232 ZEITSCHRIFT für psychoanalytische Theorie und Praxis, Jahrgang XXVIII, 2013, 2

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1 B U C H B E S P R E C H U N G E N Junkers, G. ( ): Ausgewählte Beiträge aus dem International Journal of Psychoanalysis. Frankfurt am Main: edition discord Bd. 1 Verkehrte Liebe, 2006, 271 S. Bd. 2 Schweigen, 2007, 266 S. Bd. 3 Vorstoß ins Sprachlose, 2008, 249 S. Mauss-Hanke, A. (Hrsg): Ausgewählte Beiträge aus dem International Journal of Analysis. Gießen: Psychosozial Bd. 4 Internationale Psychoanalyse 2009, 310 S. Bd. 5 Internationale Psychoanalyse 2010, 313 S. Das Projekt, ausgewählte Beiträge des International Journal of Psychoanalysis eines Jahrgangs für die deutschsprachigen Leser zu einem Buch zusammenzufassen, gibt es seit Die ersten drei Bände wurden von Gabriele Junkers herausgegeben. Die letzten beiden, 2009 und 2010 von Angela Maus- Hanke verantworteten Bände sind in neuer Aufmachung erschienen, mehr am Erscheinungsbild des Journals orientiert. Sie enthalten zusätzlich am Ende des Bandes eine Zusammenstellung sämtlicher im jeweiligen Jahrgang erschienenen Arbeiten der englischsprachigen Ausgabe, eine Vorstellung der Autoren der ausgewählten Arbeiten sowie der Mitglieder des Beirats und ein Register. Da es schon mehrere Besprechungen der bisher vorliegenden Bände gibt (z. B. Habibi-Kohlen, 2010), die informative Zusammenfassungen der ausgewählten Artikel enthalten und jeder Band mit einer ausführlichen Einführung die ausgewählten Artikel vorstellt, möchte ich mich hier vorwiegend mit der Darstellung und Würdigung des Projekts selbst beschäftigen. Das International Journal kann wohl mit Recht als das derzeit international wichtigste Forum für den wissenschaftlichen Austausch innerhalb der Psychoanalyse und zunehmend auch nach außen für Wissenschaftler aus anderen Bereichen gelten. Die zentrale Bedeutung, die dabei dem Englischen zukommt, besteht überall in Wissenschaft, Kultur, Gesellschaft und Politik. Der Transfer in andere Sprachen ist dabei auch für die Psychoanalytiker von besonderer Bedeutung, wobei die Sprachenvielfalt in Europa anders als in Süd- und Nordamerika eine ganz besondere Herausforderung für die Kommunikation zwischen den Kollegen aus den verschiedenen Ländern darstellt. Ich erinnere hier unter anderem an die Bedeutung- und Problematik- der Simultanübersetzungen bei den internationalen Tagungen der IPA und EPF, die den Austausch und die Diskussion unterstützen sollen, was aufgrund der ungenügenden Qualität der Übersetzungen oft nur unvollkommen gelingt. Schriftliche Übersetzungen können da genauer und besser verständlich sein. Entscheidend ist dabei natürlich die Qualität der Überset- 232 ZEITSCHRIFT für psychoanalytische Theorie und Praxis, Jahrgang XXVIII, 2013, 2

