Im kaiserlichen Blick. Bürgerliche Selbstdarstellung in Dornbirn Karin Schneider

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1 1 Im kaiserlichen Blick. Bürgerliche Selbstdarstellung in Dornbirn Karin Schneider Am 10. August 1881 fuhr ein Zug um 6.30 Uhr morgens in den Bahnhof Dornbirn ein. Hinter der Lokomotive war ein Salonwagen des Wiener Hofes angekoppelt, in welchem ein illustrer Gast anreiste: Kaiser Franz Joseph I. trat seinen ersten Besuch in Dornbirn an. Er blieb über zwei Stunden in der Gemeinde und nutzte die Zeit zu verschiedenen Besichtigungen. Um 9.15 Uhr schließlich setzte er seine Reise durch das Kronland Vorarlberg fort. Die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts bezeichnen in Dornbirn eine Phase politischer Konflikte. Der Kulturkampf, der sich um die Definition der Rolle der katholischen Kirche im öffentlichen Raum entsponnen hatte, spielte sich sowohl auf staatlicher als auch auf lokaler Ebene ab. Während die katholisch-konservative Fraktion für eine Rücknahme der "Maigesetze" des Jahres 1868 kämpfte und eine Stärkung der kirchlichen Position in der Gesellschaft forderte, votierte das liberale bzw. fortschrittliche Lager für eine Trennung von Kirche und Staat und eine säkularisierte Gesellschaft. Zwischen 1867 und 1910 galt Dornbirn als liberale Hochburg, in der der Kulturkampf besonders verbissen geführt wurde. 2 Während dieser 43 Jahre verfügten die Liberalen, deren Anhängerschaft sich überwiegend aus dem Wirtschafts- und Bildungsbürgertum rekrutierte, aufgrund des geltenden Wahlrechtes über eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Gemeindeausschuss. So hatten sie die Möglichkeit, Dornbirn nach bürgerlichen Vorstellungen zu modernisieren und neu zu gestalten. 3 Schulen und Straßen wurden gebaut bzw. gepflastert, eine öffentliche Beleuchtung eingerichtet und das Kulturleben vor allem durch Musikaufführungen belebt. In diese Phase fällt auch die Ausbildung und Ausdifferenzierung des Vereinswesens. Gleichzeitig waren jedoch Ideologie und Politik im Zeichen des Kulturkampfs, vermittelt über die Presse, im Leben der Bevölkerung allgegenwärtig. Jeder öffentliche Akt, jede Festlichkeit und jede Ansprache erhielt auch eine politische Bedeutung. 1 Dieser Aufsatz basiert auf meiner Dissertation: Bürgerliche Sozialformationen und Selbstdarstellung in der Provinz. Dornbirn , phil. Diss. Wien Zu Dornbirn im 19. Jahrhundert vgl. Hubert Weitensfelder, Fabriken, Kühe und Kasiner. Dornbirn im Zeitraum zwischen 1770 bis 1914, in: Ders./Ingrid Böhler/Werner Matt (Hg.), Geschichte der Stadt Dornbirn, Bd. 2: Von der Frühindustrialisierung bis zur Jahrtausendwende, Lustenau 2002, S ; Schneider, Sozialformationen; weiters auch Leo Haffner, Die Kasiner. Vorarlbergs Weg in den Konservatismus, Bregenz Paul Münch, Ordnung, Fleiß und Sparsamkeit. Texte und Dokumente zur Entstehung der "bürgerlichen Tugenden", München 1984.

2 2 Im Jahr des Kaiserbesuches war Dornbirn bereits 14 Jahre lang von den Liberalen regiert worden. Während dieser Periode waren u. a. Landwirtschaftskurse, Sommerschulen, ein Kindergarten sowie ein Wochenmarkt eingerichtet, der Bahnanschluss fertiggestellt, eine Mädchen-Handarbeitsschule initiiert, ein Dienstmanninstitut gegründet, eine Volksschule und eine Turnhalle neu gebaut und der Tourismus durch den Ausbau von Wanderwegen und Unterkunftshütten gefördert worden. Außerdem hatten alle Häuser eine Hausnummer erhalten. 4 Dabei spielten auch ästhetische Aspekte eine wichtige Rolle. Gästen sollte allein durch die Betrachtung des Ortsbilds ein Eindruck vom Reichtum der Gemeinde und vom bürgerlichen Geschmack der Einwohner vermittelt werden. Der Stolz, den die Gemeindevorstehung angesichts der vorangetriebenen Umgestaltung Dornbirns, weg vom agrarisch geprägten Dorf hin zur industrialisierten und modernen, urban geprägten Kommune empfand, äußert sich auch in einem vom Verschönerungsverein (in dem viele liberale Gemeindeausschussmitglieder Mitglied waren) herausgegebenen Führer 5 durch den Ort. Dieser kann auf mehreren Ebenen gelesen und interpretiert werden. Auf den ersten Blick ist er nichts weiter als eine Beschreibung Dornbirns, die Außenstehenden den Ort und seine Umgebung näher bringen soll. Durch seine zahlreichen Bilder, welche die Siedlung reizvoll präsentieren, werden überdies potentielle Gäste angesprochen und der Fremdenverkehr gefördert. Gleichzeitig erlaubt der Führer jedoch auch Aussagen zum Selbstbild, das sich die liberalen Gemeindehonoratioren von Dornbirn machten bzw. zum idealen Gemeinwesen, das Dornbirn in ihren Augen sein sollte. Doch auch in anderen Kontexten hatte die liberale Gemeindevertretung die Möglichkeit, Dornbirn als fortschrittlichen, an bürgerlichen Kriterien gemessenen modernen und wirtschaftlich prosperierenden Ort zu präsentieren und so das Bedürfnis nach Selbstdarstellung zu befriedigen. Eine ideale Möglichkeit zur Repräsentation waren Besuche hochgestellter Persönlichkeiten wie etwa des Statthalters oder von Mitgliedern des Herrscherhauses. Wer die Besichtigungsrouten im Detail festlegte, ist dabei nicht von Belang, denn so, wie sich Dornbirn nach außen präsentierte, wurde der Ort auch von den Beamten der Bezirksämter, der Statthalterei und der Hofämter wahrgenommen beispielsweise galt Dornbirn einem Bezirkskommissär, der anlässlich des Kaiserjubiläums Empfehlungen für Ordensverleihungen abgab, als "Mustergemeinde" 6, was zum großen Teil ein Verdienst des 4 Vgl. dazu den Wahlaufruf des Fortschrittlichen Wahlausschusses, in welchem die Verdienste der Liberalen nach 40 Jahren der Mehrheit im Gemeindeausschuss aufgezählt werden. Dornbirner Gemeindeblatt, Dornbirn in Vorarlberg. Die Rappenloch-Schlucht und das Gütle bei Dornbirn, hg. vom Verschönerungsverein, Dornbirn Bezirkskommissär an BH Feldkirch, VLA, BA/BH Feldkirch, Karton 659, 39/1898.

