BUNDESVORSITZENDE MÜLLER-PIEPENKÖTTER ENTSCHÄDIGUNG FÜR OPFER VERBESSERN ZWANGSHEIRAT GERIET ZUR ABSOLUTEN HÖLLE

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1 34. Jahrgang 1/2011_G 4266 AKTUELL ENTSCHÄDIGUNG FÜR OPFER VERBESSERN OPFERHILFE ZWANGSHEIRAT GERIET ZUR ABSOLUTEN HÖLLE VORBEUGUNG NEU KONZIPIERTE WERBEMITTEL FÜR DIE JUGEND ERSTMALS FÜHRT EINE FRAU DEN WEISSEN RING BUNDESVORSITZENDE MÜLLER-PIEPENKÖTTER

2 Fotos: PALAZZO Produktionen GmbH Charity-Gala zugunsten der Opferhilfe Z u einem außergewöhnlichen Showdinner luden PALAZZO-Gastgeber Hans- Peter Wodarz und 2-Sternekoch Christian Lohse in den Spiegelpalast am Berliner Humboldthafen. Die rund 250 Gäste aus ganz Deutschland setzten mit ihrem Kommen ein weithin sichtbares Zeichen der Solidarität mit den Opfern von Kriminalität und Foto: Sergej Glanze Foto: Ralf Müller/DAVIDS Gewalt und unterstützten zugleich die Arbeit des WEISSEN RINGS. So flossen bereits bei der Premiere dieser Benefiz-Veranstaltung einige tausend Euro in den Opferhilfefonds des Vereins. Für Richard Oetker, dem WEISSEN RING seit vielen Jahren als Vorstandsmitglied eng verbunden, ebenso ein freudiger Anlass wie für die neu gewählte Bundesvorsitzende Roswitha Müller-Piepenkötter und Schatzmeister Franz X. Wanninger. Unter den Gästen, denen zum Feuerwerk bester künstlerischer Unterhaltung ein exzellentes 4-Gang-Menü geboten wur de, waren auch Schauspielerin Anouschka Renzi, Georg Preuße, seinerzeit als Mary erfolgreich, Filmproduzent Arthur Brauner und der ehemalige FDP-Chef Wolfgang Gerhardt. Zu Beginn der Veranstaltung sprach WR- Presseprecher Helmut K. Rüster mit Richard Oetker über das an ihm 1976 be gangene Verbrechen, seine Entscheidung, durch den Weg in die Öffentlichkeit dem Entführer die Möglichkeit zu nehmen, aus dem Verkauf seiner Täter-Story auch noch Kapital zu schlagen und darüber, wie die Gesellschaft sich ge - genüber Opfern verhalten sollte, um ihnen die Bewältigung der Tatfolgen zu erleichtern. Foto: Ralf Müller/DAVIDS Entertainer Daniel Reinsberg (Foto) und Jojo Weiss präsentierten u. a. Elena Borodinas Kunstwerk aus schwerelosen Körperbildern und ausgefeilter Choreographie sowie die das Publikum mitreißende Steppdance-Show der Zwillingsbrüder Roman & Slava 2 WEISSER RING 1/11

3 Aktuell AUSGABE 1/2011 Roswitha Müller-Piepenkötter ist die neue Bundesvorsitzende des WEISSEN- RINGS. Die langjährige Richterin und ehemalige Justizministerin sieht in ihrem Amt eine große, aber auch eine großartige Aufgabe. Foto: ddp/volker Hartmann TITELTHEMA Müller-Piepenkötter führt WEISSEN RING Zum ersten Mal in seiner 34-jährigen Geschichte wird der WEISSE RING von einer Frau geführt: Die Bundesdelegiertenversammlung wählte Roswitha Müller-Piepenkötter, langjährige Richterin und Justizministerin a. D. zur Nachfolgerin von Prof. Dr. Reinhard Böttcher, der für seine Verdienste einstimmig zum Ehrenvorsitzenden gewählt wurde. 6 AKTUELL Aktuell Opferentschädigung muss zeitgemäß verbessert werden 10 Resolution des 21. Opferforums 11 Hoch motiviert und sehr engagiert: Die jungen Mitarbeiter 12 Betroffene wollen endlich leben ein Leben ohne Kampf 14 6 Ehrengäste begrüßte der scheidende Bundesvorsitzende zur Delegiertenversammlung in Halle: Roswitha Müller-Piepenkötter, Ministerpräsident Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, Gitta Lampersbach, Dr. Bernd Wiegand und Silke Kraushaar-Pielach (v.r.) Foto: Ingrid Weber OPFERHILFE Opferhilfe Mörder der Tochter kommt nach 14 Jahren wieder frei 16 Arbeitgeber half vorbildlich nach der Gewalttat 17 Zwangsheirat geriet zur ganz persönlichen Hölle 18 Foto: Ingrid Weber Viele gute Ideen entwickelten die jungen Ehrenamtlichen beim Workshop in Göttingen. Sie ent - sandten auch eine Delegation zur Bundesdelegiertenversammlung Großer Bahnhof am Rathaus Uhldingen für Günter Santjer, Kers tin Scheil und Jochen Paulsen, die für ihre 1260 Kilometer lange Rad - tour die Kilometer für jeweils einen Euro zugunsten der Opfer verkauft hatten eine stolze Summe ging auf dem WR-Konto ein. Foto: Privat BÜCHER Bücher Natascha Kampusch erobert sich ihre Geschichte zurück 15 Missbrauch und Misshandlung bis zur Flucht mit Authentischer Einblick in die Parallelgesellschaft 19 EHRENAMT Ehrenamt Nina Schäfer betreut Opfer und wirbt um junge Menschen 20 Erich Gröger: 30 Jahre engagierter Außenstellenleiter 21 VORBEUGUNG Vorbeugung Neue Werbemittel für Jugendliche 29 Krimi-Quiz: Sorgen Sie für Ihre Sicherheit mit Zusatzanlagen 30 RUBRIKEN Rubriken Magazin 4 Menschen 22 Danke 26 Aus den Ländern 28 Impressum 25 WEISSER RING 1/11 3

4 Du bist verzweifelt und möchtest reden, brauchst Hilfe? Du machst Dir Sorgen um eine Freundin? Dann ruf an! Initiatoren Partner Berliner Bündnis gegen Depression e.v. Berliner Krisendienst, Region Mitte Universitätsklinikum tsklinikum Hamburg-Eppendorf Unsere deutsch / türkische Hotline ist Mo. - Fr. von 9 bis 16 Uhr zu erreichen (zum Ortstarif aus dem deutschen Festnetz). I Mit freundlicher Unterstützung Berliner Abendblatt Paparazzi Magazin Zusammen gegen Gewalt gegen Frauen D er Gewalt gegen Frauen vorbeugen: Auf dem Weg zu diesem Ziel schloss sich der WEISSE RING als neuer Kooperationspartner der Aktion Ge- walt gegen Frauen nicht mit uns des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) an. DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach und die WR-Bundesvorsitzende Roswitha Müller-Piepenkötter begrüßten die Kooperation als Start für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Egal ob körperliche oder sexualisierte Gewalt, ob in der Partnerschaft, auf der Straße oder in der Sporthalle: Bei uns ist kein Platz für Gewalt. Auch hier gilt im DOSB das Null-Toleranz-Prinzip, sagte Dr. Thomas Bach. Wir freuen uns über den neuen kompetenten Partner WEISSER RING, der vielfältige Erfahrung in der Opferhilfe und bei der Prävention von Gewalt mitbringt. Der Gedanke der Prävention von Gewalt gegen Frauen kann durch die zahlreichen Sportvereine in die Mitte der Gesellschaft getragen werden und der WEISSE RING hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Teil dieses wichtigen Präventionsnetzwerkes zu sein, er - klärte Roswitha Müller-Piepenkötter. Dafür empfiehlt der DOSB den Vereinen, auch lokal die Zusammenarbeit mit den Frauenberatungsstellen, Frauenhäusern und kommunalen Frauenbüros sowie mit dem neuen Partner WEISSER RING zu suchen. Bei diesen Kursen wird viel Wert auf den Praxisbezug gelegt werden. So verteilt der WEISSE RING auch Trillerpfeifen, mit denen notfalls Regina Halmich unterstützt die Kampagne Gewalt gegen Frauen nicht mit uns Alarm gegeben werden kann. Wir wollen mit unseren Angeboten Frauen den Rücken stärken und laden sie dazu ein, Selbstbehauptung und Selbstverteidigung unter fachlicher Anleitung auszuprobieren", sag - te DOSB- Vizepräsidentin Ilse Ridder-Melchers. Zum Internationalen Tag gegen Ge walt gegen Frauen am 25. November rief der DOSB im Rahmen der Aktion Gewalt gegen Frauen nicht mit uns gemeinsam mit den ihm angeschlossenen Verbänden alle Kampfsportvereine auf, Selbstbehauptungsund Selbstverteidigungskurse für Frauen und Mädchen anzubieten. Frauen sind tagtäglich unterschiedlichsten Formen von sexualisierter Gewalt ausgesetzt: An mache, Belästigung, frauenfeindliche Sprüche bis hin zu Nötigung und körperlicher Ge walt. Frauen sind oft nicht in der Lage, sich zu wehren, weil sie sich unterlegen fühlen. Aus Angst vor Übergriffen schränken sie eher ihren Aktionsradius und ihre Bewegungsräume ein und damit ihre Lebensqualität. BECK TRIFFT WULFF IN BONN Jörg Beck, Landesvorsitzender des WEISSEN RINGS in NRW-Rheinland, plauderte mit Bundespräsident Christian Wulff während dessen erstem offiziellen Besuch an seinem Bonner Amtssitz. Beck gehörte zu den besonders engagierten Bürgern, die den Bundespräsidenten auf einer Schifffahrt rheinaufwärts begleiten durften, am Adenauer-Haus in Rhöndorf und an der Drachenburg im Siebengebirge vorbei. Der Landesvorsitzende nutzte die Gelegenheit, das Staatsoberhaupt über die Arbeit des WEISSEN RINGS in Nordrhein-Westfalen zu in - formieren. Fotos: Fliegel Hilfe für junge türkische Frauen in Not B eende Dein Schweigen, nicht Dein Leben : Unter diesem Titel läuft ein Projekt zur Verhütung von Suizid unter jungen türkischen Migrantinnen in Deutschland. Voraussichtlich bis März ist unter 01805/ von 9 bis 16 Uhr täglich ein deutsch-türkisches Krisentelefon für Hilfesuchende geschaltet. Gleichzeitig sollen mit dem Forschungs- und Hilfsprojekt an der Charité in Berlin auch die Öffentlichkeit allgemein sowie Multiplikatoren wie Mitarbeiterinnen im medizinischen Bereich sensibilisiert werden. Hintergrund ist die Tatsache, dass junge Frauen HAYATINA DEĞIL SUSKUNLUĞUNA SON VER BEENDE DEIN SCHWEIGEN, NICHT DEIN LEBEN Çaresizsin, konuşmak istiyorsun, yardıma mı ihtiyacın var? Kız arkadaşın için endişeleniyor musun? O zaman bizi ara! KRİZ TELEFONU/HOTLINE Bize Kriz telefonu / Hotline aracılığı ile hafta içi hergün 9 ile 16 saatleri arasında ulaşabilirsin. (Almanya kayıtlı sabit telefon üzerinden, yerel ücret tarifesi uygulanmaktadır.) aus türkischstämmigen Familien etwa doppelt so oft einen Suizidversuch begehen wie Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund. Zu den Ursachen gibt es gut begründete Vermutungen, aber zu wenige wissenschaftliche Fakten. Das soll das Projekt nun ändern. 4 WEISSER RING 1/11

