Michael Koglin. Hausmeister hofers erster Fall. Mord am Kanal

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1 Michael Koglin Hausmeister hofers erster Fall Mord am Kanal

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3 Mord am Kanal Michael Koglin

4 1. Auflage , Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Munzinger Straße 9, Freiburg Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe (einschließlich Mikrokopie) sowie der Auswertung durch Datenbanken oder ähnliche Einrichtungen vorbehalten. Umschlagentwurf: Haufe-Lexware GmbH & Co. KG Foto: Heike Tiedemann Druck: Schätzl Druck & Medien, Donauwörth Zur Herstellung der Bücher wird nur alterungsbeständiges Papier verwendet.

5 1»Wie würden Sie Ihre Frau umbringen?«die rüstige Dame, die da vor ihm stand, mochte Mitte sechzig sein. Schwer zu schätzen. Sie sah ihn mit blau-grauen Augen an und ein wenig bebten ihre Lippen, während sie auf seine Antwort wartete.»andreas Hofer, raus damit, wie würden Sie es machen?ich bin nicht verheiratet und Umbringen kommt für mich sowieso nicht infrage.«sie stand in seiner Hausmeisterloge und er fragte sich seit ein paar Minuten, wie er sie loswerden konnte. Vor knapp einem Monat hatte er den Job bei der Wohnungsbaugesellschaft angenommen, eine Mischung aus Hausmeister, Concierge und Mädchen für alles. Eigentlich war es ganz gut angelaufen. Die Nachbarn nickten ihm freundlich zu, holten die bei ihm abgegebenen Pakete ab oder kamen auf einen Kaffee herein. Und seltsame Zeitgenossen gab es schließlich überall, da war dieser Ort keine Ausnahme.»Sie bringen niemanden um?«, sagte die resolute Frau, die einen seidenen Schal umgeworfen hatte.»was haben Sie denn in Afghanistan gemacht?woher wissen Sie, dass ich Ich hab mir Ihre Facebook-Seite angesehen, junger Mann.Oh, die wollte ich schon vor Wochen abschalten.ja, mit seinen Daten sollte man vorsichtig umgehen. Also wie würden Sie es machen, Sie haben doch Fantasie.Kommt drauf an«, sagte er. Sie zog die Augen zu Schlitzen zusammen. 3

6 »Vielversprechend«, sagte sie.»und worauf kommt es an?die Umstände. Ist es Tag oder Nacht, befinden wir uns in den Bergen oder am Meer. Isst das Opfer gern außergewöhnliche Sachen, in die man Gift einbringen könnte. Kann es schwimmen oder hat es Höhenangst. Solche Gegebenheiten muss man berücksichtigen.«er hoffte, sie mit diesem Redeschwall in die Flucht zu treiben. Doch sie lächelte ihn lediglich an, um nach einer Pause bedächtig zu nicken, durch ihre grau-violetten Haare zu streichen und mit Nachdruck zu sagen:»sie sind mein Mann.Fein, und wie würden Sie es machen, Frau?Winterfeld. Alice Winterfeld. Also ich bin da mehr der praktische Mörder. Und als Frau darf ich meine körperlichen Kräfte nicht überschätzen.also? Strychnin in den Kaffee? Oder Arsen?Unsinn. Ein Spaziergang über den Friedhof und dann mit dem Messer«, sagte sie.»von hinten selbstverständlich. Ich brauche das Überraschungsmoment, Sie verstehen?«mit einem unsichtbaren Dolch führte sie einen Hieb durch die Luft.»Wieso auf einem Friedhof? Weil dort wenige Menschen unterwegs sind? Keine Zeugen?Nein, nein«, sagte sie mit ernster Miene und klemmte sich das Paket unter den Arm, das der Postbote am Morgen für sie abgegeben hatte.»das Schwierige an der Angelegenheit ist: Wie werde ich die Leiche los?und auf einem Friedhof gibt es genau, Andreas. Ich darf Sie doch so nennen, ja? Auf dem Friedhof gibt es offene Gräber, in denen am nächsten Tag jemand bestattet wird. Also braucht man nicht mal lange zu graben, bisschen Sand drauf und zack kommt ein Sarg drüber. Liegen eben zwei in der Grube. Zwei für einen ist 4