3 3 liberal-forschrittlichen Fabrikanten Viktor Hämmerle sei wurde Dornbirn schließlich zur Stadt erhoben. Der Tag des Kaiserbesuches wohl einer der aufregendsten im Leben vieler Dornbirner und Dornbirnerinnen begann um drei Uhr morgens, als der Hornist der Veteranen die Tagreveille blies. Um vier Uhr krachten die Böller, die Gemeindemusik spielte auf und die Vorbereitungen für das große Ereignis traten in die letzte Phase. Die Vereine nahmen die ihnen zugewiesenen Plätze ein und die Bevölkerung versammelte sich am Bahnhof, an den Straßen und Plätzen, um den Herrscher mit Jubel zu begrüßen. Den Frauen war die ehrenvolle Aufgabe zugedacht, ihrem Entzücken durch das Schwenken von Tüchern Ausdruck zu verleihen. Pünktlich um 6.30 Uhr fuhr der Hofzug unter dem Geläute aller Kirchenglocken, den Klängen der Volkshymne und dem Jubel der Bevölkerung im Bahnhof ein. Nach dem Aussteigen wurde Kaiser Franz Josef feierlich von Bürgermeister Dr. Johann Georg Waibel begrüßt. Der Monarch antwortete, "er freue sich die große und industriöse Gemeinde einmal zu besuchen und einige Fabriks-Anstalten in Augenschein zu nehmen." Aus der Entgegnung des Kaisers wird deutlich, wofür der Ort Dornbirn um 1880 stand: für die florierende Textilindustrie. Außerdem erkundigte sich der Monarch nach der Bevölkerungszahl schließlich galt ein direkter Zusammenhang zwischen finanziellem und Bevölkerungsreichtum als selbstverständlich, dem Besitzstand der Gemeinde sowie den Ausgaben und der Besteuerung. Anschließend begrüßte der Herrscher die anwesenden Honoratioren und Geistlichen aus Dornbirn, Fußach und Gaißau jeweils persönlich und richtete ein paar Worte an die Veteranen. 7 Vor dem Bahnhof wurden die wartenden Wagen bestiegen. In der ersten Kutsche saßen der Bezirkshauptmann von Feldkirch und der Bürgermeister von Dornbirn, in der zweiten der Kaiser mit seinem Flügeladjutanten, im dritten bis fünften Wagen nahm das weitere Gefolge Platz. Es folgten die lokalen Honoratioren sowie Politiker wie der Landeshauptmann und der Statthalter. 8 Noch bei seiner Ankunft hatte Kaiser Franz Joseph die Gelegenheit, das Bahnhofsgebäude zu besichtigen war die Eisenbahnstrecke zwischen Lochau und Bludenz fertiggestellt worden. Seitdem hatte der Bahnhof für jene Orte, die an der Bahnstrecke lagen, die Funktion eines modernen "Stadttores". Er markierte die wichtigste Einfallstraße in die Kommune und suggerierte dem Reisenden Fortschrittlichkeit und Wohlstand. Gleichzeitig war der Bahnhof selbst auch der Ort von Festlichkeiten und der repräsentativen Selbstdarstellung des Ortes, 7 Dornbirner Gemeindeblatt, , Nr. 33, S Ebd.,

4 4 wenn etwa prominente Gäste wie der Kaiser von den Gemeindehonoratioren mit großem Aufwand empfangen wurden. 9 In Dornbirn war man mit dem Bahnhofsgebäude nicht besonders glücklich. Die gesamte Anlage erwies sich von Beginn an als zu klein. Zwei Jahre nach dem Kaiserbesuch, im Jahr 1883, plante man bereits eine Erweiterung. So wurde das Hauptgebäude samt Veranda vergrößert und adaptiert sowie mit öffentlichen Toiletten ausgestattet. 10 In ästhetischer Hinsicht erwies sich dieser Ausbau des Bahnhofsgebäudes als arge Enttäuschung. In der Zeitung wurde gar kolportiert, dass es nach der Aufstockung der einen Seite des Gebäudes "auf der langen Strecke von Innsbruck bis zum Bodensee [...] keinen häßlicheren Bahnhof geben" 11 dürfte wurden weitere Umbauarbeiten vorgenommen, die, nach der Hoffnung von Journalisten, Dornbirn einen seiner Bedeutung als Industriestandort und steuerkräftigsten Gemeinde des Landes entsprechenden Bahnhof bescheren sollte. 12 Während des Besuches des Kaisers schien wohl die Sonne, denn hätte es geregnet, hätte sich der Bahnhofsvorplatz in einem miserablen Zustand befunden. Erst um 1900 wurde er ordentlich gepflastert und mit einer Kanalisation versehen. 13 Überall am Wegesrand standen die Einwohnerinnen und Einwohner Dornbirns und jubelten dem Monarchen zu. Triumphbögen, von der Gemeinde und Privatleuten finanziert, verschönerten das Straßenbild. Sie trugen patriotische Aufschriften und Leitsprüche verschiedener habsburgischer Herrscher. Häufig stand "Viribus unitis" 14 zu lesen, aber auch das "A.E.I.O.U." 15 Friedrichs III., oder "Bella gerant alii tu felix Austria nube" 16 Mehr martialischer Natur war das "Moriamur pro imperatore nostro" 17 ; die unauflösliche Verbindung zwischen Österreich und seinem Herrscherhaus wurde mit "Innig bleibt mit Habsburgs Throne, Oesterreichs Geschick vereint" bekräftigt Vgl. Reinhard Johler/Hannes Stekl, Bürgertum in der Bischofstadt Brixen. Problemfelder und Charakteristika, in: Brixen Die Aufzeichnungen des Färbermeisters Franz Schweighofer, hrsg. v. Hans Heiß/Hermann Gummer (Transfer Kulturgeschichte 1), Bozen-Wien 1994, S , hier S Gemeindeausschussprotokoll, Stadtarchiv Dornbirn (StAD); Dornbirner Gemeindeblatt, Vorarlberger Volksblatt, Ebd., Die Nachricht vom geplanten Umbau 1894 wurde bereits 1892 kolportiert, nachdem Bürgermeister Dr. Waibel und Landeshauptmann Adolf Rhomberg gemeinsam beim Eisenbahnpräsidenten v. Bilinski interveniert hatten. 13 Gemeindeausschussprotokoll, StAD. 14 "Mit vereinten Kräften". 15 Für AEIOU gibt es zahlreiche Deutungen, z. B. "Austria erit in orbe ultima" "Österreich wird auf der Erde bis zuletzt bestehen." Vgl. Alphons Lhotsky, A.E.I.O.U. Die "Devise" Kaiser Friedrichs III. und sein Notizbuch, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 60 (1952), S "Mögen andere Kriege führen, du glückliches Österreich heirate." Vgl. Alfred Kohler, "Tu felix Austria nube " Vom Klischee zur Neubewertung dynastischer Politik in der neueren Geschichte Europas, in: Zeitschrift für historische Forschung 21 (1994), S "Wir würden sterben für unseren Kaiser". 18 Dornbirner Gemeindeblatt,

