THE FOG OF WAR. Ideen und Anregungen für den Unterricht

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1 THE FOG OF WAR FILMHEFT Ideen und Anregungen für den Unterricht

2 Fog of Fog War of War Seite 2 Impressum Herausgeber: Kulturfiliale Gillner und Conrad, Vera Conrad, Schmellerstraße 26, München und Movienet Film GmbH, Rosenheimer Straße 52, München, ViSdP: Vera Conrad, Texte zum Film: Dr. Ulrich Steller, Texte zur methodisch-didaktischen Unterrichtsgestaltung: Karin Springer, Gestaltung: Thomas Kamm, Druck: Alle Materialien in diesem Heft dürfen für den Unterricht kopiert werden. Gedruckte Filmhefte können Sie anfordern bei Movienet Film GmbH, Rosenheimer Str. 52, München, Tel.: , Fax: , Bestellformular siehe Seite 49 Ansprechpartner: Michael Seidel. Die elektronische Fassung (pdf) steht unter zum Herunterladen bereit.

3 Fog of War Seite 3 VORWORT Der im Jahre 2004 mit dem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilm THE FOG OF WAR ist ein wichtiges Zeitdokument über den ehemaligen US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara. Offen und selbstkritisch reflektiert er über Kriege und Krisen, über Entscheidungen, die Hundertausenden von Menschen das Leben gekostet haben - vom Zweiten Weltkrieg bis hin zu Kuba und Vietnam. Packende historische Einsichten aus erster Hand und Zeitdokumente verbinden sich mit überlebenswichtigen Fragen zu den Herausforderungen von heute. Wenn es einen Film gibt, den sich die militärischen und zivilen Führer - und die Bürger der ganzen Welt - in diesen trügerischen historischen Zeiten ganz genau ansehen sollten, ist es THE FOG OF WAR. Stephen Holden, New York Times Die Kraft und Aussage von THE FOG OF WAR fordert zu einem intensiven Dialog und zum Weiterdenken heraus. Das Filmheft möchte Sie dabei unterstützen. Die vielseitigen Anregungen für die pädagogische Arbeit mit dem Film haben Werkstattcharakter. Blättern Sie, entdecken Sie und finden Sie heraus, was für Ihren Unterricht geeignet ist. Wir wünschen Ihnen und Ihren Schülern anregende Stunden im Kino und im Unterricht. Ihre Kulturfiliale Vera Conrad und die Autoren Karin Springer und Ulrich Steller Um eine Schulvorstellung zu buchen, wenden Sie sich bitte an Ihr Kino vor Ort.

4 Fog of War Seite 4 Fakten zum Film Regie: Errol Morris Musik: Philip Glass Kamera: Peter Donahue, Robert Chappell Schnitt: Karen Schmeer, Doug Abel, Chyld King Produzenten: Errol Morris, Michael Williams, Julie Ahlberg Besetzung: Robert S. McNamara, Errol Morris (Interviews) USA, 2003 Länge: 106 Minuten OmU (Originalfassung mit deutschen Untertiteln) Freigegeben ab 6 Jahren (beantragt) Auszeichnungen: Oscar 2004 als Bester Dokumentarfilm Deutscher Kinostart: 30. September Dokumentarische Grundlage: THE FOG OF WAR basiert auf neuen Interviews (aufgezeichnet 2001) mit dem früheren US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara. Ungeschnitten hat dieses Material eine Gesamtlänge von etwa 20 Stunden. Darüber hinaus verwendet THE FOG OF WAR viele historische Film- und Tonaufnahmen, die bisher nur selten vorgeführt wurden oder gesperrt waren. Zu ihnen gehören die erst kürzlich freigegebenen Telefon-Mitschnitte aus dem Weißen Haus. Diese einmaligen Quellen lassen McNamaras Rolle im Vietnamkrieg deutlich komplexer erscheinen als früher generell angenommen.

5 Fog of War Seite 5 Inhalt Viele der Aspekte, über die McNamara im Film spricht, sind für das, was heute vor sich geht, von Bedeutung und es entsteht dieses surreale Gefühl, dass sich nichts geändert hat. Regisseur Errol Morris Teil 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Inhalt des Films auf einen Blick Seite 6 Filmische Mittel 1: Die elf Lektionen Seite 8 Filmische Mittel 2: Das inszenierte Dokument Seite 10 Filmische Mittel 3: Menschen, Bilder, Emotionen Seite 12 Filmfachbegriffe Seite 14 Film-Memo Seite 16 Das Treffen bei Castro: Eine Sequenzanalyse Seite 18 Krieg und Frieden, oder: Was können wir lernen? Seite 19 Vietnam - ein amerikanisches Trauma Seite 21 Teil 2 Anregungen zur Unterrichtsgestaltung Fächerbezogene Anknüpfungspunkte des Films auf einen Blick Seite 22 Methodisch-didaktische Anregungen (Einleitung) Seite 27 Geschichte verstehen Vorbereitung auf den Filmbesuch Seite 28 Zentrale historische Ereignisse im Film Seite 30 Der Film als historische Quelle Seite 31 Historische Dokumentarfilme - ein Vergleich Seite 32 Selbst als Geschichtsforscher aktiv werden Seite 33 Aktuelle Bezüge in der Gegenwart entdecken Die Schlüsselfrage im Film Seite 34 Die Botschaft des Films Seite 35 Die Strategie der Rechtfertigung auf dem Prüfstand Seite 37 Aus der Geschichte lernen Den Film weiterdenken Seite 38 Demokratie gestalten Seite 39 Teil 3 Materialien Historischer Abriss: Der Krieg in Vietnam Seite 40 Historische Fakten und Personen Seite 41 Bestellformular Seite 49 Zum Weiterlesen - und Weiterschauen Seite 50

