21 Zielfindung und Zielklärung ein Leitfaden

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1 21 Zielfindung und Zielklärung ein Leitfaden QS ISSN Materialien zur Qualitätssicherung in der Kinderund Jugendhilfe

2 Impressum Mit der Broschürenreihe Qs veröffentlicht das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Fachinformationen für die Jugendhilfe. Sie wird im Rahmen der Anregungskompetenz des Bundes gemäß 83 KJHG als Teil der Bundesinitiative Qualitätssicherung in der Kinder- und Jugendhilfe kostenlos herausgegeben und ist nicht für den Verkauf bestimmt. Die inhaltliche Verantwortung für namentlich gekennzeichnete Artikel liegt bei den Autorinnen/Autoren. Herausgeber: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Rochusstraße Bonn Schriftleitung: Wennemar Scherrer Am Kämpken Münster-Albachten Satz/Design: 4D Design-Agentur GmbH Bergisch Gladbach Druck: Vereinigte Verlagsanstalten GmbH Düsseldorf März 1999 Das Christliche Jugenddorfwerk Internationales Jugendforum und Gästehaus in Bonn hat zum Thema Zielfindung und Zielklärung zwei getrennt arbeitende Gruppen gebildet, bestehend aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und von freien Trägern, die aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes Zuwendungen erhalten. Ihre Aufgabe war es, Grundfragen und Methoden der Zielfindung zu besprechen. Die erste Arbeitsgruppe wurde moderiert von Herrn Dr. Wolfgang Beywl, Geschäftsführer der Arbeitsstelle für Evaluation der Universität zu Köln, und von Frau Ellen Schepp-Winter, freie Mitarbeiterin von wdöff training & beratung, Bonn. Herr Dr. Beywl und Frau Schepp-Winter haben diesen Leitfaden zur Zielfindung und Zielklärung erarbeitet. Wegen weiterer Information wenden Sie sich bitte an: Arbeitsstelle für Evaluation Universität zu Köln wdöff training und beratung Erziehungswissenschaftliche Fakultät Estermannstraße 204 Gronewaldstraße Bonn Tel.: Tel.: Fax: Fax: Alle Rechte vorbehalten. Auch die fotomechanische Vervielfältigung des Werkes (Fotokopie/Mikrofilm) oder von Teilen daraus bedarf der vorherigen Zustimmung des Herausgebers. ISSN Gedruckt auf chlorfrei wiederaufbereitetem 100 % Recycling-Papier.

3 Zielfindung und Zielklärung ein Leitfaden Dr. Wolfgang Beywl Ellen Schepp-Winter Die Erarbeitung dieses Textes wurde ermöglicht durch die engagierte Mitarbeit einer Beratergruppe, der folgende Personen angehörten: Heide Adam-Blaneck Peter Hoffstadt Wennemar Scherrer Helge-Jens Schneider Antje Sember Petra Troppa Peter Wünsch Bundesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte e.v. Jugendhaus Düsseldorf e.v. Qs-Initiative BMFSFJ BMFSFJ BMFSFJ Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in der Bundesrepublik Deutschland e.v. QS Materialien zur Qualitätssicherung in der Kinderund Jugendhilfe 3

4 Inhalt Seite Vorwort 1 Für wen dieser Leitfaden geschrieben ist was er bezweckt und wie er entstanden ist 2 Was ist ein Ziel? 2.1 Minigrammatik des Zieleformulierens 2.2 Kriterien für eine gute Zielformulierung 2.3 Übungungen Kriterien für eine gute Zielformulierung Noch mehr Übung... 3 Welchen Nutzen hat es, sich Ziele zu setzen? 3.1. Was sollen gute Zielformulierungen bewirken? 3.2 Was verändert die Arbeit mit Zielen für Einzelne und für ein Projektteam? 4 Das dreigegliederte Zielsystem 4.1 Leitziele Welche Funktion haben Leitziele? Wo finde ich Quellen für Leitziele? Klärungsfragen und Checkliste zu Leitzielen 4.2 Mittlerziele Welche Funktion haben Mittlerziele? Was sollen sie leisten? Wie entstehen und wer formuliert Mittlerziele? Wo und wie werden sie kommuniziert? Klärungsfragen und Checkliste zu Mittlerzielen 4.3 Handlungsziele Funktionen von Handlungszielen Wie finde und konkretisiere ich Handlungsziele? Klärungsfragen und Checkliste zu Handlungzielen 5 Was wir noch zu sagen hätten..., bevor Sie mit Zielfindung in der Praxis starten Anhang A1 Ausblick auf das logische Modell integrierter Zielverfolgung und Evaluation A2 Beispiele für verschiedene Zielgegenstände A3 Begriffe A3.1 Begriffe, mit denen wir arbeiten A3.2 Begriffe aus dem Umfeld der Arbeit mit Zielen A3.3 Begriffe aus dem Qualitätsmanagement/der Qualitätsentwicklung 4

