mord, sowie politische Attentate und die Diffamierung und das Töten von Krüppeln. Seine Anhänger arbeiten unter der heiligen Schutzschale der Kunst, während sich Journalisten tief im Einverständnis verbeugen und Politiker zu ihren Melodien tanzen. Man muß fragen: War das Dritte Reich eine Anomalie, oder endemisch? Hat man auf Gewalt nicht verzichten können? Müßte Man ein Weg finden sie weiter auszuüben? 8

9 Es gibt manchmal einen Weg zum Allerheiligsten für Künstler die am Rande stehen. Es kann passieren, daß diese in späteren Jahren ein Angebot erhalten, aufgebaut zu werden. Eine Beteiligung an privaten Veranstaltungen wird verlangt, um sie erpreßbar zu machen, so daß eine Ausbeutung gesichert wird. Und es gibt dabei keine gesetzlichen Grenzen. Erst posthum schießen die Preise in die Höhe, und das große Geschäft wird gemacht. Ein prominenter Förderer meinte, ausplaudern könnte auch extreme Folgen haben. Eine Bruderschaft im Üblen hält Übeltäter zusammen, genauso wie Blut als Klebestoff für die SS diente. Aus dem Film Das Meisterspiel von Lutz Dammbeck, in welchem der 1994 erfolgte und bis heute nicht geklärte Anschlag auf einige Bilder Arnulf Rainers thematisiert wird. Im Bekennerbrief kommt der Satz vor, Ich habe mich entschlossen, Aktionist zu werden. Diese Worte erinnern an ein Zitat aus Mein Kampf von Adolf Hitler: Ich habe mich entschlossen, Politiker zu werden. Der Philosoph Helmut Kohlenberger: Die Kunstszene, in der beschlossen wird, Aktionist zu sein, ist ein struktureller Nachfolger (des Nationalsozialismus)... Und ich glaube tatsächlich, daß in der gesamten Kunstszene eine Nachfolge dieses Regimes gegeben ist, denn sie ist die einzige erlaubte Diktatur in diesem Land. Dammbeck: Das heißt also, in der Kunstszene kann man unter linken Etiketten mal so richtig die Nazi-Sau rauslassen. Kohlenberger: Insofern ist hier ein Text entstanden, der unangenehm erinnert, daß es eine Kontinuität gibt, mitten in der behaupteten Diskontinuität und zwar gerade dort, wo man sie nicht vermutet, nämlich bei den braven, linken und antifaschistischen Künstlern. 43 (Diese Szene ist keine exklusive linke Sache mehr. Das schwarze Lager ist seit langem dabei.) Ein Künstler erkennt sein Werk, wird es ihm via Medien frei ins Haus geliefert... (Bekennerschreiben vom an dem General der Sicherheitspolizei Michael Sika, nach dem Briefbombenattentat auf den Wiener Bürgermeister Dr. Helmut Zilk.) 44 Nach Josef Dvorak: In der Praterstrasse im Hinterzimmer der Mühl Kommune bastelte Hermann Flasch mit Interessenten an Sprengkörpern. Man wollte Sprengstoffbriefe an verschiede Politiker (darunter die ÖVP-Abgeordnete Marga Hubinek) und Institutionen schicken, aber alle Spuren sollten auf Hermann Flasch weisen. Schließlich würde ihn die Polizei finden tot. Der Selbstmord sollte nach einer genau ausgearbeiteten Happening- Partitur vor sich gehen und verfilmt werden... Ich erfuhr Hermann Flaschs kompletten Plan im Juni Flasch irrte im Wiener Prater umher, am 4. Juni bat er mich telephonisch um Hilfe. Wir vereinbarten eine Aussprache für den 8. Juni, der drei weitere folgten. Dabei bekam ich die Partitur des Selbstmord Happenings zu Gesicht, die ich schon vorher in der Mühl-Kommune gesehen hatte, ohne sie zu verstehen, ich erfuhr Einzelheiten und Namen von Mitbeteiligten an den geplanten Sprengstoffaktionen... Neben seiner Leiche fand die 43 Interview Lutz Dammbeck mit Helmut Kohlenberger aus dem Film Das Meisterspiel von Lutz Dammbeck, Deutschland, Aus dem Film Das Meisterspiel von Lutz Dammbeck, Deutschland,

10 Polizei die Suizid- Partitur aus dem Jahr Der Selbstmord war genau nach dieser Vorlage ausgeführt. Tage nachdem man die Leiche entdeckt hatte, erreichten die letzten Sprengstoff-Briefe ihre Adressaten. Im September 1973 schrieb ich für das Neue Forum einen Nachruf auf Hermann Flasch. Mühl vereitelte den Abdruck und drohte mir für den Fall, daß ich den Wiener Aktionismus journalistisch kritisieren sollte, Folgen an. Ich würde in Österreich meinen Beruf nicht mehr ausüben können... Einige Tage später wurde deutlich, daß der Fall Flasch vertuscht werden sollte. War schon die polizeiliche Spurensicherung äußerst mangelhaft gewesen, wurden nun keine Hintergrundinformationen an die Presse weitergegeben, ein sehr hoher, öffentlicher Funktionär versuchte (erfolglos) einen Anti-Mühl Artikel in der Arbeiter Zeitung zu verhindern. Kollegen warnten mich vor Maßnahmen von oben: ich wisse zu viel. 45 Ein weiterer registrierter Selbstmord in der Kommune: Ein Mann mit sieben Messerstichen ist gefunden worden. 