Duale Hochschule Baden-Württemberg Karlsruhe

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1 Karlsruhe Duale Hochschule Baden-Württemberg Karlsruhe Stabilisierung der Europäischen Währungsunion und Implikationen für Private Geldanlage Das Dilemma von kurzfristiger vs. Langfristiger Anlagestrategie in der Euro-Krise aus der Sicht vermögender Privatkunden - Entwicklung eines Bewertungsmodells zur Krisenabwehr und eine zweigleisige empirische Analyse Betreuender Hochschullehrer: Prof. Dr. Steffen Rasch Studentische Teammitglieder: Julia Eckert Silke Schmid Frank Scholl Katja Wießler

2 Das Dilemma von kurzfristiger vs. langfristiger Anlagestrategie in der Euro-Krise aus der Sicht vermögender Privatkunden Entwicklung eines Bewertungsmodells zur Krisenabwehr und eine zweigleisige empirische Analyse

3 Inhaltsverzeichnis I. Abkürzungsverzeichnis... III II. Abbildungsverzeichnis... IV 1. Einleitung Motivation Ziel Idee Gang der Untersuchung Rahmenbedingungen Die Euro-Krise und ihre Auswirkungen Chronik der Euro-Krise Ursachen der Euro-Krise Mögliches Szenario: Abwertung des Euro Privatkunden Meinung der Privatanleger zur Euro-Krise Das Home-Bias Phänomen Berater Auswirkungen der Währungskrise für Privatanleger Status Quo Auswirkungen auf Vermögensstruktur der Privatkunden Renten Immobilien Aktien Rohstoffe Liquidität Simulation Abschließende Handlungsempfehlung Analyse der Vermögensstruktur vermögender Privatkunden Untersuchungsdesign Datenerhebung I

4 4.3. Auswertung der Datensätze Einteilung der Vermögensstruktur Länderallokation der Assets Darstellung des Musterportfolios Zwischenfazit Beraterbefragung- eine empirische Untersuchung Untersuchungsdesign Datenerhebung Die Auswertung der Befragung Zwischenfazit Fazit Zusammenfassung des Optimierungsansatzes Ergebnisse aus den empirischen Studien Raum für weitere Forschung Hinweise zur Implementierung in der Beratung vermögender Privatkunden III. Literaturverzeichnis... VI IV. Anhangsverzeichnis... XII V. Anhang... XIII II

5 I. Abkürzungsverzeichnis BIP DAX ESFS EU EWU EZB HVPI IG BCE ISIN IT IWF MSCI OECD OWR PIGS S&P WKN Bruttoinlandsprodukt Deutscher Aktienindex Europäisches Finanzaufsichtssystem Europäische Union Europäische Wirtschafts- und Währungsunion Europäische Zentralbank Harmonisierter Verbraucherpreisindex Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie International Securities Identification Number Informationstechnik Internationaler Währungsfonds Morgan Stanley Capital International Organisation for Economic Co-operation and Development Optimaler Währungsraum Portugal, Italien, Griechenland, Spanien Standard and Poors Corporation Wertpapierkennnummer III

6 II. Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Leistungsbilanzpositionen in % des BIP Euroraum... 8 Abbildung 2: langfristige Entwicklung des HVPI in Deutschland Abbildung 3: Gesamtschulden der Länder im Euro-Raum (in % des BIP) Abbildung 4: Verbraucherpreisindex Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke Abbildung 5: Rogers International Commodity Index und DAX Abbildung 6: Wechselkursentwicklung von EUR/USD, EUR/GBP und EUR/JPY Abbildung 7: Leitzinsen aus Euroland, USA, Japan und GB Abbildung 8: Ergebnis der Simulation Abbildung 9: Einteilung des Gesamtvermögens Abbildung 10: Länderallokation der Aktien- und Rentenposition Abbildung 11: Musterportfolio Gesamtvermögen Abbildung 12: Asseteinteilung nach Vermögen Abbildung 13: Wahrscheinlichkeit eines Eurozerfalls Abbildung 14: Wahrscheinlichkeit einer erhöhten Inflation Abbildung 15: Produktkenntnisse zur Währungsabsicherung Abbildung 16: Produktlösungen Abbildung 17: Anlage in Sachanlagen Abbildung 18: Fremdwährungen Abbildung 19: Vermutetes Absatzpotential Abbildung 20: Zeitraum des Eurozerfalls... LIV Abbildung 21: Bisherige Auseinanderstezung... LIV IV

