Selbstständig lernen

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1 Selbstständig lernen

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3 Selbstständig lernen Bildung stärkt Zivilgesellschaft Sechs Empfehlungen der Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung und der Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung Beltz Verlag Weinheim und Basel

4 Die Heinrich-Böll-Stiftung mit Sitz in den Hackeschen Höfen im Herzen Berlins ist eine politische Stiftung und steht der Partei Bündnis 90/Die Grünen nahe. Die hier vorgestellten Empfehlungen entstanden in den Jahren 2000 bis Sie werden hier zum ersten Mal in ihrer überarbeiteten Fassung vorgestellt. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Hinweis zu 52a UrhG: Weder das Werk noch seine Teile dürfen ohne eine solche Einwilligung eingescannt und in ein Netzwerk eingestellt werden. Dies gilt auch für Intranets von Schulen und sonstigen Bildungseinrichtungen Beltz Verlag Weinheim und Basel 2004 Heinrich-Böll-Stiftung Herstellung: Christine Herth Druck: Druckhaus Beltz, Hemsbach Umschlaggestaltung: Federico Luci, Köln Printed in Germany ISBN

5 Inhaltsverzeichnis 5 Inhaltsverzeichnis Die Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung Vorwort Einleitung Empfehlung 1: Bildungsfinanzierung in der Wissensgesellschaft Zusammenfassung Bildungsfinanzierung und Bildungsreform in der Wissensgesellschaft Wissensgesellschaft Zivilgesellschaft Wertprämissen der Bildungsfinanzierung in der Wissensgesellschaft Grundstrukturen der Bildungsfinanzierung in der Wissensgesellschaft Höhe der Bildungsaufwendungen Kostenteilung Öffentliche Bildungsfinanzierung als Fundament des Rechts auf Bildung Individualisierung der öffentlichen Bildungsfinanzierung Finanzierung des Lebensunterhalts Stärkung des lebenslangen Lernens Instrumente einer reformierten Bildungsfinanzierung Effektivierung des Mitteleinsatzes Entmischung der föderalen Mischfinanzierungen System von Bildungssparen, Bildungskonten, Bildungsgutscheinen Aktivierende Instrumente Einstiegsmaßnahmen Erhöhung der Mittel in den öffentlichen Haushalten Einführung von Gutscheinmodellen in Kindertagesstätten und Schulen Hochschulen: Studienkonten, Bildungskredit und Strukturreform der Ausbildungsförderung... 41

6 6 Inhaltsverzeichnis 7.4 Weiterbildung: Steuererleichterungen, Bildungsgutscheine und Einstieg ins Bildungssparen insbesondere in der beruflichen Weiterbildung Literatur Empfehlung 2: Chancengleichheit oder Umgang mit Gleichheit und Differenz. Förderung eines jeden Menschen als Aufgabe des Bildungssystems Zusammenfassung Einleitung: Ungleiche Bildungschancen Empirische Befunde Der politische Gebrauch des Begriffes Chancengleichheit Begabungstheorien Benachteiligungen Soziale Herkunft und Schulerfolg in anderen Schulsystemen Gesellschaftspolitische Ziele und gesellschaftliche Entwicklungen Normative Grundlagen der Bildungseinrichtungen: Förderung jedes einzelnen Menschen Entfaltung der Persönlichkeit Anerkennung von Individualität, Vielfalt und Differenz Gleichheitsgrundsatz Zur Verwirklichung der Normen Elf Vorschläge zur Förderung von Menschen in ihrer Vielfalt Ein gemeinsames schulisches Fundament durch ein Kerncurriculum Vielfalt anregen und fördern Lernangebote und Lernarrangements Unterschiedliche Wege Aufbau eines Bildungsberatungssystems Kooperation mit Eltern Überwindung geschlechtsspezifischer Benachteiligungen, Förderung von Mädchen und Jungen Förderung sozial Benachteiligter Frühkindliche Erziehung und Bildung Weiterbildung Bildungseinrichtungen als kultureller Mittelpunkt, als Lern- und Kompetenzzentrum der Region Rollenverständnis und Befähigung des pädagogischen Personals Ausblick Literatur... 72

7 Inhaltsverzeichnis 7 Empfehlung 3: Autonomie von Schule in der Wissensgesellschaft. Verantwortung in der Zivilgesellschaft Zusammenfassung Ausgangslage Impulse zur Wiederbelebung der Autonomie-Debatte. Begründungen und Erwartungen Autonome Bildungseinrichtungen und Zivilgesellschaft Autonome Bildungseinrichtungen in der Wissensgesellschaft Zielsetzungen für die Neuorganisation staatlicher Steuerung der Schule Neuorganisation staatlicher Steuerung Schulen gestalten sich selbst. Szenarien einer möglichen Entwicklung Neugestaltung im Verhältnis von Schule und Staat, Verhältnis zum gesellschaftlichen Umfeld Szenario: Eine Schule gestaltet ihren Freiraum Ausblick Anhang Ingo Richter/Sybille Volkholz: Bildungsvertrag zur Gestaltung des Rechtsverhältnisses zwischen Schule und Eltern bzw. Schülerinnen und Schülern Reinhard Kahl: Selbstständigkeit und Verantwortung. Wie in Skandinavien Schulen in Freiheit versetzt und zu Leistungen stimuliert werden Empfehlung 4: Professionalität und Ethos. Plädoyer für eine grundlegende Reform des Lehrerberufs Zusammenfassung Reformbedarf der Schule Die Profession von Lehrpersonen Ausgangslage Neubestimmung der Aufgaben Zusammensetzung des Personals Autonomie der Schule und Kooperation Kooperation mit Eltern Kooperation mit dem regionalen Umfeld Berufsethos Rahmenbedingungen der Berufsausübung Arbeitsort Schule Laufbahn