46 In solcher, aufgeklärten Atmosphäre schien ein Mann, der öffentlich jemand blutig ausgepeitscht hat, sich im Kot begattete, 47 eine Gans enthauptete und eine Frau mit dem Halsstumpf penetrierte, 48 war geradezu prädestiniert, eine Kommune zu leiten, wo er als Hüter von Kindern fungierte. Dort herrschte er fast zwei Jahrzehnte unbeschränkt. Die Subventionen flossen, und Lob kam von den höchsten Stellen. Otto Mühl sagt es: Darstellungswürdig ist alles, was einfällt... Auch der Lustmord ist drin. 49 Koitus, Folterungen, Vernichtung von Menschen und Tieren sind das einzige sehenswerte Theater... Zur Sexualität gehört natürlich auch das Morden. Ich will einen perfekten Lustmord verüben, mit einer Ziege, die ich als Frau anerkenne. 50 In meinen nächsten Filmen werden Menschen geschlachtet. Das Schlachten von Menschen darf nicht Staatsmonopol bleiben. Es wird bald zur sittlichen Pflicht gehören, Banken zu knacken und irgendeinen Krüppel niederzuschießen. 51 Sie haben das alles aus dem Kontext herausgenommen (an H.K.) Ferdinand Lacina, Finanzminister a. D, Präsident der Österreichischen Liga für Menschenrechte Otto Mühls Credo: Das Friedrichshofer Vaterunser Es lebe das Ganze 45 Josef Dvorak: Amoklauf der Aktionisten, Neues Forum, Sept./Okt. 1974, Wien, S Nach ein ehemaliges Kommunemitglied. 47 Peter Weibel, Valie Export: Wien: Ein Bildkompendium Wiener Aktionismus und Film, Kohlkunst Verlag, Frankfurt, 1970, S Fritz Rumler: Ein Problem der Umweltverschmutzung?, Der Spiegel, Nr. 47, Nov. 16, 1970, Frankfurt, S. 254; Otto Mühl 7, Peter Noever, Hrsg., Kurator, Museum f. Angewandete Kunst, Cantz Verlag, Ostfildern, 1998, S Josef Dvorak: Die Faschisten von heute: Antwort auf Hermann Nitsch, Neues Forum, Nr. 246, Juni 1974, Wien, S.44; Otto Mühl ZOCK, Aspekte einer Totalrevolution 66/71 München, 1971; Supervisuell 6, Otto Mühl will Menschen schlachten, Zürich, Fritz Rummler: Ein Problem der Umweltverschmutzung?, Der Spiegel, 1968 (genaues Datum unleserlich), S Josef Dvorak: Amoklauf der Aktionisten, Neues Forum, Sept./Okt. 1974, Nr. 249/250, S Geschichte der Menschenrechte, Soll und Haben, Eine Brisante Bilanz, ÖBV-Atrium, Grillparzerstraße 14, 1010 Wien, 31. Jänner

11 Ich widerstehe der Versuchung, gegen das Ganze zu sündigen, Sowohl in der Sexualität, als auch im Besitz, Sowohl auch in meinem Denken und Handeln, Alles was ich tue, ist auf das Ganze gerichtet, Ich werde mein Programm, das ich von fremden, ethischen Menschen aufgeprägt bekam, auflösen. Und in ein soziales Programm im Sinne des Ganzen umfunktionieren. Ich denke, arbeite, handle und fühle nur für das Ganze. Ohne das Ganze bin ich ein Nichts. 53 Mehr Mühl: Die Erwachsenen betrachte ich nur als Futter für die Kinder. Mein Plan wäre, hier Kinder und die Erwachsenen verzichten aufs Glück und schaffen nur noch Geld heran, damit man das hier aufbauen kann. Es geht nur darum, sich zu ändern. Über Nacht hast du keine Zweierbeziehung mehr, keine privaten Gefühle, alles baust du ab, aufs Geld bist du nicht mehr fixiert. Du dienst nur einer Sache: Projekt dritte Generation. Die Kinder der dritten Generation, die besser sind als alle miteinander, Menschen, die überhaupt noch nie da waren. Für so etwas zu arbeiten ist ein derartiger Glücksfall. Es mobilisiert derartig viele Energie bei dem, der es erkennt und Glücksgefühle und Rausch, daß man sofort ein positiver Mensch ist. 54 Erinnert dies etwa an Lebensborn? Otto Mühl über sich selbst: Ich bin vermutlich der eitelste Mensch unter Gottes Himmel... Cäsar, Napoleon, Stalin, Lenin, Hitler haben irrsinnig große Sachen geleistet, von denen die Welt heute noch immer spricht, sei es negativ oder positiv, immerhin das erste muß man erreichen im Leben, daß geredet wird, sonst hat das Leben keinen Sinn... So weit berühmt zu sein, ist köstlich. Sonst ist das Leben ein Blödsinn. Wenn ich nicht einigermaßen bekannt wäre, würde ich es nicht aushalten. Ich bin berühmt und werde noch berühmter. Selbst wenn ich durch den Aktionismus nicht berühmt geworden wäre, durch die Kommune bin ich s außerdem noch. 55 Gewiß kann nicht geleugnet werden, daß Otto Mühl sein Ziel erreicht hat. Zum Vergleich Hermann Nitsch: Ich war alles. Ich war Napoleon, ich war Christus, ich war Nietzsche, ich war Schopenhauer, und ich werde alles sein, was da noch kommt. 56 Mühl über seinen Kollegen: Nitsch ist ein Sadist, ein geltungssüchtiger, autistischer Psychopathensäufer, er ist ganz narzißtisch, ein zu kurz gekommenes Muttersöhnchen. Rainer ist ein echter Schläger und Sadist. Nitsch quält dafür Leute bei seinen Aktionen, sie frieren immer. Er richtet das so ein. Ich hätte gern gewußt, wie viele da krank geworden sind, wie viele Lungenentzündung gehabt haben und wie viele gestorben sind Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, S Andreas Schlothauer: AGPF AKTUELL III/89 vom Seite 8 55 Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, S Seitenblicke, ORF, 6. Juni 1995; Zitate, Kronen Zeitung, 1. Juni Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, S

