Norbert Leser als Meister der ars combinatoria. von Wolfgang Mantl, Graz-Wien

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1 1 ABTEILUNG FÜR POLITIKWISSENSCHAFT im INSTITUT FÜR ÖSTERREICHISCHES, EUROPÄISCHES UND VERGLEICHENDES ÖFFENTLICHES RECHT, POLITIKWISSENSCHAFT UND VERWALTUNGSLEHRE AN DER UNIVERSITÄT GRAZ Der Humanist Niccolò da Uzzano (Donatello, Florenz, um 1430) em.o.univ.prof. Dr. Dr.h.c. Wolfgang MANTL Wirkl. Mitglied der Österr. Akademie der Wissenschaften Gastprofessor in Freiburg/Fribourg, Leiden und Lemberg/L viv Graz, am 16. Mai 2011 Norbert Leser als Meister der ars combinatoria von Wolfgang Mantl, Graz-Wien (Industriellenvereinigung, Wien III, Schwarzenbergplatz 4, Dienstag, 17. Mai 2011, Uhr) I. Dreißig Jahre Weiße Reihe Vor nunmehr dreißig Jahren ging der erste Band unserer Studien zu Politik und Verwaltung im Böhlau-Verlag, die sogenannte Weiße Reihe, nach einem Vorbereitungsjahr in Druck. Bis jetzt sind annähernd 100 Bände erschienen. Das heute zu präsentierende Buch überschreitet diese Marke bereits (Bd. 101). In fruchtbaren, manchmal auch kontroversiellen Dialogen wurde das Programm von den Mitherausgebern Christian BRÜNNER, Manfried WELAN und mir in Absprache mit Peter RAUCH zusammengestellt und verwirklicht. Es wäre dies alles nicht möglich gewesen ohne die Bereitschaft eines der renommiertesten Wissenschaftsverlage des deutschen Sprachraums, des Böhlau-Verlags! Neben Peter RAUCH waren es Frau Dr. Eva REINHOLD-WEISZ und beim vorliegenden Band Frau Dr. Ursula HUBER, ohne deren sachkundige Arbeit wir nicht ans Ziel gelangt wären. Ihnen allen sei herzlich gedankt! Beim Buch Norbert LESERs gilt es auch Wilhelm M. JOHNSTON, nunmehr in Melbourne wirkend, für sein Vorwort zu danken.

2 2 II. Vielseitigkeit und Originalität Eine 45-jährige Bekanntschaft, die bald zur Freundschaft wurde, verbindet mich mit Norbert LESER, vor dem ich zuerst als junger Assistent an der Welthandel durchaus so etwas wie Angst empfand. Da war er noch der Chefideologe der SPÖ. Zum 40. Geburtstag im Jahre 1973 schenkte ich LESER Die Erzählungen von Heimito von DODERER. Wahrhaft ein Buch, an dem sich Skurrilität in vielerlei Form feststellen und erklären lässt. Da gibt es Kurz- und Kürzestgeschichten mit den schon so außergewöhnlichen Titeln Feldbegräbnis einer Liebe, Bischof toll geworden, Eine Person von Porzellan (hier geht es um eine veritable Kannibalin) und schließlich Tanz im Café Kratzki oder Die Fülle der Halbstarken. Die älteren Bedeutungen des Ausdrucks skurril werden im vorliegenden Band von JOHNSTON und LESER erklärt. Wichtig ist die heutige Begriffskette mit letztlich positiver Konnotation im deutschen Sprachgebrauch: bizarr, exzentrisch, ambivalent, kauzig, eigenwillig, außergewöhnlich. Norbert LESER ist ein Mensch, dem die Stadtschaft wichtiger ist als die Landschaft. Obwohl er sich im Portrait seiner großen Förderin Hertha FIRNBERG einen pannonischen Menschen (S. 192) nennt, der seine burgenländische Heimat nie vergessen hat, sind doch Städte die Orte seiner universitären Karriere: Graz, Salzburg und Wien. Vor allem Wien ist für ihn als Mikrokosmos eine unvergleichliche Stadt, die ihre Manifestation im Kaffeehaus, im Heurigen und im Wiener Lied hat. Norbert LESER ist glaubwürdig, geradezu höchstpersönlich in dem Lied Herr Doktor, erinnern Sie sich noch ans Zwölferjahr? vertreten, das auch ein Lieblingslied Bruno KREISKYs gewesen sein soll. Gott wird volkstümlich als Herrgott und Himmelvater in einer durch alle Säkularisierungen hindurch fortwirkenden Volksfrömmigkeit gegenwärtig. Das Wiener Lied hat LESER vor allem bei Hans SCHMID in der Schulgasse hinter der Volksoper immer wieder gehört, in jüngerer Vergangenheit sang Norbert LESER selbst auch Heurigenlieder.

