Nr. 202 Mai - Juli Gemeindeleben. Evang. Luth. Kirche Ismaning/Unterföhring. Lesen!

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1 Nr. 202 Mai - Juli 2012 Gemeindeleben Evang. Luth. Kirche Ismaning/Unterföhring Lesen!

2 in allen Gesundheitsfragen immer für Sie da! Apotheke Dr. Aurnhammer Dr. Peter Aurnhammer Bahnhofstraße 26 / Ecke Münchner Straße Ismaning Tel: Fax:

3 Editorial Liebe Gemeinde, zu den aus dem Fernsehen bekannten Sketchen von Loriot gehört der, in dem der Moderator einer Kultursendung anlässlich der Frankfurter Buchmesse aus dem Kursbuch der Deutschen Bundesbahn vorliest. Offensichtlich habe ich mir als Jugendlicher dies unterbewusst zu eigen gemacht, denn ich habe auch im Kursbuch gelesen, einfach so. Vieles, was in diesem Kursbuch stand, faszinierte mich, z.b. dass man, wenn man wollte, von London bis nach Athen oder Istanbul mit dem Zug fahren konnte oder nach Italien an den Strand, um dort mit einem guten Buch in der Hand - einem Roman - zu faulenzen. Mich faszinierten Ortsnamen und die wunderbare Ordnung der Welt, die aus diesem Buch herauszulesen war. Jeder Zug hatte seinen Fahrplan, seine Zeit. Schwarz auf weiß konnte man die Ordnung in diesem dicken Buch ablesen, und war sie versehentlich in Unordnung geraten, gab es Berichtigungsbücher, die man auch lesen konnte. Ordnung für das Leben, dass alles in rechten Bahnen läuft, dieser Wunsch treibt viele Menschen um. Wie wäre das, wenn es ein Lebenskursbuch gäbe, mit festen Zeiten, alles irgendwie vorherbestimmt, alles seiner Ordnung gemäß? Ich erschrecke immer ein wenig, wenn mir Menschen von ihrer Überzeugung erzählen, dass alles irgendwie vorherbestimmt sei, die Krankheiten, die Erfolge, der Tod. So als hätte Gott im Himmel ein Kursbuch, in dem unsere Lebenswege vorgezeichnet sind. In der Bibel lässt sich in vielen Geschichten nachlesen, wie Menschen herausgerissen werden aus festgelegten Bahnen, sich ihnen Wege neu öffnen. So wie dem Finanzminister der äthiopischen Königin Kandake, der so um das Jahr 30 n.chr. nach Jerusalem gereist war. Auf dem Rückweg liest er Texte des Propheten Jesaja und versteht - wie man so sagt - nur Bahnhof. Da begegnet ihm Philippus, erklärt ihm, was er da liest. Und die Begegnung mit dem Text und mit Philippus verändert sein Leben, lenkt es in andere Bahnen. Der Finanzminister lässt sich taufen. Es heißt von ihm: er zog seinen Weg fröhlich. So kann man es in der Apostelgeschichte im achten Kapitel nachlesen. Die Bibel will nicht als starres Buch gelesen werden, die Texte bringen Menschen in Bewegung, wenn sie sich ihnen auftun. Nicht starr, festgelegt ist unser Glaube, sondern er ruft uns immer wieder heraus aus Trägheit und allzu festen Ordnungen. Unser Glaube setzt uns in Bewegung, so wie auch der Heilige Geist, dessen Fest wir an Pfingsten feiern, unser Leben bewegt, immer neu belebt. Er, die Fantasie, der Atem Gottes. Viel Freude beim begeisterten Lesen wünscht Ihnen Ihr Pfarrer 3

4 Thema Warum lesen wir? Offener Literaturkreis in Ismaning Als Pfarrer Blechschmidt mit dieser Frage an unseren Literaturkreis herantrat mit der Bitte, sich dazu in einem Artikel zu äußern, ergänzte ich unwillkürlich diese Frage: Ja, warum lesen wir heute noch Bücher, angesichts einer riesigen visuellen Medienvielfalt, die mit ihren faszinierenden technischen Mitteln unsere Aufmerksamkeit, unsere Sinne und Gefühle intensiver ansprechen kann als das längst totgesagte Buch mit seinen kleinen schwarzen Buchstaben ohne Farbigkeit, ohne Bilder, ohne Bewegung, ohne Hintergrundmusik und ohne verzaubernde Kameraführung. Wie kann das Buch mit diesen verführerischen Möglichkeiten überhaupt noch konkurrieren und zwar mit Neuerscheinungen jährlich? Worin also besteht die Kraft des Lesens? Beginnen wir mit dem Lesen eines Buches, wählen wir einen Moment der Abgeschlossenheit von unserer Umgebung, der Ruhe, des Alleinseins. Wir treten in eine fremde, neue Wirklichkeit, die wir uns mit Hilfe unserer eigenen Fantasie erschließen. Durch unsere ganz persönliche Wahrnehmung des Gelesenen schaffen wir uns eine eigene Vorstellungswelt der Personen, der Räume, der Zeit, des Ablaufs. Wir setzen uns mit fremden Gedankengängen kritisch auseinander, wägen sie ab, vertiefen sie, gelangen zu neuen Einsichten, bewerten das Leben der Personen mit neuen Maßstäben, so dass unser Verständnis für sie erweitert wird. Zugegeben, dies alles kann auch durch Film, Video, Fernsehen, Internet erreicht werden. Aber dort ist uns die Bilderwelt vorgegeben, wir haben nicht die Wahl, sie selbst zu gestalten, übersehen häufig detaillierte Beschreibungsfeinheiten, weil sie im Bild einfach als vorgesetzter Gegenstand, Hintergrund oder Landschaft erscheinen. Dabei geht Sprache verloren. Etwas ganz Wichtiges beim Lesen ist auch: Wir können innehalten, den Text wirken lassen, ihn noch einmal lesen, wobei sich unsere Deutungen verändern können. Durch die Bestimmung unseres eigenen Lesetempos tauchen Fragen und unterschiedliche Interpretationen auf. In diesen Pausen sind wir frei, die Vielfalt der Gedanken zu erleben. Vor allem aber haben wir Zeit, uns an sprachlichen Formulierungen zu erfreuen: Wortneuschöpfungen, die uns amüsieren, völlig ungewöhnliche Vergleiche, Metaphern, die wir auflösen. Nicht vergessen will ich die therapeutische Wirkung, die beim Lesen auftreten kann. Durch das Eintauchen in eine andere, fremde Wirklichkeit, durch Identifizierung mit einer Romanfigur oder ihrer Abgrenzung kann größere Bewusstheit erreicht werden, können Relativierungen neue Akzente setzen. Und vielleicht fühlt sich ein Leser gestärkt nach der Lektüre. In dieser selbständigen Aktivität des Lesers anstelle passiver Aufnahme vorgefertigter Inszenierungen der visuellen Medien liegt der große Wert des Lesens. Und damit wird Lesen zum unverzichtbaren Glück der Menschen, besonders, wenn wir dies gemeinsam tun. Inga von Wins Der offene Literaturkreis trifft sich einmal im Monat mittwochs um Uhr im Gemeindehaus Ismaning. Die nächsten Termine: 16. Mai, 20. Juni und 18. Juli. 4

