Städte Eine neue Welt

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1 Kapitel 4 4 Städte Eine neue Welt Malte kommt nach Münster Hitze flimmerte über dem Land in der Nähe des Dorfes Darup. An der großen Straße nach Münster stand Malte auf der Wiese und wendete das Heu, damit es trocknete und auf den Hof seines Grundherrn, des Grafen von Nottuln, gebracht werden konnte. Der zwölfjährige Junge lebte seit seiner Geburt in einer Knechtsfamilie. Seine Eltern waren vor kurzem gestorben. Er musste jetzt an ihrer Stelle als Knecht hart arbeiten. Auf dem Meierhof des Grafen bewohnte er mit einer anderen Familie eine kleine Kate. Außer einem Gärtchen und ein paar Hühnern hatten sie keinen Besitz und wurden von dem Meier ernährt. Malte unterbrach seine Arbeit, holte aus seinem Bündel ein Stück Brot und trank aus dem 69

2 Erzählung Wasserkrug, den er an der nahe gelegenen Quelle gefüllt hatte. Sehnsüchtig ging sein Blick zur angrenzenden Straße, auf der er schon so oft Kaufmannsfuhrwerke und Handwerker hatte ziehen sehen auf ihrem Weg in die Stadt. Dort war er noch nie gewesen, aber er hatte schon viel davon gehört. Dort sollte es prächtige Gebäude, merkwürdige Menschen und seltsame Berufe geben. Es müsste ein anderes Leben dort sein In einer Staubwolke, die von Westen heranzog, erkannte er zwei Fuhrwerke. Als sie näher herankamen, erhob Malte sich. Der Wagen hielt, ein fein gekleideter Herr und eine Dame stiegen aus und schauten sich nach ihm um: Kannst du uns etwas Wasser bringen? Wie heißt du?, fragte der Herr. Man nennt mich Malte. Ich hole Euch Wasser von der Quelle dort. Malte schenkte dem Herrn und seiner Dame in ihre Becher ein. Er nahm allen Mut zusammen und fragte: Wohin fahrt Ihr, Herr? Wir kommen vom Markt in Holland und fahren zurück nach Münster. Das machte Malte neugierig: Ich habe Wundersames von der Stadt gehört, sie soll eine riesige Kirche und eine hohe Mauer haben. Die Leute sollen dort so schön gekleidet sein wie Ihr, Herr, und Eure Dame. Der Herr lachte und schaute sich den Jungen genauer an. Du bist neugierig und kräftig gebaut. Willst du mit uns fahren und dir selbst alles einmal ansehen? Gerne, oh Herr, antwortete Malte, aber der Meier wird mich nicht ziehen lassen, und wie könnte ich in der Stadt leben? Ich kenne dort niemanden, habe keine Bleibe und kein Auskommen. Aber es gibt dort Arbeit und Brot für einen kräftigen Jungen wie dich!, entgegnete der feine Herr. Außerdem suche ich gerade einen Knecht für das zweite Fuhrwerk, der Fuhrmann ist schon alt. Er tut sich schwer mit dem Aufund Abladen, und in Nottuln müssen wir schon Heringe und Käse abladen. Komm, steig mit auf! Als Malte zögerte, fügte der Herr hinzu: Es gäbe auch Arbeit für dich dort. Der Kürschnermeister, der mich beliefert, sucht einen kräftigen Burschen als Lehrling. Was erwartet dich denn auf dem Meierhof? Was ist dein Lohn dort? Malte war verwirrt: Im Hof habe ich Knechtsarbeit, die mit Lebensmitteln vom Meier entlohnt wird. Aber was ist ein Kürschner und ein Lehrling? Der Kaufmann schaute ihn belustigt an: Bei uns nennen sich die Kürschner Pelzer. Du lernst das Handwerk, Felle zu schönen Pelzen zu verarbeiten, und erhältst vom Meister Wohnung und Kost, auch ein paar Pfennige, um dir auf dem Markt etwas zu kaufen. Nach drei Jahren kannst du Geselle werden und dann mehr verdienen. Malte schwirrte der Kopf: Was hielt ihn noch? Kurz entschlossen schlug er in die ausgestreckte Hand des Kaufmanns ein, nahm sein Bündel, stieg auf das zweite Fuhrwerk auf, und die kleine Karawane setzte sich in Bewegung. In Nottuln, unweit von Münster, sah er zum ersten Mal die Mauern einer kleinen Stadt, dahinter die Türme von Kirchen. Als sie vor dem Stadttor hielten, verhandelte der Kaufmann mit einem Krämer, der ihm ein Fass Heringe und einen großen Käse abkaufte. Eine neue Welt die Stadt A m Abend erreichten sie Münster. Wie viel größer war die Stadt als sein armseliges Dorf! Vielerlei Türme überragten die hohen Mauern, die von einem breiten Wassergraben umgeben waren. Vor der Stadt sah er Felder, Gärten, niedrige Holzhäuser und eine Mühle am Fluss, der auch den Graben speiste. Kurz vor dem Stadttor kamen sie an einem Haus vorbei, aus dem seltsam zerlumpte Gestalten heraustraten. Malte fielen ihre Narben und Geschwüre auf. Der Kaufmann erklärte ihm, dass dies das Leprosenhaus sei. Die Stadt hatte es für die Leprakranken vor der Stadt eingerichtet, damit man sich nicht ansteckte. Über die Zugbrücke gelangten sie durch die weit offenstehenden, hölzernen hohen Torflügel. Die Stadtwache grüßte den Kaufmann freundlich. Sie bogen in eine lange Straße mit vielen schönen, mehrgeschossigen Fachwerkhäusern ein. So etwas hatte er noch nie gesehen. Vor ihm öffnete sich ein großer, rechteckiger Platz, der Prinzipalmarkt, wie ihn der Kaufmann nannte. Wie staunte Malte über den Anblick. Der Platz war umgeben von hohen Häusern mit Säulengängen im Untergeschoss. Besonders ein großes Haus mit drei hohen, verzierten Giebeln fiel ihm auf. Das ist das Rathaus, sagte der Kaufmann, hier wird die Stadtpolitik von den Räten und dem Bürgermeister entschieden. An einer Ecke des Platzes entdeckte Malte einen Pfahl, an den ein Mann festgebunden war. Der Kaufmann erklärte: Das ist der Pranger! An den werden 70

