China: Probleme zwischen Öffnung und Tradition Gisela Mahlmann. Chinas neue politische Offenheit

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1 China: Probleme zwischen Öffnung und Tradition Gisela Mahlmann Chinas neue politische Offenheit 10. Volkskongress im März 2003: Es war das größte politische Stühlerücken seit Beginn der Reformpolitik Deng Xiaopings 1978: Auch die Zusammensetzung des Volkskongresses gestaltete sich neu, von den knapp 3000 Delegierten sind 2100 neu gewählt und kamen zum ersten Mal viele sind Regierungsbeamte und Funktionäre in Städten oder Kreisen; 55 von 3000 Abgeordneten sind Privatunternehmer. Die eigentliche Parlamentsarbeit macht der Ständige Ausschuss, der das ganze Jahr tagt. Die Mehrzahl der Ministerposten wurde neu besetzt. Die neue Führung die Vierten Generation hat noch ein unscharfes Profil. Respekt vor Jiang ist noch das Motto, das heißt den bisherigen Kurs von Parteichef und Präsident Jiang Zemin und Ministerpräsident Zhu Rongji vorerst weiterverfolgen und erst allmählich den Kurs eventuell ändern. Offenheit: Vor dem Volkskongress und auch vor dem Parteitag im November 2002 gab es Stimmen innerhalb der Partei, die mehr innerparteiliche Demokratie fordern. Z.B. forderte Maos Privatsekretär Li Rui: (86 Jahre alt): Kontrollfunktion der Blockparteien im Beratergremium der Konsultativkonferenz Ausweitung von direkten Wahlen über die Dorfwahlen hinaus Demokratisierung innerhalb der KP Demokratische Organisation in den Verwaltungen, (Pilotprojekt Shenzhen weiter ausbauen) Mehr Pressefreiheit Dass solche Stimmen sich überhaupt trauen zu erheben, dass darüber in Medien diskutiert wird, ist ein Zeichen für eine langsam zunehmende Offenheit und Kritikfähigkeit. Präsident und Parteivorsitzender Jiang Zemin wird von Hu Jintao abgelöst, bleibt aber Oberbefehlshaber der Armee und Vorsitzender der Militärkommission, von dort wird er, wie einst Deng Xiaoping, noch lange die Fäden in der Hand zu behalten versuchen. Dass überall veröffentlicht wurde, dass fast 300 Abgeordnete Jiang Zemin nicht gewählt haben, ist auch ein Beispiel für die wachsende Offenheit und auch den zunehmenden Mut Meinungen offen zu sagen. Früher wurden Enthaltungen oder Neinstimmen in den offiziellen Medienberichten selten oder nur ganz versteckt erwähnt. Premier Zhu Rongji (74) wird durch Wen Jiabao (60) abgelöst (Altersgründe). Wen Jiabao Geologe, seit 1998 Vizepremier mit Gewicht auf Finanzen und Landwirtschaft, gilt als sanft. In den 80er Jahren war er Anhänger von Zhao Ziyang. Er ist der Einzige aus dem engen Umfeld von Ministerpräsident Zhao Ziyang, welcher während der Studentendemonstrationen 1989 abgesetzt wurde, der diese Säuberungen überstanden hat, und im engsten Führungskreis geblieben ist. Li Peng, früherer Ministerpräsident, Nachfolger von Zhao Ziyang 1989, später Vorsitzender des Volkskongresses, tritt in den Ruhestand, damit verlässt der letzte Politiker, der aktiv am Einsatz der Volksbefreiungsarmee gegen die Studentendemonstrationen 1989 beteiligt war, die Führung. Ihm weint keiner nach. Er gilt wie kaum ein anderer Politiker als jemand der gut für seine Familie gesorgt habe, Nepotismus und Korruption werden ihm angelastet. Nachfolger als Parlamentspräsident wird der stellvertretende Ministerpräsident Wu Bangguo.

