REFLEXION PROGRAMMS. Brandenburg - Das bist du uns wert! - DAS BIST DU UNS WERT BRANDENBURG - DAS BIST DU UNS WERT BRANDENBURG - DAS

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2 Das klang interessant, einen Film zu drehen. Wir hatten vorher so was noch nie gemacht, und da wollten wir das mal ausprobieren. Ich weiß, dass die wahnsinnig stolz sind auf ihr Projekt, dass sie auch total froh sind, dass es vorbei ist. Ich wusste vorher nicht mal großartig, was Werte sind. Das Positive ist ja immer, wenn man den Jugendlichen erzählt, dass man nicht alles nur von der schönen Seite beleuchten muss, sondern auch auf die negative Seite gehen darf und auch mal ausdrücken kann, was einem vielleicht nicht gefällt. Es kam dann irgendwann der Punkt, wo jeder gedacht hat, die anderen machen es, ich brauch es nicht machen. Für mich war das Interessante, mit Jugendlichen zu arbeiten und denen bewusst zu machen, dass sie Wertvorstellungen haben, auch wenn sie die vorher nicht formuliert haben und natürlich am Ende ein Filmprojekt daraus zu machen. Das hat uns letztlich nur gezeigt, was wir schon wussten: Dass das hier eine tolle Gemeinschaft ist, wo Jung und Alt sich unterstützen. Dieses Projekt ist so wichtig für mich geworden, weil die Kinder über sich hinausgewachsen sind. Und darum mache ich auch so was, um zu zeigen, dass die Jugend auch positive Sachen zustande bringen kann. Danksagung An dieser Stelle möchten wir uns vor allem bei den zahlreichen Interviewpartnerinnen und -partnern bedanken, ohne die die hier vorliegende Studie nicht möglich gewesen wäre. Ferner bedanken wir uns bei allen Projektverantwortlichen, die uns wertvolle Einblicke in ihre Arbeit ermöglicht haben, uns an Erfahrungen teilhaben ließen und gemeinsam mit uns Fragen und Probleme erörtert haben. Prof. Dr. Richard Münchmeier, Charlotte Wenkel, Fabian Brauns Berlin, im Dezember 2010 Herausgeberin & redaktionelle Bearbeitung: Stiftung Demokratische Jugend, Grünberger Straße 54, Berlin Verantwortlich für den Herausgeber: Johannes Zerger, Geschäftsführer

3 Inhaltsverzeichnis Vorwort Einleitung Au au und Ziel der Analyse Projektbeschreibung: Brandenburg - Das bist du uns wert! Wertekommunikation Stand und Perspektiven Wertekommunikation oder Wertevermittlung? Empirischer Teil der Analyse Methodik Reflexion der angewandten Methoden Beschreibung der Grundgesamtheit die Gruppen vor Ort Auswahlverfahren und Forschungspraxis Auswertung der empirischen Ergebnisse Gruppenzusammensetzung und Organisationsgrad Der Weg zum Projekt und die Motivation der Jugendlichen Zugänge der GruppenleiterInnen zu den Teilnehmenden Vorbildung zum Thema Werte Teilnehmende Vorbildung zum Thema Werte GruppenleiterInnen Veranstaltungen und Treffen während der Projektphase Coaching und organisatorische Aspekte Verhältnis von Medium und Wertekommunikation Wertschätzende Befragung Reflexion der Ergebnisse Wertekommunikation als didaktisches Ziel Übungs- und Erfahrungsfeld für den Erwerb von Lebenskompetenz Handlungsempfehlungen Literaturverzeichnis Anhang Interviewleitfäden...27

4 Vorwort Jugendliche werden oft nach ihren Werten gefragt. Die Ergebnisse dieser Befragungen sind in zahlreichen wissenschaftlichen Studien dokumentiert. Wenn aber die Jugendlichen selbst Fragen nach Werten stellen, dann ist das etwas Besonderes. In Brandenburg machen sich seit 2008 jedes Jahr 100 Jugendliche auf eine Werte-Reise durch ihre Region: Sie befragen nicht nur ihre Altersgenossen, sondern vor allem Erwachsene Passanten in der Fußgängerzone, den Bürgermeister ihres Ortes, den Pfarrer oder die Kassiererin in der Kau alle welche Werte ihnen wichtig sind. Das Jugendprogramm Brandenburg Das bist du uns wert! zeichnet