5 Schöne Weihnachten! I n Anlehnung an Meis ter Eckhart sagt der WEISSE RING allen Freunden, Spendern, Mitgliedern und Gönnern Dank für die vielfältige und wohltuende Unterstützung und wünscht schöne Weihnachten mit den Worten: In der Welt ist es dunkel, leuchten müssen wir, du in deiner Ecke, wir in unserer hier. Mit diesen Worten beginnt das diesjährige Weihnachtsbüchlein des Vereins, das wieder besinnliche Texte, Lieder und ein passendes Rezept zur Adventszeit sowie Dichterworte enthält, von Theodor Fontane und vom chilenischen Dichter und Nobelpreisträger Pablo Neruda. Interessierte können das Heft im DIN A 6-Format ebenso wie illustrierte Erinnerungen unserer Mitglieder und Spender un - ter dem Titel Ein jeder Kerzenschein erwärmt das Herz gerne kostenlos an fordern unter WEIS- SER RING, Info-Service, Weberstraße 16, Mainz oder per un ter de. Unter beiden Adressen kann in geringer Zahl auch noch un - ser alljährlicher handlicher Ta - schenkalender für 2011 angefordert werden. Liebe Leserin, lieber Leser, vielleicht sollten wir dieses Wort zum Unwort des Jahres oder besser des Jahrzehnts vorschlagen: Sextäter. Womöglich könnte dies den Redak teuren auf die Sprünge helfen: Das Wort passt zwar prima in jede Überschrift. Aber sonst passt es nirgends. Die Verniedlichung des Sexual-Straftäters zum Sextäter suggeriert dem Leser, dass alles doch gar nicht so schlimm ist. Schließlich ist Sex ja was Positives. Außer man wird dazu gezwungen und deshalb macht das Wort das Opfer mit jeder Überschrift erneut zum Opfer, statt sein Leid anzuerkennen. Eine ähnliche Wirkung hat ein ganzer Satz, wenn aus Vergewaltigungen Kinder hervorgehen und man dann lesen muss: Er zeugte mit ihr x Kinder. Das klingt, als habe sich das Opfer aktiv an der Zeugung beteiligt. Das könnte man auch besser formulieren, es braucht dafür allenfalls eine Zeile mehr, wenn geschrieben wird, dass x Kinder aus den Vergewaltigungen hervorgingen. Das würde allerdings ein gewisses Maß an Denken voraussetzen. Die sexuelle Gewalt, nicht nur gegen Frauen und Mädchen, ist vielfältig, das können Sie auch in dieser Ausgabe wieder lesen und vieles mehr. Zum Beispiel, dass der WEISSE RING zum ersten Mal von einer Frau geführt wird. Die Bundesdelegiertenversammlung wählte die ehemalige Richterin und Landesjus - tizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter zur neuen Bundes vor - sitzen den und ihren Vorgänger im Amt, Prof. Dr. Reinhard Böttcher, zum Ehrenvorsitzenden. Viele weitere interessante Beiträge warten auf Sie. In diesem Sinne Ihre Redaktion Erinnerung an den Anschlag in München N ur wenige Wochen nach den Gedenkveranstaltungen zum 30. Jahrestag des größten Bombenattentats in Deutschland warnen Innenminister und Bundespolizei vor Terrorgefahren im Land. War es damals, am 26. September 1980, in München ein rechtsextremer Täter mit möglicherweise unentdeckten Helfern aus der rechtsextremen Szene, so sollen die Drohungen der jüngs - ten Zeit aus islamistischen Terrorzirkeln stammen. München war damals ein zweites Mal nach dem Attentat während der Olympischen Spie le 1972 Schauplatz des grau samen Geschehens: Über 200 Verletzte und 13 Tote, darunter der als Täter ermittelte 21- jährige Student Gundolf Köhler, waren die Opfer der in einem Abfallkorb explodierenden Split - terbombe. Jährliche Ge denk - feiern, aber auch immer wieder öffentlich erhobene Zweifel an der Einzeltäterschaft halten die Erinnerung an die Opfer wach. Direkt nach dem Geschehen hatten sie schnelle Hilfe erhalten, von den Bürgern der Stadt und vom WEISSEN RING, wie die Stadt München in der Broschüre 26. September 1980 Das Oktoberfest-Attentat be - richtet. Als Vertreter des WEISSEN RINGS nahm Arved Semerak, Tobias von Heymann Die Oktoberfest-Bombe Verlag Nora 591 Seiten, 33 Euro, ISBN Polizeipräsident a. D., an den Gedenktagen in diesem Jahr teil und berichtete dem Publikum als Zeitzeuge über die Tat und die Arbeit des Vereins. Die Broschüre der Stadt, die sich auch auf das Buch des Journalis - ten Tobias von Heymann Die Oktoberfest-Bombe stützt, be - richtet über diese Hilfe und die Leiden der Opfer bis heute: Auch 30 Jahre nach dem An - schlag leiden viele noch immer unter ihren schwerwiegenden Verletzungen, die trotz lang an - dauernder Krankenhausaufenthalte, unzähliger Operationen und weiterer Rehabilitationsmaßnamen nicht gänzlich ge - heilt werden konnten. Zum Groß teil handelt es sich um Be - einträchtigungen des Bewegungsapparats, die das alltägliche Leben der Anschlagsopfer seitdem prägen. WEISSER RING 1/11 5

6 Aktuell Mit Roswitha Müller-Piepenkötter führt erstmals eine Frau den WEISSEN RING R oswitha Müller-Piepenkötter führt den WEISSEN RING als neue Bundesvorsitzende. Die langjährige Richterin und ehemalige Justizministerin von Nordrhein- Westfalen ist in den 34 Jahren des Vereins die erste Frau an der Spitze der bundesweiten Opferhilfeorganisation. Die Bundesdelegiertenversammlung wählte sie in Halle/Saale mit überwältigender Mehrheit zur Nachfolgerin von Prof. Dr. Reinhard Böttcher, der nach fünf Jahren aus Altersgründen aus dem Amt schied. Seine Verdienste für den Verein würdigten die Delegierten mit der Wahl zum Ehrenvorsitzenden. Anerkennung für Ehrenamtliche Zuvor hatten die Ehrengäste das Wort. Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, betonte, der Verein habe mit dem zum größten Teil ehrenamtlich geleisteten Opferschutz und der Opferfürsorge ein etabliertes Arbeitsgebiet, dafür schulde die Gesellschaft den Ehrenamtlichen Dank. Anerkennung für dieses beispielhafte Engagement zu zeigen, sei ihm auch ein wichtiges persönliches Anliegen. Dr. Bernd Wiegand, Beigeordneter für Sicherheit, Gesundheit und Sport der Stadt Halle kennt die Arbeit aus eigener Anschauung: Die 15 Ehrenamt - lichen des Vereins haben Kontakte in alle Dienststellen der Stadtverwaltung, erklärte der Beigeordnete. Ministerialdirektorin Gitta Lampersbach sprach in Vertretung der Bundesmi - nis terin für Arbeit und Soziales, Ursula von der Leyen, zum Opferentschädigungsgesetz (OEG). Sie betonte die besondere Verantwortung des Staates gegenüber den Opfern von Kriminalität und Gewalt. Das OEG müsse aber bekannter werden, ihr Ministerium hat dazu einen neuen Flyer herausgegeben, um Betroffene besser zu informieren. Das Gesetz müsse außerdem zukunftsfähiger werden, dazu seien auch mit dem WEISSEN RING schon viele Ge - spräche geführt worden. Es sei ein Anliegen der Ministerin, nicht an Gewaltopfern zu sparen, aber: Alleine mit Geldleistungen ist den Betroffenen nicht geholfen. Im Blick auf eine Reform der Opferentschädigung sagte sie: Keine noch so gute gesetzliche Regelung kann die Arbeit des WEISSEN RINGS ersetzen. Prof. Böttcher forderte Ministerin von der Leyen und das Ministerium auf, sich an die Speerspitze einer Re - formbewegung zu stellen, die die Interessen der Geschädigten wahrt und dazu führen müsse, dass Opfer von Kriminalität und Gewalt auch materiell besser unterstützt werden: Die Opfer sind es wert, dass wir ein bisschen mehr für sie ausgeben." Roswitha Müller-Piepenkötter wurde mit überwältigender Mehrheit zur neuen Bundesvorsitzenden des WEISSEN RINGS gewählt, ihr Vorgänger Prof. Dr. Reinhard Böttcher gratulierte Fotos: Ingrid Weber 6 WEISSER RING 1/11