3 Malte kommt nach Münster 4 die Übeltäter gebunden, damit jeder sieht, dass sie die Gesetze der Stadt gebrochen haben. Vielleicht hat er auf dem Markt gestohlen. Unweit davon sah Malte eine riesige Kirche aufragen. Das ist die Kirche unseres Bischofs, der Dom. Der Bischof hat einen eigenen Stadtbezirk mit Palast. Der ist mit einer Mauer umgeben und mit eigenem Recht ausgestattet. Die Stadt hat dort nichts zu sagen. Die Bürger, erklärte der Kaufmann, haben ihre eigene Pfarrkirche gebaut und sie dem Heiligen Lambertus als Schutzheiligen anvertraut. Hier werden die Kinder getauft, hier habe ich meine Frau geheiratet und meinen Vater beerdigt. Nächsten Sonntag nehme ich dich mit zur Messe. Der Weg führte sie weiter in eine Seitengasse. Sie hielten vor einem hohen Haus mit einem verzierten Giebel. Im Erdgeschoss, hinter dem Säulengang, befanden sich ein großer Stapelraum und ein Laden. Dort luden sie ab. Der Junge erhielt eine kleine Kammer im zweiten Stock des Hauses und arbeitete nun für den Kaufmann: er stapelte Waren und machte Besorgungen auf dem Markt. Er konnte sich an den bunten Ständen der Tucher, Fleischer und Fischverkäufer nicht satt sehen. Die Leute tummelten sich dichtgedrängt im bunten Treiben des Marktes. Die Patrizier waren fein in Pelz gekleidet und nickten einander grüßend zu. Die Arbeiter in grauen Kutten schleppten schwere Bündel über den Markt. Eines Tages erschrak Malte fast zu Tode. Der Büttel des Grafen, den er an dem Wappen auf dem Wams erkannte, ging mit zwei Bewaffneten über den Markt. Schnell verbarg er sich hinter dem Pfeiler eines Hauses. Suchten sie ihn? Er rannte durch Seitengassen zum Haus seines Herrn. Dieser beruhigte ihn: Bei mir bist du sicher. Wir werden dich verstecken. Wenn du ein Jahr und einen Tag hier in Münster bist, dann bist du frei. Du wirst mein Wappen tragen, so werden sie dich nicht sofort erkennen. Aber sieh dich vor. Der Graf ist ein hartherziger Herr. Malte wird Lehrling Malte konnte nicht auf Dauer beim Kaufmann bleiben. Der hatte schon zu viele Bedienstete. Als wieder ein Fuhrwerk von einer Reise aus dem Osten mit Fellen, Bernstein und anderen Waren zurückkehrte, war der Tag gekommen, an dem der Kaufmann ihn zum Kürschnermeister Waltrup in die Gerbergasse führte, dem er einen Teil der Felle brachte. Der besah sich den Jungen. Bist du geschickt?, fragte er. Ich will es wohl lernen, Meister, entgegnete Malte selbstbewusst. Der Meister führte ihn in die Werkstatt. Dort sah er einen Gesellen, der ein Fell mit einem Schabmesser bearbeitete. An der Wand hingen Gewänder, wie Malte sie bei den Patriziern schon gesehen hatte. Der Geruch erinnerte ihn an die Tiere auf dem Herrenhof, das gefiel ihm. Malte stellte sich geschickt an, und der Meister sagte ihm nach einer Woche, dass er ihn als Lehrling aufnähme. Er erhielt eine kleine Dachkammer und nahm an den Mahlzeiten im Meisterhaushalt teil. Eines Tages nahm ihn der Meister mit in das Zunfthaus, wo sich die Meister regelmäßig versammelten, um Preise, Menge und Qualität der Waren abzustimmen. Hier besprachen sie Angelegenheiten der Stadt wie Steuern, Wachdienste an der Stadtmauer und Brandschutz. Aber auch die Betreuung von Witwen verstorbener Meister, die Organisation von Festen, gemeinsame Beerdigungsfeiern, die Gesellenprüfungen und die feierliche Einführung von Lehrlingen standen auf der Tagesordnung. Malte fühlte sich einbezogen in diese Gemeinschaft. Er musste zwar den ganzen Tag hart arbeiten, hatte aber sein Auskommen und war stolz auf seine Arbeit. Manchmal, wenn der Meister ihn in die Stadt schickte, nutzte er die Gelegenheit, die vielen unterschiedlichen Menschen zu beobachten: Adlige zu Pferde, Priester und Mönche in ihren Kutten, ehrwürdige Handwerker, Bauern aus dem Umland, Reisende und fahrendes Volk mit ihren Künsten. Abends ging er manchmal mit anderen Lehrlingen oder Gesellen in eine Taverne, wo er bei einem Bier plauderte und Neuigkeiten aus der Stadt und dem Umland erfuhr. Wie war dies doch alles so anders als sein bisheriges Leben, und um wie viel freier fühlte er sich als in seinem Dorf! Stadtluft macht frei, hatte ihm einst der Kaufmann gesagt und ihn nach Münster gelockt. Er bereute es nicht. 71

4 Kompass Städte Eine neue Welt Sieh dir folgende Liste mit Themen an und überlege, was davon am besten zu deinen Eindrücken und Interessen passt. Wenn du kein passendes Thema findest, kannst du auch selbst eines entwickeln. Die Themenauswahl könnt ihr auch in einer Gruppe treffen. Themenvorschläge und Leitfragen 1. Entstehung der Städte Woraus entstanden Städte? Wer gründete sie? Wie entwickelten sich die Städte im Mittelalter? Was bedeutete dies für die Bevölkerungsentwicklung? Informationen findest du hier Erzählung Material: Lexikon Zeitleiste 2. Die Stadt lockt die Menschen an Wie groß waren die Städte? Wer zog in die Stadt? Womit konnte ein Stadtgründer werben? Material: 1.3; Arm und Reich in der Stadt Wer lebte in der Stadt? Wie war das Vermögen in der Stadt verteilt? Erzählung Material: Lexikon 4. Der Markt das Zentrum der Stadt Was bedeutete der Markt für die Stadt? Woher kamen die Waren auf dem Markt? Welche Regelungen gab es für den Markt? Erzählung Material: Lexikon 72