sich nicht nur durch die Umkehrung der üblichen Rollen aus. Die Jugendlichen drehen mit ihrem Interviewmaterial auch Filme, präsentieren sie in ihrem Heimatort und gestalten eine Livesendung im Offenen Kanal Berlin. Das Programm knüpft an die konkrete Lebenssituation der Jugendlichen an, bezieht sich auf ihre Bedürfnisse und Interessen und hilft ihnen auf ihrem Weg, die eigenen Werte zu entdecken. Die aktuellen gesellschaftlichen Wandlungsprozesse öffnen eine Welt unendlich vieler neuer Möglichkeiten. Berufsbilder werden vielfältiger und die Geschlechterrollen differenzierter. Das Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen und Lebensstile fordert Jugendliche heraus, ihren eigenen Weg zu finden. Dafür brauchen sie Werte. Werte helfen Jugendlichen, sich im Leben zurechtzufinden, selbstbewusste Persönlichkeiten zu werden und glücklich zu leben. In einer Welt voller neuer Möglichkeiten wächst die individuelle Verantwortung jedes Einzelnen für seine persönliche Zukunft. Jugendprogramme wie dieses helfen, die Lebenskompetenz zu stärken. Lebenskompetenz - das heißt: sich selbst erkennen, mit Anderen kooperieren und unsere Gesellschaft mitgestalten. Werte infrage stellen und neue Antworten auf die Fragen nach Werten finden, ist nicht nur für Jugendlichen wichtig, sondern für die gesamte Gesellschaft. Denn in einer Welt, die sich schnell verändert, bilden sich auch Werte immer wieder neu. Das Jugendprogramm hat eine innovative Werteforschung auf den Weg gebracht. Die jungen Forscherinnen und Forschern haben bei ihren Interviews spannende Erfahrungen gemacht und sind über sich selbst hinausgewachsen. Teilnehmer berichten, dass sie erst in der Auseinandersetzung mit dem Thema entdeckt haben, welche Werte ihnen selbst wichtig sind. Indem sie ihre Interviewpartner gefragt haben, welche Rolle Erfolg, Harmonie, Liebe in ihrem Leben spielen, entdeckten sie auch Antworten für sich selbst. Für Gespräche mit der älteren Generation finden Jugendliche in ihrem Alltag nicht oft Gelegenheit. Brandenburg Das bist du uns wert! ist auch ein gutes Beispiel für einen lebendigen Dialog zwischen den Generationen. Die Interviews stärken die gegenseitige Wahrnehmung und die Achtung voreinander. Indem sich die Jugendlichen mit den Wertvorstellungen der älteren Generation auseinandersetzen, wächst auch bei den Älteren die Wertschätzung gegenüber den Jüngeren. Die wissenschaftliche Auswertung des Jugendprogramms unter Leitung von Prof. Dr. Richard Münchmeier präsentiert nach dreijähriger Laufzeit die Wirkungen und die Gründe für den Erfolg des Programms. Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, interessante Einblicke in die Wirkungen innovativer Jugendarbeit in Brandenburg und möchte Sie nachdrücklich ermuntern, sich am Jugendprogramm Brandenburg Das bist du uns wert! zu beteiligen. Ihre Dr. Martina Münch Ministerin für Bildung, Jugend und Sport 3

5 1. Einleitung Jugendpolitische Förderprogramme verfolgen immer auch gesellschaftliche und politische Ziele, wie etwa die Auseinandersetzung mit Problemen der Werteorientierung der jungen Generation oder ganz konkret mit den Problemen der Abwanderung und des Ausbildungs- oder Arbeitspendelns aus den strukturschwächeren Bundesländern in zentrumsnahe Regionen und den sich daraus ergebenden Folgen. Damit solche Programme die jungen Menschen erreichen und im Sinne ihrer Zielsetzung wirksam sind, müssen sie sich auf die Lebenssituation, die Lebenslagen, die Bedürfnisse und Interessen der Jugendlichen beziehen. Sie implizieren Informationen und Wissen über die Probleme und Chancen der alltäglichen Lebensbewältigung im Jugendalter. Denn bei aller Zielgerichtetheit müssen sie sich immer auch als