1. EINLEITUNG. Im Teil vier werden Regeln und Restriktionen für den Gebrauch der Diminutivsuffixe -chen und -lein besprochen.

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1 1. EINLEITUNG Das Ziel meiner Arbeit ist es die Diminutivbildung als Teil der Wortbildung in der deutschen Sprache als auch in der tschechischen Sprache zu behandeln. Die Materialbasis stellen grammatische wissensprachliche Texte und literarische Texte Märchen dar. Im ersten Teil werden die Prinzipien der Wortbildung in den beiden Sprachen erklärt. Im zweiten Teil wird die Diminutivbildung näher behandelt. Der dritte Teil konzentriert sich auf die Funktion der Diminutiva in der deutschen und der tschechischen Sprache und auf deren Morpheminventar. Im Teil vier werden Regeln und Restriktionen für den Gebrauch der Diminutivsuffixe -chen und -lein besprochen. Der fünfte Teil umfasst eine Textanalyse von einigen ausgewählten deutschen Märchen der Gebrüder Grimm und deren Übersetzung ins Tschechische bezüglich des Auftretens und der Häufigkeit von den Diminutiven. Im sechsten Teil werden Ergebnisse der Analyse zusammengefasst. Das Resüme im letzten Teil ergibt sich aus der vorgenommenen Textanalyse im Vergleich mit wissensprachlichen Ansätzen. 1

2 2. Abgrenzung des Themas Ach mein liebes Blüminchen Mein Hühnichen und mein Hennichen, Mein allerhübschestes Liebichen, Eurs gleichen wächst ein Blüminchen, Darzu kein edles Bäumichen Auf jener grünen Heid. Ach mein Rosenstengelchen, Ach mein Rautensträuchlichen, Allerhübschestes Engelchen, Allerhübschestes Keuchelchen, Ach mein Lilgensttengelchen, usw*. Dieses Liebeslied aus dem 17. Jahrhundert ist gespickt mit Diminutiva, was für diese Zeit kein Einzelfall war. Namentlich in den Volksliedern, insbesondere in Liebesliedern wimmelte es von diesen Formen. Heute haben wir Schwierigkeitten, solchen Text als schön zu empfinden. Es wäre bestimmt interessant, die Entwicklung der Diminution zu verfolgen und zu begründen, weshalb wir heute bei so einer Anhäufung von Diminutivem nicht solche Empfindungen wie Leser des 17. Jahrhunderts hatten. Das sollen doch Studien von synchronen Aspekten der Wortbildung behandeln. Aber im Mittelpunkt diesel Arbeit sollen Fragen über die Funktion, Bildung und Stylistik auch im Gebrauch stehen. Auch geht es darum, die Diminutivbildung in den Gesammtbereich der Wortbildung einzuordnen. Hoffmann: Gesellschaftslied Nr. 43, in dem Lied: Ein Liebessträußchen (1616) 2

3 In den diachronischen Studien über die deutsche und tschechische Diminution wurden vor allem drei Fragen berücksichtigt: o Wie sind die deutchen und tschechischen Diminutivsuffixe entstanden? o Haben sie ihren Ursprung bei den Eigennamen? Eine These behauptet sie sind Koseformen, von Appelativen gebildet nach dem Muster der Kosenamen*. Eine andere These dagegen behauptet, dass die Grundlage des Diminutivs in seiner verkleinenden Bedeutung, von der alle weiteren Bedeutungsschattierungen, insbesondere die Ableitung der Koseformen, liegt. In wie weit beeinflusste Fremdsprachen die Produktivität und die Weiterentwicklung der Diminution? Einige Sprachwissenschaftler tragen eine große Bedeutung dem Lateinischen, andere dem Franzözischen zu. Warum kam es im 17. Jahrhundert zur einer Verschiebung im Gebrauch der Suffixe -lin (-lein) im Deutschen, das bis dahin vorherrschend war, und -chen, fast immer üblicher wurde, und welche Konsequenzen hat das für das heutige Deutsch? Auf diese Fragen soll in dieser Arbeit nicht eingangen werden. Wrede F.,(1908) S