5 Vorwort QS 21 Liebe Leserin, lieber Leser, Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein., soll Philip Rosenthal einmal gesagt haben. Das könnte auch das Motto der Initiative Qualitätssicherung in der Kinder- und Jugendhilfe sein. Die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland in ihrer Vielfalt der Träger, Methoden und Strukturen trägt eine große Verantwortung. Dabei muss sie berücksichtigen, dass die jungen Menschen heute anders sind als ihre Vorgängergeneration vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren. Zugleich haben sich die Rahmenbedingungen für die Träger der Jugendhilfe geändert. Die Grenzen des Wachstums sind auf allen Ebenen und in allen Bereichen erreicht. Quantität muss durch eine neue Qualität ersetzt werden. Diese neue Qualität kann nur mit einem effizienten Einsatz der personellen und finanziellen Ressourcen erreicht werden. Für die Beantwortung der Frage Welche Wirkungen wollen wir mit unserem Ressourceneinsatz erzielen? müssen bereits im Vorfeld klare Entscheidungen über die Zielgruppe, die Ziele und Ergebnisse, die wir erreichen wollen, getroffen werden. Wir alle wissen, dass es in einem komplexen Umfeld nicht immer einfach ist, Ziele deutlich herauszuarbeiten. Ich bin Herrn Dr. Beywl und Frau Schepp-Winter daher sehr dankbar, uns diesen Leitfaden zur Zielfindung und Zielklärung an die Hand zu geben. Er wird zu mehr Klarheit in der Debatte der Qualitätssicherung führen. Er kann aber auch einen wichtigen Beitrag leisten für eine neue, verbesserte jugendpolitische Zusammenarbeit zwischen dem Bundesministerium und seinen Partnern, welche die Basis für eine an den Bedürfnissen junger Menschen orientierte Politik ist. In diesem Sinne hoffe und wünsche ich, dass der vorliegende Leitfaden hierfür eine wichtige Hilfestellung bietet. Dr. Christine Bergmann Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 5

6 1 Für wen dieser Leitfaden geschrieben ist was er bezweckt und wie er entstanden ist Dieser Leitfaden richtet sich vorrangig an all jene, die verantwortlich an Projekten und Maßnahmen im Rahmen des Kinder- und Jugendplans des Bundes (KJP) beteiligt sind. Das sind insbesondere Mitarbeiter/-innen in Zentralstellen, die im Auftrag des Ministeriums Projektanträge bearbeiten und im Rahmen der ihnen zugewiesenen Kompetenzen bewilligen; haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter/-innen in KJP-geförderten Programmen, Projekten und Maßnahmen; aber auch Mitarbeiter/-innen im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Projektanträge bearbeiten und bewilligen. Darüber hinaus sind Fachkräfte angesprochen, die auf Bundesebene, auf Landes- oder Kommunalebene pädagogische und soziale Programme, Projekte und Maßnahmen entwickeln, bewilligen, umsetzen oder evaluieren. Der Leitfaden soll Hilfen geben, um für Programme, Projekte und Maßnahmen klare und kommunizierbare Ziele zu finden und zu formulieren. Zielformulierungen sind Voraussetzung für eine Überprüfung der Zweckerreichung und für die systematische Evaluation von Programmen, Projekten und Maßnahmen. Dieser Text ersetzt in keiner Weise offizielle Richtlinien, wie sie sich in Gesetzen, Verordnungen oder Förderbestimmungen finden. Er soll der inhaltlichen Qualifizierung der Arbeit dienen und muss durch die ihn nutzenden Verantwortlichen jeweils an die öffentlichen (oder verbandlichen) Regelungen angepasst werden. Auch beschränkt sich diese Arbeitshilfe auf das Thema Finden und Klären von Zielen durch die jeweiligen Zielverantwortlichen. Im nächsten Schritt sind Programm-, Projekt- oder Maßnahmenziele zwischen Zuwendungsnehmer und Zuwendungsgeber, zentralen und dezentralen Organisationseinheiten usw. zu verhandeln und zu vereinbaren. Eine solche Arbeitshilfe könnte entwickelt werden, sobald Erfahrungen mit diesem Leitfaden vorliegen. 6 Die Arbeit mit Zielformulierungen ist ein grundlegender Baustein für die Qualitätsentwicklung, eine Querschnittaufgabe, die in den letzten Jahren in pädagogischen und sozialen Arbeitsfeldern an Bedeutung gewonnen

7 hat. 1 In der einschlägigen Literatur, etwa zum Sozialmanagement, zur Konzeptentwicklung oder zu sozialpädagogischen Methoden, finden sich im Vergleich zur wachsenden Bedeutung des Themas kaum praktische Anleitungen zur Zielfindung und Zielformulierung. Oft wird stillschweigend davon ausgegangen, dass Ziele in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe so offensichtlich gegeben sind, dass sie nicht eigens verschriftlicht werden müssen: Geht es doch um optimale Förderung der Entwicklung junger Menschen, Dialog der Generationen, soziale Integration und Ausgleich von Benachteiligungen. Fragt man genauer nach, so ist oft nicht klar, was genau mit solchen oder ähnlichen Formulierungen gemeint ist. Ziele anschaulich, präzise, klar und damit für Verständigung nutzbar zu machen, dazu soll dieser Leitfaden Hilfestellungen geben. In unserer fachlichen Kultur war es lange Jahre unüblich, Ziele für pädagogische Programme so zu formulieren, dass das gewünschte Resultat, zum Beispiel ein bestimmtes Handeln von Jugendlichen, klar definiert wurde. Skepsis gegenüber Machbarkeit im pädagogischen Arbeitsfeld oder auch Bedenken gegenüber Vor-Gaben führten zu dieser Zurückhaltung. Manche verbinden mit ausformulierten spezifischen Zielen Manipulation des Individuums. Soll nicht jede und jeder frei entscheiden können, auch und gerade Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene? Solche ethischen Diskussionen sind wichtig, und es ist aus unserer Sicht wünschenswert, sie zu führen. Pädagogen und Pädagoginnen sollten sich bevorzugt auf Ziele verpflichten, welche die freie bewusste Entscheidung der Zielgruppen zur Voraussetzung haben. Klare Ziele sind nicht von vornherein auch gute Ziele dies gilt es im Dialog zwischen den Verantwortlichen und Beteiligten in der Kinder- und Jugendhilfe zu beachten. Dafür zeichnet dieser Leitfaden nicht mehr, aber auch nicht weniger als die ersten Schritte vor. In Leitbildern von Organisationen oder in Konzepten für Projekte und Programme finden wir oft statt Ziele ausschließlich Handlungsprinzipien, Werte, Traditionen oder Utopien beschrieben. Auch diese sind unverzichtbar. Oder der geplante Ablauf einer Maßnahme wird beschrieben, die Merkmale der teilnehmenden Jugendlichen, die eingesetzten Methoden u.a. Nicht selten findet man in den Beschreibungen fast ausschließlich Aussagen zum WIE, kaum solche zum WOZU. Auch die neuen Steuerungsmodelle in der Kinder- und Jugendhilfe konzentrieren sich auf das WIE: Produkte werden beschrieben und man spricht von Outputorientierung, das heißt, in welchem Umfang (Stunden, Fallzahlen,...) bestimmte Produkte zur Verfügung gestellt werden und welche Kosten das verursacht. Mit der Gegenüberstellung von Dienstleistung und damit verbundenen Kosten kann man nachweisen, wie effizient eine Leistung erbracht wurde. Es ist 1 Vgl. zum Beispiel 78a im Kinder- und Jugendhilfegesetz, die eine Qualitätsentwicklungsvereinbarung zur Voraussetzung für einen Rechtsanspruch auf öffentliche Finanzierung von Jugendhilfeleistungen machen. 7