12 Nitsch über seinen Kollegen: Mühl ist spezialisiert auf Minderjährige und Sex, und ich bin spezialisiert auf qualvolles Martern von Viechern. 58 Genauigkeit! Dieter Schrage, Museumsdirektor, a. D.: Die von Frau Wladyka zitierten Künster- Äußerungen sind keinesfalls authentisch und können nur einem bedauernswert gestörten Gehirn entstammen Der Standard, Gabriele Wladyka: Das Nitsch Zitat ist aus Falter Nr , S 18. Das Mühl Zitat ist aus: Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, S Als angehende Aktionisten erfreuten sich Mühl und Nitsch der Unterstützung von Monsignore Otto Mauer. Mauer, der Pater Familias der Aktionisten, war offizieller katholischer Seelsorger der Künstler in Wien. Mit Kardinal Franz Königs Segen forderte Mauer das poète maudit-element in der österreichischen Kultur; dessen Inbegriff sind epater le bourgeois und buchstäblich emmerder le monde. Dazu gehörten die Veranstalter und Akteure der berühmten Fäkalienorgie im Auditorium Maximum der Wiener Universität im Sommer 1968 sowie andere sadomasochistische Extravaganzen. Durch diese Verrichtungen sind sie zu Erfolg, Staatspreisen und Universitätsprofessuren in Österreich und Deutschland gekommen. Otto Mühls Eintreten für Gewalt und sein Haltung gegenüber Kindern war damals schon offensichtlich. So ist die Verbindung zwischen Kirche und Kunst in dieser Hinsicht hergestellt worden. Mauer zum Maler Günther Kraus: Ein guter Katholik kann kein guter Künstler sein. 61 Mauer bezeichnete den Objektkünstler Padhi Frieberger als Ketzer. Danach bot er ihm an, ihn zu fördern, wenn er der katholischen Kirche beitreten würde. 62 Zitat Otto Mauer während des Dritten Reiches: Der Künstler hat es mit dem Teufel zu tun, der eine als Besessener, der andere als Exorzist. 63 Bischof Egon Kapellari, Österreichs Kunstbischof: Msrg. Otto Mauer, der unvergessene Förderer seinerzeitiger Gegenwartskunst, hat in seinem bekannten Text Über Kunst zu reden gesagt, er hätte Verständnis dafür, daß sich die Gesellschaft, ja der Staat, gegen eine menschenverachtende, rassendiskriminierende, antisemitische usw. Kunst zur Wehr setze. 64 Zitat Otto Mauer 1948, drei Jahre nach dem Holocaust: Die Juden haben großen Einfluß auf den Kommunismus und auf den Kapitalismus... Sie spielen sich auf als Verteidiger der 58 Falter , Nr. 30, 1998, S Der Standard, Der Standard, Quelle: Günther Kraus, Maler. 62 Quelle: Padhi Frieberger. 63 Günther Nenning, Was Not tat, Die Presse, 11. Sept. 1999, Spectrum, S. V, Wien; Originalquelle: Otto Mauer, These zur Kunst, Salzburger Nachrichten, Geistiger Widerstand, Martin Behr, Interview mit Bischof Egon Kapellari, S. 14, 19. Nov

13 Humanität während sie nichts anderes als wie ein unsittliches Volk mit einem pervertierten Ungeist sind... Sie seien zur ewigen Verdammnis verurteilt... sie wählen immer nur das Böse. 65 Und weiter: Die Wahl des Barbaras zur Zeit des Jesus hat heute seine Analogie in Palästina, im Mann mit der Maschinenpistole und dem Bombenattentäter an die Verwirklichung des Judenstaates kann man nicht glauben Ebenso ist es Schuld der Juden, daß das Reich Gottes noch nicht erfüllt sei, denn erst, bis alle Heiden und dann erst die Juden in den Schoß der Kirche fallen werden, wird (sic!) diese Verheißung erfüllt werden... Aber erst kommen die Heiden daran und dann die Juden. 66 Später aber, bot Mauer den Juden eine Lösung an schrieb er: Es gibt eine Lösung der Judenfrage, aber es gibt nur eine: daß die Juden in Christus den Messias erkennen, daß die Heiden Christen werden Gedächtnis Protokoll von Hans Anthofer, , Wien: Mitte der achziger Jahre war ich in einer Caritassache beim Präsidenten der Caritas, Herrn Prälat Dr. Leopold Ungar in seinem Büro in der Trauttmansdorffgasse 1130 Wien. Im Gespräch mit Prälat Ungar kam auch die Rolle der Kirche gegenüber den Juden zur Sprache. Herr Dr. Ungar meinte, da gab es halt den schrecklichen Antisemitismus und er erzählte mir folgendes: als in den dreißiger Jahren (Schuschniggzeit) einmal im Dom St. Stephan vier Juden (Konvertiten) zu Priestern geweiht wurden, habe der damalige Kardinal Innitzer nach der Weihe in der Sakristei gesagt bei mir waren sie und bleiben sie (die neuen Priester) Juden In einem späteren Gespräch mit dem Kleriker Otto Mauer habe dieser dasselbe gesagt. Nach dem Krieg gehörte Mauer wie auch Bischof Alois Hudal - zur Rattenlinie des Vatikans gehörte. 