7 sowieso ökonomischer und spart Platz. Die ruckeln sich da unten schon zurecht. Und einsam sind sie auch nicht mehr. Außerdem Ja?Leichenhunde auf dem Friedhof muss man auch nicht befürchten. Die würden alle zwei Meter anschlagen.«mit dem Paket bewaffnet machte sie einen Schritt auf die Tür zu und drehte sich noch einmal um:»andreas Hofer, ich muss mit Ihnen reden. Sehr wichtig. Heute Abend, gegen zehn Uhr in meiner Wohnung?Um was geht es denn?über das, worüber wir gesprochen haben.und das wäre?ja, haben Sie in Ihrem Alter schon Alzheimer, Herr Hofer? Wir sprachen über Mord.«Ohne eine Antwort abzuwarten, sagte sie»danke«und schloss energisch die Tür hinter sich. Andreas war in seinem Leben schon einigen schrägen Typen begegnet, aber diese Alice Winterfeld war im Begriff, sich einen Ehrenplatz zu erobern. Dabei wollte er doch nur seine Ruhe. Nach dem Dienst in Afghanistan hatte er, wie viele seiner ehemaligen Kameraden, zunächst bei einer Sicherheitsfirma angeheuert.»objektschutz«war ihm in Aussicht gestellt worden. Zwei Wochen später fand er sich als Türsteher vor einer Diskothek wieder und musste sich von Jugendlichen anpöbeln lassen. Dann hatte er sich mit einer eigenen Detektei versucht. Aber auch das hatte nicht funktioniert. Und nun also ein ruhiger Posten als Hausmeister, Portier, Postannehmer und Ersatzschlüssel-Verwahrer. Hier und da erledigte er kleinere Reparaturen oder rief die Fachleute, wenn seine handwerklichen Fähigkeiten nicht ausreichten. Die Anstellung als Concierge betrachtete er als zeitlich befristetes Experiment. Allerdings musste er sich 5

8 eingestehen, dass ihm die Bewohner, die jeden Tag an seiner Pförtnerloge vorbei kamen, langsam ans Herz wuchsen. Alice Winterfeld war eben der berühmte Ausreißer. Von Mord hatte sie fantasiert! Wahrscheinlich hat sie zu viele Kriminalromane gelesen, dachte er. Oder ihr war einfach langweilig. Er schloss die Pförtnerloge ab und schlenderte in seine kleine Wohnung in der nahe gelegenen Gärtnerstraße. Kurz hatte er überlegt, einfach nicht zu erscheinen, doch das war nicht seine Art. Und wenn er an die vorwurfsvollen Blicke dachte, mit denen sie ihn jeden Tag traktieren würde Also machte er sich auf den Weg und stand bereits eine halbe Stunde vor der Zeit an ihrer Tür. Mord! Je eher er ihr klar machte, dass er nicht an ihrem Detektivquatsch interessiert war, desto besser. Sie öffnete die Tür. Über einer weiten schwarzen Hose trug sie eine Art schwarzer Tunika, die von einem weißen Gürtel zusammengehalten wurde.»andreas!«, sagte Sie.»Ehrlich gesagt bin ich von den Socken, dass Sie tatsächlich gekommen sind.«bevor er etwas sagen konnte, zog sie ihn durch den mit einigen Kleinmöbeln vollgestellten Flur ins Wohnzimmer. Vier Augenpaare musterten ihn. Drei Frauen und ein Mann saßen auf Matten am Boden, alle hatten ihr rechtes Bein in die Höhe gestreckt.»der Storch grüßt die Seerose«, sagte sie.»bitte?eine Yogaübung. Machen Sie mit, da hinten ist meine Matte.«Er schüttelte den Kopf und wandte sich zur Tür.»Nun stellen Sie sich mal nicht so an. Das hier ist nur ein Yogakurs und der Sonnengruß, den wir gleich angehen, wird Ihnen nicht schaden.«sanft aber bestimmt bugsierte sie ihn zu ihrer Unterlage, die sie ihm gerne abtreten würde. Dann ging sie auf einem 6

9 Teppichläufer in die Hocke und forderte ihn auf, es ihr gleichzutun. So recht wusste er nicht, warum er ihrer Aufforderung Folge leistete. Nun gut, er war kein Spielverderber und Zuschauer gab es Gott sei Dank auch nicht.»das mit Afghanistan ist wohl schon ein bisschen her«, sagte sie.»sieht steif aus, Andreas.«Eine der Frauen kicherte, während eine andere ihn mitleidig ansah. Worauf hatte er sich nur eingelassen? Nach einer halben Stunde wurden die Matten zusammengerollt, der Kurs war beendet. Alice Winterfeld geleitete die Teilnehmer zur Wohnungstür und verabschiedete sich von jedem Einzelnen.»Ich biete das hier für die Nachbarn an«, sagte sie.»sie glauben ja gar nicht, wie dankbar sie sind.«dann zwinkerte sie ihm verschmitzt zu und sagte:»bei einigen klappt es sogar wieder mit dem Liebesleben. Man muss nur wissen, an welchen Chakras man drehen muss.«was sie damit meinte, überließ sie seiner Fantasie.»Eigentlich bin ich nur gekommen Andreas Hofer, so heißt der Tiroler Freiheitsheld, nicht wahr?was hat das mit ihren Mordgeschichten zu tun?nichts, kommen Sie.«Diesmal führte sie ihn durch den Flur, auf dem noch die Möbel aus dem Wohnzimmer standen, in ihre Küche.»Sehen Sie mal aus dem Fenster! Nun los, machen Sie schon.«das Küchenfenster gab einen malerischen Blick auf den Isebekkanal frei. Andreas sah zwei Männer in angeregtem Gespräch, die den lauen Sommerabend für einen Spaziergang nutzten. Einige Meter weiter schaukelte fest vertäut das Kindertheaterschiff auf dem Wasser.»Und?«, sagte sie.»nichts Besonderes.«7