8 aber damit nicht beantwortet, ob es die richtige Leistung war, oder ob, was für die richtige Leistung gehalten wurde, den zuvor bestimmten Zweck erfüllte. Es geht hier um den Unterschied zwischen doing things right und doing the right things. Auch wenn in pädagogischer Praxis oft strittig ist und sein muss, was jeweils the right things sind, ist doch erstrebenswert, dass Fachleute und Beteiligte nachvollziehen können, was angestrebt war, und damit eine Grundlage haben, um später zu beurteilen, wieweit diese Ziele erreicht wurden. Die Tendenz, dass Kostengesichtspunkte zum vorherrschenden Orientierungspunkt für Jugendhilfeleistungen werden, wird durch die aktive, vorausschauende Perspektive auf Ziele gemindert und korrigiert. Dies ist sicher auch ausschlaggebend dafür, dass der Ansatz der Zielführung in der Kinderund Jugendhilfe heute an Attraktivität gewonnen hat. Der Leitfaden ist an bestehender Förderpraxis entlang geschrieben. Er soll nicht nur in einer idealen Welt, sondern unter den gegebenen Bedingungen der Kinder- und Jugendhilfe anwendbar sein. Wir hatten die Chance, unsere Vorschläge in einer Gruppe vorzustellen, zu diskutieren und weiterzuentwickeln, die sich aus Vertretern von Zuwendungsnehmern und Zuwendungsgebern aus dem Bereich des KJP zusammensetzte. 2 Diese Gruppe kam zusammen auf Initiative und durch den persönlichen Einsatz von Herrn Wennemar Scherrer, der lange Jahre Grundsatzreferent für den Kinder- und Jugendplan des Bundes war und dessen Hintergrundwissen für unser Verständnis der komplexen Förderpraxis grundlegend ist. In dieser Beratungsgruppe haben wir viele detaillierte Informationen über die gegenwärtige Förderpraxis bekommen und auch mehr Klarheit darüber, welche Kompetenzen und Interessen die verschiedenen Beteiligten in diese Arbeit einbringen. Die Praxisexperten und -expertinnen aus der Beratungsgruppe haben durch diese Zusammenarbeit ihren kritischen Blick für Zielfragen geschärft. In der Gruppe gab es eine schnelle Verständigung über Zweck und Praktikabilität der Arbeit mit Zielformulierungen: Transparenz und Klarheit schaffen, Effektivität und Effizienz sichern, Evaluation ermöglichen. Es gab immer wieder intensive Diskussionen über Fallstricke und Schwierigkeiten: Wie berücksichtigt man, dass das Wissen über eine Zielgruppe bei der Projektplanung immer begrenzt und hypothetisch ist? Wie, dass Freiräume für Projektmitarbeiter/-innen groß genug bleiben, damit diese spontan handeln und Ziele vor Ort verändern können? Wie kann man klar machen, dass es nicht einfach um Ziel erreicht oder Ziel nicht erreicht geht? Und nicht zuletzt: Was kann man tun, dass Arbeit mit Zielen im Dienst der Kinder- und Jugendhilfe und schließlich der Kinder und Jugendlichen steht und nicht zu zusätzlichen administrativen Regelungen führt? Lässt sich vielleicht sogar umgekehrt durch klar ausgewiesene Ziele Verwaltungsaufwand vermindern? 2 siehe S. 3 8

9 Die Nutzung dieses Leitfadens wird zeigen, ob wir einen Leitfaden geschrieben haben, der den Anregungen der Praxisexperten gerecht wird. Für die offene und engagierte Diskussion wie für die Hilfen, die wir bekommen haben, möchten wir allen Beteiligten herzlich danken. Wir würden uns freuen, wenn Leser und Leserinnen uns ihre Erfahrungen mit dem Leitfaden rückmelden! Leitprinzipien und Grundannahmen des Autors und der Autorin Ziele setzen, heißt die Voraussetzung für reflektiertes praktisches Handeln zu schaffen. Mit Zielen arbeiten, heißt die eigene Praxis professionalisieren. Wenn diese Ziele mit den daraus resultierenden Erfahrungen anderen verfügbar gemacht werden, kann fachliche Praxis systematisch weiterentwickelt werden. Die Entwicklung einer solchen Kultur der Praxisreflexion individuell wie im Austausch mit anderen ist ein langfristiger, kontinuierlicher Prozess. Wichtige Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich selbst und andere als Lernende zu sehen, und das bedeutet auch, sich Irrtümer zuzugestehen. Wir gehen davon aus, dass pädagogische Arbeit hochkomplex ist und nicht in einfachen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen erfasst werden kann. In pädagogische Arbeit fließt eine Vielzahl von Faktoren ein und pädagogisches Handeln gründet auf Annahmen, die oft schwer, manchmal gar nicht, überprüfbar sind. Für die Arbeit mit Zielen folgt daraus, dass es ständige Ziel-Feedback-Kreisläufe geben muss, und Korrekturen selbstverständlicher Teil dieser Lernschleifen sind. Auch aus dem politischen, ökonomischen und sozialen Umfeld können nicht vorhersehbare Ereignisse die Zielerreichung beeinträchtigen oder verhindern und Zielkorrekturen notwendig machen. Methodische Hilfen zur Zielfindung und Zielklärung entheben nicht von der Notwendigkeit, Wertentscheidungen zu treffen und in diesem Rahmen Prioritäten zu setzen. 9