5 Thema Quelle der Freude Einmal im Monat treffen wir uns zum Literaturkreis im Gemeindehaus der evangelischen Gabrielkirche Ismaning. Für mich sind diese Treffen eine Quelle der Freude und Bereicherung. Zur Zeit lesen und beschäftigen wir uns mit ausländischer Literatur und lernen so die Lebenswirklichkeit von Menschen anderer Länder und Kulturen kennen und ihre Versuche der Daseinsbewältigung und Lebensgestaltung. Ich erlebe die Vielfalt menschlicher Erfahrungen und Lebensentwürfe eine Bereicherung. Im gemeinsamen Austausch kommen auch Erfahrungen und Überzeugungen aus unserer eigenen Lebensgeschichte zur Sprache. In ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit weiten sie meinen Blick und regen mich zum Nachdenken an. Unser Kreis besteht aus TeilnehmerInnen, die aus verschiedenen Familiensituationen, Berufen und Generationen kommen eine Fülle von buntem, gelebten Leben. Offenheit und gegenseitiges Vertrauen verbinden zu einem Gemeinschaftsgefühl, das ich in den Alltag mitnehme. Lesen Warum verbringe ich Zeit mit Lesen, dafür gibt es doch gar keine Spesen! Ich verdiene damit kein Geld, aber kann versinken in eine andere Welt; dass ich Neues kennenlerne, Sitten, Länder in der Ferne. Möchte ich dies tun ganz allein? Oder manchmal mit anderen zusammen sein? Literaturkreis: Roman und Gedicht, er gibt mir eine neue Sicht. Kurzgeschichte und Novelle, ob ich mal selber etwas vorstelle? Frau von Wins macht dazu Mut, diese Leitung tut uns gut! Reden über viele Themen, die wir uns monatlich vornehmen. Darum werde ich weiterlesen, - ohne Spesen; weiterhin kein Geld machen, weinen oder lachen über Liebe, Tod und Glück kehr zum Lesen ich zurück! Elisabeth Blum Hildegard Hofmann 5

6 Thema Lesen? Ich hasse es! Bitte klicken Sie hier und bestätigen Sie, dass Sie unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen akzeptieren. Okay, noch schnell das Häkchen setzen und die Bestellung abschicken. Die AGBs? Nein danke. Im Internet soll alles schnell und unkompliziert gehen und dann soll ich wirklich seitenweise AGBs lesen und am besten auch noch die Datenschutzbedingungen? Ich hasse es. Noch schlimmer sind notarielle Kaufverträge. Sie kommen zuerst per Post, da darf ich mich vertiefen in über 20 Seiten und an einem spannenden Juristendeutsch erfreuen. Dann kommt der Termin beim Notar: Der leiert eine gute halbe Stunde den gleichen Text herunter, unterbricht mal kurz für eine gelangweilte Erklärung und beendet seine Lesung mit dem Satz: Wenn Sie alles verstanden haben, unterschreiben Sie bitte hier. Ich hasse es. Lesen? Ich liebe es! Stöbern im Buchladen. Klappentexte lesen, hier und da und dort, die Zeit vergeht Ich liebe es. Morgens beim Frühstück mit der Süddeutschen : zuerst der Landkreisteil, dann der politische. Mein Mann versinkt im Wirtschaftsteil und zwischen Kaffee und Müsli tauschen wir die wichtigsten Neuigkeiten aus. Ich liebe es. vom Sohn aus dem Ausland. Das ist nicht nur lesen, das ist viel mehr. Das ist Nähe über tausende Kilometer. Die Mails werden wieder und wieder gelesen, auf keinen Fall gelöscht. Ich liebe es. Oder Bedienungsanleitungen! Es soll tatsächlich Menschen geben, die die Anweisungen Punkt für Punkt durchgehen, BE- VOR sie den Nippel durch die Lasche ziehen. Ich gehöre nicht dazu. Im Gegenteil, ich hasse es. Täglich in der Post Mailings, Werbebriefe, Fachzeitschriften oftmals verbunden mit dem folgenden Anruf und der zuckersüßen Anfrage: Haben Sie unser Schreiben bzgl. des neuen... gelesen? Nein, ich lese nicht! Ich hasse es. Sonntag Nachmittag. Ruhe. Im Winter gemütlich auf der Couch, im Sommer genauso behaglich unter einem Baum im Garten. Nur ich - und mein Buch. Genuss pur. Lesen, ich liebe es. Karola Eibl Und dann ist da noch das Korrekturlesen eigentlich gehört es für mich in die linke Spalte. Ich mag es nicht. Es ist lästig und ich frage mich, ob es wirklich auf jedes Komma ankommt. Aber, wenn wir im Redaktionsteam über Groß oder Kleinschreibung, ss oder ß diskutieren, hier und da ein Komma streichen oder großzügig ein Semikolon einstreuen, haben wir immer viel Spaß dabei. Da wird (bei aller Ernsthaftigkeit) am meisten gelacht und das liebe ich. 6

