Muslimische Feministin, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin

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1 Interview (14. Mai 2007) mit Irshad Manji, Muslimische Feministin, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin gegen radikalen Islamismus aus Kanada Von Ernst Hebeker, Leiter des Hauptstadtbüros der Hanns Seidel Stiftung in Berlin Frau Manji, Sie plädieren Sie dafür, das Tor des Idschtihad (Tor des kritischen Denkens) nach über tausend Jahren wieder zu öffnen. Was soll uns daran hindern, diese Reform-Anstöße angesichts des sich weltweit radikalisierenden Islam für eine reine Utopie zu halten? Irshad Manji: (lacht) Das ist eine sehr interessante Frage. Es findet bereits ein Wandel statt. Weil reformorientierte Muslime die technologischen Neuerungen des 21. Jahrhunderts immer besser nutzen und damit unsere Botschaft an die Millionen von jungen Menschen transportiert wird, die sich nach Wandel sehnen. Lassen Sie mich ein konkretes Beispiel dafür geben. Unmittelbar nachdem mein Buch erschienen war übrigens aufgrund der internationalen Berichterstattung interessanterweise noch vor Kanada zuallererst in Deutschland (Der Aufbruch Plädoyer für einen aufgeklärten Islam, Eichborn 2003) erfuhren viele junge Muslime im Nahen Osten davon. Mein -Posteingang wurde überschwemmt mit Mails von diesen Menschen, die mich fragten: Wann werden Sie das Buch ins Arabische übersetzen lassen, damit wir Ihre Ideen unseren Freunden mitteilen können? Meine wenig durchdachte Antwort lautete: Nennt mir einen arabischen Verlag, der sich 1

2 traut das Buch zu übersetzen, geschweige denn zu vertreiben. Die meisten jungen Leute antworteten, um mir zu sagen: Sie haben ja Recht, aber was macht das? Sie können das Buch ins Arabische übersetzen lassen, diese Version im PDF-Format auf Ihre Website stellen, so dass wir den Text privat und damit in Sicherheit lesen können. Das könnten wir nicht, wenn wir ein Buch mit uns herumtragen müssten. Ich habe also diesen Rat befolgt, ließ die Übersetzung anfertigen und stellte das Buch online. In nur einem Jahr ist das Buch in der arabischen Übersetzung über Mal heruntergeladen worden. Letzte Woche schrieb mich ein Reporter vom New York Times Magazine an und sagte: Wusstest Du, dass die arabische Version Deines Buches gedruckt und in Syrien, Jordanien und Libanon unter den jungen Menschen verteilt worden ist? Ich hatte davon schon gehört, aber es war sehr wichtig für mich, diesen Beweis auch von anderen Quellen zu erhalten. Ich kann Ihnen auch davon berichten, dass ich im vergangenen Jahr zum ersten Mal in meinem Leben in Kairo war. Junge Muslime Männer und nicht nur Frauen kamen zu mir und sagten: Danke dafür, dass Sie diese Ideen online gestellt und uns zugänglich gemacht haben. Ich lese Ihr Buch, meine Freunde lesen es und mittlerweile wird es von der Demokratiebewegung genutzt. Ich will damit auf die Tatsache hinaus, dass wir hier am Anfang eines größeren Prozesses stehen könnten. Im Unterschied zu dem, was vor 15 Jahren möglich war, sind viele junge Muslime heute, trotz ihrer Armut, enorm vernetzt und hungrig nach all dem, was reformorientierte Muslime anzubieten haben. Warum ist die Frauenfrage für Sie der Schlüssel zu einer Erneuerung des Islam? Irshad Manji: Nun, Frauen sind diejenigen, die am wenigsten zu verlieren und am meisten zu gewinnen haben, wenn sie nach Veränderungen rufen. Wir Frauen 2