7 Abbildung 22: Bereits erfolgte Beratung... LV Abbildung 23: Beratungsfähigkeiten... LV Abbildung 24: Bereitschaft zur Fortbildung... LV Abbildung 25: Komplexität von Produkten... LVI Abbildung 26: Altrer der Bankberater... LVI Abbildung 27: Beratungserfahrung... LVI V

8 1. Einleitung 1.1. Motivation Die Finanzkrise fand bislang in zwei Etappen statt: Zunächst als Bankenkrise 2008/2009 ausgelöst durch die Insolvenz von Lehman Brothers. Es folgte 2010 die Länderkrise von Island über Griechenland und Irland hin zu Portugal, ohne das hier schon ein Endpunkt markiert wäre. Für Privatanleger ergaben sich durch Kursrückgänge massive Vermögensverluste, die in der ersten Phase zu einer Umschichtung in Sicht-, Termin- und Spareinlagen führten. Die öffentlich von der Bundeskanzlerin ausgesprochene Garantie dieser Einlagen trug vermutlich zu dieser veränderten Vermögensallokation bei. Die Rettung der Banken wurde über massive Stützungsmaßnahmen angegangen, die letztlich die öffentliche Verschuldung drastisch erhöhten. Im Falle Irlands wurde gerade hierdurch in die zweite Phase übergeleitet. Diese Rettungsmaßnahmen für die von Zahlungsunfähigkeit bedrohten Staaten erhöhten die massive Verschuldung nochmals latent in bisher ungekanntem Umfang, teilweise indirekt finanziert über die EZB. Für den Privatanleger änderte sich die Bedrohungslage des Vermögens mit der zweiten Phase dahingehend, dass nunmehr auf Sicht mit Inflationsrisiken zu rechnen ist. Investments sind weniger von Ausfallrisiken als von latenter Entwertung betroffen. Die Umschichtung der ersten Phase wie oben skizziert ist auf Sicht gerade der falsche Ansatz. Die liquiden, sicheren, aber gering verzinsten Anlagemöglichkeiten werden in ihrer Kaufkraft von Inflation in relativ hohem Maße ausgehöhlt. Vermögende Privatkunden befinden sich damit in einem strategischen Dilemma. 1

9 1.2. Ziel In der hier vorgelegten Studie wird die Auflösung dieses Dilemmas versucht, indem eine optimierte Asset Allocation im Hinblick auf Sicherheit der Anlage bezüglich des Emittentenrisikos und Kaufkrafterhalt im Hinblick auf die Inflationsproblematik in der Eurozone gesucht wird. Die Perspektive ist hier diejenige vermögender Privatkunden in Deutschland. Retail Kunden steht mangels Vermögensmasse eine sinnvolle Asset Allocation nicht offen (von reinen Fondslösungen abgesehen). Gleichwohl erfordert eine solche Neuausrichtung der gesamten Vermögensstruktur die Begleitung durch qualifizierte Wertpapierberater. Insofern ist die Lösung des oben beschriebenen Dilemmas in der Umsetzung auf drei Ebenen vorzunehmen. Zunächst ist von der Asset Allocation her eine effiziente und an der besonderen Problematik optimierte Lösung zu zeigen. Die Akzeptanz auf Kundenseite ist aber von Problembewusstsein, Produktkenntnis und Zielsetzung abhängig. Auch wenn diese zweite Stufe genommen werden kann, bleibt die komplexe Umsetzung noch abhängig von der qualifizierten Beratung. Diese kann jedoch nur offeriert werden, wenn Wertpapierberater selbst eine mit den Kundeneinschätzungen korrespondierende Sichtweise der Krise besitzen und zudem Kenntnisse, Produktangebote und Eigeninteresse mitbringen Idee Die klassische Asset Allocation im Sinne der Diversifikation nach Markowitz greift für die Euro-Krise zu kurz, weil für die Problematik historische Korrelationen nicht vorliegen und daher die Portfolio Selection nicht zielführend spezifiziert werden kann. Der von uns vorgestellte Ansatz verwendet ein Szenario für die Fortsetzung der Euro-Krise, das auf bislang im Rahmen der Krise beobachteten Entwicklungen fußt. Dieses Szenario wird über eine Simulation zur Operationalisierung von Vermögensrisiken 2

