GWB C O N S U L T. Malermeister B - eine typische Beratung

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1 Malermeister B - eine typische Beratung Es war mehr der Zufall, der Regie führte, als mich Malermeister B. aus W. ansprach und um Unterstützung bat. Kennen gelernt hatte ich ihn 3 Jahre zuvor, als er sich gerade selbständig gemacht hatte. Damals war er mit seiner Familie in die beschauliche Börde gezogen, um sich den Traum von einem Bauernhaus zu verwirklichen. Nun befand er sich in einer permanenten Baustelle, alle waren im Stress, nichts funktionierte so richtig und auch mit dem Geschäft lief es mehr schlecht als recht. Natürlich bin ich der Bitte um Unterstützung gerne nachgekommen, wohl wissend, dass das Schicksal einer vierköpfigen Familie auf dem Spiele stand. So fand das erste Treffen zunächst recht formlos und ohne große Agenda im engsten Familienkreis statt. Nach nicht einmal einer halben Stunde offenbarte sich, mit welchen Problemen die Familie bereits zu kämpfen hatte. Und der Blick in die Zukunft schien noch düsterer. Schnell wurde mir bewusst, dass rasches und gezieltes Handeln notwendig war. Dazu musste die Familie überzeugt werden, dass mit Abwarten, mit dem einfach weiter so, dass mit Stopfen von Löchern und dem nur lieb und nett sein, an ein Weiterkommen nicht zu denken war. Allen war schnell klar, dass in einem zweiten Treffen alles aber wirklich alles auf den Tisch musste. Wahrheiten, auch unliebsame, durften kein Tabu mehr sein. Und auch die Gedanken an einen absoluten Neuanfang, ohne Hof und in einer neuen Anstellung als Malermeister, wurden erstmals offen ausgesprochen. Beim zweiten Treffen kam wirklich alles auf den Tisch: Verträge, Pläne, Buchhaltung und Betriebswirtschaftliche Auswertungen (BWA), sämtliche Konten, alle Versicherungen u. v. m.. Ursprünglich war alles anders geplant. Der Businessplan war ordentlich aufgestellt. Alles schien durchdacht und auf die Rahmenbedingungen und die zukünftige Entwicklung abgestimmt. Handwerk hat bekanntlich goldenen Boden wenn man weiß, wie es geht. Die Voraussetzungen waren gut. Die Ausbildung zum Malermeister, die sehr guten Referenzen vor und nach der Ausbildung, die Weiterbildung zum Restaurator, das Gefühl und der Geschmack für das Besondere, aber und das war die harte Realität das Erkennen und Verarbeiten der Wirklichkeit, der Umgang mit nackten Zahlen und dem, Seite 1

2 was daraus zu entnehmen war, das war nicht die Welt des Malermeisters. Was sprach damals gegen ein Überleben? Gewinne wurden seit der Gründung nicht erzielt, Folge: permanente Entnahmen aus der Substanz Die anfängliche Werbung wurde eingestellt, da zu teuer Dauerbaustelle Ausstellungsraum Gänzlich unbekannt in der Umgebung Keine Stammkundschaft Aufträge wurden mit teurem Leiharbeiter ausgeführt Zu hohe Kreditbelastung daher zu hoher Liquiditätsbedarf Fehlende zweite Einkunftsquelle Fehlende Unterstützung durch Dritte, wie z.b. den Steuerberater Schnell stellte sich heraus, dass bereits am Anfang der Selbständigkeit gravierende Fehler begangen wurden. Noch während der letzten Beschäftigung als Angestellter hatte der Malermeister die Entscheidung getroffen, einen Hof nebst Land zu kaufen. Der zu diesem Zeitpunkt erstellte Businessplan versprach eine rosige Zukunft. Dies bewog gleich mehrere Banken, einem Existenzgründer Kredite in 6-stelliger Höhe zu gewähren. Trotz der vorhandenen Sicherheiten ist nicht ganz nachvollziehbar, wieso die Banken dermaßen unkritisch waren. Gänzlich unverständlich ist die Maßnahme einer Bank, die eine im Eigentum des B. befindliche Eigentumswohnung als Sicherheit akzeptierte, obwohl der Nießbrauch für die Wohnung auf Lebenszeit beim Vater des Malermeisters liegt, der sie zur Aufstockung seiner Rente an Dritte vermietet. Neben den Banken haben dem Malermeister B. auch gute Freunde zinslose Kredite gegeben, die sich auf über ,- belaufen. Als ich die Beratung übernahm, waren die monatlichen Zahlungen schon zur wesentlichen Größe im Haushaltsplan geworden. Dabei war bei der Finanzierung auf zinsgünstige KfW-Mittel zurückgegriffen worden und ein Teil der laufenden Tilgungsraten war bereits ausgesetzt. Die Situation wurde durch Geldabgänge verschärft, die keiner Finanzkontrolle der Eheleute unterlagen. Seite 2