7 Ministerpräsident Prof. Dr. Böhmer zollte persönliche Anerkennung zur Freude von WR-Landesvor sitzendem Kummerländer (l.), Gastgeber Prof. Dr. Böttcher und Siegfried Kauder, MdB (r.) Roswitha Müller-Piepenkötter ergänzte, dass die konkrete Opferhilfe durch Ehrenamtliche das Fundament sei, um Opferinteressen gegenüber der Politik zu vertreten. WR-Botschafterin Silke Kraushaar- Pielach berichtete von ihrer Überzeugung, dass die Prävention gegen Jugendgewalt ungemein wichtig ist. Schon in seiner ersten Rede im Bundestag 2002 hatte Siegfried Kauder festgestellt, keiner seiner Kollegen dürfe in Anspruch nehmen, er hätte den Opferschutz erfunden. Das, sagte er, haben die Ehrenamtlichen des WEISSEN RINGS, die ihn in ihrer Freizeit leisten. Als Mitglied des Geschäfstführenden Bundesvorstands des Vereins nannte Kauder, der Vorsitzender des Rechtauschusses im Bundestag ist, eine weiterhin erforderliche Verbesserung des OEG: Die Angleichung der Entschädigungsleistungen in Ost und West: So werde ein Pole, der in Halle Opfer wirkt außerdem mit am Runden Tisch der Bundesregierung. Eine weitere wesentliche Entwicklung ist das Opfertelefon als niedrigschwelliger Zugang für Opfer. 35 Ehrenamtliche sind bisher wechselnd im Einsatz, sieben Tage in der Woche von 7 bis 22 Uhr, erreichbar unter der kostenfreien bundesweiten Num mer , die auch Hilfesuchende aus dem Ausland erreichen können, von dort allerdings nicht kostenfrei. Die Vernetzung mit anderen Einrichtungen nimmt ständig zu, berichtete der scheidende Vorsitzende. Der WEISSE RING hat viel Zuspruch gewonnen für seinen An - satz, über den Sport Prävention gegen Ju - gendkriminalität zu betreiben. Dabei gehe es nicht so sehr um Wettbewerb als um das Ministerialdirektorin Gitta Lampersbach vom Sozialministerium sprach über das Opferentschädigungsgesetz geworden sei, nach Westniveau entschädigt, dagegen ein Bürger aus Halle, der in Halle Opfer werde, nach Ostniveau. Kauder: Opfer müssen gerecht behandelt werden, egal wo sie wohnen. Isabell Diehl, Landesjugendbeauftragte in NRW-Westfalen-Lippe, stellte das Engagement der jungen Mitarbeiter im Verein vor, die sich in Workshops und Arbeitsgruppen damit befassen, Nachwuchs-Mitglieder und vor allem Nachwuchs-Mitarbeiter zu gewinnen. Dem barmherzigen Samariter folgen Mit großem Mut zur Lücke zog schließlich Prof. Dr. Böttcher Bilanz. Die Kernaufgabe liegt weiterhin in der Hilfe für Menschen, die Opfer geworden sind. Die Ehrenamtlichen arbeiten auf dem ethischen Fundament des barmherzigen Samariters. Überwiegend Betroffene von Körperverletzung und Tötungs- sowie Sexualdelikten suchen Begleitung und praktische Unterstützung. Da seine Unterstützer den Verein dazu in die Lage gesetzt haben, konnten im letzten Jahr mehr als materielle Hilfen einschließlich Rechtshilfen in Höhe von insgesamt fünf Millionen Euro geleistet werden. Zu den immateriellen Hilfen, den menschlichen Zuwendungen, verfügt der Verein nicht über belastbare Zahlen, sondern nur über Schätzungen. Genaue Zahlen hält Böttcher aber für dringend wünschenswert. Er erinnerte an den spektakulären Amok lauf in Winnenden, in dem die Ehrenamtlichen aus mehreren Außenstellen im Rückgriff auf einen Leitfaden des Vereins schnell beispielhafte Hilfe leisten konnten. Auch die Missbrauchsfälle in öffentlichen Institutionen führten zu später Betreuung derjenigen, die sich den Ehrenamtlichen des Vereins offenbarten. Der WEISSE RING Isabell Diehl, Landesjugend - beauftragte in NRW-West - falen-lippe, berichtete über das Engagement der jungen Mitarbeiter im Verein WEISSER RING 1/11 7

8 Aktuell Standing Ovations für Prof. Dr. Reinhard Böttcher, den neuen Ehrenvorsitzenden gemeinsame Erlebnis und Fairness. Dieser Ansatz führte zuletzt auch zu einer Kooperation mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Die Präventions-Be - mühungen insbesondere in der Jugendkriminalität will der Verein weiter verstärken. Prof. Böttcher hob zudem den hohen Rang der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit hervor, ebenso wie die Position der Zusammenarbeit auf dem europäischen Feld. Besondere Aufmerksamkeit richtet der Verein auf seine eigene Aus- und Weiterbildung, die stetig ausgebaut wird. Dies nicht zuletzt im Blick auf die aus der öffentlichen Hand finanzierte hauptamtliche Konkurrenz in der Opferhilfe. In den letzten Jahren habe der Verein eine gute Entwicklung genommen, das Ansehen sei gestiegen, Freunde und Förderer in vielen gesellschaftlichen Bereichen fanden den Weg zur Opferhilfe, lediglich die eher rückläufigen Mitgliederzahlen schmerzten den scheidenden Vorsitzenden, eine Entwicklung allerdings, die viele Vereine trifft. Für den Verein sei es ein Glücksfall, dass die Ministertätigkeit von Roswitha Müller- Piepenkötter beendet sei, die nicht zuletzt als Ministerin ein gr0ßes Herz für Opferbelange bewiesen habe, erklärte Böttcher. Solidarität geht verloren Dass in der Jugendkultur das Wort Opfer als Schimpfwort auftaucht, zeigt, dass die Solidarität verloren geht. Aus die ser Er - kenntnis heraus, sagte Roswitha Müller- Piepenkötter, habe sie als Ministerin eine Expertengrupe aus Rechtsanwälten, Staats - anwälten, Richtern, Psychologen, Hilfsorganisationen und Vertretern von Ministerien einberufen, die auch den Regierungswechsel in Nordrhein-Westfalen überstanden habe. Der WEISSE RING habe eine Lücke in der staatlichen Fürsorge geschlossen. Er leis te aber nicht nur das, was der Staat nicht erbringe, sondern viel mehr durch sein ehrenamtliches Engagement. Sie sieht es als große Ehre, dass ihr der Vorsitz im Verein angetragen worden ist. Nach kurzer Be denkzeit habe sie Ja gesagt. Denn sie sieht eine große, aber auch großartige Aufgabe in diesem Amt. Vorgenommen hat sie sich, zuzuhören, zuzuschauen und zu lernen: Das Angebot ist so vielfältig, es hat eine so hohe Qualität, dass es viel zu lernen gibt, stellte Roswitha Müller-Piepenkötter fest. Bewährtes Team Einmütig gaben ihr die Delegierten ihre Stimme. Ihr zur Seite im Geschäftsführenden Bundesvorstand stehen ihr Stellvertreter Dr. Jürgen Witt, Schatzmeister Franz Xaver Wanninger sowie Dr. Helgard van Hüllen und Siegfried Kauder, die als be - währ tes Team alle wiedergewählt wurden. In den Bundesvorstand wurden zudem Richard Oetker, Prof. Dr. Heinz Schöch, Prof. Dr. Günther Deegener und Günter Klott wieder gewählt. Neu gewählt wurden Dr. Wiebke Steffen, Petra Klein und, als jüngs - tes Mitglied aller Zeiten, die Hamburger Jugendbeauftragte Vanessa Leite (27), gerade dies ein Zeichen dafür, dass sich junge Leute gerne im Verein engagieren, aber auch dafür, dass die ältere Generation dieses Engagement der jungen Mitarbeiter begrüßt. Beifall für eine außer - ordentlich erfolgreiche Amtszeit 8 WEISSER RING 1/11

9 Bewährte und neue Mitglieder im WR-Vorstand: Prof. Dr. Günther Deegener, Prof. Dr. Heinz Schöch, Vanessa Leite, Bundesvorsitzende Roswitha Müller- Piepenkötter, Dr. Wiebke Steffen, Günter Klott und Petra Klein (v. l.) Als Reinhard Böttcher am 26. November 2005 zum Bundesvorsitzenden gewählt wurde, war der WEISSE RING in einer schwierigen Phase. Als er am 23. Oktober 2010 nicht mehr für das Amt kandidierte, kennzeichnen den Verein hohes Ansehen in Staat und Gesellschaft, gesunde organisatorische, finanzielle und personelle Strukturen, ungebrochene Leistungskraft bei der Opferhilfe auf weitestgehend ehrenamtlicher Grundlage, überragende Verdienste bei der Opferschutzgesetzgebung und seine markante Rolle in der strafrechtspolitischen Diskussion bis zur Beteiligung am Runden Tisch der Bundesregierung zur Aufarbeitung von Missbrauch und zur immer wichtiger werdenden Stimme beim Opferschutz in Europa. Er könnte noch viele Verdienste Böttchers darüber hinaus aufzählen, erklärte Dr. Jürgen Witt, langjähriger Stellvertretender Bundesvorsitzender und ausgewiesener Kenner der Materie. Witt erinnerte daran, dass der WEISSE RING im August 2010 erstmals in seiner Geschichte vom Bundesverfassungsgericht um eine offizielle Stellungnahme gebeten wurde, in einem an - hängigen Verfahren zur nachträglichen Si - cherungsverwahrung. Bei allen ungezählten Terminen und Gesprächen über besseren Opferschutz und mehr Opferrechte mit hohen Vertretern der Politik auf allen Ebenen, Organisationen der Gesellschaft aber auch der Medien habe der scheidende Vorsitzende die praktische Opferhilfe nicht vergesssen. Deshalb, so Witt, war Böttcher an intensiven Kontakten gelegen mit den Landesverbänden und an der Präsenz bei Landestagungen und damit der Fühlungnahme mit den Ehrenamtlichen vor Ort, die die praktische Opferhilfe leisten. Nobelpreis für Opferschutz fehlt Dabei sei Böttcher keiner von den Lauten, eher zurückhaltend, aber doch unverkennbar zielbewusst, überlegt und vorausschauend, immer an der Sache orientiert. Das mache es schwer, an seinen Argumenten vorbeizugehen, sich nicht mit ihnen auseinander zu setzen. Das mache die Stärke seiner Positionen aus. Als Reinhard Böttcher 2005 zum WEISSEN RING kam, hatte er bereits ein hoch angesehenes, geachtetes Leben hinter sich als hoher Richter und langjähriger Dozent und späterer Honorarprofessor für Straf- und Prozessrecht an der Münchner Universität, als Mitglied der Antigewalt-Kommission der Bundesregierung, als stellvertretender und späterer Vorsitzender der Ständigen Deputation des deutschen Juristentages und als Präsident dieser Institution, als Mitglied der Bioethik- Komission der Bayerischen Staatsregierung. Und, so Witt weiter, deshalb war er schon damals hoch ausgezeichnet. Eine weitere Ehrung aufgrund des Ehrenamtes im WEISSEN RING war deshalb nicht mehr möglich. Den Nobelpreis für Opferschutz gibt es leider noch nicht, meinte Witt und so blieb allein die vereinsinterne Ehrung: Einstimmig wählten die Delegierten Prof. Dr. Reinhard Bötcher zum Ehrenvorsitzenden. Mit lang anhaltendem Applaus dankten sie ihm sein außergewöhnliches und wirkungsvolles Engagement für die Opfer von Kriminalität. Ingrid Weber Eine Bundesdelegiertenversammlung in großer Harmonie erlebten die Delegierten in Halle WEISSER RING 1/11 9