10 »Eben«, sagte sie.»bis vor drei Tagen hat sich um diese Zeit dort unten am Anleger regelmäßig ein Pärchen getroffen.das soll vorkommen.ein Rendezvous«, sagte sie schwärmerisch und schaute verträumt gegen die Zimmerdecke.»Aber am letzten Tag gab es Ärger.Und deshalb reden Sie von Mord?Motiv, Gelegenheit und Entschlossenheit«, sagte sie.»die Wahrheit ist, sie haben sich fürchterlich gestritten.hatte jemand ein Messer in der Hand?«, fragte er belustigt.»oder waren es Maschinengewehre?Nein, das wäre auch völlig unangebracht gewesen.und wie kommen Sie auf ein Verbrechen?«Gestikulierend schritt sie zum Herd und hob eine Pfanne an.»hier habe ich gestanden und mir Venusmuscheln zubereitet. Ich höre Geschrei, sehe die beiden mit den Armen rudern, sie läuft los und er hinterher.das konnten Sie im Licht der Lampen sehen?es dämmerte. Plötzlich ein Schrei und Und?«Sie schlug mit der flachen Hand auf den Kühlschrank.»Ein Schlag, ein Bersten und das Geräusch eines Körpers, der ins Wasser fällt. Und dann dann was?stille. Tödliche Stille.Ich bitte Sie«, sagte Andreas.»Das kann alles Mögliche gewesen sein. Sie haben nichts Konkretes. Vielleicht ist ein Schwan gelandet. Das hört sich so ähnlich an.andreas, ich bin stolz auf eine gewisse Beobachtungsgabe. Etwas, was man von Ihnen nicht gerade sagen kann.«8

11 »Was soll das jetzt heißen?waren Sie überrascht über den Yoga-Kurs?«, fragte sie.»das kann man so sagen«, erwiderte er.»dabei kommt meine Gruppe einmal in der Woche auch vormittags. Das müssten Sie bemerkt haben.na ja, es kommen viele Leute.Zwei von ihnen kommen von außerhalb. Die sind ihnen aber gar nicht aufgefallen.ich mische mich eben nicht in die Privatangelegenheiten der Leute ein.ich auch nicht«, sagte sie und ihre Augen funkelten.»welche Farbe hatte das T-Shirt der Dame gleich neben Ihnen?Soll das jetzt ein Verhör werden?unsinn. Aber ich bin hier oben noch ganz gut beieinander und ich weiß, was ich gesehen und gehört habe.«sie tippte sich zur Bestätigung an die Stirn.»Und wie kann ich da helfen?wir müssen herausfinden, was genau passiert ist.frau Winterfeld Alice.Schön, Alice. Kannten Sie die Leute?Natürlich nicht. Wir stehen ja erst am Anfang mit unseren Ermittlungen.Wir?Ich dachte, Sie hatten mal eine Detektei?Woher wissen Sie das schon wieder?«, sagte Andreas. Sie zeigte auf das Notebook neben dem Brotkorb.»Damit kann man eine Menge in Erfahrung bringen.«er erinnerte sich, warum er die Detektei aufgegeben hatte. Weil er sich mit Industriespionage per Computer nicht 9

