Sabiene Autsch Jens Andres. Die Wunderkammer ( Kunstverein Oerlinghausen)

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1 Sabiene Autsch Jens Andres. Die Wunderkammer ( Kunstverein Oerlinghausen) Wunderkammern sind Räume, die Wundersames beherbergen, was den Betrachter verwundert. Ein solches Verständnis ist in die frühen Raritäten- oder Kuriosenkabinette des 14. Jahrhunderts gleichsam eingeschrieben, die als repräsentative Sammlungen Naturalien, Exotisches und Kuriositäten vereinten. Ein Sammelsurium oder buntes Potpourri, so möchte man meinen, angesichts des dichten Nebeneinanders von Muscheln und Bergkristallen, von Tierpräparaten, Kunstuhren, Porzellan und seltener Literatur etwa über die Alchimie. Mit den Sammlungen wurde ein universeller Zusammenhang aller Dinge konstruiert, mit dem Ziel, eine Weltanschauung zu vermitteln, in der Geschichte, Kunst, Natur und Wissenschaft nicht mehr isoliert, sondern nunmehr vereint sind. Wurden in der Scholastik des Hoch- und Spätmittelalters alle Wissensgebiete noch von einem abstrakten Standpunkt aus gleichsam spekulativ erfasst, so repräsentiert die Wunderkammer ein Wissensmodell, das Erkenntnis aus der direkten Beobachtung ermöglichte. Wunderkammern bezeichnen zudem auch ein museales Konzept, in dem das Sammeln und das Ausstellen synästhetisch aufeinander bezogen sind und darin als Vorläufer von den heute üblichen spezialisierten Museen verstanden werden können. Mit diesen knappen Hinweisen auf den Titel, den Jens Andres mit einem leicht ironischen Unterton für seine Ausstellung hier im Kunstverein Oerlinghausen gewählt hat, möchte ich Sie einleitend einstimmen auf das, was hier in der Ausstellung präsentiert wird. Aus der historischen Rückschau und mit Blick auf die aktuellen künstlerischen Arbeiten und Strategien von Jens Andres wird ein Spannungsverhältnis deutlich, das aus unterschiedlichen Blickpositionen auf die Dinge resultiert, die uns umgeben, denen wir Beachtung schenken, die uns wichtig und wertvoll sind und die bewahrt werden, egal ob in Kammern oder Schuhkartons, in Alben, Archiven oder eben in Bildern. Das ist es auch, was Jens Andres stets bewusst mitreflektiert und kalkuliert, wenn er über Wissen und Ästhetik, Triviales und Seriöses, Spiel und Rationalität spricht. Dieses Spannungsverhältnis versetzt den Betrachter außerdem in eine Bewegung, die ich als ein Pendeln beschreiben würde, was Sie sicherlich alle kennen und als Körperhaltung nachvollziehen können. Bei der Vorbereitung zu dieser Eröffnung bin ich immer wieder bei dem Begriff Die Wunderkammer hängen geblieben und sah meine Herausforderung darin, Sie über das künstlerische Werk von Jens Andres zu informieren, d.h. um mit einem schlüssigen Text auf 1