6 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 6 Inhalt des Films auf einen Blick THE FOG OF WAR ist der Rückblick eines Mannes mit einer faszinierenden, einzigartigen Lebensgeschichte. Jahrelang stand Robert S. McNamara im Zentrum der Macht - in dem blutigsten, kriegerischsten und gefährlichsten Jahrhundert, das die Menschheit bislang erlebt hat. Insbesondere war er als Verteidigungsminister von Anfang an für das Eingreifen der USA in Vietnam mitverantwortlich. Der Titel des Films verdankt sich einer englischen Redewendung: Im Krieg, so der Kern dieses Ausdrucks, hüllen sich die tatsächlichen Ereignisse in Nebel. Auch den Befehlshabern bleibt oft Wesentliches verborgen. Der Krieg zwingt sie ständig, folgenreiche Entscheidungen zu treffen; zugleich entzieht er ihnen die vernünftigen Grundlagen für ein verantwortliches Handeln. McNamara rechnet engagiert und schonungslos mit anderen und mit sich selbst ab. An keiner Stelle des Films inszeniert er sich als Held. Er analysiert tragische militärische Entscheidungen und Situationen, bei denen um Haaresbreite eine nukleare Eskalation abgewendet werden konnte. In detaillierten persönlichen Erinnerungen und aus der Sicht der Verantwortlichen lässt er die Bombenangriffe auf Japan im Zweiten Weltkrieg, die Kubakrise und den Beginn des Vietnamkriegs Revue passieren. Gerade weil McNamara eine so herausragende und umstrittene Rolle in so zentralen Konflikten des 20. Jahrhunderts gespielt hat, provozieren seine Thesen: In militärischen Dingen - und sie entscheiden über die Zukunft der Menschheit - müsse man Böses grundsätzlich in Kauf nehmen. Ob jemand als Kriegsverbrecher gilt, hänge daher wesentlich davon ab, wer den Krieg gewinnt. Die Menschheit steuere, vielleicht sogar unausweichlich, in eine Katastrophe. Denn die militärische Macht wächst, und jeder Fehler kann verhängnisvolle Folgen haben. Weltweit. Regisseur Errol Morris bebildert die Erzählungen, Argumente und Thesen McNamaras filmisch mit weitgehend unbekanntem Archivmaterial. So führt er die historischen Ereignisse in einer unverbrauchten Sichtweise vor, und als Zuschauer erleben wir auch bekannte Fakten noch einmal neu. Das macht uns bereit für eine Auseinandersetzung mit der harten Kost, die uns Robert S. McNamara zumutet. Wir entdecken in jeder Tageszeitung brandaktuelle Bezüge zu den gegenwärtigen Konflikten. Und der Nebel des Krieges, so könnte man paradoxerweise meinen, lichtet sich für einen Moment vor unseren privilegierten Augen.

7 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 7 Robert Strange McNamara: biografische Daten 1916 geboren in San Francisco, Kalifornien 1939 Abschluss und Lehrtätigkeit in Harvard (Wirtschaftswissenschaften); Oberstleutnant der US-Luftwaffe, organisiert B-29-Bomberstaffeln 1946 geht zur Ford Motor Company; ab 1957 im Vorstand 1960 November: Präsident der Ford Motor Company, Dezember: Verteidigungsminister unter John F. Kennedy 1961 unterstützt mit seinem Präsidenten die Invasion in der Schweinebucht 1962 Kubakrise; bereitet Luftangriffe und Einmarsch in Kuba vor 1963 nach Kennedys Tod wieder Verteidigungsminister unter Lyndon B. Johnson; leitet das stärkere militärische Eingreifen in Vietnam 1967 will Friedensverhandlungen für Vietnam einleiten 1968 verlässt das Pentagon und wird Präsident der Weltbank 1981 zieht sich ins Privatleben zurück, tritt ab sofort als Rüstungskritiker hervor 1995 veröffentlicht sein Memoirenbuch In Retrospect (Vietnam: das Trauma einer Weltmacht) 2001 gibt Errol Morris Interviews für den Film THE FOG OF WAR 11 Lektionen aus dem Leben des Robert S. McNamara - zusammengestellt von Errol Morris, der seinen Film nach dieser Abfolge aufgebaut hat: Versetze dich in deinen Feind (Empathize with your enemy) Vernunft wird uns nicht retten (Rationality will not save us) Es gibt etwas, das über uns steht (There s something beyond one s self) Maximiere deine Wirksamkeit (Maximize efficiency) Eine Richtlinie im Krieg sollte Verhältnismäßigkeit sein (Proportionality should be a guideline in war) Hol dir die Fakten (Get the data) Glauben und Sehen sind oft falsch (Belief and seeing are both often wrong) Sei bereit, deine Argumente nochmals zu überprüfen (Be prepared to reexamine your reasoning) Um Gutes zu tun, kann es notwendig sein, sich auf das Böse einzulassen (In order to do good, you may have to engage in evil) Sag niemals nie (Never say never) Du kannst die menschliche Natur nicht verändern (You can t change human nature)