10 herangezogen. Die Simulationsergebnisse lassen dann eine zielführende Umstrukturierung der Asset Allocation als Handlungsempfehlung erkennbar werden. Da es sich bei unserem Ansatz um eine teilweise Abkehr von der standardmäßigen Asset Allocation handelt und in der Konsequenz weitreichend Vermögensumschichtungen notwendig wären, sind die Akzeptanz und die Praxistauglichkeit des Ansatzes zu überprüfen. Dazu werden von uns zwei empirische Untersuchungen vorgenommen. Auf der einen Schiene wurde für die angesprochene Kundenklientel der vermögenden Privatkunden in Deutschland eine Datenerhebung durchgeführt, die die Vermögensstruktur als Ist-Zustand und damit das Gap zu der von uns optimierten Struktur in der Euro-Krise eruiert. Soweit die Diskrepanz zwischen Soll- und Ist-Beständen unüberbrückbar wäre, bliebe der Lösungsansatz ein Muster ohne Wert. Auf der zweiten Schiene war aber ebenso das Problembewusstsein, der Qualifikationsstand und die Bereitschaft auf der Beraterseite zu erheben, da tiefgreifende Strategieänderungen, wie hier angeboten, nur durch qualifizierte begleitende Beratung der Privatkunden realisierbar sind. Insofern erfolgt hier eine parallele Befragung Gang der Untersuchung Der Gang der Untersuchung führt im 2. Kapitel zunächst über die Rahmenbedingungen der weiteren Überlegungen zur Analyse der Euro- Krise. Hier wird der Stand der Forschung diskutiert. Es schließt sich ein Szenario an, das die Orientierungsbasis für die weiteren Überlegungen bildet. Im 3. Kapitel wird die Strukturanalyse der Vermögensallokation vorgenommen und die Simulation entsprechend dem in Kapitel 2 entwickelten Szenario durchgeführt. Hier ist der Home Bias zu diskutieren. 3

11 Die Ergebnisse münden in eine Handlungsempfehlung an Privatkunden im Hinblick auf die Vermögensbedrohung aus der Euro-Krise. Das 4. Kapitel enthält die eine der beiden empirischen Untersuchungen. Es werden die Interessenlage und das Problembewusstsein der Kundenseite eruiert. Dabei zeigt sich der Bedarf für die zuvor entwickelte Strategie. Im 5. Kapitel wird als zweite Schiene der empirischen Untersuchungen die Erhebung auf der Beraterseite dargelegt. Die erfragte Einschätzung der Krise und des Kundenpotentials sowie der eigenen Interessenlage durch die Berater erlaubt die Überprüfung der Realisierbarkeit der oben entwickelten Strategie. Das abschließende 6. Kapitel liefert im Rahmen eines Fazits neben einer Zusammenfassung auch Hinweise für die Implementierung der Strategie im Privatkundengeschäft sowie Ansatzpunkte für weitere Forschung. 2. Rahmenbedingungen Auf die Europäische Währungsunion wirken zahlreiche politische und wirtschaftliche Faktoren ein. Um die Rahmenbedingungen für die hier vorgenommene Untersuchung darzustellen, wird zunächst die Entstehung der Euro-Krise beschrieben. Im nächsten Schritt werden dann die Ursachen für die Euro-Krise dargestellt und anschließend das Worst-Case-Szenario aufgezeigt. Anschließend wird genauer auf vermögende Privatkunden und Bankberater eingegangen, auf denen der Fokus der zweigleisigen empirischen Untersuchung liegt. Explizit wird dabei auf das Phänomen des Home Bias eingegangen. Anschließend werden die veränderten Arbeitsbedingungen für Bankberater durch die Krise und die daran ausgerichtete Beratung beschrieben, wodurch die Praxistauglichkeit der Untersuchung aufgezeigt werden soll. 4