3 können dies in einer sehr konstruktiven, pro-islamischen Weise tun. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. In meinem Buch schreibe ich unter anderem von der Idee, kleine Geschäftskredite an Frauen in der muslimischen Welt zu geben, und zwar nicht nur, weil sie das ökonomisch besser stellen würde. Das ist sicherlich gut, aber nicht der eigentliche Grund. Der Grund ist, dass die Idee selbst mit dem Islam höchst kompatibel ist. Es besteht Konsens im Islam, dass Frauen, die ihr eigenes Geld verdienen, dieses zu 100 Prozent behalten dürfen, und damit machen können, was sie wollen. So können sie sich mit den Einnahmen ihres Geschäftes beispielsweise das Lesen beibringen und damit lernen, den Koran selbst zu lesen. Dann werden sie auch auf all die Passagen stoßen, die sich mit der Würde der Frau beschäftigen, von der ihnen die Imame und die Mullahs in der Regel nicht berichten. Da ich Journalistin bin, gebe ich auch dafür gern Beweise: Vor acht Monaten rief mich ein befreundeter Journalist aus Kabul an und sagte zu mir: Erinnerst Du Dich an diese fortschrittlichen Passagen im Koran von denen Du in deinem Buch sprichst? Heute traf ich eine Muslimin, die einen Minikredit von einer NGO angenommen hat. Sie hat mit dem Geld ein Geschäft zur Herstellung von Kerzen eröffnet, damit ihr eigenes Geld verdient und dann gelernt, den Koran zu lesen, wo sie auf die Passagen gestoßen ist, die du erwähntest. Der Punkt ist: Diese Frau hat die Verse nun ihrem analphabetischen Mann vorgelesen, der sie geschlagen hatte, seitdem sie verheiratet waren. Seit er begriffen hat, dass diese Verse aus Gottes Buch stammen, nicht aus der universalen Menschenrechtscharta, schlägt er seine Frau nicht mehr. Dies ist die Macht des Korans, dies ist die Macht des Lesens, dies ist die Macht der kleinen Ideen, die wir brauchen, um sie in konkrete politische Ziele umzusetzen. Einer meiner Vorschläge lautet deshalb, dass alle reichen Staaten, inklusive der arabischen Länder, einen kleinen Teil ihres Verteidigungsbudgets dazu verwenden 3

4 sollten, um damit ein Programm von Kleinkrediten für Frauen in der muslimischen Welt aufzulegen. Das schlimmste was passieren könnte, ist, dass Frauen dadurch mehr wirtschaftliche Macht erhielten. Großartig! Wenn das das Schlimmste ist, was passieren könnte, wäre ich gerne bereit, dieses Risiko einzugehen. Das Beste, was passieren könnte, ist, dass die Frauen die Argumente und das Selbstbewusstsein entwickeln, das sie brauchen, um vor die Männer in ihrer Gesellschaft zu treten und zu sagen: Erinnert Euch, Mohammeds erste Frau Khadijah war eine Geschäftsfrau wie ich und Mohammed arbeitete für sie. Wenn Ihr nun nicht für mich arbeiten wollt, ist das kein Problem, ich brauche Euch nicht als Angestellte. Aber zumindest werdet Ihr zulassen, dass ich für mich selbst arbeiten kann. Sie sprechen im Zusammenhang mit Struktur und Inhalten des Islam von einem arabischen Imperialismus. Können Globalisierung und Internationalisierung dazu beitragen, diese kulturelle Dominanz einer Religion zu überwinden? Irshad Manji: Sie meinen, ob die Globalisierung helfen kann den arabischen Kulturimperialismus innerhalb des Islam zu überwinden? Ja, ich glaube, das ist möglich. Ich komme noch einmal auf die moderne Massenkommunikation als Schlüsselelement der Globalisierung zurück. Ich erwähnte das Beispiel, dass mir viele junge muslimische Frauen in Westeuropa elektronisch geschrieben und erzählt hatten, dass sie sich in nichtmuslimische Männer verliebt hätten. Ihre Imame und Eltern hätten Ihnen gesagt, dass der Islam das verböte. Nun, der Imam sagt ihnen das nicht, weil der Islam das verbietet, sondern, weil es die arabische Stammeskultur verbietet. Ich ging also zu einem progressiven nichtarabischen Imam, der auf Guam (Anm. Insel im Pazifik und US-Stützpunkt) 4

