Was macht eine Spitzenregion in Europa in 20 Jahren aus? Prof. Dr. Justus Haucap

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1 Was macht eine Spitzenregion in Europa in 20 Jahren aus? Prof. Dr. Justus Haucap Linz, 02. Juni 2015

2 Was macht eine Spitzenregion (in 20 Jahren) aus? Charakteristika eine Spitzenregion: Hohes (Netto-)Einkommen pro Kopf, Sichere und gute Arbeitsplätze, Geringe Arbeitslosigkeit, International wettbewerbsfähige Unternehmen, Sehr gute Bildungs- und Weiterbildungsangebote (auch E- Learning), Sehr gute Infrastruktur (Kommunikation, Verkehr, Energie, ) Aber: Wie kommt man dorthin? Professor Dr. Justus Haucap

3 Welche Herausforderungen stehen bevor? Drei globale Megatrends: 1. Globalisierung (z.b. TTIP) Internationalisierung vieler Märkte nimmt weiter zu und damit auch die internationale Konkurrenz (a) auf den Produktmärkten, (b) auf den Faktormärkten und (c) der Standortwettbewerb um Unternehmen. 2. Digitalisierung Die Digitalisierung verändert Wertschöpfungsketten in teilweise radikaler Art und Weise. 3. Demographischer Wandel Professor Dr. Justus Haucap

4 Auswirkungen der Globalisierung (1) In den vergangenen 30 Jahren hat die Beschäftigung bei modernen Dienstleistungen in West-Europa stark zugenommen, während sie im verarbeitenden Gewerbe rückläufig war (insbes. traditionelle Schwerindustrie). Ein einziges allgemeingültiges Erfolgsrezept für regionales Wachstum gibt es (leider) trotzdem nicht: Es gibt enorme Unterschiede in der regionalen Wirtschaftsstruktur trotz gleichem wirtschaftlichem Erfolg unter dem Strich. Ein Schema F wie etwa die alleinige Förderung moderner Dienstleistungsbranchen ist daher nicht ratsam. Eine Konzentration auf einzelne Cluster ist riskant. Professor Dr. Justus Haucap

5 Auswirkungen der Globalisierung (2) Die Auswirkungen der Globalisierung sind regional sehr unterschiedlich und hängen sehr stark vom regionalen Branchenmix ab. Die Globalisierung schafft einerseits neue Märkte für klassische Exportsektoren wie etwa Automobile und Maschinenbau (forschungsintensive Sektoren, hochqualifizierte Arbeitskräfte). Andererseits entsteht ein enormer Importdruck durch zusätzlichen Wettbewerb bei handelbaren Produkten mit einer relativ hohen Intensität an wenig qualifizierter Arbeit. Spezifische Merkmale der Regionen sind für eine erfolgreiche Regionalpolitik (Komplementaritäten) zu berücksichtigen. Professor Dr. Justus Haucap

6 Auswirkungen der Globalisierung (3) Auf dem Arbeitsmarkt werden die Standorte/Regionen noch stärker um hochqualifizierte Arbeitskräfte werben, während umgekehrt wenig qualifizierte Arbeitskräfte in starkem Wettbewerb um Arbeitsplätze in lebenswerten Regionen stehen. Folge 1: Bildung und Weiterbildung werden noch wichtiger als Standortfaktoren als bisher. Folge 2: Im Wettbewerb um international mobile Arbeitskräfte sind auch vermeintlich weiche Faktoren wichtig wie gute Schulen, Kindergärten, bezahlbare Wohnungen, Professor Dr. Justus Haucap

7 Auswirkungen der Digitalisierung (1) Die Digitalisierung verändert Wertschöpfungsketten in dramatischer Weise. Unterschiedliche Branchen sind jedoch sehr unterschiedlich betroffen. Beispiele: Medien, Finanzbranche, Handel, Industrie, Tourismus, Die sog. Sharing Economy ermöglicht ganz allgemein eine effiziente Nutzung von Ressourcen. Im B2B-Bereich von Bedeutung: IT (z.b. Cloud Computing) und Logistik. Beide Entwicklungen sind besonders für exportgetriebene KMUs besonders positiv. Professor Dr. Justus Haucap

8 Auswirkungen der Digitalisierung (2) Das Teilen von Ressourcen kann Markteintrittsbarrieren deutlich absenken und so mehr Wettbewerb entfachen. KMUs werden wettbewerbsfähiger, da Größenvorteile weniger wichtig werden. Schätzung für Deutschland: neue Arbeitsplätze durch bis zu neue KMUs. Und: Die Globalisierung wird durch die Digitalisierung noch einmal befeuert, Märkte werden größer! Folge: Digitalisierung und Globalisierung wirken komplementär. Professor Dr. Justus Haucap

9 Standortbestimmung digitales Österreich (1) Gut geeignet dafür: Der Digital Economy and Society Index (DESI) der Europäischen Kommission. Österreich 2015 auf Platz 13 von 28 EU-Staaten: Bei der Verfügbarkeit und Erschwinglichkeit von Breitbandverbindungen liegt Österreich unter den besten zehn EU-Ländern. 99% der Haushalte haben einen Basisanschluss und die Österreicher müssen nur 1,1% ihres Einkommens für einen Breitbandanschluss aufwenden. Verbesserungspotenzial auf Gebieten wie etwa dem elektronischen Geschäftsverkehr von KMU (nur 12% der KMU bieten den Verkauf über das Internet an) und der Digitalisierung der Gesundheitsdienste (nur 8% der Allgemeinmediziner nutzen elektronische Verschreibungen). Professor Dr. Justus Haucap

