Freitag Die meisten sind froh, dass diese Geschichte vorbei ist.

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1 Agenda Asche zu Asche Die WestLB war einmal eine der größten deutschen Banken. Sie beherrschte ein Bundesland und wollte auf der ganzen Welt mitspielen. Sie wollte zu groß sein. Am 30. Juni ist sie Geschichte. Wie konnte das passieren? *Jarka Kubsova*, *Meike Schreiber* Jarka Kubsova und Meike Schreiber, Düsseldorf Norbert Walter-Borjans verliest das letzte Kapitel der WestLB, und da es wohl das beschämendste ihrer Geschichte ist, macht er es schnell und knapp. Der SPD-Finanzminister sitzt im Düsseldorfer Landtag, Clubraum Westfalen im Souterrain, Akten und ipad vor, ein nicht enden wollendes Gezerre hinter sich. Seit Wochen pokern die Eigentümer der Bank darum, wer wie viel von dem Schaden übernimmt, den sie angerichtet hat. "Alle sind an die Schmerzgrenzen gegangen", sagt Borjans und trägt das Ergebnis der letzten Einigung und die Rettungskosten seit 2008 vor. Für den Bund: 3 Mrd. Euro. Für das Land Nordrhein-Westfalen: 9 Mrd. Euro, für die Sparkassen: 6 Mrd. Euro. Macht 18 Mrd. Euro insgesamt. Das also ist die Schlussrechnung der einst größten Landesbank Deutschlands. Am letzten Junitag wird sie endgültig zerschlagen. Noch nie wurde hierzulande ein Geldhaus dieser Größe abgewickelt, und so ist der Untergang der WestLB so bombastisch wie das Bild, das sie zu Lebzeiten abgab. Innerhalb kürzester Zeit rückte sie nach ihrer Gründung 1969 zu den größten Banken Deutschlands auf, später betrieb sie wie keine andere Bank Strukturpolitik. Sie sorgte für Skandale und richtete Milliardenverluste an, sie lieferte sich einen Kleinkrieg mit der EU. Für sie wurde Ende 2009 die erste Bad Bank Deutschlands gegründet, und doch konnte sie am Ende nichts mehr retten. "Die Geschichte der WestLB ist eine Geschichte der verpassten Chancen und der politischen Hybris", sagte jüngst FDP-Landeschef Christian Lindner. Die meisten sind froh, dass diese Geschichte vorbei ist. Außer in der WestLB, da hängen viele an dieser Bank, nicht nur weil sie jetzt einen Arbeitsplatz verlieren trifft es insgesamt. Diese Bank hat ihnen eine Wagenburgmentalität beigebracht. "Das ist hier wie in der Stahlindustrie", sagt ein Mitarbeiter. "Man wird erhitzt, geschmiedet, abgekühlt und wieder alles von vorn, bis man zur Form kommt." Seinen Namen nennen will keiner. Auch wenn sie hier gewohnt sind, verspottet und verhöhnt zu werden, als dumme Landesbanker, als Gierbanker, als Banker, die auf Steuerzahlerkosten leben. "In manchen Instituten", klagt ein Ex- Manager, "wurde man zur Persona non grata, sobald man die Visitenkarte rausholte." Man gewöhnt sich daran, es schweißt zusammen. Und so ist es - während Walter- Borjans vergangene Woche im Landtag den Schlussakkord verliest - in der Zentrale am Kirchplatz noch so belebt wie immer. Geschäfte abwickeln macht auch Arbeit. In der Eingangshalle blinken die Weltuhren vor sich hin, im Innenhof hatte sich in einem der künstlichen Teiche auch dieses Jahr eine Entenfamilie niedergelassen, da hatten sie etwas zum Entzücken in der Pause. Drinnen hat jemand in einem Büro eine Karte mit dem Spruch aufgehängt: "Love is for suckers". "Die Bank stand schon so oft am Abgrund und hat es doch wieder geschafft", sagt ein Mitarbeiter. Er sagt es so, als ob es auch