8 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 8 Filmische Mittel 1: Die elf Lektionen Die strukturelle Grundlage von THE FOG OF WAR bilden elf Lektionen, die der Regisseur aus dem Leben McNamaras zieht. Sie erscheinen, einzeln herausgehoben, als Insert-Texte zwischen den Filmbildern; die meisten hören wir auch als wörtliche Zitate in den Interviews. Am Ende schließt sich der Kreis mit dem Gedanken aus Fehlern lernen, der den Einstieg bildete. Die Lektionen gliedern sich in fünf Feststellungen und sechs Aufforderungen. Inhaltlich sind sie recht unterschiedlich, ja sogar widersprüchlich. Die Spannungen treten noch deutlicher zutage, wenn man die Lektionen nach Feststellungen und Aufforderungen anordnet: Feststellungen Aufforderungen 2 Vernunft wird uns nicht retten 3 Es gibt etwas, das über uns steht 7 Glauben und Sehen sind oft falsch 9 Um Gutes zu tun, kann es notwendig sein, sich auf das Böse einzulassen 11 Du kannst die menschliche Natur nicht verändern 1 Versetze dich in deinen Feind 4 Maximiere deine Wirksamkeit 5 Eine Richtlinie im Krieg sollte Verhältnismäßigkeit sein 6 Hol dir die Fakten 8 Sei bereit, deine Argumente nochmals zu überprüfen 10 Sag niemals nie Die elf Sätze mögen uns vage vertraut, einige sogar populär erscheinen ( Never Say Never Again / Sag niemals nie ist beispielsweise der Titel eines James-Bond-Films von 1983). Doch die beeindruckende Lebensgeschichte und die Präsenz von Robert S. McNamara vor der Kamera verleiht den Maximen große Eindringlichkeit. Bereits seine ersten Worte machen klar, dass er von nichts Geringerem spricht als vom Überleben der Menschheit. Um so provozierender wirken die vielen Widersprüche zwischen den Lektionen: Versetze dich in deinen Gegner hinein, aber Rationalität wird uns nicht retten. Im Krieg musst du auch böse Mittel nutzen, aber beachte die Verhältnismäßigkeit. Du kannst die Natur des Menschen nicht ändern, aber sei bereit umzudenken, und sag niemals nie...

9 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 9 Weit davon entfernt, McNamaras Überzeugungskraft zu schmälern, funktionieren diese Spannungen als effizienter Motor des Films. Sie ziehen den Zuschauer ins Geschehen, sie aktivieren Einspruch oder Zustimmung. Gerade dieses Potential an Widerspruch bildet den roten Faden in THE FOG OF WAR. Dieser Film lässt sich nicht unbeteiligt konsumieren. An den Widersprüchen entlang suchen wir als Zuschauer, durch all die bewegenden und faszinierenden Bilder und Dokumente hindurch, unsere Orientierung. Nach dem Film nehmen wir das Bedürfnis mit, sie im aktuellen Leben zu finden. Fragen: q Lassen sich die elf Lektionen aus dem Leben McNamaras zusammenfassen - zu drei, zwei oder zu einer einzigen Kernaussage? Wie könnte eine solche Lektion aller Lektionen lauten? q Mit dem Epilog distanziert sich der Film behutsam von seinem Protagonisten. Welche unausgesprochene Lektion des Regisseurs steckt in diesem Schluss? q Was für andere Lösungen wären als Ende des Films denkbar, und welche Akzente würden sie setzen?

10 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 10 Filmische Mittel 2: Das inszenierte Dokument McNamaras Persönlichkeit steht für den Kern der starken und komplexen Wirkung, die dieser Film entfaltet. Seine Ausführungen haben höchsten dokumentarischen Wert. THE FOG OF WAR unterstützt die Überzeugungskraft McNamaras durch ein vielschichtiges Zusammenspiel von Wort und Bild, von Argumenten und Belegen. Unter den aufwändig zusammengestellten Bildern, Filmen, Tonaufnahmen sind etliche reizvolle Funde - beispielsweise eine Titelseite der Detroit Times mit Schlagzeilen zu John F. Kennedy (der neue Präsident), McNamara (wird Chef von Ford) und Richard Nixon (in Kalifornien geschlagen). Dokumente und Montagesequenzen verbinden sich mit den Interviewausschnitten nahtlos zu einer Einheit. In der Episode um den 27. Oktober 1962 hören wir Kennedy vom Tonband gleichsam wiederholen, was McNamara berichtet. Sorgsam ausgewählte Fotos zeigen die für die Handlung wichtigen Personen so, als wollten sie im Film mitspielen. Der notorische Falke LeMay dreht sich mit finsterem Gesichtsausdruck in Zeitlupe zur Kamera. Immer entsteht die Illusion, als seien wir im historischen Moment live dabei. Doch THE FOG OF WAR ist mehr als nur die Fortführung von McNamaras Worten mit filmischen Mitteln. Aus etwa 20 Stunden Originalinterviews kommen nur etwa 10 % zum Einsatz; Schnitt und Montage entscheiden außerdem, was der Zuschauer von diesem Material sieht oder nur hört. Die Gewichtung der persönlichen und historischen Themen sowie der Aufbau des Filmes zeigen die gestalterische Arbeit des Regisseurs und seines Teams. Auch die Lehrsätze, wenngleich sie großenteils aus Zitaten bestehen, sind in ihrer fertigen Form, Auswahl und Anordnung sein Werk. Dass der Film Position bezieht, zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der Schluss-Sequenz. McNamara spricht vom Nebel des Krieges - Vietnam sei zu komplex, und es sei gefährlich, wenn er mehr darüber sage. Während er sich auf diese Weise weiteren Fragen entzieht, sehen wir ihn nicht mehr im Studio, sondern beim Autofahren; seine Stimme kommt durchs Telefon. Am Ende entfernt er sich in Rückenansicht von der Kamera: eine behutsame Distanzierung auf Gegenseitigkeit. Fragen: q An welchen Stellen im Film spielt die Suche nach Rechtfertigung für das eigene Handeln eine Rolle? q Hat der Abgeordnete Recht, der McNamara einmal Mister Ich-habe-alle-Antworten nannte? q Was bedeutet es, dass in THE FOG OF WAR ausschließlich McNamara zu Wort kommt? q Welche anderen historischen Persönlichkeiten hätten etwas beizutragen - für oder gegen McNamaras Version der Geschichte?

