Das Magazin von und mit Beschäftigten der Göttinger Werkstätten gemeinnützige GmbH

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1 Nr. 6 Sommer 2011 Das Magazin von und mit Beschäftigten der Göttinger Werkstätten gemeinnützige GmbH Liebe Leserinnen und Leser, Der Sommer ist da und mit ihm ein neues Exemplar der Werkstattzeitung. Ganz leicht war es diesmal nicht, denn der Computerraum, in dem wir arbeiten, ist umgezogen, sodass wir einige Male etwas improvisieren mussten. Dabei haben wir uns bemüht, ein Heft zu machen, das so bunt ist wie unser Leben sowohl innerhalb als auch außerhalb der Werkstätten. Wir sind dieses Mal oft ins Kino gegangen, in das eine Kino, das es neben dem großen kommerziellen Lichtspielhaus am Bahnhof noch gibt - vor nicht allzulanger Zeit gab es insgesamt noch drei alternative Kinos in Göttingen. Ansonsten haben wir die Werkstattmesse in Nürnberg besucht, eine Klinik bei München, den Inklusionstag in Göttingen und uns mit den Themen Wo kann ich als behinderter Mensch in Göttingern arbeiten? und Was nützt mir eigentlich ein Schwerbehindertenausweis? auseinandergesetzt. Bei aller Buntheit haben wir auch ernste und traurige Themen ansprechen müssen. Aber auch das gehört zum Leben dazu. Wir wünschen Ihnen ebenso viel Spaß beim Lesen wie wir ihn auch beim Erstellen unserer Zeitung hatten und hoffen, dass Ihnen unsere Arbeit gefällt. Einen schönen Sommer wünscht Die Redaktion Antoine findet schnell Freunde. Vorurteile abbauen Im Rahmen des bundesweiten Filmfestivals Ueber Mut wurde im Frühjahr 2011 der Dokumentarfilm Antoine im Göttinger Programmkino Lumiere gezeigt. Ueber Mut ist das vierte Festival von Aktion Mensch. Diese Aktion plädiert für das gemeinsame Diskutieren über eine lebenswerte, gerechte und menschenwürdige Gesellschaft. Unabdingbar ist dabei, dass man Behinderten und Nichtbehinderten gegenüber Vorurteile und Ressentiments abbaut. Der Protagonist des Films ist der sechsjährige kanadische Junge Antoine Hoang, der seit seiner Geburt blind ist. Er hat vietnamesische Wurzeln und besucht in Montreal eine Regelschule. Antoine macht einen sehr interessierten und aufgeweckten Eindruck. Das führt auch dazu, dass er sich schnell mit anderen Kindern anfreundet. Zudem hat er viel Phantasie: Mit seiner Freundin Maella braust er als Privatdetektiv im Auto über die Landstraße, auf der Suche nach der mysteriösen Madame Foto: Aktion Mensch Rouski, die sich beim Duschen in tausend Tropfen aufgelöst hat. Ein absolutes Highlight für Antoine ist die Reise in seine eigentliche Heimat Vietnam. Es beeindruckt zu sehen, dass ein blinder Mensch wie Antoine genau das gleiche tun kann wie ein Sehender. Der Filmvorführung im etwas spärlich gefüllten Kinosaal schloss sich ein interessantes Gespräch mit einer blinden Lehrerin der Heinrich-Böll-Schule in Göttingen an. Vera Scharwächter ist als Kind völlig erblindet, hat es aber geschafft, ein relativ normales Leben zu führen. Der Film hatte viele Fragen aufgeworfen, die von ihr allesamt geduldig beantwortet wurden. Frau Scharwächter ist an dieser Schule die einzige blinde Lehrkraft, was aber in keinerlei Weise von Nachteil ist. Es ist allerdings notwendig, dass sich die Umwelt auf sie einstellt. Beispielsweise ist es günstig, wenn Sehende die Blindenschrift erlernen, was auch gar nicht so schwer ist. Jan Hendrik Gotthardt

2 2 Leben & Gesellschaft Die kleine Puppe voller Angst Am Anfang steht das Schicksal einer kleinen Puppe oder eines kleinen Mädchens? In einer kleinen Stadt irgendwo in Deutschland fand einmal ein Flohmarkt statt. Auf diesem Flohmarkt stand eine hässliche unscheinbare Kiste. Die Leute gingen achtlos an ihr vorbei. In dieser Kiste befand sich allerhand Krimskrams, den niemand zu brauchen schien, denn keiner, der an der Kiste vorbeiging, interessierte sich für ihren Inhalt. Aber befand sich in der Kiste nur irgendwelches Zeug, das zu nichts mehr zu gebrauchen war? Die Händlerin hatte die Dinge achtlos in die Kiste geworfen. Sie war schlecht gelaunt, denn die Geschäfte liefen denkbar schlecht. Aber war in Kiste wirklich nur alter Kram? Nein wirklich nicht. Wenn man nur ganz genau hinschaute, konnte man genau sehen, dass sich in der Kiste eine kleine Puppe befand, die ihre kleinen schmutzigen Beine mit ebenso schmutzigen Füßchen in die Luft streckte. Die kleine Puppe, die keinen Namen hatte, fror entsetzlich. Sie weinte still vor sich hin. Sie hatte Angst, weil sie doch so allein war. Was würde mit ihr geschehen? Da auf einmal beugte sich ein riesiges Ungeheuer über die Kiste, das seine großen Klauen in die Kiste steckte und ihren Inhalt durchwühlte. Hoffentlich werde ich nicht erschlagen!, dachte die kleine Puppe voller Angst. Das Ungeheuer hatte auch schon ihre Füße erwischt und zog sie in die Höhe. Die kleine Puppe wurde ganz starr vor Angst und dachte nun habe ihr letztes Stündlein geschlagen. Das Ungeheuer war eine gute Frau, die der kleinen Puppe helfen wollte, aber das wusste die kleine Puppe in dem Moment noch nicht. Die Frau kaufte die kleine Puppe von der Händlerin. Sie wickelte die völlig