Hilfen zur Bewältigung der Aufgabe des Erwachsenwerdens unter den gegenwärtigen Bedingungen verstehen. In diesem Sinne verfolgen sie Bildungsangebote, die auf den Erwerb von Lebenskompetenz zielen (Bundesjugendkuratorium 2001; OECD 2005). Um welche Bewältigungsaufgaben geht es? Ganz allgemein kann man sagen: Wer das verstehen will, muss sich zunächst die Situation junger Menschen ansehen, muss sich darüber klar werden, in welchen Verhältnissen sie aufwachsen, mit welchen Möglichkeiten, Freiräumen und Chancen, aber auch Herausforderungen, Druck- und Risikosituationen sie konfrontiert werden und wie sie diese bewältigen oder zu bewältigen versuchen. Im Kontext des vielfältigen sozialen Wandels unserer gesellschaftlichen Lebensverhältnisse haben sich in den letzten Jahrzehnten auch die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen stark verändert. Die Veränderung der Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen findet vor einer Folie gesellschaftlichen Wandels statt, die als Multioptionsgesellschaft beschrieben wird und gleichermaßen neue und umfassende Freiheiten beinhaltet, wie auch eine neue Qualität von Risiko und Verlust von vertrauten und sicheren Strukturen und Werten. Für unseren Zusammenhang ist vor allem die biografische Zweiteilung und Verlängerung der Jugendphase bedeutsam. Die Jugendzeit im biografischen Sinn ist heute länger geworden, weil die Kindheit (im traditionellen Verständnis) heute früher au ört und das Erwachsensein (wie es bisher verstanden wurde) später anfängt. Die für die traditionelle Adoleszenzphase (der ca. 15- bis 19-Jährigen) beschriebenen Verhaltensformen von demonstrativer Ablösung, Selbstsuche, experimenteller und expressiver Selbstinszenierung usw. verlagern sich nach den Befunden der Jugendforschung heute biografisch nach vorne in das Alter der 10- bis 14-jährigen Kids. Damit franst die lebensaltersbezogene Abgrenzung von Jugend zur Kindheit hin aus. Andererseits aber hat sich die Jugendphase (im Sinne der Vorbereitungs- und Qualifikationsphase und fehlender bzw. instabiler ökonomischer Selbstständigkeit) durch die Bildungsexpansion wie durch die Arbeitsmarktveränderungen und -probleme verlängert. Ihr Abschluss hat sich verkompliziert. Die Jugendlichen / jungen Erwachsenen bleiben länger materiell abhängig von ihren Eltern. Auszug, Erwerbstätigkeit, Partnerschaft und Hochzeit sind nicht mehr verlässliche Stationen zur Selbstständigkeit. Es entsteht eine durchaus schwierige Spannung zwischen Freiheit und Abhängigkeit. So bildet sich durch die Verlängerung der Schulzeit für die weit überwiegende Mehrheit der Jugendlichen eine erste Jugendphase heraus, die vor allem durch die Institution und die Lebenswelt Schule bestimmt ist. In dieser Phase bedeutet Jungsein Schülerin / Schüler sein, hierbei sind die eigene Rolle und Situation in hohem Maße durch die Institution Schule definiert. Danach aber beginnt eine zweite, nachschulische Jugendund junge Erwachsenenphase, die von der Mehrheit als noch unbestimmte und risikobehaftete Lebensphase erlebt wird, weil die früher gesicherten Übergänge von der Schule in den Beruf und die durchschnittliche Erwachsenenexistenz heute nicht mehr so gesichert und kalkulierbar sind. Die früher in diese Lebensalterszeit fallende Familienund Existenzgründungsphase hat sich zu einem offenen Lebensbereich verwandelt, der sich ver- 4