10 Aktuell Opferentschädigung muss zeitgemäß verbessert werden K örperliche und seelische Verletzungen stellen oft schwerwiegende Belastungen für Opfer von Gewalttaten dar. Hierfür bieten die Leistungen des Opferentschädigungsgesetzes (OEG), die im Bundesversorgungsgesetz (BVG) definiert sind, heute schon eine gute soziale Sicherung. Dennoch: Lange Dauer und Ausgestaltung der Verfahren führen häufig dazu, dass Opfer dringend benötigte Leistungen nicht zeitnah erhalten. Der WEISSE RING veranstaltete im Oktober in Mainz das 21. Opferforum, um mit Experten aktuelle und bedeutsame Fragen für Kriminalitätsopfer zu diskutieren. Die Fachtagung stand unter dem Motto Moderne Opferentschädigung Betrachtungen aus interdisziplinärer Perspektive. Dabei gelang es der Opferschutz-Vereinigung, führende Fachleute aus Politik, Justiz, Polizei, Verwaltung, Medizin, Psychologie und Wissenschaft zusammenzuführen. Eine Weiterentwicklung des OEG/BVG ist nach Ansicht von Experten dringend erforderlich, ihre Umsetzung wurde unter verschiedenen Perspektiven diskutiert. Dr. Rolf Schmachtenberg vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales stellte mehrere Optionen einer künftigen modernen Opferentschädigung gegenüber. Die Überlegungen reichen von der Beibehaltung des Status Quo, über Verbesserungen der be - stehenden Regelungen bis hin zu einem neuen eigenständigen Gewaltopfergesetz. Kostenneutral geht nicht Prof. Dr. Reinhard Böttcher, bisher Bundesvorsitzender des WEISSEN RINGS, forderte das Ministerium auf, sich an die Spitze ei - ner Reformbewegung zu stellen, die die In - teressen der Geschädigten wahrt und dazu führen muss, dass Opfer von Kriminalität und Gewalt auch materiell besser unterstützt werden. Man müsse sich dabei aber von dem Irrglauben lösen, dass eine solche Reform kostenneutral zu haben sei. Eine Vereinfachung und Verschlankung des bü - ro kratischen Verfahrens könnte schrittweise erfolgen. Ich sehe die Verantwortung Prof. Dr. Reinhard Böttcher, WR-Ehrenvorsitzender, Dr. Rolf Schmachtenberg vom Minis - terium für Arbeit und Soziales und Peter Kummer, Vorsitzender Richter am Bundessozialgericht a. D. im Gespräch bei der Wahrung von Opferbelangen beim Bundestag und der Bundesregierung. In der abschließenden Podiumsdiskussion stellte Jerzy Montag (MdB, Bündnis 90/Die Grünen) fest, dass sich eine Gesellschaft daran messen lassen muss, wie sie mit Gewaltopfern umgeht. Er bekannte sich ebenfalls zur Resolution des Mainzer Opferforums und erklärte, alle Reformen aus den Ministerien dienen der Kostenein - sparung und sind nicht kostenneutral, auch wenn sie uns so verkauft werden. Die Politik muss Opfer unterstützen Es ist die Verpflichtung der Politik Opfer zu unterstützen, stellte Siegfried Kauder, Vorsitzender des Rechtsausschusses im Deutschen Bundestag und Mitglied im Ge - schäfts führenden Bundesvorstand des WEISSEN RINGS, fest. Hier dürfe sich der Sparzwang nicht niederschlagen. Deutschland hat ein gut durchdachtes, im Leistungsrecht durch zahlreiche Gesetzesnovellierungen neuen Bedürfnissen angepasstes Opferentschädigungsrecht. Auch wenn noch in einigen Punkten Ergän- Rechtsanwalt Hartmut Kilger, Prof. Dr. Ulrich Becker und Günter Kolb, Leitender Minis - terialrat (v.l.). 10 WEISSER RING 1/11

11 Grünen-Bundestagsabgeordneter Jerzy Montag und Guido Zöller, Referent in der Geschäftsstelle der Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs (v.r.) RESOLUTION DES 21. OPFERFORUMS Die Experten des 21. Mainzer Opfer fo - rums beschlossen die folgende Re so - lu tion zum Ausbau der Opfer ent - schädigung: n Sparen an Gewaltopfern ist unverantwortlich. zungen und Verbesserungen wünschenswert und auch notwendig sind, können die Regelungen insgesamt als hervorragend gelungen angesehen werden. Sie sind so sachgerecht, dass sie auch für eine gesamt - europäische Lösung zur Richtschnur werden könnten, erklärte Peter Kummer, Vorsitzender Richter am Bundessozialgericht a. D. und Mitglied im Fachbeirat Sozialrecht des WEISSEN RINGS. Jörg Beck, Landesvorsitzender in NRW-Rheinland, Ruth Stöpper, Stellvertretende Landesvorsitzende in NRW-Westfalen Lippe und Dr. Helgard van Hüllen, Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstands (v.l.) Ungerechtigkeiten belasten Opfer Viel beachtet, vor allem in Juristenkreisen so nicht bekannt, waren die Aussagen von Prof. em. Leo Montada zu den vielfältigen Gerechtigkeitsanliegen von Opfern, die in Ermittlungs- und Gerichtsverfahren vielerlei Ungerechtigkeiten erfahren, die sie emotional belasten. Dieses wie alle weiteren Referate des Opferforums und die Diskussionsbeiträge sind nachzulesen in der Dokumentation des 21. Opferforums, die unter dem Titel Moderne Opferentschädigung Betrachtungen aus interdisziplinärer Perspektive in der Reihe Mainzer Schriften des Nomos-Verlages voraussichtlich im 3. Quartal 2011 erscheinen wird. n Ein modernes Opferentschädi g - ungs recht darf nicht zu Rückschritten für Opfer führen. n Der Rechtsfolgenverweis im Opfer - entschädigungsgesetz (OEG) auf das Bundesversorgungsgesetz (BVG) hat sich in jahrzehntelanger Praxis be - währt. An das BVG ist das gesamte soziale Entschädigungsrecht angedockt. n Verbesserungen im Opferentschä - di gungsrecht sind gleichwohl notwendig: Wer Gewalt erlebt hat, muss bei Be darf sofortige Hilfe durch fachkundige Therapeuten erhalten. Wichtig ist eine schnelle Leis - tungsgewährung, dazu gehören auch vorläufige Leistungen und Vorschusszahlungen. Das Opferentschädigungsrecht muss auch neue Formen von Kriminalität be rücksichtigen, z. B. Nachstellungen (Stalking). Eine auf die Bedürfnisse der Op - fer ab gestellte Verwaltung ist Vor - aus setzung für zügige Verfah rens - abläufe. Fotos: Ingrid Weber n Opfer können ihre Rechte nur wahr nehmen, wenn sie ihre Rechte kennen. Informationsoffensiven sind notwendig. WEISSER RING 1/11 11

12 Aktuell Hoch motiviert und sehr engagiert: Die jungen Mitarbeiter D er WEISSE RING kann sich glücklich schätzen, diese Menschen zu seinen Aktiven zu zählen: Sie sind jung, sie sind engagiert, sie sind gut ausgebildet und hoch motiviert. Ihr wichtigstes Ziel neben der Betreuung von Kriminalitätsopfern: Jugendliche und junge Erwachsene für den Verein, seine Ziele und seine ehrenamtliche Arbeit zu interessieren und zu gewinnen. Zum zweiten Mal waren die jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einem Workshop eingeladen, um Ideen zu entwickeln und zu diskutieren. Zum zweiten Mal trafen sie auf den Stellvertretenden Bundesvorsitzenden Dr. Jürgen Witt und Dr. Helgard van Hüllen, ebenfalls Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstandes. Bei de widmen sich dem Nachwuchs mit viel Empathie, sie greifen die Vorstellungen und Anregungen der jungen Mitarbeiter auf, transportieren sie in die Gremien und unterstützen bei der Umsetzung. Unterstützung bietet auch die Bundesgeschäftsstelle mit Werner Brall, Referatsleiter Ausund Weiterbildung, und Eike Eberle als Ansprechpartner in Mainz. Eberle hat be - reits nach dem ersten Workshop 2009 in Mainz eine Newsgroup eingerichtet, über die sich die engagierten jungen Mitarbeiter im Netz austauschen können. Nachdem der erste Landesjugendbeauftragte Philipp Männle (Brandenburg) im Vorjahr seine Arbeit vorgestellt hatte, ent- stand der Wunsch, in möglichst allen Landesverbänden Jugendbeauftragte zu berufen. Der Bundesvorstand hat daraufhin Leitlinien für dieses neue Amt beschlossen. Inzwischen kamen neun weitere WR-Landesverbände dem Wunsch der jungen Mitarbeiter nach. Dabei darf davon ausgegangen werden, dass auch in den übrigen acht Ländern bis zum nächsten Treffen Landesjugendbeauftragte die Belange der jungen Menschen koordinieren können. Jugendgerechte Werbematerialien Eberle stellte beim diesjährigen Treffen in Göttingen auch eine Kampagne für das Internet und die Arbeit vor Ort vor, die nach dem Workshop in Mainz entwickelt worden war. In der Diskussion zum Inhalt nahmen die jungen Leute kein Blatt vor den Dr. Jürgen Witt begegnet den jungen Mitarbeitern mit großem Interesse und Empathie Engagiert diskutierten die jungen Mitarbeiter in Arbeitsgruppen die Ziele der Nachwuchsarbeit Mund und machten deutlich, was ihnen daran gefiel und was nicht. Eine Arbeitsgruppe um Nina Kristin Schäfer und Isabell Diehl hatte zudem in Zusammenarbeit mit Helmut K. Rüster, dem Pressereferenten des Vereins, jugendgerechte Print-Materialien, darunter einen Flyer mit Comics, konzipiert, der Ju gendliche und junge Erwachsene ansprechen soll. Ihre Zielgruppe sehen die jungen Mitarbeiter vor allem in den Schulen und an den Universitäten. Der WEISSE RING hat allen Anlass, sich mit der Mitgliederentwicklung zu befassen und sich um jüngere Generationen zu kümmern, die eindeutig unterrepräsentiert sind. Von Ihnen erhoffen wir uns Unterstützung, erklärte Dr. Witt den Workshop-Teilnehmern. Dr. van Hüllen gab ihren Eindruck wider, dass einigen jungen Mitarbeitern wohl einiges zu langsam voran gehe: Es ist Ihr gutes Recht, ungeduldig zu sein. Einiges sei natürlich auch technisch bedingt schwierig und die hauptamtliche Personaldecke in der Bundesgeschäftsstelle sehr dünn. Aber: Wir sehen eine gute Basis für die weitere Arbeit! Erste Schritte im neuen Amt Die ernannten Jugendbeauftragten berichteten von ihren ersten Erfahrungen im neuen Amt. Nina Schäfer (NRW-Rheinland) richtet ihr Augenmerk darauf, die jungen Mitarbeiter zu vernetzen und Projekte zu begleiten, mit denen Jugendliche und junge Erwachsene angesprochen werden sollen. Zwei, drei Mal im Jahr lädt sie zum Stammtisch ein, beim ersten Mal kam immerhin ein Fünftel der Eingeladenen. Sie nutzt für ihre Arbeit auch die Kooperation 12 WEISSER RING 1/11

