NEUES DENKEN NEUES HANDELN Vortrag von Udo Herrmannstorfer 21. Oktober 2009, Palais Festetics

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1 NEUES DENKEN NEUES HANDELN Vortrag von Udo Herrmannstorfer 21. Oktober 2009, Palais Festetics Wir sind heute hier zusammengekommen, um über den Mainstream hinauszudenken. Vor einem Jahr waren die Kommentare:...schwerste Rezession seit den 30er Jahren... Hektische Betriebsamkeit brach aus (Wie rettet man die Banken? Wie rettet man die Konjunktur?). Die Frage wird gestellt, ob die Führungskräfte richtig ausgebildet worden sind (z.b. von Fredmund Malik, Management Zentrum St. Gallen). These 1: Die rein betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise ist zu wenig, Mitverantwortung ist gefragt. Mitverantwortung heißt, Antworten geben, eintreten in die Gestaltung der globalen Verhältnisse. These 2: Der Mainstream spricht zwar von den Gegenpolen liberalisieren und verstaatlichen, hat aber einen völlig undifferenzierten Ökonomiebegriff. Ursprünglich hatte man einen landwirtschaftlichen Ökonomiebegriff der Boden stand im Mittelpunkt der Betrachtungen. Er wurde vom industriellen Ökonomiebegriff abgelöst, bei dem der Fokus auf Rationalisierung durch Einsatz technischer Betriebsmittel liegt. Wird dieser Ökonomiebegriff auf die Landwirtschaft angewendet, wird sie industriell gedacht, womit wir ihre Probleme nicht lösen können. Weiters wurde der kapitalmarktorientierte Ökonomiebegriff entwickelt, bei dem jede Kapitalinvestition unter dem Profitgesichtspunkt bewertet wird. Dieser auf die Industrie angewendet bedeutet, dass Produktionsunternehmen nur noch als sich lohnen müssende Kapitalinvestition angesehen werden die Produktion der Waren als solche tritt völlig in den Hintergrund. Eine eigene Ökonomie der Non-Profit-Organisationen könnte entwickelt werden. Die Ökonomie von Ressourcen müsste unter dem Blickwinkel stehen: Wie können wir weltweit damit auskommen? Es entstehen die Fragen: Ist Infrastruktur eine Marktinvestition? Z.B.: Ist die Bahn ein Industriebetrieb oder gehört sie zur Infrastruktur? 1

2 I. Geld als Tauschmittel In der arbeitsteiligen Ökonomie werden Waren erzeugt und getauscht. Das Geld erleichtert den Tausch, dient als Tauschmittel. Der einzelne Geldschein ist ein Gutschein, der gegen Produkte getauscht werden kann. Am Geld bilden sich die Preise Preise sind Verhältniszahlen. Die Frage entsteht: Ist der Preis fair? Oft müssen wir beobachten, dass er nicht fair ist. Wird diese Frage nicht gelöst, wird sie früher oder später eingeklagt werden! Der Geldmarkt macht die Verhältnisse zwischen den Menschen sichtbar. II. Geld als Kredit Zur Unternehmensgründung gehört die Verschuldung, um davon die Investitionen bezahlen zu können. Während jeder kaufen kann, kann nicht jeder einen Kredit bekommen! Die Frage der Kreditwürdigkeit tritt auf. In Mitteleuropa haben wir eine Sparquote von 10 bis 13 % - dieses Geld wird aus der Zirkulation herausgenommen werden gigantische Summen gehortet? Das wäre ja schlecht für den sozialen Organismus. Dieses stillgelegte Geld wird über die Kreditvergabe wieder wirksam gemacht damit kann die Produktion verbessert werden, es entsteht neues Potenzial. Wie wird die Kreditentscheidung getroffen? Werden zu wenige Kredite vergeben, entsteht eine Kreditklemme. Die Banken sollten Vermittler, Makler sein zwischen Sparer und Kreditnehmer. Tatsächlich sind sie aber nicht neutral, sondern selber am Geschäft interessiert (das gute machen sie selber, das Risiko für das schlechte geben sie ab). Wo sind die Gremien, die entscheiden, wie Kredite vergeben werden? Da sollen keine Automatismen herrschen mit Bewusstsein gehört dieser Prozess erfüllt: Wie sichert man den Kredit? Wie gehen wir mit Risiko um? Wie gehen Banken mit Kreditausfällen um? In der Schweiz gibt es schon eine Vereinigung bankengeschädigter Unternehmen... 2