verängstigte Puppe in ihr Taschentuch und steckte das kleine Paket in ihre Manteltasche, denn sie wollte nicht, dass die kleine Puppe sich erkältet. Erst als die Frau mit ihrer kostbaren Fracht zu Hause angekommen war, öffnete die kleine Puppe vorsichtig ihre Augen. Sie atmete auf und schlief erschöpft ein. Als sie wieder aufwachte, ließ die gute Frau ein warmes Bad für sie ein. So etwas Schönes hatte sie schon lange nicht mehr gehabt. Sie lag lange in der Badewanne und wusch sich die Spuren ihrer schier endlos langen Odyssee von der Haut. Sie wusste nicht, wie lang diese Irrfahrt gedauert hatte. Es mögen zwanzig Jahre gewesen sein, oder länger? Die gute Frau trocknete sie liebevoll ab und kämmte ihre langen blonden Haare, bis sie golden glänzten. Sie bekam auch neue Kleider und lernte auch neue Freunde kennen, denn die Wohnung der Frau wurde auch noch von anderen Puppenkindern bewohnt. Sie traf auch ihre Zwillingsschwester und ihren Bruder wieder. Böse Ungeheuer hatten sie auseinandergerissen, aber nun haben sie sich wieder gefunden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann toben sie noch immer fröhlich lachend durch ihre Wohnung. Hör mal ganz genau hin, dann hörst du sie auch! Kristina Schulz Filmfestival der Aktion Mensch: Monica & David Monica und David heiraten. Die Zeremonie ist romantisch, wie aus einem Hochzeitsmagazin. Dass die junge Frau und ihr Freund sich das Jawort geben, ist außergewöhnlich: Beide haben das Down-Syndrom. Ein intimes, unverkrampftes Porträt zweier Menschen, die ihr eigenes Leben gestalten auch wenn sie immer auf fremde Hilfe angewiesen sein werden. Menschen mit dieser Behinderung heiraten selten. Die Cousine der Braut, Alexandra Codina, hat einen Film über das erste Ehejahr der beiden gedreht. Sie begleitet das Paar bei der Jobsuche und beim Umzug, dokumentiert Monicas Ordnungsfimmel und Davids Eifersucht auf ihren Ex. Alexandra Codina hat ca. vier Jahre als Managerin und Programmverantwortliche für das Miami International Film Festival gearbeitet. Dort hat sie Filmprogramme und -workshops mit Dokumentarfilmern wie Frederick Wiseman geleitet. Nach ihrem Studium am Bowdoin College in Maine machte sie ein Praktikum bei Big Mouth Productions. Monica und David ist Alexandra Codinas Regiedebüt. Zurzeit dreht sie einen Kurzdokumentarfilm

3 Leben & Gesellschaft Ein ernstes Thema: Sexualisierte Gewalt gegen Mädchen mit Behinderung ist Machtausübung. Sie wird von Personen, die den Mädchen nahe stehen ausgeübt. Was können wir dagegen tun? Wir können die Mädchen stark machen. Gefahrensitua- Die kleine Puppe hat Glück gehabt. Mädchen, die missbraucht werden, haben das nicht. Aber vielleicht hat die kleine Puppe dasselbe durchgemacht. Die Dunkelziffer ist hoch und es steht niemandem auf der Stirn geschrieben. Betroffen sind Mädchen in jedem Alter. Man geht allgemein davon aus, dass jedes dritte Mädchen betroffen Foto: ua über eine 96-jährige Landwirtin in Connecticut. Daneben engagiert Alexandra Codina sich ehrenamtlich für The Women s Fund of Miami-Dade, eine Organisation, die Projekte von Frauen fördert, und für Coconut Grove Cares, die Kindern aus armen Familien hilft. Vor 14 Jahren hat sie angefangen, ihre Cousine Monica im Rahmen eines Programmes für Erwachsene mit Behinderung zu begleiten. Daraus ist auch ihr Film Monica und David entstanden. Der Film lief im Rahmen des Filmfestivals Ueber Mut der Aktion Mensch im Lumiere in Göttingen. Die Vorstellung wurde auch von einer Gruppe von Leuten ist. Da in den Statistiken nur die angezeigten Fälle auftauchen und die Schwelle für eine Anzeige und die Scham recht hoch sind, kann man eigentlich nicht genau sagen, wie oft es geschieht. Mädchen mit einer geistigen Behinderung sind bei der Erstattung einer Anzeige stark benachteiligt, weil sie sich nicht so gut ausdrücken können haben Wissenschaftlerinnen festgestellt, dass jede zweite Frau sexuelle Gewalt in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung erfahren hat (Noack, C./Schmid, H.J. Sexuelle Gewalt gegen Menschen mit geistiger Behinderung. Eine verleugnete Realität, Stuttgart 1996). Sie stellen fest, dass sexualisierte Gewalt im sozialen Nahbereich stattfindet. Ein hohes Gefahrenpotential stellen Pflegesituationen und medizinische Untersuchungen dar. Das Motiv besucht, die in ambulant betreuten Wohngemeinschaften der Göttinger Werkstätten leben. Ihr einhelliges Foto: Aktion Mensch Credo war: Wie gut, dass wir ei- genständiger leben als Monica und David... Kristina Schulz 3 tionen wie z.b. Pflegesituationen entschärfen durch Schulung des Pflegepersonals. Auch Mädchen mit einer geistigen Behinderung müssen aufgeklärt werden, damit sie nicht durch Missbrauch aufgeklärt werden. In der Werkstatt läuft ein Selbstsicherheitstraining für Frauen mit geistiger Behinderung. Der Berufsbildungsbereich arbeitet mit Pro Familia zusammen, um aufzuklären. Außerdem setzt sich der Werkstattrat dafür ein, eine Frauenbeauftragte zu benennen, damit Frauen in heiklen Situationen einen weiblichen Ansprechpartner haben. Die Opfer leiden oft ein Leben lang. Die Therapie von traumatisierten Mädchen mit einer geistigen Behinderung steckt noch in den Kinderschuhen. Die Symptomatik wird oft fehlinterpretiert als Folge der Behinderung. Deshalb kann das nur heißen Dranbleiben, wie das Motto einer Podiumsdiskussion vom Frauennotruf Hannover 2010 lautete. Kristina Schulz