5 Du kannst unter folgenden Aufgaben auswählen 1. Stelle anhand der Karte und des Schaubildes eine Übersicht über Stadtgründer, Entstehungsorte und -ursachen zusammen. 2. Stell dir vor, du bist ein Stadtchronist und beschreibst, wie die Stadt Münster entstand, sich entwickelte und aussah. 3. Erstelle eine Zeitleiste, die zeigt, wie sich die Städte im Mittelalter entwickelten (Zeitraum, Anzahl, Bevölkerungsanteil). 1. Erstelle ein Säulendiagramm von je zwei ausgewählten Städten aus den drei Kategorien (Groß-, Mittel-, Kleinstadt) und vergleiche sie mit deiner Stadt. 2. Der Herzog von Zähringen wirbt um Bewohner für seine neue Stadt. Schreibe einen Dialog zwischen dem Herzog und den Kaufleuten. 1. Untersuche nach welchen Rechten die unterschiedlichen Gruppen in der Stadt lebten. 2. Du bist ein Reporter, der anhand des Datenmaterials und Maltes Bericht das Verhältnis von Arm und Reich in der Stadt beschreibt. 1. Betrachte das Bild des Marktes von Augsburg und stelle dir vor, du bist Malte, der den Markt erkundet. Beschreibe, was du siehst, riechst, hörst und erfährst. 2. Immer diese Unordnung! Der Marktvogt beklagt sich beim Stadtherrn über die Marktleute. 3. Erstelle eine Tabelle der wichtigsten Handelsverbindungen der Hanse und der dort gehandelten Waren. So kannst du deine Ergebnisse darstellen XX Erstelle eine Liste. XX Schreibe einen Bericht für die Stadtchronik. XX Erstelle eine Zeitleiste. XX Erstelle ein Säulendiagramm. XX Schreibe einen Dialog und führe ihn vor. XX Erstelle eine Tabelle. XX Schreibe einen Zeitungsartikel. XX Schreibe einen Erlebnisbericht. XX Verfasse einen Dialog und führe ihn auf. XX Erstelle eine Tabelle. 73

6 Kompass Themenvorschläge und Leitfragen Informationen findest du hier 5. Handwerk und Zünfte Was ist eine Zunft? Wie bestimmte sie das Leben und Arbeiten der Handwerker? Wie wurde man Handwerker? Welche Möglichkeiten hatten Frauen im Wirtschaftsleben? Erzählung Material: Lexikon 6. Jüdisches Leben in der Stadt Wie lebten die Juden in der Stadt? Welche Berufe übten sie aus? Warum brauchte die jüdische Bevölkerung Schutz? Wer konnte diesen Schutz bieten? Warum wurden sie trotzdem verfolgt? Material: Lexikon 7. Wer regiert die Stadt? Wer hatte die Macht in der Stadt? Wie entwickelte sich eine eigene städtische Selbstverwaltung? Wie wurde man Bürger? Wie verhielten sich die Zünfte zur Stadt regierung? Material: Lexikon 8. Alltag in der Stadt Was passierte im Alltag in der Stadt? Wie wohnten die Städter? Wie ernährte man sich? Wie teuer war die Ernährung? Wie wurden Speisen zubereitet? Erzählung Material: Rezept 74

7 Du kannst unter folgenden Aufgaben 1. Stell dir vor, du bist Schuhmachermeister und beantwortest in einem Zeitungsinterview Fragen zu den Tätigkeiten in deiner Werkstatt. 2. Ein Tag in der Zunftstube: Ein Handwerker will in die Zunft aufgenommen werden, ein Lehrling bewirbt sich um eine Lehrstelle. Viel zu tun für den Zunftmeister. 3. Schreibe einer Freundin einen Brief, in dem du ihr erklärst, welche Arbeitsmöglichkeiten sie in Hamburg hat. 1. Armenspeisung in der jüdischen Gemeinde: Du nimmst daran teil. Versetze dich in eine Figur in diesem Bild. 2. Stelle dir vor, du bist ein Abgesandter der jüdischen Gemeinde von Speyer und verhandelst mit dem Bischof über einen neuen Schutz. 3. Schreibe einen Zeitungsbericht über die Geschehnisse der Verfolgung in Straßburg. 1. Stelle dir vor, du bist der Vogt des Bischofs und verfasst eine Rede an die Ratsherren und Kaufleute der Stadt über ihre Rechte und Pflichten. 2. Entwickle ein Rollenspiel, bei dem ein Kaufmann bei einem Ratsherrn anfragt, wie er Bürger Frankfurts werden kann. 3. Du bist Augsburger Zunftmeister und forderst von den Ratsherren die Beteiligung an der Stadtherrschaft. 1. Untersuche die Tagesereignisse um den 14. Mai in Bern. 2. Stell dir vor, du bist ein Kaufmann und zeigst dein Haus einem Besucher. 3. Vergleiche die Ernährung im Mittelalter mit dem, was du heute isst. 4. Bereite das Nussmus für dich und deine Gruppe zu. So kannst du deine Ergebnisse darstellen XX Schreibe ein Zeitungsinterview. XX Entwickle kleine Szenen. XX Schreibe einen Brief. XX Schreibe deine Gedanken, Gefühle und Erlebnisse auf. XX Setze einen Vertrag auf. XX Schreibe einen Zeitungs artikel. XX Verfasse eine Rede und trage sie vor. XX Schreibe ein Rollenspiel und übe es ein. XX Verfasse ein Streit gespräch. XX Male ein Wimmelbild. XX Schreibe eine Führung durch das Haus. XX Erstelle eine Tabelle. XX Koche ein mittelalterliches Gericht. 75

8 Materialpaket 1 Wie städtisches Leben entsteht Die meisten Menschen leben heute in der Stadt das war nicht immer so. Fast alle Städte entstanden erst im Mittelalter, und dort lebte auch nur ein kleiner Teil der Bevölkerung. In den folgenden Materialien kannst du entdecken, welche Kennzeichen eine mittelalterliche Stadt hatte, wie, wo, wann und warum die Städte entstanden und wie groß sie waren. 1.1 Entstehung der mittelalterlichen Städte Die Landesherren gründeten im Mittelalter zahlreiche Städte, aber es gab auch andere Ursprünge. In der Zeichnung kannst du erkennen, warum und von wem Städte errichtet wurden. 1.2 Das Beispiel Münster ( Jh.) Hier kannst du am Stadtgrundriss erkennen, woraus sich die Stadt Münster entwickelt hat und wie sie angelegt wurde. 76