6 längert und verkompliziert hat. Man gilt zwar als erwachsen, erwachsenes Verhalten wird erwartet man verfügt aber noch nicht über die ökonomischen, institutionellen und statusbezogenen Mittel, sich auch tatsächlich so verhalten zu können. Angesichts gesellschaftlicher Wandlungsprozesse, insbesondere in der Erwerbsarbeitswelt, wird das Versprechen Gelingen der Jugendzeit bedeutet sichere Perspektiven immer brüchiger. Aus vielen Gründen lässt die Integrationskraft der Gesellschaft nach, während die individuelle Verantwortung für die persönliche Zukunft steigt, d.h. die Verantwortung für die Aneignung der notwendigen Kompetenzen, um in Zukunft bestehen zu können, wird individualisiert. Jugend wird damit zu einer Lebensphase, in der die gesellschaftlichen Widersprüche besonders sichtbar werden. Die Selbstverantwortung für die eigene Lebensführung wird zu einem zentralen Handlungsmuster junger Menschen: Sie müssen sich planvoll auf die Zukunft vorbereiten, deren Möglichkeiten sich erweitert und pluralisiert haben, obwohl die Perspektiven der Erreichbarkeit von Statussicherheit also die individuellen Optionen sich verschlechtert haben. Sie müssen eine integrierte Identität entwickeln, sich aber gleichzeitig eine situations- und rollenspezifische Flexibilität und Anpassungsfähigkeit erhalten, sollen also gleichzeitig eine stabile Ich-Identität und eine modale Persönlichkeitsstruktur (die sich je nach dem Modus der Situationsanforderungen ändern und umstellen kann) ausbilden. Zur Bewältigung der damit gegebenen Entwicklungsaufgaben benötigen junge Menschen materielle und soziale Ressourcen (Fend 2005). Dazu gehören erstens ein förderndes Elternhaus, eine ausreichende materielle Ausstattung und schulischer Erfolg, zweitens aber auch die Integration in soziale Netze, insbesondere in die Gesellschaft der Gleichaltrigen, sowie Räume für Experimentier- und Ausprobierverhalten, Möglichkeiten zu Erfolgserleben und Beziehungsnetze, die es erlauben, eine starke Persönlichkeit und starke Selbstwirksamkeitsüberzeugungen zu entwickeln. Vor diesem Hintergrund lassen sich Aufgaben für Jugendarbeit und Projektangebote für Jugendliche formulieren, die ihre Perspektive in der Förderung von Lebenskompetenz haben. Die Jugendarbeit sollte Räume, Gelegenheiten und Personal zur Verfügung stellen, damit junge Menschen selbstbestimmt und freiwillig ihre Interessen verwirklichen können. Im besonderen Maß sind Jugendliche und junge Erwachsene auf der Suche nach Identität und Orientierung. Jugendarbeit kann aufgrund ihrer strukturellen Möglichkeiten für diese Prozesse ein Bildungsangebot machen, das Gelegenheiten bietet, sich selbst zu erkennen und mit anderen zusammen an dieser Entwicklung zu arbeiten und gleichzeitig gemeinschaftlich die Welt zu gestalten. Jugendarbeit sollte für diese Auseinandersetzungen einen Freiraum zwischen sanktionsfreiem Experimentieren und ernsthaftem (auch öffentlichem) Ausprobieren bieten. Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit sollten demnach Orte sein, an denen vielfältige Bildungsprozesse und Bildungserfahrungen initiiert und möglich werden. Offenheit, Freiwilligkeit und Partizipation sind die Grundlage und Bestandteil der Bildungsangebote der Jugendarbeit. Offenheit bedeutet, dass die Aktivitäten und Programme offen für alle, aber nicht für alles sind. Insofern ist Offenheit keine Beliebigkeit. Freiwilligkeit bedeutet, dass alle Aktivitäten, Aktionen und Angebote auf freiwillige Teilnahme setzen. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen entscheiden selbst, ob, wann und wie lange sie sich beteiligen wollen. Partizipation bedeutet, dass die teilnehmenden Jugendlichen über Inhalte, Aktivitäten und Programme mit entscheiden. Sie sind Ko-Produzenten in allen sie betreffenden Prozessen und werden an den entsprechenden Entscheidungen beteiligt. Partizipation ist die Voraussetzung für alle Bildungsangebote und -gelegenheiten der Jugendarbeit. 5