11 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 11 Zu den Quellen THE FOG OF WAR ist kein Kompilationsfilm im engeren Sinn, präsentiert jedoch eine Fülle von unterschiedlichem Material. Hier eine Übersicht über die wichtigsten Kategorien: 1. Historisches Material Fotos: Familienfotos und andere historische Aufnahmen von Robert S. McNamara, aus dem Kabinett Kennedy, Luftaufnahmen Kuba, Oral-History-Treffen (1990er Jahre) u.a. Filmmaterial: Ende des Ersten Weltkriegs, Depressionszeit (1930er Jahre) in den USA, Zweiter Weltkrieg, Kubakrise, Vietnamkrieg u.a. Tondokumente: Telefongespräche (Kennedy, Johnson), Kennedy-Rede, Funkverkehr des Zerstörers u.a. Medien: Fernsehinterviews (CBS), Titelseiten von Zeitungen und Magazinen, militärisches Propagandamaterial, Kriegsberichterstattung, alte Animationssequenzen Originale: Lehrbücher, Statistiken (Bombenkrieg gegen Japan, Ford, Vietnam), Berichte; altes Radio, Tonbandgeräte u.a. 2. Pseudo-historisches (nachgedrehtes) Material Episode im Golf von Tongking, wenige Tage nach dem Ereignis gedreht: an Bord, Sonarexperten, Torpedo. 3. Neues Material Interviews mit Robert S. McNamara Filmaufnahmen: Autofahrt (Schluss-Sequenz), laufende Tonbänder u.a. Montage-Sequenzen: der japanische Bahnhof (Zeitlupe, Zeitraffer) Animierte Sequenzen: die Dominosteine auf der Landkarte Inserts: 11 Lehrsätze, Zwischentitel

12 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 12 Filmische Mittel 3: Menschen, Bilder, Emotionen THE FOG OF WAR enthält kreative Elemente, die dem Auftritt McNamaras und historischen Dokumenten neue Dimensionen hinzufügen. Musik, eigenständige Filmmontagen und Bilder mit Symbolfunktion schaffen ein Ganzes, das mehr ist als die Summe von historischen Fakten. Allem voran gibt die Musik den Ton an. Sie verbindet Sequenzen zu kleinen Erzählungen, hebt zentrale Passagen hervor und schafft Stimmungen. So wirken die alten Aufnahmen aus der Rüstungsfabrikation durch die neue Musik wie ein verfremdeter Stummfilm à la MODERN TIMES. Philip Glass kreisende, eindringliche Kompositionen mit ihren Minimal-Variationen führen das Getriebe der Kriegsvorbereitungen als unvermeidlich ablaufenden Mechanismus vor. Zugleich hebt der elegisch schwebende Charakter dieser Musik das Filmgeschehen in eine schicksalhafte Dimension, sie bewegt und provoziert - ein Verfahren, das der Komponist seit KOYAANISQATSI (1983; Regie: Godfrey Reggio) mit großem Erfolg einsetzt. Eine erkennbare Verwandtschaft zu diesem einflussreichen Kultfilm der 1980er Jahre zeigen auch die traumähnlichen Montagen, mit denen Morris McNamaras Erzählungen an einigen Stellen unterbricht und kommentiert. Wir sehen eine Menschenmenge in starkem Zeitraffer durch einen Bahnhof hasten. Überblendet wird das chaotische Pulsieren mit Bildern von Menschen, die sich in extremer Zeitlupe bewegen. Ergebnis ist eine surreale Verdichtung, die das zerbrechliche Individuum und die Zeit selbst sichtbar zu machen scheint. Das Dokumentarische schlägt an diesen Stellen um in reinen künstlerischen Ausdruck. Die Dominos Ein zentrales Bild des Films sind die Spielsteine. Plakativ über einer Landkarte Südostasiens aufgereiht, stehen sie sinnbildlich für die im Kalten Krieg entstandene Dominotheorie zur Ausbreitung des Kommunismus: Wenn ein Stein kippt, fallen alle. Großaufnahmen, Zeitlupe und hallende Aufschlaggeräusche unterstreichen die sprichwörtliche Notwendigkeit der Ereignisse. Der Blick zu ebener Erde an der Dominoreihe entlang öffnet durch geringe Schärfentiefe dramatisch den Raum, betont die Dimension des Geschehens und spielt auf die Unabsehbarkeit der Folgen an. Doch das Bild ist noch komplexer. Die Zeitlupe enthält bereits einen gegenläufigen Aspekt: Können wir das Fallen nicht verlangsamen, möglicherweise stoppen? In einer Sequenz laufen die Bilder dann tatsächlich rückwärts, wie schon einmal bei dem Torpedo, den es in Wirklichkeit nicht gab. Hier wird die ursächliche Verknüpfung selbst durchbrochen, der Blick wird frei für andere Möglichkeiten. Wissenschaftlich lässt sich McNamaras Frage Was-wäre-geschehen-wenn... nicht untermauern - als moralischer Denkanstoß ist sie legitim und wirkungsvoll. Die Dominos symbolisieren seinen Appell, über das Wirkliche, das Mögliche und das Notwendige nachzudenken und verantwortlich zu handeln. Die Rolle der Zahl Zahlen sind allgegenwärtig in THE FOG OF WAR. In allem, was McNamara tut, stützt er sich auf Zahlen und ihre Gesetze: bei der Auswahl der Besten für die Luftwaffe, bei der Analyse der Bombereinsätze, bei der Sanierung von Ford, bei den Unfallanalysen, als cleverer Verteidigungsminister und sicher