8 8 Inhaltsverzeichnis 3.3 Unterstützungssysteme und Fortbildung Schulleitung Rekrutierung und Ausbildung Rekrutierung Ausbildung Vorbereitungsdienst und Berufseingangsphase Schlussbemerkung Literatur Empfehlung 5: Lernkonzepte für eine zukunftsfähige Schule. Von Schlüsselkompetenzen zum Curriculum Zusammenfassende Thesen Die übergeordneten Ziele der Bildung Funktionen der Schule Kritik an der heutigen Schule Lebensferner Schulalltag Unproduktive Lernprozesse Drei Kriterien für die Auswahl von Bildungsinhalten Voraussetzungen für den Kompetenzerwerb Motivation als wichtigste Ressource für das Lernen Neue Lernarrangements Situiertes Lernen Veränderte Rolle der Lehrpersonen Übergreifende Bildungsziele und Kompetenzerwerb Maximen, Geltungsansprüche und der Kompetenzbegriff Schlüsselkompetenzen, übergreifende Bildungsziele und Bildungsstandards Schlüsselkompetenzen und ihre Funktion für die individuelle Bildung Von Fächern zu Domänen Zukunftsfeste Inhalte und Wissensformen Das Wissenschafts- und Technikdelphi Das Wissens- und Bildungsdelphi Kerncurriculum Vom überfüllten Lehrplan zum zeitlich begrenzten Kerncurriculum Lehrerbildung Kompetenzen und Domänen

9 Inhaltsverzeichnis Lernpsychologische, gesellschaftliche und politische Kontextualisierung Kerncurriculum, Wahlpflicht- und Wahlbereich Die lebensnahe Schule Schule als Lebenswelt: die Ganztagsschule Öffnung der Schule Schlussbemerkung Literatur Empfehlung 6: Schule und Migration Zusammenfassung Vorbemerkung Ausgangslage Normative Grundlagen der Empfehlung Der Wandel der öffentlichen Sozialisationsnormen Integrationskonzepte Umgang mit Zuwanderung im internationalen Vergleich Population und Heterogenität der Kinder mit Migrationshintergrund Bildungssituation von Migrantenkindern Bildungseinrichtungen und Integration: Bestandsaufnahme, Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Modellen Vorschulische Bildung und Migration Curriculum und Schulbuch-Gestaltung Schulkultur, Diversität und Integration Die Schule als Community Center: Kommunikation und Kooperation mit Eltern und außerschulischen Partnern Spracherwerb Reformempfehlungen Umgang mit Heterogenität/Diversität Vorschulische Bildung und Migration Schulische Bildung und Migration Spracherwerb Personalentwicklung Schlussbemerkung Literatur Kurzbiografien der Mitglieder der Bildungskommission

10 10 Die Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung Die Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung Dr. Warnfried Dettling (nur Empfehlungen 1 3) Prof. Dr. Wolfgang Edelstein Prof. Dr. Gerhard de Haan Imma Hillerich (1 2) Herbert Hönigsberger (1 3) Reinhard Kahl Undine Kurth Dr. Elizabeth Neswald (1 3) Dr. Andreas Poltermann Prof. Dr. Jens Reich (1 3) Dr. Simone Schwanitz Dr. Anne Sliwka (4 6) Cornelia Stern Volkmar Strauch Dr. Dieter Wunder (1 4) Sybille Volkholz (Koordination) Federführende Autorinnen und Autoren: Empfehlung 1: Herbert Hönigsberger, Sybille Volkholz und Andreas Poltermann. Empfehlung 2: Sybille Volkholz und Dieter Wunder. Empfehlung 3: Sybille Volkholz. Empfehlung 4: Sybille Volkholz und Dieter Wunder. Empfehlung 5: Wolfgang Edelstein und Gerhard de Haan. Empfehlung 6: AG Interkulturelle Bildung, das sind Christiane Bainski, Sabine Mannitz, Dr. habil. Heike Solga, Gül Yoksulabakan, Sybille Volkholz und Anne Sliwka.

