Predigt von Pastor Detlef Albrecht am 3. Sonntag nach Trinitatis ( ) in St. Andreas Hildesheim

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1 PREDIGT ZU 1. JOH. 1,5-2,6 SEITE 1 Predigt von Pastor Detlef Albrecht am 3. Sonntag nach Trinitatis ( ) in St. Andreas Hildesheim Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Liebe Gemeinde! Wie wichtig ist Ihnen Ehrlichkeit? Ich vermute, sie ist Ihnen sehr wichtig. Und eigentlich geht es ja auch gar nicht anders, oder? Gerade wir als Christen müssen da doch Vorreiter sein. Das achte Gebot gilt auch uns: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten, zu deutsch: Du sollst immer ehrlich sein. Wir sind doch die Spezialisten für Ehrlichkeit, oder? Tja. Schön wär s! Oder was meinen Sie? Ich glaube, man muss zwei Versionen von Ehrlichkeit unterscheiden: Die eine lautet: Ich bin ehrlich, wenn ich nicht lüge. Klingt logisch, kann man nachvollziehen. Aber die andere lautet: Ich bin ehrlich, wenn ich alles sage, was ich denke. Und ich glaube, an diesem Punkt werden auch ganz entschiedene Christen zögerlich. Alles sagen, was ich denke? Ach, also... Das muss vielleicht doch nicht sein! Der Journalist Jürgen Schmieder hat das mal im Selbstversuch getestet: 40 Tage lang hat er nicht nur nicht gelogen, sondern schlichtweg alles gesagt, was er dachte. Das muss eine harte Zeit gewesen sein. Er hat etliche Freunde verloren. Eine Rippe wurde ihm gebrochen. Und seine Ehe geriet in eine echte Krise. Das Buch, in dem er seine Erfahrungen aus dieser Zeit aufgeschrieben hat, heißt übrigens: Du sollst nicht lügen! Was hat er falsch gemacht? Warum machen wir das eben doch anders mit der Ehrlichkeit? Es gibt nicht nur die Ehrlichkeit an sich, sondern es gibt Konventionen im Umgang miteinander, es gibt Höflichkeit. Man will den anderen auch nicht verletzen. Auch das haben wir mal gelernt und wenden es an. Das gehört zu unserem Umgang miteinander auch dazu. Und es wird schwierig so hat es der Journalist erlebt wenn man diese ungeschriebenen Regeln verletzt. Also Ehrlichkeit wollen alle, aber: Nicht zu viel auf einmal, bitte. Und alles so ganz genau wissen wollen wir dann vielleicht auch nicht. 2 Es wäre aber trotzdem unbefriedigend, wenn wir dabei jetzt stehen blieben. Es gibt sie ja trotzdem, diese Sehnsucht, dass es an einem Punkt doch mal richtige, echte Ehrlichkeit gibt. Und vor allem: Dass wir zu uns selber ehrlich sind.

2 PREDIGT ZU 1. JOH. 1,5-2,6 SEITE 2 Denn mal ganz ehrlich: Wir wünschen uns von anderen Menschen immer, dass sie ehrlich zu uns sind. Aber wir selber lügen uns gerne mal in die eigene Tasche. Oder? Mir geht es so, dass ich mich vergleiche mit anderen und dann natürlich auf die Punkte schaue, an denen ich vermeintlich besser abschneide. Das tut gut, keine Frage, hebt mein Selbstvertrauen aber es ist nicht ehrlich. Weil ich all die anderen Punkte ausblende, wo die andern nun mal besser abschneiden als ich. Richtig unehrlich wird es, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Da gibt es auf einmal so viele Leute, die daran schuld sind! Die daran schuld sind, dass ich diesen Fehler ganz einfach machen musste. Ist doch klar! Aber Sie ahnen es schon da habe ich mich mal wieder nicht so ganz ehrlich angesehen. Für meine Fehler bin ich immer noch selber zuständig. [Die toten Hosen, Der letzte Kuss] Wo ist der Ort für den ehrlichsten Kuss? Kann man ihn nur vom Totenbett holen? Ganz am Ende wird die Ehrlichkeit noch mal neu ein Thema: Wenn es für das Leben nichts mehr an Ansehen zu gewinnen gibt. Wenn das alles vorbei ist dann kann man vielleicht wirklich ehrlich werden. Wie viele Menschen haben sich in so einer Situation schon wieder versöhnt, manchmal nach vielen Jahren? Ich habe alte Menschen kennengelernt, die über Jahrzehnte ein Geheimnis mit sich herumgetragen haben. Die Erinnerung an ein schreckliches Erlebnis. Oder die Wahrheit über den Vater der Kinder. Oder die einfach spüren, dass sie schuldig geworden sind an ihrer Familie. Und die das jetzt sagen müssen. Weil sie spüren: Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Noch kann ich vielleicht etwas wieder gut machen. Oder zumindest um Verzeihung bitten. Aber wenn ich nicht mehr bin, dann wird es diese Ehrlichkeit auch nicht mehr geben können. 3 Ist das ein Naturgesetz? Geht das gar nicht anders? Christen haben eine neue Chance auf Ehrlichkeit. Wir hören den Predigttext aus dem 1. Johannesbrief: 5 Von ihm, Jesus Christus, dem offenbar gewordenen Wort, haben wir die Botschaft gehört, die wir euch weitersagen: Gott ist Licht, in ihm gibt es keine Spur von Finsternis. 6 Wenn wir behaupten:»wir haben Gemeinschaft mit Gott«, und gleichzeitig im Dunkeln leben, dann lügen wir und gehorchen nicht der Wahrheit. 7 Leben wir aber im Licht, so wie Gott im Licht ist, dann haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut, das Jesus, sein Sohn, für uns vergossen hat, reinigt uns von jeder Schuld. 8 Wenn wir behaupten:»wir sind ohne Schuld«, betrügen wir uns selbst und die Wahrheit lebt nicht in uns. 9 Wenn wir aber unsere Verfehlungen eingestehen, können wir damit rechnen, dass Gott treu und gerecht ist: Er wird uns dann unsere Verfehlungen vergeben und uns von aller Schuld reinigen. 10