7 Die Bildungsangebote zielen nicht primär auf Stoffvermittlung, sondern auf Kompetenzerwerb, nämlich auf den Erwerb von persönlicher Lebenskompetenz (Münchmeier/Otto/Rabe-Kleberg 2002). Jugendliche lernen z. B.: mit anderen klarzukommen, dabei z. B. Team fähigkeit einzuüben (eigene Interessen einzubringen und im Ausgleich mit den Interessen anderer zielgerichtet Lösungen zu finden); neue, ungewöhnliche Ideen durch das Interesse an einer Sache und durch Anregungen zu entwickeln (Kreativität); selbst etwas zu entdecken, zu schaffen, zu strukturieren, weiterzuverfolgen und dafür verantwortlich zu sein, wichtige Ansatzpunkte für Selbstorganisation zu finden; Klarheit über die Folgen des eigenen Handelns und die Übernahme der Konsequenzen herzustellen, Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln und zu lernen; angemessene Reaktionen auf unterschiedliche Interessen zu erproben und anzueignen, zielorientiertes Arbeiten und den Umgang mit Konflikten zu erlernen; zuzuhören, sich auszudrücken, Sachverhalte darzustellen; handwerkliche und sportliche Fertigkeiten, Kenntnisse über ökologische, politische, wirtschaftliche Zusammenhänge zu erarbeiten; interkulturelle Kompetenz, die Fähigkeit zur Reflexion der eigenen Identität, der bewusste Umgang mit kultureller Vielfalt auf der Basis wechselseitiger Akzeptanz und Achtung; Stärken und Schwächen zu erproben, die eigenen Fähigkeiten einzuschätzen; die eigene Identität zu erproben, zu entwickeln und im Austausch mit anderen zu festigen. Wenn Jugendarbeit in diesem Sinne arbeiten will, muss sie in bestimmter Weise strukturiert werden: Sie muss Aktivitäten und Erfahrungen möglich machen und zulassen, d.h. im weitesten Sinne: Sie muss Raum dafür anbieten, sowohl Räume in der Jugendeinrichtung selbst, aber auch Vernetzungen in die sozialen Räume des lokalen und regionalen Umfelds. Sie muss selbstständige Aktivitäten entstehen lassen und unterstützen: Die Aktivitäten der Jugendarbeit müssen keineswegs immer über den Pädagogen laufen oder durch den Jugendarbeiter vermittelt werden. Es ist davon auszugehen, dass der Jugendarbeiter gar nicht alles sieht und wahrnimmt, was im Projekt geschieht, welche Aktivitäten Jugendliche entfalten, wie sie sich Jugendarbeit und über Jugendarbeit Räume aneignen. Er muss auch nicht alles sehen ; seine Aufgabe besteht darin, Räume so zu gestalten, dass sie offen und flexibel werden und die selbstständigen Aktivitäten Jugendlicher aufnehmen können. Sie muss das Reflektieren anregen und fördern: Damit aus Erlebnissen Erfahrungen werden, damit Chancen und Möglichkeiten bewusst werden, müssen sie reflexiv eingeholt werden. Erst dann wird aus ihnen gelernt, erst dann werden sie Grundlage für neue Orientierungen und Ziele. Die alte pädagogische Formel von der reflektierten Gruppe lässt sich so aus ihrer gruppenpädagogischen Begrenzung und gruppendynamischen Formalität lösen und mit neuen Inhalten füllen. Aus dem Gesagten ergeben sich übergreifende Kriterien für die Beurteilung des nachfolgend untersuchten Programms. Natürlich wäre es vermessen zu verlangen, dass es in seiner Anlage und Durchführung alle genannten Bedarfe abdecken sollte. Wohl aber lässt sich überlegen, welche Aspekte durch das Programm berücksichtigt wurden und welchen Beitrag es neben vielen anderen Angeboten und lebensweltlichen Ressourcen zur Entwicklung und Orientierung Jugendlicher leisten konnte. 6