4 3. Einordnung der Diminutivbildung in die deutsche Wortbildung Wortbildung ist die Produktion von Wörtern auf der Grundlage und mit Hilfe des vorhandenen Sprachmaterials*. Man unterscheidet zwischen drei Hauptypen der Wortbildung, die Komposition, die Derivation und andere Wortbildungsverfahren, wobei man sich nach inhaltlichen Strukturen richtet Die Komposition* Schließlich gibt es noch die Komposition, bei der zwei oder mehrere Basiselemente grammatikalisiert (beide Konstituente sind Grundmorpheme), d. h. in Beziehung gesetzt werden. Ihre grammatische Funktion kann zwischen einer inaktuell oder einer aktuellen variieren nur einfach ein Sem zu den Anderen addiert, sondern es ändert sich die Gesammtheit der Seme. Determinativkomposita: ein Konstituent spezifiziert näher ein Anderes und es ist möglich es zu ersetzen (z. B. Frühlingsnachmittag). Possessivkomposita: das erste Konstituent kann nicht ersetzt werden (z. B. Angst-hase). Fleischer, W./Barz (1992), S. 5 Erben, Grundlagen der Germanistik, S. 38 4

5 Kopulativkomposita: beide Konstituenten sind gleichwertig, es handelt sich um dieselbe Wortart und sie sind austauschbar (z. B. kaltnass nasskalt). Zusammenrückung: es handelt sich um eine Wortgruppe in einem Wort (z. B. drei Käse hoch Dreikäsehoch) Die Derivation* Ein Konstituent ist ein Grundmorphem, bei dem Anderen handelt es sich um ein Präfix bzw. ein Suffix. o Explizierte Derivation: Transposition: Bei diesem Wortbildundsverfahren geht es um einen Wortarwechsel mit Hilfe eines Suffixes (z. B. wohnen Wohnung). Modifikation: Bei diesem Verfahren ändert sich nicht die Wortart des neuentstandenen Wortes: Präfigierung (z. B. leben be-leben); Erben, Grundlagen der Germanistik, S. 67 5

6 Suffigierung (z. B. Mensch Mensch-heit), dieses Wortbildungsverfahren dient auch der Diminutivbildung. o Implizierte Derivation: Mutation: Es geht um einen Wortartwechsel ohne Hilfe von einem Suffix bzw. einem Präfix (z. B. kaufen Kauf), Konversion: Es handelt sich um einen Wortartwechsel ohne Änderung der Wortstruktur (z. B. Fortschwingen fortschwingen; Substantiv Infinitiv) Andere Wotbildungsverfahren Wortbildungen an der Grenze zwischen einer Komposition und einer Derivation: Suffixoide (Halbsuffixe): Der Suffix ist zwar ein Grundmorphem, das aber als ein Suffix fungiert und andere Bedeutung dem neuen Wort verleiht (z. B. Schuhwerk; Werk = ein Erzeugnis, hier heiβt es Schuhe). 6

7 Präfixoide (Halbpräfixe): Der Präfix verstärkt hier die Bedeutung des zweiten Konstituents (z. B. Affen-spaβ, der Affe opice, her heiβt es ein groβer Spaβ). Kurzwortbildung: * Das linke Komponent (Kopfwort) bzw. das rechte Komponent (Schwanzwort) erfüllt hier die Funktion einer gesammten morphologischen Kombination (z. B. Ober(kellner), (Regen)schirm); Bei der Klammerform verbinden wir zwei Grundmorpheme in ein Wort, das Zwischenelement entfällt (z. B. Bier(glas)deckel); Initialwörter ergeben sich aus den Anfangsbuchstaben oder Anfangssilben der jeweiligen Wörter (z. B. EU Europäische Union, Kripo Kriminalpolizei). Eine Lehnworbildung entsteht von einem deutschen und einem fremdsprachlichen Element (z. B. realisti-isch). Bei einer Wortentlehnung handelt es sich dem Ursprung nach um ein Fremdwort, das in die deutsche Sprache integriert wurde (z. B. Tramway). Würstle, R. (1992). S. 27 Fleischer/Barz (1995) S. 8 7

8 4. Die Funktion des Diminutivs Wie schon erwähnt, tritt die Diminuierung bei allen Hauptwortarten auf. Doch ist sie beim Substantiv in besonderer Weise ausgebaut. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit nicht auf die Diminuierung als Modifikation von Adjektivem oder Verben eingegangen, die einer Qualitätsabschwächung dient. Die Diminuierung von Substantivem ist häufig mit einer Quantitätsverminderung verbunden. Durch diese ist der Begriff der Diminution gegeben, denn der Terminus Diminutiv ist abgeleitet vom lateinischen Begriff deminuere, was verkleinern bedeutet. Doch diese Beschreibung der Funktion der Diminution von Substantiven durch allein diesen Wortsinn ihrer Funktion ist nicht immer richtig. Um eine objektive Verkleinerung eines Gegenstandes zu erreichen, wird meistens die alternative Verkleinerungsform mit dem Adjektiv klein gewählt*, denn die synthetische Diminutivbildung von Substantivem beinhaltet immer auch ein affektives Komponent, das meliorativ oder pejorativ wirken kann. Das verdeutlicht Fleischer anhand der Beispiele Städtchen versus kleine Stadt. Auch außerhalb jeglichen Textzusammenhanges wird die emotionale, expressive Färbung von Städtchen gegenüber ihrer analytischen Verkleinerungsform deutlich*. Es geht her nämlich nicht nur um eine Bedeutungsabstufung im Sinne Würstle, 1992, S. 27 Fleischer W. (1995) S. 179 Duden (1995) S