10 Hinweise für eilige Leser und Leserinnen Wenn Sie sich einen schnellen Überblick verschaffen wollen, lesen Sie den Kernbereich des Heftes: Kapitel 4 auf den Seiten 42 bis 72. Die ersten Kapitel 1 bis 3 geben eine allgemeine Einführung in die Arbeit mit Zielformulierungen und beinhalten Übungen, um die zielorientierte Denkweise anschaulich zu machen. Und nun viel Spaß!... die Beispiele dieses Textes... In diesem Text finden Sie viele Beispiele für Zielformulierungen. Einige davon stammen aus der eigenen Praxis, andere aus der von Mitgliedern der Beratungsgruppe, wieder andere sind aus Quellen wie Literatur oder Trainings entwickelt, mit denen wir uns auseinandergesetzt haben. Je nachdem, aus welchem Arbeitsfeld Sie kommen, werden Ihnen die Beispiele eher gängig oder auch ungewöhnlich vorkommen. Vielleicht werden Sie auch mit Werten, die Sie hinter einzelnen Zielformulierungen sehen, nicht einverstanden sein,... Wir sind uns bewusst, dass jedes Ziel und dies gilt selbstverständlich auch für die in diesem Text genutzten Beispiele auf einem bestimmten Werthintergrund formuliert ist. Oft wird es der Werthintergrund des Autors/der Autorin sein, die diesen Text verfasst haben. Wenn Leserinnen und Leser dadurch ausgelöst für ein Arbeitsfeld ganz andere Ziele mit alternativen Werthintergründen formulieren, so liegt dies in der Intention dieses Leitfadens. Wir haben uns bemüht, formal stimmige und sprachlich verständliche Beispiele zu formulieren und streben dafür eine gewisse Allgemeinverbindlichkeit an, und nur dafür. Die inhaltliche Ausgestaltung wird immer von den Personen oder Gruppen abhängen, die jeweils ihre Ziele formulieren. 10

11 2 Was ist ein Ziel? Ein Ziel ist ein in der Zukunft liegender angestrebter Zustand. Ich 3 stelle mir vor, was zu einem be- Ziel erstrebter Zustand Selbstverpflichtung Zukunft gedankliche Vorwegnahme Werte stimmten Zeitpunkt in der Zukunft erreicht oder umgesetzt sein wird. Wenn ich dies ausspreche oder niederschreibe 4, formuliere ich eine Sollens-Aussage. Ich sage aus, was in der Zukunft sein soll. Zukunft Ziele sind somit gedankliche Vorwegnahmen von zukünftigen Endzuständen, die durch das Handeln von Einzelnen in Teams, in Gruppen, in Organisationen oder in der Gesellschaft erreicht werden sollen. Ziele... werden auf dem Hintergrund von Werten festgelegt, bezeichnen etwas Erstrebenswertes; enthalten die Selbstverpflichtung eines Einzelnen oder einer Personengruppe; sind eine Herausforderung für die formulierende Person und können damit Energie freisetzen und Durchhaltewillen aufrechterhalten. 3 In diesem Text wird davon ausgegangen, dass eine Person für sich Ziele formuliert. Wenn dieser Text im Alltag angewendet wird, werden vielleicht auch mehrere zusammen oder ein Team, ein Vorstand, ein Gremium Ziele formulieren. Wenn sich mehrere Personen auf ein Ziel einigen, ist das Ich durch ein Wir zu ersetzen. 4 Beim professionellen Umgang mit Zielen ist es wichtig, diese zu verschriftlichen. Deshalb wird im Folgenden davon ausgegangen, dass die Ziele in schriftlicher Form vorliegen. 11

12 Für eine Maßnahme im internationalen Jugendaustausch mit der Türkei könnte ein Ziel zum Beispiel heißen: Ich will/wir wollen erreichen: Die teilnehmenden deutschen Jugendlichen haben ihre bewusste Wahrnehmung von Unterschieden der türkischen Kultur gegenüber der deutschen erweitert und dadurch ihre Akzeptanz gegenüber fremden Kulturen erhöht. erstrebter Zustand Was in einem Ziel zum Ausdruck kommt, ist für die Person, die es formuliert, etwas Erstrebenswertes. Was soll in Zukunft anders sein? Wie soll etwas in Zukunft anders sein? Es geht um etwas, das man erreichen will, für das es sich lohnt, sich einzusetzen. Hierbei kann es sich sowohl um eine erwünschte Verbesserung handeln als auch um eine Vermeidung, oder um die Stabilisierung des jetzigen Zustandes wie auch um die Verlangsamung einer Verschlechterung. In der Regel ist es besser wir kommen später noch darauf zurück den erstrebten Zustand positiv zu beschreiben anstatt negativ lediglich festzuhalten, was nicht eintreten soll. Wann immer dies möglich ist, lohnt sich die Mühe, konkret zu benennen, worin die Verbesserung oder Stabilisierung genau bestehen soll, statt die Verhinderung eines Übels als Ziel anzugeben. Negative Zielformulierungen werden auch Vermeidungsziele genannt. positiv Für positive Zielformulierungen spricht ein einfaches psychologisches Phänomen: Wenn Sie sich gedanklich viel mit dem beschäftigen, was nicht geschehen soll, macht sich genau das, was Sie vermeiden wollen, in Ihrer Vorstellung breit. Und dadurch wiederum wird das Eintreten des unerwünschten Phänomens wahrscheinlicher. Deshalb ist es sinnvoll, die Aufmerksamkeit direkt auf das zu lenken, was Sie anstreben. 5 Die Hamburger Hooligans sollen sich nach dem nächsten Länderspiel keine Straßenschlacht liefern. Oder: Die Hamburger Hooligans sollen nach dem nächsten Heimspiel geplante und kontrollierte Gelegenheiten erhalten, ihre Emotionen zu zeigen und gewaltfrei auszuleben. Menschen, die sehr visuell sind, werden beim Lesen der ersten Formulierung buchstäblich sehen, wie sich Jugendliche prügeln. Das, was nicht eintreten soll, wird sich vor ihrem inneren Auge abspielen. Ein weiteres Argument für die positive Formulierung von Zielen ist, dass diese eine höhere Anziehungskraft haben, schöpferische Kräfte freisetzen und deshalb ungleich stärker motivieren, tätig zu werden. Die Kinder im Ein Eine kleine Übung zur Illustration: Denken Sie jetzt bitte auf gar keinen Fall daran, dass manche Bäume im Sommer grünes Laub tragen. Denken Sie nicht an das Grün der Laubbäume in den Straßen Ihrer Heimatstadt und auch nicht an das Grün der Laubbäume im nächsten Park. Woran haben Sie gedacht?