8 Kurzvorstellung des Programms Im Rahmen des Jugendprogramms Brandenburg Das bist du uns wert! der Stiftung Demokratische Jugend machen sich jährlich in einem Projektzeitraum von April bis Oktober zehn Jugendgruppen (ca. 80 bis 100 Jugendliche) aus ganz Brandenburg auf eine Wertereise durch ihre jeweilige Region. In Interviews befragen die Jugendlichen ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger nach deren Werten und Einstellungen. Sie dokumentieren ihre Interviewergebnisse in selbst gedrehten und geschnittenen Filmen und präsentieren sie zum Jahresende der Öffentlichkeit vor Ort. 2. Au au und Ziel der Studie Die Zielstellung der hier vorliegenden Studie ist es, eine Brücke zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Lebenswelten von Jugendlichen heute und dem Stellenwert bzw. den Möglichkeiten einer werteorientierten Pädagogik herzustellen. Die Klammer umschließt das Programm Brandenburg - Das bist du uns wert!, Ziele und Anspruch des Programms, die konkrete Umsetzung vor Ort und die entsprechenden Ergebnisse. Konkret bezieht sich die Analyse auf die Projektphase Nach der im folgenden Kapitel dargestellten Projektbeschreibung folgen ausführliche Darlegungen zum Stand der Wertekommunikation und der Werteorientierung bei Jugendlichen. Die inhaltliche Fokussierung hierauf führt an die Intention des Programms heran. Der empirische Teil das vierte Kapitel kann als eine Untersuchung eines Programms begriffen werden, das sich zum Ziel gesetzt hat, mittels eines bestimmen Mediums die Reflexion und die Auseinandersetzung mit dem Thema Werte zu befördern. Die empirische Basis bilden Interviews mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie den Gruppenleiterinnen und Gruppenleitern des Projektes. Forschungsprozess und -design bedienen sich ausschließlich qualitativer Verfahren. Dementsprechend erfolgt eine Darstellung und Interpretation der Interviews in Kapitel fünf die hier verfolgten Auswertungskategorien entsprechen dem Erkenntnisinteresse, das im Vorfeld mit dem Träger des Projektes und dem Forscherteam entwickelt wurde. Bestimmte Wirkungsfelder werden so identifiziert und auch konkrete, ganz praktische Hinweise zur Optimierung der Projektarbeit für alle Beteiligten abgeleitet. Kapitel sechs bringt die eingangs dargestellten allgemeingültigen wissenschaftlichen Erkenntnisse in Relation zu den Inhalten, Handlungs- und Wirkungsfeldern des Programms. Das letzte Kapitel schlägt Handlungsempfehlungen vor, die sich in zwei Ebenen, eine eher inhaltlich ausgerichtete und eine organisatorische, untergliedern. 3. Programmbeschreibung Welche Rolle spielt Harmonie in meinem Leben? Ist Eigentum wichtiger als Treue? Kann man materielle und immaterielle, sittliche oder geistige Werte gegeneinander aufwiegen? Und was gibt es überhaupt für Werte? Um diese Fragen dreht sich das Jugendprogramm Brandenburg Das bist du uns wert!. Nachdem das Bündnis für Werte in der Erziehung im Land Brandenburg, das auf Initiative des damaligen Ministers für Bildung, Jugend und Sport, Holger Rupprecht, einberufen wurde, gemeinsame Grundsätze zur Werteerziehung erarbeitet hatte, wurden ab dem Jahr 2008 drei Projekte zur Werteorientierung modellhaft gefördert, darunter das Programm Brandenburg Das bist du uns wert! der Stiftung Demokratische Jugend. Dem Programmstart war eine Expertise vorausgegangen, die im Jahr 2007 vom nexus Institut für Kooperationsmanagement und interdisziplinäre Forschung erarbeitet wurde. Darin kam zum Ausdruck, dass Werte als Grundlage gesellschaftlichen Zusammenlebens eine besondere Bedeutung für die individuelle und regionale Entwicklung und Identität haben und insbesondere junge 7