12 auskannte, hatte er über Jahre untreuen Männern und Frauen nachgespürt und fotografiert. So etwas kam für ihn nie wieder infrage.»es tut mir leid, aber ich bin nicht interessiert«, sagte er.»wollen Sie ein Honorar?«, fragte Alice.»Darum geht s nicht«, sagte er und verabschiedete sich. Seltsamerweise hielt sie ihn nicht zurück. In einer Kneipe in der Bismarckstraße trank er noch ein Bier. Als er das Glas anhob, verspürte er ein schmerzhaftes Ziehen in der Schulter.»Yoga!«, dachte er. Er hatte gerade den ersten Schluck getrunken, als ihm ein Zeitungsverkäufer die Abendausgabe vor die Nase hielt. Er verschluckte sich, als er die Schlagzeile las.»tote im Isebekkanal«, las er die zentimetergroße Schlagzeile. Und daneben das Bild einer Frau mit der Zeile:»Wer kennt das Opfer?«Er blätterte die Seite um.»ich bin keine Leihbibliothek«, sagte der Zeitungsverkäufer.»Macht einen Euro.«Andreas bezahlte und begann zu lesen.»in den Abendstunden machten Spaziergänger einen grausigen Fund. In einem von Anwohnern mit Seerosen bepflanzten Teil des Kanals hatte sich eine weibliche Leiche verfangen. Bei einer ersten Begutachtung noch am Auffindeort stellten Rechtsmediziner erhebliche Kopfverletzungen fest. Es sei unwahrscheinlich, dass diese von einem Sturz herrührten. Vielmehr müsse man von Fremdverschulden ausgehen. Die Frau wurde demnach getötet. Zu weiteren Untersuchungen wurde die Leiche in die Rechtsmedizin des Universitätskrankenhauses Eppendorf gebracht. Da die Tote keine Papiere bei sich trug, fragt die Polizei: Wer kennt die Frau? Wer hat sie in der Nähe des Isebekkanals gesehen? Wem ist etwas Besonderes aufgefallen? Alle Hinweise könnten wichtig sein.«10

13 Fotos zeigten Spurenermittler und Rechtsmediziner in Overalls am hell ausgeleuchteten Fundort. Der Leichnam der ermordeten Frau lag verborgen unter einer Decke. Andreas leerte sein Glas in einem Zug. Das war s mit dem ruhigen Job, dachte er und bezahlte. 11

14 12 2»Sie müssen zur Polizei!«, sagte er.»sonst machen Sie sich strafbar.andreas, allein geh ich nirgendwohin«, sagte Alice Winterfeld und stellt ihm einen Espresso auf den Schreibtisch.»Trinken Sie, das ist keine Pads-Plörre. Transfair gehandelt und mit einer richtigen Espressomaschine zubereitet. Probieren Sie.«Der Kaffee schmeckte außergewöhnlich mild und keine Spur bitter.»die Maschine müssen Sie mir zeigen«, sagte er und fügte hinzu:»nachdem Sie bei der Polizei waren.wie Sie meinen. Aber: Sie sind Mitwisser, also müssen Sie auch mitkommen.«alice Winterfeld amüsierte sich über das Wortspiel:»Mitgewusst, mitgekommen.ich fahre Sie mit dem Firmenwagen hin.nur, wenn Sie mit reinkommen. Sonst können Sie s vergessen.«natürlich gehörte das überhaupt nicht zu seinen Pflichten. Andererseits, es ging um einen Mordfall und Alice Winterfeld hatte womöglich den Täter gesehen. Eine halbe Stunde später standen sie vor der Pförtnerloge des Präsidiums.»Junger Mann, wer leitet die Ermittlungen im Fall der Isebek-Leiche?«, sagte sie fordernd zum Beamten am Empfang.»Da muss ich mal nachfragen«, sagte er sichtlich beeindruckt, griff zum Telefon und murmelte etwas hinein. Nach drei Minuten notierte er eine Zimmernummer auf einem Stück Papier und schob ihn durch den Schlitz.»Alice, ab hier schaffen Sie es allein«, sagte er.

15 »Wagen Sie es nicht, Andreas Hofer! Sobald Sie versuchen zu verschwinden, schreie ich um Hilfe und zeige auf Sie. Ich mach das.«zehn Minuten später saßen sie in einem karg möblierten Büro. Ein großgewachsener Mann Mitte Fünfzig betrat den Raum und stellte sich als Hauptkommissar Heiner Dierksen vor.»sie haben Angaben zu machen?«, fragte er und taxierte dabei ausgiebig Alice Winterfeld.»Ich habe den Mord gesehen. Direkt vor meinem Haus.«Sie schilderte das Paar, das sich regelmäßig vor dem Haus getroffen hatte und den Streit.»Sie ist weggelaufen?«, fragte der Polizist.»Und er ihr hinterher. Ich hab noch gedacht: wenn das mal gut geht.und dann haben Sie die Geräusche gehört?so war es.«sie schlug mit der Faust auf die Schreibtischplatte.»Falsch«, sagte Dierksen.»Sie glauben, das gehört zu haben, haben Sie eben noch gesagt.ich weiß, was ich weiß.sie haben also gar nichts gesehen«, sagte der Polizist.»Selbstverständlich Ich meine die Tat. Eine akute Bedrohung.Nein, aber «Heiner Dierksen stieß einen tiefen Seufzer aus, erhob sich und reichte ihr über den Schreibtisch die Hand.»Also vielen Dank für Ihre Angaben. Wir sehen mal, ob wir was damit anfangen können.begeistert sind Sie nicht gerade.stimmt«, sagte Dierksen. 13