13 zugsgebiet der Überschwemmungskatastrophe sollen in den kommenden drei Monaten durchschnittlich mindestens Kalorien an Nahrungsmitteln zu sich nehmen weist bereits den Weg zur Zielerreichung und setzt eher Aktivität frei als: Die Kinder im Einzugsgebiet der Überschwemmungskatastrophe sollen in den kommenden drei Monaten nicht hungern. Die positive Formulierung: Die Maßnahme soll die Integration behinderter Mädchen in das soziale Leben erhöhen., lenkt die Aufmerksamkeit bereits in eine bestimmte Richtung (dahin, wo soziales Leben stattfindet, an dem die Mädchen künftig stärker beteiligt sein sollen). Im Gegensatz dazu betont die Negativformulierung: Die gesellschaftliche Isolation behinderter Mädchen soll durch die Maßnahme abgebaut werden., den Status quo. Das besondere Feld, auf dem die Selbstverpflichtung eingegangen wird, bleibt in der letzten Formulierung unklar; sie erschwert auch, dass diejenigen, die das Ziel erreichen wollen, sich (Teil-)Erfolgserlebnisse sichern. Der Computerkurs soll die Ängste der Mädchen vor diesem Medium abbauen. Oder: In dem Computerkurs sollen Mädchen Interesse für Computer und deren Nutzungsmöglichkeiten gewinnen. Statt sich auf die Ängste zu konzentrieren, wird die Aufmerksamkeit in der zweiten Formulierung direkt auf die motivierende Seite gelenkt: Interesse für Nutzungsmöglichkeiten von Computern soll entstanden sein. Fallen Ihnen sogenannte Vermeidungsziele aus Ihrer Berufspraxis ein? Ziele, die negativ formuliert sind, die bei positiver Beschreibung eine ganz andere Wirkung hätten? Ebenso wichtig wie die positive Beschreibung eines Ziels ist es, den angestrebten Zustand auf einen Zeitpunkt festzulegen. Bei manchen Zielen wie zum Beispiel beim oben genannten Computerkurs für Mädchen ist das einfach. Da ist klar: Das Ziel soll bis zum Ende des Kurses erreicht sein. Schwieriger wird es bei Zielen umfassender Maßnahmen, die über eine längere Dauer gelten. Zum Beispiel: Jugendliche in ländlichen Regionen sollen vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten für ihre Freizeit haben. Wenn eine solche Absichtserklärung in Handeln umgesetzt werden soll, braucht sie eine zeitliche Festlegung. Es muss ein Zeitpunkt benannt werden, zu dem überprüft werden kann, wie weit diese Absicht umgesetzt werden konnte. Vielleicht kennen Sie dieses Phänomen aus dem persönlichen Bereich. Wenn Sie nicht festlegen, bis wann Sie etwas erreicht oder umgesetzt haben, besteht die Gefahr, gar nicht erst tätig zu werden und die Umsetzung Ihrer Absicht immer weiter aufzuschieben. Die Zukunft ist schließlich lang. Ein Ziel stellt immer auch eine Herausforderung dar. Etwas, das man sowieso erreicht, das sowieso irgendwann eintreten wird, egal ob man sich darum bemüht oder nicht, ist kein Ziel. Man würde zum Beispiel nicht auf die Idee kommen, sich die regelmäßige Kontrolle des monatlichen Gehaltseingangs zum Ziel zu setzen. Das würde man vielleicht dann tun, wenn offensichtliche Unregelmäßigkeiten bekannt werden oder der Arbeitgeber in die Nähe eines Konkurses geriete. 13 Zeitbestimmung Herausforderung