3 3 Viele Assoziationen, die mit unserem Thema zusammenhängen, werden durch das von Paul HÖRBIGER interpretierte Lied Der narrische Kastanienbaum lebendig: ein Baum, der läßt seit langem die Blätter traurig hangen. Doch plötzlich ist er aufgewacht und Kerzen standen über Nacht. Du narrischer Kastanienbaum, du blühst erst im August. Herbst und Frühling in einem botanischen Bild zusammenschießend, das eben skurril ist. III. Skurrile Begegnungen Norbert LESERs Nonkonformismus öffnet die Fenster von Zeit und Welt. Günther NENNING sagte einmal, LESER vor Augen, aphoristisch zugespitzt: Die SPÖ hat nicht den Historiker, den sie verdient, sondern einen besseren. (S. 237) Norbert LESER ist ein frühgereifter Autor, der sehr bald die Kunst der essayistischen Biographie entwickelte, eine Kraft der Erinnerung und Vergegenwärtigung. Er entfaltet Sympathie, aber auch Kritik und spiegelt Vieles im eigenen Erleben als Inspirationsquelle. So ist er oft in seinen Studien ein Grenzgänger voller Ambivalenzen. Der Ausdruck findet sich erstmals bei Eugen BLEULER: Ambivalenzen. Zürich 2010; Sigmund FREUD stand mit diesem Schweizer Psychiater in Kontakt. Die biographische Form gibt LESER nicht nur Gelegenheit, in der Zwiesprache mit der Geschichte Gegenwärtiges klar herauszuarbeiten, sondern auch Selbstdeutungen zu entwickeln, eigene Züge zu zeichnen. Ein wichtiges Erkenntnisobjekt für Norbert LESER ist Norbert LESER selbst. Die Bildnisse werden zu Doppelbildnissen, die Begegnung wird zur Selbstbegegnung. In dem vorliegenden Band mit dem bezeichnenden Untertitel Mosaike zur österreichischen Geistesgeschichte werden 29 Portraits vorgestellt, nicht nur Österreicher. Alle sind tot bis auf Otto von HABSBURG. Wie JOHNSTON im Vorwort schreibt, entfaltet LESER eine sonst unvorstellbare Kombination von Formen und Visionen (S. 8). Das Buch enthält zwei Photos, Norbert LESER mit Bruno KREISKY und ein zweites: Norbert LESER mit Kardinal KÖNIG. In der Tat: Sigmund FREUD, Bruno KREISKY und Kardinal KÖNIG, die das intellektuelle Klima in der Zweiten Republik prägenden Personen, sind gleichsam