5 geboren wurde, in Malaysia aufwuchs und in der arabischen Welt studierte, ein echter Weltbürger also. Dieser Imam wandte sein kritisches Denken (Idschtihad) an und interpretierte die Verse des Koran so, dass er daraus Argumente ableiten konnte, warum muslimische Frauen im 21. Jahrhundert zweifelsfrei das Recht haben, nicht-muslimische Männer zu heiraten. Mit dieser Information sind die jungen muslimischen Frauen nun in der Lage, zu ihren in Stammeskriterien denkenden Imamen zu gehen und zu sagen: Hier ist eine andere Meinung, eine Meinung die gleichwertig zu Deiner Meinung ist, weil sie von jemandem stammt, der in derselben Position ist wie Du. Wir haben also junge Muslime, die sich dank der Globalisierung mit anderen Muslimen vernetzen können, die ansonsten nicht einmal wüssten, wohin man gehen soll, um diese Fragen beantwortet zu bekommen. Nun wissen sie also, wohin sie gehen können, wie sie an Informationen gelangen können, an die sie vorher nicht einmal denken durften. Das ist, neben den vielen Nachteilen der Globalisierung, einer der Vorteile. Seit dem 11. September 2001 wird der Islam in der nichtislamischen Welt vor allem als aggressiv-terroristische Bedrohung wahrgenommen. Warum sind die Impulse aus dem Islam zu Mäßigung und Toleranz so schwach? Und welche Rolle spielt der ungelöste israelisch-palästinensische Konflikt für die Reformfähigkeit des Islam? Irshad Manji: Zunächst einmal ist es nicht der Islam, der reformiert werden muss, da der Islam selbst bereits das Potential besitzt, humanistisch und aufklärend zu sein. Es sind die Muslime, deren Denken reformiert werden muss. Damit meine ich, dass wir uns vom Stammesdenken lösen müssen, das uns der arabische Kulturraum aufgedrückt hat. Und wir müssen erkennen, dass der Islam uns die Erlaubnis zu pluralistischem Denken gibt. Das ist sehr wichtig, weil mehr als 80 Prozent der 5

6 Muslime weltweit keine Araber sind. Warum sollten wir also die Impulse, die aus der arabischen Halbinsel kommen, als den einzig authentischen Weg des Praktizierens des Islam sehen? Ich betone das, weil es zum Kern der israelisch-palästinensischen Frage gehört. Der Palästina-Konflikt ist ein regionaler Konflikt, der nur die arabische Welt betrifft. Indonesien hat damit nichts zu tun, Malaysia hat damit nichts zu tun. Muslime in Deutschland sollten mit diesem nationalistischen und territorialen Konflikt nichts zu tun haben. Und trotzdem wird uns permanent von unseren Imamen und Intellektuellen erzählt, dass die Frage, ob du ein gläubiger Muslim bist oder nicht, aufgrund deiner Position im Palästina-Konflikt entschieden wird. Das ist doch Unsinn. Ich denke, dass eine gesunde Lösung des Palästina-Konflikts im Interesse aller ist. Trotzdem hat das Thema nichts damit zu tun, ob sich ein reformorientierter Islam durchsetzen kann. Es sind Opportunisten, die den Palästina-Konflikt als Grund anführen, warum wir keine Debatten beginnen können. Und wenn wir den Israel- Palästina Konflikt endlich gelöst haben, werden sie andere Gründe finden, warum wir diese Debatten nicht führen können. Was war das Motiv für den versuchten Anschlag von radikalen Dschihadisten auf das World Trade Center 1993? War es Israel- Palästina? Nein. Was war das Motiv für den versuchten Anschlag auf die USS-Cole vor der Küste von Jemen in 2000? Nur zur Erinnerung, das passierte unmittelbar nach der NATO-Militärintervention im Kosovo, bei der tausende Muslime gerettet werden konnten. Was war das Motiv dafür? Und was war das Motiv für den Mord von islamistischen Aufständischen an Margaret Hassan, der Leiterin von CARE International im Irak, die offen ihre Solidarität mit dem irakischen Volk bekundet hatte? Trotzdem haben die islamistischen Aufständischen sie exekutiert. Das sind alles Opportunisten. Wir dürfen nicht vergessen, dass es unabhängig von der Lösung des Palästina-Konflikts, immer Menschen geben wird, die, wenn sie Chaos und Hass unter den Menschen sähen wollen, irgendein Motiv dafür finden werden. 6