13 Daniel Bernhard Müller, Steffi Artelt und Nina Schäfer gehörten zu den hoch motivierten Mitarbeitern mit anderen Organisationen, etwa mit den Verantwortlichen von Mut tut gut in NRW, die in ihrem Trainer-Handbuch auch den WEISSEN RING vorstellen. Vernetzen will auch Steffi Artelt (Niedersachsen) die jungen Mitarbeiter. Sie ist selbst aktiv im Bereich Selbstbehauptung für junge Frauen und leitet mit großem Erfolg einen Boxkurs für Mädchen an einer Schule für Lernbehinderte. Pascal Berger (Rheinland-Pfalz) sammelte erste Erfahrungen an Schulen und bot seinen jungen Kollegen im Land die Zusammenarbeit an. Isabell Diehl (NRW Westfalen-Lippe) arbeitet in ihrer Außenstelle mit der Polizei in einem Projekt zu - sammen. Auch sie hat schon einen Stammtisch für die jungen Mitarbeiter im Landesverband veranstaltet. Aktionen in Schulen und Unis In Hamburg trifft sich seit einigen Monaten eine Gruppe mit zehn jungen Mitarbeitern. Jugendbeauftragte Vanessa Leite hat erste Erfahrungen in Schulen gesammelt. Im Rahmen einer Schulprojektwoche im Stadtteil Finkenwerder zur Prävention ge - gen häusliche Gewalt hat sie einen erfolg - reichen Vormittag veranstaltet und an der Universität für Erstsemester einen Info- Abend gestaltet. Wir haben einiges erreicht : Darin wa - ren sie sich einig. Tobias Weigel zeigte sich erfreut, so viele engagierte junge Gleich - gesinnte getroffen zu haben. Auch Torsten Adam war überrascht: so viele Engagierte, die nicht nur was im Kopf haben, sondern auch mit den Händen etwas anfangen können. Man fühlt sich ernst genommen, wenn hier der Vorstand mit vertreten ist, stellte Isabell Diehl fest. Gut, dass wir Vorschläge vorstellen können, die diskutiert und nicht gleich abgelehnt werden. Wir Wie erreicht man die jugend - liche Zielgruppe am besten? In Arbeitsgruppen entwickelten die jungen Mitarbeiter Ideen Vanessa Leite (l.) und Isabell Diehl haben schon erste Erfahrungen als Jugendbeauftragte gesammelt können wirklich etwas bewegen, stellte die Jüngste in der Runde heraus: Sarah Ha - merlak ist noch Schülerin. Anja Kietzmann freut sich bereits auf 2011 und Vanessa Leite war froh, dass sie nicht als Einzelkämpferin das Rad neu erfinden muss, sondern auf ein gutes Kommunikationsnetz zugreifen kann. So ähnlich hatte sie sich das vorgestellt, stellte die neue Thüringer Jugendbeauftragte Christin Knorr fest. Sie freut sich, in einer Arbeitsgruppe weiter arbeiten zu können bis zum nächsten Treffen. Diana Linke haben sich neue Blickwinkel eröffnet: sie ist weiter sehr motiviert. Am Ende zeigten sich die Teilnehmer des Workshops in Göttingen begeistert und die Neuauflage im nächsten Jahr ist be schlossene Sache. Die Organisation vor Ort nehmen die jungen Mitarbeiter dieses Mal selbst in die Hand. Zufrieden mit dem Ergebnis der zweitägigen Veranstaltung waren auch Dr. Witt und Dr. van Hüllen, die ebenfalls die eine oder andere Hausaufgabe bis zum nächs - ten Workshop erledigen wollen. Beide er - klärten sich bereit, jederzeit zu vermitteln, wenn die Zusammenarbeit irgendwo ins Stocken geraten sollte. Zunächst einmal wurden Isabell Diehl, Vanessa Leite und Pascal Berger zur Delegiertenversammlung nach Halle entsandt, um auch unter den Delegierten den Nachwuchs und die Nachwuchswerbung be - kannt zu machen. Die Delegierten wählten Vanessa Leite in den Bundesvorstand. Ingrid Weber Fotos: Ingrid Weber WEISSER RING 1/11 13

14 Mit freundlicher Unterstützung von Donata Wenders und Alberto Venzago. Aktuell Betroffene wollen endlich leben ein Leben ohne Kampf I ch bin siebzig Jahre alt und glaubte zu wissen, wie es im Leben zugeht. Aber was ich nun lese, übersteigt mein Vorstellungsvermögen", erklärt Dr. Christine Bergmann, frühere Frauenministerin. Seit April 2010 ist sie die Beauftragte der Bundesregierung zur Aufarbeitung des sexuellen Kindes - miss brauchs. Rund 7500 Betroffene, Ange - hörige und Kontaktpersonen haben sich bis Mitte November an die Beauftragte ge - wandt. Sie unterhält die kostenfreie Rufnummer Bergmann nimmt die Anrufe nicht persönlich entgegen, sondern ihre Mitarbeiter. Der Süddeutschen Zeitung sagte sie: Aber ich lese die Briefe, alle sehr eindringlich, oft handgeschrieben, manche 20 Seiten lang. Die meisten wurden nicht nur einmal, sondern oft miss - braucht, von ei nem Täter oder mehreren. Manche suchten Hilfe und fanden sie nicht. Ein Mann von 80 Jahren schrieb, er habe nur Ablehnung erfahren, sei als Nestbeschmutzer verunglimpft worden. Das geht unter die Haut. Am 30. September stellte Bergmann zur 2. Sitzung des Runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch, an dem auch der WEISSE RING vertreten ist, ihren Zwischenbericht vor. Danach gingen bis September 4300 Anrufe und Briefe ein, 2500 bis zum Start der Kampagne Sprechen hilft am 21. September. In den neun folgenden Tagen kamen weitere 1450 Anrufe und über 300 Briefe hinzu. Der Zuspruch reißt nicht ab bis Ende November hatten sich über Betroffene gemeldet. Bei fast allen Betroffenen, die sich an die Anlaufstelle wandten, liegt der Miss - brauch mindestens 20 Jahre zurück, in vielen Fällen 40 bis 50 Jahre. 60 Prozent der Betroffenen haben sich erstmals jemandem anvertraut. Vielen derjenigen, die das schon früher versuchten, wurde nicht geglaubt, was sie berichteten. Manche wurden für ihre angeblichen Lügen sogar bestraft. Die Kampagne Sprechen hilft mit dem Slogan Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter ruft Betroffene auf, über den Missbrauch zu sprechen und sich damit von der Macht der Täter zu befreien. Und sie sensibilisiert die Öffentlichkeit für das Thema. In Bild und Ton umgesetzt wurde die Kampagne von Donata und Wim Wenders und Alberto Venzago. Mehr zur Kampagne erfahren Sie unter sowie unter Betroffene am Runden Tisch Für den 10. November hatte Bergmann in Zusammenarbeit mit den Bundesministerinnen Kristina Schröder, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Anette Schavan 30 Mitglieder des Runden Tisches darunter auch die WR-Bundesvorsitzende Ros- Es ist nie zu spät, über sexuellen Missbrauch zu sprechen. Betroffene und Menschen, die Missbrauch in ihrem Umfeld wahrnehmen, können sich bei uns anonym und vertraulich an ein Team von Fachleuten wenden. Rufen Sie uns an. Sprechen Sie mit uns über Ihre Erfahrungen und Anliegen. Telefonische Anlaufstelle (kostenfrei) Wim Wenders bei der Vorstellung die Kampagne Sprechen hilft. witha Müller-Piepenkötter sowie sechs Be troffene und zwei Angehörige in Vertretung ihrer Kinder zu einem Erfahrungsund Meinungsaustausch eingeladen. Es war uns wichtig, Betroffene einzuladen, denen es auf Grund ihrer Lebensgeschichte und ihrer Auseinandersetzung mit diesem hochsensiblen Thema möglich ist, vor ei - nem großen Personenkreis über das Erlebte und ihre Anliegen zu sprechen, so Bergmann im Anschluss an das Gespräch. Ihre Berichte und Botschaften beruhen auf persönlichen Erfahrungen, spiegeln aber die Schicksale und Anliegen sehr vieler Betroffener wider, die uns in der Anlaufstelle erreichen. Insbesondere die von familiärem Miss - brauch Betroffenen berichteten von Langzeitfolgen wie Depressionen und Persönlichkeitsstörungen und der Notwendigkeit von langjährigen und individuellen Therapien, um die mehrfach beschriebenen Parallelwelten aufarbeiten zu können. Allen gemeinsam war die Erfahrung, in ihrem Umfeld keine Menschen gefunden zu haben, denen sie vertraut oder die ihnen geglaubt hätten. Einige Betroffene berichteten von massiven privaten und beruflichen Einbrüchen, viele versuchten, ihre Erfahrungen nicht nur in Therapien sondern auch in Selbsthilfegruppen oder kreativen Projekten zu verarbeiten. Wir müssen heraus aus der ständigen Infragestellung, Rechtfertigung und dem ständigen Kampf um etwas, so Hedda Petersen, eine Betroffene am Runden Tisch : Wir möchten endlich leben ein Leben ohne Kampf! Foto: Picture Alliance/Tim Brakemeier 14 WEISSER RING 1/11