9 1.3 Wie wurde eine Stadt gegründet? (1120) Der Herzog Konrad von Zähringen übergab 1120 den Bürgern von Freiburg die folgende Urkunde, die als das älteste deutsche Stadtrecht gilt. Sie enthält die Rechte, Regelungen und Bestandteile einer Stadtgründung und ihrer Absicherung. Kund sei allen, Zukünftigen wie Gegenwärtigen, dass ich, Konrad, in meinem Ort Freiburg einen Markt errichtet habe im Jahre 1120 nach der Geburt des Herrn. Mit den von überall her zusammengerufenen angesehenen Kaufleuten habe ich in einer beschworenen Vereinbarung beschlossen, dass sie die Marktsiedlung beginnen und ausbauen sollen. 5 Daher habe ich jedem Kaufmann in der geplanten Marktsiedlung eine Hausstätte zugewiesen, auf der er ein eigenes Haus erbauen kann, und habe verfügt, dass mir und meinen Nachfolgern von jeder Hausstätte ein Schilling öffentlicher Münze jährlich am Martinstage zu zahlen sei. Es sei daher jedermann kund, dass ich auf ihre [der Kaufleute] Bitten und Wünsche hin folgende Rechte bewilligt habe ( ): Ich verspreche Frieden und sichere Reise in meinem Machtbereich und Herrschaftsgebiet allen, die meinen Markt aufsuchen. Wenn einer von ihnen auf dieser Strecke beraubt wird, werde ich, wenn er den Räuber namhaft macht, entweder dafür sorgen, dass die Beute zurückgegeben wird, oder ich werde selbst zahlen. 2. Wenn einer meiner Bürger stirbt, soll seine Frau mit den Kindern alles besitzen und frei von allen Ansprüchen behalten, was ihr Mann hinterlassen hat Allen Marktsiedlern verleihe ich, dass sie an den Rechten meines Volkes und der Landsleute teilhaben sollen, soweit ich es vermag, damit sie insbesondere frei von aller Banngewalt die Weiden, Wasserläufe, Gehölze und Wälder nutzen können. 4. Allen Kaufleuten erlasse ich den Zoll Niemals werde ich meinen Bürgern einen neuen Vogt oder einen neuen Priester ohne ihre Wahl setzen, sondern, wen sie dazu wählen, den sollen sie unter meiner Bestätigung haben. 6. Wenn sich zwischen meinen Bürgern ein Zwist oder Streit erhebt, soll er nicht nach meinem oder ihres Vorstehers Belieben entschieden werden, sondern soll gerichtlich verhandelt werden, wie es Gewohnheit und Recht aller Kaufleute, besonders derer von Köln ist. ( ) Jeder, der in diese Stadt kommt, darf sich hier frei und unbehelligt niederlassen, wenn er nicht der Leibeigene irgendeines Herrn ist ( ). Wer aber über Jahr und Tag in der Stadt gewohnt hat, ohne dass irgendein Herr ihn als seinen Leibeigenen gefordert hat, der genießt von da an sicher und unangefochten die Freiheit. Damit meine Bürger diesen Zusagen nicht etwa nur geringen Glauben schenken, habe ich mit zwölf meiner namhaftesten Ministerialen durch Eid auf die Reliquien der Heiligen dafür Sicherheit geleistet, dass 30 ich und meine Nachfahren alles Vorstehende stets erfüllen werden. Damit ich aber diesen Eid nicht um irgendeiner Not willen breche, habe ich mit meiner Rechten dem freien Manne und den Vereidigten des Marktes wegen dieser Sache ein unverbrüchliches Treugelöbnis gegeben. Amen. Zit. nach Wilfried Hartmann (Hrsg.), Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Bd. 1, Stuttgart 1995, S. 76. (Reclam) 77

10 1.4 Stadtentwicklung und Stadtbevölkerung Die Grafiken erfassen die Entstehung und Entwicklung der Städte in Mitteleuropa bzw. Deutschland a) Die Grafik zeigt die Städtegründungswelle des hohen Mittelalters (rund Städte erfasst) Nach Heinz Stoob, Forschungen zum Städtewesen in Europa 1, Köln/Wien 1970, S. 21. (Böhlau) Zahl der Städte Stadtbevölkerung in v. H. der Gesamtbevölkerung b) Über die Entwicklung der Städte gibt diese Grafik Aufschluss: Zahl der Städte und Anteil an der Gesamtbevölkerung von 800 bis 1400 in Deutschland (Schätzung) Nach Friedrich-Wilhelm Henning, Das vorindustrielle Deutschland, Paderborn 1974, S. 71. (Schöningh) 1.5 Größe der mittelalterlichen Städte (um 1400) In Mitteleuropa gab es um das Jahr 1000 etwa 150 Städte, 1350 waren es rund Entsprechend stieg der Anteil der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung (siehe 1.4b). Ein Historiker teilt die Städte folgendermaßen ein: Groß-, Mittel- und Kleinstädte. a) Großstädte: mehr als Einwohner/mehr als 50 Hektar Fläche In Deutschland In Europa Köln Nürnberg Bremen Münster Frankfurt am Main Hamburg Paris Florenz Konstantinopel Venedig London Barcelona über b)xxmittelstädte: zwischen und Einwohnern und Hektar Fläche (es gab ca. 50 Städte mit Einwohnern in Deutschland) Osnabrück Friedberg (Hessen) Essen Höxter c) Kleinstädte: zwischen 200 und Einwohnern (davon gab es ca ) Castrop-Rauxel Borken Detmold Hamm Burgsteinfurt Melsungen

11 Materialpaket 2 4 Kaufleute, Handwerker und andere Einwohner Wer lebte und arbeitete in den Städten? Hier kannst du herausfinden, wie unterschiedlich die Lebensbedingungen für die Menschen in der Stadt waren. Du kannst untersuchen, wie Reichtum und Armut verteilt waren, welche Stellung die Juden besaßen, in welchen Berufen die Menschen arbeiteten und wie Kaufleute und Handwerker organisiert waren. So kannst du erkennen, wie sehr sich das Leben der Stadtbewohner vom Landleben unterschied. Adlige Geistliche Patrizier Fernkaufleute Goldschmiede Kaufleute Ärzte Handwerksmeister Notare Krämer Dienstboten Tagelöhner Arbeiter Knechte, Mägde Kranke Bettler unehrliche Berufe/Randgruppen Vollbürger mit Bürgerrecht Gesellen Lehrlinge Arme Kranke Bettler Einwohner ohne Bürgerrecht Einwohner mit eigenem Recht (Sonderrechten) Dienstmannen Juden 2.1 Welche Schichten und Gruppen lebten in der Stadt? Nicht alle Bewohner der Stadt hatten die gleichen Rechte und waren Bürger. Das waren nur diejenigen, die das Bürgergeld zur Aufnahme in die Stadt gezahlt und den Bürgereid abgelegt hatten. Nur sie durften den Stadtrat wählen. Alle anderen waren nur Einwohner mit begrenzten Rechten oder unterstanden einem eigenen Sonderrecht. Für die Bewohner der Stadt galt also unterschiedliches Recht. 2.2 Vermögensverteilung in Höxter (15. Jh.) An der Grafik kannst du sehen, wie unterschiedlich das Vermögen verteilt war. Wie in Höxter sah es in vielen anderen Städten aus. Bevölkerung, aufgeteilt in Gruppen von je 10 % 10% 10% 10% 10% 10% 10% 10% 10% 10% 10% % 6 % 87 8 % 79 9 % % % 1 % 2 % Prozent am Gesamtvermögen# Jeweils 10 % der Bevölkerung besitzen diesen Anteil am Gesamtvermögen in Höxter nach: Heinrich Rüthing, Höxter um 1500, Paderborn