68 Sie halfen ehemaligen Nazis, unter anderen dem Publizisten der Donau-Zeitung Otto Schulmeister, der später Mauer unterstützte, und mit ihm die katholische Kulturzeitschrift Wort und Wahrheit herausgab. Otto Schulmister wurde im Nazi Partie 1942 aufgenommen. Seine Doktorarbeit Die werdende Großraumwirtschaft erschien in einem NS-Verlag in Berlin. Darin rechtfertigte er die deutsche Expansion nach Osten als Wiederherstellung des (deutschen) Lebensraumes. 69 Zitat Otto Schulmeister, 1989: Ich hatte von Herrn (Generaloberst Alexander von) Löhr durchaus nicht den Eindruck, daß er ein Schwein ist. Und damals gab es sehr viele Schweine, nicht nur braune. 70 Und ob er bedauert, was er damals geschrieben hat? Schulmeister: In keinster Weise! 71 (sic!) 65 Hugo Löwy: Warum Haß?, Renaissance, Nr. 10, Mai, 1948, Wien, S.10, zitiert aus einem Vortrag Otto Mauers vor einem Kreis für gemeinsame christliche und jüdische Probleme in der Volkshochschule Alsergrund am 10. April 1948; auch erwähnt in Nr. 18, Jan. 1949; Hinweis: Dr. Evelyn Adunka. 66 Hugo Löwy: Warum Haß?, Renaissance, Nr. 10, Mai, 1948, Wien, S.10, zitiert aus einem Vortrag Otto Mauers vor einem Kreis für gemeinsame christliche und jüdische Probleme in der Volkshochschule Alsergrund am 10. April 1948; auch erwähnt in Nr. 18, Jan. 1949; Hinweis: Dr. Evelyn Adunka. 67 Renaissance, Nr. 18, Januar Albert Massiczek: Ich habe meine Pflicht erfüllt. Von der SS in den Widerstand. Ein Lebensbericht; Bnd. 2, Junius Verlag, Wien, 1989, S.147; Albert Massiczek: Elefantenhäutig oder die Unschuld von Österreich, Falter, Nr. 8, 1988, Wien, S Christa Zöchling: Ex- Presse -Chef im Dienste der CIA: Otto Schulmeister agierte für den Geheimdienst. Profil Nr. 17, 20. April Inlandsreport, ORF, 20 Juli, 1989; Medien und Zeit, Nr. 3, 1989, Wien, S. 2,. 71 Ebd. 13

14 (Löhr, unter andrem bombardierte Belgrad ohne Kriegserklärung.) Otto Schulmester, Otto Mauer und Kardinal König sind all Mitglieder vom rechtskatholischen Bund Neuland gewesen. Bischof Alois Hudal, Weihnachten, 1945: Ich freue mich heute 110 gesuchte Kriegsverbrecher begrüßen zu können. Sie mögen gesucht werden wo sie wollen. Hier sind sie sicher. 72 Noch ein Zitat: Der Bischof (Hudal) kam in das Zimmer, in dem ich wartete, streckte mir die Hand entgegen und sagte: Sie müssen Franz Stangl sein. Ich habe auf sie gewartet. 73 (Franz Stangl war Kommandant von Treblinka.) Hudals gute Taten: Nach 1945 habe ich meine Wohltätigkeitsarbeit in erster Linie den früheren Mitgliedern des Nationalsozialismus und Faschismus gewidmet, besonders den sogenannten Kriegsverbrechern, die verfolgt wurden und komplett unschuldig waren.. 74 Hudal half Ustascha-Massenmörder Ante Pavlic, SS-Oberst Walter Rauff, dem Erfinder des mobilen Gaswagens, Gustav Wagner, stellvertretender Kommandant von Sobibor, der eine viertel Million Juden tötete. Josef Mengele, den Todesarzt von Auschwitz., Adolf Eichmann, Architekt der Endlosung, usw. Adolf Eichmann: Ich erinnere mich mit große Dankbarkeit an die katholischen Priester, die mir bei der Flucht durch ganz Europa geholfen haben. Und um die Katholische Kirche zu ehren, habe ich mich entschieden Ihr Ehrenmitglied zu werden. 75 (Eichmann war Protestant) Kardinal Schönborn, Erzbischof von Wien: Bitte erinnern Sie sich an das Jahr Diese Welle der sexuellen Freizügigkeit hat damals die ganze Gesellschaft erfaßt. Ich brauch' gar nicht die Mühl-Kommune als negatives Beispiel nennen. Es gab Zeiten, in denen das in intellektuellen Kreisen durchaus hofiert wurde. 