3 So wurde z. B. versäumt, die Zahlung an die gesetzliche Rentenversicherung zu kündigen. Bekanntlich können Handwerker, bei einer ausreichenden Anzahl an Beitragsjahren und nach mehreren Jahren in der Selbständigkeit, die Zahlungen in die Deutsche Rentenversicherung einstellen. Auch bei freiwilliger Mitgliedschaft Selbständiger in der gesetzlichen Kranken- / Pflegeversicherung ist eine kontinuierliche Kontrolle der Beiträge notwendig. So genießen gerade Existenzgründer für eine bestimmte Zeit Sonderrechte, die viel Geld sparen. Grundsätzlich ist der tägliche Blick aufs Konto und in die Eingangspost ein Muss und im wahrsten Sinne des Wortes Geld wert. Leider musste ich feststellen, dass diese Aufgabe nicht ausreichend ernst genommen wurde. So wurden Zahlungen in die Renten- und Krankenversicherung geleistet, den Schreiben der Rentenversicherung und der Krankenkasse jedoch kaum Beachtung geschenkt. Einiges war schlicht aus dem Ruder gelaufen. Außerdem leistete sich die Familie Versicherungen, die an den aktuellen Bedürfnissen glatt vorbei gingen, dafür aber die monatliche Liquidität stark belasteten. So erlag die Familie den Versprechungen von Versicherern, mit Lebensversicherungen Geld, sprich Steuern, sparen zu können. Dass Steuern wegen fehlender Gewinne gar nicht zu zahlen waren, schien für den Versicherungsvertreter nur zweitrangig. Überlebenswichtige Versicherungen für den Fall einer schweren Erkrankung, einer sich daraus ergebenden Lohnfortzahlung oder für den Fall einer Berufsunfähigkeit bestanden hingegen nicht. Die Liste der Versäumnisse ließe sich beliebig fortsetzen. Die Kontostände im Firmen- und Privatkontenbereich waren ein Spiegelbild dessen, was in den vergangenen 3 Jahren angerichtet worden war. Tendenz: Weg in die Katastrophe. Aber nicht nur das eigene Verhalten, die mangelnde Kontrolle, das Wohlwollen der Versicherungsvertreter, die fehlende Unterstützung durch die Steuerberatung, trugen zur desaströsen Situation bei. Auch die Banken beteiligten sich, indem sie mit einer großen Leichtigkeit und ohne Zweckbindung Gelder freigaben. Über die Jahre hinweg wurden Kredite für Investitionen im privaten und betrieblichen Bereich gewährt, die nicht bzw. nicht in diesem Umfang in der Planung vorgesehen waren. So wurde die Finanzsubstanz vorgesehen zur Stärkung der Betriebsmittel kontinuier- Seite 3