2 seine montierten Bildwelten zu antworten. Mit einem Text, der zugleich aber auch jenem Pendeln gerecht werden soll, das scheinbar notwendig ist, um ein wenig nachvollziehen zu können, was Jens Andres motiviert, seine Sicht von Welt in installative Malereien zu übersetzen und im Ausstellungsraum als Bildensembles zu exponieren. Begeben Sie sich also nunmehr gemeinsam mit mir in eine Haltung, bei der Sie intellektuell und körperlich aufgefordert werden, Ihren Standort immer wieder zu verlassen, um einen neuen einzunehmen. Als Vorgabe und Vorlage dafür dient, wie könnte es auch anders sein, der Begriff Wunderkammer, den ich in seine einzelnen Buchstaben zerlegt und durchdekliniert habe, was mir einen ordnenden und zugleich fragend-assoziativen, eben beweglichen Zugang ermöglicht. Fangen wir also an mit dem W wie Wohnzimmer, aus dem heraus Jens Andres uns bereits 2007 Neuigkeiten und Abenteuer heraus versprach. In den Kontext von Wohnzimmer und Wunderkammer schreibt sich auch das Archiv für nichtgestellte Fragen ein, womit Jens Andres 2008 die Reihe jener Räume fortsetzte, die als Erinnerungsagenturen unser kollektives Gedächtnis zu verwalten suchen. Die darin gesammelten und gespeicherten Quellen, Bilder, Texte, Objekte gelten als geordnetes und gesichertes materielles Erbe, das im flüchtigen digitalen Zeitalter umso wertvoller und wichtiger für die Legitimierung der eignen Identität erscheint. In diese vermeintlich historisch stabilen Architekturen ordnet sich Jens Andres gleichwohl in ironischer Distanz mit seiner Kunst ein, verortet sich somit in einem räumlichen Arsenal, das als Speicher- und Sortiersystem zunächst einen Kontrast zu seinen ephemeren Bildwelten darstellt. Dadurch wird eine Spannung erzeugt, wodurch nicht nur unterschiedliche Räume in Beziehung zueinander treten, sondern auch das scheinbar Triviale, Alltägliche oder Absurde in den Horizont des Archivierbaren und somit des Erinnerungswürdigen rückt. Die Wunderkammer als Zitat eröffnet somit ein räumliches Denken, das nicht fest, unverrückbar oder statisch, sondern vielmehr dynamisch, beweglich und konstruierbar erscheint. Was zunächst als Raum, als Rahmen oder Rahmung verstanden werden kann, transformiert in der reflektierten künstlerischen Auseinandersetzung in konzeptionell installierte Ensembles. Diese scheinen eine Vorraussetzung dafür zu sein, um zu verstehen, dass es in den Arbeiten von Jens Andres auch nicht um das Motiv, das Bild oder die Malerei als singuläre Erscheinung oder Gattung geht, sondern dass die Arbeiten nur in einem räumlichen Verbund existieren und daraus auch ihre Identität erhalten. Man darf gespannt sein, welcher Raum es 2

3 sein wird, den Jens Andres demnächst zitieren wird? Vielleicht das Atelier, den Atlas oder die Bibliothek? U Unterschiedliche Stile und Motive und fallen beim Gang durch die Ausstellung und ersten flüchtigen Blick auf die Arbeiten spontan auf, die bei näherer Betrachtung als ars combinatoria identifiziert werden können. Zu sehen sind aus einer ungewöhnlich intensiven Beobachtung des Künstlers heraus und in geradezu meisterlicher Akribie entstandene Modulierungen von Fell, Gefieder oder Haut in Öl und Acryl, ferner scheinbar gestisch geschleuderte Farb- und Malspuren, die sich atmosphärisch verdichten und einen Hintergrund, vielleicht eine Landschaftsformation andeuten, um sofort von einer benachbarten monochromen Fläche aufgehalten oder durch Ornamente oder Piktogramme abgelöst zu werden. Dazwischen Leerstellen, manchmal auch Wörter wie Wut oder Sprechblasen mit ganzen Sätzen: Begib dich auf vages Terrain, die in ihrem Aufforderungscharakter auch als Handlungsanleitungen verstanden werden können. Dieses malerische Cross-Over in Korrelation mit der motivischen Disparität wird zusätzlich intensiviert durch die Zusammenstellung der einzelnen Arbeiten, die an der Wand als großformatige Tableaus erscheinen. Diesem tableauartigen Anordnen von Einzelbildern liegt eine genaue Konzeption zugrunde, so dass kein Bild austauschbar oder gar isoliert stehen könnte. Die Interventionen in dieses klar konstruierte Regelsystem, wie es exemplarisch mit der Arbeit Korrektur 1-4 (2005), als ein in Felder aufgeteiltes Spielfeld repräsentiert wird, sind allein dem Künstler vorbehalten, der an solchen Findungsprozessen mehrere Monate, manchmal auch Jahre arbeitet. Dass es sich dabei auch nicht um ein beliebiges Spiel handelt, macht der Vergleich mit dem Künstlerpaar Bernd und Hilla Becher an dieser Stelle deutlich. In ihrer fotografischen Arbeit setzten sie das Prinzip des tableauartigen Anordnens zur Abwicklung eines einzigen Objekts in mehreren Ansichten ein. Die Strategie der Anordnung von einzelnen, überwiegend quadratischen und rechteckigen Keilrahmen in ein Tableaus führt bei Jens Andres erst im Verbund mit der Wand des Ausstellungs- oder Galerieraums zu jener Bildordnung, durch die sich das Bildmotiv erst formiert und als Aussage vermittelbar wird. Das Tableaus, eine Bezeichnung für eine Tafel oder auch eine Übersicht, dient dem Künstlerpaar Becher zur Systematisierung und Typologisierung ihrer fotografischen Arbeiten, so setzt Jens Andres es zur Intensivierung seiner montierten Bildmotive und kryptischen Bilderzählungen ein. Aufgrund der Dynamik und der kürzelhaften, oftmals abstrakten oder mehrfach codierten Formulierungen schafft er so Bezüge, die aber keinen wirklichen Sinn ergeben. Seine malerisch inszenierten Erzählungen 3