76 Und wer hat Mühl gefördert? Josef Dvorak, katholischer Theologe, über Otto Mauer: Jedenfalls war er der Meinung, daß Otto Mühl und Hermann Nitsch in seiner Galerie viel besser aufgehoben wären als in meiner. Deshalb intrigierte er maßlos gegen mich. 77 Otto Mauer kreierte den Aktionismus und er prägte seinen Geist, der allgegenwärtig in der Kunstwelt geworden ist. Die antihumanistischen Tendenzen haben sich nicht entwickelt, sie waren sofort da. Monsignore Mauer hat den Aktionismus gesellschaftsfähig und offiziell -vertretbar in Österreich gemacht. Aktionismus hätte sich nie so ringsum verbreitet, wäre sein Hauptförderer nicht ein Priester gewesen. Am 17. April 1967 gab Mühl zusammen mit Oswald Wiener und Peter Weibel eine aktionistische Vorführung in Mauers Galerie nächst St. Stephan, 78 der Brutstätte des 72 Hans Mahler, Bischof Alois Hudals Sekretär, Tonband Aufnahme 1979, Die Waffen SS, ZDF, Gerald Steinacker: Nazis auf der Flucht, Studien Verlag, Innsbruck, Alois C. Hudal, Römische Tagebücher, Lebensbeichte eines alten Bischofs, Leopold Stocker Verlag, Graz, 1976, S Ernst Klee, Persilscheine und falsche Pässe: wie die Kirchen den Nazis halfen., Fischer Taschenbuch Verlag, 1991, S Kurier, 6. März Josef Dvorak: Aus dem Anfang des Wiener Aktionismus, Wiener Sonderdruck, Wien, 1981, S

15 Aktionismus. (Die sadomasochistische Veranstaltung an der Universität Wien folgte am 7. Juni.) Mühl war schon damals als Veranstalter und Star von Fäkalorgien berühmt. 79 Diese sollten als Basis für das gescheiterte Experiment dienen. (Mühls Partnerin Hanel Koeck, die Frau von Kunstkritiker Peter Gorsen, hat sich auch Hermann Nitsch für ähnliche Veranstaltungen zur Verfügung gestellt. 80 ) Hier agiert Otto Mühl während er Otto Mauers Unterstützung genossen hat. Kerstin Braun: Der Akt der Zerstörung selbst wird wie in den Aktionen, in denen Mühl Tiere tötet oder töten läßt zur Darstellung gebracht und gegen die Torturen der berechnenden und beherrschenden Zivilisation gesetzt, denen Mensch und Tier in zweckrationalen ökonomischen, wissenschaftlichen, politischen oder religiösen Funktionszusammenhängen auf instrumentelle, mechanisierte Weise unterworfen werden. Mühl propagiert dementsprechend MORD ALS KUNST: früher wurden tiere und menschen rituell gefoltert und getötet. heute werden tiere in massen hingeschlachtet, um die milliarden wichtelmägen zu füttern./massen von wichteln lassen sich für politische ziele sinnlos abschlachten. /die medizin macht tödliche experimente mit wichteln und tieren./ nur die kunst soll da tatenlos zuschauen? NEIN! AUCH DIE DIREKTE KUNST FORDERT DEN IHR ZUSTEHENDEN BLUTZOLL! 81 Im Zuge des aktionistischen Beharrens aus dem Gewaltspruch gegenüber dem Gewaltmonopol des Staates, was bereits im Surrealismus thematisiert wird, fordert Mühl auch die Freiheit, das Schlachten von Menschen öffentlich als Aktion zeigen zu dürfen. Niemand soll dabei gegen seinen Willen umgebracht werden die Akteure hierzu hofft er durch einen dementsprechenden Aufruf an alle Selbstmörder zu finden. Angesichts der Sinnlosigkeit tagtäglich zu Tode gebrachter Menschen scheint Mühl dies ein innerhalb unserer Gesellschaft gerechtfertigtes Ausdrucksmittel zu sein. 82 Schlüsselzitat Otto Mühls: Die ist auch so eine Scheiße etablierte Mühl die Kommune in der Praterstraße, während er Otto Mauers Unterstützung genossen hat. In dieser Zeit ist Otto Mühl mit mehreren mit Geschlechtskrankheiten infizierten Kindern ins Allgemeine Krankenhaus gefahren. Die damalige Oberschwester war Greta Scherhak. 84 Dadurch, daß Mauer jene gefördert hat, die Kindsmißbrauch praktizierten, war er Verbindungsglied zum kirchlichen Mißbrauch. Es schien ein Mann, der sich öffentlich im Kot begattete, 85 der eine Gans enthauptete und eine Frau mit dem Halsstumpf penetrierte, 86 geradezu prädestiniert, eine Kommune zu leiten, 78 Peter Weibel, Valie Export: Wien: Bildkompendium Wiener Aktionismus und Film, Kohlkunst Verlag, Frankfurt, 1970, S Ebd., S ; Peter Gorsen: Das Nachleben des Wiener Aktionismus. Interpretationen und Einlassungen seit 1969, Ritter Verlag, Klagenfurt, Peter Weibel: Ein deutscher Krimi, Der Standard, 19. April 1989, Wien, S Otto Mühl: mama & papa. materialaktion, Frankfurt am Main, 1969, S Kerstin Braun: Der Wiener Aktionismus: Positionen und Prinzipien, Böhlau, Wien, S ; Otto Mühl, Aktionismus, 1973, Typoskript, Koll, F. 83 Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, S Quellen: Greta Scherhak; Walter Jaromin, Detektive. 85 Peter Weibel, Valie Export: Wien: Ein Bildkompendium Wiener Aktionismus und Film, Kohlkunst Verlag, Frankfurt, 1970, S Fritz Rumler: Ein Problem der Umweltverschmutzung?, Der Spiegel, Nr. 47, Nov. 16, 1970, Frankfurt, S. 254; Otto Mühl 7, Peter Noever, Hrsg., Kurator, Museum f. Angewandete Kunst, Cantz Verlag, Ostfildern, 1998, S Leda und der Schwann, Perinetkeller, Wien,