15 Bücher Natascha Kampusch erobert sich ihre Geschichte zurück Tage lebte Natascha Kampusch in Gefangenschaft, eine unvorstellbar lange Zeit, die das Kind und die Heranwachsende wohl nur durch ihre besondere Persönlichkeit und ihren starken Überlebenswillen überstehen konnte Tage ist der Titel ihres Buches, das sofort die Bestsellerlisten stürmte und sich dort schon Wochen hält. So klar und eindeutig die kluge junge Frau ihr Leben im fünf Quadratmeter engen Verlies schildert, so wenig befriedigt sie mit ihrer nüchternen Darstellung mögliche Erwartungen auf sensationelle Enthüllungen. Und dennoch bekommen die Leser Gänsehaut, wenn sie erfahren, wie der Täter dem Mädchen seine Würde und seine Identität raubte kein Wunder, dass sie sich beide nach ihrer Flucht 2006 mit Energie und Disziplin zurückerobert, auch mit Hilfe dieses sehr lesenswerten Buches. Natascha Kampusch 3096 Tage Verlag List, 284 Seiten, 19,95 E, ISBN Der Täter hat ihr jahrelang jeden Blick in den Spiegel verwehrt. Er gab ihr einen anderen Namen, kontrollierte sie Tag und Nacht mit einer Gegensprechanlage, die er nach Belieben einsetzte, er terrorisierte sie, indem er ihr das Licht in ihrer Dunkelkammer limitierte und es zur Bestrafung für angebliche Vergehen willkürlich abschaltete. Der Täter rationierte ihr Essen, schimpfte sie aus, wenn sie aus Hunger die Ration für den nächsten Tag anknabberte. Dabei gab es ganze Wochenenden, an denen es außer ein paar Karotten gar nichts gab. Er trich- terte ihr immer wieder ein, sie sei allein sein Besitz, kein Mensch wolle sie haben, liebe oder vermisse sie, am wenigsten ihre Eltern. Erst nach der Selbstbefreiung erfuhr sie, dass alles ganz anders war. Jeden Tag, jede Stunde lebte sie in Angst. Noch mehr als seinen Terror fürchtete sie, ihm könne etwas zustoßen, eine Krankheit, ein Unfall. Denn das hätte ihren sicheren Tod bedeutet: Ihr Verlies war hermetisch abgeriegelt, unentdeckbar. Und: von innen nicht zu öffen von außen auch nur mit Mühe. Eine Stunde brauchte der Täter, um den Weg zu ihr frei zu räumen, genauso lange brauchte er für den Rückweg. Eine Flucht schloss er aus: Als er sie in späteren Jahren zum Schrubben der Wohnung mit nach oben nahm, machte er ihr weis, Fenster und Türen seien mit Sprengstoff versehen. Es klang glaubhaft, als Tüftler hatte sie ihn kennengelernt. Dennoch: vom ersten Tag an dachte sie an Flucht, nach 3096 Tagen ist sie ihr tatsächlich ge - lungen. Ihr Buch, mit dem sie sich die Deutungshoheit über ihre eigene Ge schichte zurückerobert hat, ist jedem mitfühlenden Menschen zu empfehlen. Missbrauch und Misshandlung bis zur Flucht mit 18 E s ist ein langer Brief geworden, den Mona Michaelsen an ihre Mutter ge - schrieben hat. Ein Brief, mit dem die 46- Jährige die unsägliche Gewalt ihrer Kindheit und Jugend aufarbeitet. Ein beklemmender Brief, in deutlicher, manchmal so gar drastischer Sprache, wenn sie den Stief vater zitiert. Sie schreibt, um ihrer Mutter endlich die Augen zu öffnen, die diese ihr Leben lang geschlossen hielt, um über das Leid hinwegsehen zu können, das ihr Mann ihrer ältesten Tochter und später auch den gemeinsamen Kindern und ihr selbst im mer wieder angetan hat. Mit Zigaretten und Pralinen besänftigte sich die Mutter, während Mona, das Flüsterkind schon im Vorschulalter die Hausarbeit und die Pflege der jüngeren Geschwister erledigen muss te. Der Brief, aus dem ein ganzes Buch von fast 300 Seiten geworden ist, hilft dem missbrauchten und misshandelten Kind, endlich nach Jahrzehnten auch seine Seele von der erlittenen Gewalt zu befreien, von der Pein der Armut, die sie als Schulkind mit unzureichender, verlotterter Kleidung zu - sätzlich stigmatisiert, von der Lethargie der Mutter, die sich noch heute von ihren Kindern und Enkelkindern wie einst von Mona versorgen und bedienen lässt. In dieser Kindheit und Jugend gab es nur wenige winzige Lichtblicke, die ihr die Großeltern, vor allem der Großvater ermöglichten. Der Großvater war es, der das Kind am ersten Schultag begleitete, der es manchmal trös - tete und ihr hin und wieder ein wenig Geld zusteckte. Geld oder auch Geschenke er - hielt sie von den Eltern nie, nicht einmal zum Geburtstag. Die Autorin beendet ihren Brief an die Mutter mit ihrer Flucht aus dem Elternhaus, kurz nach ihrem 18. Ge - burtstag. Der Sprung aus der häuslichen Gewalt gelang mit Hilfe ihres Freundes, Mona Michaelsen Flüsterkind Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf 283 Seiten, 9,90 E ISBN ihre Siebensachen in Plastiktüten aus dem Supermarkt verpackt, die ihr der gewalttätige Stiefvater im letzten Moment entriss. WEISSER RING 1/11 15

16 Opferhilfe Mörder der Tochter kommt nach 14 Jahren wieder frei V or 14 Jahren wurde die 16-jährige Sabine M. grausam ermordet. Bis heute vergeht kein Tag, an dem Familie M. nicht über die Tochter und Schwester redet, sich an sie und ihre fröhliche Art erinnert. So schwer es auch fällt, die Familie hat nach vielen Jahren gelernt, mit diesem Schicksalsschlag zu leben und einigermaßen mit dem normalen Alltag zurechtzukommen. Der Täter ist in diesen Gesprächen längst kein Thema mehr. Bis zu dem Tag, als der Bruder durch einen Radiobericht er - fährt, dass Sabines Mörder in wenigen Mo - naten frei kommt, obwohl die Staatsanwaltschaft nachträgliche Sicherungsverwahrung beantragt hatte. Für Familie M. ein großer Schock. Alte Wunden reißen wieder auf. Jetzt steht dieser Mann wieder im Mittelpunkt, er gilt als hochgefährlich, wird freigelassen und was ist mit den Opfern? fragt die Familie voller Unverständnis und auch voller Angst. Damals war der junge Russlanddeutsche ein guter Bekannter ihrer 16-jährigen Tochter. Eines Abends hatte er die Schülerin an einem Bahndamm in der Nähe ihres Wohnortes abgefangen, sie zunächst zu - sammengeschlagen und dann mit einem Schraubenzieher auf Kopf, Rücken, Hüfte und Lunge eingestochen. Als die junge Frau noch röchelt, stopft der Täter ihr Erde in Mund und Nase. Anschließend bedeckt er sein Opfer mit ein paar Zweigen, um sie zu verstecken. Der Fall geht wochenlang durch die Medien. Uneinsichtig und hochgefährlich Einen Monat später erlässt der Richter gegen den damals 21-Jährigen Haftbefehl wegen Totschlags. Vor Gericht wird der Mann zu 14 Jahren wegen Totschlags verurteilt und sitzt zur Zeit noch in Haft. Ein Motiv für das grausame Verbrechen gibt es bis heute nicht. Während der Haft stellt sich heraus, dass der Täter psychisch krank ist. Nach eigenen Angaben hört er Stimmen, die ihm sagen, dass er noch einen Menschen töten muss. Stimmen haben ihm auch befohlen, Sabine zu töten, damit Schwester Tanja, Sabines Mutter, Bruder Michael und WR-Mitarbeiter Blesenkemper-Klar (v. l.) hoffen auf den Schutz der Opfer sie ins Schlaraffenland komme, dort wollte sie ja immer hin, sagt er. Nach verschiedenen Gutachten gilt der heute 35-Jährige als völlig uneinsichtig und hochgefährlich. Aus den Fugen geraten Durch den grausamen Tod der Tochter ist das Leben der Familie M. völlig aus den Fugen geraten. Der Vater wird Alkoholiker, erkrankt an schwerem Rheuma und stirbt sechs Jahre nach dem Tod seiner Tochter. Auch die ältere Tochter erkrankt schwer, bei ihr werden in den nächsten Jahren mehrere Tumore im Gehirn entdeckt. Die gesamte Kindheit des jüngeren Bruders ist durch das Verbrechen überschattet, später als Jugendlicher gerät er fast auf die schiefe Bahn. Die Mutter leidet unter Konzentrationsstörungen, Nervosität und kann ohne Fernsehen oder Radio bis heute nicht einschlafen. Trotzdem rappelt sich die Familie wieder auf, versucht auch damals durch die intensive Hilfe des WR-Mitarbeiters Ewald Vogeshaus auf die Beine zu kommen. Die Familie findet schließlich ein neues Zuhause und wagt den schwierigen Neuanfang. Leider ist eine Entschädigung nach dem OEG zunächst abgelehnt worden. Therapeutischer Unterstützung steht die Familie skeptisch gegenüber. Irgendwie versuchen sie, mit dem Geschehen und ihrer Trauer fertig zu werden. Doch jetzt ist sie alarmiert und höchst beunruhigt durch die Entscheidung des Europäischen Menschenrechts-Gerichtshofes, der die Freilassung von Sicherungsverwahrten angeordnet hat. Vor allem der Sohn, der nun selbst eine kleine Familie hat, fühlt sich unsicher und reagiert geschockt: Wie kann der Staat diesen hochgefährlichen Mann freilassen? Was passiert, wenn er wieder rückfällig wird? Schließlich habe der Täter angekündigt, im Fall seiner Ent - lass ung seine Medikamente gegen seine Psychose sofort abzusetzen. Der Täter, so weiß die Familie, wird auf jeden Fall zurück in die Gemeinde kommen. Schließlich lebt dort seine Mutter. Die Angst sitzt tief bei Familie M. Doch WR-Mitarbeiter Michael Blesenkemper- Klar, der heute die Familie betreut, beruhigt. Wir werden gemeinsam mit der Poli zei und der Justiz über Sicherheitsvorkehrungen sprechen, damit die Opfer be schützt werden und sich sicher fühlen können. 16 WEISSER RING 1/11