11 Vorwort 11 Vorwort Mit dem vorliegenden Buch präsentiert die Bildungskommission der Heinrich-Böll- Stiftung die Ergebnisse ihrer Arbeit aus den Jahren 2000 bis Berufen wurde die Bildungskommission aus der Einsicht heraus, dass die Diskrepanz zwischen Reformbedarf und Status quo im deutschen Bildungssystem besonders auffällig ist und sogar zum resignierten Common Sense gehört. So hatte die Delphi-Studie 1996/98 bei den Befragten eine hohe Übereinstimmung darin zu Tage gebracht, dass für die Bildungseinrichtungen in Deutschland im 21. Jahrhundert erhebliche Veränderungen als notwendig erachtet werden, gleichzeitig aber eine hohe Übereinstimmung in der Skepsis, dass sich diese Veränderungen auch tatsächlich rechtzeitig und im angemessenen Umfang umsetzen lassen. Viel zu lange hatte sich die Bildungsdiskussion in ideologischen Grabenkämpfen, Glaubensbekenntnissen und gegenseitigen Vorwürfen festgefahren. In dieser Situation sollte die Berufung der Bildungskommission Bewegung in die erstarrten Fronten bringen. Sie sollte zum einen ihre Empfehlungen auf ein wissenschaftliches Fundament stützen; gleichzeitig sollte die Kommission durch ihre Zusammensetzung zu offenen Suchprozessen ohne ideologische Scheuklappen und vorgefertigte Antworten fähig sein. Es galt, den resignierten bildungspolitischen Common Sense zu überwinden und Diskursfähigkeit über die gewohnten Lager hinaus zu entwickeln. Dass der»pisa-schock«die bundesdeutsche Öffentlichkeit aufrüttelte und die Politik unter Zugzwang setzte, endlich eine inhaltliche und strukturelle Reform des Bildungssystems anzugehen, kam dieser Absicht entgegen. Die in diesem Band versammelten Empfehlungen der Kommission sind auf breite Resonanz in der Fachwelt und in der öffentlichen Debatte gestoßen. Es konnten Verbündete für einen neuartigen bildungspolitischen Pragmatismus gewonnen werden, der sich gleichwohl von universellen Werten und lebensweltlichen Geltungsansprüchen leiten lässt. Grundlegend ist das Recht auf Bildung als Anspruch auf Kultivierung der persönlichen Kompetenzen. Im Zentrum stehen dabei die Befähigung zur aktiven Teilhabe am kulturellen und gesellschaftlichen Leben sowie an der Erwerbsarbeit. Die Kommission folgt dem Leitgedanken, dass erfolgreiche Lernprozesse an die Erfahrung der Schule als Solidargemeinschaft gebunden sind, die jedes Mitglied als Träger eigener Rechte respektiert. Die vorgeschlagenen Reformen werden vor dem Hintergrund zweier zentraler Herausforderungen für eine zeitgemäße Bildung entwickelt: zum einen die Herausforderung des Übergangs von der Industrie- zur Wissensgesellschaft und den einhergehenden Prozessen der Individualisie-

12 12 Vorwort rung, Verwissenschaftlichung und Kontingenzerfahrung; zum anderen die einer stärkeren zivilgesellschaftlichen Beteiligung an Bildungsinstitutionen und -prozessen. In den vergangenen vier Jahren hat die Bildungskommission mehr Themen diskutiert und öffentlich debattiert, als die vorliegenden Empfehlungen dokumentieren. Befasst hat sie sich zum Beispiel auch mit dem Themenfeld»Risiko und Wagnis«, wobei ihr besonderes Interesse dem Umgang mit Gentechnologie in Rahmenlehrplänen und Unterricht galt, und mit der Idee eines Systems der Bildungsberatung, das die Autonomie der Schule ergänzen und auf die gesteigerte Verantwortung der Menschen für ihre Bildungsbiografie abgestellt sein sollte. Die Diskussion zu diesen Themen ist noch nicht abgeschlossen. Andere Fragen, wie die nach einer Neukonzeption der Studien- und Hochschulfinanzierung, wurden in anderen Arbeitszusammenhängen der Heinrich-Böll-Stiftung weiter verfolgt, nachdem die Bildungskommission in ihrer ersten Empfehlung die Eckpunkte eines umfassenden Entwurfs für die Bildungsfinanzierung von der vorschulischen Bildung bis zum lebensbegleitenden Lernen vorgelegt hatte. Die Mitglieder der Bildungskommission haben der Bitte der Heinrich-Böll- Stiftung um Mitarbeit mit großem Engagement und dem Opfer so manchen Wochenendes entsprochen. Ihnen allen dankt die Heinrich-Böll-Stiftung mit dem Versprechen, den reichen Ertrag der Kommission auch zukünftig in die Debatte über die Reform der schulischen Bildung einzubringen. Besonders dankt die Heinrich- Böll-Stiftung aber Sybille Volkholz, die mit politischer Weitsicht, fachlicher Expertise und großem kommunikativen Geschick die Bildungskommission im besten Sinne des Wortes geleitet hat. Berlin, im Januar 2004 Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung Andreas Poltermann, Programmkoordinator Bildung, Wissenschaft, Neue Technologien