16 wo er als Hüter von Kindern fungierte. Dort herrschte er fast zwei Jahrzehnte unbeschränkt. Die Subventionen flossen, und Lob kam von den höchsten Stellen. Bruno Kreisky: Mein Freund und größter Maler, vielleicht der beste, den wir in Österreich haben. 87 Als Mensch hat er eine große intensive Entwicklung durchgemacht und in der Tat hat er neue menschliche Qualitäten ins Leben der Gemeinschaft eingebracht. 88 Und über die Kommune: Von der liberalen Warte aus betrachtet, bleibt uns nichts anderes übrig, als diese jungen Menschen gewähren zu lassen. 89 Man muß dieses Experiment gegen Angriffe, vor allem von den deutschen Zeitungen in Schutz nehmen. 90 Die Kommune ist auch von Theodor Kery, Hilde Hawlicek, Karl Blecha und Helmut Zilk unterstützt worden. 91 Die Mühlkommune hielt ich anfangs für ein hochspannendes Experiment (war es wohl auch) Peter Huemer, Historiker Peter Turrini, Gastkommunarde am Friedrichshof: Das erste Mal, als es mir gelungen ist, so etwas wie Sympathie der Gruppe zu erwerben, war ein Muttermord. Also, ich habe dann bei dieser Selbstdarstellung, so einen rituellen Muttermord gemacht; und ich hab das halt so durch Schreien und Brüllen und Weinen und Brunzen und Scheißen, so eine vollkommene Auflösung und gleichzeitig Ermordung gespielt, erlebt; das war immer gemischt. Und als das dann zu Ende war und ich dann nackt und schwitzend und schluchzend am Boden lag, da sind die hergekommen und haben mich gestreichelt und haben irgendwie gesagt: Das ist ja wahnsinnig angenehm, das ist ja wirklich was; wer ist schon ein wirklicher Muttermörder? Mein Eintritt in die damalige Gruppe war ja ein Muttermord. 93 In den 80ern war ich zwei oder dreimal auf dem Friedrichshof und es hat mir dort überhaupt nicht gefallen. Höchst unangenehme Atmosphäre und dieser grotesk lächerliche Kult um Mühl. Ich habe daher keine weitere Einladung angenommen. Vom Mißbrauch der Kinder hatte ich damals keine Ahnung, aber es hat mich auch nicht wirklich gewundert, als ich davon las Peter Huemer Als die Umstände in der Kommune von der Presse aufgegriffen wurden, versuchten Mühls Befürworter zu beschwichtigen, einschließlich Standard-ten-Träger Peter Sichrovsky, der als sein Vorreiter mit Artikeln wie Das Sonnenreich des Aktionisten hervorgetreten ist und der für Mühl als PR-Berater gearbeitet hat. 95 Im Winter 1989 wurden Mühl und seine Mit-Aktionisten bei ihrer Ausstellung in Kassel durch Bundeskanzler Franz Vranitzky geehrt, der diese eröffnete. 87 Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität: AAO: Mühl-Kommune Friedrichshof, Verlag für Gesellschaftskritik, Wien, 1992, S Ebd., S Im Brennpunkt: Die Tage der Kommune, Dokumentation von Elisabeth Scharang, ORF, 11. Feb. 1998, Zitat von Robert Sedlacek, Sekretär von Bruno Kreisky, Ebd., Zitat von Karl Iro. 91 Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, S Peter Huemer, Brief an Herbert Kuhner. 93 Im Brennpunkt, ORF, 11. Feb Peter Huemer, Brief an Herbert Kuhner. 95 Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, S

17 Nachdem Mitglieder der Kommune rebelliert hatten, brachten ihn revisionistische Hetzblätter zu Fall. Liberale Zeitungen verteidigten ihn oder hielten sich mit Kritik zurück. (Betreffend revisionistisches Gedankengut, muß man hier betonen, daß diejenige, die den Mord an eineinhalbmillionen Kindern in den Todesfabriken des Dritten Reiches verharmlosen, nicht wirklich gegen Kindesmißbrauch sind.) Ex-Kommunarde Andreas Schlothauer: Die meisten von uns (ehemaligen Mitgliedern) wissen, daß Otto Mühl die 12 bis 16 jährigen Mädchen nötigt. Er praktiziert das, was im Mittelalter jus primae noctis hieß, nur hat Hr. Mühl dieses Recht auf Wochen und Monate ausgedehnt. 96 Eine Anklage gegen Mühl auf Grund von Aussagen von Kommunarden kam Ende 1989 zu Stande. Schlothauer über Ereignisse im Mühl-Prozeß am 23. Januar 1990: Nach den bewegenden Schilderungen der sieben von Mühl mißbrauchten Mädchen folgte unter Ausschluß der Öffentlichkeit die Video-Vorführung eines Zusammenschnittes verschiedener Darstellungen am Friedrichshof. Neben Gewalttätigkeiten Otto Mühls war mehrfach seine Frau Claudia zu sehen, wie sie minderjährige Kommunarden vor einem enthusiastischen Publikum zum Oralverkehr nötigte. 97 Staatsanwalt Rabonog meinte, noch unter dem Eindruck der Zeugenaussagen und Videovorführung stehend, in seinem Plädoyer: Ich habe schon viele große Prozesse erlebt, aber noch in keinem hat mich das Schicksal der Opfer so bedrückt wie in diesem. Mühl hat Terror ausgeübt. Was ein KZ ist, wissen wir aus der Geschichte. Was die Mädchen am Friedrichshof mitmachen, war genau so schrecklich. Otto Mühl hat mit Menschen experimentiert, er hat sie manipuliert. Er war als Künstler so sensibel, daß er zu wissen glaubte, wenn ein Mädchen nein sagte, es tatsächlich ja meinen müsse. Die Jugendlichen waren nicht freiwillig dort, er hatte ihnen die Eltern genommen und damit die Möglichkeit, die Kommune zu verlassen. Sie hatten keine Chance. 