diesmal doch noch möglich ist. Doch diesmal ist es das Ende. Die Handwerker sind schon bestellt. Am Wochenende werden sie die letzten Schilder der WestLB abnehmen und neue anschrauben, mit dem Namen der Nachfolgegesellschaft: Portigon Financial Services. "Portigon", witzeln manche, "das ist die Abkürzung für: Portfolio is gone!" Die Bank ist das Gespött der Leute. Wie weh das tut! Der große Ludwig Poullain, Chef von 1969 bis 1977, hat gesagt, seit es zu Ende geht, "leide er wie ein Hund". Als er 1969 zwei Provinzbanken zur Westdeutschen Landesbank fusionierte, sei er "wild gewesen, die Märkte zu erobern und den fest Etablierten den Wettbewerb zu bereiten". Und er schaffte das meisterhaft. Schon in den 70ern verwies er die Deutsche Bank auf Platz zwei, zumindest kurzzeitig. 1

2 Nach ihm, sagt er, sei die Bank zu politisch geworden. Was für eine Untertreibung. "Die Politik war dieser Bank untertan", sagt Hartmut Schauerte, ein Mann, lang und schlank wie eine Birke, 67, CDU, Staatssekretär a. D. An die alten Zeiten erinnert er sich nur zu gut. Wenn er mal wieder im Düsseldorfer CDU-Haus an der Wasserstraße ist, um etwas Parteiarbeit oder Mittelstandslobby zu erledigen, hat er aus dem ersten Stock der niedrigen Villa noch den Blick auf das Ständehaus. das früher als Landtag diente. Anfang der 80er, Schauerte war noch neu im Parlament, verlangte ihn eine Assistentin der WestLB am Telefon. "Herr Schauerte, jagen Sie gerne?", fragte die Dame. "Wir haben einen schönen Bock für Sie ausgesucht. Sie können ihn am Wochenende schießen gehen." Bis zu diesem Anruf hatte Schauerte geglaubt, seine Gegner zu kennen. Zwischen Rhein und Ruhr regierte übermächtig die SPD, und der CDU-Abgeordnete trat an, um harte Oppositionsarbeit zu machen. Aber an jenem Tag im Mai, als er sich entschloss, den Bock nicht schießen zu gehen, schwante ihm, dass der wahre Gegner eine Bank werden würde. Er sollte richtigliegen. Denn die mächtigsten Männer in Nordrhein-Westfalen herrschten nicht im Parlament, sie herrschten in der WestLB, und der Mächtigste von allen war Friedel Neuber. Ein Hüne von 1,96 Metern, der viele schon mit seiner bloßen Physis erzittern ließ. Schauerte sperrt noch heute die Augen auf, wenn er sich an seinen Widersacher erinnert. "Er war so ein Siegfried. Immer polternd, immer laut, mit so einer basshaften Stimme, ständig eine Kippe in der Hand." Es gab viele, die Neuber fesselte, und noch mehr, die ihn förderten. Vor allem der damalige NRW-Ministerpräsident Johannes Rau half dem Quereinsteiger aus der SPD an die Spitze der Landesbank, wo er sich schnell den Namen "Roter Baron" einhandelte und zwei Dekaden herrschte. Zusammen mit Finanzminister Heinz Schleußer bildeten die drei Männer ein Machtdreieck in Nordrhein-Westfalen. Neuber verstand es, um die Bank ein dichtes Netz von Beziehungen zu knüpfen und jeden einzubinden, der ihm und seiner aufstrebenden Bank hätte gefährlich werden können. Er schuf ein Geflecht, das Staat, Sparkassen, Verbände, Parteien, Gewerkschaften und Wirtschaft fast unauflösbar miteinander verband. Im Verwaltungsrat, dem wichtigsten Kontrollorgan, platzierte Neuber hauptsächlich parteipolitische Freunde, die ihm freie Hand ließen bei seiner überbordenden Geschäftspolitik. Loyalität belohnte der WestLB-Chef mit Aufsichtsratsposten seiner Industriebeteiligungen