13 Einleitung 13 Einleitung Die Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung hat ihre Empfehlungen zur Reform des Bildungs- und vor allem des Schulwesens in Zusammenhang gesetzt mit der Entwicklung von der Industrie- zur Wissensgesellschaft und mit der Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen. Leitvorstellung sind Individuen, die sich durch Bildung und Wissen zum Handeln befähigen und soziale Verantwortung übernehmen. Die Entwicklung zur Wissensgesellschaft erhöht die Bedeutung von Bildung für die Teilhabechancen des Einzelnen. Bildung wird nicht mehr auf die Zeit der Jugend beschränkt bleiben können, sondern ein das ganze Leben begleitender Prozess werden. Damit wird Bildung individuellere Ausprägungen erhalten. Konzeptioneller Ausgangspunkt sind damit nicht die Institutionen, sondern die Individualität und die Heterogenität der Lernenden. Für die Lernenden bedeutet dies ein hohes Maß an Verantwortung für die eigene Bildungsbiografie; auf Seiten der Bildungseinrichtungen muss hingegen die Orientierung an den Lernenden und deren Lernprozessen in den Mittelpunkt rücken. Das wird nur mit größeren Gestaltungsräumen gehen, die für die Organisation spezieller Lernarrangements, eigener Curricula und die Gestaltung von Kooperationen mit dem gesellschaftlichen Umfeld genutzt werden können. Schulen brauchen dafür eindeutige Rechte und klare Verantwortlichkeiten. Mit der Entwicklung und Stabilisierung der Demokratie wächst auch das Selbstbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger. Darin liegt der Schlüssel für individuelle Entfaltung und soziale Kohärenz in einer durch Heterogenität und Kontingenz geprägten Gesellschaft, deren Deutungsprobleme sich immer weniger durch Rückgriffe auf Traditionen beantworten lassen. Nur die sozialen Institutionen bleiben lebendig, die Formen der Beteiligung anbieten, in denen Aufgaben selbst definiert und gestaltet werden können. Die Verantwortlichkeit aller Akteure für ihre Bildungseinrichtungen und die Partizipation an ihrer Gestaltung ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil die Personen sowohl Subjekte als auch Objekte der Bildungseinrichtungen sind und der Zweck der Institution ihre Nutzer als Personen unmittelbar berührt. Die in Deutschland bisher gewohnte starke staatliche Außensteuerung der Bildungseinrichtungen hat zu Passivität und einer unrealistischen Anspruchshaltung der Akteure an jeweils Dritte geführt. Sie ist dem Bildungsprozess der Individuen und der Lebendigkeit der Schule als sozialer Institution abträglich. Die Reformempfehlungen der Bildungskommission versuchen die Spannung zwischen zunehmender Individualisierung und gesellschaftlicher Kohäsion durch Autonomie der Bildungseinrichtungen und deren Verpflichtung auf den menschenrechtlichen Anspruch auf individuelle Entfaltung aller Schülerinnen und Schüler aufzulösen. Schü-

14 14 Einleitung lerinnen und Schüler haben dieses Recht auf individuelle Entfaltung und Förderung unabhängig von ihrer sozialen, kulturellen oder ethnischen Herkunft. Dazu gehört auch das Recht auf die Definition der eigenen Identität. Die schematische Zuordnung von Schülerinnen und Schülern zu bestimmten Gruppen auch durch die Schule schränkt die individuelle Entfaltung ein und führt zu Benachteiligungen. Die PISA-Befunde belegen die weitgehende Unfähigkeit der deutschen Schulen, mit Heterogenität umzugehen und Lernprozesse zu gestalten, die von Schülerinnen und Schülern als sinnvoll erfahren werden. Zunehmende Individualisierung wird in den Empfehlungen aber gekoppelt an die Verantwortung der Individuen für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Diese Verantwortung kann nur aus der wertkonstitutiven Vorbereitung auf eine im Prinzip unvorhersehbare Zukunft und der Erfahrung der Schule als sozialer Lebenswelt hervorgehen. Unsere Bildungseinrichtungen müssen Orte demokratischer Erziehung und der Erfahrung menschenrechtlicher Werte sein. Nicht erst der PISA-Schock hat den Reformbedarf des deutschen Bildungssystems in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Gemessen an den Anforderungen an eine Modernisierung ist die tatsächliche Entwicklung aber eher bescheiden. Woran liegt das? Trotz parteipolitischer Differenzen und unterschiedlicher machtpolitischer Strategien weisen die meisten Reformkonzepte mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede auf. Offensichtlich gibt es auf der Ebene bildungspolitischer Beschlüsse und Verlautbarungen relativ übereinstimmende Einsichten. Aber es scheint ungeheuer schwer, diese Einsichten mit dem Selbstbild der Bildungsakteure und der Erfahrung ihrer eigenen Wirksamkeit zu verbinden. Zwei wesentliche Irrläufer bildungspolitischer Diskurse haben dieses Resultat mit verursacht: Die bildungspolitische Debatte in Deutschland hat sich jahrzehntelang darauf beschränkt, Pole zu fixieren. Wir haben einen 30-jährigen Stellungskrieg produziert, indem es mehr darum ging, Positionen zu festigen und Stellungen zu beziehen, als pragmatische Lösungen zu finden. Die Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung tritt für einen Pragmatismus neuer Prägung ein: Sie versucht sich in ihren sechs Empfehlungen von den hergebrachten Polen und scheinbar alleingültigen Reformkonzepten zu lösen. Bildungsreform im Kontext von Individualisierung und zivilgesellschaftlicher Beteiligung setzt dagegen auf Vielfalt und Autonomie und will gerade dadurch Demokratie als soziale Lebensform erfahrbar machen. Vielen gelten diese Eckpunkte als neoliberale Auflösung von sozialen Grundkonsensen. Gerade die Ergebnisse der PISA-Studien über die starke Koppelung von sozialer Herkunft und Schulerfolg in Deutschland gebieten es aber, die gewohnten Strategien zur Herstellung von Chancengleichheit zu hinterfragen, weil sie ihr Ziel weit verfehlt haben. Dieser Frage haben sich alle sechs Empfehlungen deshalb durchgehend angenommen. Die Empfehlungen befassen sich im Einzelnen mit den folgenden Themenstellungen:

