Lernen mit Laptops. Eine Evaluation der Laptopklassen des Michaeli Gymnasiums München

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1 Lernen mit Laptops Eine Evaluation der Laptopklassen des Michaeli Gymnasiums München Freie wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des Grades eines Magister Artium Sozialwissenschaftliche Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München Institut für Kommunikationswissenschaft Vorgelegt von: Stefan Schaller Referent: Prof. Dr. Heinz Pürer München, den 28. September 2003

2 Abkürzungsverzeichnis Neben den gebräuchlichen Kurzformen wurden folgende Abkürzungen in der vorliegenden Arbeit verwendet: ALP BLK BMBF FWU I ifib IJF IKT ISB JIM-Studie KMK L LT MGM mpfs SEMIK Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung Bundesministerium für Bildung und Forschung Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht Interviewer Institut für Informationsmanagement Bremen Institut für Jugendforschung Informations- und Kommunikationstechnologien Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung München Jugend, Information, (Multi-)Media (Studie des mpfs) Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland Lehrkraft Laptop Michaeli Gymnasium München Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest Systematische Einbeziehung von Medien, Informations- und Kommunikationstechnologien in Lehr- und Lernprozesse

3 Abbildungsverzeichnis Tabellen Tabelle 1 Computerausstattung an deutschen Sekundarschulen 15 Tabelle 2 Geeigneter Medieneinsatz in den idealtypischen Unterrichtsphasen 30 Tabelle 3 Abhängigkeit der Einstellung der Schüler zum Laptopunterricht von der Einstellung ihrer Eltern 94 Tabelle 4 Unterrichtsform beim Laptopunterricht 96 Tabelle 5 Benotung und Kontrollmöglichkeiten 99 Abbildungen Abbildung 1 Einstellung der Schüler zum Laptopunterricht 93 Abbildung 2 Einstellungen zum Laptopunterricht nach Geschlecht 95 Abbildung 3 Häufigkeit des Laptopunterrichts nach Klassen 97 Abbildung 4 Anwendungen und Arbeitsweisen beim Laptopunterricht 97 Abbildung 5 Lernerfolge beim Laptopunterricht 100 Abbildung 6 Selbst eingeschätzte Computerkenntnisse nach Geschlecht 101 Abbildung 7 Organisatorische Stärken und Schwächen des Laptopunterrichts 103

4 Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung Motivation und Relevanz des Themas Aufbau der Arbeit 2 2. Neue Medien und der Wandel in der Gesellschaft Der Wandel zur Informationsgesellschaft Neue Anforderungen an das Bildungssystem Vermittlung neuer Kompetenzen Neue organisatorische und didaktische Herausforderungen Jugendliche in der Informationsgesellschaft Berufs- und Karriereorientierung Computer- und Internetnutzung Jugendlicher Mediatisierte Jugend? 9 3. Bildungspolitische und innerschulische Rahmenbedingungen für den Einsatz von Computern im Unterricht Richtlinien der Bildungspolitik des Bundes und der Länder Richtlinien der bayerischen Bildungspolitik Initiativen zur Integration neuer Medien in das Bildungssystem Initiativen von Bund und Ländern Initiativen der freien Wirtschaft Zum Stand der Computerausstattung an Schulen Organisatorische Rahmenbedingungen für den schulischen Computer- und Laptopeinsatz Planung der technischen Ausstattung Finanzierungskonzepte Support und technische Betreuung Regeln für den Umgang mit neuen Medien Intensivierung der internen Kommunikation Zum Stand der Lehreraus- und -fortbildung Lehrerausbildung Kompetenz der LehrerInnen im Umgang mit neuen Medien Initiativen und Einrichtungen zur Lehrerfortbildung 23

5 4. Grundlagen der Medienpädagogik Abgrenzung von Medienerziehung und Mediendidaktik Ansätze der Medienerziehung Ansätze der Mediendidaktik Zum Begriff des Unterrichtsmediums Überlegungen zur didaktischen Einbindung von Medien in den Unterricht Der didaktische Einsatz von Computern im Unterricht Multimedia, Interaktivität und Vernetzung Lerntheorien zum Einsatz von Computern Der Behaviorismus Kognitive Lerntheorien Der Konstruktivismus Der Ansatz des situierten Lernens Was leisten Computer im Unterricht? Anwendungsmöglichkeiten im lerntheoretischen Sinne Neue Kompetenzen durch neue Medien Neue Aufgaben des Lehrers durch offene Unterrichtsformen Grenzen von multimedialem Lernen Stationäre Computer versus Laptops Zum aktuellen Forschungsstand Lehrer und neue Medien Effizienz von computergestütztem Lernen Effizienz von Laptopprojekten Das Michaeli Gymnasium München Medienarbeit und -einrichtungen des MGM Der Laptopunterricht am MGM Zusammenfassung und Formulierung der Forschungsfragen Methodisches Vorgehen und Operationalisierung Wahl der Methode Methode I: Problemzentriertes Leitfadeninterview mit Lehrern Stichprobe Entwicklung des Leitfadens 53

6 8.2.3 Durchführung der Interviews Auswertung Methode II: Standardisierte, schriftliche Befragung der Schüler Stichprobe Entwicklung des Fragebogens Gütekriterien und Vermeidung von Verzerrungseffekten Durchführung und Auswertung Analyse relevanter Dokumente Darstellung der Ergebnisse Ergebnisse der Lehrerinterviews Ziele des Laptopunterrichts am MGM (F 1 ) Organisations- und Kommunikationsstrukturen (F 2 ) Einstellungen der Lehrkräfte zum Laptopunterricht (F 3a ) Planung und Gestaltung des Laptopunterrichts (F 4a ) Stärken und Schwächen des Laptopunterrichts (F 5a ) Verbesserungsmöglichkeiten aus Sicht der Lehrer (F 6a ) Ergebnisse der Schülerbefragung Einstellungen der Schüler zum Laptopunterricht (F 3b ) Planung und Gestaltung des Laptopunterrichts (F 4b ) Stärken und Schwächen des Laptopunterrichts (F 5b ) Verbesserungsmöglichkeiten aus Sicht der Schüler (F 6b ) Fazit Zusammenfassung und Beantwortung der Forschungsleitfrage Abschließende Bewertung und Ausblick 109 Literaturverzeichnis Eidesstattliche Erklärung Kontakt