16 »Darf ich fragen, warum?«, mischte sich Andreas Hofer ein.»das darf ich ihnen aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen«, erwiderte Dierksen.»Guten Heimweg.Raus damit«, sagte Alice Winterfeld. Der Kommissar sah sich um, als könnte jemand sie belauschen.»sie sagen, die beiden hätten sich dort regelmäßig getroffen?stimmt.dann können Sie nicht unser Opfer gesehen haben.«er drehte seinen Bildschirm so, dass seine Besucher auf das Display sehen konnten. Sie sahen ein Datenblatt, das die getötete Frau zeigte.»und?«, fragte Andreas.»Das ist ein Passauszug. Ein amerikanischer Pass. Die Frau hielt sich erst einen Tag in Hamburg auf.«alice Winterfeld fasste sich plötzlich an die Stirn und verdrehte die Augen.»Mein Kreislauf«, stöhnte sie und sackte in den Stuhl.»Wasser, ich brauche ein Glas Wasser.«Dierksen schnellte von seinem Stuhl hoch und rannte auf den Flur. Plötzlich quicklebendig sprang Alice Winterfeld auf und zog einen USB-Stick aus ihrer Handtasche.»Sie können doch nicht Und wie ich kann«, sagte sie. Sie stopfte den Stick in den Polizeicomputer, rief die Datei auf und kopierte sie.»dauert nen Moment«, sagte sie. Mit einem Glas Wasser in der Hand kam Dierksen über den Flur zurückgerannt. 14

17 »Andreas, Sie müssen den Stick rausziehen, während er mir das Wasser einflößt, verstanden?«, sagte Alice.»Das mach ich nicht.und wie Sie das machen.«gerade noch rechtzeitig ließ sie sich auf ihren Stuhl fallen. Der Hauptkommissar reichte Andreas das Wasserglas, doch der schüttelte den Kopf.»Ich bin nur der Fahrdienst«, sagte er.»flößen Sie es ihr einfach ein, die kann das ab.«der Polizist stöhnte und stützte den Kopf der vermeintlich bewusstlosen Alice Winterfeld. Er führte das Glas an ihre Lippen und kippte es leicht an, was bei ihr einen heftigen Hustenanfall auslöste. Das Wasser, das sie wieder ausprustete, verteilte sich auf seinem Jackett. Sie trat Andreas gegen das Schienbein. Er machte einen Schritt hinter den Kommissar, zog den Stick aus dem Computer und ließ ihn in seiner Hosentasche verschwinden. Alice Winterfeld ging es schlagartig besser. Sie schlug die Augen auf und herrschte den Polizisten an:»was machen Sie da? Wollen Sie mich umbringen? Gibt es Waterboarding jetzt auch schon bei der deutschen Polizei?«Scheinbar empört erhob sie sich von ihrem Stuhl und machte sich, einen verwirrten Andreas Hofer im Schlepptau, erhobenen Hauptes von dannen.»ich kann nicht glauben, was ich getan habe.finden Sie nicht, dass wir ein gutes Team sind?ich habe Datendiebstahl bei der Polizei begangen.«* 15

18 »Andreas, das ist kein Grund, sich ins Hemd zu machen. Die Polizei wird schließlich von unseren Steuergeldern bezahlt.es war Datendiebstahl. In einem superschweren Fall. Mitten im Präsidium. Dem Polizeipräsidium!«Das letzte Wort betonte er Silbe für Silbe.»Dann müssen wir uns jetzt wohl an die Arbeit machen«, sagte sie.»erfolg ist sexy. Und wenn wir die Hintergründe rausbekommen, fragt niemand mehr nach einem vertrottelten Hauptkommissar, der seinen Computer nicht schützen kann.«sie fuhren die Hoheluftchaussee hinauf und parkten vor dem Haus am Kaiser-Friedrich-Ufer.»Woher können Sie das?«, fragte Andreas.»Was?Das technische Zeug. Mit einem Computer umgehen, Dateien kopieren >Saugen< nennt man das. Ich hab mal Computerkurse gegeben. An der Volkshochschule.Aber, wie haben Sie es gelernt?man darf keine Angst davor haben. Notfalls kann man bei jedem Gerät den Stecker ziehen oder auf AUS schalten.sie haben es sich selbst beigebracht?während eines Nebenjobs, bei dem man lange Pausen hat«, sagte sie.»ich rede nicht gern darüber.und?ach, lassen Sie schon.nennen Sie das ein Vertrauensverhältnis, Alice?Ich bin Seniorenmodell. Da muss man ständig warten.seniorenmodell?naja, der Apothekenrundblick muss ja Faltencremes anpreisen und die Bäckerblume ein Hohelied auf Dinkel absondern. Und dafür brauchen sie Seniorengesichter wie meins«, 16