15 Einleitung Bildungsfinanzierung in der Wissensgesellschaft Gemessen am Reformbedarf des Bildungssystems ist das derzeitige System der Bildungsfinanzierung ungerecht, ineffektiv, intransparent, und es hemmt Innovationen. Die Bildungskommission empfiehlt Bildungskonten von Geburt an, die staatlicherseits durch die Umleitung bisheriger Transferzahlungen unterstützt werden. Zur Stärkung der Lernenden wird ein Teil der institutionellen Kosten als Gutscheine vergeben. 2. Chancengleichheit oder Umgang mit Gleichheit und Differenz Das falsche Verständnis von Chancengleichheit alle lernen zur gleichen Zeit das Gleiche hat zu einem Unterricht geführt, der die Individualität der Lernenden verfehlt. Schulen müssen den Umgang mit der Heterogenität von Kindern und Jugendlichen lernen. Dazu hat die Kommission elf konkrete Vorschläge erarbeitet, die die Individualisierung des Unterrichts und der Lernangebote und damit die Förderfähigkeit der Schule stärken sollen aber gleichzeitig auch die Verantwortung der Schule für ihre Ergebnisse. 3. Autonomie von Schulen in der Wissensgesellschaft Ziel der Neuorganisation der staatlichen Steuerung der Schulen ist es, dass die Lernenden in möglichst hohem Maße selbstbestimmt lernen können, dadurch die Qualität der Einrichtung und die Leistungsstandards angehoben werden und die Verantwortung für Organisation und Gestaltung bei den Akteuren vor Ort liegt. Die Kommission hat hierfür konkrete Vorschläge neuer Instrumente der Schulaufsicht und der Zusammenarbeit von Lehrpersonen, Eltern sowie Schülerinnen und Schülern erarbeitet. 4. Professionalität und Ethos Plädoyer für eine grundlegende Reform des Lehrberufs Im Zentrum steht die Abkehr vom Verständnis der Pädagogen als individuelle Fachmenschen und die Hinwendung zum»akteur im pädagogischen Gesamtkunstwerk Schule«. Die Kooperation der Lehrpersonen untereinander wie auch mit den Eltern gehört zum Berufsverständnis. Für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen soll der sokratische Eid das pädagogische Ethos prägen. Die Schule übernimmt die Verantwortung für die Leistungen der Schülerinnen und Schüler. Dazu gehören Änderungen des Dienstrechts wie auch eine Präsenzzeit an den Schulen. 5. Von Schlüsselkompetenzen zum Curriculum Eine wesentliche Kritik an der gegenwärtigen Schule ist, dass sie überwiegend»träges Wissen«vermittelt. Dagegen schlägt die Kommission vor: Das Curriculum muss von den Voraussetzungen des Kompetenzerwerbs von Kindern und Jugendlichen ausgehen, d.h. entwicklungsangemessen und lernbar sein und die individuellen Lernvoraussetzungen berücksichtigen. Das Curriculum muss»zukunftsfeste«bildung ermöglichen, d.h. geltungsbeständig und sinnvoll sein und schlüssige Antwor-