13 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 13 auch als Chef der Weltbank. McNamara glaubt an die Macht der Zahl. Abstraktion und Logik allein scheinen ihm optimale Effizienz zu garantieren - unabhängig davon, wie die konkrete Aufgabe lautet. Lehrsatz Nr. 6 fasst diesen Glauben an die Mathematik zusammen, denn Fakten holen bedeutet in erster Linie Daten beschaffen. Ein Symbol für dieses mathematische Erfassen der Welt ist die Lochkarten-Sortiermaschine, ein mechanischer Vorläufer der elektronischen Datenbanksysteme. Bezeichnend auch die optische Ähnlichkeit der vielen Statistiken, die der Film zeigt - die Methoden sind in allen Bereichen die gleichen. Besonders eindrucksvoll erscheint die führende Rolle der Mathematik im Bild der wie Bomben abgeworfenen Ziffern: Was zündet, ist die Zahl, und sie entfaltet vernichtende Sprengkraft. Der Wert des Individuums Doch Zahlen sind Platzhalter, und die statistische Methode beruht auf Abstraktion und Ersetzbarkeit. Die große Frage ist daher: Was geschieht mit dem Individuum? Fällt es nicht schon der Betrachtungsweise zum Opfer, bevor die erste Bombe einschlägt? Lehrsatz Nr. 5 will die Moral durch Verhältnismäßigkeit sichern. Aber McNamara fühlt sich mit dem Problem offensichtlich unwohl. Die Frage nach den Toten von Tokio kontert er mit der fiktiven Gegenfrage des Hardliners LeMay: Hätte er statt der japanischen Zivilisten seine Soldaten opfern sollen? In der Tat kreisen die Überlegungen des Pessimisten McNamara um die Warnung, dass der Krieg alle überrollt. Niemand, so zeigt THE FOG OF WAR für ihn, hält das Kriegsgeschehen unter Kontrolle, nicht einmal so mächtige Individuen wie John F. Kennedy. Von verhängnisvollen Fehlern ganz zu schweigen. Um so eindringlicher gerät McNamaras Appell an Moral und Verantwortung. Ein Widerspruch, aber ein sehr fruchtbarer - und vielleicht das Einzige, was uns retten kann. Fragen: q Welche Szenen sind mit Musik unterlegt? Wie lassen sich die Stimmungen beschreiben, die diese Musik hervorruft? q Der Filmbeginn zeigt Marinesoldaten, die Ferngläser aufs Meer richten. Welche Funktion haben diese Einstellungen? q McNamara verlangt, jede Erkenntnis zu prüfen (Lehrsatz Nr. 7). Bei welchen Themen hat er dies selbst beherzigt? Nachgefragt: nachgedreht! Golf von Tongking, Der vorgebliche Angriff auf zwei US-Schiffe markiert den Beginn des Vietnamkrieges. THE FOG OF WAR zeigt Material aus dem Nationalarchiv - Szenen, die das US-Militär kurz nach den Zwischenfällen nachgestellt hat. Auschwitz, Russische Soldaten befreien das Konzentrationslager. Tage danach befreien sie es erneut, vor laufenden Kameras. Bei Bagdad, Ein Spezialkommando rettet eine verletzte US-Soldatin. Die als Heldin heimgekehrte Jessica Lynch gibt wenig später bekannt, die Aktion sei in wesentlichen Teilen inszeniert gewesen.

14 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 14 Film-Fachbegriffe Animationsfilm Oberbegriff für Filme, die Gegenstände beleben oder erzeugen (umgangssprachlich Trickfilm ). Klassische Grundtechniken wie Zeichentrick, Legetrick und Puppentrick arbeiten mit Einzelbild-Schaltung. Heute spielen im A., wie bei der D Postproduktion, Computer eine große Rolle, und oft werden mehrere Techniken kombiniert. Bildausschnitt Sicht aufs Objekt ( Entfernung ) - die Auswahl reicht von Detail- und Naheinstellung über die Großaufnahme (Close-up) bis zur Totalen und Panoramaeinstellung; vgl. D Kamera-Standpunkt. Dokumentarfilm Filmische Darstellung, die Ausschnitte der geschichtlichen oder gegenwärtigen Realität abbildet oder untersucht. Akteure sind Menschen, Orte, Situationen, die mit der erzählten Geschichte übereinstimmen. Kritisch diskutiert wird die Authentizität im D. Einstellung 1. (Gedrehtes Material:) Einzelne Aufnahme, deren Kontinuität nicht unterbrochen ist; Grundeinheit für die Filmmontage. 2. (Kameraführung:) Oberbegriff für Bildausschnitt, Kamera-Standpunkt und -Bewegung. Essay-Film Dialektischer, meist nicht narrativer Film, der ein Thema subjektiv und in unterschiedlichen Ansätzen abhandelt. Der E. verwendet literarische Sprache, primär ist jedoch die Bildebene und die Verbindung Wort-Bild; oft wird dabei das Medium Film selbst reflektiert. Insert In den Film eingeschnittene (D Schnitt) wichtige Information. Realisiert wird das I. als reiner Text (Zwischentitel) oder durch Zeigen eines sinntragenden Gegenstands (meist Schlagzeile, Tagebucheintrag o. Ä.). Kamera-Standpunkt Position und Blickrichtung der Kamera, bezogen auf die als normal empfundene Horizontale. Beispiele: Vogelperspektive, Aufsicht, Augenhöhe, Untersicht, Froschperspektive. Kompilationsfilm Aus überwiegend fremdem Originalmaterial montierter Film (auch Archivfilm ). Der K. dient oft dazu, historische Ereignisse und ihre Darstellung aufzuarbeiten.