12 2.1. Die Euro Krise und ihre Auswirkungen Chronik der Euro-Krise Am 07. Februar 1992 wurde mit den Maastrichter Verträgen das Fundament für die Verwirklichung einer Europäischen Währungs- und Wirtschaftsunion gelegt. Darin beschloss der Europäische Rat, dass diese Union bis zum Jahre 1999 umgesetzt sein sollte, und einen Kriterienkatalog zur Sicherstellung der Stabilität der gemeinsamen Währung. Im Juni 1998 nahm die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main ihre Arbeit auf. Am 01. Januar 1999 wurde der Euro zunächst in elf Mitgliedsstaaten (Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Spanien, Portugal, Irland, Österreich und Finnland), welche die Konvergenzkriterien erfüllen, als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt, und drei Jahre später (Januar 2002) folgte er auch als Buchgeld. 1 Im Jahr 2001 trat Griechenland dem Euro bei, 2007 folgte Slowenien, 2008 Malta und Zypern, 2009 die Slowakei und im Jahr 2011 Estland. Somit nehmen derzeit 17 der 27 EU-Länder an der dritten Stufe der EWU teil und nutzen den Euro als Zahlungsmittel. Für die restlichen EU-Staaten besteht eine Verpflichtung der Währungsunion beizutreten, sobald sie die Konvergenzkriterien erfüllen. Dänemark und Großbritannien haben jedoch durch eine Opting-out-Klausel die Wahlfreiheit, ob sie bei Erfüllung der Konvergenzkriterien der Währungsunion beitreten wollen oder nicht. 2 Von der Stabilitäts- zur Transferunion Im Oktober 2009 revidierte die griechische Regierung die Staatsverschuldung drastisch nach oben, woraufhin die Bonität Griechenlands im Dezember von mehreren Ratingagenturen herabgesetzt wurde (S&P: auf BBB+). Dies führte zu einem hohen Risikoaufschlag auf griechische Staatsanleihen, bedingt durch Spekulationen auf eine griechische Zahlungsunfähigkeit, und ließ den Euro gegenüber dem Dollar 1 Vgl. Bundesfinanzministerium (2010) (online), o.s. 2 Vgl. Bundesbank (2010) (online), o.s. 5

13 stark abwerten. Trotz Sparmaßnahmen seitens Griechenlands musste die griechische Regierung im April 2010 nach einer Pressemitteilung von Eurostat, in der das griechische Defizit für 2009 erneut nach oben revidiert wurde, das internationale Hilfsprogramm beantragen. Der IWF, die EZB und die EU-Kommission vereinbarten mit Griechenland, dessen Bonität von S&P erneut herabgestuft wurde (auf BB+), ein dreijähriges Hilfsprogramm über 110 Milliarden Euro (80 Milliarden bereitgestellt von den Mitgliedern der Eurozone und 30 Milliarden aus dem IWF). Im Gegenzug verpflichtete sich Griechenland zu weiteren Konsolidierungsmaßnahmen. In den folgenden Monaten stiegen auch die Risikoaufschläge für die Staatsanleihen von Portugal, Irland und Spanien stark an. 3 Im Mai 2010 beschlossen die EU und der IWF ein 750-Milliarden-Paket, um den Euro zu stützen. Die Griechenland-Hilfe seitens Deutschlands wurde in Form des Währungsunion-Finanzstabilitätsgesetz verabschiedet, und bereits im selben Monat erhielt Griechenland die ersten Milliarden aus dem Rettungspaket. 4 Nach einer kurzen Zeit der Stabilisierung beantragte auch Irland im November 2010 Hilfe durch den Rettungsfonds, da es sich bei dem herrschenden credit spread nicht mehr tragbar refinanzieren konnte Ursachen der Euro-Krise Bereits in den frühen 1960er und 70er Jahren gab es die ersten Studien zum Thema Optimale Währungsräume. Insbesondere Mundell prägte den traditionellen Ansatz der Theorie mit seinem 1961 veröffentlichten Buch A Theory of Optimum Currency Areas. Mundell definierte einen optimalen Währungsraum folgendermaßen: [ ] the optimum currency is a region defined in terms of internal factor mobility and external factor mobility. 6 Zusammen mit Ingram, McKinnon und Kenen formulierte Mundell die 3 Vgl. Bundesfinanzministerium (2010) (online), o.s. 4 Vgl. Tagesschau (2010) (online), o.s. 5 Vgl. Krumrey et.al. (2010), S Mundell (1961), S