16 16 Einleitung ten auf Fragen der Lernenden nach dem Sinn des Gelernten bieten. Das Curriculum muss eine motivierende, praktische und lebensweltlich befriedigende Organisation des Lernens und Lebens in der Schule zulassen und fördern. Als Handlungsnotwendigkeit ergibt sich die Entwicklung eines Kerncurriculums, eines notwendigen Pflichtprogramms für alle, das diese Anforderung erfüllt, nämlich die Festlegung von Bildungsstandards, d.h. Niveaustufen, auf denen diese Kompetenzen erreicht sein müssen; und vor allem bedarf es der Festlegung eines Fundamentes, ohne das kein Jugendlicher die Schule verlassen soll. Die Schule muss Rechenschaft darüber abgeben, dass sie Kinder und Jugendliche angemessen fördert. 6. Bildung und Migration Die Befunde der PISA-Studie weisen auf ein immenses Versäumnis deutscher Bildungspolitik und der Praxis der Schulen hin: Die schulischen Karrieren und der Kompetenzerwerb von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund bereiten vollkommen unzureichend auf ein Leben in Deutschland vor und gefährden sämtliche Bemühungen um Integration. Das langjährige offizielle Credo der Bundesrepublik, kein Einwanderungsland zu sein, hat eine Mischung aus Konzeptionslosigkeit und Ignoranz auf der einen Seite und einen kaum weniger problematischen wohlmeinenden Kultur-Relativismus auf der anderen Seite befördert. Die grundsätzliche kulturelle Pluralität moderner Gesellschaften wird damit ausgeblendet. Migration wird in deutschen Schulbüchern überwiegend als ein Problem thematisiert. Es gilt aber, Vielfalt zu akzeptieren und kompetenten Umgang mit Heterogenität zu entwickeln, statt mit Hilfe von Defizit- und Kulturkonflikt-Hypothesen scheinbar unlösbare Probleme zu konstruieren. Vorgeschlagen wird die Öffnung der Schulen durch Aufbau von Kooperationsbeziehungen mit außerschulischen, nachbarschaftlichen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Einrichtungen, aus denen integrative soziale Kontexte entstehen sollen. Diversität und Schulkultur sowie die Sprachentwicklung stehen dabei im Mittelpunkt. Die Bildungskommission hat mit ihren Empfehlungen gewiss nicht das Gesamttableau des Reformbedarfs für die deutschen Schulen entworfen. Allerdings haben wir einige besonders hervorstechende Schwachstellen benannt und hierzu konkrete Reformvorschläge entwickelt. Sie versuchen alle Ebenen der Gestaltung zu berücksichtigen und richten sich entsprechend an alle Akteure und Zielgruppen, die Beteiligten vor Ort in den Schulen, in den Verwaltungen, in der Wissenschaft und in der Politik. Auf keiner Ebene müssen die Akteure mit ihren Reformschritten auf die anderen warten oder können sich mit Verweis auf die Unbeweglichkeit Dritter von der Notwendigkeit zur aktiven Arbeit an der Reform zurückziehen. Klar ist, dass der Aufbruch zu neuen Ufern auch Risiko oder Misserfolg bedeuten kann. Die Folgen von Untätigkeit und Trägheit wären aber ungleich gravierender. Berlin, im Januar 2004 Sybille Volkholz

17 Empfehlung 1: Bildungsfinanzierung in der Wissenschaft 17 Empfehlung 1: Bildungsfinanzierung in der Wissensgesellschaft Zusammenfassung Bildung soll künftig Priorität haben. Denn internationale Vergleiche über Bildungsbeteiligungen Jugendlicher und Erwachsener sowie Feststellungen zur Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungssystems zeigen überdeutlich, dass es dringend notwendig ist, die individuelle, die gesellschaftliche und die politische Bereitschaft anzuregen, diese Priorität in die Tat umzusetzen. Deutschland braucht eine Bildungsreform, die anders als ihre Vorgängerin der 60er- und 70er-Jahre nicht auf die großen staatlichen Entwürfe und Interventionen setzen kann. Sie muss in einer Verbindung von strukturellen mit inneren Reformen bestehen, die dezentralen Ebenen stärken und insbesondere die Akteure vor Ort im Bildungssystem in die Lage versetzen, eigenständige Reformanstrengungen zu unternehmen. Sie müssen selbsttätig, kontinuierlich und angemessen schnell aus dem dynamischen sozialen Wandel in allen gesellschaftlichen Sektoren ihre Konsequenzen ziehen können. Sie müssen auf die Entwicklung der Wissensgesellschaft nicht nur reagieren können, sondern diese selbst mitgestalten. Ein Bildungswesen, das den neuen Herausforderungen gewachsen sein soll, benötigt ein reformiertes, tragfähiges und von allen getragenes System der Bildungsfinanzierung, das den Akteuren in den Bildungseinrichtungen ein hohes Maß an Eigeninitiative und eine kontinuierliche Modernisierung von Institutionen, Inhalten und Methoden ermöglicht. Die Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung beginnt mit Überlegungen zur Finanzierung, um zu unterstreichen, dass Vorschläge, die nicht auch als Finanzierungskonzepte formuliert werden, politisch schwach bleiben. Die Ideen zur Finanzierung sollen Debatten in der Öffentlichkeit anstoßen und Anregungen für die weitere Arbeit der Kommission provozieren. Heute wird die Überprüfung traditioneller Finanzierungsmodelle erforderlich. Seit den 60er- und 70er-Jahren wird die Bildungsreform überwiegend als Expansion finanzieller Mittel verstanden. Haushaltspolitik muss aber künftig unter dem Gesichtspunkt von Nachhaltigkeit betrieben werden. Bildungsetats müssen in den Haushalten eine Sonderstellung einnehmen, sie müssen Priorität genießen. Vor allem aber müssen die Mittel effektiver und effizienter eingesetzt werden. Reformen können nicht allein durch die Erweiterung öffentlicher Finanzierung erreicht werden. Modelle gemischter Finanzierung aus staatlichen Leistungen und Eigenleistungen müssen entwickelt werden.