3 III. Was geschieht mit dem Überschuss? In der Landwirtschaft wirft die Ernte auch das neue Saatgut ab. Würde die gesamte Ernte als Saatgut genutzt, würden bald die Grenzen des Wachstums erreicht sein. Es kann nicht die gesamte Ernte als Saatgut verwendet werden, sie muss gegessen werden! Ein 13- bis 15Jähriger muss wachsen, sonst muss man zum Arzt mit ihm. Mit 18 Jahren darf er nicht mehr wachsen, sonst muss man zum Arzt mit ihm. Es kommt eben darauf an! Wenn Renditen immer zurückinvestiert werden, stellt sich die Frage: Wie lange kann man das machen? In den Pensionskassen wird so viel Geld gesammelt, dass sie nicht mehr in reale Investitionen investieren können. Es ist wie mit dem Regen: Ist es zu trocken, erwartet man den Regen und er ist ein Segen. Hört es nicht mehr auf zu regnen, wird das Wasser, das zu viel ist, zur Katastrophe. Wie kann man Geld aufheben? So wie man Lebensmittel nicht beliebig lang aufheben kann, kann man auch Geld nicht aufheben. Wo muss das Kapital wieder verschwinden? Mittel, die nicht mehr in der Realwirtschaft eingesetzt werden können, dürfen nicht mehr eingesetzt werden und müssen verschenkt werden, zb ins Bildungssystem. Steuern sind zb Zwangsschenkungen. Der Zinseszins ist eine Exponenzialfunktion. Es kann aber kein exponenzielles Wirtschaftswachstum geben. Mit Derivaten werden Börsenumsätze zum Wettgegenstand. Damit wird der Sinn der Börse pervertiert: Aktienhandel ist wie Pferdewetten. Da es keine Kontrolle über die Derivate gibt, sind die Beträge in diesem Bereich unbekannt, es gibt keine Statistik. Derivate sind ungedeckte Werte dafür wurde kein Gegenwert geschaffen. Das Problem ist, dass zwischen Geld kein Unterschied gemacht wird. Derivate sind parasitär, bringen gigantische Renditen. Geld fließt ab, das zur Leistung nichts beigetragen hat. Es entsteht Krebs am sozialen Organismus. Am Ende des wirtschaftlichen Prozesses braucht es eine Verständigung zwischen der Realwirtschaft und den Banken: Wo geht der Überschuss hin? Derzeit wird die Abschreibung von Werten völlig sinnlos vollzogen. Mit Bewusstsein könnte viel für die ökonomische Gesundheit gemacht werden. 3