14 traditionelle OWR-Theorie mit den wichtigsten Charakteristika eines optimalen Währungsraumes: 1.) Preis- und Lohnflexibilität in und zwischen den einzelnen Ländern. 2.) Mobilität der Produktionsfaktoren, Arbeitskräfte eingeschlossen. 3.) Finanzmarktintegration. 4.) Wirtschaftliche Offenheit der Volkswirtschaften - je mehr Handel zwischen zwei Ländern erfolgt, desto eher stellen sie einen optimalen Währungsraum dar. 7 5.) Diversifizierung in Produktion und Konsum. 6.) Parallelität der Inflationsraten. 7.) Gleichgerichtete Wirtschafts- und Finanzpolitik der einzelnen Regierungen. Diese Kriterien müssen erfüllt sein, um sicherzustellen, dass die Wirtschaft Rezessionen und andere Schocks abfedern kann. 8 Stellt man den Vergleich von Euro-Zone und den USA als Währungsräume an, so ist keine ausreichende Arbeitskräftemobilität in Europa vorhanden. Die Arbeitsmobilität in den USA liegt etwa um den Faktor drei höher als in Europa, da in Europa Sprachbarrieren zu überwinden und größere Kulturanpassungen hinzunehmen sind. 9 Neben der mangelnden Arbeitskräftemobilität fehlt es im Euro-Raum laut Krugman auch an einer einheitlichen Wirtschafts- und Finanzpolitik, weshalb die Einführung des Euro seiner Meinung nach ein Fehler war. 10 Wie man in Abbildung 1 deutlich erkennt, haben auch die Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzsalden der Länder im Euroraum seit 1999 signifikant zugenommen. 7 Vgl. De Grauwe (2007), S.56f. 8 Vgl. Mongelli (2008), S.5f. 9 Vgl. Terlau (2004), S Vgl. Pickartz / Wettach / Fischer (2010), S.18. 7

15 Abb. 1: Leistungsbilanzpositionen in % des BIP Euroraum Quelle: OECD, Zahlen für 2009 und 2010 OECD-Schätzung Marsh äußerte in einem Interview, dass die Leistungsbilanzdefizite der südlichen Länder bereits seit Jahren auf enorme Ungleichgewichte hinweisen. Die fehlende gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik in der Euro-Zone führt zu einer sich ausweitenden Divergenz zwischen den europäischen Volkswirtschaften vor allem zwischen dem Süden und dem Norden. Die Finanzierung dieser Defizite lief lange Zeit über Banken. Das Problem hierbei ist, dass die südlichen Euroländer zusammen mit dem Euro den niedrigen Zins erhielten. Durch diese für sie günstige Möglichkeit der Kreditaufnahme, die nicht ihrer Bonität entsprach, stieg die Verschuldung stark an. Die Tatsache, dass die griechische oder die irische Bonität nicht der deutschen entspricht, wurde lange Zeit von den Märkten nicht zur Kenntnis genommen. Mit Ausbruch der Krise folgte jedoch eine plötzliche und sehr schnelle Anpassung. Das Ausgangsproblem ist, dass eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht am Anfang der 8

16 Währungsunion stand, sondern durch den Euro angestrebt wurde. Doch die Realität zeigt, dass dies bisher nicht funktioniert hat Mögliches Szenario: Abwertung des Euro Ansatz für ein Szenario ist die in der öffentlichen Diskussion vielfach geäußerte Befürchtung, dass aus der griechischen Krise sehr schnell eine Währungskrise und damit im letzten Schritt eine Europa-Krise entstehen wird. Die momentan im Euro-Raum herrschende Krise ist eine sehr ungewöhnliche Entwicklung, und ihre Bedeutung geht weit über ein konjunkturzyklisches Tief hinaus. Zuvor gab es noch keine vergleichbare Situation, in der eine derart ausgebreitete öffentliche Diskussion eine so beschleunigende Rolle gespielt hat wie in diesem Fall. Die Griechenland-Krise könnte somit noch schlimmere Auswirkungen mit sich bringen als die vorangegangene Finanzkrise der Banken. Manche gehen sogar soweit, sie als eine Krise des Kapitalismus in den Industrienationen zu sehen, welche eine Reform des gesamten Systems notwendig macht. Einer Problematik sollte auf jeden Fall Rechnung werden, bevor nach Anlagemöglichkeiten neben dem Euro gesucht wird: Sollte eine internationale Krise des Geldes kommen, so kann dies global negative Auswirkungen auf alle Vermögenswerte haben, weil sich viele Investoren von ihren Anlagen trennen müssen. 12 Entscheidend für die Konkretisierung der Krise ist die schon länger andauernde Diskussion, ob eine Inflation, sogar eine Hyperinflation oder aber eine Deflation droht. Daher sollte man bei Überlegungen der langfristigen Vermögensanlage einen Blick in die Vergangenheit werfen, um die möglichen Folgen von Wirtschafts- und Währungskrisen für die unterschiedlichen Vermögensklassen besser einschätzen zu können. 11 Vgl. Heumann (2010), S Vgl. Kutzer (2010), S.64. 9