14 Bezogen auf den Mädchen-Computerkurs als Beispiel, wäre Interesse für Computer und deren Nutzungsmöglichkeiten wecken in einem Aufbaukurs sicher kein herausforderndes Ziel mehr. Kennen Sie Situationen, in denen ganz gezielt noch einmal das schon Erreichte als Ziel formuliert wird? Welche Bedingungen kennzeichnen solche Situationen? Was müsste anders sein, um herausfordernd formulieren zu können? Wenn es heißt, bei Zielen handelt es sich um angestrebte oder erstrebenswerte Zustände, wird deutlich, dass in Ziele das einfließt, was diejenigen für besonders wichtig oder wertvoll halten, die die Ziele formulieren. Mit den Werten dieser Personen hängen Ziele eng zusammen. Im Beispiel des deutsch-türkischen Jugendaustauschs fließt der Wert ein, Akzeptanz von Menschen, die anders sind als ich oder wir. Werte Im Unterschied zu Werten, die meist langfristigen und dauerhaften Bestand haben, geht es beim Ziel um die konkrete Umsetzung dieser Werte zu einem bestimmten Zeitpunkt, unter bestimmten Bedingungen, und wenn es sich auf Personen bezieht, für eine bestimmte Gruppe von Menschen. Ziele machen es also möglich, dass wir unsere Werte umsetzen beziehungsweise leben. Es ist sicher schwierig, Ziele überhaupt zu finden, wenn man sich über seine grundlegenden Werte im Unklaren ist. Die Arbeit mit Zielen kann auch als Weg dienen, sich der eigenen Werte bewusster zu werden. Ich möchte eine Jugendaustauschmaßnahme durchführen, wie schon in den vergangenen zehn Jahren, mit deutschen Jugendlichen in die Türkei und zurück welche Ziele verfolge ich damit? Weshalb sind mir diese Ziele so wichtig? Was würde ich aufgeben, wenn ich diese Ziele nicht mehr verfolgen würde oder könnte? 6 Wert Im Wesentlichen lassen sich drei Gruppen von Definitionen unterscheiden: Wert als Objekt, als geschätztes oder erwünschtes Gut; Wert als Einstellung zu einem Objekt, das z.b. als richtig, gut, hässlich empfunden und beurteilt wird; Wert als Maßstab, der das Handeln lenkt und Entscheidungen und Handlungsweisen ermöglicht.... Werte gelten in der Soziologie als zentral für die Organisation einer Gesellschaft: Sie bilden Maßstäbe für zahlreiche Situationen; der Grad ihrer Verbindlichkeit für alle Mitglieder lässt auf die Integration einer Gesellschaft schließen... In: Lexikon zur Soziologie. Hamburg 1975 Sich ein Ziel setzen, heißt soviel wie, ich verpflichte mich, dieses Ziel zu verfolgen, und bemühe mich, es zu erreichen. Ich schließe also eine Art Vertrag mit mir. Letzteres macht deutlich, dass Zielformulierung Freiwilligkeit voraussetzt. Das kann ein einzelner Mensch sein oder eine Personengruppe, die ein gemeinsames Ziel verfolgt. Die Leiterin der deutsch-türkischen Jugendaustauschmaßnahme, die sich das obige Ziel gesetzt hat, verpflichtet sich zunächst sich selbst gegenüber 14 6 In manchen stark wertgeladenen Arbeitsfeldern, zum Beispiel bei großen konfessionellen Einrichtungen mit einer Art regionaler Monopolstellung, ist das Verhältnis der Beschäftigten oder auch von Funktionsträgern zu den Werten des Trägers / des Verbandes ambivalent Wie kommt es dazu? Was bedeutet dies für die Zielformulierungen? Wie können Ziele so formuliert werden, dass die Ambivalenzen produktiv gewendet werden?

15 darauf hinzuarbeiten, dass die deutschen Jugendlichen ihr Verständnis der türkischen Kultur erweitern. Sie legt sich darauf fest, ihren Beitrag zu leisten, um das Ziel umzusetzen. Sie macht sich Gedanken darüber, wie die Zielerreichung konkret aussehen kann, und plant Aktivitäten, die zur Umsetzung dieses Ziels führen. So wird sie zum Beispiel sprachliche Verständigung als Grundvoraussetzung sicherstellen und genauer überlegen, wie der Zustand konkret aussieht, bei dem sie sagen würde, das Verständnis der deutschen Jugendlichen ist groß genug oder größer als vor Beginn des Austauschs. Sie wird etwas dafür tun, das Ziel zu erreichen. Sie setzt dabei eigene Ressourcen (Arbeitszeit, Energie, Konzentration,...) ein, die ihr für alternative Ziele nicht mehr zur Verfügung stehen. Selbstverpflichtung soll motivieren und nicht knebeln Selbstverpflichtung In der Projektgruppe haben wir darüber diskutiert, ob das Wort Selbstverpflichtung zu stark sei. Manche verwiesen auf die negativen Erinnerungen an DDR-Zeiten, wo mit diesem Begriff im Rahmen von Wettbewerbsverpflichtungen zur Erfüllung von Plansolls gearbeitet wurde. Wir halten Selbstverpflichtung für ein konstitutives Element von Zielen, um diese von Wünschen, Absichten und Vorsätzen zu unterscheiden. Es wird mit diesem Begriff auch deutlich, dass es wichtig ist, sich realistische Ziele zu setzen, was die Art wie die Menge der Ziele angeht, und eine Balance zu finden zwischen dem motivierenden Charakter von Zielen und dem Druck, den sie machen können, wenn man sich zu viel vorgenommen hat. Ziel Motivation Druck 15