5 5 Die Wagenkolonne fuhr durch die festlich geschmückte Bahnhofstraße bis zum Marktplatz. Entlang des Weges standen die Feuerwehr, der Turnverein und der Gesellenverein Spalier, hinter den Männern ragten prunkvolle Villen von Gemeindehonoratioren auf. Die Bahnhofstraße war, neben dem Oberdorf, ein bevorzugtes Wohngebiet. Sie fungierte als Einfallstraße, auf welcher der Verkehr von und zum Bahnhof durchging und war deswegen auch ein Ort, an welchem man Reichtum, Stil und gesellschaftliches Ansehen, in Ziegel und Architektur gegossen, einem breiten Publikum zur Schau stellen konnte. Die Straße hatte eine Länge von etwa 285 und eine Breite von circa 9 Metern. Als Besonderheit hatte sie ein Trottoir vorzuweisen, ein eisernes Geländer war im Jahr 1872 noch geplant. 19 Überdies wurden in der Bahnhofstraße auch noble Beherbergungsbetriebe, wie etwa das Hotel "Weiß" oder das Hotel "Rhomberg", errichtet. Vereine nahmen im gesellschaftlichen Leben Dornbirns um 1900 eine wichtige Rolle ein. Sie sind eine typisch bürgerliche Organisationsform, die einerseits geselligen Zwecken diente, andererseits eine einflussreiche Interessensvertretung des Bürgertums darstellte. 20 Nachdem 1867 in Österreich das sogenannte Vereinsgesetz erlassen worden war, das die Gründung von Vereinen erleichterte und die Organisation politischer Vereinigungen erst ermöglichte, nahm die Zahl der Vereine massiv zu. 21 Gleichzeitig kam es zur Ausdifferenzierung verschiedener Typen, teilweise auch zu einer starken Politisierung und Lagerbildung. War es ursprünglich um den Zusammenschluss gleichgesinnter bürgerlich-liberaler Männer ohne Rücksicht auf ihre gesellschaftliche Herkunft gegangen, wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt deutsch-nationale sowie katholische, schließlich auch sozialistische Vereine gebildet. In größeren Städten bildete sich ein äußerst dichtes Netzwerk von Vereinen, die durch ihre Mitglieder vielfach untereinander verbunden, aber auch durch ideologische Gräben getrennt waren. 19 Vorarlberger Volksblatt, Zur Geschichte und Bedeutung des bürgerlichen Vereinslebens vgl. Thomas Nipperdey, Verein als soziale Struktur in Deutschland im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, in: Gesellschaft, Kultur, Theorie. Gesammelte Aufsätze zur neueren Geschichte, hrsg. v. Thomas Nipperdey, Göttingen 1976, S ; Michael Sobania, Vereinsleben. Regeln und Formen bürgerlicher Assoziationen im 19. Jahrhundert, in: Bürgerkultur im 19. Jahrhundert. Bildung, Kunst und Lebenswelt, hrsg. v. Dieter Hein/Andreas Schulz, München 1996, S ; Elisabeth Ulsperger, Modell und Wirklichkeit. Zur kulturellen und politischen Praxis in Kleinstädten, in: Kleinstadtbürgertum in Niederösterreich. Horn, Eggenburg und Retz um 1900, hrsg. v. Hannes Stekl (Forschungen zur Landeskunde von Niederösterreich 27), Wien 1994, S ; Ernst M. Wallner, Die Rezeption des stadtbürgerlichen Vereinswesens durch die Bevölkerung auf dem Land, in: Kultureller Wandel im 19. Jahrhundert, hrsg. v. Günter Wiegelmann (Studien zum Wandel von Gesellschaft und Bildung im Neunzehnten Jahrhundert 5), Göttingen 1973, S ; Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchung zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt a. M Hans Peter Hye, Zur Liberalisierung des Vereinsrechtes in Österreich. Die Entwicklung des Vereinsgesetztes von 1867, in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 14 (1992), S

6 6 Zu Beginn des Jahre 1887 existierten in Dornbirn 26 Vereine mit statutarischer Organisation, die weite Bereiche der Vereinsaktivitäten von politisch über karitativ, gesellig, landwirtschaftlich bis zu religiös abdeckten. 22 Weiters gab es noch zahlreiche sogenannte "wilde Vereine", die sich auf keine Statuten beriefen. In den folgenden Jahren kam es in Dornbirn zu weiteren Vereinsgründungen: Um 1900 existierten bereits etwa 60 Vereine, wovon ein Dutzend katholisch war. 23 Neben den dezidiert politischen Vereinen gab es in deren Vorfeld Assoziationen, die Männer mit gleicher Gesinnung vereinigten und so auch politisch angehaucht waren. Ein typisches Beispiel dafür ist der Turnverein, auf den später noch zurückzukommen sein wird. Daneben existierten aber auch zahlreiche parteiübergreifende Zusammenschlüsse, deren Mitglieder sich vorwiegend aus dem wohlhabenden und/oder gebildeten Gemeindebürgertum rekrutierten. In diese Gruppe von Vereinen fallen die alteingesessenen Organisationen wie etwa der Männerchor, die Bolzschützengesellschaft oder der Leseverein. Die beiden letztgenannten Vereine sind die ältesten Assoziationen in Dornbirn und wurden in den 1830er Jahren gegründet. 24 Vereine strukturierten das Leben ihrer Mitglieder. Man trat ihnen unter Umständen schon als Kind oder Jugendlicher bei, verbrachte einen Großteil der Freizeit in dieser Runde, und die Vereinigungen nahmen sich ihrer Mitglieder manchmal, durch die Übernahme der Beerdigungskosten, bis über den Tod hinaus an. 25 Am Marktplatz wurde der Kaiser von den Schützen, die an der Pforte des Pfarrgartens Aufstellung genommen hatten, und von einem Kinderchor empfangen. Dieser hatte sich auf einer Tribüne aufgestellt und stimmte die Volkshymne an, als sich der Wagen des Monarchen näherte. 26 Eine große Menschenmenge bildete, gemeinsam mit den steinernen Bürgerhäusern und der imposanten Pfarrkirche St. Martin die eindrucksvolle Kulisse. Der klassizistische Kirchenbau stammt aus dem Jahr Die barocke Vorgängerkirche war zu klein für die aufstrebende Gemeinde geworden, und so entschloss sich die Ortvorstehung, ein repräsentatives und größeres Gebäude zu errichten. Zum Marktplatz hin ist dem Kirchenraum eine Vorhalle vorgelagert, deren hoch aufragender Giebel auf mächtigen Säulen ruht. Lange Zeit stellte der Innenraum der Kirche in ästhetischer Hinsicht ein Sorgenkind der 22 Vorarlberger Volksblatt, Ebd., Weiters auch Albrich-Chronik, Heft "Vereine". StAD. 24 Vgl. dazu Wolfgang Weber, Von Jahn zu Hitler. Politik- und Organisationsgeschichte des Deutschen Turnens in Vorarlberg 1847 bis 1938 (Forschungen zur Geschichte Vorarlbergs Neue Folge 1), Konstanz Schneider, Sozialformationen, S Dornbirner Gemeindeblatt,