2 Ministerpräsident Zhu Rongji hat China an die Börsen geführt, und die chinesische Wirtschaft an der Asienkrise gut vorbeigeschifft sowie das Land in die WTO geleitet. Unter ihm wurde China zum wirtschaftlichen Superstar ( New York Times) Die Währungsreserven wurden innerhalb seiner 10 Jahre verdreizehnfacht auf 286 Milliarden USD, die Anzahl der Telefone (421 Mio. Handys oder Festnetzanschlüsse) verfünffacht, das Autobahnnetz wurde in seiner Dekade von 4771 km auf km ausgebaut. China war 2002 größter Empfänger ausländischer Direktinvestitionen. Heute sind drei Wochen Urlaub im Jahr die Norm, ( vor zehn Jahren waren es noch je drei Tage zusätzlich zum 1. Mai, 1. Oktober und fünf Tage zum Frühlingsfest). Viele der alten Staatsbetriebe wurden unter Zhu zu Aktiengesellschaften umgewandelt. Die Veränderungen im Alltag und im Konsum sind innerhalb der letzten Dekade riesig. Dafür nur einige Beispiele: die internationalen Ketten wie Starbucks-Cafes gibt es selbst in der Verbotenen Stadt, McDonald's Filialen sind in jeder chinesischen Stadt zu finden etc. Die Generation des neuen Mittelstandes orientiert sich an den internationalen Markenprodukten. Aber es entsteht auch eine kulturpolitische Kontroverse, über die chinesische Identität. Wohnungssituation: Früher versorgte die Arbeitseinheit die Mitarbeiter mit sehr billigem Wohnraum es war unwirtschaftlich, und keiner kümmerte sich um den Gesamtzustand. Jetzt wird der Kauf von Privatwohnungen gefördert, die Betriebswohnungen wurden an die Mitarbeiter verkauft, damit werden Verantwortung für den Privatbesitz, besserer Unterhalt der Wohnungen sowie die Flexibilität den Arbeitsplatz zu wechseln gefördert und die Betriebe von dem teuren Unterhalt von Wohnungen entlastet.- Privater Wohnungsbau in der Nähe der Grossen Mauer: Ein Dutzend Architekten Asiens versuchen dort zu zeigen, wie man in China wohnen könnte. Die taz vom meldet: Wohnen wird in China mehr, als nur ein Dach über dem Kopf zu haben, IKEA z.b. hat großen Zulauf. Beispiel für mehr Offenheit: Reisen Privatreisen in Gruppen ist nun ins Ausland möglich. Die Deutsche Zentrale für Tourismus rechnet mit chinesischen Gästen für 2003, das ist eine Verdoppelung gegenüber Bis 2020 rechnet man mit jährlich 100 Millionen chinesischen Auslandsreisenden reisten 2,65 Millionen Chinesen ins Ausland. Die Vergabe der Olympischen Spiele an Peking 2008 und der Weltausstellung an Shanghai, zeugen vom Respekt und vom Zutrauen der Welt in Chinas wirtschaftliche erfolgreiche Entwicklung und in eine langsame Demokratisierung. Die Bilder, die viele von China noch im Kopf haben stimmen nicht mehr, nicht nur die Städte verändern sich rapide, sondern auch die Lebensform der nächsten Generation. Mut zu Kritik Die Menschen trauen sich immer häufiger gegen Polizeiübergriffe vorzugehen: Beispiel aus der SZ vom :