9 von klein,, sondern auch um den Ausdruck einer Einstellung, persönlicher Beziehung oder Einschätzung, wodurch viele Bildungen eine emotionale Bewertung erfahren*. Die affektive Bedeutung is letztlich aber immer kontextabhängig. So macht es einen großen Unterschied, ob Städtchen im Sinne von folgendem Satz a) oder von Satz b) verstanden wird*. a) Das ist aber ein nettes Städtchen! b) Wahrlich ein nettes Städtchen, mit diesen hübschen Wolkenkratzern! Im Satz a) ist von einer lieben kleinen Stadt die Rede, im Satz b) hat es einen ironischen Beigeschmack. Würstle formuliert treffend: Die Sprechereinstellung kann entweder positiv emotional gefärbt sein,, sie kann jedoch auch Geringschätzung ausdrücken (Mittelchen, Freundchen). Eine ironische Bedeutung ergibt sich ohne Kontext dann, wenn die Verkleinerung der Basis im Widerspruch zum Aussagewert liegt (Hauptwerkchen). Manchmal tragen die Diminutiva eine positive emotionale Komponente, die ungefähr mit Zuwendung oder Sympathie (des Sprechers gegenüber dem bezeichneten Objekt) oder mit Ungefährlichkeit oder auch Vertrautheit (des Objekts) wiedergegeben werden kann. Daher Fleischer W. (1995) S

10 wird normalerweise auch ein sehr kleines Nagetier der Gattung rattus nicht als Rättlein oder Rätchen bezeichnet (vgl. aber Mäuslein, Mäuschen), und auch Formen wie Giftschlänglein oder Steckmücklein werden bestenfalls in ironischer Absicht gebildet (vgl. aber Glückskäferchen). Andererseits kann man, beispielerweise einem Kind gegenüber, mit den Worten Guck mal, ein Pferdchen durchaus auf ein erwachsenes Pferd verweisen, das Tier wird dann nicht als klein, sondern als Sympathieträger markiert. Bei hypokoristischen Formen wie zum Beispiel Schätzchen, Liebchen (es geht hier nicht um eine kleine Liebe, sondern um eine geliebte Person), wie auch bei den Maßeinheiten, Gewichts- oder Zeitangaben spielt nur die emotionale Wahrnehmung der Diminutive eine Rolle, die Bedeutung der Kleinheit tritt dagegen völlig in den Hintergrund (Vergleiche: Einem Jährchen entspricht objektiv gesehen, immer noch ein volles Jahr, und ein Kilochen ist auch noch immer ein Kilo und nicht ein paar Dekagramm, und wenn wir ein Kilometerchen fahren, fahren wir immer noch ein tausend Meter). Seltene Ausnahmebildungen wie Mütchen oder Schläfchen sind auf feste Redewenndungen beschränkt: sein Mütchen kühlen, ein Schläfchen halten. In den meisten Fällen werden aber Diminutive ausschließlich von Konkreta gebildet. Auch Schriftsteller benutzen manchmal die emotionale Färbung der Verkleinerungsformen um eine besondere poetische Wirkung zu erzielen (ein Amorchen, roter Mündchen, muntere Äuglein, usw.) 10

11 Werden Stoffbezeichnungen mit dem Suffix -chen suffigiert, so führt das zur Abgrenzung, Vereinzelung. Zum Beispiel entspricht ein Stäubchen einem Einzelteil von Staub, ein Zuckerchen einem kleinem Stück Zucker. Diese Vereinzelung hat zur Folge, dass die Bezeichnungen pluralfähig werden. In seltenen Fällen kommen auch Diminutiva von Pluralformen vor wie so etwa in Kinderlein, Eierchen, Mämmerchen, usw*. Nicht üblich sind Diminutiva von Sammelbegriffen wie Läubchen Gebirglein usw., ferner sind Diminutiva auch von exotischen Tieren wie Elefäntchen, Tigerlein nicht gebräuchlich, was vermutlich dem Fehlen des Vertraulichkeitsgefühls zurückzuführen ist. Konstruktionen auf -chen werden manchmal als Fachtermini lexikalisiert, ihnen fehlt dann die emotionale Bedeutung völlig, die verkleinende Bedeutung des Suffixes ist aber zumindest nachvollziehbar, z. B. das Blutkörperchen, das Elementarteilchen, usw.) Schließlich werden Diminutiva im allgemeinen nicht von solchen Substantiven gebildet, die bereits ein Ableitungssuffix enthalten wie Schmetter-ling-chen*. Fleischer W. (1995) S. 8, Duden (1984) S. 460 Würstle R. (1992) S

