Präventionskonzepte zum Schutz vor sexualisierter Gewalt

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1 Gewalt und Gewaltprävention in sozialen Arbeitsfeldern Fachtagung der BruderhausDiakonie Reutlingen Präventionskonzepte zum Schutz vor sexualisierter Gewalt

2 Gliederung des Vortrags 1. Sexuelle Gewalt als Machtmissbrauch 1.1. Definition 1.2. Täterstrategien 1.3. Missbrauchsmacht von Fachkräften in Institutionen 2. Sichere Orte für Kinder, Jugendliche, Erwachsene 2.1. Prävention als Herausforderung für Fachkräfte 2.2. Stärkung des Selbstbehauptungspotentials der Mädchen und Jungen, der Erwachsenen in Abhängigkeitsverhältnissen 2.3. Prävention als Herausforderung für Institutionen/Leitungskräfte

3 Teil 1 Sexuelle Gewalt als Machtmissbrauch

4 1.1. Definition Sexuelle Ausbeutung von Kinder und/oder physisch und/oder geistig abhängigen Menschen durch Erwachsene (oder ältere Jugendliche) ist eine sexuelle Handlung des Erwachsenen mit einem abhängigen Menschen, der aufgrund seiner emotionalen, intellektuellen und physischen Entwicklung nicht in der Lage ist, dieser sexuellen Handlung informiert und frei zuzustimmen. Dabei nützt der Erwachsene, der/die HelferIn die ungleichen Machtverhältnisse zwischen sich und der/dem Abhängigen aus, um es/sie/ihn zur Kooperation zu überreden oder zu zwingen. Zentral ist dabei die Verpflichtung zur Geheimhaltung, die das Kind/die abhängige Person zu Sprachlosigkeit, Wehrlosigkeit und Hilflosigkeit verurteilt. (Aiha Zemp, Erika Pircher & Elfriede Ch. Neubauer in: Gabriele Amann & Rudolf Wipplinger, Sexueller Missbrauch, 1997, S. 740)

5 1.1. Definition Die Täter/Täterinnen nutzen aus: die eigene Macht oder Autoritätsposition und die Abhängigkeit der Kinder und Jugendlichen, der Menschen mit Behinderungen die Liebe oder Zuneigung und das Vertrauen der Mädchen und Jungen, der Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen die Bereitschaft, Erwachsenen zu gehorchen, nett und freundlich zu sein bzw. die Bereitschaft sich anzupassen Die Unwissenheit der Mädchen und Jungen, der Menschen mit geistiger Behinderung im Bereich der Sexualität

6 1.2. Täterstrategien Die Täter/Täterinnen handeln aktiv, um die Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs zu verhindern. Sie verwirren gezielt die Wahrnehmung der Umwelt, stellen sich beispielsweise als Kinderfreunde dar. suchen nach einem geeigneten Ort, einer geeigneten Zeit für die Kontaktaufnahme bzw. den sexuellen Missbrauch. testen die Widerstandskraft des Kindes, einer erwachsenen Person.

7 1.2. Täterstrategien Die Täter/Täterinnen verstricken die Mädchen und Jungen aktiv in die Missbrauchshandlung. rufen Schuldgefühle bei ihnen hervor. bringen die Mädchen oder Jungen mit körperlicher Gewalt oder Bestechungen zum Schweigen. erzeugen einen Geheimhaltungsdruck..

8 1.3. Missbrauchsmacht von Fachkräften in Institutionen Chancen und Risiken professioneller Sozialbeziehungen: Institutionelle Legitimation von Fachkräften (Autoritätsmacht) Chance auf freiwillige Fügsamkeit der AdressatInnen Weitreichende Zugangs- und Eingriffsmöglichkeiten zu und auf Körper und Seele der KlientInnen Missbrauchsmacht: Zugänglichkeit kann zu Zudringlichkeit werden Eingriff kann in Übergriff umschlagen (Prof. Dr. phil. Richard Utz, Hochschule Mannheim in: Marion Baldus, Richard Utz, Sexueller Missbrauch in pädagogischen Kontexten, 2011, S. 51 ff)

9 Teil 2 Sichere Orte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Abhängigkeitsverhältnissen

10 2.1. Prävention sexueller Gewalt als Herausforderung für Fachkräfte Fortbildung für die MitarbeiterInnen zum differenzierten Umgang mit Grenzverletzungen, sexuellen Übergriffen und strafrechtlich relevanten Formen sexueller Gewalt Sensibilisierung für einen grenzachtenden, respektvollen Umgang Entwicklung einer gemeinsamen Haltung zum verantwortungsvollen Umgang mit Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen Auseinandersetzung zu Fragen des professionellen Umgangs mit Nähe und Distanz Etablierung einer Kultur der Fehlerfreundlichkeit