16 In welchem Maße Ziele ausschließlich eine Verpflichtung sich selbst gegenüber bedeuten oder auch anderen gegenüber (Kollegen/Kolleginnen, Vorgesetzten oder Mitarbeiterinnen/Mitarbeitern, Finanziers oder Sponsoren oder gegenüber der allgemeinen Öffentlichkeit) hängt vom jeweiligen Kontext ab... Schriftliche Leitziele verpflichten den Vorstand/die Leitung/die Mitarbeitenden und die Mitglieder der Organisation gegenseitig und gegenüber Außenstehenden wie Klienten, Geldgebern, potentiellen Spendern,... Tages- oder Wochenziele einer Person, in ihrem eigenen Zeitplaner verschriftlicht, sind nur gegenüber sich selbst einforderbar, stellen damit auch eine andere Form der Verbindlichkeit dar. Für die Ziele einer Modellmaßnahme, das Halbjahresziel eines Teams, das Ziel einer Jugendaustauschmaßnahme gilt dies wiederum jeweils unterschiedlich. Kennen Sie Ziele ohne Selbstverpflichtung? Können solche Ziele Veränderung/Stabilisierung auslösen? Werden oftmals keine Ziele formuliert, um die unangenehmen Seiten der Selbstverpflichtung zu vermeiden? Mit einem Ziel wird eine möglichst konkrete Absicht verfolgt. Dies steht im Gegensatz zu einem Ergebnis, das sich zufällig einstellt. Bei der Vorbereitung eines Jugendaustausches ohne Verfolgung konkreter Absichten könnte man beispielsweise denken: Wir planen mal diesen Austausch, lassen die Jugendlichen einiges miteinander unternehmen und gucken, was geschehen wird. Sie werden schon davon profitieren und sich weiterentwickeln. Die Alltagserfahrung zeigt: Diese Auffassung ist gar nicht so falsch. Denken Sie an Schulen oder an Hochschulen: In der Regel arbeiten diese bislang ohne verschriftlichte, öffentlich zugängliche Ziele. Dennoch kommt etwas heraus: Es gibt viele Absolventen/Absolventinnen, viele davon machen großartige Karrieren, nicht wenige sind stolz auf ihre Schule. Auch Schulen und Hochschulen formulieren in den letzten Jahren wenn auch noch nicht in großer Zahl Programme, Leitziele, Jahresziele. 16 Ein bekanntes Bild für die Arbeit mit Zielen ist das vom Bogenschützen. Er spannt seinen Bogen und nimmt den Zielpunkt mit hoher Konzentration ins Visier. Die genaue Ausrichtung auf den Zielpunkt der Scheibe bei guter Beherrschung seiner Instru-

17 mente bestimmt die Treffsicherheit des Bogenschützen. Er mag sich unterschiedliche Objekte als Zielpunkte suchen, auf verschiedenen Plätzen und mit verschiedenen Zielscheiben üben, aber es würde wenig Sinn machen, den Pfeil einfach ins Nichts zu schicken. Er würde nie ein Profi es sei denn, er setzte sich als Ziel, den Pfeil möglichst weit zu schießen: Dann ginge es um die Kunst der maximalen Entfernung statt der Treffsicherheit innerhalb eines zuvor festgelegten Bereichs. Sehen Sie Unterschiede zwischen den beiden Zielen der Bogenschützen? Sind es gut vereinbare oder sich gegenseitig behindernde Ziele denken Sie an die Ressourcenbindung? Fällt Ihnen eine Analogie aus Ihrer Arbeit ein? In einigen Fällen waren die Ressorts bemüht, die unbefriedigende Ausgangslage für Erfolgskontrollen zu verbessern, indem sie nachträglich versuchten, die Ziele zu konkretisieren, um den Bedürfnissen der auf die Messung von Zielerreichungsgraden ausgerichteten Erfolgskontrollen zu entsprechen. * Quelle: Michael Quinn Patton: Utilization Focused Evaluation. Seite 184. * Dr. Hedda von Wedel, Präsidentin des Bundesrechnungshofes als Beauftragte für Wirtschaftlichkeit in der Verwaltung, Erfolgskontrolle finanzwirksamer Maßnahmen in der öffentlichen Verwaltung, BWV-Schriftenreihe, Bd. 2, Seite

18 2.1 Minigrammatik des Zieleformulierens wieso Grammatik? Wie kann ich einen Satz grammatikalisch so gestalten, dass mich das Aufschreiben bei der Formulierung eines guten Ziels unterstützt? Manchen Menschen fällt es leicht, Ziele zu finden und sich vorzustellen, wie der Zustand genau aussieht, in dem das Ziel erreicht ist. Wenn solche Menschen die entsprechende Zustandsbeschreibung lesen, hören oder niederschreiben, entwickeln sie ganz konkrete Vorstellungen des zukünftigen Geschehens. Wie können nun Ziele so formuliert werden, dass die Formulierung uns dabei hilft, die Ziele anstreben und erreichen zu können und vor allem auch zu wissen, wann wir die Ziele erreicht haben? Wie fange ich einen solchen Satz an? Wie führe ich ihn fort? ein Satz Ein Ziel sollte in einem klaren Satz, das heißt einem Hauptsatz mit maximal einem Nebensatz formuliert sein. Schauen wir uns folgendes Beispiel für ein konkretes Handlungsziel 7 an: Es soll erreicht sein: Mindestens ein Drittel der mitfahrenden Jugendlichen stellt während des vierstündigen Aufenthaltes in der Gedenkstätte eine auf das Thema der Gedenkstättenfahrt bezogene Frage an die Gedenkstättenführerin, eine Begleitperson oder an einen der Mitschüler. positiv Gegenwart Der Zielzustand ist positiv formuliert. Damit kann vor Augen geführt/dem inneren Ohr hörbar gemacht werden, was konkret sein soll: Mindestens eine auf das Thema bezogene Frage wird gestellt. Würde man negativ formulieren: Die Jugendlichen sollen sich in der Gedenkstätte nicht langweilen., bliebe unklar, welches beobachtbare Verhalten denn statt dessen angestrebt ist. Der Zielzustand eine Frage stellen ist in der Gegenwartsform ausgedrückt. Die das Ziel formulierende Person versetzt sich in die Zukunft und hält aus dieser Perspektive fest, wie es dann sein soll. Sie tut so, als ob der erwünschte Zustand schon eingetreten und Wirklichkeit geworden ist. Auf diese Weise wird die Vorstellungskraft angeregt, das Ziel erhält eine höhere Anziehungskraft, weil man buchstäblich schon hört oder sieht, wie es dann ist. Es handelt sich um eine vorgestellte Gegenwart. Mit dem Vorsatz Es soll 18 7 Wir werden auf S. 63 ff. noch genauer auf das Handlungsziel im Unterschied zu den übergeordneten, allgemeineren Mittler- und Leitzielen eingehen.