7 1. Einleitung 1.1 Motivation und Relevanz des Themas Computer, Internet und Multimedia haben längst Einzug in die Schulen gehalten. Dass die Beherrschung von Arbeitstechniken am Computer eine essentielle Grundvoraussetzung für den späteren Einstieg in die Arbeitswelt geworden ist, bestreitet heute keiner mehr. Auch im privaten Leben der Jugendlichen sind die neuen Medien heute nicht mehr wegzudenken, ihre Integration in die Schule ist deshalb nur konsequent. Weil portable Geräte in zunehmendem Maße erschwinglicher werden, werden neben den Computerräumen seit einigen Jahren auch immer mehr Laptopklassen eingerichtet. Und die Hoffnungen sind groß: Systematisches Lernen mit neuen Medien ist nicht über Computerarbeitsräume oder Medienecken zu erreichen. Das Arbeits- und Lernwerkzeug Computer muss Schülerinnen und Schülern individuell jederzeit zur Verfügung stehen. Die technische Lösung hierfür heißt heute Notebook. (Wagner 2003, S. 14) In den Augen vieler Pädagogen werden Schüler zukünftig im vernetzten Klassenzimmer an ihren persönlichen Geräten in individuellen Lernumgebungen arbeiten. Das Wissen der Welt ist im Internet über ein paar Klicks verfügbar, weltweite Kooperationen über das Netz sind problemlos realisierbar 1. Heute ist dieses Szenario noch weitgehend Utopie, trotzdem hat man erkannt: Für die systematische Einführung von Medien in Lehr- und Lernprozesse, für die nachhaltige Förderung von Medienkompetenz und Eigenständigkeit gibt es derzeit keine Alternative zum neuen Lernen mit Notebooks. (Vallendor 2003a, S. 3) Evaluationen bisheriger Laptopprojekte belegen tatsächlich, dass der Einsatz der Geräte problemorientiertes und projektbasiertes Arbeiten fördert und den Schülern einen individuelleren und eigenständigeren Umgang mit Lerninhalten ermöglicht. Trotzdem ist nach der anfänglichen Euphorie inzwischen eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Erst kürzlich resümierte der Nürnberger Schulpädagoge Werner Sacher, man habe bisher zu sehr darauf vertraut, dass die Integration der neuen Medien automatisch auch den gewünschten Innovationsschub brächte (Nicht allein selig machend, 2003, S. 9). Erst vor dem Hintergrund harter pädagogischer Konzepte entfalten die neuen Medien ihre Möglichkeiten. Hier steht man auch heute noch am Anfang. So stellt Birkelbach fest: Bund, Länder und Wirtschaft wetteifern mit Programmen, als könne man die Wissensdefizite in Deutsch und Algebra mit Hilfe des Internet ausgleichen. Die unkoordinierten Aktionen führen zu einem Computer-Chaos, das Schulträger und Pädagogen überfordert. ( ) 1 Perelman ging 1992 sogar so weit, die Schule in ihrer jetzigen Form für obsolet zu erklären und sah die individuelle Gestaltung von Lernumgebung durch spezifische Bildungsangebote aus dem Netz als Zukunftsmodell (S ). 2 Keine Seitenangabe, da Online-Quelle. Stefan Schaller Lernen mit Laptops September

8 Zudem sind gerade Laptopprojekte sehr kostenintensiv. Die Schulen sind auf öffentliche Gelder oder die Unterstützung von wirtschaftlichen Sponsoren angewiesen. Doch die Gelder werden knapper. Nicht jede Schule kann auf die finanzielle Unterstützung durch Stiftungen und wirtschaftliche Initiativen hoffen. Die Zeiten der gesponserten Pilotprojekte sind vorbei. Wie also geht die Laptoparbeit jenseits von Modellschulen nach der Anfangseuphorie weiter, und wo wird der Laptopunterricht hinführen? Beschränkt sich die Arbeit mit den Geräten im Schulalltag auf vereinzelte Einsätze im Unterricht oder findet dieser in größerem Umfang statt und wird er vor dem Hintergrund eines durchdachten, medienpädagogischen Konzepts koordiniert und durchgeführt? Die vorliegende Arbeit will diese Gedanken aufgreifen und die aktuelle Arbeit in einem Laptopprojekt, das schon über mehrere Jahre läuft, näher beleuchten. Dafür wurde das Michaeli Gymnasium München (MGM) ausgewählt, das deutschlandweit die erste Schule war, die Laptops in den Fachunterricht integrierte. Hier wird seit 1997 an den Geräten unterrichtet. Das MGM bot sich an, da dort eine Evaluation in wissenschaftlicher Form bisher nicht stattfand und auch seitens der Schule Interesse daran bestand. Auch das MGM begann als Modellschule, inzwischen haben sich die Sponsoren aber zurückgezogen. Der Laptopunterricht findet jedoch weiterhin statt. Leitfrage der Evaluation soll sein, wie das Laptopprojekt am MGM momentan gestaltet wird und wo sich gegebenenfalls Verbesserungsmaßnahmen anbieten. Die Evaluation des Projekts kann dabei aber nicht nur Aufschluss über die individuellen Maßnahmen und Strukturen am MGM geben, sondern auch exemplarisch zeigen, wie sich ein derartiges Projekt im Laufe der Zeit verändert und wo sich der Laptopunterricht abseits von Modellschulen und gesponserten Pilotprojekten heute befindet. Tatsächlich fand die Evaluation direkt in der Phase einer Neukonzeption des Laptopunterrichts am MGM statt. In Absprache mit dem MGM ist ein weiteres Ziel dieser Arbeit, die Entwicklung eines auf die individuellen Bedingungen der Schule abgestimmten Fragebogens für die Schüler der Laptopklassen. Mit diesem sollen die Schüler auch zukünftig schnell und unkompliziert über ihre Meinung zum Laptopunterricht befragt werden können. 1.1 Aufbau der Arbeit Als Ausgangspunkt dieser Arbeit sollen die Veränderungen der Gesellschaft, die nicht zuletzt die neuen Medien hervorgerufen haben, beleuchtet und deren Konsequenzen für das Bil- Stefan Schaller Lernen mit Laptops September