7 Lesen kontrovers: Igel, Füchse, Elefanten Thema Wer mit der S-Bahn in die Stadt fährt, erlebt gleich ab Unterföhring die Scheidung der Geister: Wo die einen noch mit dem Handy am Ohr und in eifrigem Reden den Bahnhof erreichen, kommen andere gesprächig miteinander daher häufig genug aber auch die ganz Anderen. Denen leicht anzusehen ist, dass sie sich nach den Nerven strapazierenden Dauer- Verbindungen unter einem beruflichen Medien - oder Versicherungs- Dach nun umso mehr auf ihre erholsame Alternative freuen. Ist der Zug wieder unterwegs, macht teilnehmende Beobachtung schnell klar: Überraschend viele wissen einen Platz zu finden, auf dem sie jetzt ein Buch hervorholen und erstaunlich konzentriert lesen. Sind sie die Igel, einem großen erzählerischen oder dokumentarischen Thema aufmerksam und in phantasievoller Wahrnehmung verschrieben, mitten im Gewühl vieler Fahrgäste? Dagegen die Füchse, ungern auf eine Grundidee festgelegt, immer unterwegs auf der Suche nach neuen Assoziationen, Informationen, Anspielungen, Erfahrungen, Situationen- Meister im Internet, -versessen. Und die Web- Elefanten : behutsam weltweit unterwegs, umsichtig, anpassungsfähig, sozial aufgeschlossen. Zugleich Liebhaber auch durchaus größerer Texte, die mit Hingabe gelesen sein wollen. (Hier ganz zu schweigen von den einzelgängerischen Web- Leoparden ). Aber, vielleicht sind die abendlichen S- Bahn- Igel am nächsten Morgen dann auch ganz gern (wieder) selbst Füchse oder Elefanten im Netz? Unsere Kulturgeschichte zeigt klar, dass noch nie die jeweils aktuellen Kommunikationsmedien Menschen dazu gebracht haben, die alten einfach aufzugeben. Ein belesener Mensch kann sich unbesorgt an seinem Computer tummeln, und der steht durchaus sinn-voll mitten zwischen herkömmlichen Bücherwänden und aktuellen E- Books voll inter-aktiv. Parallele Zeichenwelten eben. Ein gemeinsamer Lese- und Erzählhaushalt der gleichzeitig lebenden Generationen scheint dabei allerdings tatsächlich als Schatz unserer Kultur verloren gegangen zu sein. Für die lebenserhaltenden Anknüpfungen in offener Geselligkeit sind wirklich neue Verständigungswege gefragt: zwischen schöpferischer Fantasie und disziplinierter Freude an den gerade neuen Medien. Karl Friedrich Reimers 7

8 Thema Er liest! Freiwillig! Ein Lehrergespräch. Ich hatte den Auftrag, eine Lehrerin danach zu fragen, was ihre Schüler denn (gern) lesen. Das war eine spannende Frage, gerade in Hinblick auf die eigene Erinnerung an den gelben Schrecken namens Reclam und Co. Ich habe mit Veronika Czerny gesprochen, mit einer befreundeten, frisch aus dem Referendariat entlassenen Lehrerin. Reclam? Nein, die werden gar nicht mehr so häufig gelesen. Sie hat sechste und siebte Klassen an Münchner Gymnasien unterrichtet, vornehmlich in Englisch. Gregs Tagebuch - das sei der Renner. Greg wer? Gregs Tagebuch, geschrieben von einem amerikanischen Onlineentwickler namens Jeff Kinney, ist eine Mischung aus Komik und Roman. Also Fließtext nebst einer Menge an Zeichnungen, beides aus der Hand von Kinney. Es existieren aktuell sechs Folgen, zwei davon sind verfilmt. Allesamt Publikumslieblinge. Die Hauptfigur Greg Heffley ist selbst Schüler, und seine Schulgeschichten basieren auf realen Erlebnissen aus der Vergangenheit des Autors. Kinney muss eine sehr lustige Kindheit gehabt haben und vor allem ein gutes Gedächtnis. Die ersten Folgen mit dem kleinen Greg finden bereits Einzug in die Grundschule, weiß Vroni Czerny zu berichten. Und es ist wirklich witzig, bestätigt sie. Wie seine Leser, wird auch Greg älter. Die Fortsetzungen spielen im Highschool-Alter und werden gern am Gymnasium im englischen Original gelesen. Eine Kindheit mit Greg, einem Schüler, dem mehr Dummheiten denn Weisheiten widerfahren. Vroni ist ein junge Lehrerin, die selbst die heimischen Flure mit Büchern füllt, eine leidenschaftliche Leserin und Realistin: Lektüre sollte realitätsnah sein, damit sie gern gelesen wird. Um das Leseinteresse zu wecken, sei der Stoffplan daher auch etwas zeitgemäßer geworden. Was das bedeutet, verschluckt die Telefonleitung. Aber, fügt sie mit einem Grinsen hinzu, Gregs Tagebuch sei für eine Auflockerung im Englischunterricht hervorragend, wenn es heißt: Heute nehmen wir das Wortfeld Schimpfwörter durch. Denn Greg ist, wie der Autor selbst sagt, kein Sympathieträger, eher ein Naseweis, der seine eigenen Macken nicht wahrnimmt. Und da hagelt es nicht nur Prügel von älteren Schülern, sondern auch Schimpfwörter. Ganz Realismus eben. Durch die G8-Regelung ist auch der Leseanteil im Unterrichtsplan gekürzt, und Lehrer wie Veronika Czerny sind froh, wenn die Schüler überhaupt lesen. Sie lacht. Es entsteht eine Schweigepause. Das scheint nicht nur Lehrern so zu gehen, wenn man die Rezensionen auf Amazon liest: Väter und Mütter, die Gregs Tagebuch an ihre lesemuffeligen Kids verschenkt haben, schreiben zu 99% unisono: Er liest! Freiwillig! Harry Potter bekommt also ernsthafte Konkurrenz, denn Greg ist nicht nur schulische Pflichtlektüre, er liegt millionenfach auf den Nachttischen zuhause und auch auf der New York Times Bestseller Liste ganz oben. Von Idioten umzingelt heißt die aktuelle Folge und ihre ungebrochene Lese-Beliebtheit demonstriert, wie sich Freizeit und Schulzeit vermischen. Es könnte Schlimmeres geben. Julia Schulze 8