98 Richterin Jelinek sagte anschließend: Ich habe die Filme gesehen. Sie übertreffen alles Bisherige, sagte die Richterin Frau Jelinek anschließend. Die Buben wollten das nicht, sie haben geweint. Die sind für ihr Leben geschockt. Es war ihr Bub, ihr eigener Bub und seine Stiefmutter! (Einer der Jungen ist der Sohn von Otto Mühl und Claudias Schwester.) 99 MAK: Otto Mühl: Das Leben, ein Kunstwerk Die großen Verbrechen dieser Erde sind Mord und Vergewaltigung sowie Folter. Ein Mörder tötet einen Menschen. Ein Vergewaltiger schändet einen Menschen ein Folterer verursacht seinem Opfer unerträgliche Schmerzen. Das Leiden eines Ermordeten wird beendet, sobald er tot ist. Ein Opfer einer Vergewaltigung wird psychisch getötet, lebt aber weiter. 96 Ebd., S. 145: 97 Ebd., S Ebd., S Ebd., S

18 Pädophilie heißt, daß ein Säugling, ein Kind oder ein Minderjähriger vergewaltigt wird. Pädophilie kann mit gewaltsamen Mitteln, Einschüchterung oder Verführung zustande kommen. Pädophilie ist gleichbedeutend mit dem Mord an einem Säugling, einem Kind oder einem Jugendlichen. Diejenigen, die solche Verbrechen begangen haben, müssen vor Gericht gestellt werden, sowie diejenigen, die ihnen geholfen und sie gedeckt haben. Ein Verbrechen ist ein Verbrechen, auch wenn die Täter links stehen. Dies haben Stalin,Mao und die Kymer Rouge bestätigt. Almuth Spiegler: Otto Mühl: Künstler, Verbrecher, Demagoge. Zumindest Mühl war auch ein Verbrecher. Er tat, was man in letzter Konsequenz nicht tut in der Kunst, er nahm sich beim Wort und setzte um, was er in den Sechzigern in anarchistischen Manifesten gefordert hatte: die direkte Kunst, realisiert in einer Kommune, die sich von der Sozialutopie in ein Trauma wandelte, zu einem totalitären Bespitzelungs- und Mißbrauchsapparat. 100 Derzeit steigen sie gerade wieder auf ihre Ringelspiel-Schaukelpferde die Moralattackierer, die letztlich ein wenig peinlich wirken, wenn sie seit Jahrzehnten mit dem gleichen Kopf gegen die gleiche Wand rennen Dr. Rudolf Scholten, Kontrollbank- Direktor, Kunstminister, a. D, betreffend Otto Mühl Schutzwände gibt es tatsächlich. Nachdem Mühl wegen sexuellen Mißbrauchs Minderjähriger, Vergewaltigung, erzwungener Abtreibung und Kindesmißhandlung zu sieben Jahren Haft verurteilt worden war, 102 ist er mit zwei, von Kulturstadträtin Ursula Pasterk hochsubventionierten Gedenkausstellungen geehrt worden. Diese Tatsache ist leider nur von der revisionistischen Seite angeprangert worden. Heute haben die Revisionisten blendende Karten. Ist es nicht endlich Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen? Unter jenen Kollegen, die für ihn sprachen, sind Christian Ludwig Attersee, Kurt Kalb, Oswald Oberhuber, Arnulf Rainer und Hermann Nitsch, der ihn mit Egon Schiele verglich. 103 Und viele anderen haben für seine Freilassung unterzeichnet. Auch Grün-Politiker Peter Pilz verwendete diesen Vergleich: Und was ist dann mit Egon Schiele? Der ist neunmal im Gefängnis gesessen. 104 (Nach Museum Online Österreich: Schiele wurde erstens wegen Entführung und Schändung einer Minderjährigen sowie zweitens wegen der Tatsache, daß Kinder bei ihm erotische Zeichnungen sehen konnten, angeklagt. Der erste Anklagepunkt wurde fallengelassen (wahrscheinlich zogen die Eltern des Mädchens die Anzeige zurück), somit fiel die Strafe geringer aus. Schiele verbrachte insgesamt 24 Tage im Gefängnis. Der Richter 100 Almuth Spiegler Otto Mühl: Künstler, Verbrecher, Demagoge, Die Presse, 27, Mai Rudolf Scholten, Profil, Nr. 11, 8. März 2004, S Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, Klappentext. 103 Ebd., S. 122 und Ihr seid s alle Sex-fixiert, News, Nr. 10, 3. Okt. 1996, Wien, S