9 dungssystem aufgezeigt werden. Auch die aktuelle Situation der Jugendlichen sowie ihr Umgang mit den neuen Medien werden hier dargestellt. (Kapitel 2) Im Anschluss daran werden die bildungspolitischen Rahmenbedingungen für den Einsatz neuer Medien im Unterricht beschrieben. Zudem wird versucht, einen Überblick über die Initiativen und Projekte von Bund, Ländern und Wirtschaft zur Integration neuer Medien in die Schulen zu geben. Anschließend werden die organisatorischen Bedingungen für den Einsatz von Laptops im Unterricht beleuchtet, abschließend soll die Qualifikation des Lehrpersonals für die Arbeit an den Geräten diskutiert werden. (Kapitel 3) Die beiden darauf folgenden Kapitel befassen sich mit medienpädagogischen Grundlagen. Kapitel 4 tut dies allgemein, Kapitel 5 vor dem speziellen Hintergrund des didaktischen Einsatzes des Computers 3. Hier werden lerntheoretische Grundlagen besprochen und ein Überblick über mögliche Anwendungsgebiete des Computers gegeben. Es werden der didaktische Nutzen von Computern im Unterricht diskutiert und die Vor- und Nachteile von Laptops gegenüber stationären Rechnern besprochen. Abschließend wird ein Überblick über bisherige Evaluationen zu Vorraussetzungen des Lehrpersonals, zu Lernerfolgen durch neue Medien und vor allem zur Durchführung von Laptopprojekten gegeben. Nach einer genaueren Vorstellung des MGM und seiner Projekte, die sich mit neuen Medien beschäftigen (Kapitel 6), werden in Kapitel 7 die bisherigen Erkenntnisse zusammengefasst und die Forschungsfragen für die Evaluation des Laptopunterrichts am MGM formuliert. Die Besprechung des methodischen Vorgehens bei der Evaluation erfolgt in Kapitel 8, bevor in Kapitel 9 die Ergebnisse präsentiert werden. 3 Da es sich bei Laptops ebenso um Computer handelt und sie sich rein von den technischen Möglichkeiten nicht wesentlich von ihren großen stationären Brüdern unterscheiden, wird in dieser Arbeit der Einfachheit halber unter dem Begriff Computer auch immer Laptop verstanden. In weiten Teilen der Arbeit ist deshalb ausschließlich von Computern die Rede, gemeint sind damit aber immer auch die Laptops. Soll explizit unterschieden und abgegrenzt werden, dann wird der Begriff stationäre Computer beziehungsweise mobile Computer oder Laptops verwendet. Der Vollständigkeit halber sei auch erwähnt, dass mit Computerräumen Räume mit stationären Computern gemeint sind. Stefan Schaller Lernen mit Laptops September

10 1. Neue Medien und der Wandel in der Gesellschaft Neue Medien sind im Berufsalltag und in der Freizeitgestaltung ein fester Bestandteil der heutigen Gesellschaft geworden. Sie übernehmen informationsvermittelnde und unterhaltende Funktionen; Arbeitsprozesse und ganze Berufszweige wurden und werden immer mehr durch Rechenroutinen am Computer ersetzt. So hat die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) bereits 1987 festgestellt: Neue Informations- und Kommunikationstechnologien haben sich in den letzten Jahren zu Schlüsseltechniken entwickelt, die in fast allen Bereichen der Wirtschaft Einzug gehalten haben; sie haben auch im Bildungswesen und in unserer täglichen Umwelt Fuß gefasst 4. [ ] Ebenso wird das Freizeitverhalten in Teilen bereits von den Informationsund Kommunikationstechniken beeinflusst, in manchen Fällen sogar schon bestimmt. (BLK, 1987, S. 7) Die Innovationskraft der neuen Medien ist in aller Munde. Dabei werden die Begriffe Neue Medien und Neue Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) oft ohne nähere Erläuterungen verwendet. Zu Beginn der 80er Jahre verstand man unter neuen Medien sämtliche Neuentwicklungen elektronischer Medien wie Bildschirmtext, Videotext, Kabel- und Satellitenfernsehen, den Videorecorder oder die Bildplatte. Heute wird der Begriff immer mehr mit computerbasierten Medien in Verbindung gebracht. (Hagemann, 2001, S. 27f.) Als zentrale Eigenschaften der neuen Medien nennt Schnoor Interaktivität, Multimedialität und Vernetzung 5 (2001, S. 206). Hagemann nennt zusätzlich zu diesen drei Punkten die Möglichkeit der Speicherung, Abrufbarkeit und Veränderung (2001, S ). Die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) betont vor allem den Aspekt der Digitalisierung und der schnellen Datenverarbeitung und -übermittlung (KMK, 1997, S. 4). Zu den neuen Medien gehören damit gleichermaßen das Internet, und Chaträume, wie auch sämtliche Computerapplikationen, seien es Programme zur Produktion von Text, Bild und Ton, elektronische Datenbanken, interaktive Lernprogramme oder Computerspiele. Für den Zugriff auf die neuen Medien bedarf es bestimmter Technologien: Neben dem Computer selbst sind auch Netzwerk- und Internetzugang oder Peripheriegeräten wie Monitore, Drucker und Scanner notwendig. Ist in dieser Arbeit von neuen Medien oder IKT die Rede, so ist damit gleichzeitig auch immer die Technologie gemeint. 1.1 Der Wandel zur Informationsgesellschaft Die neuen Medien führen zu einer zunehmenden weltweiten Vernetzung und ermöglichen es mühelos, global Informationen auszutauschen. Damit unterstützten sie einen Prozess des 4 Sämtliche Zitate in dieser Arbeit werden gemäß der neuen Rechtschreibung wiedergegeben. Dies soll durch Verzicht auf die sic -Vermerke der Erleichterung des Lesens dienen. 5 Auf diese Begriffe wird in Kapitel 5.1 noch genauer eingegangen. Stefan Schaller Lernen mit Laptops September