oder gut dotierten Beraterverträgen. Und wenn Schauerte vor dem Landtag Beamte vorfahren sah, auf das Dach noch die dicken Geweihe geschnallt, da wusste er: Neuber ist wieder einer ins Netz gegangen. "Die Förster machten Überstunden damals." Und Neubers Einladungen in die bankeigenen Jagdgründe in der Eifel waren nur eins von vielen Mitteln, um Kritiker und Kunden zu beeindrucken - und zu kaufen. Festliche Tagungen auf Schloss Krickenbeck am Niederrhein waren andere. Oder durchgesoffene Nächte im der WestLB-eigenen Weinschatzkammer "Tresörchen". Beamte und Politiker ließ Neuber mit einer eigenen Airline durch die Welt fliegen. "Ein furchtbar feudales Gehabe war das hier", sagt Schauerte. Aber außer ihm schimpften nicht viele über die Machenschaften rund um die WestLB. Und was gab es auch schon auszusetzen in Anbetracht des glanzvollen Reiches, das Neuber da schuf? Das Expansionswerk seines Vorgängers Poullain stellte er bald in den Schatten. Die Bank steuerte ein Firmenimperium, hielt Mehrheiten an den größten Unternehmen in NRW, dem industriellen Kraftraum der Republik. Preussag, Babcock, Fresenius, LTU, TUI, Nordwestlotto, Thomas Cook. Ende der 80er gehörten etwa 150 Firmen zum direkten Einflussbereich der WestLB, und fast jedes zweite der 500 größten europäischen Unternehmen unterhielt Geschäftsbeziehungen zur WestLB. Und die Bank streckte sich immer weiter in die Welt hinaus, gründete Niederlassungen in Hongkong, New York, Tokio, Singapur und Moskau. In den 90er Jahren schwoll die Bilanzsumme auf 600 Mrd. D-Mark, beschäftige weltweit mehr als 9000 Mitarbeiter und rangierte damit lange auf Platz drei nach Deutscher und Commerzbank. Dahinter steckte nicht bloßes Geschick - sondern ein Umstand, der sich lange als Glücksfall, später aber als vernichtender Konstruktionsfehler entpuppen sollte. Als Landesbank hatte die WestLB die Eigentümer Land und Sparkassen im Rücken und damit ein unschlagbares Label: die 2

3 Gewährträgerhaftung. Was sich anhört wie ein dröger Beamtenbegriff, war eine Lizenz zur billigen Liquiditätsbeschaffung. Denn eine Bank, für die die staatlichen Eigentümer haften, kann nicht fallen, und sie bekommt Kapital und Kunden leichter als andere. Dass es im Gegenzug der öffentliche Auftrag der Bank war, die heimische Wirtschaft zu fördern, geriet bald in Vergessenheit. Heimat und Mittelstand - das war Neuber und Nachfolgern zu piefig. Und die Eigentümer sahen gern und großzügig darüber hinweg, in der Hoffnung auf Dividende, wo auch immer die herkam. Was es dem Land nütze, Niederlassungen in Jakarta zu haben, fragte kaum jemand. "Es war eben schick, da eine Filiale zu haben, in deren Glanz sich die Minister dann sonnen konnten", sagt der Vorstandschef einer privaten Geschäftsbank in Düsseldorf. "Aber das eigentliche Geschäft haben die nicht verstanden und auch nicht, ein ordentliches Risikomanagement aufzubauen." Markante Sätze zur WestLB sind leicht einzusammeln in Düsseldorfer Chefetagen, aber immer nur anonym, immer nur im Hintergrund. Öffentlich über die WestLB zu urteilen scheint noch immer heikel, selbst jetzt, da die Bank am Ende ist und niemand sie mehr fürchten muss. So wie einst, als die WestLB "einfach die Bank hier" war. Und alle anderen mussten sich schneller bewegen, um mitzuhalten. Die Düsseldorfer Stadtväter träumten bereits davon, den