7 7 architektonisch interessierten Dornbirner Bürger dar. 27 Schließlich begann in den 1870er Jahren der Tiroler Maler Mader mit der Freskierung des Kirchenschiffes sehr zur Freude eines Korrespondenten des Vorarlberger Volksblatts, der hoffte, dass "das in seinem Baustyle großartig verunglückte Gotteshaus doch noch in einer Weise hergestellt werde, daß es dem natürlichen Kunstsinn nicht bei jedem Besuche wehe thut". 28 Kaiser Franz Joseph musste sich jedoch mit der Außenansicht des Kirchenbaus begnügen, auf eine Besichtigung des Innenraumes wurde verzichtet war der Portikus noch nicht mit dem Fresko von Josef Huber, das die vier letzten Dinge darstellt, ausgestattet. Dieses Kunstwerk wurde erst 1898 angebracht. Finanziert wurde das Projekt durch freiwillige Spenden der "kunstsinnigen Bürgerschaft", denn, so argumentierte man, würde "eine solche Darstellung [...] nicht nur der Kirche zum Schmucke dienen, sie würde auch wesentlich zur Verschönerung des Marktplatzes beitragen und eine Unterstützung der vaterländischen Kunst bedeuten". 29 Allerdings hatte sich am Marktplatz bis wenige Jahre vor dem Kaiserbesuch ein Gebäude befunden, das sich kaum mit dem Selbstverständnis modernisierungsfreudiger liberaler Gemeindehonoratioren vertrug: die alte Waschhütte. Der mit vielen nostalgischen Erinnerungen verbundene Bau wurde 1879 abgetragen. 30 Nach der Begrüßung am Marktplatz fuhr Kaiser Franz Joseph zu jenen Attraktionen, für welche Dornbirn im 19. Jahrhundert vor allem bekannt war: zu den verschiedenen Textilfabriken. Die Industriebetriebe nehmen in den Schilderungen Dornbirns im 19. Jahrhundert breiten Raum ein. Zuweilen konnte den Fabriken und der in ihnen herrschenden Betriebsamkeit auch ein romantischer Aspekte abgewonnen werden: "Wenn wir abends durch die mit Gas beleuchteten Straßen Dornbirns wandeln, an hellerleuchteten vielstöckigen Fabriksgebäuden vorüber, mit ihren riesigen Rauchfängen, aus denen schwärzliche Rauchwolken ohne Unterbrechung hervordringen, das Schwirren der Spindeln, das Surren der Räder und der taktmäßige Schlag der hin und her schießenden Weberschiffe von allen Seiten an unser Ohr dringt, so erhalten wir einen respekteinflößenden Begriff von der hier herrschenden Thätigkeit." Franz Albrich, Dornbirner Kirchenbauten zwischen 1771 und 1901, in: Dornbirner Schriften. Beiträge zur Stadtkunde 5 (1988), S ; Albert Bohle, Dornbirner Geschichte aus dem Kirchturmknopf von St. Martin. Dokumentation aus den Jahren 1767, 1815, 1857 und 1936, in: Dornbirner Schriften 11 (1991), S Vorarlberger Volksblatt, Dornbirner Gemeindeblatt, Schneider, Sozialformationen, S A. Achleitner/E. Ubl, Tirol und Vorarlberg. Neue Schilderung von Land und Leuten, Leipzig 1895, S. 384.

8 8 Die kaiserliche Besichtungsroute führte durch die "Sägen" zur alten Spinnerei der Firma Herrburger & Rhomberg in Juchen, der ersten mechanischen Spinnerei in Vorarlberg. 32 Die Wagenkolonne fuhr durch die geschmückte Marktstraße in Richtung der Mühlebündt. Die Markstraße liegt im Zentrum von Dornbirn. Sie wurde zumindest im dem Marktplatz zunächst gelegenen Teil von zahlreichen, aus Stein errichteten mehrstöckigen Bürgerhäusern gesäumt, die sich teilweise schon lange in Familienbesitz befanden. Kaiser Franz Josef bekam hier einen der älteren, gleichzeitig aber am urbansten wirkenden Teile von Dornbirn zu Gesicht. Hier befanden sich Geschäfte und Gasthäuser ebenso wie die Apotheke des liberalen Gemeindeausschussmitglieds Kofler. In der Marktstraße stand auch das Wohnhaus von Adolf Rhomberg. Um seinem Herrscher die Ehre zu erweisen, hatte Rhomberg einen Triumphbogen vor seiner Villa errichten und das Haus selbst festlich schmücken lassen. Der Fabrikant und klerikal-konservative Gemeindepolitiker in Dornbirn war ab 1886 Vize-Landeshauptmann, und zwischen 1890 und 1918 Landeshauptmann von Vorarlberg wurde er von Kaiser Franz Josef in das Herrenhaus des Österreichischen Reichsrats berufen. Von dieser Ehre erfuhr Rhomberg anlässlich der Einweihung der Andreas Hofer-Kapelle im Passeiertal. Er nahm an diesem Ereignis als Vertreter Vorarlbergs teil und war beim Empfang und bei der Hoftafel in Meran anwesend. 34 Im Jahr 1881 konnte Rhomberg noch kaum ahnen, dass er durch seine politischen Funktionen in den nächsten Jahren noch öfter in den Genuss der kaiserlichen Gegenwart kommen würde. Vom Kaiser persönlich angesprochen wurde er etwa, wie er in seinen Memoiren stolz berichtet, bei der Enthüllung des Andreas Hofer-Denkmals am Berg Isel in Innsbruck im Jahr Allerdings war das Verhältnis zwischen dem Kaiser und Adolf Rhomberg nicht immer ungetrübt. So hielt Rhomberg beispielsweise im Mai 1904 in Budapest bei der Tagung der Delegationen eine scharfe Rede gegen das Duellwesen und die Nachteile, welche bei Ablehnung einer Forderung zu gewärtigen waren. Kriegsminister Pitreich entgegnete Rhombergs Meinung nach in unbefriedigender Weise. Bei der nachfolgenden Abstimmung über einen außerordentlichen Heeresetat stimmte Rhomberg dann gegen alle Posten dieses Extraordinariums. Für sein Verhalten wurde er vom Kaiser beim Hofcercle am 4. Juni demonstrativ ignoriert Vgl. dazu Hans Nägele, Sechs Generationen im Dienste ihrer Textilwarenfabriken. Die Firma Herrburger & Rhomberg in Dornbirn, Innsbruck und Wien von 1795 bis 1945, Dornbirn-Innsbruck-Wien 1945, bes. S Zu Adolf Rhomberg vgl. Karin Schneider, "So suchte er zu nützen eben, auch viel im öffentlichen Leben". Die Memoiren des Vorarlberger Landeshauptmanns Adolf Rhomberg. Edition und Kommentar (Quellen zur Geschichte Vorarlbergs 5), Regensburg 2002; weiters auch Haffner, Die Kasiner, S Schneider, Rhomberg, S Ebd., S Ebd., S. 97 f.