4 4 Arbeit & Leben Impressionen von der Werkstattmesse in Nürnberg Dieses Jahr fand die 30. Werkstätten Messe in Nürnberg in der Frankenhalle statt. 235 Aussteller aus Werkstätten aus dem In- und Ausland stellten ihre Produkte aus. Zufriedene Aussteller, beeindruckte Besucher und eine an allen vier Tagen volle Halle was will man mehr?, sagt Friedrich Lenz, Leiter des CCN-West und denkt laut über eine Erweiterung der Messe in eine weitere Halle nach. Auch die Werkstatträte hatten einen eigenen Stand, um die Besucher über ihre Arbeit zu informieren. Der Aufbau einer bundesweiten Organisation der Werkstatträte schreitet immer mehr voran. Es freut uns besonders, dass die Messe auch als Marktplatz für Bildungs-, Qualifizierungs- und Rehabilitationsangebote genutzt wird, so äußerte sich Martin Berg vom Vorstand der BAG:WfbM. Werkstätten entwickeln sich weiter, das zu zeigen ist uns wichtig. Wir konnten deutlich machen, dass Werkstätten etwas zu sagen und beizusteuern haben, wenn es um die Zukunft sozialpolitischer Fragen in Deutschland geht. Die viertägige Messe begeisterte mehr als Besucher, die sich über die Leistungen aus Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) informierten (2010 waren es ) und deren hochwertige Produkte kauften. Neben der großen Ausstellung nutzten viele Besucher auch das reiche Programm von Fachvorträgen. Zu den über 90 Vorträgen kamen rund Teilnehmer. Leider richteten sich nur wenige Vorträge an Beschäftigte und Mitarbeiter in Werkstätten gemeinsam. Hier hätte Verkaufsgespräche auf der Werkstattmesse. man die Idee der Inklusion praktisch umsetzen können. Positiv in dieser Hinsicht fiel der Vortrag von Dr. Harald Weber von der TU Kaiserslautern auf, der die Aussagen der UN-Konvention im Bezug auf die berufliche Bildung auf den Punkt brachte. Er selbst sagte allerdings mit einem Augenzwinkern, dass er eigentlich kein Mensch ist, der sich durch eine einfach zu verstehende Sprache auszeichnet... Kristina Schulz Foto: Uwe Niklas Arbeiten: Welche Möglichkeiten haben wir? Fast jeder Werkstattbeschäftigte hat sich bestimmt schon einmal gefragt, ob er nicht auf dem regulären Arbeitsmarkt tätig werden könnte. Bevor sich der Beschäftigte überhaupt um ein Betriebspraktikum oder einen Außenarbeitsplatz bemüht, sollte er nicht nur für sich klären, ob für ihn eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vorstellbar und möglich ist, sondern sich auch mit Art oder Schwere seiner Behinderung auseinandersetzen und fragen, ob er den körperlichen und psychischen Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarktes gewachsen ist. Vor allem, wenn es darum geht, eine langfristige Beschäftigungsperspektive anzustreben, ist die gesundheitliche Stabilität von Bedeutung. Praktika Sehr häufig kann die Belastbarkeit durch interne Vorbereitung auf eine betriebliche Erprobung überprüft werden. Das Training beginnt mit zusätzlichen Aufgaben in der Gruppe bis hin zu Praktika (internes Praktikum) in der WfbM, eventuell mit einem Wechsel in einen anderen Arbeitsbereich der Göttinger Werkstätten (zum Beispiel von der W 1 in die W 3). Auf der Suche nach einem geeigneten Betriebspraktikum oder Außenarbeitsplatz orientieren sich die Göttinger Werkstätten an den Fähigkeiten, Vorstellungen und Interessen des jeweiligen Beschäftigten. Ist erst einmal eine Beschäftigungsmöglichkeit gefunden, werden die Ansprüche des Unternehmens mit denen des Teilnehmers verglichen. Das Betriebspraktikum soll dem Beschäftigten einen Einblick in den betrieblichen Alltag geben und die Möglichkeit bieten, sich unter den Anforderungen und Belas- Fortsetzung auf Seite 5

5 Fortsetzung von Seite 4 Aus der Werkstatt 5 tungen des Betriebes zu erproben. Dem Praktikumsbetrieb entstehen keine finanziellen Verpflichtungen. Das Betriebspraktikum findet nicht im Gebäude der Göttinger Werkstätten, sondern im Unternehmen statt. Für den Beschäftigten bietet ein Außenarbeitsplatz letztendlich genauso viel Sicherheit wie der reguläre Werkstattarbeitsplatz. Beschäftigungsmöglichkeiten Solch eine Beschäftigungsmöglichkeit kann für jeden gefunden werden, mündet aber nicht immer in ein Arbeitsverhältnis. Der Übergang von der WfbM auf den allgemeinen Arbeitsmarkt funktioniert nur bei sehr wenigen Beschäftigten. Aus diesem Grunde richtet sich das Angebot besonders an motivierte Beschäftigte. Sie vergessen dabei oft, dass das Risiko für längere Zeit in der Erwerbslosigkeit zu verbleiben höher ist als für Nicht- bzw. Leichtbehinderte. Solch ein Job passt zwar gut in den Lebenslauf, gleichwohl ist kein Arbeitgeber gezwungen, behinderte Beschäftigte bei gleicher Eignung bevorzugt einzustellen. Finanzielle Anreize Finanzielle Anreize dienen lediglich dazu, dem Arbeitgeber die Entscheidung über die Einbindung behinderter Menschen in betriebliche Abläufe zu erleichtern. Ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Beschäftigung eines behinderten Arbeitnehmers ist die Einrichtung des Arbeitsplatzes. Er muss in diesem Fall an die behinderte Person angepasst sein. Oft handelt es sich um Nischenarbeitsplätze, die auf dem Arbeitsmarkt nicht angeboten werden. Anspruchsvolle Teamarbeit in autonomen Fertigungszentren mit industrialisierten Arbeitsabläufen, Schicht- und Akkordarbeit würde viele Angestellte mit verminderter Leistungskraft überfordern. Häufig werden Arbeitsplätze im Gastronomiebereich angeboten, so wie hier auf Werkstattmesse in Nürnberg. Foto: Uwe Niklas Arbeitsmarkt Die Arbeitsüberlastung wirkt sich negativ auf die Unterstützungsbereitschaft der gesunden Arbeitskollegen aus. Das bedeutet in Zeiten des Arbeitskräfteüberschusses gehören behinderte Menschen in den strukturschwachen Regionen schon immer zu der Gruppe, die besonders von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Zumal seit dem 1. Mai 2011 der deutsche Arbeitsmarkt für acht osteuropäische Länder geöffnet wurde und die Diskussion über Lohndumping und Mindestlohn neu entfacht wurde. Außenarbeitsplätze Der Beschäftigte auf einem Außenarbeitsplatz hat immer die Möglichkeit Kontakt zur Werkstatt aufzunehmen, weil ein fester Ansprechpartner ihn nach Bedarf und Erfordernis, begleitet. An Firmen mit überzogenen Erwartungen wird nicht mehr vermittelt. Im Klartext heißt das: Es finden jährlich ca Praktika statt, ca. 25 Werkstattbeschäftigte sind auf Außenarbeitsplätzen beschäftigt und die Vermittlungsrate in eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit liegt bei etwa einem Beschäftigten pro Jahr. Kein Werkstattbeschäftigter wird dazu gedrängt, einen Außenarbeitsplatz aufzunehmen. Seit 1. April 2011 wird die Betreuung der Außenarbeitsplätze für die Regionen Göttingen und Hann. Münden getrennt durchgeführt. In der Betriebsstätte Gimte übernehmen Daniel Compagnone und Marion Knoop die Vermittlung/Betreuung der Werkstattbeschäftigten des Arbeitsbereiches und Birgit Brecht begleitet den Berufsbildungsbereich. In Göttingen sind Eva-Lucie Müller-Eidam für den Arbeitsbereich und Barbara Nehls für den Berufsbildungsbereich zuständig. Somit gibt es zwei Arbeitsgruppen mit Außenarbeitsplätzen für ca Werkstattbeschäftigten. Viele Werkstattbeschäftigte fühlen sich auf den Außenarbeitsplätzen wohler als in der Werkstatt. Ein Grund dafür ist, dass sie sich auf dem Außenarbeitsplatz wie vollwertige Arbeitskräfte behandelt fühlen. Eine echte berufliche Integration liegt nur dann vor, wenn ein gemeinsames Arbeiten von behinderten und nichtbehinderten Beschäf- Fortsetzung auf Seite 6

6 6 Aus der Werkstatt Fortsetzung von Seite 5 tigten am gemeinsamen Gegenstand realisiert wird. Alle Werkstätten für behinderte Menschen arbeiten nach derselben Werkstättenverordnung, egal ob es die Göttinger Werkstätten oder die my.worx ggmbh in Göttingen sind. Es kommt durchaus vor, dass die Beschäftigten wechselseitig ein Praktikum im anderen Unternehmen machen. Eine Kooperation zwischen beiden Unternehmen gibt es nicht. My.worX ggmbh ist anerkannte Werkstatt für Menschen mit seelischer Behinderung und bietet zurzeit 60 Plätze zur beruflichen Rehabilitation und zur Teilhabe am Arbeitsleben für seelisch behinderte Ein schönes Miteinander Auch im letzen Jahr fand im Bürgerhaus Bovenden der Ball der Lebenshilfe Göttingen statt, auf dem 83 Mitarbeiter für langjährige Beschäftigung in den Göttinger Werkstätten geehrt wurden. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich. In den Pausen der Band bekamen die Beschäftigten und Mitarbeiter für ihre langjährige Betriebszugehörigkeit von der Geschäftsleitung eine Urkunde mit einer Rose überreicht und viel Beifall von den Gästen. Die früher übliche Geldprämie gibt es nicht mehr als Bargeld in einem Umschlag, sondern wie bei der Lohnabrechnung auf das Konto aus rein steuerlichen Gründen. Das gefällt nicht allen Beschäftigten. Denn Gelder, die auf dem Konto landen, werden auf das Einkommen angerechnet. Von 100 Euro bleiben den Die geehrten Mitarbeiter und Beschäftigten. Beschäftigten weniger als 10 Euro. Unter anderem wurde der Gruppenleiter der Druckerei der Göttinger Werkstätten, Peter Förstermann, für 30 Jahre Betriebszugehörigkeit geehrt. Förstermann freute sich. Es war ein sehr festlicher Rahmen: Zu schöner Musik der Band wurde kräftig das Tanzbein schwungen. ge- Laut Peter Förstermann war es nach der Karnevalsveranstaltung ein schöner zweiter Tanzabend in den Werkstätten. So ein gelungener Abend sei immer hervorragend für eine Party behinderter und nichtbehinderter Mitmenschen geeignet. Nebenbei ist es auch noch eine schöne Werbung für unser Haus, sagte Förstermann. Ursula Schreiber Fotos: Von Roden Menschen an. Ihre Berufsbildungsund Arbeitsbereiche sind speziell auf die Belange psychisch kranker Menschen zugeschnitten. Die Werkstatt my.worx ggmbh hat wie die Göttinger Werkstätten zum Ziel, ihre Beschäftigten beruflich und sozial zu integrieren. Marcus Urban