9 Lesen bildet Bravo gestern und heute Thema Ich war eine fleißige Bravo -Leserin, und ich war 13. Jeden Donnerstag pilgerte ich brav zum Standl an der Straßenecke, um die neueste Ausgabe zu erstehen für 1,20 Mark. Wenn ich s früh morgens mal nicht geschafft hatte, legte mir die Standl-Frau auch schon mal ein Exemplar zur Seite. Und wenn ich gar erst am Wochenende dazu kam, mein Heft zu besorgen und der Vorrat am Standl längst aufgebraucht war, durfte ich meinen Wissensdurst mit dem Exemplar stillen, das vorher die Tochter der Standl-Frau auf den neuesten Stand gebracht hatte. Wichtigstes Thema war die Sexualaufklärung von Dr. Sommer, gefolgt von der Foto-Love-Story. So ganz nebenbei nahm ich Informationen zu Alice Cooper, Suzie Quatro oder Rod Stewart auf, bastelte manchen Poster-Starschnitt zusammen. Der Fokus meiner Aufmerksamkeit war jedoch ganz eindeutig auf die Expertenmeinungen in Sachen Liebe gerichtet. Und nach einem Jahr hörte ich auf damit, weil mir aufging, dass sich die Themen wiederholten. Da war ich dann durch damit. Tempora mutantur die Zeiten ändern sich, aber eben doch nicht komplett. Fast ein bisschen wehmütig sehe ich heute meine beiden Töchter Bravo lesen, sie sind 14 und fast zwölf, haben also schon früher angefangen als ich damals. Und sie sind nicht so konsequent dabei. Die Besorgung des Heftes obliegt der Jüngeren, die auch schon mal ihren Bravo -Hunger in der Gemeindebibliothek stillt, wenn das Taschengeld in andere Dinge investiert wurde. Einig sind sich beide, dass die Foto-Love-Story den ersten Platz einnimmt. Aber dann sind die News über Stars und Sternchen viel wichtiger als diese ewige Aufklärung. Die findet lediglich der Papa interessant, wenn er mal ein Heft in die Finger bekommt, damit er weiß, wo seine Töchter gerade stehen. Poster, Autogrammkarten und Gossip sind viel wichtiger für die Leser heute. Man muss doch schließlich wissen, was Charly Sheen über Ashton Kutcher in Two and a half man sagt. Ob die aktuellen Bravo - Vorlieben wohl daraus resultieren, dass Kinder in unseren Tagen seit dem Kindergarten immer wieder aufgeklärt werden und deshalb keine Bravo-Experten aus dem Dr.-Sommer-Team brauchen? Eigentlich ja keine schlechte Entwicklung. Einen Nebeneffekt hat das Ganze allerdings. Nach einem Jahr Dr.-Sommer-Aufklärung war mein Bedarf damals gedeckt, ich investierte mein Taschengeld fortan in lohnenderere Projekte. Diesen Abnutzungseffekt gibt es heutzutage nicht mehr. Miley Cyrus, Rihanna und Konsorten produzieren täglich neue News da fällt die Wiederholung nicht so auf. Angela Fuchs-Deraëd 9

10 Thema Lesen im digitalen Medienzeitalter Wer liest denn heute noch Bücher? Genügt es nicht, dass Informationen in digitaler Form überall verfügbar sind? Es ist unbestritten, dass die Digitalisierung alle Lebensbereiche umfasst. Aber geht damit wirklich ein dramatischer Verlust der Buchkultur einher? Die Erfahrungen aus der täglichen Arbeit in der Gemeindebibliothek Ismaning zeigen noch keinen Grund zur Sorge. Im Jahr 2011 haben aktive Leserinnen und Leser Medien entliehen. Knapp Ausleihen entfielen davon auf die vorhandenen Bücher und Zeitschriften. Die Liebe der Ismaninger Kinder und Erwachsenen zum Buch ist nach wie vor noch ungebrochen. Kleine Kinder haben viel Freude daran, wenn sie mit der Erfahrungswelt der Bilderbücher in Kontakt kommen und ihnen die Eltern daraus vorlesen. Nicht zu unterschätzen sind Genuss und Entspannung, die beispielsweise beim Lesen eines noch physisch vorliegenden Buches auftreten können. Das haptische Gefühl des Buchs in Kombination mit einer bequemen Lesehaltung ermöglicht oft erst das Eintauchen in die Welt der Träume und Fantasien. Das Loslassenkönnen und das sich auf die Intention des Autors einlassende Lesen eröffnet erst neue Welten. Die Qualität des Wissens in Büchern, für das der Autor und ein renommierter Verlag letztlich bürgen, ist nicht immer mit Inhalten des Internets vergleichbar. Bei der Lektüre eines Buchs hat der Leser jederzeit die Autonomie über die Lesegeschwindigkeit und -menge. Bei digitalen Texten überwiegt die Gefahr der Ablenkung durch Hyperlinks und Werbung, so dass der eigentliche Text mit der Parallelaufnahme weiterer Informationen nicht mehr in seiner Ganzheit, sondern nur noch fragmentarisch wahrgenommen werden kann. Studien belegen, dass die kognitive Merkfähigkeit bei digitaler Lektüre deutlich unter der der Printmedien liegt. Digitale Informationen ermöglichen zwar die schnelle und aktuelle Informationsversorgung, eine Gewährleistung dafür, dass heute im Internet gefundene Informationen auch noch Wochen später unverändert vorhanden sind, gibt es leider nicht. Unabhängig davon, aus welchem Medium Informationen aufgenommen werden, stellt die Lesefähigkeit die grundlegende Voraussetzung dar. Laut der leo.-studie von 2011 zählen 14,5 % der erwerbsfähigen Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren zur Kategorie der funktionalen Analphabeten". Die Lust am Lesen zu wecken ist auch aus gesamtgesellschaftlicher Sicht ein wichtiger Auftrag, den Bibliotheken und Elternhaus täglich praktizieren sollten. Viel Lesespaß und Erfolg beim individuellen Erkenntnisgewinn wünscht Ihnen Christian Mörtel (Leiter der Gemeindebibliothek Ismaning) 10