Finanzplatz Frankfurt auf den zweiten Platz zu verweisen. Die mächtigsten Banken der Nation residierten auf der Schickimickimeile Königsallee, die Deutsche Bank leistete sich hier sogar mal einen zweiten Vorstandssitz. Nur die Commerzbank wurde ein wenig belächelt, ihr Haus stand in der zweiten Reihe. "Die WestLB hat meine Margen unterboten, das hat mich geärgert", sagt der Bankdirektor. Aber allmählich offenbarte sich etwas, das ihn gelassener werden ließ. Die große Zahl an Neukunden machte der WestLB zunehmend Ärger. Mit dem Zusammenbruch des Baukonzerns Beton- und Monierbau verlor die Bank 180 Mio. D-Mark, 60 Mio. D-Mark betrug der Ausfall für das Rheincenter Neuss, 280 Mio. D- Mark für den Bochumer Ölhändler Herbert Schnapka - eine Todesliste, die sich lange fortsetzen und zu ungeheueren Verlusten addieren lässt. "Die WestLB hatte viele BB- Investments", sagt der frühere Kontrahent und meint Kredite minderer Bonität. "Für uns wurde es zur Regel: Wo die rein sind, sind wir raus, meistens drohte dort keine glorreiche Zukunft." Wo andere rechtzeitig ausstiegen, machte die WestLB häufig trotzig weiter. Verluste fing sie oft durch noch riskantere Geschäfte auf. Dank der guten Beziehung zu den Landesfürsten fanden sich kreative Wege zur Geldbeschaffung für die weitere Expansion - selbst in Zeiten klammer Kassen. Als die WestLB 1992 neues Kapital brauchte, schob ihr die Rau-Regierung die landeseigene Wohnungsbauförderungsanstalt zu. Damit bekam die Bank 4 Mrd. D- Mark zusätzliches Haftungskapital und damit einen erweiterten Kreditrahmen von 70 Mrd. D-Mark - das kam der damals größten Kapitalerhöhung der Bankengeschichte gleich. Die CDU-Opposition und die Privatbanken wetterten zwar über so viel Filz und Wettbewerbsbegünstigung. "Aber die Kapitalumschichtung wurde durchgezogen", sagt Schauerte. "Wer dafürstimmte, wurde mit guten Posten oder Beraterverträgen belohnt. Ich hab mir im Kampf dagegen bloß eine blutige Nase geholt." Was der ehemalige CDU- Oppositionsmann damals noch nicht ahnen konnte: Dieser Deal sollte später einmal die EU auf die Wettbewerbsvorteile der Bank aufmerksam machen - der Anfang vom Ende der Staatshaftung. Als Neuber 2001 nach 20 Jahren an der Spitze des Instituts vorzeitig in den Ruhestand ging, war die Bank mittendrin im Kampf mit der EU- Wettbewerbsbehörde. Auch ihre Eigentümer trugen gewollt oder ungewollt dazu bei, die WestLB zu schwächen. Um Brüssel ruhigzustellen, zerteilten Land und NRW-Sparkassen die Bank. Im August 2002 spaltete der damalige Landesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) das Förderbankgeschäft ab und überführte es in die heute landeseigene NRW-Bank. Die WestLB verlor eine sichere Einnahmequelle. Auch die Sparkassen griffen zu und lösten mit der Landesbausparkasse sowie den Beteiligungen an der Rheinischen und der Westfälischen Provinzialversicherung gerade die ertragsstabilen Geschäftsfelder aus der WestLB heraus. Damit schrumpfte die Bank zwar, verlor aber auch weite Teile des Kundengeschäfts, das ihr zuvor stabile Erträge beschert hatte. Diese Aushöhlung, so zeigte sich später, hatte der WestLB einen entscheidenden Schlag versetzt. 3