15 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 15 Montage Die ästhetische Seite des Schnitts - die theoretisch und ästhetisch begründete Anordnung der Einstellungen im Film. Schnitt und Montage werden auch oft gleich bedeutend verwendet. Postproduktion Die Herstellungsphase zwischen dem Ende der Dreharbeiten und dem Ziehen der Kinokopien. Zur P. gehören beispielsweise der Schnitt und umfangreiche Möglichkeiten der digitalen Nachbearbeitung (auch bei Sequenzen ohne offenkundige Spezialeffekte). Schärfentiefe 1. (= Schärfenbereich) Räumliche Tiefe des als scharf wahrnehmbaren Bildbereichs einer Einstellung (1), z. B. vor unscharfem Hintergrund. 2. (= Deep Focus; Stilmittel) Scharfe Darstellung des gesamten Bildbereichs, vom Vordergrund bis zum Hintergrund. Schnitt 1. (Projektion:) Harter Übergang zwischen zwei Einstellungen (1); das erste Bild von Einstellung B folgt direkt dem letzten Bild von Einstellung A, D Überblendung. 2. (Filmherstellung:) Arbeitsphase, in der das gedrehte Material ausgewählt und zusammengesetzt wird. Sequenz Eine Folge von inhaltlich zusammenhängenden D Einstellungen (1), die einen (mehr oder minder abgrenzbaren) Abschnitt innerhalb des Films bilden. Überblendung Kombination von Ab- und Aufblende, durch die ein sanfter Übergang zwischen zwei Einstellungen entsteht; vgl. D Schnitt. Voice-over Gesprochener Kommentar, der nachträglich über den Filmton gelegt wird. Zeitlupe Effekt eines langsameren, gedehnten Zeitablaufs. Zeitlupe erreicht man meist durch Überdrehen, d. h. Aufnahme mit mehr als den üblichen 24 Bildern pro Sekunde. Zeitraffer Effekt eines rascheren, gerafften Zeitablaufs. Zeitraffer erreicht man meist durch Unterdrehen, d. h. Aufnahme mit weniger als den üblichen 24 Bildern pro Sekunde. Zwischentitel Informationstext, der zwischen die Handlung eingeschnitten ist; s. D Insert.

16 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 16 Film-Memo GA = Großaufnahme, Ü = Überblendung(en), VO = Voice-over, ZL = Zeitlupe, ZR = Zeitraffer, ZT = Zwischentitel, HF = historische Filmaufnahme(n), HP = historische(s) Foto(s), HT = historische Tonaufnahme(n), McN = McNamara in historischen Aufnahmen, M = (Aussage von) McNamara heute, im Interview. Zeitangaben in Minuten:Sekunden. (00:00) Prolog McN vor Pressekonferenz, Marinesoldaten vor Einsatz. M: Ich weiß, was ich sagen will... Wir müssen aus Fehlern lernen. HF aus dem Flugzeug, Marinetruppen. HF: Kriegsszenen; Flugzeug wird abgeschossen. HF: CBS-Report McNamara und das Pentagon stellt McN vor. ZT: Inserts: HP von McN in den Medien, kontrovers kommentiert. HF: McN erklärt Kennedys Tafel mit den 13 Tagen der Kubakrise. (06:50) ZT: Lehrsatz Nr. 1: Versetze dich in deinen Feind Düstere Musik, Luftaufnahmen Kuba, Raketenverstecke. Historische Titelseiten zur Seeblockade. Laut CIA waren nukleare Sprengköpfe nicht installiert. HF: Mobilisierung. Gewaltiger Luftschlag geplant. HT: Kennedy: Was ist in den nächsten 24 Stunden zu tun? McN: Einsatzplan; Konsequenzen bedenken. M: Kennedy wollte Krieg verhindern... LeMay wollte Kuba ausradieren. HF (ZL): LeMay guckt finster. GA: Telexmaschine; die zwei Chruschtschow-Nachrichten. Berater Thompson rät, Chruschtschow einen Ausweg anzubieten, HF (ZL): Chruschtschow wettert. M: Klug handeln, sonst droht Vernichtung. Eine Rakete geht in Position. (14:35) ZT: Lehrsatz Nr. 2: Vernunft wird uns nicht retten M: Es war nur Glück. Menschen am Bahnhof, Ü aus ZR- und ZL-Aufnahmen. Erst 1992 erfährt M von den Sprengköpfen auf Kuba. HF: Jägerstaffel schießt Jet ab. M (VO): Kennedy sagte, wir haben gewonnen. HF: LeMay bei Flugparade. M: LeMay sagte, ausradieren sollten wir sie, (lacht bitter). HF: Raketenfabrik. HF: Die 100 Megatonnen-Bombe. M (VO): Was wollen wir im 21. Jahrhundert? HF: Feuerball erleuchtet Cockpit. ZT: HP: McN als Kind, HF: Jubelnde Menge. Wilson und der Krieg, der alle Kriege beendet. HF: Wilson, Grippeepidemie. HF (Fernsehinterview): McN ein arroganter Besserwisser? HF: Ausschreitungen in den 1930ern. M fasziniert vom Philosophieunterricht. (25:05) ZT: Lehrsatz Nr. 3: Es gibt etwas, das über uns steht Logik und Ethik, (Inserts:) Logik- und Ethiklehrbücher, M (VO): Es ging um höhere Werte, Verantwortung. HP: Studentenbilder, das junge Paar. HF: Rüstungsindustrie. HF: Statistiken, IBM-Sortiermaschine. HF: Angeschossener Bomber, hohe Verlustrate, Piloten hatten Angst. HF: Pilot rettet sich mit Schleudersitz. LeMay greift durch, HF: LeMay rauchend. Altes Radio, Roosevelt mobilisiert gegen Japan. (30:40) ZT: Lehrsatz Nr. 4: Maximiere deine Wirksamkeit HF: B-29-Bomber, die Landebahn in China; LeMay zählt nur die Treffer. HF: Bomben auf Japan - alter Animationsfilm; Bomberstaffeln starten Zivilisten sterben in Tokio. HF: Tokio brennt. M: Ich war Teil eines Mechanismus. Animation: Zahlen als Bomben. HP: Tokio aus der Luft; HF: Bombereinsatz; animiertes Foto. Die Brandbomben. HF: LeMay; Tokio brennt. (39:30) ZT: Lehrsatz Nr. 5: Eine Richtlinie im Krieg sollte Verhältnismäßigkeit sein Sind Brandbomben unmoralisch? Die 67 zerbombten japanischen Städte. Japanische Straßenszene,