2 zung, die bei den vorliegenden Arbeiten mit großer Sorgfalt erfolgt ist und hervorragend gelungen ist. Die deutsche Sprache hat innerhalb der Psychoanalyse immer eine besondere Bedeutung und wird sie wohl auch behalten schon wegen Freud und der wichtigen anderen frühen Texte. Das gilt zum Beispiel auch für den Vorläufer des International Journal, die immer noch bzw. immer wieder spannende»internationale Zeitschrift für Psychoanalyse«. Ausgewählte Beiträge aus dem heutigen International Journal auch in anderen Sprachen für Kollegen und andere Interessierte zur Verfügung zustellen, denen die englischsprachige Literatur nicht so leicht zugänglich ist, ist ein begrüßenswertes Unterfangen und fördert den wissenschaftlichen Austausch. Schon seit zwanzig Jahren gibt es die Veröffentlichung ausgewählter Beiträge auf Spanisch und Portugiesisch. Frankreich hat sich diesem Projekt 2003, Italien 2004 angeschlossen. Inzwischen gibt es entsprechende Veröffentlichungen auch auf Türkisch und Russisch. Dabei ist die Auswahl der Artikel von besonderem Interesse. Sie ist nach Sprachgebiet unterschiedlich organisiert und fällt natürlich je nach Interessenlage und Situation der Psychoanalyse in den verschiednen Ländern jeweils anders aus. Eine Frage, die Kollegen immer wieder stellten, wenn ich mit ihnen über die bisher vorgelegten deutschsprachigen Bände gesprochen habe, war gerade diejenige nach der Auswahl der Beiträge. Mit einem mehr oder weniger verwunderten Unterton wurde häufig bemerkt, dass man doch andere als die gewählten Artikel für wichtiger, interessanter und besser gehalten hätte. Beim»Panel of the Annual of The International Journal of Psychoanalysis«während der EPF Tagung in Brüssel 2009 hat die damals neue Herausgeberin der deutschen Ausgabe, Angela Mauss-Hanke, die nach den Erfahrungen mit den drei vorherigen Bänden entwickelte Vorgehensweise bei der Auswahl der Artikel für die deutschsprachige Ausgabe erläutert (im folgenden orientiere ich mich an dieser unveröffentlichten Darstellung, die Mauss-Hanke mir zu Verfügung gestellt hat): Es gib einen Herausgeberbeirat, der am Ende des Bandes namentlich benannt ist. In diesem sind alle deutschsprachigen Länder (Deutschland, Österreich und die Schweiz), die beiden deutschen Gesellschaften (DPV und DPG), die Kinderanalyse, die Gruppenanalyse und inzwischen auch die nicht-klinische Psychoanalyse vertreten. Jedes Beiratsmitglied bestimmt seine/ ihre bevorzugte Artikel aus den Veröffentlichungen eines Jahrgangs. Bei mehreren Telefonkonferenzen (jeden zweiten Monat) werden diese Artikel vom Herausgeberbeirat diskutiert und eine Entscheidung getroffen, welche Arbeiten in den Auswahlband aufgenommen werden. Als Kriterien für die letztendliche Entscheidung wird»die psychoanalytische, intellektuelle und literarische Qualität«genannt. Die Darstellung der Inhalte sollte klar, einleuchtend und stringent in der Argumentation sein. Das präsentierte Fallmaterial sollte gut durchgearbeitet sein. Buchbesprechungen 233

3 Wird ein Artikel dezidiert und eindeutig von einem Beiratsmitglied abgelehnt, so wird er nicht in die Auswahl aufgenommen. Im übrigen werden die Argumente für und gegen eine Arbeit in den Telefonkonferenzen ausgiebig diskutiert, so dass die Entscheidung in einem quasi demokratischen Prozess erarbeitet wird. Für die ersten drei auf Deutsch erschienenen Bände (2006; 2007; 2008) wurde versucht die Artikel um ein zentrales Thema zu gruppieren (Bd.1: Verkehrte Liebe, Bd 2: Schweigen, Bd. 3: Vorstoß ins Sprachlose). Auf diese nicht immer einzuhaltende Vorgabe das scheinen mir jedenfalls die genannten drei ersten Auswahlbände zu zeigen hat Angela Mauss-Hanke als neue Herausgeberin verzichtet. Ausgewählt werden solche Arbeiten, die als besonders qualifizierte Darstellungen von Themen gelten können, die in der zeitgenössischen internationalen Psychoanalyse diskutiert werden. Artikel, die besonders interessante klinische Fragen auf innovative Weise beleuchten werden ebenso aufgenommen wie Arbeiten, die politische, gesellschaftliche oder kulturelle Ereignisse oder Entwicklungen psychoanalytisch unter suchen. Von den Beiratsmitgliedern verlangt die Teilnahme an dem hier vorgestellten Projekt mit seinem arbeitsintensiven Konzept die kontinuierliche Auseinandersetzung mit einem breiten Spektrum der aktuellen wissenschaftlich psychoanalytischen Diskussion. Der Austausch der Kollegen untereinander und die Verpflichtung, in der Regel auch einen der ausgesuchten Artikels ins Deutsche zu übersetzen, unterstreicht den Arbeitsaufwand und das notwendige Engagement. Für diesen Einsatz kann den beteiligten Kolleginnen und Kollegen, allen voran der Herausgeberin, nicht genug gedankt werden. Dass die Auswahl selbst nicht jedem Leser seinen Lieblingsartikel liefert, lässt sich dabei kaum vermeiden. Bei aller Orientierung an formalen und inhaltlichen Kriterien ist die letztendliche Auswahl der Beiträge abhängig von den am Entscheidungsprozeß beteiligten Personen und ihrem in einem intensive Austausch hergestellten Konsens. Auf diese Weise ist im Laufe der Jahre eine Vielzahl von Artikeln des Journals auf Deutsch erschienen. Dem Prinzip der subjektiven Auswahl folgend möchte ich hier z. B. den»gedankenaustausch über das französische Konzept der Nachträglichkeit«(Bd. 1, S ) mit Beiträgen von Haydée Faimberg und Ignes Sodré erwähnen, ein Konzept, das im folgenden Band von Josine Joseph Perelberg noch einmal aufgegriffen und in den Kontext der Freud-Klein-Kontroversen gestellt wird (J. J. Perelberg, Bd. 2, S ). Außerdem sei an dieser Stelle auf die wichtige Arbeit von Norman und Salomonson hingewiesen, in der sie ihre Methode des»weaving Thought«vorstellen auf deutsch übersetzt als»gedanken miteinander verweben«. Es handelt sich dabei um eine genuin psychoanalytische Methode der Falldiskussion und Supervision, die unter anderem bei den Falldiskussionen zur Kinderanalyse im Rahmen der EPF-Konferenzen und bei der Silser Kinderanalytischen Fortbildung zur Anwendung kommt. (J. Norman & B. Salo- 234 ZEITSCHRIFT für psychoanalytische Theorie und Praxis, Jahrgang XXVIII, 2013, 2