11 Lesen und Zensur Thema Bei der Besprechung des Themas Lesen kam mir spontan folgende Stelle vom Buch Warten von Ha Jin, das in China Mitte der 1960-er Jahre kurz nach der Kulturrevolution spielt, in den Sinn: zwei Tage später kam die Anweisung der Politischen Abteilung des Krankenhauses, dass alle Bücher abzugeben seien, die Gefühle oder bürgerliche Ideologie enthielten, besonders solche von ausländischen Autoren Das genannte Buch faszinierte mich, weil es in einer nüchternen Sprache sehr spannend eine persönliche Lebensgeschichte beschreibt und nebenbei einen guten Einblick in die ideologischen und politischen Verhältnisse in China gibt. Es ist für mich faszinierend, welche Angst vor allem totalitäre Staaten davor haben, dass ihre Bürger die falschen Bücher lesen. Auch dem Christentum haftet in dieser Beziehung eine negative Vergangenheit an. Die gefürchtete Inquisition schuf den berühmten Index librorum prohibitorum, auf dem sich bis 1966 (!) die gesammelte Weltliteratur der europäischen Neuzeit wieder finden sollte. Auch Galileos Buch Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme, das ptolemäische und das kopernikanische wurde 1633 verboten, weil die Kirche nicht einmal die Diskussion darüber zuließ, ob die Erde sich um die Sonne drehe (siehe Dava Sobel: Galileos Tochter ). Auch in der jüngsten Geschichte finden sich ungeheuerliche Beispiele für Zensur. Die Bücherverbrennung der Nazizeit ist uns allen ins kollektive Gedächtnis eingeprägt. Aber auch an die Zensur in der DDR können sich viele von uns noch erinnern, wenn ihnen z.b. an der DDR-Grenze eine nach unseren Maßstäben unbedenkliche Zeitschrift abgenommen wurde. Übrigens gab es - man höre und staune - in der DDR keine Zensur: die Verfassung der DDR von 1949 garantierte die Meinungs- und Pressefreiheit, wie sie auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert ist. Allerdings gab es im Strafgesetzbuch der DDR den 106 gegen die staatsfeindliche Hetze und gegen den Missbrauch der Medien für die bürgerliche Ideologie, den 219 gegen ungesetzliche Verbindungsaufnahme, womit z.b. der Besitz westlicher Zeitschriften bestraft wurde, den 220 gegen Staatsverleumdung und die 245, 246 gegen Geheimnisverrat. In der Bundesrepublik wird ebenfalls die freie Meinungsäußerung durch andere Rechtsgüter eingeschränkt, wie die freie Entfaltung der Persönlichkeit, der Schutz vor Diskriminierung, der Schutz der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, der Schutz gegen Volksverhetzung oder gegen NS-Verherrlichung, der Jugendschutz und vieles mehr. Durch den gesellschaftlichen Wandel ändert sich ständig das Schutzbedürfnis, wie im Bereich der Sexualmoral oder der Gefahr vor Terrorismus, sodass das Thema Zensur immer wieder zu heftigen Diskussionen oder gerichtlichen Auseinandersetzungen führt. Der Schutz des Lesers wird von denen, die Macht ausüben, dazu missbraucht, den Leser gezielt zu beeinflussen, daher versucht die Politik immer wieder, die Medien für ihre Zwecke zu benutzen. Nicht nur aus diesem Grund muss der Leser immer wieder achtsam sein, ob das, was er gerade liest, wahr und gut ist. Kurz zusammengefasst: Lesen ist gefährlich! Jürgen Sommerer 11

12 Thema Sperr Deine Bücher nicht ein - lies sie und dann lass sie frei! Haben Sie schon mal ein Buch freigelassen oder vielleicht eins eingefangen? Ja? Dann kennen Sie bookcrossing.de Bookcrossing.de ist die Bibliothek für die ganze Welt. Auf dieser Seite kann man Bücher, bevor man sie frei lässt, regis-trieren. Die Seite feiert die Literatur und ist ein Platz, an dem Bücher ein neues Leben finden. BookCrossing gibt einem Buch eine eindeutige Identität, so dass es, während es von Leser zu Leser weitergegeben wird, verfolgt werden kann und somit auch seine Leser miteinander verbindet. Bei Redaktionsschluss gab es BookCrosser und Bücher, die durch 132 Länder reisen. In Deutschland waren es Mitglieder, davon aus Bayern und davon wiederum acht aus Ismaning und neun aus Unterföhring. Neugierig geworden? Viel Spaß. Karola Eibl Übrigens: Für alle, die sich gern mal aus dem Internet gute Buchtipps holen wollen, gibt es das Evangelische Literaturportal "eliport" (www.eliport.de), das die evangelischen Büchereien in Deutschland betreut: Hier kann jeder nach Büchern und Hörbüchern stöbern, und Literaturtipps, auch in Form von Newslettern finden. Lesen-Können Begriffe und Sprache werden auf der ganzen Welt verschieden, aber nach bestimmten Regeln mit Buchstaben, Silben, Zeichen oder Wörtern dargestellt. Die entstehenden Aufzeichnungen sind in der Regel für jeden lesbar, fast immer auch verständlich. Denn: nicht nur lesen muss man können, sondern auch verstehen. Im Gehirn sorgt ein über mehrere Areale verteiltes Lese- Schreib-Zentrum (read-write centre) dafür, das Gelesene in Sprache und Begriffe wieder zusammenzufügen. Geschriebenes wird erfolgreich decodiert. Das ist 'verstehen'. Der umgekehrte Vorgang findet natürlich beim Schreiben statt. In der Schule wird Kindern Lesen und Schreiben beigebracht. Blinde müssen mit ihren Fingerspitzen die Braille-Schrift zu entziffern lernen. Sehen allein genügt aber nicht, um etwas schriftlich Codiertes auch zu entschlüsseln. Man darf nicht vergessen: Dieser ganze, komplexe und geradezu wundersame Vorgang ist störbar. Die Legasthenie, eine Lese-Rechtschreib-Störung, ist in verschiedenen Ausprägungen nicht einmal selten. Die Alexie hingegen bezeichnet das Unvermögen, bei intaktem Sehvermögen den Sinn von Gelesenem (nur einzelne Buchstaben oder ganze Wörter) zu erfassen. Wie gut, lesen zu können! Helmut Rennau 12

13 Lesen tut weh Wie sagte meine Mutter immer, wenn ich im Zwielicht gelesen habe: Junge, verdirb dir nicht die Augen. Heute wissen wir, dass es ein Ammenmärchen war, an das alle fest geglaubt haben. Aber es gibt schon Risiken beim Lesen, physische wie psychische. Man kann auf dumme Gedanken kommen, sich aber auch richtig weh tun. So erging es mir kürzlich. Ich las ein spannendes Buch, in die Ecke des Sofas gekuschelt. Die Zeit verging, ich merkte es nicht. Ich war nicht müde, nicht durstig, nicht hungrig. Es muss am frühen Morgen gewesen sein, als ich durch war und mich langsam aus meiner Lesehaltung streckte. Da ging ein Ziehen durch meinen Rücken und ließ mich erstarren. Ich konnte mich kaum noch rühren. Ein Hexenschuss. Ach ja, das Buch: The Singularity is near von Ray Kurzweil. Eine Bestandsaufnahme und eine Science Fiction Tour d Horizon durch die Themen Evolution, Künstliche Intelligenz, Nanotechnologie, Roboter, Biologie und andere mit einer optimistischen und inspririerenden Prognose. Ein erfrischendes Buch in einer Zeit, in der so viel gejammert wird. Martin Peglow Thema Lesen Sie nicht diesen Text!...und schon ist es passiert. Wenn man mal Lesen gelernt hat, verlernt man es nicht mehr und schlimmer noch: man kann gar nicht mehr NICHT lesen. Die Augen scannen die Umgebung nach den vertrauten Codes (Buchstaben genannt), das Gehirn setzt sie umgehend zu Wörtern zusammen und ordnet ihnen auch gleich die passende Bedeutung zu. Man fährt an einem Werbeplakat vorbei und, ohne es zu wollen, hat man den Text gelesen, ja, man ärgert sich womöglich noch, nicht die komplette Botschaft erfasst zu haben, weil man zu schnell daran vorbei war. Man ertappt sich dabei, wie man englische Untertitel bei einem Film liest, obwohl die Darsteller deutsch reden. Kommt man in ein Land, in dem eine fremde Schrift benutzt wird, versteht man plötzlich, wie sich ein Analphabet fühlen muss, der in den allgegenwärtigen Textmitteilungen nur bedeutungslose Hieroglyphen erkennt, und man hat die ständige Befürchtung, wichtige Informationen zu verpassen. Diese komplexe und abstrakte Fähigkeit des Lesens hat der Mensch im Laufe der Zeit zu einer nahezu unentbehrlichen Notwendigkeit gemacht; und wenn man bedenkt, dass ohne dieses Vermögen der gesamte Jahrtausende alte Kulturbereich der Literatur gar nicht entstanden wäre, muss man einfach sagen: Es ist wundervoll, lesen zu können! Eva Rennau 13