3 PREDIGT ZU 1. JOH. 1,5-2,6 SEITE 3 Wenn wir behaupten:»seit wir Christen sind, haben wir nie mehr Unrecht getan«, machen wir Gott zum Lügner und sein Wort lebt nicht in uns. Meine lieben Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr kein Unrecht tut. Sollte aber jemand schuldig werden, so haben wir einen, der beim Vater für uns eintritt: Jesus Christus, den Gerechten, der ohne Schuld ist. Durch seinen Tod hat er Sühne für unsere Schuld geleistet, ja sogar für die Schuld der ganzen Welt. Der Schreiber des 1. Johannesbriefes kennt sich aus mit dem Leben. Er weiß, dass Christen in Sachen Ehrlichkeit manchmal nicht viel anders sind als andere Menschen. Und er weiß, worauf er uns ansprechen kann, wenn er sagt: Belügt euch doch nicht selber! Ihr macht doch auch Fehler, ihr ladet Schuld auf euch. Und ich ergänze: Man kann doch gar nicht leben, ohne Fehler zu machen! Das geht doch gar nicht. Aber man kann dann zu Gott kommen. Und sagen: Ich habe was falsch gemacht, ich bin schuldig geworden. Bitte, Gott, vergib mir! So kommt man aus der Lüge wieder in die Ehrlichkeit. Wir selber können uns da nicht reinwaschen. Gott macht das, wenn wir ihn darum bitten. Wo ist der Ort für den ehrlichsten Kuss? Es ist Golgatha. Der Ort, an dem der Sohn Gottes die ehrlichsten Worte gerufen hat, die es für einen wie ihn geben konnte: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Das war wirklich ehrlich. Würden Sie sich trauen, diese Worte zu sagen? Wären Sie so ehrlich? Selbst wenn Sie im Innersten genau das fühlen würden? Sind Sie so ehrlich zu Gott? Bei mir sträubt sich s, wenn ich daran denke. Und gleichzeitig weiß ich: Dieses Sträuben ist auch nichts anderes als meine Höflichkeit, die mir anerzogen wurde. Ich will doch nett sein zu Gott und ihn nicht vor den Kopf stoßen. Tja, das hat Jesus anders gemacht. Er war ehrlich und davon können wir einiges lernen. Weil er seinen Weg gegangen ist, in die tiefste Tiefe des Menschseins, bis in den Tod, können wir diesen Weg auch gehen. Er vergibt uns unsere Schuld. Wir müssen jetzt nur noch so ehrlich sein, uns unsere Fehler einzugestehen. 4 Wir feiern heute das Abendmahl. Und wir werden vorher Ehrlichkeit üben. Und Gott bitten, dass er das von uns wegnimmt, was uns belastet. Damit wir im Abendmahl seine Nähe, seine Gemeinschaft ganz neu erleben können. Wir leben versteckt, wischen all unsere Spuren weg Vor den anderen und vor uns selbst Damit kein Mensch jemals sieht, wer wir in Wahrheit sind.

4 PREDIGT ZU 1. JOH. 1,5-2,6 SEITE 4 Das muss so nicht bleiben: Wer zu Gott kommt, der wird angenommen. Die Schuld wird vergeben, und wir können neu anfangen. Ganz ehrlich. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

5 PREDIGT ZU 1. JOH. 1,5-2,6 SEITE 5 Der Letzte Kuss (Die Toten Hosen) Irgendwann kommt für jeden der Tag An dem man für alles bezahlt, dann stehn' wir da Denken, wie schön es mal war Bereuen unsere Fehler, hätten gern alles anders gemacht Hätten all unsere Boshaftigkeiten niemals getan Wir leben versteckt, wischen all unsere Spuren weg Vor den anderen und vor uns selbst Damit kein Mensch jemals sieht, wer wir in Wahrheit sind... Wo ist der Ort für den ehrlichsten Kuss Ich weiß, dass ich ihn für uns finden muss Auf 'ner Strasse im Regen, auf 'nem Berg nah beim Mond Oder kann man ihn nur vom Totenbett holen Wo ist der Ort für einen ehrlichen Kuss Den einzigen, den ich Dir noch geben muss... All denen, die uns am nächsten steh'n, tun wir am liebsten weh Und die Frage warum das so ist, bleibt unser Leben lang steh'n Wann ist die Zeit für einen ehrlichen Kuss Der all unsere Lügen auslöschen muss Gib' mir die Zeit für einen ehrlichen Kuss So wollen wir uns küssen, wenigstens am Schluss Es wird ein Kuss sein, der alles verzeiht Der alles vergibt und uns beide befreit Du musst ihn mir schenken - ich bin zwar ein Dieb Doch gestohlen ist er wertlos, und dann brauch ich ihn nicht

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