17 Seit 1870 gab es im Laufe der deutschen Wirtschaftsentwicklung eine Reihe schwerer Krisen und Strukturbrüche, die erhebliche Auswirkungen auf das Vermögen von Privatkunden hatten. Vor allem die Hyperinflation und die Weltwirtschaftskrise erreichten für viele private Vermögen katastrophale Ausmaße. Die Hyperinflation entwertete bis zu ihrem Höhepunkt im Jahre 1923 alle Vermögensanteile, das nicht in Sachwerten investiert war. Die Weltwirtschaftskrise, verursacht durch den Börsenkrach an der Wall Street im Jahre 1929, führte zu einer Deflation, welche die Industrieproduktion bis zum Jahre 1932 halbierte und Aktien zwei Drittel ihres Wertes verlieren ließ. Das gesamte deutsche Bankwesen brach zusammen, und die Banken mussten für einige Tage geschlossen werden die Börsen sogar monatelang. Es folgte eine Phase der Hyperdeflation. Ein weiteres, noch aktuelles Beispiel für eine Wirtschafts- und Währungskrise ist Japan, wo der Aktienindex innerhalb der letzten 13 Jahre um 80 Prozent an Wert verloren hat. Auch die Immobilienpreise sind aufgrund der Deflationsspirale um mehr als 70 Prozent eingebrochen. Da jede Krise ihren eigenen wirtschaftlichen Hintergrund hat, kann man diese Krisen nicht analog auf die Euro-Problematik übertragen. Doch sie zeigen, dass die Märkte Zyklen unterliegen, die auch extreme Verläufe zeigen können. In den Worten von Galbraith: Es liegt in der Natur des Kapitalismus, dass es periodisch zu Ausbrüchen des Wahnsinns kommt. Welches Szenario vermögenden Privatkunden bevorsteht, ist nicht vorauszusagen. In Folge der Finanzmarktkrise haben zunächst die Deflationsrisiken enorm zugenommen, was jedoch die Zentralbanken konterkarierten, indem sie bewusst Inflationsrisiken eingingen. Somit ist mittelfristig in den Industrienationen mit erhöhten Inflationsraten zu rechnen, wobei jedoch auch ein deflationärer Schock nicht ganz ausgeschlossen werden kann Vgl. Müller (2010), S

18 Im Folgenden werden einige aktuelle wirtschaftliche Entwicklungen dargelegt, welche in der Vergangenheit Indikatoren einer erhöhten Inflation waren. Verschuldung der Staaten im Euro-Raum: Die Inflationsrate auf Grundlage des HVPI lag im Dezember 2010 bei 1,852 % in Deutschland und somit knapp unter der Marke von 2 %, welche die EZB zur Verfolgung des Ziels Preisstabilität im Euro-Währungsgebiet anpeilt (siehe Abbildung 2). 14 Abb. 2: langfristige Entwicklung des HVPI in Deutschland Quelle: Global-rates, online. Somit war in den letzten Jahren in Deutschland die Inflation kein vorrangiges Thema. Jedoch haben die Euro-Länder in den vergangenen Jahren sehr hohe Schulden angehäuft, was man in Abbildung 3 erkennen kann. 14 Vgl. EZB (2011), S

19 Gesamtschulden der Länder des Euro- Raumes (in % des (Prognose) BIP) Maastricht- Grenzwert: 60 Belgien 84,2 89,6 96,2 99,0 100,9 Deutschland 64,9 66,3 73,4 78,8 81,6 Estland 3,7 4,6 7,2 9,6 12,4 Finnland 35,2 34,1 43,8 50,5 54,9 Frankreich 63,8 67,5 78,1 83,6 88,6 Griechenland 99,2 115,1 126,8 124,9 133,9 Irland 25,0 44,3 65,5 77,3 87,3 Italien 103,6 106,3 116,0 118,2 118,9 Luxemburg 6,7 13,6 14, ,6 Malta 61,7 63,1 68,6 71,5 72,5 Niederlande 45,3 58,2 60,8 66,3 69,6 Österreich 59,3 62,5 67,5 70,2 72,9 Portugal 62,7 65,3 76,1 85,8 91,1 Slowakei 29,6 27,8 35,4 40,8 44,0 Slowenien 23,4 22,5 35,4 41,6 45,4 Spanien 36,1 39,8 53,2 64,9 72,5 Zypern 58,3 48,3 58,0 62,3 67,5 Abb. 3: Gesamtschulden der Länder im Euro-Raum (in % des BIP) Quelle: EU-Kommission, Eurostat Beispielsweise geht die EU-Kommission davon aus, dass im Jahr 2011 die griechische Staatsverschuldung auf 133,9% des BIP steigen und auch Italien einen Schuldenstand von 118,9% des BIP erreichen wird. Die EU- Kommission prognostiziert daher, dass im Jahr 2011 nur fünf Länder 12