17 Außerdem wolle man prüfen, ob nicht doch noch weitere juristische Schritte eingeleitet werden können. Aber das kann ein langer Weg werden, weiß der WR-Mitarbeiter. Die Staatsanwaltschaft hat jedenfalls Revision gegen das Urteil eingelegt. Der WEISSE RING will der Mutter dabei helfen, eine Therapie zu beginnen. Damit sie endlich das Geschehene nicht mehr ver drängen muss, sondern verarbeiten kann", betont Michael Blesenkemper-Klar. Auch ein erneuter Antrag auf Opferentschädigung soll gestellt werden. Das darf nicht noch einmal passieren Die Familie hofft auch auf Verständnis seitens der Behörden, die dafür sorgen sollen, den Täter von weiteren Straftaten abzuhalten. Dieser Mann hat uns das Leben so schwer gemacht, und wir wollen jetzt einfach nicht, dass so ein Verbrechen noch einmal geschieht und dann eine andere Familie so sehr leidet wie wir, sagt der Sohn. Martina Schäfer HIER HILFT DER WEISSE RING n Ein Praktikant im Kindergarten miss - brauchte die vierjährige Marie sexuell. n Arno L. (61) wurde bei einem Raub über - fall Opfer einer Geiselnahme. n Über einen Zeitraum von zwei Jahren war Gerda C. (24) Opfer häuslicher Ge walt. n Der 80-jährigen Rentnerin Heidi B. wur - de die Geldbörse gestohlen. WR-Außenstellenleiter Josef Doni (l.) und sein Amtsvorgänger Hans-Jörg Henning (r.) dankten Hans Schaubeck, Juniorchef der Firma Schaubeck, für die Unterstützung eines von Gewalt betroffenen Mitarbeiters n Der gemeinsame Sohn tötete den Ehemann von Selma D. (73). n Ein Onkel missbrauchte Tobias (12) so - wie seinen Cousin Emil. n Familie O. wird seit zwei Jahren be droht und erpresst. Zur Zeit lebt das Familienoberhaupt Norbert O. (40) mit den Seinen im Versteck. GEFÄHRLICHE TÄTER KOMMEN FREI Die Richter der Großen Strafkammer begründeten ihr Urteil über die Freilas - sung des Russlanddeutschen mit der ak - tuellen Entscheidung des Euro päischen Gerichtshofes für Menschen rechte (EGMR). Danach gilt Rückwir kungs verbot. Eine nachträgliche Ver län gerung der Strafe durch die Siche rungsverwahrung ist unzulässig. Bis 1998 konnten in Deutschland höchstens zehn Jahre Sicherungsverwahrung verhängt werden. Diese Regel setzte der Gesetzgeber 1998 aus. Im Fall des Russlanddeutschen befand die Straf kam mer nun, die Voraussetzun - gen für eine nachträgliche Siche rungsver - wahrung hätten beim ersten Prozess nicht vorgelegen. Das EGMR-Urteil wird nach Schätzungen von Experten auf rund 100 Fälle zutreffen. Arbeitgeber half vorbildlich nach der Gewalttat D er mysteriöse Mord ging vor zwei Jahren bundesweit durch die Presse: Unbekannte hatten ein Ehepaar (55 und 53 Jahre alt) grausam getötet und die 32-jährige Haushaltshilfe lebensgefährlich verletzt. Der Hausherr, der nach einem Arbeitsunfall gelähmt im Rollstuhl gesessen hatte, war als Versicherungsmakler tätig gewesen. Nachbarn hatten die Tragödie damals entdeckt, nachdem die Haushaltshilfe ihren vierjährigen Sohn nicht im Kindergarten abgeholt hatte. Sie lag lange Zeit im Koma und ist auf Lebenszeit schwer behindert. Außenstellenleiter Hans-Jörg Henning betreute ihren Ehemann, der im Ausland auf Montage war und von seinem Arbeitgeber zurückgeholt wurde. Für den Arbeitgeber, die Tiefbaufirma Schaubeck in Mainburg, hat Henning nur lobende Worte: Das Unternehmen bot dem Mitarbeiter jede notwendige Unterstützung an. Rolf U. wurde von seiner Arbeit freigestellt und nachdem er aufgrund der seelischen Belas - tung in der Sorge um seine Frau selbst krank wurde, hat ihm die Firma Schaubeck seinen Arbeitsplatz freigehalten und den Bauhelfer nach der langen Krankheitsphase in diesem Jahr zu den früheren Bedingungen wieder beschäftigt. Das großzügige Verhalten der Firma, vor allem die Arbeitsplatzsicherung, hat ganz sicher in hohem Maße dazu beigetragen, dass sich das Leben der Familie U. wieder einigermaßen normalisiert hat. Der gesicherte Arbeitsplatz, der Herrn U. einen nahtlosen Übergang in das Arbeitsleben ermöglichte, hat unbestritten auch den Heilungsprozess bei ihm beschleunigt. Er ist wieder voll einsatzfähig, erklärt Hans- Jörg Henning. Er freute sich, dem Juniorchef Hans Schaubeck mit seinem Nachfolger im Amt, Josef Doni, eine Dankesurkunde des WEISSEN RINGS für die vorbildliche und ganz und gar nicht übliche Unterstützung einer von Gewalt so schwer betroffenen Familie überreichen zu können. Der Täter konnte später ermittelt werden. Er wurde zu lebenslanger Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. WEISSER RING 1/11 17

18 Opferhilfe Zwangsheirat gerät zur ganz persönlichen Hölle W er Gülcan M. kennen lernt, ahnt nicht, welchen Leidensweg die 29-Jährige bereits hinter sich hat. Denn die junge Frau lacht gern, wirkt fröhlich, lebenslustig und voller Optimismus. Das ist alles nur äußerlich, sagt sie, und ihre Augen werden ernst und traurig. Im Inneren fühle ich mich leer und schon total alt. Aber Gülcan M. will stark bleiben. Für ihre vier Kinder, um die sie kämpft. Denn diese leben immer noch bei ihrem gewalttätigen Ex-Mann. Gülcan M. ist seit jungen Jahren Opfer häuslicher Gewalt. Jetzt bekommt sie Hilfe vom WEIS- SEN RING. Sie kam mit 14 Jahren mit ihren Eltern und Geschwistern aus der Türkei nach Deutschland in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Ein Jahr später muss Gülcan einen ihr fremden, arabischen Mann aus dem Libanon heiraten. Diese Zwangsheirat wird ihre persönliche Hölle. Erst Terror und Schläge, dann Rosen Der acht Jahre ältere Ehemann vergewaltigt und terrorisiert seine junge Frau, schlägt sie regelmäßig. Nicht nur mit den Fäusten, sondern später auch mit Gegenständen wie Messer, Schere, Tischbein oder spitzen Plastikblumen. Und das auch oft vor den Augen ihrer vier kleinen Kinder. Die Polizei wird zwar häufiger in die Wohnung des Paares gerufen, muss aber wieder ab - ziehen. Doch ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht. Gülcan M. hat Todesangst. Zwei Wochen ist Ruhe, dann wird es wieder schlimmer, erzählt Gülcan M. Nach den Streitereien schenkt er mir immer rote Rosen und denkt, damit ist alles wieder gut. Sie verlässt ihren Mann zeitweilig, fliegt zu ihren Eltern, die inzwischen wieder in der Türkei leben. Dort findet sie keine Unterstützung, nur Bedrohungen, und die Sehnsucht nach ihren Kindern treibt sie zurück nach Deutschland. Noch glaubt Gülcan an einen Neuanfang. Doch der Ehemann hat sich nicht geändert, bedroht sie wieder mit dem Messer. Gülcan M. denkt sogar über Selbstmord nach. Ich wusste nicht mehr, wo ich noch Hilfe bekommen sollte. Sie fragt: Wie viel Gewalt kann eine Frau ertragen? Nach einer besonders heftigen Auseinandersetzung setzt der Mann seine Frau vor die Tür. Sie schafft den Absprung ins Frauenhaus. Leider bleibt keine Zeit zum Durchatmen, denn die Adresse wird verraten, und der Ehemann steht plötzlich vor der Tür. Gülcan M. weiß, dass sie dort nicht sicher ist und verlässt die Stadt. Ich hatte nichts mehr, nur die Kleider, die ich am Leib Die Sehnsucht nach ihren Kindern treibt Gülcan M. um: Sie wünscht sich nichts mehr, als sich um sie kümmern zu dürfen trug, erinnert sie sich. Und: Ich habe nur an meine Kinder gedacht, die ich zurücklassen musste. Ich konnte nicht mehr atmen, nicht mehr schlafen. Der WEISSE RING hilft Durch die Vermittlung der Polizei lernt Gülcan M. WR-Mitarbeiterin Helga Paul kennen. Sie hilft der jungen Frau, die vollkommen aufgelöst ist, wieder auf die Beine zu kommen. Große Hilfe von staatlicher Seite ist zunächst nicht zu erwarten, da Gülcan M. keine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, sondern nur eine sogenannte vorläufige Fiktionsbescheinigung hat, die alle drei Monate verlängert wird. Durch Zufall findet die junge Frau eine kleine Wohnung Foto: Picture Alliance und schafft es mit tatkräftiger Unterstützung des WEISSEN RINGS, sich ein neues, geregeltes Leben aufzubauen. Sie hat sehr viel Eigeninitiative gezeigt, sich aufzurappeln, freut sich WR-Mitarbeiterin Helga Paul. Der WEISSE RING hat mir sehr viel Kraft gegeben, weiter zu machen, sagt die junge Frau dankbar. Trotz allem hat Gülcan M. nach wie vor Angst. Denn bereits beim Scheidungstermin drohte ihr der arabische Ex-Mann im Gerichtssaal, ihren Rechtsanwalt bedrohte er ebenfalls. Nach einem ersten Gutachten sollen die Kinder nach wie vor bei dem Vater bleiben. Eine Entscheidung, die Gülcan M. nicht nachvollziehen kann. Die Kinder werden nur in Hass, mit Lügen und Gewalt aufgezogen, befürchtet die Mutter. Bei einem Termin im Kinderschutzhaus die junge Frau hat ihre Kinder seit neun Monaten das erste Mal wieder gesehen kommt es wieder zu einem Zwischenfall. Der aggressive Ex-Ehemann randaliert, bedroht nicht nur seine Frau, sondern auch die Mitarbeiterinnen des Hauses. Hoffnung auf das Sorgerecht Der Sorgerechtsstreit geht nun in die nächs te Runde, aber Gülcan M. ist optimis - tisch, in naher Zukunft mit ihren Kindern zusammen leben zu können. Denn inzwischen hat das Jugendamt festgestellt, dass die Kinder massive Verhaltensauffälligkeiten zeigen, teilweise traumatisiert und un - glücklich sind. Auch die schulischen Leis - tungen lassen nach dem Bericht des Ju - gend amtes zu wünschen übrig. Der Vater kümmere sich demnach nicht um seine Kinder. Außerdem ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen wegen Vergewaltigung gegen den Mann. Der Rechtsanwalt von Gülcan M. will alles daran setzen, dass sie das alleinige Sorgerecht für ihre Kinder bekommt. Gülcan M. wäre sogar mit der Unterbringung in einer netten Pflegefamilie einverstanden, wenn sie dann nur ihre Kinder sehen könnte. Die Kinder sollen künftig ohne Gewalt, sondern mit viel Liebe aufwachsen, hat sich die Mutter vorgenommen. Ich will mich intensiv um meine Kinder kümmern und alles nachholen. Dafür kämpft sie jeden Tag aufs Neue. Martina Schäfer 18 WEISSER RING 1/11