4 Das Wesentliche ist, Mitverantwortung zu übernehmen. Die Wertbildung an Papieren, die real nicht gedeckt sind, verursacht tiefliegende Probleme. Die gegenwärtige Krise ist eine eindringliche Warnung. Es entsteht der Wunsch nach mehr Mut, diese Fragen anzugehen. Die Hauptänderung besteht darin, dass wir aktiv eintreten in die Verhältnisse. Was vertraut man wem an? Unternehmer warten passiv, ob ihr Kredit genehmigt wird. Das Paradigma Nur der Fitteste überlebt. muss abgelöst werden von: Nur durch Verständigung überleben wir. Schon jetzt gibt es Verständigung zwischen Kunden und Lieferanten, zwischen Regionen. Das muss ausgebaut werden. Wir müssen aus Einsicht handeln, nicht aus Schaden. Wie lernen wir, an die Gesundheit des sozialen Organismus, nicht nur an die Rendite, zu denken? Es gibt kein Universalrezept. Durch viele Reformen, Netzwerke, Verflechtungen werden neue Gestaltungen entstehen. Gespräch mit Udo Herrmannstorfer Die Bewertung von Gütern geschieht marxistisch gesehen aus den Kosten, marktwirtschaftlich aus dem Markt heraus. Veränderung durch Konsumentautonomie?: Der Konsument bestimmt den Wert des Gutes. Die Nachfrage nach Fair Trade Produkten und Bio-Produkten verändert das Angebot. Wenn Sie Äpfel kaufen, kaufen Sie die, die da liegen, nicht die, die sie nicht bekommen. Der 3. Weg liegt darin, die Lösung in Organen herbeizuführen das ist eine aktive Form, die Passivität zu überwinden. Heute fühlt sich der offizielle Konsumentenschutz als Kontrollor es gibt noch keine Kooperation. Ohne Konsumenten geht natürlich nichts, ohne Händler geht es aber auch nicht. Politik in Deutschland? In Deutschland gibt es zwei Haltungen: Entweder sehr liberal, oder sozialistisch. Wir brauchen andere Formen für die menschliche Zusammenarbeit. Die Genossenschaften sind leider in ihrer Entwicklung steckengeblieben. Ist die Politik überhaupt der richtige Ort für Veränderungen? Geht der Appell an uns? Wir reflektieren uns? Die Politiker schauen von oben dadurch entsteht Bürokratie. Die Alternative ist Selbstorganisation. Initiativen müssen bei der Politik anklopfen dann können neue Räume entstehen. Wäre ein negativer Zins die Lösung? Silvio Gesell war ein Vertreter dieser Lösung mit der Freigeldbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts in Tirol. Er wollte mit dem negativen Zins das Geld aktivieren. Ich persönlich meine, das Spargeld sollte abgezinst werden und aufgezinst um den 4

5 gesellschaftlichen Mehrwert, den es bringt damit würde der Zinseszins im Prozess abgeschafft werden. Verboten kann er ja nicht werden. Durch die Inflation entsteht eine automatische und damit ungesunde Abwertung. Hat Politik überhaupt noch den Einfluss, ökonomisch sinnvoll einzugreifen? Sind wir nicht eh schon unserer Eigenverantwortung überlassen? Z. B. gibt es die Empfehlung, sein Geld selber zu verwalten und keinen Banken oder anderen Institutionen zu überlassen. An der Selbstständigkeit, dem Wachwerden führt kein Weg vorbei. Aber allein ist es zuwenig es muss Zusammenschlüsse geben. ZB: Pensionskasse in der Schweiz: Vor 25 Jahren haben 5 Unternehmer beschlossen, für ihre betriebliche Pensionsvorsorge eine Stiftung zu gründen. Heute verwaltet diese Pensionskasse, die nur in nachhaltige und sozial vertretbare Bereiche investiert, 250 Mio. CHF. Dh.: 1. Ein einzelner muss was Neues wollen und 2. gemeinsam kann man was daraus machen. Sie sagen, Netzwerke, Kommunikation sind wesentlich. Erich Streissler, Ökonomieprofessor, sagte unlängst, der 8. Brand (=jetzige Finanz- und Wirtschaftskrise) seit??? muss gelöscht werden. Welche Interventionen bräuchte es? Neu ist, dass die Krise ein Ausmaß erreicht hat, dass ein Löschzug zu wenig ist. Die Ursache muss bekämpft werden. Wenn man Kindern Liebe predigt, lernen sie zu predigen, nicht zu lieben. Wenn es gelingt, Türen zu öffnen, damit Menschen, die initiativ sein wollen, es auch sein können, werden sie mit Liebe dabei sein. Wer nicht initiativ sein will, darf nicht jene behindern, die schon initiativ sein wollen. Heute ist es so, dass man Initiative genehmigen lassen muss. Wir müssen dahin kommen, dass zur Initiative ermutigt wird! Mit wie vielen Menschen kann man kommunizieren? Wie groß können Vergesellschaftungen sein? Es geht nicht um Vergesellschaftungen, sondern um das Engagement derer, die was anderes wollen. Unter Autonomen verstehen wir heute jene, die was kaputt machen wollen. Unter Autonomen sollten wir jene verstehen, die was Neues wollen. 3 bis 4 sind dafür zu wenige. Die Bedingungen eines Netzwerkes sind: - Niemand sitzt in der Mitte. (Die Probleme entstehen dann, wenn sich einer in die Mitte setzt.) - Ich pflege die Beziehungen, mit denen ich natürlich verbunden bin. 5