19 verbrannte eine erotische Zeichnung während der Gerichtsverhandlung. Noch eine kurze Bemerkung: Der Richter war Sammler erotischer Zeichnungen. 105 ) Peter Noever verglich Otto Mühl mit Cellini und Caravaggio, als Bespiele für Künstler, die Gewaltakte übten. 106 Cellini tötete den Mörder seines Bruders in einem Duell. Caravaggio tötete einen Mann im Streit anläßlich eines Tennisspieles. Diese Taten waren nicht Ausdrücke ihrer Kunst, sondern Totschläge begangen von Hitzköpfen. Mühls Befürworter und Apologeten bezeichneten die Kommune als gescheitertes Experiment. Nach Heinz Sichrovsky von News: Mühl aber versuchte in seiner Kommune als einziger Künstler die Verwirklichung politischer Utopien von der Freiheit der Sexualität und des Eigentums. Er scheiterte grotesk und ging für sieben Jahre ins Gefängnis. 107 Aber Otto Mühls Schicksal ist untypisch. Sich in Kot zu wälzen, heißt meistens, sich ohne Probleme in Geld zu wälzen. Nachdem Otto Mühl 1998 aus dem Gefängnis entlassen worden war, hat man sein Dramolette am 12. Februar 1998 im Burgtheater aufgeführt mit Hilfe von Peter Turrini, Christian Ludwig Attersee und Einar Schleef. Am 18. Februar ist eine Ausstellung seiner Gefängnismalerei im Österreichischen Museum für angewandte Kunst in Wien eröffnet worden. Claus Peymann erklärte vehement, daß er berechtigt war, das Burgtheater für Mühl zur Verfügung zu stellen, weil Mühl seine Strafe abgesessen hat. 108 Sein Stück Muchl ist unter anderem eine Travestie der Justiz, die Mühl wegen Mißbrauchs und Vergewaltigung Minderjähriger verurteilt hat. Mühls Reue für seine Taten: Ich habe keine Schuldgefühle für das, was ich getan habe. 109 Und drei Jahre später: Ich habe in der Kommune schon Fehler gemacht, aber in der Sexualität sicher nicht. 110 Mühl weiter: Ich hab keine Feinde. Wer mich nicht liebt, ist ein Psychopath. 111 Auszug aus dem Brief von Otto Mühl, l8. Juni 2010 an Daniele Roussel, auf das Verlangen von Rudolf Leopold: die stellungnahme der jugendlichen damals im gerichtssaal machte mich fassungslos. ich wollte sie befreien und habe sie mit sexueller überschreitung stattdessen Peter Noever, Treffpunkt Kultur, ORF, 8. März Heinz Sichrovsky, D. Kaindl, A. Stroh, A. Pasher: 1968: Aufstand der Kunst, News, Nr.16, 16. April 1998, S ORF Berichterstattung, Feb Zitiert im ORF-Diskussion Zur Sache" , Otto Mühl an der Burg - Kunst oder Provokation. 110 Arte Metropolis, 8. Dezember Otto Mühl Interview: Ich bin drunten der Dreckige, Die Zeit, , Nr. 10, Hamburg. 19

20 überrumpelt und gekränkt. es war auf keinen fall meine absicht. ich hoffe, dass sie mir verzeihen. Claus und Klaus: Klaus Bachler: Das Programm der Spielzeit 2005/2006 ist ein besonderer Haltepunkt am Weg einer konseqenten (sic!) Entwicklung. 112 Am 19. November 2005 ist Hermann Nitsch in den Tempel der Sprache (Klaus Bachler) eingeladen. 113 Otto Mühl Ausstellung im MAK, 3 März 2004: Otto Mühl. Leben/Kunst/Werk- Aktion/Utopie/Malerei (Originaltitel: Otto Mühl: Das Leben, ein Kunstwerk ) MAK-Kuratorium: Andreas Treichl, Vorsitzender (Erste Bank, Direktor) Rudolf Scholten ist Vorsitzender des MAK-Kuratorium, Stellvertretender Vorsitzender Kontrollbank-Direktor und Mitglied im Exekutivkomitee der Bilderberg-Konferenz. Otto Mühl ist einer der bedeutesten Künstler der Nachkriegszeit. 114 Es geht nur um das künstlerische Werk von Otto Mühl... Die Ausstellung ist notwendig, um zu erfahren wer Otto Mühl ist. 115 Die Dinge sind nicht zu trennen Peter Noever, Direktor, MAK Otto Mühl: Wir leben hier in einem Kunstwerk, das wir gemeinsam machen, und es unterscheidet sich von jeder bisherigen Kunst dadurch es ist eine äußerst revolutionäre Kunst denn diese Kunst lebt tatsachlich. Also die ganze Welt ist für uns das zu gestaltende das das im Kunst umzusetzende. 117 Jene, die Otto Mühls Arbeiten fördern, verbreiten sein Geist. Mühls Kunst und Leben werden als Einheit verkauft. Seine Taten werden mitverkauft. Blut als Farbe bei Nitsch genau so ein kommerzieller Pluspunkt. Blut und Grausamkeit sind die Elemente, die die Ware reizvoll machen, und diese Faktoren ermöglichen den Verkauf zu extrem hohen Preisen. Bundespräsident Fischer schaltet sich ein: Ich kenne aber Direktor Peter Noever seit vielen Jahren als jemanden, der in seiner Arbeit im MAK ganz bestimmt nicht die Delikte von Otto Mühl in irgend einer Weise bagatellisieren will, sondern dem es um eine Aufarbeitung dieses tragischen Bereiches geht wobei wir immer sehr darauf Bedacht sein müssen, uns nicht in Dinge einzumischen, die ohne Einmischung der Politik entschieden werden müssen. 118 Profil: Der frühere Kulturminister Rudolf Scholten über die Aufregung rund um die große Otto-Mühl-Ausstellung in Wien: Derzeit steigen sie gerade wieder auf ihre Ringelspiel- 112 Ebenda 113 Herner Feuilleton, 24. August Peter Noever, Kronen Zeitung, 4. Feb Peter Noever, Treffpunkt Kultur, ORF, 8. März Peter Noever, Zeit im Bild 3, ORF, 8. März Meine keine Familie, Film von Paul-Julien Robert, Heinz Fischer, Zweiter Präsident des Nationalrates, 11. Juni 2003, Brief an Hans Schroeder-Rozelle. 20

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