12 5. Morpheminventar der synthetischen Diminution in der deutschen Sprache Ursprünglich ist von zwei germanischen Suffixen auszugehen, die zur Ableitung von Koseformen aus Eigennamen dienten, nämlich got. -la, -lo, bzw. -ka, -ko*. Diese verschmolzen mit einem weiteren Verkeleinerungssuffix -in, das ursprünglich selbstständige Neutra aus Adjektivem ableitete, zu den Formen -lin und -kin, -chin. Während das Suffix -lin zu -lein diphthongiert wurde, wurde der Vokal in -chin frühzeitig zu e abgeschwächt, was seine Diphthongierung verhinderte. Je nach geographischer Lage wurde schon früher entweder das eine oder das andere der beiden Suffixe verwendet. Auch Luther verwendete in seinen Schriften ausschließlich die -lin- Form, die in späteren Bibelausgaben durch -lein ersetzt wurde. Dank seinem Einluss wird das Suffix -lein bis etwa ins 17. Jh. gebraucht. Zu seiner Neugeburt kam es in der Zeit des Sturm und Drang in der Dichtung, wo es einen breiten Raum gewann, -chen dagegen behält seine Stellung in der Prosa bis zur Gegenwart*. Das Suffix -lin wird dem oberdeutschen und teilweise dem ostmitteldeutschen Sprachraum zugeordnet*. Es tritt in verschiedenen Spielarten ungleichmäßig verteilt auf. Zum Beispiel im westlichen Streifen kommen häufig Diminutivsuffixe vor, die im Singular auf Würstle, R. (1992), S. 55 Fleischer, W. (1995) S

13 Konsonant enden und vom Typ Stück(e)l sind. Dagegen im bayrischösterreichischen Raum taucht das Suffix häufig in den Formen -erl, -arl, -al usw. auf und in allemannischen und ostfränkischen Gebieten kommt es zu Formen wie -li, -la, -le. Das Suffix -kin bzw. -chin mit seinen Varianten gehört im Gegensatz zu den -l- Suffixen dem niededeutschen bzw. mittelldeutschen Verwendungsbereich an, wobei allerding in weiten Bereichen des Niederdeutschen, so im nördlichen Niedersachsen und in Schleswig- Holstein, kaum Diminutivsuffixe notiert werden. Varianten dieses Suffixes waren zum Beispiel -ike(n), -ske(n), -kes, -sche(n), -i. Aufgrund der Vielzahl der dialektalenn Erscheinungen erscheint es mir in dieser Arbeit nicht angebracht sich näher mit den dialektalen Varianten der Diminutivsuffixe zu befassen, wichtiger sind hier für mich die Sufixe, die aufgrund ihrer Verwendung einer breiten Bevölkerungsschicht bekannt sind. Bei den dialektalen Varianten wird gelegentlich der oberdeutsche Suffix -le in Publicistik und Beletristik verwendet. Die im heutigen Deutsch am häufigsten verwendeten Diminutivsuffixe sind -chen und -lein auch mit ihren dialektalen Varianten. Fleischer nennt unter anderem die Fremdsuffixe -ine (Sonate Sonatine, Viola Violine), -ette (Oper Operette, Zigarre Zigarette) und vereinzelt 13

14 -it ( Meteor Meteorit). Die Basis von Bildungen auf -elle ist im Deutschen unanalysierbar, aber erkennbar in Fällen wie Novelle (eine kleine Erzählung), Bagatelle (eine Kleinigkeit), Frikadelle (ein kleine Fleischkloß) u. a. Auch bei diesen Beispielen kann den Suffixen nicht immer eine diminuierende Funktion zugeordnet werden. So entspricht zwar die Sonatine einer kleinen Sonate, doch die Violine ist nicht einfach eine kleine Viola, sondern ein aus ihr entwickeltes Instrument, auch die Operette ist von anderer Art wie eine Oper und eine Zigarette ist nicht nur eine kleine Zigarre. Ein Meteorit ist zwar ein Kleinkörper, der zum Erdboden herunter gefallen ist, doch ist der Meteor nicht ein entsprechend größerer Körper, sondern eine Bezeichnung für einen Körper, der im Weltraum schwäbt. Es geht hier um lexikalisierte Wörter, die eine eigenständige Nominationseinheit darstellen. Im Falle der Bildungen auf -elle ist dieses ganz deutlich, da das Basiswort nicht allein stehen kann und für uns keine Bedeutung mehr hat, aber auch für die anderen oben genannten Diminutivbildungen gibt es Gründe, sie als lexikalisiert anzusehen. Ein Argument dafür ist, dass sie im Wörterbuch enthalten sind, was normalerweise bei Diminutivem nicht der Fall ist, weil sie problemlos von ihrer Basis bestimmt werden können*. Das Modifikationsmorphem -el + Umlaut ist kein produktives Fleischer W. (1995) S