4 monson, Bd. 1, S ). Aus den beiden letzten Bänden möchte ich den Essay von Antonino Ferro über James Grotsteins Buch»A Beam of Intense Darkness«, dass Grotsteins Erfahrungen mit Bion wiedergibt, hervorheben (A. Ferro, Bd. 4, S ). Im bisher letzten Band gibt es interessante Artikel zur Geschichte der Psychoanalyse. Der von K. M. Souter setzt sich mit der Bedeutung der Kriegserinnerungen für Bions Denken auseinander (K. M. Souter, Bd. 5, S ). Ein anderer von J.-M. Quinodoz beleuchtet anhand der Analyse von Briefen, die Melanie Klein an die nach Genf ausgewanderte argentinische Psychoanalytikerin Marcelle Spira geschrieben hat, die zögerliche Aufnahme kleinianischer Positionen bei den französischschweizerischen Psychoanalytikern. Auch zwei Aufsätze deutscher Kolleginnen tauchen in den Auswahlbänden auf: Elvira Selows»Zeitungsleser«(Bd. 2,, S ) und Erika Krejcis»Die Vertiefung in die Oberfläche«(Bd. 5, S ). Beides sind Arbeiten, die auf besonders anschauliche und eindrucksvolle Weise schwierige klinische Behandlungsverläufe darstellen und konzeptualisieren. Sie zeigen unter anderem, dass die Psychoanalyse aus Deutschland international rezipiert wird. Passend zu dem Konzept des kollegialen Austauschs, das ich oben für das Zustandekommen der Auswahlbände beschrieben habe, möchte ich einen Beitrag aus dem letzten Band Internationale Psychoanalyse 2010 besonders hervorheben. In dem Aufsatz»Psychoanalytiker werden«zeigen sich die Autoren Glenn O. Gabbard und Thomas H. Ogden als miteinander im Gespräch begriffen (Bd. 5, S ). Sie haben den Text zusammen geschrieben und präsentieren darin, wie sie im Dialog und in der Auseinandersetzung miteinander die Psychoanalyse in der für sie angemessenen Form in sich aufnehmen, sich mit ihr identifizieren und anwenden. Wichtige Aspekte des Analytikerseins, oder besser -werdens, eines Prozesses, der nie zu Ende ist, werden herausgearbeitet. Es wird zum Beispiel gesprochen über die»begrenzten Möglichkeiten, einen Patienten zu beeinflussen [ ] und dieses Wissen zu nutzen, um dem Patienten zuzuhören und antworten zu können, wenn er den eigenen Grenzen (wie auch denen des Analytikers) begegnet«. Die durch die psychoanalytische Arbeit angeregte Selbstanalyse wird ebenso thematisiert wie die Bedeutung des eigenen Schreibens. An einem Fallbeispiel von Ogden stellen die Autoren ihr Gespräch über und die Auseinandersetzung mit der eigenen Lehranalyse dar und illustrieren, wie auch die»analytischen Elterngleichzeitig getötet (in einem über die Metapher hinausgehenden Sinne) und unsterblich gemacht werden müssen«(s. 25). Wichtig an diesem Artikel erscheint mir der Aspekt des kollegialen Dialogs, den ich auch in der Art wie das Projekt»ausgewählte Beiträge aus dem International Journal of Psychoanalysis«für die deutschsprachigen Leser konzipiert ist, erkenne. Dass das Ergebnis der Auswahl je nach Zusammensetzung des auswählenden Beirats unterschiedlich ausfallen wird, erscheint Buchbesprechungen 235

5 mir dabei kein Nachteil, es ist eher eine Anregung zum Weiterlesen und Weiterdiskutieren. Auf die folgenden Bände kann man gespannt sein. (Helga Kremp-Ottenheym, Freiburg) Literatur Habibi-Kohlen, D. (2010): Buchbesprechung. Psyche Z. psychoanal., 64, Mauss-Hanke, A. (2009): Panel of the Annuals of The International Journal of Psychoanalysis. Each Annual makes it own choices in selecting papers to be translated: which are the criteria used in this selection process by each Annual? EPF Annual Meeting 2009 Brussels, unveröffentlichtes Manuskript 236 ZEITSCHRIFT für psychoanalytische Theorie und Praxis, Jahrgang XXVIII, 2013, 2

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