10 Standortbestimmung digitales Österreich (2) DESI-Analyse der Europäischen Kommission (2015): Bei den Hochgeschwindigkeits-Breitbandverbindungen kann Österreich noch stärker aufholen. Nur 18% der Internet-Kunden haben einen Hochgeschwindigkeits-Breitbandanschluss, obwohl dieser 70% der Haushalte zur Verfügung stünde. Gut: Die Internetkompetenzen der breiten Bevölkerung liegen über dem EU-Durchschnitt. 77% der Österreicher nutzen das Internet und 79% nutzen es regelmäßig. Die Österreicher nutzen das Internet weniger für klassische Unterhaltung (Musik, Videos, Spiele, Fernsehen) und tätigen sehr viel weniger Videoanrufe als der EU-Durchschnitt. Dies kann auf eine (zu) geringe Bandbreite hindeuten, aber auch auf günstige Offline -Telefontarife. Professor Dr. Justus Haucap

11 Standortbestimmung digitales Österreich (3) DESI-Analyse der Europäischen Kommission (2015): Österreich schneidet bei der Nutzung der Digitaltechnik durch Behörden im Vergleich zum EU-Durchschnitt gut ab und belegt hier insgesamt den 10. Platz. Der einzige Bereich, in dem Österreich weit abgeschlagen ist, ist der Gesundheitssektor. Die Digitalisierung der öffentlichen Dienste bietet sowohl für die Nutzer als auch für die Anbieter ein enormes Potenzial, Kosten, Zeit und Aufwand zu sparen. Österreich liegt bei den allgemeinen Indikatoren für die Nutzung von öffentlichen Online-Diensten über dem Durchschnitt. Gesundheitswesen: Möglicherweise sind es branchenspezifische Ursachen für den geringem Einsatz von Digitaltechnik. Folge: Breitbandausbau allein reicht nicht aus, um digitale Dividenden einzufahren. Professor Dr. Justus Haucap

12 Weitere wichtige Fragen der Standortpolitik Energiekosten (insbesondere für das produzierende Gewerbe). Forschungs- und Innovationspolitik (Marktversagen ist hier weitgehend bekannt, siehe auch F&E-Beihilfeleitlinien der EU). Aber: Technologieneutrale Förderung wichtig, nicht auf einzelne Branchen, Unternehmen oder Technologien setzen. Steuerpolitik und soziale Sicherung. Rolle des Tourismus, speziell in Österreich sehr wichtig: Positive Tendenz zu erwarten, Globalisierung wirkt direkt und indirekt positiv. Professor Dr. Justus Haucap

13 Kurzeinschätzung Standort Oberösterreich Wichtige Standortfaktoren: Qualifizierte, gut ausgebildete Arbeitskräfte, Geographie (Nähe zu Tschechien, touristische Attraktivität). Guter Branchenmix ohne Fokus auf einen einzigen Cluster. Oberösterreich wird von Digitalisierung und Globalisierung weiter profitieren. Fokus auf Forschung und Innovationen, möglichst horizontal angelegt und mit Schwerpunkt auf KMUs. Energiekosten weniger problematisch als in Deutschland. Professor Dr. Justus Haucap

14 Fazit Es gibt keine Patentlösung für eine erfolgreiche Standortpolitik. Vorteil von OÖ: Diversifizierte Wirtschaft mit unterschiedlichen Branchen und exportorientierten KMUs. Diese dürften von Globalisierung und Digitalisierung besonders profitieren. Regionale Wirtschaftspolitik sollte nicht auf einzelne Branchen oder Unternehmen setzen, möglichst horizontal angelegt sein. Innovations- und Forschungspolitik wird zunehmend wichtiger. Ebenso der Wettbewerb um hochqualifizierte (=mobile) Arbeitskräfte. Professor Dr. Justus Haucap

15 Literaturhinweise Bräuninger, M., J. Haucap, K. Stepping & T. Stühmeier (2012), Cloud Computing als Instrument für effiziente IT-Lösungen: Betriebs- und volkswirtschaftliche Potenziale und Hemmnisse, List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik 38, S Dauth, W & J. Südekum (2014), Globalization and Local Profiles of Economic Growth and Industrial Change, DICE Discussion Paper No. 142 online verfügbar unter: Europäische Kommission (2015), Digital Economy and Society Index 2015, Brüssel, online verfügbar unter: https://ec.europa.eu/digital-agenda/en/desi Haucap, J. (2015), Die Chancen der Sharing Economy und ihre möglichen Risiken und Nebenwirkungen, Wirtschaftsdienst 95, S , online verfügbar unter: Südekum, J. (2014), Profile des regionalen Wachstums und Wandels, DICE Policy Brief Nr. 4, S. 6-7, online verfügbar unter: Professor Dr. Justus Haucap

16 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Prof. Dr. Justus Haucap Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) Universitätsstraße Düsseldorf

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