15 Diminutivsuffix mehr und so erscheint es schriftsprachlich nur noch in isollierten Wörtern wie Bändel, (Gras-, Haar-) Büschel, Bündel, Gürtel, Knöchel, usw. Diese Wörter können als Band, Busch, Bund, Gurt und Knochen erkannt werden. Auch ein Teil der Diminutiva auf -chen und -lein sind demotiviert, oder völlig isolliert, was heißt, dass sie ihren Bezug zum Ausgangswort völlig verloren haben. Fleischer nennt dazu Beispiele wie Veilchen, Schneeglöckchen, Eichhörnchen, Frettchen, Ohrläppchen, Kaffeekränzchen, Zipperlein*. Bei diesen Bildungen ist nicht mehr von eigentlichen Diminutivem die Rede. Sie sind im Grunde zu Simplizia geworden, die synchronisch nicht mehr analysierbar sind. Auch in idiomatisierten Redewendungen kann die Grundbedeutung verlorengehen, z. B. sich ins Fäustchen lachen, aus dem Häuschen sein, laufen wie am Schnürchen usw. Als weiteres Diminutivsuffix spielt das Suffix -i eine Rolle, wobei hier nicht auf die mundartliche Verwendungsweise (z. B. Kappi, Äugi) eingegangen wird*. Neben ihr ist es besonders bei der Bildung von Anredeformen, wie Hansi, Mausi, Mutti produktiv, was auf eine stärkere Verwendung im mündlichen Bereich schließen lässt. Außerdem erscheint es in der Kindersprache bei der Bildung von Verbdiminutiven (trinki, schreibi, schlafi)*. Die Basiswörter von ihnen sind eher mehrsilbig und werden beim Anhängen des Suffixes -i Fleischer, W. (1995) S. 182, Duden (1984) S. 460 Würstle, R. (1992), S

16 verkürzt. Das Suffix kann eine liebevolle, eine verkleinernde, eine verharmlosende oder eine abschätzende Bedeutung enthaltenn, was beim Betrachten folgender Derivate deutlich wird ( Rudi aus Rudolf, Mutti aus Mutter, Harti aus Reinhard, Ami aus Amerikaner, Wessi aus Westdeutsche(r))*. Auch dem Suffix -ling kann diminuierende Kraft zugestanden werden, obgleich die Frequenz der Derivate mit -ling gering ist. Dennoch ist Basis + -ling systematisch gesehen als eigenes Muster zu sehen. Es werden überwiegend Personenbezeichnungen wie Schreiberling, Dichterling, Hopserling usw. abgeleitet. Vereinzelt werden auch Bezeichnungen aus dem Pflanzenreich nach diesem Muster gebildet, so zum Beispiel Tännling, abgeleitet von Tanne. Bezeichnet die Basis eine Person, so steht meistens das affektive Komponent des Diminutivs im Vordergrund, wobei dieses pejorativ besetzt ist. Die Konnotation: Einer, der nicht viel von der Sache versteht, die er macht, trägt auch einer Bildung bei. Die Bedeutung klein ist allenfalls im übertragenen Sinn enthalten. Er ist klein, d. h. schlecht in seinem Können, in seinen Fähigkeiten. Doch es gibt auch Ausnahmen. So enthält zum Beispiel das Derivat Jüngling keine negative Bewertung. Es meint nur ein junger Mann. Es kann sich aber auch um einen jungen Mann handeln, der sich noch bewähren muss, um Bedeutung in der Gesellschaft zu erlangen. Bezeichnet die Basis einen Gegenstand, so entfällt die affektive zugunsten der verkleinenden Bedeutung des Suffixes, es sei denn, es Würstle, R. (1992), S