9 9 Im Jahr 1881, als der Kaiser das Rhomberg sche Haus in Dornbirn passierte, war die Wiese gegenüber noch weitgehend unbebaut nur das Haus und der Stadel der Schwestern Huber standen dort. Heute befindet sich an dieser Stelle der ausladende Bau des Kapuzinerklosters, das auf eine Initiative Rhombergs zurückgeht. Auch wenn die These von der Feudalisierung des deutschen und österreichischen Bürgertums heute weit differenzierter als noch vor wenigen Jahren gesehen wird, kann dennoch die Übernahme verschiedener Elemente aristokratischer Lebensführung in die Welt des Wirtschaftsbürgertums ausgemacht werden erkrankte Rhombergs Frau Anna an einer schweren Bauchfellentzündung. Rhomberg gelobte für den Fall ihrer Genesung die Gründung eben jenes Klosters und stellte sich mit diesem Akt in eine adelige Tradition. 38 Dass diese noble Geste seine Beliebtheit unter dem katholisch-konservativen Teil der Bevölkerung steigerte, war dabei kein unerwünschter Nebeneffekt. Nachdem Rhomberg sein Vorhaben auch bei der liberalen Mehrheit im Dornbirner Rathaus durchgesetzt hatte, konnte im darauffolgenden Jahr der Grundstein gelegt werden. Im September 1894 erfolgte schließlich die feierliche Einweihung. Noch heute finden sich im Kloster viele Erinnerungen an den Gründer, wie etwa sein Grabmal im Querschiff. Eines der eindruckvollsten Stücke aber ist das Altarbild, das im Hintergrund Adolf und Anna Rhomberg als Stifter zeigt und die Erinnerung an sie wachhält. 39 Gleichzeitig propagierte Rhomberg mit dem Gemälde sein soziales Programm, das auf der Enzyklika "Rerum Novarum" von Papst Leo XIII. basierte. Im Zentrum der Darstellung steht der hl. Josef mit dem Jesuskind als Schutzpatron der Kirche und des arbeitenden Volkes. An seiner rechten Seite knien Papst Leo XIII., ein Kardinal und ein Prälat als Vertreter der geistlichen, sowie Kaiser Franz Josef als Repräsentant der weltlichen Macht. Der Papst streckt seine Arme Josef entgegen, um die Christenheit dem Schutz des Heiligen zu empfehlen. Zu Füßen Josefs liegt ein sterbender Arbeiter im Schoß seiner Frau, die ein Kleinkind in den Armen hält. Ein Kapuzinerpater gibt dem Kranken die letzte Ölung. Ein größerer Knabe steht weinend daneben. Am linken Bildrand sind ein blinder Greis, der von einem Mann geführt wird, und ein in Not geratener Arbeiter dargestellt, die den hl. Josef um Hilfe anflehen. Über dieser Szenerie schweben fünf Engel, von denen drei Glaube, Liebe und Hoffnung personifizieren, zwei aber Tischlerwerkzeuge mit sich führen. Im Hintergrund sind Adolf und Anna Rhomberg zu erkennen. Der Politiker hält ein Modell der Kirche in seinen Händen, welche er 37 Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert (Österreichische Geschichte ), Wien 1994, S. 73; Hartmut Kaelble, Wie feudal waren die deutschen Unternehmer im Kaiserreich? Ein Zwischenbericht, in: Beiträge zur quantitativen vergleichenden Unternehmergeschichte, hrsg. v. Richard Tilly, Stuttgart 1985, S Schneider, Rhomberg, S. 92 f. 39 Vgl. Haffner, Kasiner, Tafeln zwischen S. 64 und 65; Vorarlberger Volksblatt,

10 10 dem Schutz des hl. Josef empfiehlt. Dahinter öffnet sich der Blick auf Dornbirn, wie es sich vom Zanzenberg aus darstellt. Die politische Aussage des Bildes ist eindeutig: Nur der rechte Glaube und die ihn vertretende konservative (bzw. christlichsoziale) Partei kann dem ausgebeuteten Arbeiter helfen, sein Los zu lindern. Die Repräsentanten der Kirche, aber auch der Kaiser von Österreich, bitten für die Unterprivilegierten und stehen ihnen in ihrer Not zur Seite. Adolf Rhomberg ist zwar Fabrikant, doch steht er in unmittelbarer Nähe des Heiligen, dessen Sakralität ihn als gerechten Herrn seiner Arbeiter legitimiert. Der Kulturkampf und die politische Propaganda hatte auch vor dem Altarraum der Kapuzinerkirche in Dornbirn nicht Halt gemacht. Adolf Rhomberg instrumentalisierte ihn durch dieses Bildprogramm vielmehr für seine politischen Interessen. Die Arbeiter, die, folgt man der Darstellung auf dem Altarbild, ihr Heil nur im katholischen Glauben und in der Unterstützung seiner weltlichen Vertreter, der konservativen Partei, finden konnten, waren auch in verschiedenen Fabriken der Firma Herrburger & Rhomberg beschäftigt. So in der Spinnerei in Juchen, die der Kaiser während seines Besuches besichtigte. Dieser Betrieb war 1812 errichtet worden, 1813 ging er als mechanische Flachsspinnerei in Betrieb. Rasch zeigte sich, dass die Flachsverarbeitung aufgrund der englischen Konkurrenz nicht gewinnbringend betrieben werden konnte, und so wurde die Anlage auf Baumwolle umgestellt. Ursprünglich war die Einrichtung auf Spindeln ausgelegt liefen Mulspindeln, bis zu 120 Personen waren beschäftigt. 40 Die Spinnerei Juchen war bereits einmal von einem österreichischen Kaiser besucht worden: Am 16. Oktober 1815 hatte Kaiser Franz I. den Betrieb besichtigt. Kaiser Franz Josef wurde 1881 von den Besitzern der Firma Herrburger & Rhomberg, von Wilhelm, Adolf dem späteren Landeshauptmann und Theodor Rhomberg "erfurchtvollst" empfangen. Die Fabrikanten führten den Kaiser durch das Erdgeschoß und den ersten Stock der Spinnerei und demonstrierten ihm die Arbeit an den Spinnmaschinen. Der hohe Gast zeigte sich, so berichten die Zeitungen, sehr angetan von den Arbeitsverhältnissen und der Arbeiterschaft. Auch die Umgebung der Fabrik, die einem Garten ähnle, lobte er. 41 Anschließend ging die Fahrt weiter ins Gütle, wo die Spinnerei von F. M. Hämmerle zur Besichtigung bereit war. Auf dem Platz vor dem Fabrikgebäude, den ein heute noch bestehender Springbrunnen zierte, hatten sich Gruppen von Arbeitern aufgestellt, die Wimpel schwenkten und dem Kaiser zujubelten. Auch hier wurde der Monarch von den 40 Hubert Weitensfelder, Firmen und Fabrikanten. Vorarlberger Betriebe und Baumwollverleger in Stichworten, ca bis 1870, in: Dornbirner Schriften. Beiträge zur Stadtkunde 19 (1995), S , hier S ; Nägele, Generationen, S Dornbirner Gemeindeblatt,

11 11 Fabrikbesitzern Otto und Viktor Hämmerle begrüßt, die ihm sogleich eine besondere Attraktion vorführen konnten: einen Telefonapparat, der erst wenige Tage zuvor aufgestellt worden war. Dieser verband das Büro der Firma F. M. Hämmerle im Oberdorf mit den Betriebsgebäuden im Gütle. Kaiser Franz Joseph zeigte sich an dieser Einrichtung sehr interessiert, ließ sich den Apparat genau erklären und telefonierte mit Baptist Hämmerle, der sich im Oberdorfer Büro aufhielt. Zum Beweis, dass er den Sprechenden verstanden habe, wiederholte der Monarch das Gehörte "und zeigte sich sehr erfreut". 42 Anschließend erfolgte die Besichtigung der Spinnerei. Diese war 1864 mit einer Kapazität von Spindeln errichtet worden, 1868 bereits erfolgte eine Erweiterung um weitere Spindeln besaß die Spinnerei Selfactorspindeln, 52 Männer und 42 Frauen waren dort beschäftigt. 43 Den Rückweg zum Bahnhof nahm Kaiser Franz Josef über das Oberdorf und passierte dabei den Zanzenberg. Dieses Plateau spielte in der Festkultur des liberalen Dornbirner Bürgertums eine wichtige Rolle. Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Fabrikant Johann Georg Ulmer eine heute noch erhaltene Gloriette errichtet, welche vom Bruder Kaiser Franz Josefs, Erzherzog Karl Ludwig, im Jahr 1856 besichtigt worden war. 44 Nachdem das Gelände in den Besitz von Viktor Hämmerle übergegangen war, ließ jener dort Spazierwege anlegen und Gartenanlagen gestalten. 45 Diese Ausgestaltung zu einer parkähnlichen Anlage markiert den Beginn einer intensiven Nutzung des Berges anlässlich diverser Feiern. Besonders die verschiedenen Gesangsvereine, der Männerchor oder der Oberdorfer Gesangsverein "Frohsinn" wählten diesen Ort, um (nicht nur) Anfang Mai Chöre ins Tal zu "schmettern". 46 Der Turnverein setzte zahlreiche seiner Schauturnen dort in Szene. 47 Für verschiedene Siegesund Gedenkfeiern wurde dieses Ambiente ebenfalls genutzt. Am 22. Mai 1871 beteiligte sich etwa der Turnverein an der Siegesfeier, die anlässlich des deutschen Triumphes im Deutsch- Französischen Krieg stattfand. 48 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führten die Routen der Fackelzüge, mit welchen zu dieser Zeit bevorzugt Jubiläen begangen wurden, in der Regel auf das Plateau. Auf diese Art wurde 1913 beispielsweise der Völkerschlacht bei Leipzig gedacht, fand dort das Vorarlberger Gauturnfest statt Ebd. 43 Weitensfelder, Firmen, S. 59 f. 44 Albrich-Chronik Teil I, StAD. 45 Ebd Chronik Männerchor, Bd. "Dokumente", StAD; weiters Chronik Gesangsverein Frohsinn, 1890 und 5. August Ebd. 47 Chronik Turnverein, 1894 und StAD. außerdem Albrich-Chronik, Teil I, Ebd. 48 Chronik Turnverein, Ebd. 49 Chronik Damenchor, Ebd. 50 Chronik Turnverein, Ebd.