7 Wie erklären Sie sich die Radikalisierung junger Muslime, die im Westen geboren sind und die Privilegien westlicher Freiheitsrechte nutzen, um diese Werte zu zerstören? Irshad Manji: Das ist eine ausgezeichnete Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Aber lassen Sie mich Ihnen ein paar Innenansichten berichten, von denen man in den Medien in der Regel nichts erfährt. In meiner Funktion als Senior Fellow bei der European Foundation for Democracy (Brüssel) komme ich oft mit jungen und noch beeinflussbaren männlichen Muslimen in Europa ins Gespräch und frage sie, was in ihren nicht-muslimischen und muslimischen Umfeldern so passiert. Zum Beispiel erzählen sie mir, dass radikalisierte Menschen nicht nur gegen den Rassismus der Gesellschaft rebellieren, von dem in den Medien die ganze Zeit die Rede ist. Sie rebellieren auch gegen das Stammesdenken in ihrer eigenen Gemeinschaft, das normalerweise von den eher moderaten Muslimen gepflegt wird und das ihnen sagt: Seid still, denkt nicht, tut was Euch gesagt wird! Gleichzeitig leben sie in einer Zeit, in der sie durch das Internet surfen und durch das Auswählen aus der Flut von Informationen alleine bereits ihre Köpfe benutzen. Wenn ihre moderaten Imame und Eltern ihnen also befehlen, Tut was Euch gesagt wird, ist das nicht nur absurd und unrealistisch, sondern entwürdigend. Und sie fragen sich, ob diese Leute so abgeschnitten von der Realität sind. Und in der Tat, das sind sie. Die Dschihadisten und insbesondere die Wahabiten sind nun sehr clever gewesen. Sie haben viele dieser jungen Muslime rekrutiert, indem sie ihnen sagten: Verlasst Eure Moschee, wo Ihr nicht selbstständig denken dürft. In unseren Moscheen dürft Ihr an sehr guten Debatten teilnehmen. Wir werden alle Eure Fragen diskutieren. Sobald diese jungen Menschen nun in diese Moscheen gehen, wird ihnen langsam und systematisch das Gehirn gewaschen. Stammesdenken ist also ein Aspekt 7

8 muslimischer Gemeinschaften, dem Nichtmuslime endlich Aufmerksamkeit schenken müssen. Junge und beeinflussbare Muslime erzählen mir auch, dass ihre Altersgenossen extrem bemüht sind, sich anzupassen, um uns allen keine Schwierigkeiten zu machen. In Großbritannien versuchen sie nicht einmal mehr zu definieren, was eine gemeinsame britische Identität sein könnte, weil sie glauben, uns damit einen Gefallen zu tun und uns nicht zu beleidigen. Indem wir aber keine Leitkultur definieren, sagen wir ihnen auch nicht, wozu sie gehören könnten. Deshalb ist es so einfach für radikale Imame, den jungen, verwirrten Muslimen die Zugehörigkeit zu einer radikalen Identität und Glaubensrichtung anzubieten. Während die Multikulturalisten vorgeben, den Muslimen Respekt zu erweisen, bezeugen sie ihnen eigentlich ihre Respektlosigkeit, wenn sie sagen, dass wir keine gemeinsamen Werte definieren können. Sie haben eben den Begriff Leitkultur erwähnt. Die deutsche Regierung hat eine Konferenz mit führenden islamischen Gruppen und Persönlichkeiten ins Leben gerufen, um einen nachhaltigen Dialog in Deutschland in Gang zu setzen. Ist das der richtige Weg für eine friedliche Koexistenz der Religionen und Kulturen? Irshad Manji: Nicht unbedingt. Immer wenn so etwas von einer Regierung organisiert wird, entsteht ein großer Druck, die Situation schönzureden und den Dialog nicht in die kritische Tiefe zu führen, weil niemand Vertrauen beschädigen will. Üblicherweise wird eine äußerst selektive Gruppe von Menschen ernannt, die als Repräsentanten großer Gemeinden fungieren sollen. In der Regel sind es Männer und die konservativen Elemente einer Gemeinde. Das Problem dabei ist, dass diese Menschen dann für die einzig authentischen Repräsentanten muslimischen 8