17 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 17 Montage ZR & ZL. Gibt es Kriegsregeln? HF, ZL: LeMay geht durch die Landschaft. M: Wenn wir verloren hätten, wären wir jetzt Kriegsverbrecher (schaut 20 Sek. stumm in die Kamera). Dominos auf der Landkarte stürzen um. ZT: Tonband, Johnson - McN. Dominos fallen. Vietnam, eine schwierige Frage; erst über Ford sprechen. 1945, HF: Produktion bei Ford. (48:45) ZT: Lehrsatz Nr. 6: Hol dir die Fakten Marktforschung. HF: Ford-Werbefilme. Unfallstatistiken. Die Leute verpacken: Fall-Tests, der Sicherheitsgurt. McN wird Präsident von Ford; kurz darauf Verteidigungsminister. ZT: HT: McN empfiehlt Rückzug aus Vietnam. HF: Umsturz in Vietnam; HF (ZL): Kennedy stumm am Tisch, faltet die Hände. M berichtet, den Tränen nahe, wie er Kennedys Grabstätte aussuchte. HF: LBJs Ansprache als neuer Präsident. Tonband, LBJ bedrängt McN: kein Wort von Rückzug. HF: Goldwater im Wahlkampf: Wir führen Krieg. (65:17) ZT: Lehrsatz Nr. 7: Glauben und Sehen sind oft falsch Die Maddox im Golf von Tongking. HF: Torpedo startet, Funkverkehr, Verwirrung; Präsident unter Druck, US- Bombenangriffe, Resolution. HF: Torpedeo rückwärts - der Angriff fand nicht statt. Dominos fallen (ZL, GA). Wir sehen, was wir glauben wollen. HP: Luftaufnahmen. HF: Rolling Thunder. LBJ: Amerika gewinnt seine Kriege. Das Missverständnis Kalter Krieg - Unabhängigkeitskrieg. Das Treffen 1995 in Vietnam, HP: Thach, geballte Faust, mit McN am Tisch. (80:20:) ZT: Lehrsatz Nr. 8: Sei bereit, deine Argumente nochmals zu überprüfen Ü aus ZL und ZR: Straßenszene. Amerika sollte keine Alleingänge unternehmen - besser die Sache überdenken. HF: Nachrichtensprecher, Gefallenenstatistik. HP: Statistiken, Fotos von Toten, rasante Schnitte, düstere Musik. HF: McN erklärt Kampfhandlungen, fährt im Panzer. Was ist im Krieg moralisch? Beispiel Agent Orange. (85:08) ZT: Lehrsatz Nr. 9: Um Gutes zu tun, kann es notwendig sein, sich auf das Böse einzulassen Quaker Morrisons Selbstmord. Böses kann notwendig sein - aber nur ein Minimum. Krieg ist grausam. HP: Demonstrationen 1967, Marsch auf das Pentagon. HF: Demos, Handkamera. HP: McN als Kriegstreiber gebrandmarkt. (90:00) ZT: Lehrsatz Nr. 10: Sag niemals nie Beantworte nie die Frage, die gestellt wird, sondern die, die du dir wünschst. Vietnam wäre mit Kennedy anders verlaufen. HP: LBJ und McN. McN verlangt Kurswechsel, wird entlassen. HF: Ehrung, McN gerührt. Gefallenenliste (ZL und ZR), Vietnam-Memorial. Dominos richten sich auf (ZL) - was wäre, wenn...? (99:25) ZT: Lehrsatz Nr. 11: Du kannst die menschliche Natur nicht verändern ZL: M geht, VO: Alle militärischen Führer machen Fehler. HF: Soldaten im Einsatz. Der Dunst des Kriegs - wir begreifen den Krieg nicht. HF (ZL): MG-Schütze, VO: Vernunft hat Grenzen. HF: Bombe mit Aufschrift: Das ist nur der Anfang; Zitat Eliot: Wir kommen zurück und kennen den Platz zum ersten Mal. (102:10) ZT: Epilog M im Auto, GA: Ms Gesicht. Morris: Warum haben Sie sich nicht gegen den Krieg ausgesprochen? Empfinden Sie Schuld? M: Ich werde nichts mehr sagen. ZT: M leitete 1968 bis 1981 die Weltbank. Bis heute setzt er sich gegen Armut und Krankheit, für wirtschaftliche Entwicklung ein. Abspann.