4 erinnern darin zugleich auch an ein filmisches Erzählen, bei dem der Betrachter aufgefordert ist, zeitliche und kausale Ordnungen selbst herzustellen. Mit einer geradezu kindlichen N wie Neugierde richtet Jens Andres seinen Blick auf die Welt, die ihn umgibt, die ihn geprägt hat, die Fragen aufwirft und die verwundert. Wie ein Alchimist verarbeitet er Vorgefundenes, Spuren und Hinweise aus dem Alltag, der Werbung, des Comics und der Kunstgeschichte, sammelt und transformiert sie und inszeniert daraus seine Bildwelten. Neugierde in Verbindung mit einem D detektivischen Suchen, wie Helga Kämpf-Jansen die Permanenz des genauen Beobachtens, des Entdeckens und Deutens einmal so treffend beschrieb, sind integrative Elemente und zugleich Motoren im künstlerischen Schaffensprozess. Dieser beginnt nicht erst mit dem Auftragen der Farbe auf die Leinwand oder auf die Platte, sondern setzt bei Jens Andres schon in seinem Alltag ein, etwa auf der Fahrt mit dem Bus durch die Stadt und dem Beobachten der Mitreisenden. Das geradezu detektivische Aufspüren von alltäglichen Szenen und Gesprächen, die nicht gehört werden sollen oder von Verhaltensweisen, die so anders sind und genau darin verwundern, ist konstitutiver Bestandteil des künstlerischen Blicks und der künstlerischen Praxis. Die scheinbar unbeachteten Dinge, die anderen gar nicht auffallen und nicht gesehen oder gehört werden würden, sammelt Jens Andres, archiviert sie und montiert sie malerisch zu eigenen Geschichten zusammen. In einer aktuellen Arbeit, die betitelt ist mit E Er verlor sich in abstrakten Gedanken, lässt sich das bisher Gesagte sehr gut verdeutlichen und zugleich um den Aspekt des Räumlichen akzentuieren, was wiederum auf das ungewöhnliche Format des Bildträgers zurück zu führen ist. Diese Arbeit aus dem Jahr 2010 zählt zu den sog. Shaped Canvas, also den geformten Leinwänden, die bei Jens Andres auch als shaped MDF bezeichnet werden könnten, handelt es sich bei seinen Bildträgern aus dieser Reihe nahezu ausschließlich um MDF-Platten. Im Gegensatz zum traditionellen Tafelbild, welches durch seine äußere Form die innere Struktur bestimmt, bestimmt bei einem shaped canvas die innere Struktur die äußere Form. Ein shaped canvas verlässt die Leinwand als rechteckiges Gebilde und ermöglicht dadurch ungewöhnliche Formen, wie in diesem Beispiel, die aufgrund einer eigentümlichen innerbildlichen Kippbewegung dadurch auch zu den sogenannten R Rätselbildern von Jens Andres gezählt werden können. Zu sehen sind monochrome blaue Formen, die wie Wolken erscheinen, an Sprechblasen aus einem Comic oder an ein Piktogramm erinnern und an exponierten Stellen mit drei 4