9 Glaubens gehalten werden und reformorientierte Stimmen dadurch ausgeschlossen werden. Und die Nichtmuslime fragen nach dem Rest der Gemeinschaft. Reformorientierte Muslime sagen dann: Moment mal, wir wollen an dieser Initiative teilnehmen nur werden die konservativen Elemente von der Regierung als die einzig legitimen Teilnehmer der Debatte angesehen. Weil die Regierungen keinen Ärger mit jenen Konservativen haben möchte, akzeptieren sie das so. Deshalb wird daraus ein Dialog der Gehörlosen, der hoch politisiert ist. Viel wichtiger als ein regierungsgeführter Dialog wäre ein mediengeführter Dialog, der diverse Stimmen von Muslimen und Nichtmuslimen in einer ehrlichen Diskussion zusammenbringt. Eine ehrliche Frage an Muslime wäre zum Beispiel: Warum bist Du hier? Was genau erwartest Du von Deutschland oder Kanada? Ist es nur der materielle Wohlstand, der hier gegeben ist? Wenn dem so ist, dann ist es gut, das zu wissen. Oder möchtest Du auch die Teilhabe an den Werten, die dabei geholfen haben, diesen Wohlstand zu erschaffen? Eine ehrliche Frage an Nichtmuslime könnte sein: Kannst Du Dir vorstellen, dass Muslime Bürger sind, die zu dieser Gesellschaft etwas beizutragen haben? Und welcher Beitrag könnte dies sein? Mit anderen Worten: Dürfen Männer immer nur Anzüge und Krawatten tragen und Frauen immer unverschleiert sein, um Mitwirkende in dieser Gesellschaft zu sein? Diese Fragen müssten im Fernsehen übertragen und einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden, damit die Öffentlichkeit erkennt, dass sie das Recht und die Verantwortung hat, an diesen Debatten teilzunehmen. Nur so werden wir zu der Erkenntnis kommen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und gemeinsame Lösungen finden müssen. Ansonsten sehen wir tatenlos auf zu den Höhergestellten, und die haben meistens den Blick für die Lebenswirklichkeit der jungen Menschen verloren. 9

10 Ich möchte noch etwas zu einer der vorherigen Fragen sagen, die ich noch nicht hinreichend beantwortet hatte. Die Frage war, warum es nicht mehr moderate, reformorientierte Stimmen gibt. Die Antwort ist ziemlich klar: Es ist die Angst. Nicht nur die Angst vor körperlicher Gewalt, das erklärt sich von selbst. Es ist auch die Angst vor der Entehrung der eigenen Familie. Dieses gesamte Konzept von Entehrung rührt wiederum vom arabischen Stammesdenken her. Zusammen mit einigen reformorientierten Muslimen habe ich das Projekt Idschtihad gegründet, wobei Idschtihad das kritische Denken des Islam bedeutet. Das Projekt versucht, Idschtihad zu demokratisieren und zu popularisieren, und damit normalen Muslimen zu zeigen, dass sie die Erlaubnis haben, sowohl kritisch als auch gläubig zu sein. Wenn diese reformorientierten Stimmen also aus der Versenkung kommen, werden sie sehen, dass sie ihren Glauben leben können, weil sie wissen, dass sie nicht allein sind. Ich glaube, dass das die große Herausforderung für die nächsten zehn Jahre ist. Wir brauchen progressive, aufgeklärte Nichtmuslime, die uns dabei helfen, all die jungen Menschen zu erreichen, die sonst annehmen müssen, dass ein ordentlicher Muslim zu sein bedeutet, seinen Mund zu halten. Übersetzung aus dem Englischen: Matthis Kaiser (German Marshall Fund of the United States) 10

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