Karneval Die fünfte Jahreszeit findet bundesweit statt. Also regieren die Narren auch in Göttingen. Die Regierung wird abgesetzt und das Zepter geht an den Prinzen und seinen Hofstaat über. Die Zeit der Monarchie stellt alles auf den Kopf. Alle die uns regieren werden auf die Schippe genommen. Die einzige Zeit in der das nicht möglich war, war die NS-Zeit. Die haben sich überall eingemischt, auch in den Karneval. Glücklicherweise ist diese Zeit vorbei. Auch in der Werkstatt sind die Narren los. Seit dem 19. Jahrhundert beginnt der Karneval in vielen Gegenden am 11. November um 11:11 Uhr. Der offizielle Höhepunkt ist der Rosenmontag. Dieses Jahr hat uns der Prinz und sein Hofstaat besucht. In der Nacht zu Mittwoch um Punkt Mitternacht endet der Karneval. Danach beginnt die Fastenzeit. An die sich kein Mensch mehr wirklich hält. Kristina Schulz

7 Leben & Gesellschaft Aktionstag: Inklusion beginnt im Kopf... Am Freitag, dem sechsten Mai, fand die Göttinger Version des Europäischen Aktionstag der Inklusion am Wochenmarkt statt. Die Eröffnungsrede hielt Frau Dagmar Schlapeit Beck. Sie brachte unter anderem den dringend benötigten Einbau eines Aufzug am Alten Rathaus zur Sprache: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Doch ist dieser Wille auch stark genug, um sich über die Interessen der Denkmalschutzbehörde hinwegzusetzen? Mit leckeren selbstgebackenen Kuchen, Waffeln und Kaffee wurde für das leibliche Die Gute Laune Band der Göttinger Werkstätten. Wohl der Gäste gesorgte. Die Fotos: Timo Loth Bioküche Leinetal war mit ih- sortiment zum Stöbern und Staunen vorgerufen wurde - gerade weil der rer Kantine vertreten. Auch für ein. Doch sobald die Montessorischu- Sänger eine Behinderung hat. Die buntbemalte Kindergesichter le mit ihrem Musikprogramm begann, Göttinger Trabanten Volkstanzgrupwurde gesorgt. vergaßen die meisten Besucher die pe stand im krassen Gegensatz zu Die Selbsthilfe Körperbe- Informationsangebote und erfreuten den Breakdancegruppen. hinderter Göttingen e.v., die sich an dem buntgemixten Musikpro- Eine musikalische Reise über Lebenshilfe Göttingen, IFAS gramm. die Kontinente machten wir mit der und der Behindertenbeirat Göt- Die Primetime Bandits spiel- Gute Laune Band der Göttinger tingen waren auch mit diversen ten einige Lieder von der deutschen Werkstätten die für den Inklusionstag Ständen vertreten. Band Madsen und von den Beatles: gegründet wurde. Den musikalischen Es gab die Möglichkeit, Yellow Submarine. Der Sänger der Abschluss bildete die Big Band der Rollstühle auf einem Parcours Gruppe legte viel Herz und Seele in IGS. Das Wichtigste das Inklusionstaauszuprobieren. Hier war gut die Lieder! Sein Gesang hat mich tief ges habe ich bei den Besuchern beobzu beobachten, wie viel Problemit berührt. Als ich ins Publikum schau- achtet: Ob jung, ob alt: die Menschen me die Besucher damit hatten. te, sah ich gerade in den Gesichtern hatten eine Menge Spaß - ob mit oder Das Christophorus-Haus lud der jugendlichen Besucher eine Nach- ohne Behinderung. Keiner hat sich einem großen Flohmarkt- denklichkeit, die durch den Text her- unwohl gefühlt. Timo Loth 7 Junge Breakdancer am Aktionstag Inklusion beginnt im Kopf...

8 8 Aus der Werkstatt Aktivposten geht in den Unruhestand Zunächst arbeitete der 1949 in Northeim geborene Peter Förstermann als gelernter Buch- und Offsetdrucker bei Hubert & Co in Göttingen und besuchte in den Jahren 1978 bis 1980 die Abendschule. Zu dieser Zeit hatte er Kontakt zu einem gelernten Schriftsetzer, der zuvor als Zivildienstleistender in den Göttinger Werkstätten beschäftigt war. Der Kollege erzählte ihm, dass die Göttinger Werkstatt für behinderte Menschen einen Gruppenleiter für die stilliegende Druckerei suchte. So bewarb sich Peter Förstermann im August 1980 in den Göttinger Werkstätten. Die Verantwortlichen der Werkstatt führten mit ihm ein Vorstellungsgespräch. Am Ende wurde er ausgewählt. Im November begann er seine Arbeit mit der Motivation in den Göttinger Werkstätten für behinderte Menschen genau so eine Druckerei aufzubauen wie mit sogenannten normalen Menschen. Nach seiner Vorstellung sollte die allgemeine Gesellschaft sehen, dass behinderte Menschen fit genug sind, um in einer Druckerei zu arbeiten. Zu den Arbeiten gehören Stanzen, Nuten, Schneiden, Falzen, Heften, Lochen, Laminieren, Bohren, Zusammentragen, Kuvertieren, usw. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die Göttinger Werkstätten noch in der Stresemannstraße. Derzeit befindet sich die Druckerei der Göttinger Werkstätten im Phywe-Gebäude, schräg gegenüber dem Hauptgebäude der Werkstätten. Wenn ich das richtig angehe, kann ich mit den behinderten Menschen jegliche Druckarbeit schaffen, beschreibt Peter Förstermann sein Vorhaben. Der routinierte Drucker weiß, wovon er spricht. Der resolute Buchdrucker hat das Druckereigeschäft von der Pike auf gelernt und konnte sein Wissen an die Ein Portrait über Peter Förstermann behinderten Menschen weitergeben. Unter seiner Leitung wurde die Druckerei zu dem was sie heute ist. Mit seinem Vorhaben lag er also genau richtig. Ihm ist es auch zu verdanken, dass ich seit drei Jahren in der digitalen Druckvorstufe weitestgehenst selbständig arbeiten kann. In der Druckerei können die behinderten Beschäftigten einer sinnvollen Arbeit nachgehen, sagt der altgediente Werkstattmitarbeiter im Hinblick auf die Arbeitsmarktlage. Durch die Arbeit sollen die behinderten Menschen mehr Selbstständigkeit, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl bekommen. Die schönste Erfahrung ist für mich, wenn meine Leute mit einem lachenden Gesicht zur Arbeit kommen und mit einem zufriedenen Gesicht Feierabend machen, erzählt der Gruppenleiter, es war mir immer wichtig, einen menschlichen Bezug zu den Mitarbeitern und den Beschäftigten mit Behinderung zu haben. Das Schöne an Peter ist seine Ruhe und Ausgeglichenheit im Umgang mit den behinderten Menschen, so lautet die einhellige Meinung seiner Gruppe. Als Gruppenleiter war Peter Förstermann auch im Produktionsprozess tätig, ebenso war er für die technische Umsetzung von Kun- Peter Förstermann mit einem Teil der Beschäftigten in der Stresemannstraße Foto: privat

9 Aus der Werkstatt 9 denanfragen verantwortlich. Darüber hinaus koordinierte der Gruppenleiter die Auftragsabwicklung und besaß ein sehr gutes Verhandlungsgeschick bei Kunden wie Lieferanten. Nebenher legte er großen Wert darauf, dass seine Gruppe fehlerfreie Arbeiten ablieferte. Im Rahmen seines Aufgabengebietes standen die behinderten Menschen an erster Stelle und wurden individuell gefördert. Dabei musste Peter Förstermann nicht nur Schlüsselqualifikationen vermitteln, sondern auch lebenspraktische Fähigkeiten fördern und die berufliche Förderung der Beschäftigten im Blick haben. Schwierigkeiten gab es immer nur dann, wenn seine Auffassung von Arbeit mit Behinderten nicht mit der Meinung anderer konform war. Am 31. Mai 2011 ging Peter Förstermann nach über dreißigjähriger Betriebszugehörigkeit in den Ruhestand. Wenn es nach mir ginge, würde ich hier gern noch fünfzehn Jahre arbeiten, sagt Peter Förstermann. Mit ihm gehen viele Jahrzehnte Berufserfahrung, aber auch viele Erinnerungen. In den Augen seiner Beschäftigten ist er noch lange kein Rentner, sondern der beste Gruppenleiter der Göttinger Werkstätten. Liebend gerne hätte Peter Förstermann seinen Nachfolger eingearbeitet, doch das war leider nicht möglich. Für ihn war die Druckerei sein Lebenstraum, den er nur sehr ungern aus der Hand gab. Die Beschäftigten aus seiner Gruppe hoffen, dass schnellstmöglich ein neuer Bewerber seine Nachfolge antritt. An seinem letzten Arbeitstag feierte er mit den Gruppen der Druckerei und geladenen Gästen seinen Ausstand. Damit sein Weggang für uns nicht zu schmerzhaft ist, hatte er an seinen letzten Arbeitstag einen kaltwarmen Abschiedsimbiss organisiert. In gemütlicher Runde wurde Peter Förstermann in einen langen und gesunden Ruhestand verabschiedet. Die Druckerei und zahlreiche Kollegen bedankten sich auf ihre Weise für die kollegiale Zusammenarbeit mit ihm. Marcus Urban Von der Ostsee an die Leine : Barbara Nehls Babara Nehls ist unsere neue Diplom-Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin und seit Mitte Juni 2010 bei uns. Vor 29 Jahren wurde sie im schönen Wismar an der Ostsee geboren. Ihre Wahlheimat ist heute Hannover, außerdem ist sie unverheiratet. In Hannover geht sie ihrer großen Leidenschaft dem Theaterspielen nach. In ihrem Büro hängt eine Auswahl an Plakaten von Stücken, in denen sie mitgespielt hat. Als Kind wollte sie Bäckerin oder Erzieherin werden. Schon sehr früh wusste sie, dass die Arbeit mit behinderten Menschen das Ziel ihrer Ausbildung sein soll. Während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres arbeitete sie in Bielefeld bei der Wohngruppe Bethel. In der Zeit ihres Studiums begleitete sie eine Rollstuhlfahrerin zwei Jahre lang. Außerdem betreute sie autistische Kinder im Rahmen einer Theatergruppe. Ihr Anerkennungsjahr absolvierte sie in Hannover. Sie ist für den Sozialdienst der Göttinger Werkstatten tätig und hat bis zu zwanzig Beschäftigte, für die sie bis zu 27 Monate zuständig ist. Ihre Hauptaufgabe ist die berufliche Rehaplanung und die gemeinsame Auswertung des Eingangsverfahrens mit dem zuständigen Unterweiser. Im Moment verbringt sie viel Zeit mit der Umsetzung eines Barbara Nehls in ihrem Büro. neuen Konzeptes der Agentur für Arbeit, wonach zwei bis drei Bereiche (Arbeitsgruppen) pro Teilnehmer im Eingangsverfahren durchlaufen werden sollen. Timo Loth Foto: Timo Loth