17 wird auf Rede-Ebene ein entsprechender Kontext mitgeliefert. Neben der Suffixderivation existieren auch einige Kompositionsglieder, die dem inhaltlichen Wortbildungsvefahren der analytischen Diminution dienen. So hat sich das Konfix Mini-* im Deutschen relativ rasch unter Einfluss des Anglo-Amerikanischen ausgebreitet, wobei als Leitwort das wort Minirock diente. Weitere Bildungen wären Minibus, Miniwohnung. Daneben existieren Kompositionen mit bestimmungsgliedern wie Liliput- (Lilliputformat), Zwerg- (auch in Fachbezeichnungen: Zwegbirke, -huhn) usw. Außerdem wird das Kompositionsglied Klein- häufig frequentiert. Bei diesen Komposita steht das objektive Merkmal der Kleinheit im Vordergrund, was ihr häufiges Vorkommen in Fachsprachen ergibt. So sprechen Zoologen von Kleinlibellen, Kleinschaben, Kleinschmetterlingen usw. Solche klassifizierende Wirkung hat unter den oben erwähnten Suffixen auch das Suffix -ette. Stiefelette steht nicht einfach für kleiner Stiefel, sondern genau genommen für eine bestimmte (ziehrliche, leichtere) Art des Stiefels. Dasselbe lässt sich auch an Zigarette, Operette, Sandalette beobachten Regeln für den Gebrauch der Diminutivsuffixe -chen und -lein Die Suffixe -chen und -lein können grundsätzlich an jedes Substantiv angefügt werden, doch sind eine Reihe von morphologischen, semantischen und stilistischen Regeln zu beachten. 17

18 Substantiv + -chen (bzw. -lein) Die Verwendung der beiden Suffixe zeigt phonologisch, sowie geographisch bedingte Unterschiede. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass das Suffix -chen eher mit dem nieder- und mitteldeutschen Verwendungsbereich und das Suffix -lein vor allem den oberdeutschen und teilweise den mitteldeutschen Gebieten angehört Morphologische Unterschiede bei der Verwendung von -chen und -lein Diminutivbildung Überblick: Suffix chen Schiff Schiffchen Tisch + chen = Tischen Mutter Mütterchen Besonderheiten*: Umlaut Bei Nomenstämmen mit a, o oder u wird immer umgelautet: Figur Figürchen Haus + chen = Häuschen Wort Wörtchen Es gibt auch einige Ausnahmen wie z. B. Frauchen, Mamachen. 18

19 Wenn Nomen mit Doppelvokal umgelautet werden, schreibt man nur einen Umlaut: Haar Saal Boot Härchen + chen = Sälchen Bötchen e-tilgung Bei auf unbetontes e endenden Nomen wird das e vor -chen getilgt: Rose Röschen Flamme + chen = Flämmchen Bursche Bürschen en-tilgung Bei auf unbetontes en endenden Nomen wird das en vor -chen getilgt: Faden Fädchen Haufen + chen = Häufchen Ofen Öfchen erweiterte Form -elchen Bei auf ch und g endenden Nomen wird eher das Suffix -lein verwendet. Wenn diese Nomen dennoch mit -chen verbunden werden, wird das Suffix zu -elchen erweitert: Krug Krügelchen Ring + elchen = Ringelchen Tuch Tüchelchen Dieses gillt auch, wenn der Stamm erst nach e-tilgung oder en-tilgung auf g oder ch endet: Sach(e) Sächelchen Stang(e) + elchen = Stängelchen 19

20 Wag(en) Wägelchen Suffix lein Ente Mann + lein = Licht Entlein Männlein Lichtlein Besonderheiten: Umlaut Wenn möglich, wird vor -lein immer umgelautet*: Lamm Lämmlein Dorf + lein = Dörflein Buch Büchlein e-tilgung Bei auf unbetontes e endenden Nomen wird das -e- vor lein getilgt: Krone Krönlein Träne + lein = Tränlein Ente Entlein en-tilgung Bei auf unbetontes en endenden Nomen wird das -en vor -lein getilgt: Brunnen Brünnlein Haufen +lein = Häuflein Kuchen Küchlein Fleischer W. (1995) S. 179 Duden (1984) S