12 12 Auf dem Zanzenberg wurden ausschließlich Festlichkeiten begangen, die im weitesten Sinn mit dem liberalen Lager in Zusammenhang standen. Das ging so weit, dass dieses Plateau für die Klerikal-Konservativen bzw. Christlichsozialen den Hort des Liberalismus per se symbolisierte. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch die Person seines Besitzers, Viktor Hämmerle, der sich politisch auf Seiten der Liberalen engagierte. Eine satirisch-polemische Zeichnung, die anlässlich der sozialen und wirtschaftlichen "Vernachlässigung" des "Bauernstandes" von konservativer Seite angefertigt wurde, wählt nicht etwa die von der liberalen Mehrheit beherrschte Gemeindestube, sondern den Zanzenberg zum Ort des Geschehens. Die Illustration zeigt den licht bewaldeten Zanzenberg, auf dessen Bäumen Dutzende von Bauern an den Zehen aufgehängt sind. Im Schatten der Bäume spazieren die liberalen Fabrikanten und Bildungsbürger, einige lesen auch in Zeitungen. Diese enthalten lange Artikel über das Volkswohl, die Aufklärung, Bildung und Fortschritt. Am Fuß des Zanzenberges stehen abgemagerte Arbeiter "voller Furcht vor der liberalen Hebung des Bauernstandes". 51 Im Ortsteil Oberdorf besichtigte Kaiser Franz Josef noch ein Magazin der Firma F. M. Hämmerle. 52 Dieser Bezirk war nicht nur eine bevorzugte Wohngegend, sondern hier fand auch rund zehn Jahre später, 1892, die Koch- und Haushaltungsschule im alten Schulhaus ihr endgültiges Zuhause. Vermutlich hatte Kaiser Franz Josef Glück, dass er von den Dornbirnern nicht zum Frühstück eingeladen wurde. Das jedenfalls legt der Bericht eines Bezirkskommissärs nahe, der meinte, dass "besonders in Vorarlberg [...] die Küche der Bevölkerung sowohl in haushälterischer als auch in culinarischer u. hygienischer Beziehung auf sehr niederer Stufe steht [...] mit jener der übrigen österr. Kronländer keinen Vergleich aushalten kann [...]". 53 Abhilfe schuf hier auch die oben erwähnte Koch- und Haushaltungsschule. Ihre Anfänge liegen in Kochkursen für Arbeiterinnen, die über Veranlassung einiger Fabrikanten 1889 erstmals stattfanden. Sie sollten den durch die Fabrikarbeit stark in Anspruch genommenen Frauen die Grundlagen der Speisezubereitung aus billigen Lebensmitteln, der Hygiene und der Vorratshaltung vermitteln. 54 Dieses Engagement der Fabrikanten für ihre ArbeiterInnen entsprach ihrer überwiegend paternalistischen Grundeinstellung. Sie fühlten sich immer noch der, allerdings stark modifizierten, Vorstellung des "ganzen Hauses" verpflichtet, in dem der Fabrikant die Rolle des Hausvaters übernahm und zu seinen Untergebenen ein persönliches Verhältnis pflegte. 51 Vorarlberger Volksblatt, Dornbirner Gemeindeblatt, Bezirkskommissär an Bezirkshauptmannschaft Feldkirch, VLA, BA und BH Feldkirch, Karton 659, 39/ Dornbirner Gemeindeblatt,

13 13 Mit der Einrichtung der Kochkurse griff man auch in die innerfamiliären Verhältnisse der Arbeiterschaft regulierend ein. Die Kulturwissenschaftler jener Zeit waren von den positiven Auswirkungen einer guten Küche auf das Wohl und Gedeihen der Familie überzeugt. 55 Der Zusammenhang zwischen einem glücklichen Privatleben und hoher Arbeitsleistung war wohl auch den Fabrikanten bewusst. Auch wurde durch diese soziale Fürsorge die Beziehung zwischen den Arbeitern und den Fabrikanten verstärkt, so dass sich um die Betriebe ein relativ stabiles Kontingent von Facharbeitern bildete. Doch auch unverheiratete Frauen, die hier die entsprechende Ausbildung für eine Dienststelle als Köchin erwerben wollten, waren willkommen. Später wurden auch Kochkurse für Töchter aus bürgerlichem Hause veranstaltet. Die offizielle Begründung der Fabrikanten für ihr Engagement war nach der Aussage ihres Sprechers August Salzmann die "Wohlfahrt". Dieses Motiv wurde auch von der Gemeindevorstehung aufgegriffen, die "kein Nachdenken und kein Opfer gescheut habe, Schönes, Gutes und Gemeinnütziges zu fördern, ins Leben zu rufen und zu erhalten" 56. Das Zustandekommen des Kurses war somit dem Zusammenwirken der liberalen Gemeindevertretung mit einem Fabrikantenkomitee zu verdanken, dessen Mitglieder großteils selbst in dieser Gemeindevertretung saßen und die eine traditionelle bürgerliche Tugend, ja, eine "Bürgerpflicht" 57 die Wohltätigkeit praktizierten. Ursprünglich im Armenhaus und später im "Haus des J. J. Winsauer bei der Kirche in Hatlerdorf" untergebracht, 58 übersiedelte die Kochschule, wie bereits erwähnt, 1892 in das alte Schulhaus im Oberdorf. Dieses befand sich ebenso im Besitz von Viktor Hämmerle wie der Zanzenberg. Der Fabrikant ließ das Gebäude entsprechend den Bedürfnissen der Schule adaptieren und gilt noch heute als ihr eigentlicher Gründer. 59 Für kurze Zeit war in den Räumlichkeiten der Koch- und Haushaltungsschule auch die Mädchen-Fortbildungsschule untergebracht. Das Institut verdankte seine Entstehung einer Initiative des "Vereins für Mädchenfortbildung". Dieser wies überwiegend liberale Bildungsbürger und Unternehmer, so auch den umtriebigen Viktor Hämmerle, in seinen Reihen auf. Der Unterricht an der Schule begann im Wintersemester 1900, im Mai 1901 konnte das neu errichtete Schulgebäude, ebenfalls im Oberdorf, bezogen werden. Ursprünglich hatten die Vereinsmitglieder die Notwendigkeit einer solchen Unterrichtsanstalt mit der immer höheren Rate von aus finanziellen Motiven erwerbstätigen Frauen 55 Vortrag der Kochlehrerin Alwine Boßhart, in: Dornbirner Gemeindeblatt, Dornbirner Gemeindeblatt, Gabriele Bahremann, "Bürgerliche Werte" im Wiener Bürgertum des 19. Jahrhunderts. Eine Untersuchung anhand von Autobiographien, phil. Dipl. Wien 1997, S. 51 f. 58 Albrich-Chronik, Teil I, 1889 und StAD. 59 Anna Wehinger, Dornbirner Kochbuch selbsterprobte Kochrezepte für gewöhnlichen und besseren Haushalt, nebst zwei vierwöchentlichen Speisezetteln und einer Nährmitteltabelle, Dornbirn , S. 5.