4 4 Hologramme hinter diesem Buch, in dem LESER selbst als großer, durchaus skurriler Protagonist figuriert. Viele der Portraitierten sind selbst nicht skurril, aber in ihrer Begegnung mit LESER ergeben sich Skurrilitäten. Stets ist LESER um Augenhöhe bemüht; so etwa in einem einstündigen Gespräch in den 70er Jahren mit Prof. Joseph RATZINGER bei einer Jause in Bad Hofgastein im Hause des dortigen Pfarrers. Sicher skurril, in ihrer Person selbst skurril, waren DODERER, den LESER als einen Bruder im Geiste (S. 36) bezeichnet, aber auch Friedrich HEER und ganz besonders der Psychiater Erwin STRANSKY, der ein jüdischer Deutschnationaler bis zum Ende seines Lebens im Jahre 1962 blieb. Thomas BERNHARD, ja die Dichter überhaupt, haben ihre skurrilen Züge gehabt. Aber auch Helmut ZILK mit seiner medienbeherrschenden Sprache war außergewöhnlich. Forscherpersönlichkeiten wie Hans KELSEN waren nicht selbst skurril, sondern nüchtern und diszipliniert schöpferisch, so auch Alfred VERDROSS- DROSSBERG. Der von Norbert LESER nur knapp behandelte Zivilrechtler Karl WOLFF hatte jedoch Skurriles an sich, wie man bei jeder Prüfung erleben konnte: überspitzte und überraschend verknappte Formulierungen, Verzicht auf Fremdwörter und völlig von der herrschenden Lehre abweichende Theorien. Wahrhaft skurril war Adolf Julius MERKL. Norbert LESER bringt sehr viele Beispiele. Ich selbst hörte einmal MERKL in der Vorlesung empört aufschreien, dass er, der große Antialkoholiker, der sein Haus bizarrer Weise neben dem Heurigen Mayer am Pfarrplatz in Heiligenstadt hatte, einen Betrunkenen vor seinem Haus liegen gesehen habe. Er umriss diese Situation staatstheoretisch präzis: Der Souverän in der Gosse! Der Citoyen des Art. 1 B-VG, Träger des demokratischen Prinzips, umgefallen, zu keiner Partizipation mehr fähig. Norbert LESER griff stets weit aus, so besuchte er einmal den Graphologen MUCKENSCHNABEL in seinem Büro in Hietzing, der ihm bezüglich seiner, LESERs Handschrift, erklärte, dass sie, wenn man wie gewöhnlich nach Ähnlichkeiten sortiert, ganz allein unter tausenden Handschriften übrig bleiben würde (S. 25).

5 5 Ich darf mich nicht in Beispielen verlieren, nicht über Reue und Krankheiten berichten, die von Norbert LESER freimütig skizziert werden: Man muss das Buch einfach lesen! Norbert LESER ist etwas unbestreitbar Eigenwilliges. IV. Professor ac Confessor Norbert LESER ist ein Sohn des humanistischen Gymnasiums und der Humboldt`schen Universität. Ein echter Ordinarius! Er ist besitzt das, was die Griechen Лoλυμαϑία, vielseitige Bildung, nannten. Er ist ein Grenzgänger und Brückenbauer, hat einen Stich ins Schwarz-Gelbe (S. 196). Er ist nicht nur gläubig, sondern auch abergläubisch, wie er im Beitrag über Helmut ZILK bekennt (S. 211). Der Meinl spielte in seinem Leben zur Nahversorgung eine größere Rolle als der Konsum. Er war sich jedoch nicht zu gut, in kleinen und kleinsten Kreisen zu sprechen, anders als manche Großmogule der Wissenschaft. Er schätzte Bildung und Volksbildung, beteiligte sich in seiner Studentenzeit auch an Demonstrationen und Petitionen. Die ars combinatoria, von mir weit verstanden, die ich an LESER bewundere, ist für ihn kein mechanisches Kombinieren von Begriffen mithilfe von Rechenmaschinen und Computern, wie es in der Tradition seit Raimundus LULLUS über Gottfried Wilhelm LEIBNIZ, der seine Schrift De arte combinatoria 1666 als 20-Jähriger (!) verfasste, bis zum ungarischen Mathematiker George PÓLYA der Fall ist. Bei LESER sind oft freies Assoziieren und auch eine intuitive Heuristik Ausgangspunkte, die aber jeweils ihre eigene Rationalität haben und sich in Gleichnissen bildhaft niederschlagen. Die Objektivität wird bisweilen relativiert, aber nicht völlig subjektiv und emotiv gebrochen wie in der Kunst. Norbert LESER lehnt den reduktionistischen Rückzug auf monokausale Erklärungen und auf die behauptete Königsrolle bloß einer Wissenschaftsdisziplin ab. LESERs Kulturbegriff hat keine heroischen Trompetenstöße. Wie in der schottischen Moralphilosophie des 18. Jahrhunderts liegt auch bei ihm der Common Sense in der Sprache inkrustiert. Wie wichtig ist ihm doch die Sprache! LESER will bei aller Anschaulichkeit nicht naiv holistisch vorgehen. Er sucht mit seiner Schreibmaschine nach dem archimedischen Punkt von Wissenschaft, Politik, Kunst und Religion.