19 Authentischer Einblick in die Parallelgesellschaft V ieles, das in den letzten Monaten in Deutschland zur fehlenden Integration von Zuwanderern und der daraus entstehenden Probleme diskutiert wurde, ist alles andere als neu. Mahner, die auf Gefahren hingewiesen haben, gibt es schon lange. Eine der ersten Frühwarner war Alice Schwarzer, die sich immer wieder zum Thema zu Wort gemeldet hat. 1979, nach dem Systemwechsel im Iran, war die Feministin mit französischen Wissenschaftlern vor Ort und erkannte, wie sich die Errichtung des Gottesstaates auf die Frauen des Landes und der gesamten arabischen Welt auswirken würde. Aus modernen, gebildeten und westlich orientierten Frauen waren während der Revolution für die Befreiung kämpfende schwarz verschleierte Wesen geworden, die sich bald darauf in der totalen Unterdrückung wieder fanden. Die doppelte Verschleierung Alice Schwarzer hat immer wieder in der von ihr herausgegebenen Zeitschrift EMMA berichtet über migrantische Familien, in denen die Jungen als Prinzen und die Mädchen als Gefahr für die Familienehre gelten. Jetzt hat sie eine Reihe eigener Beiträge sowie Texte prominenter Autorinnen veröffentlicht: Der Titel Die große Verschleierung bezieht sich nicht nur auf das Verstecken der Frauen und Mädchen unter Kopftüchern oder gar Ganzkörperschleiern. Klar angesprochen wird auch die Verschleierung der Tatsachen, etwa der Druck, der von der Community auf Familien ausgeübt wird, damit die Töchter das Tuch umbinden, durchaus mit finanzieller Belohnung verbunden. Schwarzer geht auf muslimische Verbände ein, die zahlenmäßig nur die Minderheit der muslimischen Bevölkerung in Deutschland vertreten, aber politisch sehr aktiv sind. Und sie macht wie ihre Mit- Autorinnen deutlich, dass es hier eben nicht um Religion geht, sondern um die politische Instrumentalisierung der Religion auch dies fällt unter die große Verschleierung. Die Autorinnen Journalistinnen wie Antonia Rados, Annette Ramelsberger, Gabriele Venzky und Martina Zimmermann, Wissenschaftlerinnen wie Rita Breuer und Khalida Massaoudi-Toumi so - wie Schriftstellerinnen wie Elisabeth Badinter und Necla Kelek belegen mit großer Sachkenntnis die Be mühungen der politisch motivierten Islamisten, mit der Verbreitung der Scharia als rechtliche Grund lage in immer weiteren muslimischen Staaten die Demokratie zu unterbinden. So weit das gut lesbare und empfehlenswerte Sachbuch zu den Parallelwelten. Ebenso sachkundig, gut lesbar und empfehlenswert sind die Romane, mit denen Güner Yasemin Balcı die Phänomene be - schreibt. Sie berichtet authentisch aus dem Innenleben arabischer Familien. Sachkundige Romane Die Autorin, als Kind alevitischer Einwanderer in Neukölln aufgewachsen, schildert in Arabqueen eindrucksvoll und nach - vollziehbar am Schicksal von Mariam, vor welcher Zerreißprobe junge Musliminnen in Deutschland stehen. Mariam soll den Cousin aus der Türkei heiraten, den sie nicht kennt, dem sie aber versprochen wurde. Dabei war sie gerade glücklich: Der Vater hat dem Drängen der Arbeitsagentur nachgegeben, sie darf einen Ein-Euro-Job in einem Sozialprojekt für Mädchen machen. Weil sie den Heiratsplänen nicht zustimmt, wird sie eingesperrt, wochenlang. Fast im - mer fügen sich die jungen Frauen der Tradition, die ihnen die Selbstbestimmung und jedwede Freiheit verweigert. Die schwie - rige Alternative verlangt den Ab schied von der Familie und allen Freunden für immer. Balcı lässt Mariam anders als so viele in der Realität die Flucht wählen. Sie verarbeitet in ihren Büchern die Erfarungen aus ihrer Zeit als Sozialarbeiterin. In Arabboy erzählt sie, wie der junge Rashid in den Abgrund driftet. Für den jungen Mann und seine Freunde ist Gewalt nichts Besonderes, sie gehört zu Hause und auf der Straße zum Alltag. Die Autorin zeich net intensive Bilder aus der oft zitierten, aber praktisch unbekannten Parallelwelt. Ingrid Weber Güner Yasemin Balcı Arabboy Verlag Fischer, 286 Seiten 8,95 E, ISBN Güner Yasemin Balcı Arabqueen Verlag Fischer, 320 Seiten, 14,95 Euro, ISBN Alice Schwarzer (Hrsg.) Die große Verschleierung Verlag Kiepenheuer & Witsch, 318 Seiten, 9,95 Euro, ISBN WEISSER RING 1/11 19

20 Ehrenamt Nina Schäfer betreut Opfer und wirbt um junge Menschen I hr Ziel war ein Praktikum beim WEISSEN RING, stattdessen bot man ihr in Lüneburg, wo sie ihr Sozialpädagogik-Studium absolvierte, ehrenamtliche Mitarbeit in der Außenstelle an. Nina Kristin Schäfer sagte zu, passte das Ehrenamt doch sehr gut zu ihrem Studien-Schwerpunkt Kriminologie, Recht und Krisenintervention. Das halbjährige Praktikum leistete sie dann in der Jugendgerichtshilfe in Bonn. Hier hatte sie es mit Tätern zu tun da kam das Ehrenamt gerade recht. Ihre Diplomarbeit über die Trauer von Kindern, die ein Geschwisterkind verloren haben, schrieb sie in Bonn, wo sie 2007 noch ein weiteres Ehrenamt übernahm: Nina Schäfer arbeitet auch in der Notfallseelsorge mit und sieht Parallelen in den Ehrenämtern: Manch akuter Fall aus der Notfallseelsorge wird später im WEISSEN RING weiter betreut. Das ehrenamtliche Engagement tritt inzwischen ein wenig hinter dem Beruf zurück. Seit 2008 arbeitet sie im Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes, ist mit Jugendgerichtshilfe, Trennungs- und Scheidungsberatung befasst, organisiert stationäre und ambulante Hilfen für Kinder, Jugendliche und Familien. Das geht nicht per Aktenlage. Man muss die Familie persönlich kennenlernen und mit ihr persönlich arbeiten, sagt Nina Schäfer. Während sie in Alfter an ihrer Diplomarbeit schrieb, kam es ihr sehr entgegen, dabei auch praktisch zu arbeiten. Dabei konnte sie auch umsetzen, was sie im Studium gelernt hat: Krisenintervention ist oft gefragt in der Opferbetreuung. Nina Kristin Schäfer fühlt sich sicher in Fällen von häuslicher Gewalt zum Beispiel. Der Umgang mit Familien gehört inzwischen ja auch zu ihrem Berufsalltag. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bildet in ihrem gesamten Engagement den Schwerpunkt. Mir war es immer wichtig, ehrenamtlich etwas zu bewegen und nicht nur stur einen Dienst zu machen, erklärt sie. Und deshalb fand sie auch im WEISSEN RING nach fünf Jahren eine weitere Aufgabe: Seit Februar 2010 ist sie Jugendbeauftragte in Nina Schäfer wandert zum Ausgleich der hohen Belas tung in Beruf und Ehrenamt NRW-Rheinland. Trotz all der Arbeit, die sie bereits leistet, organisiert sie nun auch Treffen junger Mitarbeiter im Landesverband und bemüht sich gemeinsam mit ihnen, den Verein gerade unter jungen Menschen bekannter zu machen. Der Austausch mit anderen Ehrenamtlichen ist ihr wichtig, auch neue Leute kennenzulernen. Das gilt für die Außenstelle genauso wie für die jungen Mitarbeiter im WEISSEN RING, die jährlich zum Workshop zusammen kommen, um altersgerechte Materialien für junge Menschen zu entwerfen. Der Rückhalt im Team, auch in der Außenstelle, hat ihr schon viel bedeutet, bei schwierigen Opferfällen etwa die Möglichkeit, darüber zu sprechen, die Situation zu überdenken und Lösungen zu finden. Und wie verkraftet ein so junger engagierter Mensch diese vielfältigen Belastungen und Ehrenämter? Durch den Austausch in der Gruppe und durch Supervision, sagt Nina Schäfer. Vor allem aber ihr Privatleben ermöglicht ihr den nötigen Ausgleich, wenngleich: Hier muss ich häufig gut jonglieren, damit es nicht zu kurz kommt. Wandern, Ausflüge, Klettern, abends essen gehen... Wandern gehört zu ihren wichtigsten Hobbys, oft reist sie mit ihrem Freund dafür nach Oberstdorf, regelmäßig läuft sie abends durch ihr Dorf oder den Wald. Und seit Kurzem betreibt sie mit ihrem Freund oder in der Gruppe die ganz spezielle Wander-Ziel-Suche, Geo-Caching mit GPS. Bei so viel Bewegung an schönen und interessanten Plätzen in der Natur lösen sich mögliche Rest-Belastungen auf der Seele ohne - hin ganz leicht in nichts auf. Und für den Sommer 2011 steht dann noch ein besonderes privates Highlight an: Dann wird geheiratet. Ingrid Weber Foto: Privat 20 WEISSER RING 1/11

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