11 gesellschaftlichen Wandels: Heute ist Information zum strategischen Rohstoff und Kommunikation zum grundlegenden Produktionsfaktor (Wössner, 1997, S. 41) geworden. Die Gesellschaft hat einen Wandel von der Industriegesellschaft zur Informations- und Wissensgesellschaft vollzogen. Ermöglichten laut Rüttgers in der Industriegesellschaft noch nahezu ausschließlich Arbeit und Kapital den Fortschritt, so spielt heute ein weiterer Faktor eine bedeutende Rolle: Bildung und Wissen (1997, S. 17). Immer mehr tritt die Wissensarbeit und der Informationsaustausch zugunsten der materiellen Produktion in den Vordergrund. Neben rein materiellen Gütern bieten Unternehmen verstärkt intelligente Dienstleistungen und die Weitergabe von Wissen als eigenes Produkt an. Arbeit wird damit immer stärker zur Informationsarbeit. Die Arbeits- und Produktionsprozesse werden mit Hilfe des Einsatzes neuer Medien rationalisiert und beschleunigt. Der weltweite Zugang zu Forschung und Entwicklung erleichtert Teamarbeit und verkürzt Entwicklungszeiten (Henkel, 1997, S. 29). Das Tempo hat sich jedoch nicht nur in den Arbeitsprozessen erhöht: Die Halbwertszeit von Fachwissen wird geringer, reines Faktenwissen veraltet immer schneller. Daneben nimmt der Umfang von neuem Wissen beständig zu, so dass es selbst in Fachbereichen immer schwieriger wird, umfassende Kenntnisse zu besitzen. (Bruck & Geser, 2000, S ) 1.1 Neue Anforderungen an das Bildungssystem Diese Entwicklungen wirken sich auch auf die Gestaltung von Schule und Ausbildung aus. Die Fähigkeit, mit den neuen Medien umgehen zu können, wird im Beruf inzwischen meist als selbstverständlich vorausgesetzt. Die zunehmende Integration der neuen Medien in den Unterricht zeigt, dass auch Schulen deren Bedeutung erkannt haben. Ein grundlegendes Ziel muss es sein, alle Schüler zu befähigen, mit den neuen Medien technisch wie inhaltlich umgehen zu können (KMK, 1997, S. 4-5). Oft spricht man im Zusammenhang mit den IKT sogar von der vierten Kulturtechnik, die sich neben Lesen, Schreiben und Rechnen etablieren wird Vermittlung neuer Kompetenzen Das alleinige Beherrschen der neuen Medien ist bei weitem nicht ausreichend, um den Anforderungen der heutigen Arbeitswelt zu entsprechen. In einer Gesellschaft, in der das Fachwissen von gestern möglicherweise schon morgen nicht mehr aktuell ist, macht das reine Anhäufen von Wissen nur noch wenig Sinn. Methodenkompetenz ist gefragt: Mehr als auf die Vermittlung von Inhalten kommt es heute darauf an, sich Methoden und Strategien des Lernens und der Problemlösung anzueignen, also das Lernen zu lernen. (Schnoor, 2001, S. 207) 6 Vgl. dazu beispielsweise Mühlbacher (1999, S. 19), Maier (1998, S. 29), Tulodziecki & Herzig, (2002, S. 58), Mandl, H., Reinmann-Rothmeier, G. & Gräsel, C. (1998, S. 10). Stefan Schaller Lernen mit Laptops September

12 Dies beinhaltet die Fähigkeit, Informationen eigenständig zu recherchieren, sinnvoll zu strukturieren und gegebenenfalls auch zu präsentieren. Eng damit verbunden ist die Kompetenz im Umgang mit geeigneten Medien zur Informationsbeschaffung, wie beispielsweise dem Internet oder Datenbanken. Man könnte diese Fähigkeiten zusammenfassend als Informations- und Wissensmanagement bezeichnen. Darüber hinaus muss das Bewusstsein bei Jugendlichen erzeugt werden, dass es längst nicht mehr reicht, sich Wissen ausschließlich in der Schule und Ausbildung anzueignen das Stichwort ist lebenslanges Lernen (Tuldoziecki & Herzig, 2002, S. 58; de Witt, 2000, S. 161). Auch nach Mühlbachers Ansicht wird es von existenzieller Bedeutung werden, wie schnell sich ein Auftragsnehmer das Basis- und Fachwissen in immer neuen Bereichen aneignen kann. (1999, S. 17) Durch die zunehmende Vernetzung und die immer schnelleren Kommunikationswege, die nicht zuletzt von den neuen Medien ermöglicht werden, spielt zudem auch der Austausch mit Partnern und Arbeitskollegen eine immer bedeutendere Rolle. So hat sich mehr und mehr die soziale Intelligenz als eine weitere Kernkompetenz herauskristallisiert. Dazu gehören Aspekte wie Teamarbeit, Konfliktlösung, Kommunikationsfähigkeit und die Berücksichtigung gruppendynamischer Aspekte (Bruck & Geser, 2000, S. 44). Schule wird nach wie vor als Institution zur Sicherung des elementaren Grundwissens weiter bestehen 7, eine erhöhte Aufmerksamkeit sollte aber der Vermittlung dieser neuen Fähigkeiten entgegengebracht werden. Bund und Länder erhoffen sich, dass dies durch den Einsatz der neuen Medien im Unterricht erleichtert werden kann 8 (KMK, 1997, S. 7-10) Neue organisatorische und didaktische Herausforderungen Durch die Einbindung der neuen Medien in den Unterricht ergeben sich für die Schulen nicht unerhebliche Herausforderungen: Es gilt neu zu überdenken, was gelernt wird und wie gelernt wird: Eine Gewinn bringende Integration der IKT ist nur möglich, wenn damit die Entwicklung einer neuen Kultur des Lehrens und Lernens einhergeht. (Geser & Stocker, 1998, S. 206) Diese verlangt die Bereitstellung von Computerräumen und Geräten mit Vernetzung und Programmlizenzen sowie deren technische Betreuung und Administration (vgl. Kapitel 3.5). Inhaltlich muss überlegt werden, in welcher Unterrichtsform und welcher Phase des Unterrichts die neuen Medien eingesetzt sollen und können, und welche Ziele damit verbunden sind (vgl. Kapitel 4.3.2). Hinzu kommt, dass die Bildungsinstitution Schule durch die rasante Me- 7 Darin sind sich so gut wie alle Autoren einig, man vergleiche hierzu beispielsweise Bayer (1999, S ), Moser (1995, S. 238), Sacher (2000, S ) oder Tulodziecki (1997a, S. 112). 8 Ob dem tatsächlich so ist, wird einerseits in Kapitel 5 vertieft diskutiert und wird andererseits auch ein Aspekt der Evaluation dieser Arbeit sein. Stefan Schaller Lernen mit Laptops September