14 Thema Die besten Freunde oder: Eine Anleitung zur geistlichen Schriftlesung Ein Sprichwort sagt: Bücher sind die besten Freunde. Bedruckte Blätter, die zwischen zwei Buchdeckel gebunden werden, strahlen etwas Edles und in gewisser Weise Unveränderliches aus. Ganz anders wir Menschen: Gefühls- und Stimmungsschwankungen können uns zu wankelmütigen Zeitgenossen machen. Besonders in zwischenmenschlichen Beziehungen kann das Wankelmütige für Unsicherheit sorgen, die dem menschlichen Bedürfnis nach Sicherheit im Wege steht. Wenn ein Mensch daher zu einem Buch greift, setzt er sich nicht der Welt der Irrungen und Wirrungen aus. Vielmehr bietet ein Buch die Möglichkeit, in andere Welten einzudringen, die Abstand zum Alltag schaffen. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn Bücher als beste Freunde bezeichnet werden. Was vom Buch ganz generell gilt, trifft auch auf das Buch der Bücher, die Bibel, zu. Es gibt eine besondere Weise der Bibellesung, die auch geistliche Lesung oder lectio divina (wörtlich: göttliche Lesung) genannt wird. Wie diese ablaufen kann, möchte ich Ihnen vorstellen. 1. lectio das Lesen des Textes Im ersten Schritt wird der Text gelesen, in den der Beter tiefer eindringen will. Ich schreibe ganz bewusst Beter, denn geistliche Lesung ist eine Form des Betens. Auf die Frage, welcher Text betrachtet werden soll, gibt es mehrere Antwortmöglichkeiten: Der Beter kann sich ein biblisches Buch vornehmen (z. B. ein Evangelium), das er im Verlauf mehrerer Wochen schrittweise liest. In fast allen Bibelausgaben findet sich eine sinngemäße Einteilung des Gesamttextes nach Überschriften. Es kann nach den Evangelien für die Messfeiern der einzelnen Tage vorgegangen werden (katholisches Milieu) oder nach dem Bibelleseplan (evangelisches Milieu). Zum Lesen gehört auch die sog. Zurichtung des Schauplatzes: Der Leser malt sich die Szene, die er gelesen hat, aus und fragt sich auch, wo er selbst in der Geschichte vorkommt. Eine allzu schnelle Identifizierung mit Jesus sollte allerdings vermieden werden. Bei den Briefen des Neuen Testaments, etwa des Paulus, mag diese Zurichtung schwierig werden. In dem Fall kann es helfen, sich vorzustellen, wie Paulus aussieht, und wie der Platz gestaltet ist, von dem aus er den Brief schreibt. 2. meditatio das Verweilen am Text Der zweite Schritt besteht aus einem tieferen Eindringen in den Text. Dazu empfiehlt es sich, den gelesenen Abschnitt in drei Sinneinheiten zu unterteilen. Wie diese Einteilung geschieht, ist dem einzelnen selber überlassen. Sind die Sinneinheiten festgelegt, sollte jeder Abschnitt zunächst noch einmal gelesen werden und zwar laut oder zumindest flüsternd. In einer anschließenden Stillezeit lässt der Beter sich vom jeweiligen Abschnitt ansprechen. Das ist das eigentliche meditative Geschehen. Die geistlichen Väter aus der Frühzeit der Kirche haben diesen Schritt der Meditation auch als ruminatio bezeichnet. Das Bild, das der ruminatio zugrunde liegt, ist die wiederkäuende Kuh. Wie diese das gefressene Gras wieder kaut, so bewegt auch der Beter das Gelesene in seinem Inneren hin und her. Der Schritt der meditatio wird bei allen Sinnabschnitten des Textes vorgenommen, an den dann ein dritter Schritt anschließt: 14

15 3. oratio das Gebet Was sich der Beter meditativ angeeignet hat, wird nun ins Gebet genommen. Gott tritt damit als Dialogpartner in das Geschehen der Lesung ein, daher stammt auch der Name göttliche Lesung. Der Beter kann Gott gegenüber seine Fragen, seine Einwände, aber auch seine Zustimmung und seine Begeisterung äußern. Alles ist erlaubt, solange es ehrlich ist. Thema 4. contemplatio das Verweilen Dieser vierte Schritt kann nicht bewusst geplant werden, er ist ein Geschenk Gottes. Es besteht darin, dass der Beter ohne Gedanken und ohne Sprechen einfach im Augenblick verweilen darf. Dieser Schritt stellt sich nicht immer ein, er wird sogar nur in seltenen Momenten geschenkt. Wenn die contemplatio ausbleibt, heißt das noch lange nicht, dass die drei vorangegangenen Schritte sinnlos waren im Gegenteil: Die seltenen Momente, in denen die contemplatio geschenkt wird, drücken die Besonderheit des vierten Schrittes aus, in der sich die Unverfügbarkeit Gottes zeigt. Sollten Sie Interesse an dieser Form des Betens gefunden haben, probieren Sie es doch einfach aus. Vieles im Leben bewährt sich erst durch das Experiment. Für die vorgestellten vier Schritte sollte im Gesamten etwa eine Zeit von 30 Minuten veranschlagt werden. Ich wünsche Ihnen viel Be-Geist-erung beim Lesen der Schrift. Vielleicht wird die Bibel zu Ihrer ganz speziellen Freundin. Ihr Dr. Christoph Hentschel Kaplan im katholischen Pfarrverband Ismaning-Unterföhring Lesen und Hören Die Lesung im Gottesdienst Seit Christen sich in Gottesdiensten versammeln, singen sie Lieder, beten sie, feiern sie miteinander das Mahl, und hören sie auf die Lesung. Zu Beginn waren es Abschnitte aus Briefen des Paulus, aber auch anderer Autoren, später kamen die Texte hinzu, die wir als die Evangelien kennen, die vom Leben Jesu erzählen, von seinem Tod und seiner Auferstehung. Was in unseren Tagen in unseren Gemeinden am Sonntag im Gottesdienst gelesen wird, das wurde 1977/78 festgelegt. Die sogenannte Perikopenordnung gilt für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und ist eine Besonderheit, die andere lutherische bzw. evangelische Kirchen in der Welt so nicht kennen. Die Perikopenordnung regelt auch, über welchen Text gepredigt wird, wobei sich die Texte alle sieben Jahre wiederholen. Zur Zeit wird überlegt, diese Ordnung zu ändern, denn die bisherige Leseordnung hat neben einigen Stärken auch ihre Schwächen. In der neuen Ordnung sollen sich Basistexte öfter wiederholen, sperrige, schwer verständliche Texte herausgenommen werden. Dabei geht es darum, wieder stärker den Lebensbezug der biblischen Lesungen zu betonen. Denn die Texte der Bibel beanspruchen, wo sie gelesen und gehört werden, dass sie mir etwas für mein Leben und meinen Glauben zu sagen haben. Oliver Englert 15