3 Fall in Yenan: Auf Anzeige von Nachbarn, ein Paar hätte pornografische Videos, stürmt die Polizei nachts das Haus, nimmt den Videorecorder mit und verhaftet den Mann, schlägt ihn. Der Polizeichef: Wenn ich jemanden zu Tode prügele, dann nehme ich das auf meine Kappe. Der Beschuldigte wird gegen Zahlung von 1000 RMB ( etwa 125 Euro, etwa 50% des Monatslohns eines Arbeiters oder Angestellten in einer mittleren Stadt) freigelassen, ein halbes Jahr später aber wieder verhaftet wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt beim ersten Mal. Doch die Staatsanwaltschaft folgt nicht der Anklage der Polizei, der Polizeichef wird vorübergehend entlassen, der Beschuldigte freigesprochen. Der Verlauf dieses Verfahrens ist ein Zeichen für die Macht der Medien, die über solche Fälle inzwischen offen berichten. Die Ehefrau des Verhafteten hatte eine Zeitung für den Fall interessiert. Die Polizei steht im Verdacht die Privatsphäre von zwei Bürgern zu verletzen, war dann der Tenor des Berichtes. Auch das ist neu, dass Privatsphäre überhaupt anerkannt wird. aber, nach der zweiten Haft ist der Häftling psychisch gebrochen spricht nicht mehr, ist apathisch. Die zarte Pflanze Mut zu Kritik und Offenheit wird aber immer wieder am Wachsen gehindert wie andere Beispiele zeigen: FAZ: Mehr als 100 Intellektuelle hatten in einem offenen Brief an den 16. Parteitag eine Neubewertung der Ereignisse von 1989 gefordert. Inzwischen sind bereits sieben von ihnen verhaftet. Arbeiterführer aus Liaoning die gegen Entlassungen und Lohnausstand sowie gegen Korruption der Fabrikfunktionäre demonstrierten wurden verhaftet. Wer sich zu häufig beschwert, kann in Administrativhaft genommen werden. Trotz allem gibt es auch Fortschritte bei den Menschenrechten: Human Rights Watch meint, es würde nicht mehr so hart vorgegangen wie früher, der Staat ziehe sich mehr aus dem Privaten zurück, das Internet ist trotz aller Zensur ein Forum des Austausches geworden. Es gibt immer mehr Nicht-Regierungsorganisationen, die für die Bürger Wünsche gegenüber dem Staat durchsetzen. Trotz der Kontrolle der Presse durch das Propagandaministerium, kann z.b. bei Umweltsünden, schon von einer Kontrollfunktion der Presse gesprochen werden. Die Freiheiten wachsen, aber nicht die Freiheit die Regierung oder die Partei zu kritisieren. Chinas Identitätssuche Die Kommunistische Partei gibt seit Jahren immer so viel wie nötig von der Macht ab, um an der Macht bleiben zu können; sie hat 64,5 Mio. Mitglieder. Angst geht in der Partei um, die volle Privatisierung würde der Partei das Genick brechen. Die Umwandlung der Staatsbetriebe in wirtschaftliche Einheiten im letzten Jahrzehnt wurde deshalb langsamer als ursprünglich geplant betrieben. Seit zwei Jahrzehnten herrscht ideologische Leere, fehlt ein moralisches Korsett. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hatte man kein Vertrauen mehr in den Konfuzianismus. Die alte Gesellschaftsordnung, die den fremden Mächten nicht widerstehen konnte, wurde infrage gestellt. Mit dem Kommunismus wurden die alten Traditionen verboten, der Maoismus ersetzte alle Götter, in der Kulturrevolution wurden Religionen endgültig abgeschafft. Zugleich kamen erste Zweifel an Maos Weg auf, denn es gibt fast keine Familie, in der während der 10 Jahre Chaos, wie die Kulturrevolution heute umschrieben wird, nicht ein Mitglied getötet oder zum Krüppel geschlagen wurde oder für den Rest des Lebens durch die Zwangsverschickung aufs Land jegliche Perspektive verloren hat. Das eigene Leiden hat Zweifel an Maos Weg entstehen lassen.