13 dienentwicklung mit zahlreichen alternativen Bildungsangeboten in Fernsehen, Zeitschriften oder im Internet konfrontiert wird. Aufgabe der Schule muss es deshalb auch werden, dieses außerhalb erworbene Wissen zu systematisieren, zu vervollständigen und in einen Gesamtkontext einzubetten (Moser, 1995, S ). 1.1 Jugendliche in der Informationsgesellschaft Doch nicht nur auf Schule und Ausbildungseinrichtungen haben die gesellschaftlichen Veränderungen und die rasante Entwicklung der neuen Medien Einfluss genommen. Auch das Heranwachsen der Jugendlichen 9 wird davon geprägt. Die zunehmende Ausbreitung der IKT hat dazu geführt, dass sich die Erfahrungsgrundlagen der Menschen generell und die Erfahrungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche speziell in vielfältiger Weise verändert haben und weiterhin verändern. (Tulodziecki, 1997a, S. 28) Wie also tickt die Jugend im Informationszeitalter? Berufs- und Karriereorientierung Nicht zuletzt die Ergebnisse der PISA-Studie haben zu dem Klischee beigetragen, dass Jugendliche heute meist unmotiviert sind, überdies egoistisch und unpolitisch und nur auf ihr eigenes Wohl bedacht (Hurrelmann, Linssen, Albert & Quellenberg, 2002, S. 11). Dies ist jedoch eine stark verkürzte und verfälschte Sicht der tatsächlichen Situation. Die heutigen Jugendlichen nehmen im Vergleich zu früher lediglich eine pragmatischere Haltung ein: Sie wollen praktische Probleme in Angriff nehmen, die aus ihrer Sicht mit persönlichen Chancen verbunden sind. Übergreifende Ziele der Gesellschaftsreform oder die Ökologie stehen hingegen nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der meisten Jugendlichen. (Deutsche Schell, 2002, S. 18) Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht bei den Jugendlichen heute neben sozialen Netzwerken vor allem Arbeit, Beruf und Karriere. In einer Studie des Instituts für Jugendforschung (IJF) 10 gaben mehr als 40 Prozent der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen Schule, Beruf und Ausbildung als eines der drei wichtigsten Dinge in ihrem Leben an (IJF, 2002b, S. 7). Auf die Frage, was sie in ihrem Leben erreichen möchten, wurden Beruf und Karriere mit 55 Prozent noch vor Familie und Partnerschaft an erster Stelle genannt (2002b, S. 13). Bei den Ängsten steht die Arbeitslosigkeit bzw. das Versagen in Ausbildung und Beruf mit knapp einem Drittel an Nennungen an erster Stelle (2002b, S. 18). 9 Jugendliche sind in dieser Arbeit als Menschen im Alter zwischen zwölf und 19 Jahren definiert. Die Arbeit folgt damit der Alterseinteilung in der Studie Jugend, Internet, (Multi-)Media, der etliche Aussagen zum Medienverhalten Jugendlicher entnommen wurden. (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest [mpfs], 2002) 10 In der repräsentativen Studie wurden Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 13 bis 24 Jahren befragt (IJF, 2002b). Stefan Schaller Lernen mit Laptops September

14 Die gestiegenen Ansprüche der Arbeitswelt spiegeln sich zudem anschaulich in den anspruchsvollen Aspirationen der Jugendlichen [ ] wider: Fast die Hälfte strebt das Abitur als hochqualifizierenden Bildungsabschluss an. (Linssen, Leven, Hurrelmann, 2002, S. 64) Da wie man unter anderem im folgenden Kapitel sehen wird auch die Jugendlichen erkannt haben, dass der Umgang mit neuen Medien zu einer zentralen Grundvoraussetzung in der Arbeitswelt geworden ist, werden in den Bildungseinrichtungen mit der Integration der IKT offene Türen eingerannt Computer- und Internetnutzung Jugendlicher Unabhängig von der Schule nutzen die meisten Jugendlichen die neuen Medien bereits intensiv in ihrer Freizeit: Laut der Studie Jugend, Internet, (Multi-)Media 2002 (JIM) 11 sind mittlerweile 94 Prozent der Privathaushalte mit Computern ausgestattet, fast die Hälfte aller Jugendlichen besitzen sogar ein eigenes Gerät (mpfs, 2002, S. 15). 93 Prozent der Jugendlichen beschäftigen sich zumindest einmal im Monat in der Freizeit mit dem Computer (mpfs, 2002, S. 18). Befürchtungen, dass eine Wissenskluft zwischen Computernutzern und -verweigerern entstehen könnte (Weiler, 1997, S. 52), können damit zerstreut werden: Es gibt so gut wie keine Jugendlichen mehr, die noch überhaupt keine Erfahrungen am Computer gemacht haben. Allerdings sind die Heavy User nach wie vor mehr Jungen als Mädchen: 70 Prozent der männlichen, aber nur 48 Prozent der weiblichen Befragten beschäftigen sich laut JIM täglich oder mehrmals pro Woche mit dem Computer. (mpfs, 2002, S. 19) In ihrer Einstellung waren die befragten Jugendlichen Computern gegenüber sehr positiv aufgeschlossen: Knapp 80 Prozent halten Computerkenntnisse für eine wichtige Voraussetzung in der späteren Berufswelt, rund drei Viertel der Befragten waren davon überzeugt, dass ohne Computer heute nichts mehr geht. Auch die Integration der Computer in der Schule wird von einem Großteil der Befragten positiv beurteilt: 93 Prozent der Jugendlichen halten den Computer in der Schule für nützlich, 69 Prozent sind der Meinung, dass das Lernen am Computer Spaß macht. (mpfs, 2002, S ) Wenn man die Tätigkeiten am Computer betrachtet, so sind es in erster Linie die Internet- und Onlinedienste, die von Jugendlichen besonders häufig genutzt werden. Daneben bestimmen vor allem das Computerspielen, das Musikhören am PC und das Textschreiben die Nutzung. Immerhin 32 Prozent der Jugendlichen gaben an, für die Schule am Computer zu arbeiten, 15 Prozent nützen täglich oder mehrmals pro Woche Lernprogramme. (Abbildung I, Anhang S. 1) Auch das Internet wird von vielen Jugendlichen bereits intensiv genutzt: 83 Prozent haben Online-Erfahrung. Genutzt wird das Netz vor allem für s, daneben spielen bei jedem 11 In der repräsentativen Studie wurden Jugendliche im Alter von zwölf bis 19 Jahren befragt (mpfs, 2002). Stefan Schaller Lernen mit Laptops September