4 lich abgebaut. Schließlich fehlte das Geld, um in dringend notwendige Werbung und in die Fertigstellung der Ausstellung zu investieren. Der Tiefpunkt war erreicht. Selbst das Geld für den normalen Lebensunterhalt wurde knapp. Auf Wunsch der Familie diskutierte ich mit einem Wirtschaftsanwalt aus unserem Netzwerk das Thema Insolvenz. Beide waren wir der Meinung, lieber ein Ende mit Schrecken als andersherum. Wir diskutierten die Alternativen: sofortiger kompletter Rückzug aus allem, mit der Konsequenz nachhaltiger Schulden, oder Einleiten einer Insolvenz, mit allen negativen Auswirkungen für die weitere berufliche und private Zukunft. Meine Mandanten waren plötzlich nicht mehr ansprechbar. Sie flüchteten in einen bescheidenen Kurzurlaub. Vor allem die nervliche Belastung der Familie war zu diesem Zeitpunkt kaum noch zu überbieten. Dann entschieden wir uns doch für das Weitermachen. Gemeinsam planten wir die weiteren Schritte: Neuordnen der Versicherungen Neuordnen der Kredite Neuordnen der Betriebsplanung Neukundengewinnung Werbung und Ausstellung Neuordnung der Kalkulation Neuordnung der Betriebswirtschaftlichen Aus wertung (BWA), vor allem schneller und präziser Schnellere und öftere Bilanzerstellung Recherche zu Fördermitteln bei der Anstellung von Mitarbeitern Neuorganisation der Abläufe im Büro Erschließen kurzfristig neuer Liquidität Schaffen einer langfristigen Vertrauensbasis mit den Geldgebern Kontinuierliche Kontrolle von außen Wir haben es geschafft das Ruder herum zu reißen. Schon eineinhalb Wochen nach der dritten Runde hatte die Ehefrau von B. einen neuen, gut dotierten Job ganz in der Nähe. Damit konnte der permanente Liquiditätsengpass erheblich gemildert werden. Trotz vieler Hindernisse ist es uns zusammen mit einem Versicherer gelungen, vorherige Fehlentwicklungen zu korrigieren. Gespräche mit der Krankenkasse und dem Seite 4

5 Rentenversicherer führten zu weiteren Maßnahmen, die sich ebenfalls positiv auf die Liquidität auswirkten. Da sich die Beschäftigung eines weiteren Mitarbeiters mit Blick auf einen höheren Deckungsbeitrag lohnte, wurde nach öffentlichen Zuschüssen gesucht und diese Fördergelder bei der Einstellung eines Mitarbeiters genutzt. Die Steuerberatung wurde ebenfalls in das neue Konzept eingebunden. Die Zahlen sind jetzt qualitativ besser aufbereitet und schneller verfügbar. Mit den Geldgebern wurden vertrauensbildende Gespräche geführt. Mögliche und tatsächliche Risiken wurden angesprochen. Nunmehr ist der Kreditnehmer zumindest in einer Position, die ihn als aktiven Part im Rahmen des Kreditengagements sieht. Als Ergebnis permanenter Diskussion wurde die Neukundenakquisition angeschoben. Über Kontakte zum Handwerk wird das Netzwerk kontinuierlich aufgebaut. Mit Flyern und Ansprache bestimmter, vorab definierter Zielgruppen, wird versucht, den Bekanntheitsgrad zu erhöhen. In Wochenendarbeit wurde die Ausstellung ausgebaut und zwischenzeitlich fertig gestellt. Die offizielle Eröffnung wurde im Oktober 2009 begangen. Ich begleite das Unternehmen seit Mitte 2008 als externer Berater. Für den Augenblick sieht es so aus, dass wir das Schlimmste überstanden haben. Der Weg dahin war schwierig und hat den Einsatz aller Beteiligten gefordert. Als externer Berater konnte ich Rat und Hilfestellung geben, die Umsetzung notwendiger Maßnahmen lag jedoch in den Händen meiner Mandanten. Diese haben im Zuge des Beratungsprozesses nicht nur an Erfahrung gewonnen, sondern auch zu einem aktiven Handeln und Gestalten zurückgefunden. Wolfgang Glate Seite 5

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