5 Buchstaben (a., e., und b.) in einem altdeutschen Schrifttypus versehen sind. Mit drei gefiederten Tieren aus der heimischen Vogelwelt, einer Blaumeise (oben), einem Zaunkönig (rechts) und einem Buntspecht (links) wird hier eine vermeintlich beschauliche (deutsche?) Idylle geschaffen, die dem Auge allerdings nur wenig Zeit zum Entspannen ermöglicht. Denn in diese figürliche Szenerie schiebt sich eine farbig modulierte Fläche, die eine Abstufung von hell (oben) nach dunkel (unten) aufweist und in ihrer gestischen Dynamik nicht als Hinteroder Untergrund, sondern vielmehr als ein weiterer Bildgegenstand gedeutet werden kann. Unterstützt wird die farbige Fläche in ihrer eigenständigen Figuration dabei durch die Form des Bildträgers, die wir als Bildmotiv aus anderen Arbeiten her kennen, in denen Jens Andres sie als Gedankenblase aus Comics zitiert (s. Einladungskarte mit der Arbeit Was ich fürchte ist die Gedankenlosigkeit 2 ). An dieser Stelle setzt die erwähnte Kippbewegung ein. Hier bündelt sich die disparate figürliche Bilderwelt in der Form des Bildträgers und wird durch diesen gleichsam reflektierend einer Abstraktion unterworfen. In dieser Arbeit fällt neben der malerischen Qualität, die Jens Andres als einen wirklich sehr guten Maler auszeichnet, vor allem auch ein kompositorisches Gespür auf, das er geschickt einzusetzen versteht. Dadurch erhält die Arbeit in ihrer Bewegung wieder eine Art Balance verhalten sich die Motive und die Form in einem ausgewogenen Spannungsverhältnis zueinander. Den Weg, den wir bei Kunst, die uns vordergründig kein Angebot zum Lesen oder Verstehen macht, über die figürlichen Motive suchen, ist letztlich ein Irrweg und muss sich zweifelsohne in abstrakten Gedanken verlieren. K Künstler, Maler, Meisterschüler an der Kunsthochschule Kassel (1999), Student der Freien Kunst bei Urs Lüthi, Kurt Haug und Dorothee von Windheim ( ) in Kassel, Student der Kunstgeschichte an der Universität Mainz ( ), Forscher, Geschichtenerzähler, Philosoph, Preisträger (seit 2008 Atelierstipendium der Stadt Wiesbaden im Kunsthaus Wiesbaden, 1. Preis für Kunstprojekt im öffentlichen Raum in Schwetzingen), Fallensteller, Kurator, Tiermaler, Denker, Lehrbeauftragter, Detektiv, humorvoller Zeitgenosse. A Andres: Die Bilder, das bin ich. M M (zwei mal M): Malerei / Installative Malerei Die Malerei ist stets ein streitbares Medium gewesen, die, mit Blick auf ihre Vergleichbarkeit mit anderen Künsten, wie etwa der Bildhauerei und der Fotografie immer wieder die kritische 5

6 Auseinandersetzung gesucht hat und auch suchen musste. Oft ist ihr Ende postuliert, der Ausstieg aus dem Bild kontrovers diskutiert worden, wie in den 1960er und 1990er Jahren. Mir scheint, dass die Malerei nicht tot sein kann, solange Bilder gemalt werden konstatierte Robert Ryman 1993 und man möchte ihm beipflichten, hat sich Malerei vor allem im intermediären Kontext gegenüber computergenerierten Bild- und Raumbehauptungen positionieren können. Dadurch ist es ihr auch gelungen, sich von der Last des Absoluten, der Wahrheit und des Schönen befreien zu können. Die Streitbarkeit des Mediums Malerei als Bilderstreit hat sicher auch den Aufstieg sogenannter Schulen, wie etwa die Leipziger Schule mit gefördert. Der Berliner Kurator Christoph Tannert wies angesichts dieser Tendenzen auf die New German Painting hin und sah im Abtasten der Möglichkeiten des Historienbildes unter malereigeschichtlichen wie auch zeitgenössischen Bezügen ein wesentliches Merkmal in der neuen Malerei. Strenge, Strukturbewusstsein und ein abgeklärter Gefühlshaushalt bestimmen, so Tannert, die Kompositionsschemata, wodurch Bilder eines emotionsgedrosselten Realismus entstehen. (C. Tannert, Neue deutsche Malerei, 2007, S. 4ff.) Mit seiner installativen Malerei fügt sich Jens Andres in diesen Kontext ein, hat er seine Malerei vor allem durch die relationale Be-Deutungsoffenheit der Installation reflektiert und erweitert. Hier ist er der Grenzgänger, für den ein Cross-Over und ein verstärktes Formbewusstsein als Haltung gleichbedeutend kennzeichnend sind. Am E Ende meiner Ausführungen komme ich noch einmal zum Anfang zurück. Wenn eines deutlich werden sollte, dann ist es immer auch die Kenntnis und Qualität, die Jens Andres im Besonderen auszeichnet und mit der er fragend, besser: hinterfragend seinen Blick auf scheinbar Vertrautes, Selbstverständliches und Alltägliches richtet. Die Wunderkammer, wie sie hier entstanden ist, ist daher auch mehr als ein ironisierender Jens-Andres-Titel. Sie repräsentiert vielmehr seine künstlerische Haltung als Verwunderung über die Rätsel und Ungereimtheiten der menschlichen Existenz. Finden Sie nun die nötige Kontemplation und R Ruhe, aber auch die geeignete Bewegung, um dieser Haltung hier in der Ausstellung nachzuspüren! Dazu wünsche ich Ihnen nun viel Vergnügen! 6

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