4 Die Sparkassen in Nordrhein- Westfalen, ätzte später Poullain, hätten für ihre WestLB nie ein umfassendes Konzept gehabt. Während Politiker die Bank instrumentalisierten, fürchteten sich die Sparkassen vor der Konkurrenz im Privatkundengschäft. "Aber daran wäre die WestLB nicht kaputtgegangen", sagt der frühere Aufsichtratschef Bernd Lüthje. "Zum Verhängnis wurde ihr, was Neubers Nachfolger mit voller Zustimmung der Eigentümer realisiert hat: die Umwandlung der WestLB zu einer Investmentbank." Lüthje meint vor allem Jürgen Sengera, der die Bank nach Neuber zur Investmentbank umkrempelte und das Geschäft mit weltweiten Projektfinanzierungen ausbaute. Besonders eine davon erwies sich als so bizarr wie ruinös. Zusammen mit der gefeierten Investmentbankerin Robin Saunders steckte Sengera über 1 Mrd. Euro in eine britische Firma namens Boxclever. Ein Unternehmen, das unter anderem Fernseher vermietete. Boxclever geriet zum Desaster. Sengera verließ die Bank 2003 mit einem Minus von rund 1,7 Mrd. Euro - bis dato ein Rekordverlust in der Geschichte der Bank. Dann kam der Mann, der alles wieder hinbiegen sollte. Thomas Fischer. Früherer Risikochef der Deutschen Bank und Hobbyboxer. "Die Lichtgestalt", sagen die Mitarbeiter in der Bank noch heute. Fischer verabredete mit den Sparkassenverbänden ein neues Geschäftsmodell: Das Institut sollte sich wieder stärker um Privat- und Firmenkunden kümmern. Die Sparkassen erhöhten noch einmal das Kapital, beäugten Fischers Vorstöße ins Privatkundengeschäft fortan jedoch mit Skepsis. Und zunächst lieferte Fischer die ersehnten Erfolge. Noch heute schwärmen die Mitarbeiter von der Bilanzpressekonferenz Auf der Bühne eines holzbraunen Saals in Gebäude zwei am Kirchplatz, stellte Fischer sich hin und verkündete einen Überschuss von 1 Mrd. Euro. "Es macht wieder Spaß, für die WestLB zu arbeiten", rief er von der Bühne. "Und so war es wirklich", sagt ein Mitarbeiter, "wir dachten, wir sind endlich wieder wer." Der Erfolg war mehr Schein denn nachhaltiges Geschäft. Fischer hatte zunächst vor allem das Tafelsilber der WestLB verkauft, wie etwa die Bank-Anteile an der TUI oder der HSH Nordbank. Und nur wenige Tage nach der hoffnungsfrohen Konferenz gerieten Fischer und die Bank in schockierende Schlagzeilen. Zwei Aktienhändler hatte sich mit VW- Papieren verspekuliert und einen Schaden von 600 Mio. Euro angerichtet. "Hier herrschte lähmendes Entsetzen", erinnert sich ein Mitarbeiter. Aber es sollte noch viel schlimmer kommen. Wie die Chefs vieler anderer Landesbanken hatte auch Fischer einen verhängnisvollen Fehler begannen. Als die EU 2001 beschloss, die Staatshaftung für Landesbanken aufzuheben, ließ sie ihnen bis 2005 die Möglichkeit, sich Kapital unter den alten Bedingungen zu besorgen. Die Landesbanken saugten sich mit billigem, staatlich garantiertem Geld voll. Mangels Alternativen im umkämpften und daher margenarmen Kreditgeschäft steckten sie es in sicher wirkende Derivate. Allein Fischer verfügte im Juli 2005 über 25 Mrd. Euro frisches Kapital und investierte einen Großteil davon in verbriefte Wertpapiere, die später die Kernschmelze an den Finanzmärkten auslösten und als Giftpapiere berühmt wurden. Als wenige Wochen nach Fischers Gewinnmeldung die globale Finanzkrise ausbrach, erfasste sie die WestLB besonders brutal. Helmut Linssen wirft Jacke und Tasche auf einen Polsterstuhl in der Konditorei Heinemann. Sie liegt an der Königsallee, auf der einst die großen Träume eines Finanzplatzes Düsseldorf