14 14 argumentiert. Dabei gingen sie jedoch nicht von der Vorstellung ab, dass die naturgemäße Stätte des weiblichen Wirkens das Haus und die Familie sei. 60 Die Theorie der Geschlechtercharaktere war auch in Dornbirn bekannt. Dieser gesellschaftsstabilisierende Diskurs erklärte die Trennung der männlichen und weiblichen Lebensbereiche auf biologistisch-"wissenschaftlicher" Grundlage aus der grundsätzlich unterschiedlichen Verfasstheit von Mann und Frau. Während die Frau in ihrer Sanftheit und Passivität für eine Tätigkeit im Haus prädestiniert sei, bringe der Mann, dessen Natur als stark, aggressiv und durchsetzungsstark erachtet wurde, für die außerhäusliche Erwerbsarbeit ideale Voraussetzungen mit. 61 Betrachtet man den Lehrplan der Mädchen-Fortbildungsschule, so spiegelt sich darin diese bürgerliche Überzeugung wider. Er war auf die Bedürfnisse bürgerlicher Töchter zugeschnitten. Allerdings stand der Erwerb von Kenntnissen, die für eine spätere berufliche Tätigkeit von Nutzen sein konnten, im Hintergrund. Wichtiger war die Erziehung zur tüchtigen Hausfrau und späteren Mutter, die in allen Belangen des Haushaltes sowie in den Handarbeiten beschlagen war. 62 Der Rückweg führte den Kaiser, der mit diesen Vorstellungen über Mädchenerziehung zweifellos konform ging, über die Oberdorferstraße zurück zum Marktplatz. Dabei passierten die Wagen zahlreiche Fabrikantenvillen, beispielweise den in den Formen der Neorenaissance errichteten Wohnsitz von Otto Hämmerle. Das 1873 gebaute Gebäude war, wie beinahe alle Villen in Dornbirn, vom Architekten Julius Hämmerle geplant und vom Baumeister Josef Anton Albrich ausgeführt worden. Es war von einem großzügig angelegten Park umgeben und galt allgemein als Sehenswürdigkeit etwa hatte der Statthalter von Tirol und Vorarlberg, Graf Taaffe, die Villa besichtigt. 63 Doch nicht nur das Gebäude selbst, auch der Garten galt als sehenswert besuchte der Gesangsverein Wangen seinen Bruderverein in Dornbirn und wurde durch den Ort geführt. Am Nachmittag besuchte man auch die Villa und die Parkanlagen: "... wir schritten über den Eisplatz nach dem Bodensee en miniature zwischen der Station Lindau und Friedrichshafen vorbei und gelangten dann in die Nähe des Turnplatzes und des Goldfischteiches zum Aussichtsthurme, welchen wir [...] bestiegen." 64 Aus dieser Beschreibung wird deutlich, dass der Gartengestaltung zumindest im Haus Otto Hämmerle viel Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Man baute Landschaften in kleinerem 60 Komitee an die Gemeinde Dornbirn, StAD, Karton 44/5. 61 Claudia Honegger, Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaft vom Menschen und das Weib, Frankfurt a. M. 1991; Karin Hausen, Die Polarisierung der "Geschlechtscharaktere" Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas, hrsg. v. Werner Conze, Stuttgart 1976, S Dornbirner Gemeindeblatt, ; Reinhard Sieder, Sozialgeschichte der Familie, Frankfurt a. M. 1987, S Dornbirner Gemeindeblatt, Chronik Männerchor, Bd. 3, StAD.

15 15 Maßstab nach und legte Fischteiche sowie Aussichtspunkte an. Otto Hämmerle als Mitglied des Turnvereins war körperliche Fitness offenbar so wichtig, dass er sich einen eigenen Turnplatz leistete. An der Oberdorferstraße lag auch das Rathaus. Der Platz davor, wo sich heute die Statue von Bürgermeister Dr. Johann Georg Waibel befindet, war 1881 noch leer. Waibel selbst befand sich höchstlebendig an der Seite des Kaisers, um ihm die örtlichen Gegebenheiten nahezubringen. Er starb erst 1908, knapp nach seinem 80. Geburtstag, und als Bürgermeister immer noch in Amt und Würden. Insgesamt fungierte er 38 Jahre lang, von 1870 bis zu seinem Tod 1908, als Gemeindeoberhaupt. In seiner langen Amtszeit hatte er verschiedene Krisen durchzustehen und politische Scharmützel auszufechten, denn in den 1870er und 1880er Jahren tobte in Dornbirn, wie erwähnt, der Kulturkampf zwischen der liberalen und der klerikal-konservativen Partei besonders heftig. Diese Spannungen entluden sich in der Gemeindestube, aber auch in den lokalen und regionalen Zeitungen und während der Sonntagspredigten. Das 1910 enthüllte Denkmal von Johann Georg Waibel war das erste, das in Dornbirn errichtet wurde. Denkmäler sind mehr als nur in eine bestimmte Form gebrachtes Material. Sie verkörpern eine Erinnerung an die Vergangenheit und verweisen gleichzeitig auf eine Zukunft im Zeichen dieser Vergangenheit. Sie stellen den Dreh- und Angelpunkt zwischen Raum, Zeit und Gedächtnis dar und legitimieren die Gegenwart. 65 Diese Motive trieben neben anderen wohl auch die liberalen Parteikollegen des Langzeitbürgermeisters an, die 1909 einen Spendenaufruf erließen. Rasch konnten so knapp Kronen zusammengebracht werden, mit welchen das eherne Standbild finanziert werden sollte. Interessanterweise finden sich nicht nur Parteigänger unter den Spendern, sondern auch Anhänger der klerikal-konservativen bzw. christlichsozialen Opposition. So stellte etwa die Firma Herrburger & Rhomberg, wo Landeshauptmann Adolf Rhomberg Gesellschafter war, dem Projekt Kronen zu Verfügung. 66 Der Weg des Kaisers, der ihm das bürgerliche Wirtschaftszentrum Dornbirn näher bringen sollte, führte jedoch nicht am so genannten Vereinshaus, dem Hauptquartier des Dornbirner Bürgerkasinos, Hort der klerikal-konservativen Opposition, vorüber. In dieser Vereinigung hatten sich im Jahr 1868 vorwiegend aus dem Kleinbürgertum stammende Männer zusammengeschlossen, um ein Gegengewicht zu der in Dornbirn und im Land Vorarlberg dominanten liberalen Fraktion zu stellen. Das Dornbirner Casino war, auch wenn es 65 Aleida Assmann, Zur Metaphorik der Erinnerung. Gedächtnisbilder, in: Vergessen und Erinnern in der Gegenwartskunst, hrsg. v. Kai-Uwe Hemke, Leipzig 1996, S , hier S. 18 f. u. 28 f. 66 Tabelle der Spender mit den Geldbeträgen. StAD, Karton "Gemischt 19. u. 20. Jahrhundert".