10 10 Leben & Gesellschaft Menterschwaige: Die etwas andere Psychiatrie Die Dynamisch-Psychiatrische Klinik Menterschwaige liegt im Südwesten von München. Sie wurde 1979 vom Arzt und Psychoanalytiker Prof. Dr. Günter Ammon gegründet, der im Jahr 1995 starb. Der Ansatz der Klinik war und ist, dass psychische Erkrankungen durch das soziale Umfeld entstehen und auch dadurch geheilt werden. Ich hatte mir im Mai 2010 die Klinik angesehen und gewann einen positiven Eindruck. Dann begann der Kampf mit der Krankenkasse, da ein Besuch in der Klinik für mich als nicht zwingend notwendig erachtet wurde. In dem Krankenhaus gibt es viele musisch-kreative Angebote: Tanzen, Malen, Musizieren und Theaterspiel. Man versucht, mit möglichst wenigen Medikamenten zu behandeln. Im Gegensatz zu vielen anderen psychiatrischen Kliniken gibt es dort nur ganz selten Suizidfälle. Sollte es vorkommen, dass ein Patient suizidale Gedankengänge äußert, wird er schlimmstenfalls in eine geschlossene Anstalt überstellt. Das Klinikkonzept ist folgendes: Die Patienten werden nicht nur in ihren kranken, sondern auch in ihren gesunden Anteilen verstanden. Außerdem werden sehr viele Gruppen angeboten, weil kommunikativer Kontakt der Schlüssel zur Heilung ist. Ferner ist die Klinik eine psychoanalytische Einrichtung, d. h., dass die Ursachen psychischer Erkrankungen hauptsächlich in der (frühen) Kindheit gesucht werden. Zweimal pro Woche hat man Einzel- und Gruppentherapie. Die Teilnahme an diesen Therapien ist nicht unbedingt verbindlich; man sollte nur an den Therapien teilnehmen, für die man vom Arzt angemeldet wurde. Die Klinik verfügt über 56 Betten und ist fast immer voll belegt. Outdoor-Schachspiel der Klinik. Es gibt keine Stationen, sondern so genannte Milieugruppen. Eine Gruppe hat ca. 15 Mitglieder. Jede Gruppe hat einen eigenen Raum. Unter einem Milieu versteht man das Lebensumfeld jedes Patienten und die Planung und Verwirklichung eines milieutherapeutischen Projektes. Die vier Milieugruppen heißen Aurora, Sarazenen, Drachen und Zugvögel. Vor gut 20 Jahren wurden von Patientenhand ein Schachfeld und entsprechende Figuren erschaffen und im Herbst 2010 errichteten die Sarazenen die Wippe des Vertrauens. Darunter versteht man eine handelsübliche Kinderspielplatzwippe. Diese Wippe ist so gedacht, dass man zu zweit oder zu dritt draufsteht, um nicht hinunterzufallen. Die Finanzierung solcher Projekte läuft über die Milieukasse, die ein Patient verwaltet. Allgemein muss man aber sagen, dass die Ammonsche Psychologie auch viele Kritiker und Skeptiker hat. Beispielsweise hat der renommierte Psychiater und Angstforscher Prof. Foto: privat Dr. Borwin Bandelow von der Universität Göttingen keine besonders gute Meinung über dieses Krankenhaus: Er stempelt es als spinnert ab. Das hat den Hintergrund, dass die Göttinger Universitäts-Psychiatrie eine verhaltenstherapeutische Einrichtung ist, d.h. sie arbeitet nicht tiefenpsychologisch-psychoanalytisch. Außerdem setzt man an der Göttinger Klinik bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen verstärkt auf die Einnahme von Medikamenten. Der Direktor der Göttinger Klinik, Prof. Dr. Peter Falkai, zeigte sich schon etwas moderater im Umgang mit München: Er hält die Ammonsche Psychologie lediglich für etwas ungewöhnlich. Ich selbst wurde auf die Klinik vor gut zehn Jahren über einen guten Bekannten aufmerksam. Mich machte neugierig, dass diese Einrichtung so ein alternatives Konzept hat. Ich wollte nicht mehr mit so vielen starken Medikamenten behandelt werden. Trotz dieser Um- Fortsetzung auf Seite 11

11 Leben & Gesellschaft Schnupfen im Kopf : Ein Leben mit Psychose Ein Film über ein Leben mit Psychose. Die Regisseurin Gamma Bak hat sich in diesem Film als verrückt geoutet. Sie beschreibt ihr Leben mit ihrer Erkrankung. Als Filmemacherin hat sie über viele Jahre immer wieder sich selbst gefilmt. Ein Glücksfall für diesen Film, weil er ihre persönliche Entwicklung dokumentiert. Zehn Jahre lang begleitete sich die an Psychose erkrankte Gamma Bak mit der Kamera, befragte Freunde und Familie. Sie habe mit ihrem Dokumentarfilm ein Tabu in der Gesellschaft aufbrechen wollen, über die Geisteskrankheit zu reden, sagt sie hierzu selbst. Oft wird ihr die Frage gestellt, wie es zu dem Titel für ihren Film gekommen ist. Bak sagt hierzu: Es ist eine einfache Erklärung. Als ich den Film gemacht habe, sagte mein Freund nach der zweiten Krise zu mir : Ach Gamma, das wird schon wieder vergehen, das ist doch bloß wie ein Schnupfen im Kopf. Und jetzt ist es für mich immer das Synonym dafür, wenn es mir gerade mal nicht gut geht, sage ich zu meinen Freunden: Oh, der Schnupfen ist wieder da. Es ist natürlich ein Spiel, eine sehr ernste Erkrankung mit so einer leichten Erkrankung zusammenzubringen. Es ist aber auch ein Versuch, zu sagen: Hey, Leute, das Ganze ist vielleicht gar nicht so bedrohlich und 11 so ernst, wie ihr denkt! Wir leben, wir leben okay, mit euch in der Gesellschaft! Schaut es euch an! Ein Thema, auf das sie oft angesprochen wird, ist die Ausgrenzung, mit der psychisch erkrankte Menschen leben. Gamma Bak sagt hierzu: Ach, wissen Sie, ich lebe ja seit 15 Jahren mit der Erkrankung, das heißt, ich lebe auch mit der Ausgrenzung, die damit zusammenhängt, und mit den Möglichkeiten, die mir gegeben sind, damit umzugehen. Ich glaube, der Film zeigt auch, dass ein angenehmeres wie auch lebenswertes Leben doch möglich ist, trotz der Einschränkungen mit den Medikamenten, trotz der Einschränkung durch die Krisen. Und gerade in den letzten Jahren, auch in der Zeit, als ich den Film fertiggemacht habe, konnte ich sehen, dass ich mich