19 sagte sie und begann zu kichern.»immerhin noch nicht als Abschreckung.«In ihrer Wohnung bereitete sie eine Kanne Sencha-Tee und steckte den USB-Stick in den Computer.»Mal sehen, was wir erbeutet haben.«andreas rief das Datenblatt auf und druckte es aus. Die erste Seite war eine Fotokopie, angefertigt von der Passkontrolle am Flughafen Frankfurt am Main. Sie war vor vier Tagen als Touristin eingereist.»joyce Cremlin, 36 Jahre, aus Kalifornien. Im Sternzeichen Stier geboren.ist das wichtig?«, fragte er belustigt.»wenn man so wenige Informationen hat, ist alles wichtig. Besonders die Frage, warum sie sich in Hamburg aufhält, dann zurück in die USA reist, um hier kurze Zeit später im Kanal zu landen.ist es die Frau, die Sie vor dem Fenster gesehen haben?hundertprozentig«, sagte Alice Winterfeld und starrte gedankenverloren gegen die Decke. Die weiteren Seiten enthielten Angaben zur Person des Mordopfers, ihrem Führerschein und die Berufsbezeichnung»aircraft engineer«.»eine Flugzeugingenieurin«, sagte er und pfiff durch die Zähne. Alice Winterfeld suchte die Telefonnummer der Airbus- Werke heraus, gab die Zahlen in ihr Handy ein und schaltete auf Lauthören.»Können Sie mich mit der Personalabteilung verbinden?«, fragte sie.»wer bitte spricht dort?anna Dierkens von der Hamburger Kriminalpolizei.«Andreas zuckte zusammen. Nicht nur, dass sie im Präsidium Daten geklaut hatten, nun gab sich diese Frau auch noch 17

20 als Beamtin aus. Er hob protestierend den Arm, doch sie winkte mit grimmiger Miene ab. Die Telefonistin bedauerte. Nein, eine Kollegin dieses Namens gäbe es dort nicht und auch auf den Besucherlisten sei ihr Name nicht zu finden.»sind Sie sicher?wir werden doch keine Behörde belügen.«alice Winterfeld legte auf und wandte sich Andreas zu.»keine Sorge, ich hab meine Rufnummer unterdrückt.aber sie könnte Ihre Stimme erkennen und aufgezeichnet werden die Gespräche sicher auch. So ein Flugzeughersteller ist ein sicherheitsrelevanter Betrieb.Nicht immer gleich das Schlimmste annehmen«, sagte sie und tätschelte beruhigend seine Hand.»Warum war diese Amerikanerin hier? Urlaub? Unwahrscheinlich.So?Da fliegt man nicht nach Hause und kommt sofort zurück. Das ist doch ungewöhnlich. Nein, dahinter steckt etwas anderes.wir sollten die ganze Sache der Polizei überlassen«, sagte Andreas.»Ich hatte schließlich mal eine Detektei Das weiß ich doch längst«, sagte Alice ungeduldig.»was glauben Sie, warum ich Sie überhaupt mit dem Fall vertraut gemacht habe? Glauben Sie, ich rekrutiere Dilettanten?«Vertraut gemacht! Rekrutiert! Jetzt tat sie auch noch, als wäre sie die Polizeipräsidentin höchstpersönlich.»wie nett von Ihnen«, erwiderte er.»nun werden Sie mal nicht komisch. Ich habe eine Aufgabe für Sie. Wo Sie doch so gern mit Menschen zu tun haben.«18

21 3 Nun stand er an der Hoheluftchaussee, in der Hand ein Foto der Toten. Mit Photoshop hatte Alice die Fotografie aus dem Datenblatt so bearbeitet, dass es dem jetzigen Alter des Opfers entsprach. Er betrat den Verkaufsshop an der U-Bahn-Station Hoheluftbrücke, legte das Foto in die Schale für das Wechselgeld und fragte, ob die Frau hier gesehen worden sei.»bis du vonne Polizei?«, fragte der blonde Verkäufer.»Private Ermittlungen«, sagte Andreas.»So? Was hat n die Ische gemacht?es ist die Tote, die aus dem Isebekkanal gezogen wurde.«der amüsierte Ausdruck im Gesicht des Mannes verschwand augenblicklich.»war groß inne Zeitung gewesen«, sagte er, nahm das Foto in die Hand und warf einen prüfenden Blick darauf.»nö. Kein Schimmer.«Er drehte sich in Richtung der hinteren Räumlichkeiten.»Achmed! Tu ma komm.«aus einem angrenzenden Raum trat ein dunkelhaariger Lockenkopf hervor, der seine mehlbedeckten Hände an seiner Backschürze abwischte. Hoffentlich hat er die Frage überhaupt verstanden, dachte Andreas skeptisch.»komma kucken. Kennze die Tusse?«und, nach einem schuldbewussten Seitenblick auf Andreas:»Ich mein, die Tante hier.«er zeigte dem Lockenkopf das Foto. Der schüttelte den Kopf.»Ich bedaure sehr. Kann ich sonst noch irgendwie behilflich sein?«19