15 dritten Jugendlichen die Informationssuche und das Musikhören eine größere Rolle (Abbildung II, Anhang S. 1). Knapp zwei Drittel der Jugendlichen sind der Meinung, das Internet gehöre heute zum Alltag und erkennen die Nützlichkeit des Internets für Schule und Ausbildung an. (mpfs, 2002, S ) Zudem sind über 80 Prozent der Jugendlichen der Überzeugung, dass das Internet in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen wird (IJF, 2002a 12, S. 8). Für die Schulen ergeben sich durch diese Befunde einige Folgerungen. Zum einen betreten die Schüler bei der Arbeit mit den neuen Medien kein Neuland. Zum anderen ist es aber nötig, den Schülern neben den reinen Freizeit- und Spaßaktivitäten, die die private Mediennutzung der Jugendlichen dominieren, konkrete Arbeitstechniken und die Beherrschung entsprechender Programme zu vermitteln Mediatisierte Jugend? Bis heute herrscht in der Bildungsdiskussion Uneinigkeit darüber, wie sehr man Kinder und Jugendliche in der Schule dem Computer aussetzen sollte und ob ihnen dies mehr nützt oder schadet. Auf der einen Seite befürchtet man, dass eine verstärkte Auseinandersetzung mit Computer und Internet auf Kosten direkter sozialer Aktivitäten gehen könnte. Auf der anderen Seite ist man sich bewusst, dass es eine zentrale Aufgabe von Schule sein muss, Jugendliche auf die Anforderungen der späteren Berufswelt vorzubereiten. Und in dieser spielt, wie bereits geschildert, der Computer eine immer zentralere Rolle. (Priemer & Zajonc, 2002, S. 162) Vieles spricht jedoch gegen die Befürchtung einer totalen Mediatisierung von Jugendlichen. Zwar gehören Medien seit langem zu einem festen Bestandteil jugendlicher Lebenswelten (Tulodziecki, 1997a, S.11ff.), jedoch gibt es daneben noch zahlreiche andere Aktivitäten, die eine ebenso große Rolle spielen, allen voran das Treffen mit Freunden und der Sport (mpfs, 2002, S. 5). Vergessen werden sollte auch nicht, dass Mediennutzung als Plattform für soziale Kommunikation dienen kann: Die Jugendlichen verwenden die Medien vor allem auch dazu, um mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten. Medien bilden einen Rahmen für gemeinsame Tätigkeiten sowohl in der Familie als auch in den Gleichaltrigen-Gruppen. (Barthelmes, 2001, S. 88) 13 Chance und Gefahr zugleich ist die Tatsache, dass Medien für Jugendliche immer mehr eine Sozialisationsfunktion übernehmen. Chance, weil auf diese Weise die Jugendlichen Anregungen und Perspektiven für entwicklungsrelevante Themen finden können. Gefahr, weil gerade die komplexe Themen- und Informationsvielfalt der neuen Medien leicht zu Überforderung führt. (Tulodziecki, 1997a, S ) Hier ist es auch Aufgabe der Schule, zu einem reflektier- 12 In der repräsentativen Studie wurden Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 13 bis 24 Jahren befragt. 13 Dass Medien den Jugendlichen als Kommunikationshilfe und -anregung dienen, findet sich beispielsweise auch bei Feierabend & Klingler (2002, S ) oder Moser (1995, S ). Stefan Schaller Lernen mit Laptops September

16 ten Medienkonsum anzuhalten und die rezipierten Inhalte mit den Jugendlichen zu besprechen. Zusammenfassung Wissen und Information sind zu einem zentralen Wirtschaftsfaktor der heutigen Arbeitswelt geworden. Die neuen Medien sind ein fester Bestandteil in unserer Gesellschaft. Dadurch ergeben sich neue Anforderungen: Gefragt sind neben der Beherrschung der neuen Medien vor allem die Fähigkeit zum Informations- und Wissensmanagement, die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen, sowie soziale Kompetenzen wie Team- oder Konfliktfähigkeit. Mit der pädagogischen und didaktischen Integration der neuen Medien in die Schule kann nicht nur die nötige Technikkompetenz vermittelt, sondern auch die Herausbildung anderer Kompetenzen unterstützt und gefördert werden. Dafür bedarf es jedoch eines organisatorisch wie pädagogisch durchdachten Konzepts. Jugendliche begrüßen die zunehmende Integration der neuen Medien in der Schule. Bei ihnen herrscht eine überwiegend positive Grundhaltung gegenüber den neuen Medien vor. Viele Jugendliche sind stark berufs- und karriereorientiert und sich der wichtigen Rolle von Computer und Internet in der Arbeitswelt bewusst. In ihrer Freizeit nutzen sie die neuen Medien bereits häufig, nahezu jeder Jugendliche hat Zugang zu einem Computer. Stefan Schaller Lernen mit Laptops September