18 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 18 Das Treffen bei Castro: Eine Sequenzanalyse Jeder senkrechte Strich ( ) bedeutet einen Schnitt zwischen zwei Einstellungen. Abkürzungen siehe S.16. Beschreibung (16:10) ZT: 1992 Flimmernde Fernsehbilder, ZL: Castro am Rednerpult in den 60ern, dazu M (VO): Erst im Januar 1992 erfuhr ich auf einer Konferenz von... Foto: M und Castro begrüßen sich 1992 in Havanna, dazu M (VO):... Castro, dass 162 atomare Raketenköpfe auf der Insel waren M (halbnah, zur Kamera): Ich... (5 Sek. stockend) traute meinen Ohren nicht, und Castro wurde wütend, weil ich sagte, beenden wir diese Konferenz, ich muss die Übersetzung missverstanden haben (Horizont leicht gekippt, Kamera fährt weiter heran) Herr Präsident, ich habe drei Fragen (zählt mit den Fingern): 1. Wussten Sie von den Gefechtsköpfen? 2. Wenn ja, hätten Sie Chruschtschow bei einem amerikanischen Angriff geraten, sie einzusetzen? 3. Wenn er sie eingesetzt hätte, was wäre aus Kuba geworden? 1 Sek. dunkles Bild M (nah): Er sagte 1. Ich wusste davon, 2. Ich hätte nicht - ich habe es ihm geraten (schnell) 3. Was aus Kuba geworden wäre? Es wäre komplett zerstört worden (Wegwisch-Geste; blickt 5 Sek. stumm in die Kamera; Kamera langsam wieder senkrecht); (zeigt mit den Fingern:) So nah dran waren wir. Morris (Off): Und das hätte er in Kauf genommen? M: Ja, und (beugt sich vor; Kamera zoomt kontinuierlich näher) er fügte an: Mr. McNamara, wenn Sie und Präsident Kennedy in einer ähnlichen Lage gewesen wären, hätten Sie dasselbe getan. Ich sagte (schüttelt den Kopf): Ich bete zu Gott, dass nicht - den Tempel über unseren Köpfen niederreißen? (GA - Sorgenstirn, Mund geöffnet:) Mein Gott! (17:45) Analyse Eine erschütternde Erkenntnis, wie nach dem Ritt über den gefrorenen Bodensee: Die CIA, Kennedy und sein Verteidigungsminister ahnten im Oktober 1962 nicht, wie knapp ein Atomkrieg tatsächlich bevorstand. McNamara erlebt sein Entsetzen bei Castros Enthüllung von 1992 im Interview noch einmal nach. Der souveräne Medienprofi wirkt kontrolliert, aber sehr persönlich. Sprechtempo, Gestik und Ausdrucksweise lassen seine Emotionen erkennen. Am Höhepunkt verwendet er religiöse Sprache und ein biblisches Bild: Simson im Tempel (Richter 16) - der in einer Art Selbstmord-Anschlag auf die Philister den Tempel einreißt. Obgleich McNamara im Mittelpunkt steht, dominieren filmische Dramaturgie und Gestaltung. Dabei unterstützt der Film den Erzähler klassisch, aber wirksam. Zwei Originalaufnahmen illustrieren seine Worte wie auf Knopfdruck; das Foto von 1992 erscheint präzise zum gesprochenen Stichwort Castro. McNamaras kleine Story präsentiert der Regisseur als Montage aus sieben teils recht kurzen Einstellungen. Durch Schnitte, langsame Fahrt und Zoom strebt die Kamera-Einstellung kontinuierlich von halbnah bis zur Großaufnahme des Gesichts. Das Bild ist ständig unmerklich in Bewegung. Für besondere Spannung sorgt die optische Dissonanz des kurzzeitig gekippten Horizonts - so wie die Zukunft der Welt in den schicksalhaften Tagen von 1962 buchstäblich auf der Kippe stand. In dieser kleinen Sequenz verdichtet sich die Absicht des ganzen Films: THE FOG OF WAR setzt uns dem Schock des Wissens aus.

19 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 19 Krieg und Frieden, oder: Was können wir lernen? Jeder Mensch macht Fehler. Moderne Massenvernichtungswaffen haben ein Zerstörungspotential, das erstmals mit einem Schlag die Menschheit auslöschen könnte. Wir müssen daher Fehler vermeiden lernen, bevor es zu spät ist - mit diesem Appell McNamaras beginnt THE FOG OF WAR. McNamara beruft sich auf seine Erfahrungen aus der Zeit des Kalten Krieges. Seine Einsichten jedoch basieren auf grundsätzlichen Gedanken und Überzeugungen. McNamara, der in mehreren Kriegen und Konflikten eine wichtige aktive Rolle gespielt hat, betrachtet Krieg als notwendiges Übel. Seine größte Sorge kleidet er in die Frage: Was wollen wir für das 21. Jahrhundert? McNamaras Darstellung historischer Fakten sollte, trotz seiner selbstkritischen Offenheit, geprüft und teilweise ergänzt werden. So erläutert er die Kubakrise, erwähnt aber dabei nicht die amerikanischen Raketen, die 1962 von der Türkei aus bereits auf die UdSSR gerichtet waren. Kennedy zog diese Raketen auf Verlangen Chruschtschows ab, um die Krise beizulegen. Eine Lehre daraus müsste lauten: Aggression zeugt Aggressionen. Die Friedensforschung untersucht seit langem, wie dieser Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen ist. Zu Recht nimmt Robert McNamara die verheerenden Gefahren des nuklearen Overkills ins Visier. Doch wenn die Natur des Menschen unwandelbar bleibt (Lehrsatz Nr. 11), wenn der Rüstungswettlauf eine unaufhaltsame Mechanik darstellt, bleibt für das Lernen wenig Raum. Größere Chancen bietet ein Blick auf Faktoren, die McNamara nicht anspricht. Dazu gehört die unheilvolle Verflechtung von Industrie, Wirtschaft und Krieg. Dazu gehören auch die ideologisch, nationalistisch oder religiös geprägten Weltbilder, die Konflikte schaffen oder schüren. Anders formuliert: Menschen sterben nicht nur durch militärische Fehler, sondern auch durch planmäßiges militärisches Vorgehen. Militärische Aktionen wurzeln in ökonomischen und sozialen Realitäten. Bei diesen Konfliktursachen sollte beginnen, was McNamara fordert - das Lernen.

20 TEIL 1 Filmanalyse und Materialien zum Film Seite 20 Fragen: q Wie entstehen nach Auffassung von McNamara Kriege? q Sind Kriege vermeidbar? Welche Antwort ergibt sich als Resümee aus THE FOG OF WAR? Welche Ansätze bietet die Friedensforschung? Nuklearmächte Die fünf offiziellen Atommächte sind die USA (bisher einziger militärischer Einsatz, 1945), Russland (seit 1949), Großbritannien (1952), Frankreich (1960) und China (1964). Hinzu kommt Indien (1974). Diese Staaten haben in Tests seit 1945 etwa Atombomben gezündet. Weitere Länder gelten als Schwellenmächte - darunter Argentinien, Brasilien, Israel, Nordkorea, Pakistan und Südafrika. Auch sie besitzen wahrscheinlich Kernwaffen. Quelle: http: / / archiv.greenpeace.de

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