20 (Estland, Finnland, Luxemburg, Slowakei, Slowenien) die 60-Prozent- Grenze der Maastrichter Verträge einhalten werden. 15 Der Weg, über Neuverschuldung Wachstum und Wohlstand zu erreichen hat in den letzten Jahren noch zu keiner enormen Inflation geführt, jedoch zu einer Verschuldung der Länder der westlichen Welt in einem Ausmaß, als hätten sie erneut Krieg geführt. 16 Wirft man nun einen Blick zurück in die Wirtschaftsgeschichte, so sieht man, dass die zwei bedeutenden Währungskrisen in Deutschland 1923 und 1945 durch die hohe Verschuldung aufgrund der beiden Weltkriege ausgelöst wurden. Nach dem ersten Weltkrieg wurden die Schulden durch die große Inflation beseitigt, 1948 durch eine Währungsreform ( Allgemeines Kriegsfolgegesetz 1958), die wie eine Inflation ebenfalls einen Vermögensentzug bewirkte. Die planmäßige Tilgung der deutschen Staatsschulden würde bei dem derzeitigen Ausgabeverhalten der Regierung ca. 40 Jahre lang dauern. 17 Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise: Mayer äußerte in einem Interview, dass er aufgrund des von den Rohstoffund Nahrungsmittelmärkten kommenden Preisdruckes für das Jahr 2011 durchaus mit einer höheren Inflationsrate rechnet. Sollten die Preise auf den genannten Märkten weiterhin steigen und auch von der Lohnseite her weiterer Druck hinzukommen, so könnte im Jahr 2012 Inflation zu einem Risiko werden. (siehe Abbildungen 4 und 5) Vgl. European Commission (2010), S. 186ff. 16 Vgl. Biedenkopf (2006), S Vgl. Wanner (2010), S Vgl. Mayer (2011), S.2. 13

21 Abb. 4: Verbraucherpreisindex Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke Quelle: Destatis Abb. 5: Rogers International Commodity Index und DAX Quelle: Erstellt mit Chartanalysetool von godmode-trader.de Gemäß einer Markit-Umfrage stiegen auch die Einkaufspreise der Unternehmen im Januar 2011 so stark wie noch nie seit Umfragebeginn im April Die höheren Einkaufspreise wurden zwar nicht in vollem 14

22 Umfang an die Kunden weitergegeben, jedoch hoben insbesondere die Industriefirmen ihre Verkaufspreise enorm an. 19 Tarifverhandlungen / Lohnerhöhungen Bei der momentan sehr erfolgreichen Lage der deutschen Unternehmen standen bei den Tarifverhandlungen ab Februar 2011 Forderungen nach Lohnerhöhungen der Gewerkschaften an. Den Start in die Verhandlungen stellte ein Tarifkompromiss zwischen IG Metall und Volkswagen dar. In dem 16-monatigen Tarifvertrag wurde für die ca Beschäftigten der Volkswagen AG eine dauerhafte Entgelterhöhung von 3,2 % ab 01. Mai 2011 und eine Einmalzahlung in Höhe von 1 % des Jahresentgeltes (min. 500 ) vereinbart. 20 Auch die Gewerkschaft IG BCE forderte für die Beschäftigten der Chemie- Industrie Lohnerhöhungen von 7 % für das Jahr Bei dem Produktionsplus von 11 % im Jahr zuvor und den guten Perspektiven wollten die Arbeitnehmer /-innen nach den Einschnitten in der Krise nunmehr am Aufschwung teilhaben. 21 Die steigenden Preise für Rohstoffe auf dem Weltmarkt und die steigenden Lohnkosten in Deutschland können Auslöser einer Kostendruckinflation bzw. einer Lohndruckinflation sein. 22 Es käme zur Lohn-Preis-Spirale, wenn die nominalen Lohnerhöhungen auf die Güterpreise übergewälzt werden. Dies ist vor allem in einem wirtschaftlichen Aufschwung wie in Deutschland momentan leicht durchzusetzen. Die höheren Löhne wären somit schnell wieder so wenig wert wie vor den Lohnerhöhungen, und es wird ein weiterer Teuerungsausgleich gefordert Vgl. Markit (2011), S. 1f. 20 Vgl. IG-Metall (2011) (online), o.s. 21 Vgl. IG BCE (2011) (online), o.s. 22 Vgl. Wildmann (2007), S Vgl. Beck (2008), S