4 Dengs Vier Modernisierungen von 1980 an und die Aufforderung Werdet reich!, das Gegenteil vom bisherigen alle gleich, hat viele, die seit anderthalb Generationen Mao treu gefolgt waren, verwirrt. Sie genossen zwar den schnellen wirtschaftlichen Aufschwung, die Freiheit des Handels, sie sprangen auf den Zug zum schnellen Erfolg. Aber es fehlte ein moralisches, geistiges Korsett, es fehlte eine Ideologie, die Verantwortung für die Anderen oder fürs Gemeinwohl mit der wirtschaftlichen Freiheit verband. Entsprechend wurden die Freiheiten der Wirtschaft auch teilweise sehr freizügig ausgelegt, Korruption und Verbrechen stiegen zweistellig von Jahr zu Jahr. Viele Chinesen haben ihren Glauben an Partei und Sozialismus verloren, benutzen aber die Partei für den eigenen Aufstieg. Es gibt keine Vorbilder mehr. Beispiele für Korruption: Von Herbst 98 bis Herbst 99 lenkten Funktionäre 117,4 Milliarden RMB (= 27 Milliarden DM) in eigene Taschen oder verbrauchten sie für fremde Zwecke. z.b. wurden nach der Flutkatastrophe Kaderbüros ausgestattet statt 100 Kontrollboote zu kaufen. Vizepremier Li Lanqing: die Menge des veruntreuten Geldes schockiert Der Bürgermeister von Shenyang hat angeblich 7 Mio. DM im Kasino von Macao verspielt. Eingeständnis und Anprangerung der Korruption! Diese Worte fiel in Zhus Rede beim Nationalen Volkskongress im März 1999 öfter als der Begriff des Sozialismus. Heute kritisieren Politiker und Intellektuelle die moralische Leere. Der Zulauf zu neuen Gruppierungen und Religionen. (Falungong, Christentum) und die Wiederbelebung alter Riten, die lange verpönt waren, sind ein Zeichen dafür. Der Konfuzianismus, der in der Kulturrevolution noch einmal heftig kritisiert wurde, wird heute in Teilen, weil er eine hierarchische Staats- und Morallehre ist, wieder anerkannt. Die Tempel in Qufu, dem Geburtsort von Konfuzius sind restauriert und seit 1989 werden dort wieder Zeremonien abgehalten, zu denen vor allem auch die Konfuzianer aus den ostasiatischen Ländern kommen. Aus Familienfesten große Zeremonien zu machen, das war unter Mao verpönt und verboten, heute finden solche Traditionen auf dem Lande wieder statt. Der Mittelstand entdeckt die eigene Vergangenheit, Antiquitätengeschäfte werden von Chinesen gestürmt; spät, fast zu spät entwickelt sich der Sinn für Denkmalschutz. Unter Mao galt alles Alte als wertlose Überreste der verhassten Feudalzeit, vor allem Ministerpräsident Zhou Enlai ist es zu verdanken, dass viele der großartigen Tempel und Palastanlagen erhalten blieben, aber die kleinen Dorftempel und die Konfuziustempel wurden fast überall zerstört, die Götterstatuen eingeschmolzen, die Kirchen zu Kinosälen oder Lagerhäusern gemacht. Heute ist man stolz inzwischen 30 von der UNESCO anerkannte Stätten des Weltkulturerbes in China zu haben. Verarmung der Landbevölkerung Zwei Drittel der Chinesen leben auf dem Land, sind von Landwirtschaft abhängig. Diesen 800 Millionen Menschen geht es schlechter als vor 5 Jahren, so die Bilanz des Landwirtschaftsministers Du Qinglin auf dem Nationalen Volkskongress Man kann sogar von Einkommensverlusten sprechen. Gründe dafür: verspätete Urbanisierung. Premier Zhu warnte schon ein Jahr früher vor der Wiederverarmung der Bauern. Der neue Präsident und Parteichef Hu Jintao hat sehr symbolträchtig seine ersten öffentlichen Auftritte gewählt: Der Besuch einer alten Kommunistenbasis auf dem Land, wo die Menschen an der Grenze der Armut leben. Er pries die, welche einfach leben und hart kämpfen und er besuchte Hirten in ihren Zelten in der inneren