6 Das Finanzkapital hat sich verselbständigt und die Realwirtschaft in Geiselhaft genommen. Wie kann man die Banken zur Vernunft bringen? Ein starker Staat muss die Kontrolle über die Banken übernehmen. Warum ist der Staat hilflos? Der Finanzbereich hat überall Leute im staatlichen Bereich sitzen, hat Einfluss auf die Regierung. Sind da freundliche Gespräche zielführend? Welche Bedingungen müssen sich ändern, damit sich neue Entwicklungen ergeben können? ZB ist in der Schweiz privates Geldsammeln verboten worden das dürfen nur Banken machen. Positive Ansätze sind zb in der USA die großzügige Spendenabzugsfähigkeit, in Österreich die Sozialpartnerschaft. Ins Rechtsleben kann zweifach eingegriffen werden: 1. Per Facto: durch Vereinbarungen. 2. Per Gesetz. Die Schweizer Kantonalbank ist per Statut zur Gemeinnützigkeit verpflichtet. In der Praxis ist wenig Unterschied zu anderen Banken. Die Gemeinnützigkeit muss verteidigt werden! ZB könnte man mit seiner Hausbank vereinbaren, dass man die Verwendung der Liquidität, die man bei ihr hält, wöchentlich kontrollieren darf. Wichtig ist, ständig im Dialog zu blieben. Wir müssen lernen, die richtigen Fragen zu stellen! Wenn wir einen Paradigmenwechsel im Denken machen, müssen wir auch anderes Tun. Wie komme ich von einem anderen Bewusstsein zum Tun? Struktur und Verhalten bedingen einander. Andere Strukturen bewirken andere Prozesse. Anderes Denken bewirkt andere Strukturen. Ich kann nicht Ihr Verhalten erfinden. Es ist kein Modell von außen möglich. Der Prozess ist nicht ersetzbar. Seit??? hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt, im gleichen Zeitraum der Fischfang verfünffacht! Welchen Gaul reiten wir zuerst zu Tode? Frisst das Geld die Welt? Individuen müssen sich organisieren. Die Politiker wollen die Bevölkerung auf der Straße sehen dann erst können sie etwas ändern. Wie klar müssen wir Systemfehler machen? Soll die RaiffeisenAG in die RaiffeisenGenossenschaft umgewandelt werden? Professor Gehmacher spricht von anderen Kapitalarten (zb Sozialkapital), die wichtig wären. Das Sozialkapital zeigt: Was haben wir wirklich geleistet? Das CashFlow ist zu wenig. Früher haben Banken das Risiko nicht minimiert, sondern miteinkalkuliert. Das Risiko hat zum Leben dazugehört. Die Frage ist: Macht es Sinn, Eigenkapital und Fremdkapital so zu trennen, wie wir das heute machen? Was ist eine sinnvolle Verwendung von Überschüssen? Wenn die Abschreibungen der Banken sinnlos sind was wären sinnvolle Alternativen zur Abschreibung? Die große Blase entsteht durch viele kleine Blasen, die reale Geschäfte im Hintergrund hatten. Wenn wir auf die faulen Kredite schauen, wäre eine sinnvolle Abschreibung, die Schulden zu erlassen. Die Überbetonung des Profits führt in die falsche Richtung. Der Gewinn kann verschieden verwendet werden, zb: Preise können billiger gemacht, Steuern können gezahlt, Forschung und Gemeinnützigkeit finanziert werden. Die Einstellung muss sein: Das, was wir gemeinsam verdient haben, gehört nicht nur uns, sondern auch der Infrastruktur, usw... 6 Protokoll: Mag. Ulrike Cibulka

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