6 6 Norbert LESER begann als Jurist, wurde Staatsphilosoph, Politologe, Philosoph und versteht sich auch als Historiker. Es trifft nicht mehr auf ihn zu, was ich in einer Rezension zu seinen Grenzgängern 1982 schrieb: Links stehen und rechts denken. Er ist darüber hinausgewachsen. Seine grundsätzliche Option ist gekennzeichnet durch einen strikten Antitotalitarismus, der den Nationalsozialismus und den Kommunismus verwirft. LESER ist ein österreichisches Kriegs- und Nachkriegskind. Methodologisch kann man seine von mir als ars combinatoria bezeichnete Vielseitigkeit als Inter- und Transdisziplinarität verstehen. LESER entwickelte in den Sechzigerjahren große analytische Theorien, die bisher wissenschaftlich nicht falsifiziert wurden: Die exzellente Interpretation des Austromarxismus in seiner Habilitationsschrift Zwischen Reformismus und Bolschewismus. Der Austromarxismus als Theorie und Praxis ist unvergessen. Seine Kritik am Schwanken zwischen reformistischer Praxis und revolutionärer Rhetorik der österreichischen Sozialdemokratie, die zum Untergang führte, traf die Traditionalisten seiner SPÖ schwer. Bis heute wird seine heftig angegriffene Theorie der geteilten Schuld zwischen Schwarz und Rot am Untergang der Ersten Republik (freilich mit einem Mehr an Schuld auf der schwarzen Seite) heftig diskutiert. LESERs frühes Eintreten für das Mehrheitswahlrecht hält er als dynamisches Postulat gegen großkoalitionäre Immobilität gerade in der Gegenwart aufrecht. Mit wachsender Schärfe wandte er sich gegen Korruption, Privilegienwirtschaft, Verfilzung, Karrierismus, Ämterkumulierung, Pfründewesen, Postenschacher sowie Inzucht und Zynismus der Funktionäre, gegen engstirnige Parteipolitik, Konformismus der Massenparteien, Geldgier und Hedonismus, gegen Machtmissbrauch, aber auch gegen reinen Pragmatismus und ethischen Materialismus. Sein Monitum ist so hart, dass man manchmal geneigt ist, ihm ein Wort Richard von SCHAUKALs aus dem Jahre 1907 entgegenzuhalten: Das Vorhandensein unwürdiger Repräsentanten erweist die Lebensfähigkeit einer Organisation. LESERs Kritik wirbelt die starre Choreographie etablierter Macht durcheinander. Er begnügt sich keineswegs mit der österreichischen Selbstbeschwichtigung in ihrer wolkigen Ambivalenz: Guat schau ma aus, fesch san ma beinand!

7 7 Keineswegs skurril, sondern voll existentiellen Ernstes ist jedoch sein theologisches Ringen, in der Tradition von PLATON, PAULUS, AUGUSTINUS, CUSANUS, ERASMUS, MORUS, ja auch LUTHER unter Einbeziehung der Jansenisten und im 20. Jahrhundert der Theologie von Karl BARTH. Er stellt sich explizit in die idealistische Kette der philosophia perennis. Der himmelwärts weisende Wein ist für Norbert LESER wichtiger als das erdenschwere Essen. Weltlich und theologisch ist der Wein gerade auch für ihn materia valida. Ob gelegen oder ungelegen, geht es LESER um (Auf-)Klärung des moralischen und politischen Bewusstseins dieses Landes. Er ist ein Moralist! Ich fasse zusammen: Wie Friedrich HEER und Günter NENNING, aber auch noch andere, hat Norbert LESER geistige Zugluft in die warme Stube der österreichischen Bequemlichkeit gebracht. Er verhindert, dass Österreich zu einem Schrebergarten der Geistlosigkeit verkommt, in dem Zwerge höchstens deswegen radikale Züge haben, weil sie die rote phrygische Mütze tragen. Norbert LESER hat tiefe und starke europäische Wurzeln und ist im ursprünglichen Sinn des Wortes in fide et ratione Professor ac Confessor in und für Österreich!

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