5 Mongolei. Beides Aktionen um Mitgefühl für die vom Wirtschaftswunder Vergessenen auszudrücken, Zuspruch für Arbeitslose und Arme zu geben. Ähnlich verhielt sich der neue Ministerpräsident Wen Jiabao, der zu Kohlekumpeln in die Gruben stieg. Das Bild ist klar, die neue Führung will sich der Vergessenen der Wirtschaftsreformen annehmen. Auch wenn wir jetzt über die Probleme sprechen, vorher müssen wir uns kurz die Erfolge vor Augen führen, um den Hintergrund für die Entwicklung beurteilen zu können: Nie ging es in China so gut wie heute; das Wirtschaftswachstum im vierten Quartal 2002 lag über 8%. Parteiführung unter Generalsekretär Hu Jintao: China ist nicht mehr ein Entwicklungsland, sondern eine Gesellschaft auf dem Weg zum Wohlstand, deren größtes Problem die gerechte Verteilung des neuen Reichtums ist. Nie zuvor hat die KP so große materielle aber auch politische und rechtliche Diskrepanzen zugegeben. Ein Drittel der Chinesen in den Städten profitiert von der Entwicklung, zwei Drittel auf dem Lande und vor allem in Inner- und Westchina hinken weit hinterher. Auch zwischen der Landbevölkerung gibt es große Einkommensunterschiede: Bauern in entwickelten Küstenprovinzen verdienen viermal so viel wie die im westlichen Hinterland. Im 17. Jahrhundert lebte ein Bauer in China besser als einer im Frankreich Ludwigs XV. Die Hektarerträge in China lagen weit über denen Europas war das Sozialprodukt in China noch höher als das in Europa. Bis 1830 war China mit 30% des Bruttosozialproduktes führende Wirtschaftsnation der Welt.1950 lag der Anteil bei 4,5%.China ist die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt wird China zweitstärkste Volkswirtschaft der Welt sein. Chinas Ausfuhren verdoppelten sich innerhalb der letzten fünf Jahre. Im letzen Jahr 2002 ergab sich eine Steigerung um 22% auf 322 Milliarden Dollar. (Deutschland brauchte für die Verdopplung der Exporte in den blühenden 60er Jahren 10 Jahre!) Auslandsinvestitionen 2002: 52,7 Milliarden Dollar bis 2010 werden sie sich wahrscheinlich verdoppeln. Mitte 18. Jh. bis Mitte 19. Jh. Bevölkerungsexplosion von 250 Mio. auf 400 Mio. Heute 1,3 Milliarden Menschen. Keine Regierung der Welt muss so viele Menschen versorgen und kontrollieren. 23% Weltbevölkerung werden von nur 7% der Weltanbaufläche ernährt Durchschnittlich 8% Wirtschaftswachstum in den letzten 20 Jahren. (Bei uns muss man sich seit einem Jahrzehnt mit Wachstumsraten zwischen 0.5% und 2% begnügen) Seit 1998 haben allein Staatsunternehmen 27 Millionen Leute entlassen. Hinzu kommen die arbeitslosen Bauern. Die Zahlen der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften sprechen für sich: 180 Millionen Menschen mehr als das Doppelte der Einwohnerzahl Deutschlands sind in China als Wanderarbeiter, als Armutsflüchtlinge unterwegs, versuchen in den Küstenregionen und den Großstädten als Handlanger und Kulis etwas vom Wirtschaftsboom abzubekommen. Die landwirtschaftliche Nutzfläche betrug 1997 laut Statistischem Jahrbuch der VR China 95 Mio. Hektar (Amerikaner berechneten allerdings 130 Mio.). 900 Mio. Menschen zählen als Landbevölkerung mit 0,15 Hektar Ackerfläche pro Kopf. Jede Arbeitskraft bewirtschaftet ein Drittel Hektar, rund 34x100 Quadratmeter! Selbst eine geringe Steigerung der Mechanisierung würde in der Landwirtschaft 150 bis 200 Mio. Menschen arbeitslos machen.