21 l-verschmelzung Bei auf -l endenden Nomen verschmilzt das -l des Nomenstammes mit dem -l des Suffixes: Engel Engelein Esel + lein = Eselein Vogel Vögelein - Substantive, die auf -l oder -le eden werden mit -chen diminuiert, vergleiche: Keul-, Teil-, Seel-, Spielchen. - Endet das Wort auf -el, so stehen beide Möglichkeiten offen, vergleiche: Engelein Engelchen. Bei der Verwendung von -lein wird aber meistens der unbetonte Zwischenlaut -e getilgt. Statt Engelein wird also eher die Variante Englein gewählt. Es gibt auch Ausnahmen. So kann man zu Deckel nicht Decklein bilden, da diese Bildung schon als Diminution zu Decke vergeben ist. In diesem Fall muss auf -chen zugegriffen werden: Deckelchen. Das -e wird beim Anhängen von -lein nicht getilgt. Es heißt Eselein, Eselchen, aber nicht Eslein. - Nach Wörtern, die auf -g, -ch oder -ng ausgehen, tritt in der Regel -lein zu: Bäch-, Ring-, Tüch-, Zwerglein. - Endet das Wort auf -sch, so variiert der Gebrauch von -chen und - lein. Das Zusammentreffen von -sch mit -ch stört offenbar nicht in 21

22 Bröschen, Fläschen und Täschen. Dagegen wir bei der Diminution von Mensch -lein angehängt. - Während die Endung -e und -en vor einem Diminutivsuffix getilgt werden, bleibt -er erhalten, sofern es im Singular zum Basiswort gehört, vergleiche: Kiste Kistchen, Zapfen Zäpfchen, Auge Äuglein, Wagen Wäglein, aber Reiter Reiterlein, Tänzer Tänzerlein, Hammer Hämmerchen. - Umlaut des Stammvokals der Basis tritt in Verbindung mit -lein stehts ein, unterbleibt dagegen in Verbindung mit -chen in bestimmten Fällen. Fleischer nennt eine Reihe von Rufnamen und ihnen nahestehenden Personenbezeichnungen*: Karlchen, Kurtchen, Onkelchen, Frauchen, aber Männchen, Fräulein. Außerdem taucht der Umlaut häufig bei Fremdwörtern in Verbindung mit -chen auf, so in : Histörchen, Romänchen, Bastärdchen. - Ferner treten -elchen und -erchen als Erweiterungen des Suffixes -chen auf: -elchen ist entstanden im Anschluss an Wortbildungskonstruktionen wie Vögelchen, wo -el zur Basis gehört, sowie wohl auch durch Anfügung an landschaftlich diminuierendes -el wie: Buch Büchel Büchelchen. In Analogiebildung kam und kommt es zu Formen wie: Blümelchen, Sächelchen, Löchelchen usw. Durch diese Form, die hauptsächlich in der nord- und mitteldeutschen Umgangssprache 22

23 verwendet wird, kann auch an Wörter mit gutturalem Auslaut -chen treten: Buch Büchelchen, Bach Bächelchen, Ring Ringelchen. - erchen entstand in Anlehnung an a) Diminutiva, in denen -er-basisauslaut ist und diminuierendes -chen angehängt wurde, wie z. B. bei Hämmerchen, Äckerchen, b) Pluralform wie Dinger, Kinder, c) deverbale Derivate auf -er wie Rulpserchen Semantische Unterschiede und Einschränkungen beim Gebrauch von chen und lein Grunsätzlich ist zu sagen, dass in der Regel bei der Suffixderivation zu keinem größeren semantischen Unterschied bei der Verwendung von -chen und -lein kommtt. Die denotative Bedeutung beider Suffixe ist gleich, allein bei ihrer Konnotation können Bedeutungsunterschiede auftreten. Eine semantische Differenzierung besteht nur in vereinzelten Fällen, in denen aber schon eine Idiomatisierung eingetreten ist. So stehen Männchen und Weibchen in Opposition zu Männlein und Weiblein, das erste Paar bezeichnet ein Tier, das zweite einen Menschen. Es gibt auch Unterschiede in der Verwendung von Frauchen und Fräulein, Fähnchen und Fähnlein (historisch: eine Truppeneinheit). Fleischer, W. (1995) S

24 Adjektiv + -chen Wie bereits erwähnt können sich substantivierende Suffixe auch an ein Adjektiv als Basis binden. Bei diesem Vorgang spricht man von Transposition. Ergebnis solcher Transposition sind Bildungen wie Frühchen (ein Frühgeborenes), Grauchen (Esel), Bräunchen (ein Mädchen mit braunem Haar). Fleischer will das Suffix -chen in dieser Funktion nicht als Diminutivsuffix akzeptieren, da die Wortbildungsbedeutung hier eine andere ist, wie es sonst üblich bei Diminutivbildungen ist. Diese Wörter bedeuten nicht klein, unbedeutend, niedlich oder ähnlichem, sondern verweisen auf denjenigen, dem das im Basisadjektiv genannte Merkmal zugesprochen wird. Diese Konstruktionen beschreiben tatsächlich ein Objekt. Die Bildungsweise der oben genannten Wortbildungsprodukte erfolgt entweder nach dem Schema Adjektiv + -chen (braunhaariges Mädchen Bräunchen, altes Mütterchen Ältchen) oder die Bildungsweise ist von substantivierten Adjektiven ausgegangen (ein Älterchen ein Ältchen, ein Dümmerchen ein Dümmchen)*. Auch das Suffix -lich bildet auch Diminutive bei Adjektiven und gibt ihnen verschiedene semantische Schattierungen (z. B. bläulich, dicklich usw.) Verben 24