12 2.3 Der Markt Ursprung und Zentrum der Stadt Der Markt war das Zentrum und der Umschlagplatz der Stadt. Hier wurden die von auswärts eingetroffenen und einheimischen Waren dargeboten, gekauft und verkauft. Das Bild zeigt den Marktplatz in Augsburg (Gemälde von Jörg Breu, um 1531). Der Turm im Hintergrund (der Luoginsland ) diente dem Wächter der Stadt dazu, den Markt, die Stadt und das Umland beobachten zu können. Im Vordergrund sind rechts das Rathaus und der Zug der Ratsherren zu sehen. 2.4 Marktordnung (1256) Herzog Heinrich I. von Niederbayern erließ 1256 für seine Hauptstadt Landshut diese Ordnung: 1. Wir verbieten, Schwerter und Dolche innerhalb der Stadt zu tragen. Und sooft jemand dabei ertappt, wird, dass er sie trägt, soll er der Stadt 6 Schilling geben und dem Richter 60 Pfennige. ( ) 2. Graues Tuch soll nach dieser Unserer Verordnung in einer Breite von 5 Spannen hergestellt und die beste Elle für 10 Pfennig verkauft werden. ( ) 4. Wucherer, Vorkäufer [Leute, die Preisabsprachen vor Eröffnung des Marktes treffen] und Verbindungen, die im Volksmund Einungen genannt heißen, verbieten Wir bei einer Strafe von 5 Pfund Pfennige und erklären sie überdies für rechtlos. [Geldangabe: In Bayern war ein Pfund 8 Schillinge zu je 30 Pfennigen wert] 5. Wir ordnen an, dass 2½ Pfund Rindfleisch für 1 Pfennig verkauft werden und ebensoviel Hammelfleisch oder 3 Pfund Ziegenfleisch. Die es anders halten, sollen der Stadt 6 Schilling und dem Richter 60 Pfennige zahlen. ( ) 10. Wir verordnen bezüglich derjenigen, die Waren in die Stadt bringen, dass außerhalb des öffentlichen Markts kein Kauf stattfinden darf. ( ) Wer gegen diese Gebote verstößt, soll der Stadt 6 Schilling und dem Richter 60 Pfennige geben. Hat er kein Geld, so wird ihm die Hand abgeschlagen. ( ) 13. Wir bestimmen, dass zwei Brote jeder Art, entsprechend der Marktgepflogenheit wohl geknetet, gesalzen und gesiebt, für 1 Pfennig verkauft werden sollen. Brot, das vriz [Gemisch aus Weizen mit Roggen] genannt wird, verbieten Wir gänzlich. ( ) Brezeln dürfen nur aus Weizenmehl gemacht werden. Wer das dreimal übertritt, soll 1 Pfund Pfennige zahlen und für ein Jahr von seinem Handwerk ausgeschlossen sein. ( ) 20. Lotterbuben jeder Art, fahrende Schüler mit langem Haar lassen Wir in der Stadt nicht zu. Wer sie länger als eine Nacht beherbergt, den verurteilen wir zu einer Strafe von 1 Pfund Pfennige. ( ) 23. Die Schuster müssen Verschnürung und Sohlen für 1 Pfennig und die Sohlen allein für ½ Pfennig erneuern. Übertreter sollen Strafe zahlen. Zit. nach Gisela Möncke (Hrsg.), Quellen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte mittel- und oberdeutscher Städte im Spätmittelalter, Darmstadt 1982, S. 49 f. (FSGA, A., Bd. 37; Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 80

13 2.5 Der Handel Quelle des Reichtums einer Stadt Die Fernhandelskaufleute vieler Städte schlossen Handelsbündnisse, um den Warenaustausch zu organisieren. Daraus entwickelte sich Mitte des 13. Jahrhunderts in Deutschland und Nordeuropa die deutsche Hanse. Die Karte zeigt, wie das Handelsnetz aussah und welche Waren hauptsächlich gehandelt wurden. 2.6 Die Produktion im Handwerk (16. Jh.) Die vielfältigen Waren, die auf dem Markt gehandelt wurden, kamen als Lebensmitteln von den Bauern oder wurden von den Handwerkern in der Stadt hergestellt. Der Stich zeigt Werkstatt und Laden eines Schuhmachers (16. Jh.). 81