18 18 Empfehlung 1: Bildungsfinanzierung in der Wissenschaft Maßgabe für die Finanzierung sind Innovation und Gerechtigkeit. Das gegenwärtige System der Bildungsfinanzierung ist ungerecht. Es nimmt nicht hinreichend Rücksicht auf funktional angemessene Verteilungsmodi und wird den differenten Mustern moderner Formen von Benachteiligung und Problemlagen, z.b. Alleinerziehender, Migranten oder Bildungseinrichtungen in sozialen Brennpunkten, nicht gerecht. Je mehr soziokulturelles Kapital Kindern mit auf den Weg gegeben wird, desto höher gerät die staatliche Prämie. Untersuchungen zu Lernausgangslagen und Schülerleistungen zeigen, dass Schulen Ungleichheit begünstigen: Wer hat, dem wird gegeben. Heute wird die private Finanzierung im Vorschulbereich als selbstverständlich hingenommen, während mehr Beteiligung an der Finanzierung von Universitätsstudien, die sich unmittelbar in höheren Einkommen auszahlen, als Tabu gilt. Eine Kultur des Gebens und Nehmens, die sich auch darin ausdrückt, dass Ehemalige ihren Schulen und Hochschulen etwas zurückgeben, ist in Deutschland erst noch zu entwickeln. Der Sozialstaat muss den Ausgleich von Nachteilen ernster nehmen. Er muss vor allem den Schwerpunkt seiner Förderungen auf die Einrichtungen der frühen Kindheit und die Grundschule verlagern. Mit zunehmendem Alter der Geförderten sollen die staatlichen Mittel schrittweise an die zu Fördernden adressiert, also»elternunabhängiger«werden. Eigenaktivität und Verantwortung sind zu stimulieren. Das gegenwärtige System der Finanzierung hemmt Innovationen. Die Akteure in den Einrichtungen haben zu wenig Einfluss. Autonomie bedeutet auch Souveränität in der Verwendung der Mittel. Finanzielle Spielräume für Innovationen sind bisher kaum vorhanden oder zu eng. Ein künftiges System der Bildungsfinanzierung braucht eine neue Balance von öffentlichen und privaten Mitteln. Außerdem sollen die Verfahren, wie Mittel zugeteilt werden, geprüft und erneuert werden. Hier empfiehlt die Bildungskommission, solche Instrumente wie Bildungsgutscheine, Bildungskonten und Bildungssparen zu entwickeln und mit ihnen Erfahrungen zu sammeln. Damit soll die Nachfrageseite gestärkt werden. Die hierzu entwickelten Vorschläge vom Sachverständigenrat Bildung bei der Hans-Böckler-Stiftung, vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) sowie vom Stifterverband (»Geld folgt Studierenden«) sollen endlich politisch diskutiert und dabei weiterentwickelt werden. Im Einzelnen schlägt die Bildungskommission vor: Für jedes Kind sollten von der Geburt an Bildungskonten eingerichtet werden, die staatlicherseits durch die Umleitung bisheriger Transferzahlungen unterstützt werden. Zur Stärkung der Lernenden gegenüber den Einrichtungen und ihrer Eigenverantwortung wird ein Teil der institutionellen Kosten als Gutscheine vergeben. Bildung soll von den frühkindlichen Einrichtungen bis zum Abschluss der Sekundarstufe II und in der beruflichen Erstausbildung gebührenfrei sein. Anders als in der jetzigen Regelung dürfen keine Gebühren für schulische Formen der beruflichen Erstausbildung, z.b. in den Gesundheitsberufen, erhoben werden. In

19 Empfehlung 1: Bildungsfinanzierung in der Wissenschaft 19 der frühkindlichen Bildung dürfen nur die Anteile mit überwiegender Betreuungsfunktion privat in Rechnung gestellt werden. Studium und Weiterbildung sollen durch ein neues System der Finanzierung gesichert werden. Eine Kombination aus staatlichen Zuschüssen, Bildungsgutscheinen, Bildungskrediten und individuellem Bildungssparen soll die finanzielle Grundlage schaffen. Das neue System soll Reichtum und Bedürftigkeit der Beteiligten berücksichtigen. Staatliche Mittel sollen den Hochschulen über die Studierenden in Form von Bildungsgutscheinen zufließen. Die Finanzierung soll die Bildungseinrichtungen zum effizienten und effektiven Umgang mit Geld anspornen. Sie müssen öffentlich Rechenschaft abgeben. Die Bildungskommission hält die staatliche Förderung des Bildungssparens für ebenso wichtig wie die Beteiligung der Lernenden an den Kosten von Hochschule und Weiterbildung. Der Umbau des Systems braucht Zeit. Beginnen kann man mit der Einführung von Studienkonten (Kontingenten von Semesterwochenstunden), die Studierenden für das Erststudium zur Verfügung gestellt werden. Dieses System stärkt die Studierenden gegenüber den Hochschulen, macht ihnen deutlich, dass die Gesellschaft ihnen etwas gibt und fordert schließlich die Lehre dazu heraus, sich stärker an den Studierenden auszurichten. Elternunabhängige Kredite als Ergänzung zum BAFöG sollten sofort eingeführt werden. Die Bildungskommission fordert, zügig die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass durch steuerrechtliche Vergünstigungen oder staatliche Zuschüsse Anreize zum Bildungssparen zunächst für die Weiterbildung geschaffen werden. Die Bildungskommission hält die genannten Schritte für geeignet, einen grundsätzlichen Umschwung in ein zeitgemäßes, modernes System der Bildungsfinanzierung einzuleiten. Die von der Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung hier vorgeschlagenen Maßnahmen zur Neugestaltung der Bildungsfinanzierung können und sollen ergänzt und weiterentwickelt werden. Sie sind als Eckpunkte eines neuen Systems zu verstehen, mit dem mehr Gerechtigkeit, höhere Effizienz und mehr Innovationsanreize in den Bildungseinrichtungen erreicht werden sollen. 1. Bildungsfinanzierung und Bildungsreform in der Wissensgesellschaft Deutschland braucht eine Bildungsreform. Die produktive Wirkung und positiven Impulse der Reformphase der 60er- und 70er-Jahre sind verebbt. Seit mehreren Jahren und unter neuen Vorzeichen erlebt die Überzeugung, dass Bildung und Bildungspolitik maßgeblich für gesellschaftliche Entwicklung sind, nun eine große Renaissance. Es gibt einen breiten Konsens über die Notwendigkeit einer tiefgreifenden