23 2.2. Privatkunden Meinung der Privatanleger zur Euro-Krise In der momentanen Situation gibt es zwei Alternativen für Privatanleger: sie können entweder abwarten und zuschauen, also eine passive Rolle einnehmen, oder aktiv ihr Portfolio neu diversifizieren. 24 Schlössler hat beobachtet, dass vor allem seit der Lehman-Insolvenz die meisten Depots sehr sicherheitsorientiert strukturiert sind. Dies birgt die Gefahr, dass Chancen nicht genutzt werden. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass zu wenig Risiko in bestimmten Fällen genauso zu Vermögensverlusten führen kann wie zu viel Wagemut. So nimmt die Kaufkraft von Anlagen auf Sparbüchern oder Festgeldern bei dem derzeit sehr niedrigen Zins bereits bei der vorhandenen Inflation ab. Bei einem geringen Anstieg der Inflation wird der Kaufkraftverlust weiter verstärkt. Andere vermeintlich sichere Investments wie z.b. Staatsanleihen verlieren zumindest temporär stark an Wert, wenn der Leitzins angehoben wird. 25 Die im Auftrag der Postbank erstellte Allensbach-Studie zeigt auf, dass die Bürger zunehmend eine Investition in Gold für sicherer halten als die traditionellen Anlagen (wie z.b. Lebensversicherungen oder Sparbriefe). Gold wird von 30 Prozent (im Vorjahr 26 Prozent) der Berufstätigen als eine besonders sichere Altersvorsorge angesehen. Von allen Berufstätigen, die eine Verstärkung für ihre Altersvorsorge suchen, planen 8 Prozent einen Kauf von Goldbarren und -münzen. Gold und Aktien werden immer stärker als Schutz vor Inflation wahrgenommen, als Konstante sozusagen, welche den schleichenden Wertverlust des Geldes versichert. 26 Eine repräsentative Meinungsumfrage von FORSA im Auftrag des Finanzdienstleisters AWD zeigt auf, dass die anhaltende Krise im Euro- 24 Vgl. Kutzer (2010), S Vgl. Castner (2010), S Vgl. Doll / Hajek (2010), S

24 Raum bei der deutschen Bevölkerung eine große Beunruhigung in Hinblick auf das Jahr 2011 auslöst. 45 % der Befragten gaben an, dass die momentane Situation des Euro ihnen 2011 die meisten Bedenken bereitet. Somit liegt die Euro-Krise vor der Sorge über einen kommenden Wirtschaftsabschwung in Deutschland (40 %) und vor Ängsten über persönliche finanzielle Verluste (33 %) auf dem ersten Platz. Auffällig ist, dass die Sorgen um den Euro im Westen der Bundesrepublik Deutschland mit 46% weitaus größer sind als im Osten mit 40 %. Am weitesten verbreitet ist die Sorge über die Euro-Krise bei den Menschen, die ein Haushaltsnettoeinkommen zwischen 1000 und 2000 Euro haben. Weitere durch die Euro-Krise ausgelöste Befürchtungen sind die Ängste um Vermögen, das für die Altersvorsorge angelegt wurde Das Home-Bias Phänomen Home bias, Home country bias oder international diversification puzzle werden in der Literatur synonym verwendet für die Neigung von Investoren, ihr Geld in nationale Aktienmärkte zu investieren, anstatt das Portfolio international zu diversifizieren. Diese Affinität muss nicht in jedem Falle nur den nationalen Heimatmarkt betreffen, sondern kann auch regionaler Natur sein. Einige Untersuchungen, kommen hier zu dem Schluss, dass die internationale Diversifikation häufig nicht in ausreichendem Maße genutzt wird. 28 Erstmals zeigten French/Poterba im Jahre 1991, dass sowohl private als auch institutionelle Anleger nicht gemäß der klassischen Finanzmarkttheorie handeln, sondern Aktien des eigenen Landes bevorzugen. Ihre Untersuchung bestätigte, dass in den USA 92,2 %, in Japan 95,7 %, in Großbritannien 92 %, in Frankreich 89,4 % und in Deutschland 79 % der Aktien im Besitz von Inländern waren. 29 Weitere Untersuchungen, die sich demselben Thema widmeten, finden sich bei Coval/Moskowitz (1999) und 27 Vgl. FORSA-Umfrage (2010) (online), o.s. 28 Vgl. Kottke (2005), S Vgl. Jungermann (2006), S.1. 17

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