geträumt wurden. Linssen bestellt einen Cappuccino, und noch ehe der serviert wird, schüttelt er beeindruckende Zahlen und Daten aus seinem großen, grauen Kopf. Linssen führte jahrelang die Opposition im Düsseldorfer Landtag, von 2005 bis 2010 war er Finanzminister. Als solcher war ihm die Aufgabe zugefallen, eine Lösung für die Bank zu finden. Im Februar 2008 hatte die Bank derart viel Geld im Feuer, dass die Eigentümer sofortige Rettungsmaßnahmen einleiten mussten. Ein unkontrollierter Ruin hätte einen Flächenbrand entzündet. Der Plan: Die Giftpapiere müssen raus aus der Bilanz. Am 7. Februar kommt es zu einem Treffen, das Helmut Linssen die "Nacht der langen Messer" nennt. Vertreter der Eigentümerparteien versammeln sich in einem Konferenzraum der WestLB, das Gezerre um die Verantwortung beginnt. Die Bank, von der sie sich einst Dividenden und Einfluss versprochen haben, beschert ihnen nun gigantische Verluste. Jeder will seinen Anteil an der Rettung so klein wie möglich halten. Bis in den Morgengrauen streiten Land und 4

5 FTD Artikelnr: Sparkassen, wer mit wie viel in die Verantwortung gehen soll. "Um halb sechs hatten wir dann eine Entscheidung", sagt Linssen. Ein Portfolio in Höhe von 23 Mrd. Euro soll in eine Zweckgesellschaft namens Phoenix übergehen, um den Rest der Bilanz nicht zu belasten. Die Sparkassen sollen mit 1 Mrd. Euro haften, das Land mit 3,8 Mrd. Euro. Gerettet hat die Aktion die Bank am Ende nicht. Die Risiken in der WestLB sind noch viel größer als 2008 vermutet überträgt sie ein Portfolio von mehr als 70 Mrd. Euro in die eigens für sie gegründete erste Bad Bank Deutschlands. Die Eigentümer werden noch Jahrzehnte haften müssen, wenn es zu weiteren Verlusten kommt. "Da wird das Land noch lange drunter leiden", sagt Linssen. Die Rettung besiegelt das Ende der Bank. Im November 2010 erklärt EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia die Stützungsmaßnahmen der Eigentümer zur unerlaubten Beihilfe. Die EU will einen Sanierungsplan mit sehr strengen Auflagen sehen. Alle Versuche, sie mit einer anderen Landesbank zu fusionieren oder gar an private Bieter zu verkaufen, scheitern. Am 24. Juni 2011 bleibt den Eigentümern nichts anderes übrig, als die Zerschlagung der Bank zu beschließen. Für den 30. Juni 2012 ist es vorgesehen: das Ende der WestLB. In Poullains Betonburg am Kirchenplatz verbleibt die landeseigene Nachfolgegesellschaft Portigon, ein Serviceunternehmen, das bei der Abwicklung der Kreditpakete in der Bad Bank helfen soll und auch anderen Banken diese Dienstleistung anbieten darf. Aber auch das ist nur Übergang: Bis spätestens 2016 muss das Land Portigon verkauft haben; die Mitarbeiterzahl soll bis dahin von 3400 auf 1000 sinken. Nur ein kleiner Teil der WestLBler wird sofort einen neuen festen Arbeitsplatz haben und unter das Dach der Helaba schlüpfen. Denn der größte Teil der Wertpapiere der Bank - etwa 100 Mrd. Euro - wandert in die Erste Abwicklungsanstalt (EAA), die Bad Bank der WestLB. Sie steht an der Elisabethstraße, keine 200 Meter gegenüber der WestLB. Und doch liegen Welten zwischen den Instituten. Die letzten Reste der WestLB werden in bescheidenes Ambiente überführt. Drei niedrige Stockwerke, Raufaser und Ficusbäume - bürokratische Nüchternheit löst Wahnsinn ab. 5

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