14 2.7 Die Zunft Organisation des Handwerks Die Handwerker sind in Zünften organisiert. Die Zunftordnung der Straßburger Tucher zeigt, was von der Zunft geregelt wurde und welche Aufgaben und Hilfen ihre Mitglieder erhielten Zum ersten haben wir eine gemeinsame Stube, Haus und Hof, die uns zur Verfügung stehen. In dieser Stube kommen wir zusammen, um miteinander zu essen und zu trinken. Dort empfangen wir auch unsere Gäste. Wir wählen jährlich ( ) einen vertrauenswürdigen Mann aus unserer Zunft in den Großen Rat. Außerdem bestimmen wir einen ( ), der in den Kleinen Rat oder in das Gericht ( ) abgeordnet wird. Desgleichen bestimmen alle anderen Zünfte, von denen es insgesamt 28 gibt, jeweils einen vertrauenswürdigen Mann für den Großen Rat ( ). [Der Vorsteher und vier Meister leiten die Zunft. Ein weiteres Fünfergremium übernimmt folgende Aufgaben:] Diese fünf sind dann für ein Jahr unsere Prüfer und Besiegler der Tuche, die die Tucher und die Weber machen. Diese fünf müssen schwören, alle Tuche zu prüfen, die guten besiegeln, die keine Fehler aufweisen, außerdem diejenigen mit einem besonderen Siegel kennzeichnen, die kleine Fehler haben, und den ganz fehlerhaften Tuchen ein Siegel verwehren ( ) Weiterhin lassen wir auch jede Nacht ein Zunftmitglied mit seinem einfachen Harnisch und Gewehr zusammen mit anderen aus den anderen Zünften auf Wache gehen. Jede Zunft stellt jeweils einen oder, wenn es ( ) nötig ist, mehrere [Wächter]. Jeder übernimmt, sobald er an der Reihe ist, seine Wache selbst oder stellt einen rechtschaffenen Vertreter. ( ) Weiterhin ist uns zusammen mit zwei anderen Zünften eine Stelle an der Stadtmauer übergeben worden, um ( ) zu schließen und zu öffnen. ( ) Wenn jemand das Handwerk ausüben will, so muss er die Zunftmitgliedschaft mit dem dafür erforderlichen Betrag ( ) erwerben. Dieses Geld wird zum Nutzen der gesamten Zunft verwandt. ( ) Wenn ( ) einem von uns Freud oder Leid widerfährt, so bewirten wir ihn auf unserer Stube. Begeht jemand den Todesfall eines der Seinigen, so gehen wir mit ihm zum Gottesdienst. ( ) Weiterhin ( ) sind wir verpflichtet, wenn ( ) ein Aufruhr in der Stadt ausbricht, unter unserem Banner mit unserem ganzen Harnisch samt unseren Zunftvorstehern auf einen Platz zu den anderen Zünften zu ziehen, ( ) um dort auf unsere Herren Bürgermeister und unsere Ratsherren zu warten. Außerdem sind aus allen Zünften etliche Leute dazu bestimmt, bei einem Feuer herbeizueilen, um zu löschen und das zu tun, was dann notwendig ist ( ). Zit. nach Peter Ketsch/Gerhard Schneider, Handwerk in der mittelalterlichen Stadt, Stuttgart 1985, S. 10 f. (Klett) 2.8 Lehrvertrag in Köln 1404 Der Lehrvertrag hält die Arbeitsbedingungen für Lehrlinge fest. 5 Ich, Johann Toynburch, Bürger zu Köln, tue kund allen Leuten: Meinen ehelichen Sohn Tönis habe ich zu dem Goldschmied Adolf Bruwer, einem kunstfertigen Mann, in die Lehre gegeben. Tönis möchte aus eigenem Antrieb das Handwerk der Goldschmiede in Köln erlernen und dem Goldschmied Adolf Bruwer treulich dienen, acht Jahre lang. Meister Adolf soll meinem Sohn die Kost geben. Ich, Johann, soll den Tönis die ganzen acht Jahre lang anständig kleiden. Und geschähe es, daß Tönis im ersten Jahr stürbe, so soll mir Meister Adolf acht Gulden von den sechzehn wiedergeben, die ich ihm zuvor gegeben habe. Würde ich, Tönis, meinem Meister Adolf in diesen Jahren entlaufen und beginnen, auf eigene Rechnung das Handwerk zu betreiben, muß ich dem Meister Adolf 42 Gulden Strafe zahlen. Zit. nach Heinrich von Loesch, Kölner Zunfturkunden, Spätmittelalter, Köln 1882, S. 16. (P. Hanstein) 82

15 2.9 Welche Rolle spielten Frauen im Handwerk? Die Tabelle ist eine statistische Auswertung der Frauenberufe für Hamburg zwischen 1340 und Diese Zahlen waren in jeder Stadt etwas anders. Aus der Übersicht zu Hamburg lassen sich die Art der Frauenberufe und ihr Anteil an der Zahl der Handwerksmeister ablesen. Gewerbe mit erwerbstätigen Frauen Gewerbe Zahl derxxgewerbetreibenden davon Frauen Frauenanteil in % Gänsehöker (verkauft Gänse) ,1 % Grützmacher ,1 % Schlachter ,6 % Schuhmacher ,1 % Wandbereiter (fertigt aus Wolltuch Bekleidung) ,6 % Wollweber: allgemein ,0 % schmales Werk ,0 % Leineweber: allgemein ,5 % breites Werk ,9 % schmales Werk ,7 % Apotheker ,1 % Peter Ketsch, Frauen im Mittelalter, Düsseldorf 1983, Bd. 1, S (Patmos) 2.10 Jüdisches Leben Die jüdischen Gemeinden entfalteten in den Städten ein vielfältiges Leben. Neben Kaufleuten, Handwerkern und Geldwechslern spielten Wissenschaftler eine bedeutende Rolle. Außer der Arbeit bestimmten die religiösen Feste und Pflichten, wie die Ausübung von Gerechtigkeit und Nächstenliebe, das Leben der Menschen. Die Miniatur zeigt, wie ein Reicher durch die Armenspeisung seine religiöse Pflicht erfüllt. 83