22 »Nein«, sagte Andreas verdutzt.»dann würde ich mich gern wieder den Brötchen zuwenden, die gerade ihren optimalen Bräunungsgrad erreicht haben.geschwollener Spinner«, sagte sein Kollege. Auch im Imbiss, dem Schnellrestaurant und beim Blumenhändler erinnerte sich niemand an die Frau.»Doch, doch. Die kenn ich«, sagte dann endlich eine Kassiererin im Bio-Supermarkt.»Die war öfter hier. Hat immer Kekse und vegetarischen Brotaufstrich gekauft.hat sie, abgesehen davon, mal sonst irgendetwas gesagt oder gefragt?sie hat mich mal nach dem Weg zur Post gefragt.auf Englisch?Nee, die kam aus Hamburg. Hörte sich jedenfalls so an.und Sie können sich genau erinnern, dass es diese Frau war?«sie tippte auf das Foto.»Sieht der hier zumindest sehr ähnlich. Genauso eine Frisur. Ach, und kann ich mal Ihren Dienstausweis sehen?«andreas verabschiedete sich eilig und versuchte es noch bei der Post und in einer kubanischen Bar. Der Wirt besah sich das Bild, schüttelte den Kopf und fragte, ob Andreas denn im Dienst einen Cuba Libre trinken dürfe. Andreas nickte. Der Longdrink war mit einem kräftigen Schuss Havanna Club gemischt. Klassisch. Aus dem Inneren drangen kubanische Salsa-Rhythmen. Vor der Bar war neben ein paar Stühlen und zwei Tischen ein Strandkorb aufgestellt. Er setzte sich hinein. Das Ganze war eine Schnapsidee. Er lief sich die Füße wund und hatte mit Müh und Not verhindern können, dass Alice Winterfeld ein Foto der Frau an die Scheibe seiner Pförtnerloge klebte. Sie war kaum zu bremsen. Geradezu besessen. 20

23 Andreas hatte sein Glas gerade geleert, da kam der Wirt mit zwei Drinks, stellte sie auf den Tisch und setzte sich.»das geht alles aufs Haus«, sagte er mit spanischem Akzent.»Kann ich das Foto noch einmal sehen? Weshalb wird sie gesucht?sie ist tot.oh. Die Frau aus dem Kanal?«Sie stießen an. Der Fotografie zugewandt, sagte der Wirt mit kubanischem Singsang und ernster Miene:»Auf dein nächstes Leben. Warst eine bildschöne Frau«. Nachdem sie einen Schluck getrunken hatten, fuhr er fort.»vor vier Tagen. Hat einen meiner kubanischen Burger gegessen und dazu«, er zeigte auf sein Glas,»einen Cuba Libre bestellt.war sie allein?«der Wirt nickte.»sie sah nachdenklich aus, traurig.hat sie was gesagt?nichts Besonderes. Ich hab ein paar Späße gemacht, aber sie wollte allein sein. Dann ist sie rübergegangen.was heißt >rüber<?in den Hinterhof, in dem die alte Zigarettenfabrik steht.und Sie haben keine Ahnung, was sie da wollte?vielleicht hat es mit mit Modellflugzeugen zu tun«, sagte der Wirt.»Wie kommen Sie darauf?sie hat in einem Katalog mit Spielzeugfliegern und Hubschraubern geblättert.sie war Flugzeugingenieurin.«Der Wirt erhob sich achselzuckend. 21

24 »Vielleicht war es für ihre Kinder«, sagte er.»hatte sie Kinder?Ich weiß nicht«, sagte Andreas. 22