eigentlich immer um meine Integration bemüht habe, also immer drin zu bleiben in meinem Fach, dranzubleiben an meiner Arbeit. Vielleicht hat mir das auch ein bisschen geholfen. Der Film lief im Lumiere, einem Kino, das dafür bekannt ist, etwas andere Filme zu zeigen. In der ersten Vorstellung war Gamma Bak selbst anwesend, um Fragen zu ihrem Film zu beantworten. Kristina Schulz Filmszene aus Schnupfen im Kopf. Fortsetzung von Seite 10 stände dauerte es bis Spätsommer 2010, bis ich mich dort einweisen lassen konnte. Der Hauptgrund dafür war die große Entfernung. Ich war für insgesamt gut vier Monate dort. Die Klinik ist in den Krankenhausbedarfsplan des Freistaates Bayern aufgenommen worden; d. h., dass die Krankenkassen die Kosten übernehmen, so dass ich nichts dazubezahlen musste. Insgesamt Foto: Verleih muss ich aber sagen, dass ich etwas enttäuscht war. Meine Kindheitstraumata wurden nur am Rande behandelt. Zudem wurde ich im Laufe der Therapie immer depressiver. Ich denke, dass ich in der Göttinger Uni-Psychiatrie besser aufgehoben bin und wahrscheinlich nicht noch einmal nach München fahre. Jan Hendrik Gotthardt Termine: 25. bis 27. Juli E.A.S.I. Cup 2011 in Göttingen 19. und 20. August: Open Air Festival im KWP Bis 27. August: Open Air Kino im Freibad Brauweg 9. September: Sommerfest der Göttinger Werkstätten im Elliehäuser Weg 20

12 12 Aus der Werkstatt Jörg, unser Prinz ist tot. Plötzlich und unerwartet für uns alle starb er in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai Seit dem letzten Karneval kannten wir ihn alle, denn er war der erste Prinz, der aus der Werkstatt kam. Als erster Karnevalsprinz mit einem Handicap ging er durch die Medien. Sein größter Wunsch ging so in Erfüllung. Er war ein Hoffnungsschimmer in einer Welt, die irgendwie nicht so inklusiv Karneval war sein Leben Prinz Hörg. Foto: Christian Mühlhausen ist, wie sie sein sollte. Für seine Kollegen und Kolleginnen in der Werkstatt wird er unvergessen bleiben. Und er wird immer dazu gehören. Unvergessen sind auch seine Auftritte im Werkstattkarneval. Er wird allen fehlen, die sich regelmäßig am Karneval in der Werkstatt aktiv beteiligen. Unser Beileid gilt auch seiner Familie, die ihn in der Umsetzung seines Traums tatkräftig unterstützt hat. Kristina Schulz Thema: Schwerbehindertenausweis Liebe Kollegen, durch viele Gespräche mit verschiedenen Mitarbeitern musste ich feststellen, dass, obwohl wir in einer WFB arbeiten, es doch mehr von Euch ohne Schwerbehindertenausweis gibt, als ich das immer angenommen hatte. Vielleicht habt Ihr Angst, Nachteile zu bekommen, oder Eure Betreuer haben den Schwebi nicht beantragt. Zuerst der einzige Nachteil, den ich kenne. Einige Firmen stellen keine Mitarbeiter ein, die eine Behinderung haben. Doch selbst dazu lässt sich sagen, dass viele Firmen zum Beispiel ihren Pförtnerposten eher mit Menschen mit einer Behinderung besetzen, um die gesetzliche Quote zu erfüllen, da es ein Gesetz gibt, das besagt, dass Firmen ab einer bestimmten Größe einen behinderten Mitarbeiter einstellen müssen, da sie sonst ein Strafgeld zu zahlen haben, mit dem sie sich freikaufen können. Eine andere Möglichkeit ist, Behindertenwerkstätten an der eigenen Produktion teilhaben zu lassen. Der Ausweis ist kein Stigma, er bietet viele Vorteile. Er wird meistens vom Versorgungsamt auf Antrag ausgestellt, wenn der Grad der Behinderung mehr als 50 Prozent beträgt. Der Inhaber ist durch ihn berechtigt, Nachteilsausgleiche und besondere Rechte einzufordern, die ihm per Gesetz zustehen. Zwei wichtige Vorteile sind ein besonderer Kündigungsschutz und zusätzliche Urlaubstage. Der Inhaber eines Ausweises mit einem Grad von 70 Prozent und dem Merkzeichen B erhält entweder einen Steuererlass bei der Fahrzeugsteuer oder durch den Erwerb einer Wertmarke die Berechtigung, ein Jahr lang Busse kostenlos zu benutzen. Ohne Wertmarke kann nur die Begleitperson kostenlos mitfahren. Außerdem können der Metronom und die Regionalbahn je nach Verkehrsverbund kostenlos genutzt werden. Durch das Merkzeichen B im Ausweis (Die Berechtigung zur Mitnahme einer Begleitperson ist nachgewiesen) muss die Begleitperson bei Kinobesuchen, Schwimmbad und Sauna, vielen kulturellen Ereignissen und natürlich auch einigen sportlichen Veranstaltungen keinen Eintritt zahlen. Timo Loth Impressum Herausgeber : Elliehäuser Weg 20, Göttingen Telefon : 0551 / Fax : 0551 / Homepage : Vi.S.d.P.: Holger Gerken Geschäftsführer Redaktion: Udo Angerstein (Leitung), Jan Hendrik Gotthardt, Timo Loth, Ursula Schreiber, Kristina Schulz, Marcus Urban Gestaltung, Layout, Satz: Marcus Urban und Udo Angerstein Druck: Götinger Werkstätten gemeinnützige GmbH Auflage: 800 Stück Mit Namen gekennzeichnete Artikel geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder der Göttinger Werkstätten ggmbh wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen, Überarbeitung und (auszugsweise) Abdruck von eingesendeten Beiträgen. Kopie und Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion.

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