6 Noch 1993 gab es offiziell zu diesem Thema die Antwort: Das Problem Arbeitslosigkeit gibt es in China nicht, es gibt etwa 1,5% auf Arbeit wartende Jugendliche, die nach dem Schulabschluss nicht sofort eine Arbeit haben: Die Wirklichkeit sah schon damals anders aus, nur offiziell durfte sie nicht zur Kenntnis genommen werden, denn Arbeitslosigkeit kann und darf es im Sozialismus nicht geben. Solange jeder noch erwarten kann, dass es ihm oder seinen Kindern besser gehen wird, folgen sie der Führung und halten still. Aber die Wanderarbeiter, die Bauern, die einst die Kommunisten an die Macht gebracht haben, könnten die Macht der KPCh jetzt auch gefährden. Die Politiker haben das erkannt. Den 200 Millionen Wanderarbeitern soll endlich eine Absicherung geboten werden. Das Wirtschaftswachstum soll vor allem dort gefördert werden, wo es den Armen dient. Schluss mit Wachstumspatriotismus, China ist ein gigantisches gefährdetes Entwicklungsprojekt. Soziale Gerechtigkeit, wie im Statut der KP festgelegt ist das neue Ziel. Bescheidener Wohlstand für alle. So die auf dem Volkskongress verkündeten Ziele. Bereitgestellt werden zunächst: 30,5 Milliarden Yuan um die Lasten der Bauern zu verringern, 8,4 Milliarden für Rentner aus Armee und Staatsindustrie, 4,6 Milliarden für arme Städter. Familienplanung in China Maos Wahn war der aller Diktatoren weltweit: Mehr Menschen bedeuteten für ihn mehr Macht. Erste Familienplanungsideen in den 50er Jahren wurden unterdrückt, die Wissenschaftler als Rechtsabweichler verfolgt und erst nach 1979, mit Einführung der Deng schen Wirtschaftsreformen rehabilitiert. Zunächst wurde ab 1980 die Zwei-Kind-Familie propagiert, seit 18 Jahren heißt es Ein Kind ist genug. Das gilt für die Städte. Auf dem Lande sind zwei Kinder erlaubt, bei Minderheiten, wie Tibetern, Mongolen etc.,wenn sie auf dem Land leben drei Kinder. Widerstand gibt es vor allem aus Gründen der Ahnenverehrung und der Altersversorgung. (Ahnenverehrung ist zwar offiziell seit 1911 abgeschafft, wird aber auf dem Lande weiter gepflegt danach kann nur ein männlicher Nachkomme die Ahnenverehrung pflegen. Geister von verstorbenen Vorfahren können zu hungrigen bösen Geistern werden, die den Nachfahren schaden wollen.) Altersversorgung: nur für die Arbeiter von großen Staatsbetrieben, für die Beamten und Kader und Soldaten gab es im kommunistischen China eine Rentenzusage eiserne Reisschale. Für die 85% ländliche Bevölkerung in den 50er Jahren und für heute noch fast 70% ländliche Bevölkerung gibt es keine Rente, die alten Eltern leben gewöhnlich in der Familie des ersten Sohnes. Bei nur einem Kind oder gar bei nur Töchtern besteht Angst, im Alter unversorgt zu sein. Dies bestimmt den Wunsch nach Kindern. Zum Teil wurden die Kinder früher auf dem Land auch als Arbeitskräfte gebraucht, das ist aber seit 15 Jahren nicht mehr der Fall (inzwischen sind 180 Millionen Chinesen aus dem ländlichen Raum als Wanderarbeiter unstet unterwegs!). Die Durchführung der Kontrollen ist oft brutal: Zwangsabtreibungen gibt es bis zum sechsten Monat, außerdem Verwüstung der Häuser bei Nichtbefolgung der Politik sowie Koppelung des Gehaltes der Familienbeauftragten an die Geburtenquote im Bezirk. Häufig haben die Familienplanungsbeauftragten nur eine schlechte Ausbildung und arbeiten mit Druck statt mit Überzeugung. In wirtschaftlich florierenden Gegenden übernehmen die Dörfer, die Hälfte der Rentenbeiträge für ein Paar, das freiwillig nur ein Kind hat. Zum Teil gibt es finanzielle Anreize und auch Zusagen, dass die Einzelkinder bessere Schulen besuchen können. Es wird nicht so schnell gestorben wie geboren. Die Lebenserwartung ist innerhalb von 50 Jahren von 49 auf 69/73 Jahre gestiegen.