25 Deutsche Verben werden mit dem Suffix -eln diminuiert, z. B. lächeln, tänzeln usw. Es kann zu einer Verringerung der Intensität einer Handlung oder zu einer Auflockerung der Seriosität kommen. Diese Verben sind bereits lexikalisiert und neue Bildungen erfolgen sehr selten. In der Kindersprache sind es z. B. Verben wie trinki, schreibi usw. Deverbale Derivate mit Suffix -chen treten nur vereinzelt auf. Beispiele dafür sind: Nickerchen (zu einnicken, einschlafen), Prösterchen (zu prosten), Rulpserchen (zu rulpsen) Die Konnotation der Diminutivsuffixe -chen und -lein Das Diminutivsuffix -chen wird in der heutigen Schriftsprache weitaus häufiger verwendet als das Suffix -lein. Das entspricht der Tatsache, die durch Vergleich einer Vielzahl von unterschiedlichen Textsorten bestätigt wurde. Man fand heraus, das längere prosaische und poetische Texte insgesammt ein Verhältnis von -chen : -lein = 4 : 1 erkennen lassen. Fleischer weist darauf hin, dass zwar -chen am meisten verbreitet ist, dass aber oberdeutsche Schriftsteller öffters das Suffix -lein gebrauchen. Die Frequenz von -lein ist sehr stark gattungsbedingt. Sie sinkt von Märchen und Ballade über die Erzählung und den Roman bis zur Duden (1984) S

26 Dramatik und Lyrik. Das Auftreten von -lein vor allem in Märchen und Balladen gab Anlass zu der Vermutung, dass das Suffix -lein, das gegenüber dem meist gebrauchtem Suffix -chen, eher eine poetische Konnotation hat. 6. Einordnung der Diminutivbildung in die tschechische Wortbildung Im Tschechischen gibt es allgemein zwei Wortbildungstypen: die Komposition und die Derivation. Sie stellen zwei ganz unterschiedliche Wotbildungsarten dar Die Komposition* Bei der Komposition entsteht ein neues Wort aus zwei, selten aus drei Grundwörtern. Das ist für die tschechische Sprache ein untypisches Verfahren, im Gegenteil zu Deutsch. Im heutigen Tschechisch entstehen Komposita vor allem im Bereich der Adjektive, weniger bei Substantiven. Wir unterscheiden eigene und uneigene Komposita. Beim ersten Typ ist der Wortbildungsprozess sichtbar klar, die Elemente der zusammengesetzten Worte ändern mehr oder weniger ihre Form und zwischen die Stämme kommt ein Bindungsvokal o, e Z. Rusínová, Tvoření slov v souč. češtině, S. 5 26

27 oder i, z. B. červenomodrobílý rot-blau-weiβ, vodovod Wasserleitung, tisícikoruna Tausendkronenschein, trojboj Dreikampf... usw. Bei diesem Typ unterscheidet man die Reihenfolge und das Verhältnis, das bestimmte und das bestimmende Komponent. Uneigene Komposita beinhalten unabhängige Komponente. Die Worte werden ohne Veränderung zusammengefügt und lassen sich zurück aufgliedern z. B. pravděpodobný wahrscheilich, dlouhohrající langspielend, sebekritika Selbstkritik usw Die Derivation* Die Derivation stellt eine sehr entwickelte und im Tschechischen eine bedeutende Wortbildungsart vor. Es geht um eine Wortbildung von einem existierenden Wort und die Änderung von seiner morphematischen Struktur. Zu den wichtigsten Typen der Derivation gehören die Präfigierung und die Suffigierung Die Präfigierung* Die Präfigierung (durch ein Präfix) bildet eine Übergang zwischen der Komposition und Derivation. Beim Präfix geht es nicht um ein Grundwort, trotzdem ist es synsematisch (eine Ausnahme ist der Negationspräfix ne-). Das Präfix ändert nicht die gramatischen Kategorien eines Wortes. Zwischen dem Präfix und dem Grundwort Z. Rusínová, Tvoření slov v souč. češtině, S. 6 27

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