16 2.11 Die Juden unter dem Schutz von Bischof und Kaiser (1084) Die Juden lebten oft in einem eigenen Viertel (Getto) und nach eigenem Recht unter dem Schutz des Stadtherrn oder des Kaisers. Der Bischof von Speyer gab ihnen folgende Rechte: 5 10 Als ich den Weiler Speyer in eine Stadt verwandelte, glaubte ich, die Ehre unseres Ortes noch zu vergrößern, wenn ich die Juden zusammenführte. Ich siedelte sie also außerhalb der Gemeinschaft und des Wohnbereichs der übrigen Bürger an und umgab sie mit einer Mauer, damit sie nicht durch den Übermut des Pöbels beunruhigt würden. ( ) Ich übergab ihnen diesen Ort ( ) unter der Bedingung, dass sie jährlich 3 ½ Pfund Speyerischen Geldes zum gemeinsamen Verbrauch der Klosterbrüder zahlen. Innerhalb ihres Wohnviertels und außerhalb bis zum Schiffshafen selbst gab ich ihnen das Recht, Gold und Silber frei zu wechseln und alles Beliebige zu kaufen und verkaufen, und dieselbe Freiheit gab ich ihnen im ganzen Stadtgebiet. Außerdem gab ich ihnen vom Besitztum der Kirche einen Begräbnisplatz mit Erbrecht. Auch gestattete ich ( ), dass ihr Synagogenvorsteher Klagen zu entscheiden habe, die zwischen oder gegen Juden erhoben werden ( ). Als Gipfel meines Wohlwollens habe ich ihnen schließlich Gesetze verliehen, die besser sind, als sie die Judenschaft in irgendeiner Stadt des deutschen Reiches besitzt. Zit. nach Franz Xaver Remling, Urkundenbuch zur Geschichte der Bischöfe von Speyer, Bd. 1, Mainz 1852, S. 57 f Die Verfolgung jüdischer Menschen Trotz des Schutzes durch Landesherren kam es besonders in Krisenzeiten zu Verfolgungen der Juden. Im Zusammenhang mit der großen Pest 1348/9 fanden in etwa 350 Städten des Deutschen Reichs Judenverfolgungen statt, bei denen in ca. 240 Städten alle Juden ermordet wurden. Ein Straßburger Chronist berichtet, wie die Verfolgung in Straßburg zustande kam und ablief: Im Jahr 1349 war das größte Sterben, das je gewesen ( ) Wegen dieser Pest wurden die Juden in der Welt verleumdet und bezichtigt, sie hätten es verursacht, indem sie Gift in das Wasser und die Brunnen getan ( ) Zu Bern und Zofingen folterte man etliche Juden, die sagten aus, sie hätten viele Brunnen vergiftet, auch fand man das Gift in den Brunnen. Da verbrannte man sie in vielen Städten und schrieb diese Geschichte nach Straßburg, Freiburg und Basel ( ). Da meinten die Mächtigsten in diesen drei Städten, die 5 die Gewalt in den Händen hatten, man solle den Juden nichts tun. ( ) Auf einer Tagung zu Benfeld kamen der Bischof von Straßburg, alle Landherren vom Elsaß und die Boten der drei genannten Städte zusammen. Die von Straßburg ( ) antworteten, sie wüssten keine Bosheit von ihren Juden. Da sagte man zu den Straßburgern, warum sie dann ihre Brunnen verschlossen hätten ( ). Es entstand großer Lärm 10 und Geschrei über die Straßburger. So kamen der Bischof, die Herren und die Reichsstädte überein, man solle die Juden beseitigen ( ). Als nun in Straßburg alles Volk über die Juden ergrimmt war, versperrte man die Judengasse und setzte bewaffnete Leute davor ( ). An diesem Freitag [ ] fing man die Juden in Straßburg, und am Samstag verbrannte man sie auf einem hölzernen Gerüst in ihrem Kirchhofe, es waren an die zweitausend. 15 Wer sich taufen lassen wollte, durfte am Leben bleiben ( ). Was man den Juden schuldig war, galt als bezahlt ( ). Das Bargeld der Juden nahm der Rat und verteilte es unter das Handwerk. Das Geld war auch die Ursache, warum die Juden getötet wurden, wären sie arm und die Landesherren ihnen nichts schuldig gewesen, so hätte man sie nicht verbrannt. Jakob Twinger von Königshofen, Chronik, zit. nach Die Chroniken der deutschen Städte, Bd. 9, Straßburg/Leipzig 1871, S (Hegel) 84

17 Materialpaket 3 4 Stadtherr, Rat und Zünfte Wer regierte die Stadt? Die folgenden Materialien geben dir einen Einblick in die Regelungen des städtischen Zusammenlebens. Du kannst untersuchen, wer die Herrschaft ausübte und wie die Stadt verwaltet wurde, warum es zu Konflikten kam und wie sie gelöst wurden. 3.1 Der Stadtherr regiert die Stadt (1200) Zu Beginn der Städtegründungen im 11. und 12. Jahrhundert unterstand die Stadt der Macht des Stadtherrn. Wie dieser die Stadt beherrschte, zeigt die folgende Quelle. Aus dem Straßburger Stadtrecht (um 1200): Alle Beamten dieser Stadt unterstehen der Gewalt des Bischofs, so dass entweder er selbst oder die, welche er dazu bestimmt hat, sie einsetzen. (...) 7. Die vier Beamten aber, auf denen die Regierung der Stadt beruht, wird der Bischof eigenhändig einsetzen, nämlich den Schultheißen, den Burggrafen, den Zöllner und den Münzmeister. (...) 10. Der Schultheiß wird richten über Diebstahl, Frevel und Geldschulden gegenüber allen Bürgern der Stadt und allen Leuten aus dem Bistum, (...) 44. Zum Amt des Burggrafen gehört es, die Meister fast aller Handwerker in der Stadt einzusetzen (...). Und er hat Gewalt über sie zu richten. (...) 47. Ebenso gehört es zum Recht des Burggrafen, gewisse Zölle zu erheben (...) 49. Außer den genannten Zöllen gehören alle anderen zum Amt des Zöllners. (...) 59. Der Münzmeister hat nach dem Rechte die Gewalt, über falsche Münzen zu richten oder über Falschmünzer selbst (...) 88. Zum Recht des Bischofs gehört, dass er aus der Sadt 24 Boten habe und zwar aus dem Stande der Kaufleute. Ihr Amt ist es, innerhalb des Bistums Botschaften des Bischofs an seine Leute auszurichten. Zit. nach Wolfgang Lautemann (Hrsg.), Geschichte in Quellen 2: Mittelalter, München 1975, S. 723 f. (Bayerischer Schulbuchverlag) 5 10 Es gab nämlich in der Stadtgemeinde Worms 40 Ratsherrn, die seit hundert Jahren allein und ohne Mitwirkung des Bischofs dem Rat vorstanden, Frieden geboten und die Gesetze und Verordnungen zu Nutzen der Stadt erließen, und dies gemäß den Privilegien, welche ihnen von Kaisern und Königen gewährt worden waren. Und die genannten Ratsherren haben auch, wenn einer von ihnen verstarb, einen anderen kooptiert [gewählt]. Die genannten Ratsherren haben auch ein festes Steinhaus ( ) käuflich erworben. ( ) Und sie begannen alsbald, dieses Haus zu verschönern und besser herzurichten. Und es wurde das schönste Haus der ganzen Welt. ( ) In diesem Hause hielten sie immer ihre Ratssitzungen ab und erachteten ihren Herrn Bischof gleichsam für nichts. Zit. nach Evamaria Engel, Die deutsche Stadt im Mittelalter, München 1993, S. 55. (Patmos) 3.2 Befreiung des Rates vom Stadtherrn (1290) In den Wormser Annalen kann man lesen, wie sich die Macht des Rates entwickelt hat. 85