9 Menschen, die in einer unübersichtlichen Vielfalt von soziokulturellen Möglichkeiten leben, von der Wertekommunikation profitieren. Das Jugendprogramm Brandenburg Das bist du uns wert! macht deshalb seit 2008 Jugendlichen im Alter von 14 bis 21 Jahren ein Angebot, sich mit den Werten der Menschen in ihrer Region und ihren eigenen Werten auseinanderzusetzen. In Zusammenarbeit mit der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendkoordination im ländlichen Raum meldeten 10 Jugendkoordinatorinnen und Jugendkoordinatoren ihre Jugendgruppen im Februar 2008 zur Teilnahme an und starteten mit einem Workshop in das Programm. Während der Projektarbeit und insbesondere in der Interviewphase stand eine Hotline, die vom nexus Institut betreut wurde, für alle Fragen offen. Die Gruppen erhielten außerdem eine finanzielle Unterstützung in Höhe von Euro. Auf dem Abschlussworkshop entstanden schließlich die Ausstellungsposter, die die erarbeiteten Werteporträts illustrierten. Die Werte-Ausstellung wurde am 23. September 2008 im Brandenburger Landtag eröffnet und tourte im Anschluss durch das Land. In den Jahren 2009 und 2010 waren die Jugendmedienzentren des Landes angesprochen; das Programm wurde in Kooperation mit der Landesarbeitsgemeinschaft Multimedia Brandenburg e.v. umgesetzt. Förderer war im Jahr 2010 neben dem Ministerium für Jugend, Bildung und Sport die Medienanstalt Berlin-Brandenburg. Der Kreis- Kinder- und Jugendring Märkisch-Oderland e.v. hatte die Durchführung des Auftaktworkshops übernommen, der den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Möglichkeit gab, sich ein Wochenende lang intensiv mit dem Thema Werte auseinanderzusetzen und der sie darüber hinaus genau darauf vorbereitete, wie die praktische Umsetzung der Aufgabe erfolgen sollte. Nach den Auftaktworkshops, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Auseinandersetzung mit den Werten anderer und ihren eigenen Werten sensibilisiert wurden und Einblicke in Interviewtechniken erhielten, erarbeiteten die Gruppen jeweils einen Film über die erfragten Werte in ihrer Region. Die Jugendgruppen erhielten für ihre Projektarbeit ab dem Jahr 2010 eine finanzielle Unterstützung in Höhe von Euro zur freien Verwendung, darüber hinaus wurden sie zusätzlich von drei Mediencoaches betreut. Nach Abschluss der Projektphase von etwa fünf Monaten trafen sich alle Gruppen erneut für ein Wochenende, um ihre Ergebnisse zu präsentieren und zu diskutieren. Die Ergebnisse sollten festgehalten und für das Gemeinwesen nutzbar gemacht werden so entstanden in der ersten Auflage 2008 Stellwände für eine Wanderausstellung, ab 2009 Filme. Die einzige Vorgabe für die Filme (ebenso wie zuvor für die Stellwände) war neben einer maximalen Länge, dass sie Interviews beinhalten sollten. Wie viele, mit wem etc. das war ganz den Gruppen überlassen. Die Gruppen, die 2009 am Programm teilgenommen hatten, präsentierten ihre Filme im November auf dem Brandenburger Jugendfilmfestival in Potsdam. Die Jugendgruppen, die im Jahr 2010 ihre Filmen erarbeiteten, erhielten auf einem Abschlussworkshop in der Jugendbildungsstätte Blossin die Gelegenheit, ihre Ergebnisse im Beisein der jeweiligen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister vorzustellen. Außerdem stellten die Jugendlichen ihre Filme in ihren Gemeinden vor und stießen damit einen regen Austauschprozess mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort an. Diese neue Art der Werteforschung ermöglicht den teilnehmenden Jugendlichen interessante und spannende Erfahrungen. Das Gesamtkonzept bietet Gemeinschaftserlebnisse und Herausforderungen, vermittelt Fähigkeiten und stellt den Jugendlichen Raum für einen Dialog der Generationen zur Verfügung, der für jeden einzelnen Menschen, für das soziale Miteinander und für das regionale Leben wichtig ist. Und schließlich schafft es Aufmerksamkeit für das Wirken der Jugendlichen vor Ort, Wahrnehmung für die Kreativität und das Engagement junger Menschen und damit auch Wertschätzung der älteren gegenüber der jüngeren Generation. 8

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