7 Auf 120 bis 150 Mio. Schwangerschaften kommen 45 Mio. Abtreibungen pro Jahr. In China wurden 1970 durchschnittlich fünf Kinder pro Frau geboren, heute im Durchschnitt unter zwei Kinder pro Frau, aber die Bevölkerungszahl steigt dennoch, da jetzt die geburtenstarken Jahrgänge der Kulturrevolution im gebärfähigen Alter sind. Heute würden ohne Einkindpolitik 330 Mio. Chinesen mehr leben. Seit vier Jahren gibt es eine Lockerung der Geburtenplanungspolitik: Weniger aber qualitativ bessere Geburten ist das Ziel. Gebildete bekommen leichter Ausnahmen. Seit 1995 gibt es in über 600 Distrikten Experimente mit neuen Planungsmethoden. In Zhejiang (reiche Küstenprovinz, südlich vom Jangzi, Hauptstadt Hangzhou) ist Geburtenbeschränkung völlig abgeschafft. Auf dem Land gibt es nun Aufklärungskurse statt Einschüchterung, mehr Verhütungsmittel werden verteilt. Gespräche beim Arzt finden heute hinter verschlossener Tür statt, bisher waren sie öffentlich. Das Verhältnis von Mädchen- und Knabengeburten wird wieder normaler, aber es steht noch immer 114 zu 100. Zwischenzeitlich war es 118 zu 100, (Weltweit normal sind 106 Knabengeburten auf 100 Mädchengeburten). Vor sechs Jahren wurde per Gesetz eingeführt, dass auch einzelne Töchter sich um alternde eigene Eltern kümmern müssen (sie haben nicht, wie bisher in der viel tausendjährigen Geschichte des Landes nur Pflichten gegenüber den Schwiegereltern). Chinesische und internationale Wissenschaftler kommen nach der Untersuchung von Agrarwirtschaft und möglicher Bodennutzung, von Bodenschätzen und Entwicklungspotenzialen zu dem Schluss: Die maximale Bevölkerungszahl Chinas liegt bei 900 bis 950 Millionen Menschen. Dann könne sich das Land selbst ernähren, allen auf Dauer ein menschenwürdiges Leben und Arbeit bieten und hätte auch noch Vorräte, wenn ein Naturkatastrophen-Jahr käme. Jede verordnete Geburtenbeschränkung ist ein Eingriff in die Freiheitsrechte des Einzelnen und damit ein Verstoß gegen die Menschenrechte und die Würde der Menschen. Dass Familienplanung aber nötig ist, wenn Kinder nur in ein Leben in Armut und Hunger geboren werden und ihnen ihr Recht auf ein menschenwürdiges Leben von Anfang an nicht gegeben werden kann, das sieht fast jeder ein. Man konnte früher in China kaum einen Chinesen oder Chinesin treffen, die nicht sagten: Wir sind zu viele Familienplanungspolitik ist nötig! aber viele sahen in ihrem persönlichen Fall, doch einen Grund, ein zweites Kind oder auf dem Land ein drittes zu wollen. Ein Lösungsansatz stellen auch bessere Bildung und eine Verbesserung der Stellung der Frau dar (viele Männer sehen sich noch in vielen Kindern persönlich bestätigt Machoverhalten! während Frauen selbst oft lieber weniger Kinder hätten). Außerdem hat wirtschaftlicher Aufstieg fast automatisch eine geringere Geburtenquote zur Folge. Um brutales Durchsetzen von Geburtenbeschränkung weltweit zu vermeiden, könnten die reichen Länder helfen: mit Unterstützung von Bildung, besonders auch für Mädchen,

8 mit Unterstützung von Arbeitsprojekten für Frauen (Kleinkredite nur an Frauen, positives Beispiel in Bangladesch) die Stellung der Frauen in ihrer Gesellschaft stärken, mit Unterstützung von Entwicklungsprojekten, die Menschen aus Armut befreien Die Welt und ihre Ressourcen sind nicht endlos. Die Erde verträgt nicht endlos viele Menschen. Der Kampf um Wasser und Land hat schon längst begonnen. Geburtenpolitik geht alle etwas an, die Frieden erhalten wollen. HOPE - Schulbildung für die ärmsten Kinder in China Li Yao ist neun Jahre alt, nach der dritten Klasse musste sie die Schule verlassen, obwohl sie zu den Besten gehörte: "Meine Oma hat Diabetes und muss oft im Krankenhaus behandelt werden. Das kostet mehr als die Hälfte unseres Familieneinkommens. Wegen Geldmangels muss ich nun die Schule abbrechen und würde doch so gerne weiterlernen." Das Schul- und Büchergeld von ca. 80 Euro pro Jahr kann ihre Familie in der Provinz Shandong nicht mehr aufbringen. Es gibt viele Li Yaos in den Armutsgebieten Chinas. Solange nichts Dramatisches passiert, können die Familien sehr bescheiden leben, aber wenn ein Elternteil stirbt oder wenn eine Krankheit alle Ersparnisse verschlingt, dann wird an der Bildung gespart, - vor allem bei den Mädchen. 