18 3.3 Bürgereid in Frankfurt (1398) In der mittelalterlichen Stadt war nur ein Teil der Einwohner Bürger. Diese hatten mehr Rechte, wie z. B. das Wahlrecht für den Stadtrat. Wie man Bürger wurde, kann man dem Bürgereid entnehmen, den es in ähnlicher Form in jeder Stadt gab. Ein jeglicher, der Bürger werden will zu Frankfurt, soll in gutem treuen Glauben und zu den Heiligen schwören, unserem gnädigen Herrn, dem Römischen Kaiser ( ) als seines Herrn von Reiches wegen treu zu sein sowie Bürgermeister, Schöffen und Rat von Frankfurt gehorsam und treu zu sein und vor Gefahren, die ihnen und 5 der Stadt Frankfurt drohen, zu warnen, ihr Bestes zu wollen und nichts zu unternehmen, was zu ihrem Schaden sein könnte. ( ) Auch soll einer, der Bürger wird, der Stadt 10 Pfund Heller und 4 Schillinge zahlen und dem Schreiber seinen Lohn. Kann er der 10 Stadt diesen Betrag nicht auszahlen, weil er aufgrund von Schulden nicht die Summe von 100 Mark besitzt, so soll er mindestens 3 Pfund Heller und 4 Schillinge geben und schwören, den Rest zu begleichen, wenn er wieder im Besitz von 100 Mark ist. Heiratet jemand eine Bürgerin oder die Tochter eines Bürgers oder einer 15 Bürgerin, so soll er nicht mehr als 4 Schillinge an die Stadt zahlen, dem Schultheiß ein Achtel des besten Schankweines und dem Schreiber seinen Lohn geben und dann schwören, wie oben beschrieben. Zit. nach Dietrich Andernacht/Erna Berger (Hrsg.), Die Bürgerbücher der Reichsstadt Frankfurt , Frankfurt a. M. 1978, S. 1. (Verlag Waldemar Kramer) Am Sonntagabend, dem 23. Oktober 1368, versammelten sich in Augsburg die Zünfte unter Leitung des Hans Weiß, dem Kellermeister der Weberzunft, wohlbewaffnet am Perlachturm. Sie schlossen alle Stadttore und besetzten alle Straßen und Plätze der Stadt. Sie 5 ließen mitteilen, die Gemeinde solle in Ruhe den Zusammentritt des Rates am folgenden Tag abwarten. Sturmglocken riefen in der Frühe des 24. Oktobers die Ratsherren zu einer außerordentlichen Ratssitzung zusammen. Schweigend eilten die Ratsherren durch die Reihen der bewaffneten Handwerker dem Rathaus zu. Dann besetzten Wachen der Zünfte die Rathauspforten und schlossen so die 10 Falle. Sechs ehrenwerte Zunftmeister traten vor den Rat, und Hans Weiß forderte in schlichten Worten die Teilnahme der Zünfte an der städtischen Regierung. Nach stundenlangen Debatten gaben die Ratsherren schließlich nach. 15 Der auf dem Perlachplatz harrenden Menge verkündete man die alsbaldige Einführung der Zunftverfassung. Der Rat übergab als Unterpfand seines Wortes die Hoheitszeichen der Stadtregierung: die Türschlüssel und die Schlüssel zur Sturmglocke und zum Ratsarchiv, das Stadtsiegel und das Stadtrechtsbuch. Dann schworen 20 reich und arm, Ratsherren und Handwerker, eine zünftliche Regierung einzuführen. Zit. nach Werner von Ripper, Von den bürgerlichen Revolutionen bis zum Imperialismus, Frankfurt/M. 1973, S (Diesterweg) 3.4 Die Zünfte erheben sich gegen den Rat (1386) Im 14. Jahrhundert kam es in vielen Städten zu Aufständen der unzufriedenen Zünfte, die von der Stadtherrschaft ausgeschlossen waren. So sind für die Zeit von 1301 bis 1550 über 200 Bürgerkämpfe gezählt worden. Ein anonymer Chronist des 15. Jahrhunderts aus Augsburg berichtet über Ablauf und Motive des Zunftaufstands in seiner Heimatstadt. 86

19 4 3.5 Die sechs Zunftmeister b etreten das Rathaus (1368) Ein Gemälde aus dem Ratsbuch der Stadt Augsburg (erste Hälfte des 16. Jahrhunderts) zeigt den Eintritt der Zunftmeister ins Rathaus. 87 DO _S indd :01:20

20 Materialpaket 4 Alltag in der Stadt Wie die Menschen im Alltag lebten, ist oft nicht ganz leicht festzustellen, weil sie über Wohnen, Essen, Kleidung, Arbeit und ihre Umwelt wenig geschrieben haben. 4.1 Was in Bern passierte: Mai 1405 Der Stadtschreiber Diebold Schilling berichtet (hier in einer modernen Zusammenfassung wiedergegeben) vom alltäglichen Treiben in seiner Stadt Dreimal zwischen dem 11. und 15. Mai dürfen die Pfister [Bäckermeister] backen. Dann kommen auch Käufer ihres Schwarzbrots von außerhalb. Das Brot und andere Waren müssen an besonderen Plätzen feilgeboten werden. Am 13. und 14. Mai werden auf Betreiben der Obrigkeit Pfaffendirnen durch die Stadt getrieben und in den Käfigturm gesperrt. Diese Frauen und die mit ihnen zusammen lebenden Priester ziehen lautstark protestierend durch die Straßen. Erregung gibt es in diesen Tagen auch wegen der von den Berner Dominikanermönchen angegriffenen Beginen: angeblich betteln sie in den Gassen. Viele Stadtbürger wollen sie aus der Stadt vertreiben, obgleich sie Kranke betreuen. Wegen des Frühlingswetters sind viele Ackerbürger und ihr Gesinde auf den Feldern vor den Mauern landwirtschaftlich tätig [Aussaat, Grasschneiden u. a.]. Auch die Allmende darf seit kurzem wieder genutzt werden [Viehweide, Holz und Kräuter sammeln]. In den Krautgärten in der Stadt wird Sommergemüse gepflanzt; Hühner, Gänse und Entenküken sind geschlüpft und werden groß gezogen. Lämmer werden geworfen. Ständig läutet und bimmelt es [Zeit und Kirchenglocken]. Viele Bewohner gehen mindestens einmal täglich in eine der Kirchen. Kurz nach dem Vesperläuten bricht der Große Brand aus. Chroniken vermuten später, dass es Brandstiftung gewesen ist [entweder durch die angefeindeten Beginen oder die eingesperrten Pfaffendirnen ]. Zusammengestellt nach der Berner Chronik von Diebold Schilling, Band 1, zit. nach Harm Mögenburg, Alltag einer Magd, in: Geschichte lernen, 88/ 2002, S. 43. (Friedrich) 4.2 Wie wohnten die Kaufleute? Die Häuser von Arm und Reich unterschieden sich sehr. Die ärmsten Bewohner wohnten oft in Hütten an der Stadtmauer oder in sehr einfachen Häusern. Für Handwerker und Kaufleute war das Haus zugleich Arbeitsstätte und Wohnhaus, wie diese schematische Darstellung eines Kaufmannshauses zeigt. 88

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