17 1. Bildungspolitische und innerschulische Rahmenbedingungen für den Einsatz von Computern im Unterricht Bund und Länder haben längst auf die rasante Entwicklung der IKT reagiert und deren technische Beherrschung sowie den verantwortungsbewussten und reflektierten Umgang mit den neuen Medien als Zielvorstellung in die informationstechnische Grundbildung integriert. 1.1 Richtlinien der Bildungspolitik des Bundes und der Länder 1987 gab die BLK mit dem Gesamtkonzept für Informationstechnische Grundbildung den Ländern einen gemeinsamen Rahmen zur Integration der neuen Medien in den Lehrplänen: Das Bildungswesen ist verpflichtet, sich in allen seinen Bereichen den Herausforderungen durch die neuen Informations- und Kommunikationstechniken zu stellen. (S. 8) Zentrale Ziele der informationstechnischen Grundbildung waren unter anderen die Aufarbeitung und Einordnung individueller Erfahrungen mit den IKT Vermittlung von Grundstrukturen und Grundbegriffen Einführung in die Handhabung eines Computers Vermittlung der Einsatzmöglichkeiten und der Kontrolle von Informationstechniken Einblick in die elektronische Datenverarbeitung Darstellung der Chancen und Risiken der Informationstechniken und Aufbau eines rationalen Verhältnisses zu ihnen (BLK; 1987; S ) Herzig und Leufen kritisierten an diesen Zielsetzungen vor allem die Konzentration auf die rein technischen Aspekte. Das Grundkonzept lasse eine Konzentration des Unterrichts auf Technik, Bedienung und Programmierung zu, dagegen würden Bewertungs- und Beurteilungskompetenz als Elemente verantwortungsbewussten Handelns nicht notwendigerweise als Unterrichtsziele umfasst. (1996, S. 78) Diese Lücke wurde jedoch mehr oder weniger in den Konzepten der einzelnen Bundesländer gefüllt betonte die KMK neben den Fähigkeiten und Fertigkeiten des praktischen Umgangs mit den neuen Techniken als weitere Bildungsziele die Fähigkeit, sich in der steigenden Flut von Informationen orientieren zu können sowie die Frage nach der Bewertung und dem verantwortlichen Umgang mit Informationen (S. 7). Die KMK schließt mit der Aufforderung an die Länder, die Lehrpläne hinsichtlich dieser Aufgabenfelder zu erweitern und zu differenzieren, sowie organisatorische und inhaltliche Vorraussetzungen (wie z.b. technische Ausstattung und Freiraum für alternative Unterrichtsformen) dafür zu verbessern. Hier wird auch ausdrücklich für Neuausstattungsinitiativen die Möglichkeit mobiler Notebooks empfohlen. (S. 7-10, 13-14) Die einzelnen Bundesländer haben diese Kerngedanken aufgenommen und in ihre Lehrpläne integriert. Dabei sind sie jedoch nicht einheitlich sondern jeweils länderspezifisch vorgegan- Stefan Schaller Lernen mit Laptops September

18 gen. Leufen und Tulodziecki unterscheiden dabei zwei verschiedene Organisationsformen, denen sie die Lehrplankonzepte der einzelnen Länder soweit wie möglich zuordnen 14 : Beim so genannten Blockmodell soll die informationstechnische Grundbildung innerhalb einer bestimmten Zeitspanne zusammenhängend unterrichtet werden wahlweise durch fächerübergreifende Projekte oder durch Blockbildung einzelner Trägerfächer. Das Verteilungsmodell nimmt das einzelne Fach als Grundlage und versucht, medienrelevante Aspekte aus dem jeweiligen Blickwinkel des Fachs zu beleuchten. Oft lässt sich jedoch keine eindeutige Zuordnung machen, die Grenzen zwischen den einzelnen Organisationsformen schwinden immer mehr, es entwickeln sich Mischformen. (1996, S ) 1.1 Richtlinien der bayerischen Bildungspolitik Bayern folgt in seinen Zielvorstellungen weitgehend der KMK und hat die Medienpädagogik als fächerübergreifende Bildungs- und Erziehungsaufgabe in allen Lehrplänen verankert. Die aktuelle Grundlage dafür ist das 1996 verabschiedete Gesamtkonzept der Medienerziehung in Bayern, das eine Konsequenz der KMK-Erklärung Medienpädagogik in der Schule 15 von 1995 war. Betont wird hier jedoch auch, dass Medienerziehung von der Schule allein nicht bewältigt werden kann, sondern dass zum Gelingen der Medienerziehung alle Betroffenen, angefangen von den Eltern, über den Kindergarten und die Schule, die Jugendarbeit und Erwachsenenbildung bis hin zur Anbieterseite beitragen müssen. (Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 2002, S. 198) Die informationstechnische Grundbildung im Sinne reiner Vermittlung technischer Kenntnisse wurde in allen allgemein bildenden Schulen mit Ausnahme der Grundschule verankert. Zur Erlangung technischer Kompetenz ist Informatik an den Gymnasien seit September 2003 als Pflichtfach eingeführt worden. (Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 2002, S. 199) Zudem ist beginnend mit dem Schuljahr 2003/ 04 für die Gymnasien die Einführung eines neuen Lehrplans vorgesehen, in dem der Mitbestimmung der Schüler, sozialen Lernformen wie Gruppen- oder Projektarbeit sowie der Erlangung überfachlicher Kompetenzen wie Sozial- und Methodenkompetenz ein größerer Spielraum zugestanden wird (Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung München, 2003, S. 3-4). Es ist davon auszugehen, dass dadurch auch Projekten mit den neuen Medien mehr Platz eingeräumt werden kann. 14 In einem tabellarischen Überblick ordnen die Autoren nicht nur die Organisationsformen den Lehrplänen der einzelnen Bundesländer zu, sondern liefern auch eine detaillierte Übersicht, wie viele Stunden dafür vorgesehen und welche Fächer daran beteiligt sind (Leufen & Tulodziecki, 1996, S ). 15 In der Erklärung formulierte die KMK zentrale medienpädagogische Ziele (1995, S. 1-2). Genauer darauf geht Kapitel 4.2 ein, das sich mit dem Bereich der Medienerziehung und entsprechenden Zielvorstellungen auseinandersetzt. Stefan Schaller Lernen mit Laptops September