19 erreicht sein... wird auch, wenn man den Satz in einem Textzusammenhang liest, deutlich, dass es hier um ein Ziel geht. Der Satz beginnt mit einem Subjekt. Hier ist es mindestens ein Drittel der Jugendlichen. Ist das Subjekt ein Zahlwort, gefolgt von einem Substantiv im Genitiv (hier: ein Drittel der mitfahrenden Jugendlichen), unterstützt man sich darin, messbare Zielzustände auszudrücken. Diese Anforderung der Messbarkeit gilt für konkrete Handlungsziele, nicht für Mittlerziele oder Leitziele (vgl. Kapitel 4). Der Beispielsatz oben hat die Zeitangabe: während des vierstündigen Aufenthalts in der Gedenkstätte. Die Zielerreichung ist terminiert auf das Ende des Aufenthaltes. Auch wenn die Zeitangabe nicht so präzise sein muss wie in diesem Beispiel, ohne eine den Zeitpunkt der Zielerreichung zumindest umschreibende Angabe bleibt das Ziel ungenau. 8 Die teilnehmenden Jugendlichen sind die Zielgruppe der Intervention, für sie gilt der veränderte Zustand der Zielbeschreibung. handelndes Subjekt messbar Zeitbestimmung Outcome-Ziele Ziele, die festlegen, was bei der Zielgruppe geschehen sein soll, nennt man auch Outcome-Ziele. Sie beschreiben den Vorteil, den Nutzen beziehungsweise die Veränderung, die bei der oder für die Zielgruppe eingetreten ist, wenn der erwünschte Zustand erreicht ist (vgl. Schaubild im Anhang, S. 76). Würde man statt dessen eine Programmaktivität zum Subjekt des Zielsatzes machen, lenkte man den Blick weg von der Zielgruppe hin auf den Prozeß. Ein Beispiel: Mindestens zwei Drittel der geplanten Begegnungen mit Jugendlichen aus Partnerorganisationen finden im Zielland tatsächlich statt. Solche Maßnahmenziele sind in bestimmten Situationen angemessen; in anderen führen sie weg von der Zielgruppe und dem, was bei ihr verändert sein soll. Das Beispiel oben hat ein aktiv gebrauchtes Verb. Es sagt, was das handelnde Subjekt mindestens ein Drittel der Jugendlichen tut: nämlich eine Frage stellen. Steht im Unterschied dazu ein Verb im Passiv wie zum Beispiel die Jugendlichen bekommen Informationen über... oder erfahren etwas über..., ist nicht direkt beobachtbar, was mit den Jugendlichen tatsächlich geschieht. Es bleibt im Unklaren, ob sich bei den Jugendlichen wirklich etwas verändert. Formuliert man also aktiv, wie in unserem Beispiel eine Frage stellen, so ist unmittelbar vorstellbar, was damit gemeint ist. Man unterstützt so die Klarheit in der Beschreibung eines beobachtbaren, messbaren Ziels. Maßnahmen-Ziel Verb im Adjektiv Ein aktiv gebrauchtes Verb ist jedoch noch keine Garantie für Beobachtbarkeit. Die Jugendlichen hören der Gedenkstättenführerin zu, kann man zum Beispiel nicht beobachten. Zwar sind die Jugendlichen vielleicht still, es kann 8 Diese Anforderung gilt für Handlungsziele, bedingt auch für Mittlerziele, nicht jedoch für Leitziele, vgl. Kapitel 4.1, S. 50 f. 19

20 aber sein, dass sie träumen oder vor sich hindösen. In diesem Fall müsste man sich fragen, wie man für das angezielte Verhalten, der Gedenkstättenführerin zuhören, Beobachtbarkeit herstellen kann. Woran könnte man merken, ob die Jugendlichen zuhören oder nicht? Man muss beobachtbare Indikatoren finden, an denen sich das Zuhören feststellen lässt. Zum Beispiel: Die Jugendlichen machen sich Notizen. Objekt Ihr Stil ist gefragt! Im obigen Beispiel wird auch benannt, an wen die Frage gestellt wird, an die Gedenkstättenführerin, eine Begleitperson oder einen Mitschüler. Die Benennung des Objekts konkretisiert die Zielvorstellung weiter. Wenn es sich bei diesem Objekt um Wahrnehmbares handelt, also konkrete Personen, Aktivitäten, Materialien, ist das ebenfalls ein weiterer Schritt in Richtung Beobachtbarkeit des Ziels. Nicht in jedem Falle müssen oder sollten Sie sich an diese Anregungen zur grammatikalischen Struktur von Zielformulierungen halten wenn man jedoch beginnt, Ziele zu formulieren, lohnt es sich vielleicht, dies auf die beschriebene Art und Weise zu tun und sich darin zu üben. Es ist einfach, aber nicht leicht. Vorsicht mit Vergleichen! Von einem Vergleich mit einem früheren Zustand erhofft man sich eine Aufwertung des Zieles: Der Vergleich drückt ein Besser, Mehr, Wirksamer, Günstiger als aus. Zum Beispiel: Zwei Drittel der Jugendlichen äußern sich häufiger als auf der vorangegangenen Fahrt, an der sie teilnahmen. Würde man den positiven Ausgang des Vergleichs wirklich ernst meinen, hätte man es gleich mit einer kleinen Studie zu tun und die Zielbeschreibung würde unversehens komplex. Ich muss nicht nur vor Augen haben, wie oft (und in welcher Qualität) sich die Jugendlichen auf der geplanten Fahrt äußern, sondern muss auch noch über Angaben über ihr Verhalten auf der vorangegangenen Fahrt verfügen. Unversehens habe ich mir mit dieser Zielformulierung eine Vergleichsstudie oder Längsschnittstudie aufgebürdet. Bevor ich mich mit solchem Untersuchungsaufwand überfordere, sollte ich den erwünschten Zielzustand ohne Vergleich niederschreiben. 20

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