11 2.2. Stärkung des Selbstbehauptungspotentials der Mädchen und Jungen, der Erwachsenen in Abhängigkeitsverhältnissen Schriftliche Fixierung/Visualisierung der Rechte der Kinder und Jugendlichen bzw. der erwachsenen Personen in den Einrichtungen Aushändigung und Erläuterung der Rechte beim Eintritt in die Organisation, regelmäßige zu Kommunikation Integration von präventiven Ansätze in die alltägliche Arbeit mit den Mädchen und Jungen bzw. den Erwachsenen mit Behinderungen - Entwicklung spezifischer zielgruppenbezogener, differenzsensibler Präventionsangebote zu Themen wie Wahrnehmung der eigenen Gefühle, körperliche Selbstbestimmung und Entwicklung von Selbstbehauptungsstrategien

12 2.2. Stärkung des Selbstbehauptungspotentials der Mädchen und Jungen, der Erwachsenen in Abhängigkeitsverhältnissen Geschlechterbezogene und migrationssensible Förderung der psychosexuellen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen u.a. in folgenden Bereichen: - Körper, den Körper kennen, Veränderungen in der Pubertät, Schwangerschaft und Verhütung, Körperhygiene und pflege, Ernährung, Bewegung, Sport, Selbstpräsentation - Gefühle, die eigenen Gefühle wahrnehmen, ernst nehmen und ausdrücken, die Gefühle anderer respektieren, Empathie - Kommunikation und Medien, über Sexualität sprechen können, grenzachtende Kommunikation, Selbst- und Fremdwahrnehmung, Schönheitsideale, Geschlechterzuschreibungen, Intimsphären, Pornografie

13 2.2. Stärkung des Selbstbehauptungspotentials der Mädchen und Jungen, der Erwachsenen in Abhängigkeitsverhältnissen Förderung der psychosexuellen Entwicklung in den Bereichen: - Beziehungen, Freundschaften und Liebe, Vorstellungen von und Wünsche an Beziehungen, Ehe, Familie u. andere Lebensformen, Gewalt in intimen (Teenager)Beziehungen - Sexualität im engeren Sinn, sexuelle Neugier, Sinnlichkeit, Erotik und Lust, Körperlichkeit und Sexualität in ihren verschiedenen Formen, Geschlechtsidentität, Geschlechterrollen, sexuelle Orientierung

14 2.2. Stärkung des Selbstbehauptungspotentials der Mädchen und Jungen, der Erwachsenen in Abhängigkeitsverhältnissen Beteiligung der Kinder und Jugendlichen, der erwachsenen Menschen an Diskussions- und Entscheidungsprozessen in den Institutionen Schaffen von Möglichkeiten die eigenen Interessen zu formulieren und wirksam einzubringen, u.a. durch gewählte Interessenvertretungen Etablierung eines niedrigschwelligen Beschwerdemanagements mit internen und externen Ansprechpersonen

15 2.3. Prävention sexueller Gewalt als Herausforderung für Institutionen/Leitungskräfte Risikoanalyse im Hinblick auf besonders sensible Bereiche der Arbeit und arbeitsfeldspezifische Gefährdungspotentiale Schriftliche Festlegung von Verfahrensabläufen für den Umgang mit unterschiedlichen Formen sexualisierter Gewalt, einschließlich des Falls (bzw. des Verdachtes) sexualisierter Gewalt durch MitarbeiterInnen sowie ggf. der Rehabilitation dieser Personen Beschreibung der grenzachtenden Haltung und des verantwortungsbewussten Umgangs mit Macht und Abhängigkeit im Leitbild bzw.in der Konzeption der Einrichtung Leitlinien, Grundsätze oder Verhaltenskodexe zu erwünschtem Verhalten der MitarbeiterInnen als Anhang zum Arbeitsvertrag

16 2.3. Prävention sexueller Gewalt als Herausforderung für Institutionen/Leitungskräfte Kinderschutzorientierte Stellenbesetzungsverfahren: Thematisierung der grenzachtenden Haltung der Institution in den Stellenausschreibungen, den Vorstellungsgesprächen und in der Einarbeitungszeit Einfordern erweiterter Führungszeugnisse Strukturelle und konzeptionelle Verankerung - der Rechte der Kinder, Jugendlichen und der erwachsenen Menschen - der alltäglichen und spezifischen präventiven Arbeit, der sexuellen Bildung - von Partizipation und Beschwerdemanagement - der regelmäßigen Überprüfung der Umsetzung

17 Abschließende Zielorientierung Für Fachkräfte und Institutionen: Offene Positionierung gegen sexuelle Gewalt Einschränken der Handlungsspielräume der Täterinnen und Täter Stärken des Selbstbehauptungspotentials der Klientinnen und Klienten

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