70 Prozent der Analphabeten in China sind Mädchen. Nur Bildung kann einen Weg aus der Armut öffnen, den Kindern Zukunftschancen geben habe ich mich entschlossen nicht mehr nur als Journalistin über China zu berichten, sondern auch aktiv zu helfen. Gemeinsam mit Freunden habe ich in Baden-Baden den gemeinnützigen Verein HOPE Baden-Baden gegründet. Unser Ziel ist es, den ärmsten Kindern in China eine Schulbildung zu finanzieren. Mit 150 Euro können wir einem Kind zwei Jahre Grundschulbesuch ermöglichen. Im Frühjahr 1999 und im Sommer 2001 war ich wieder in Shandong, zusammen mit Ilse Streller, sie ist Leiterin einer Grundschule und Kassenführerin von Hope. (Wir fuhren selbstverständlich auf eigene Kosten, denn kein Pfennig der Spenden wird für Verwaltung oder Reisen verwendet.) Wir haben alle elf Schulen, an denen wir helfen, besucht und 269 Kinder neu in die Förderung aufgenommen. Wir konnten uns davon überzeugen, daß "unsere" Kinder regelmäßig die Schule besuchen. Lernen zu dürfen wird von vielen als Privileg empfunden, das stellen die Kinder mit Fleiß und guten Noten unter Beweis. In Qinghai, der großen Provinz nördlich von Tibet, kümmern wir uns seit 1997 um tibetische Nomadenkinder. Im Sommer 2001 war es sehr erfreulich zu sehen, dass wir mit unseren sechs Zeltschulen eine Bildungswelle angestoßen haben. Inzwischen gehen im autonomen tibetischen Kreis Zeku nicht mehr nur 49% sondern 89% aller Kinder in eine Schule. Unsere Zeltschulen zogen mit, wenn die Nomaden zu den Sommerweiden hoch in die Berge wanderten. Heute stehen sie an festen Plätzen. Wir haben jetzt zwei feste Zwergschulen für die ersten drei bis vier Klassen gebaut. In diesen Grundschulen kann dann auch im tiefsten Winter Unterricht gehalten werden. Nomadenkinder müssen heute etwas lernen, denn sie werden künftig nicht mehr als Nomaden leben können, weil das Land schon jetzt überweidet ist. In den Schulen werden die tibetischen Traditionen bewahrt - die Kinder lernen in den ersten Jahren nur Tibetisch - und zugleich wird die nächste Generation fit gemacht für das Leben in einer sich schnell wandelnden Gesellschaft. Eine Zwergschule für tibetische Nomadenkinder kostet ca Euro.

9 Unsere Kontakte zu einheimischen Sozialarbeitern und Lehrern garantieren, daß jeder Pfennig direkt für die Ausbildung der Kinder verwendet wird. Die von uns geförderten Kinder kenne ich namentlich, viele auch persönlich. Deshalb können wir vom Verein HOPE Baden-Baden auch dafür bürgen, dass die Spenden ankommen. Zum Thema Bildungsnotstand auf dem Land: siehe Die Fernsehjournalistin Gisela Mahlmann hat seit 1974 immer wieder über China berichtet, von 1988 bis 1994 lebte sie als ZDF-Korrespondentin ständig in China, seitdem kehrt sie jährlich für Recherchen und Film- Dokumentationen nach China zurück. Sie hat das China Maos noch erlebt und ist mit ihren Berichten Zeugin des rapiden Wandels und der extrem unterschiedlichen Entwicklung zwischen der "Goldküste" und dem Armenhaus der inner- und westchinesischen Provinzen. Weitere Informationen sowie Filmbeiträge zu den besprochenen Themen können bei der Autorin erfragt werden. Kontakt:

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