16 Thema Lieblingsbücher vorzustellen ist ein schwieriges Geschäft. Ob ein Buch gefällt oder nicht ist abhängig von unglaublich vielen Parametern wie Genre, Gestimmtheit, Aufnahmefähigkeit - um nur einige zu nennen. Dennoch gibt es für jeden von uns diese Highlights, diese Geschichten, die uns in einem ganz bestimmten Moment berühren, uns etwas gesagt haben und uns weiterhin begleiten. Und genau diese Bücher möchten wir an dieser Stelle vorstellen die Lieblings(hör)bücher der Redaktion. Jorge Semprún: Netschajew kehrt zurück Vier junge Leute gründen 1968 die "Proletarische Avantgarde" und verschreiben sich dem terroristischen Klassenkampf löst sich die Gruppierung auf, alle Mitglieder wollen in ein geregeltes bürgerliches Leben einsteigen alle, bis auf Netschajew. Die Aussteiger beschließen, ihn zu töten, damit er ihnen keinen Strich durch die Rechnung macht. Jahre später werden Attentate auf ehemalige Mitglieder verübt... Netschajew kehrt zurück ist eine spannende Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt, aufgehängt an drei charakteristischen historischen Zeitpunkten, der Résistance, den Unruhen 1968 und den terroristischen Auseinandersetzungen in den 1980er Jahren. Bernhard Schlink: Selb-Trilogie als Hörbuch Der Protagonist ist Gerhard Selb, ein 68jähriger Privatdetektiv, der zu viel raucht, leidenschaftlich gerne Schach spielt und mit Brigitte liiert ist. Im ersten Fall, Selbs Justiz, muss der Privatdetektiv bei dem Auftrag, einem Computer-Hacker das Handwerk zu legen, sich seiner Vergangenheit als Staatsanwalt im NS- Regime stellen. Selbs Betrug, der zweite Fall, führt den Privatdetektiv in das Umfeld ehemaliger und noch aktiver Terroristen. Und wieder findet er eine recht eigenwillige Lösung. Mit Selbs Mord endet diese wunderbare Trilogie: Es geht um einen sonderbaren Auftrag im Bankensektor. Vorgelesen wird die Trilogie von Hans Korte, der phantastisch glaubwürdig in die Rolle des schrulligen Privatdetektivs schlüpft. Angela Fuchs-Deraëd Ivo Andric: Die Brücke über die Drina Am Beispiel dieser Brücke wird das Leben der Menschen an der Grenze zwischen dem Christentum und dem Islam und die Tragik des Balkans in dieser ständigen Machtverschiebung zwischen Ost und West beschrieben. Ich fand es gut, dass die große Geschichte am Schicksal der betroffenen Menschen festgemacht wird. Waris Dirie: Wüstenblume Waris Dirie hat zwei Leben gelebt: eines als Nomadenkind in Afrika und das andere als erfolgreiches Model in unserer westlichen Welt. Das Buch hat mich nachdenklich gemacht über die extremen Wertunterschiede auf dieser Welt und die Frage, was wichtig ist im Leben. Jürgen Sommerer David Nicholls: Zwei an einem Tag 15. Juli 1988: Nach einer feuchtfröhlichen Abschlussfeier wachen Emma und Dexter verkatert in Emmas Bett auf. Unangenehm bis peinlich ist die Situation 16

17 für beide. Doch es fällt der Satz: Gerade stelle ich mir dich mit 40 vor. Die beiden gehen ihrer Wege, aber jedes Jahr am 15. Juli treffen wir sie wieder. 20 Jahre lang. 20 Jahre Zeitgeschichte, 20 Jahre im Leben zweier unterschiedlicher Menschen, 20 Jahre mal nah, mal fern. 20 Jahre Höhen und Tiefen einer komplizierten Liebesgeschichte. Besonders beeindruckend ist, dass Nicholls konsequent über die 20 Jahre berichtet und damit sozusagen über das Ende hinausschreibt. Das ist mutig und lässt uns nachdenklich zurück. Wie man nach dem Ende weiterschreiben kann? Lesen! Karola Eibl Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital (Gewinner des evang. Buchpreises 2011) Hélène, eine Französin, die sich sehnlichst ein Kind wünscht, und David Cote, ein traumatisierter amerikanischer GI, begegnen sich zufällig in einem Pariser Krankenhaus. Wir sehen zwei Menschen, die sich in ihrem Leben verloren gegangen sind: David, der einst stolze Soldat, der die schmutzige Seite des Krieges erlebt hat und Hélène, die sich entscheiden muss zwischen ihrem Traum einer Familie mit Kind und der medizinischen Realität. Beide werden durch ihre Erfahrung aus dem Paradies vertrieben, aber mit der Chance, ihrem Leben wieder entgegenzuwachsen. Lesen Sie selbst, wie der Autor David und Hélène in die Zukunft entlässt. Werner Blechschmidt Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah. Oskar ist neun Jahre alt. Er hat seinen Vater bei den Anschlägen am 11. September in New York verloren. Aber als Erfinder, Briefeschreiber und Amateur- Thema Detektiv findet er sich mit dem plötzlichen Tod nicht ab. Eines Tages findet er einen Schlüssel, der seinem Vater gehörte. Eine Botschaft? Er macht sich auf die Suche nach dem passenden Schlüsselloch irgendwo in New York und trifft weitere Überlebende der Anschläge. Es sind traurige, wehmütige, hoffnungsvolle und urkomische Begegnungen. Die eigenwillige Perspektive des jungen Erzählers ermöglicht einen unverfälscht kindlichen Blick auf die Stadt New York und seine Bewohner, auf den Umgang mit Trauer und Verlust und auf Oskars unerschütterliche Hoffnung, seinem Vater nahe zu bleiben, indem er sich auf die Suche nach Spuren von ihm macht. Julia Schulze Ulf Nilsson, Eva Eriksson: Die besten Beerdigungen der Welt Ein Kinderbuch über Tod und Sterben. Auch als Hörbuch. Alles beginnt an einem langweiligen Tag. Ester findet eine tote Hummel. Sie gründet zusammen mit einem Jungen und ihrem kleinen Bruder Putte die Beerdigungs-AG. Ester ist für das Graben zuständig, der Junge schreibt Gedichte und der kleine Putte übernimmt das Weinen. In einem Koffer packen sie zusammen, was man für die besten Beerdigungen der Welt braucht. Damit sind sie bestens gerüstet für einige weitere Beerdigungen an diesem Tag. Der schwedische Autor Ulf Nilsson hat den wunderbar kindlich unbefangenen Text geschrieben, der doch voller Ernst ist, und einfühlsam von Eva Eriksson illustriert wurde. Für Kinder ab fünf Jahren. Oliver Englert 17