25 4 Alice Winterfeld war den Tag über nicht in seiner Loge aufgetaucht. Vielleicht waren die eigenmächtigen Ermittlungen nichts weiter als eine vorübergehende Marotte. Möglich, dass sie den Spaß an der Sache verloren hatte. Aber das blieb wohl ein Wunschtraum. Jemand vom Schlag Alice Winterfelds gab nicht so leicht auf. Jens Ingelheim, der mit seinem Partner im Parterre wohnte, holte das Paket ab, das die Post bei Andreas abgeben hatte.»setzlinge«, sagte er, und dass er sie in seinen Steingarten hinter dem Haus pflanzen wolle.»ich hoffe, sie vertragen das Klima.«Eine halbe Stunde später kam ein Mann, der sich als Dennis Weinheim vorstellte. Er sagte, dass Alice Winterfeld ihn geschickt habe.»ich arbeite unten beim Ruderverein und bräuchte eine Stichsäge.Was hat denn Frau Winterfeld mit dem Ruderverein zu schaffen?sie trainiert die Seniorenmannschaft. Einmal die Woche.«* Kurz vor Feierabend half Andreas einer älteren Mieterin aus dem zweiten Stock beim Ausfüllen eines Nachsendeantrags. Glücklich und erleichtert verließ sie seine Loge. Dann vereinbarte er einen Termin mit einer Klempnerei, die in der Dachwohnung ein neues Waschbecken installieren sollte. Gegen sieben Uhr packte er seine Sachen zusammen und verließ beunruhigt sein Hausmeisterbüro. Am Telefon hatte er Alice von dem Hinterhof berichtet, den ihm der kubanische 23

26 Wirt genannt hatte, und hatte sie nicht davon abhalten können, sofort loszustürmen. Seitdem hatte er sie weder gesehen noch von ihr gehört. Er ging an einem Gebüsch vorbei, als er aus den Augenwinkeln eine dunkel gekleidete Gestalt entdeckte. Hatte er jemanden durch seine Schnüffelei aufgeschreckt? Er beschleunigte seine Schritte. Das Beste war wohl, sie würden ihre Informationen an die Polizei weitergeben. Dierksen machte eigentlich einen vernünftigen Eindruck. Dass er als Profi wahrscheinlich keine Lust hatte, sich von einer Amateurin wie Alice Winterfeld ins Handwerk pfuschen zu lassen, war nur zu verständlich. Verstohlen sah er um sich, aber es war niemand zu sehen. Er hatte sich wohl getäuscht. Ich bin ein Idiot, dachte er. Mich so einfach von dieser Frau einspannen zu lassen! Er kam an den Gedenktafeln vorbei, mit denen der Bücherverbrennungen durch die Nazis kurz nach der Machtergreifung gedacht wurde. Eine schmale Brücke führte über den Isebekkanal. Er wählte den Weg vorbei an dem eingezäunten Sportplatz, der zu einem Gymnasium gehörte. Vier Jugendliche kickten sich einen Ball zu und probierten Übersteiger. Plötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Instinktiv duckte er sich und wirbelte herum. Vor ihm stand eine Gestalt in einem grauen Overall. Über das Gesicht war eine Motorradmaske gezogen. In der Hand hielt sie eine Plastiktüte, unter der er eine Waffe vermutete.»wie finden Sie mich?«, sagte Alice Winterfeld und brach in schallendes Gelächter aus. 24

27 5 Niemals hätte er sich darauf einlassen dürfen!»aber Andreas, Sie sehen ja aus, als litten Sie unter Blähungen. Alles wird gut, alles wird gut. Beruhigen Sie sich, es kann nichts schief gehen.«auch Dennis Weinheim blickte skeptisch zu Boden.»Aber zu tun haben will ich auch nichts damit«, sagte er und reichte ihm einen Spezialdietrich.»Und wenn es ein Sicherheitsschloss ist?«, fragte Andreas. Weinheim grinste und zog einen längeren, an der Spitze gebogenen Metallgegenstand aus seinem Leinenbeutel.»Das ist ein Kuhfuß«, sagte er.»rein in den Spalt zwischen Tür und Rahmen und dann Aufhebeln.Aufhebeln«, wiederholte Andreas.»Das macht einen Höllenlärm und jeder weiß, dass wir da eingebrochen sind.ist ja nur für den Notfall«, sagte Alice Winterfeld und wog den Kuhfuß in den Händen. Ihr schien das brachiale Einbruchswerkzeug zu gefallen. Sie nickte und sagte:»das ist Plan B. Sehen Sie Andreas, mit dem Ding kann nichts mehr schief gehen.«dann zog sie eine Wollmaske aus ihrer Tasche.»Hab ich selbst gestrickt. Fürs Skifahren.Ich werde mich doch nicht maskieren«, protestierte Andreas, während Weinheim grinsend im Schuppen seines Ruderclubs verschwand.»andreas, seien Sie doch kein Idiot. Es könnten Kameras auf die Tür gerichtet sein.also meinetwegen, ich werde Sie begleiten, aber reingehen müssen Sie schon allein. Ich stehe Schmiere und auch das nur unter einer Bedingung.So?«25

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