19 1.2 Initiativen zur Integration neuer Medien in das Bildungssystem Vor dem Hintergrund dieser rechtlichen Richtlinien und Beschlüsse gibt es sowohl von staatlicher Seite als auch von Seite der freien Wirtschaft zahlreiche Initiativen, die die Ausstattung der Bildungseinrichtungen mit Computern, Internet und Programmen vorantreiben. Ebenso werden Maßnahmen zur Fortbildung der Lehrer getroffen und Unterstützung und Hilfestellung bei der technischen Administration der Geräte sowie in medienerzieherischen und - didaktischen Fragen gegeben. Die Zahl dieser Initiativen ist unüberschaubar, ein vollständiger Überblick wäre er denn möglich würde den Rahmen der Arbeit sprengen. Deshalb sollen hier nur einige exemplarische Projekte beschrieben werden; unterschieden wird dabei zwischen Initiativen von Bund und Ländern sowie der freien Wirtschaft Initiativen von Bund und Ländern Die zentrale und gleichzeitig auch weitreichendste Initiative zur Ausstattung der Schulen mit Computern ist elearning. Von der Europäischen Kommission im Jahre 2000 initiiert, hat sich das Projekt die Ausstattung der Schulen mit Multimedia-PCs und die IT-Ausbildung der europäischen Lehrer zum Ziel gesetzt. Die Umsetzung dieser Ziele obliegt jedoch größtenteils den einzelnen Ländern. (Europäische Kommission, 2003) Die Ausstattung der Schulen mit Internetzugängen erfolgte bundesweit über das Projekt Schulen ans Netz, eine Kooperation des Bildungsministeriums für Bildung und Forschung und der Deutschen Telekom. Anfänglich als reine Ausstattungsinitiative ins Leben gerufen, will das Projekt nun vor allem den Einsatz der neuen Medien im Unterricht beratend begleiten und stellt dafür verschiedene Internetdienste und -plattformen zur Verfügung. (Schulen ans Netz, 2003) Aus Schulen ans Netz ging die Initiative IT works hervor, die sich die Bewältigung der schulinternen Vernetzung und ein auf Dauer angelegtes und für den Schulalltag mit möglichst wenig Aufwand verbundenes IT-Management zur Aufgabe gemacht hat. Ziel ist, vom einzelnen Schulnetzwerk zu Verbundlösungen für eine größere Anzahl von Schulen zu kommen. Lehrer, die beratende und administrative Aufgaben übernommen haben, sollen dadurch nach Möglichkeit entlastet werden. (IT works, 2003a) Ein weiteres Projekt von Schulen ans Netz ist das Internetportal Lehrer-Online, das Lehrkräfte mit Beispielstunden, Empfehlungen zu Lernprogrammen oder fachrelevanten Links im Internet beim schulischen Einsatz neuer Medien unterstützt (Lehrer-Online, 2003). Ein anderes sehr umfangreiches Projekt war die von der BLK ausgehende Initiative Systematische Einbeziehung von Medien, Informations- und Kommunikationstechnologien in Lehr- und Lernprozesse (SEMIK), das in diesem Jahr seinen Abschluss fand und an der sämtliche Bundesländer beteiligt waren. Zentrales Ziel von SEMIK war die Integration der IKT in den Unter- Stefan Schaller Lernen mit Laptops September

20 richtsalltag aller Schularten und -stufen. Das Arbeiten mit den neuen Medien sollte dabei als neue Kulturtechnik an Schulen vermittelt werden. Ausgehend von einem 1998 in Auftrag gegebenen Rahmenkonzept (Mandl, H., Reinmann-Rothmeier, G. & Gräsel, C., 1998) wurden 25 Projekte mit den fünf Schwerpunkten Lehreraus- und -fortbildung, Schulentwicklung, Entwicklung von Unterrichtskonzepten, Curriculumentwicklung sowie Bereitstellung technischer Tools durchgeführt. Die Einzelprojekte wurden auf die 16 Bundesländer verteilt, und im ständigen Austausch mit den anderen Bundesländern durchgeführt. (SEMIK, 2003; Gräsel, Mandl, Manhart & Kruppa, 2000, S ) Besonders interessant für diese Arbeit ist der Notebook- Modellversuch in Hamburg. Dort wurden an ausgewählten Gymnasien Schüler und Schülerinnen von der siebten Klasse an mit persönlichen Notebooks ausgestattet. Ziel war die Entwicklung von Unterrichtsprojekten und problemorientierten Lernumgebungen insbesondere für den Fachunterricht, aber auch für den fächerübergreifenden Unterricht. (Vallendor, 2003b, S. 7) 16 Jedes Bundesland hat darüber hinaus eigene Maßnahmen zur Integration der IKT in die Schulen ergriffen. Einen abrissartigen Überblick über die Hauptinitiativen findet sich in Tabelle I (Anhang S. 2) 17 : Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass es vor allem vier zentrale Kernpunkte sind, auf die das Augenmerk der Initiativen gelenkt wird: Die Verbesserung der schulischen Ausstattung mit IKT, die Bereitstellung von technischer Unterstützung, die Lehrerqualifizierung im Umgang mit den neuen Medien, sowie die Erarbeitung medienerzieherischer wie auch mediendidaktischer Konzepte zur Integration der neuen Medien in den Unterricht. Jedes Bundesland setzt innerhalb dieser vier Bereiche eigene Schwerpunkte und Akzente Initiativen der freien Wirtschaft Auch die freie Wirtschaft unterstützt die Integration der neuen Medien in die Schulen mit verbilligten Programmlizenzen und Vergünstigungen bei der Hardware. Nahezu jeder Softwarehersteller bietet zusätzlich zu der Standardlizenz so genannte EDU-Versionen seiner Programme an. Ähnlich verhält es sich auch mit der Hardware, also Rechnern, Servern und Peripheriegeräten. Zahlreiche Firmen haben eigene Ausstattungsinitiativen gestartet, meist in enger Zusammenarbeit mit Staat und Ländern. So hat beispielsweise Hewlett-Packard in Kooperation mit 16 In Kapitel werden die Ergebnisse dieses Projektes näher beschrieben. 17 Hier sei noch einmal erwähnt, dass gerade bei den Initiativen der einzelnen Bundesländer eine detaillierte Beschreibung aller Projekte im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist. Auch der Versuch, von den einzelnen Ländern detaillierte Informationen zu den bereitgestellten finanziellen Mitteln für diese Initiativen zu erhalten, gestaltete sich als schwierig. Zum einen befürchten die Länder eine parteipolitische Instrumentalisierung dieser Angaben, zum anderen lassen sich die Budgets allein wegen der Vielzahl verschiedener Projekte und Kooperationen und nicht zuletzt wegen der unterschiedlichen Größe der einzelnen Länder nur schwer in Beziehung zueinander stellen. Stefan Schaller Lernen mit Laptops September

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