20 20 Empfehlung 1: Bildungsfinanzierung in der Wissenschaft Bildungsreform, die auf aktuelle Entwicklungen und Zukunftstrends angemessen antwortet und diese mitgestaltet. In den 60er- und 70er-Jahren waren Bildungsreformen zentraler Motor gesellschaftspolitischer Zukunftsprogramme. Die Reformen waren durchaus erfolgreich: Mehr Mädchen (rund 40 Prozent eines Jahrgangs) als Jungen (rund 35 Prozent eines Jahrgangs) erlangen heute die Hochschulreife (inkl. Fachhochschulreife). Berufliche Abschlüsse und allgemeinbildende zusammengenommen, erwerben mehr als 90 Prozent der Jugendlichen einen Abschluss der Sekundarstufe II. Die Zahl der Studierenden ist gegenüber den 60er-Jahren stark gestiegen (jede/r Vierte beginnt heute ein Studium), allerdings schließen nur 16 Prozent eines Jahrgangs das Studium ab. Im Grundschulbereich haben neue Lehr- und Lernformen Einzug gehalten. Die einstmals starre Dreigliedrigkeit des Schulsystems ist in vielen Ländern durch flexiblere Strukturen und vielfältigere Bildungsmöglichkeiten, auch durch Gesamtschulen, abgemildert worden. In der Berufsbildung wurden die Ausbildungsordnungen reformiert. Das alles sind beachtenswerte Leistungen. Die Reform ist nicht vollendet worden, denn zu viele damalige Reformimpulse und Hoffnungen haben sich bisher nicht in den Bildungsalltag umsetzen lassen. Weiterhin sind große gesellschaftliche Gruppen benachteiligt. Der Unterricht verläuft oft in wenig produktiven Lernatmosphären, das Mitspracherecht der Lernenden ist wenig ausgebildet, und die Schule ist für viele Kinder und Jugendliche mit Langeweile, Demotivation, ja, Demütigung verbunden. Insbesondere die Kinder von Migranten haben im deutschen Schulsystem zu geringe Chancen auf einen Schulerfolg. Die Curricula vernachlässigen weiterhin breite zukunftsrelevante Themenpaletten. Die Nutzung neuer Medien ist defizitär. Die Ausgaben für den vorschulischen Bereich und für die Grundschulen sind im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich. Die überfällige Hochschulreform läuft zu zögerlich an. Die Struktur der Lehrerbildung verläuft immer noch in traditionellen Bahnen. In der beruflichen Bildung gibt es nach wie vor zu starre Strukturen. Die Weiterbildung ist ein Stiefkind des Bildungssystems geblieben. Der Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft, vom Staatsinterventionismus zur Zivilgesellschaft, vom ökologischen Krisenund Katastrophendenken hin zur Modernisierung durch nachhaltige Entwicklungsprozesse ist bisher vom Bildungssystem kaum verinnerlicht worden. Das betrifft aber auch den Umgang mit Risiken und Unsicherheiten in einer dynamischen, von wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Umbrüchen sowie von einer wachsenden Individualisierung gekennzeichneten Lebens- und Arbeitswelt. Die neue Bildungsreform kann nicht, wie ihre Vorgängerin, auf die großen staatlichen Entwürfe und Interventionen setzen. Da sie in einer Verbindung von strukturellen mit inneren Reformen bestehen wird, müssen die dezentralen Ebenen gestärkt und insbesondere die Akteure des Bildungssystems vor Ort in die Lage versetzt werden, eigenständige Reformanstrengungen zu unternehmen. Sie müssen selbsttätig, kontinuierlich und angemessen schnell aus dem dynamischen sozialen Wandel in allen gesellschaftlichen Sektoren ihre Konsequenzen ziehen können. Sie müssen auf

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