18 Aus dem Kirchenjahr Zu Pfingsten sind die Geschenke am geringsten, heißt es in einem bekannten Spottvers. Tatsächlich gibt es heutzutage an diesem Festtag keine Geschenke mehr. Das ist sicherlich ein Grund, warum dieses Fest bei vielen nicht mehr so hoch im Kurs steht. Man freut sich am ehesten auf die Pfingstferien, weil viele Familien mit Kindern in den Urlaub fahren. Früher war das anders. Pfingsten ist eines Seit dem vierten Jahrhundert feiern Christen weltweit 40 Tage nach Ostern das Fest Christi Himmelfahrt. Biblische Grundlage ist neben dem Markus- und Lukas- Evangelium das erste Kapitel der Apostelgeschichte im Neuen Testament. Dort steht, dass der Auferstandene vor den Augen seiner Jünger aufgehoben wurde: Eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken (Apostelgeschichte 1,9). Dies ist auch ein bevorzugtes Motiv in der bildenden Kunst. 18 Pfingsten Christi Himmelfahrt der ältesten und wichtigsten christlichen Feste überhaupt. Es wird bereits seit dem dritten Jahrhundert in der Kirche gefeiert und zwar immer genau am fünfzigsten Tag nach Ostern. Davon leitet sich auch der Name ab. Fünfzig heißt im Griechischen pentecoste, was sich in unserer Sprache dann im Laufe der Zeit zu Pfingsten umgewandelt hat. Das Pfingstfest geht auf ein Geschehen zurück, das in der Apostelgeschichte des Lukas (2,4) beschrieben wird. Ängstlich hatten sich die Anhänger von Jesus nach dessen Tod in einem Haus in Jerusalem aufgehalten, als ein Brausen wie von einem gewaltigen Wind das ganze Haus erfüllte und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen. Damit begann die beispielhafte Geschichte der Christen in der Welt. Für uns in Ismaning verbindet sich mit dem Pfingstfest noch eine besondere Freude. Am Pfingstmontag 2009 wurde die neue Gabrielkirche eingeweiht. Werner Blechschmidt Himmelfahrt wird allerdings in der Theologie kaum noch als fantastische Reise verstanden. Der Himmel ist kein geografischer Ort, sondern der Herrschaftsbereich Gottes. Wenn es im Glaubensbekenntnis heißt... aufgefahren in den Himmel, bedeutet dies nach christlichem Verständnis, dass der auferstandene Christus bei Gott ist. Himmelfahrt wird so auch als Symbol der Wandlung und spirituellen Entwicklung der Persönlichkeit gedeutet. Werner Blechschmidt

19 Konfirmationen 2012 Gemeinde Die Konfirmationen feiern wir an zwei Sonntagen im Mai: 13. Mai 2012 um Uhr in Ismaning und Unterföhring 20. Mai 2012 um Uhr in Ismaning Die Ismaninger Konfis: Felix Böttger, Dominik Dadasios, Léonie Deraëd, Simona Hennig, Lea Holzmer, Mortimer Hübner, Christopher Imrich, André Jendritzka, Florian Kohrt, Constantin Kreitmair, Samuel Levermann, Stefanie Nowak, Ramona Rauer, Lucas Reilly-Schott, Christoph Romig, Jannik Seeburg, Lena Schmidt, Sarah Schmidt, Marc Simon, Alexander Völkel, Mark Weitz, Myriam Winter, Amelie Wulff Die Unterföhringer Konfis: Lucie Amann, Oliver Birks, Nina Ilgen, Susanna Kürschner, Oliver Lausberg, Tobias Meindl, Tizian Preuß, Maike Scheuermann 19

20 Gemeinde / Aktuelles Kirchenvorstandswahl 2012 Bitte beachten Sie den beiliegenden Flyer zur Kirchenvorstandswahl im Oktober Herzliche Einladung zum Kirchweihfest in der Gabrielkirche am Pfingstmontag, 28. Mai 2012 Wir feiern in diesem Jahr schon das vierte Kirchweihfest, das wir um Uhr mit einem festlichen Gottesdienst beginnen. Im Anschluss daran laden wir zum Mittagessen sowie Kaffee und den allseits beliebten Kirchweihnudeln ein. Das endgültige Programm stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Bitte beachten Sie unsere Hinweise in den Ortsnachrichten und in unserem Schaukasten. Wussten Sie schon, dass für den Kirchbau noch Schulden in Höhe von Euro abzutragen sind? Wussten Sie schon, dass dies je Gemeindemitglied unserer Kirchengemeinde Ismaning/Unterföhring ca. 100 Euro sind? Wussten Sie schon, dass Sie Ihren Mitgliedsbeitrag und alle Spenden an den Kirchbauverein steuerlich absetzen können? Herzliche Einladung in unser KirchBAUcafé am 17. Juni und 22. Juli, jeweils ab Uhr Dies ist eine gute Gelegenheit, bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen mit anderen Gemeindegliedern ins Gespräch zu kommen. Der Erlös kommt in voller Höhe dem Kirchbaukonto zugute. Wir freuen uns auf Ihren Besuch. Spendenkonto Kirchbauverein: VolksbankRaiffeisenbank Ismaning, BLZ , Konto-Nr

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