16 16 ausnehmend aktiv war, nur eines unter vielen, die Ende der 1860er Jahre in Vorarlberg gegründet wurden. Die Idee dazu wurde aus dem Großherzogtum Baden übernommen und fand ihren Weg über das Kurbad Obladis bei Landeck, wo sich die beiden Dornbirner Dr. Josef Anton Ölz und Johannes Thurnher der eine als Arzt, der andere als Kurgast aufhielten, nach Vorarlberg. Rasch nahm das Dornbirner Casino eine Führungsrolle in Vorarlberg ein. Zu seinen besten Zeiten zählte es mehr als 600 Mitglieder musste es seine herausragende Stellung wenigstens teilweise an den neu gegründeten "Katholischpolitischen Volksverein", die Landesorganisation der Klerikal-Konservativen, abtreten. Mediale Unterstützung genoss diese politische Fraktion durch das 1866 gegründete Vorarlberger Volksblatt. 67 Hartnäckig, aber bis zur Einführung des Verhältniswahlrechts 1909 vergeblich, versuchten die Konservativen, die Herrschaft der Liberalen in Dornbirn zu brechen. Dass der erste Wahlkörper liberal und der dritte konservativ wählte, galt von vornherein als entschieden. Konkret ging es bei den Gemeindeausschusswahlen daher darum, den zweiten Wahlkörper für die eigene Fraktion zu gewinnen. Die Einreihung in einen Wahlkörper hing vom Besitzstand bzw. der Bildung des Wählers ab. Wer über ein großes Vermögen oder einen höheren Schulabschluss verfügte, rutschte automatisch in einen höheren Wahlkörper. Die Grundlage für die Wahlkörpereinteilung bildeten die Steuerlisten, welche vom Steuerrat im Ort erstellt wurden. Diese erfassten die Vermögenssteuerleistung der einzelnen Haushaltsvorstände und waren nach der Höhe der Abgaben gegliedert. Dann wurde die Gesamtsteuerleistung der Gemeinde gedrittelt, um so die Wähler entsprechend ihrem Rang einer Wählerklasse zuzuordnen. Die durch Bildung Privilegierten wurden entweder dem ersten oder zweiten Wahlkörper zugewiesen. Sowohl die Liberalen, als auch die Konservativen versuchten, zuverlässige Anhänger im zweiten Wahlkörper unterzubringen. Auf Gemeindeebene war dies in begrenztem Rahmen durch die Manipulation der Steuerlisten durch das Überschreiben von Vermögensteilen an die Frau, die Kinder, Freunde oder ergebene Angestellte möglich. Dadurch stieg auch deren Vermögenssteuerleistung, und sie rückten in der Wählerliste nach vorne. Weiters war es auch üblich, auf "Stimmenfang" zu gehen. Besonders engagierte Parteifunktionäre wanderten von Haus zu Haus und versuchten, vor allem Alte und Witwen auf ihre Linie einzuschwören. Dass die Konservativen, die hier auf die Unterstützung der Geistlichen zählen konnten, besonders erfolgreich waren, ist naheliegend. Dieselben Machenschaften wurden aber auch den Liberalen vorgeworfen. Das Vorarlberger Volksblatt berichtete 1888 empört: "Kam da ein Fabrikant zu einer Wittwe, die ihm als Betschwester galt, demonstrirte ihr vor, wie katholisch 67 Haffner, Kasiner, S

17 17 er und seine Genossen seien, sie möge ihm nur die Vollmacht geben, er wolle sie beim Pfarrer entschuldigen." 68 Hier klingt noch eine Bestimmung an, die vor allem den Konservativen gegen den Strich ging: es gab, bedingt durch den Grundsatz "Besitz wählt", zahlreiche Personen, die durch einen Vormund vertreten werden mussten: Dabei handelte es sich vor allem um Frauen und Kinder. Diese "Weibervollmachten" waren den Konservativen ein Dorn im Auge, denn sie vertraten die Ansicht, dass viele Frauen gerne konservativ wählen würden, was durch die meist liberalen Vormünder hintertrieben werde. 69 Während des Wahlkampfes konnte angeblich auch beobachtet werden, dass die liberalen vermögenden Gemeindebürger plötzlich verstärkt einheimische Händler aufsuchten. Allerdings ließe das Interesse an einheimischen Waren am Tag nach der Wahl genauso schnell auch wieder nach. 70 Der liberale Viktor Hämmerle, so kolportiert ebenfalls das Vorarlberger Volksblatt, erschien 1891 während der Gemeindeausschusswahl mit seinem Stab vor dem Wahllokal und begrüßte die Wähler einzeln. Angeblich mussten Unzuverlässige sogar ihre Kuverts öffnen und den Wahlzettel überprüfen lassen. 71 Einen spektakulären Höhepunkt erreichten die Machenschaften im Vorfeld der Wahlen im Jahr 1885, als ein Drohbrief folgenden Inhalts bei der Gemeinde einging: "Mit Pulver und Blei macht man aus dem Bürgermeister und dem Doktor Herburger [Dr. Leo Herburger, liberale Gemeindeausschuss] eine Leich, das wird sich bald weisen." 72 Es blieb jedoch bei diesen wüsten Drohungen. Selbstverständlich kam es nach jeder dieser Wahlen zu einem juristischen Nachspiel, das jedoch nie zur Wiederholung eines Wahlgangs führte. Als Landeshauptmann Adolf Rhomberg im Namen der konservativen Fraktion 1891 bei der Staatsanwaltschaft Feldkirch die Vermögensteilungen anprangerte, verlief die Sache im Sand. Rhomberg behauptete in seinem Schreiben, man hätte "für Schreiber, Ladendiener und dergleichen, die, wie allgemein bekannt, einen Monatsgehalt von höchstens 60 fl. bezögen, Einkommen von circa fl. fatiert". Solch ein Vorgehen sei "eine Irreführung der Behörden, eine Fälschung oder im damaligen Stadium mindestens der Versuch der Fälschung des Wahlresultates und geradezu ein Stimmenkauf." 73 Die Bezirkshauptmannschaft, um ihre Meinung zu diesen Vorgängen befragt, meinte in ihrem Bericht lapidar: "Höher fatiert wurde auf beiden Seiten, auf liberaler 68 Vorarlberger Volksblatt, Ebd., Ebd., Ebd., Dornbirner Gemeindeblatt, Adolf Rhomberg an die Staatsanwaltschaft Feldkirch, VLA, BA/BH Feldkirch, Karton 351, 50/1891.

18 18 mehr und mit Erfolg, während die höheren Fassionen aus dem clericalen Lager nicht hoch genug waren, um die betreffenden Fatenten in den II. Wahlkörper zu bringen." Jahre lang befanden sich die klerikal-konservativen Gemeindeausschussmitglieder in Dornbirn in der Opposition. Regelmäßig gelangten die in der Gemeindestube ausgefochtenen politischen Konflikte in die Öffentlichkeit und wurden polemisch über die Medien ausgetragen. In einige war auch Bürgermeister Dr. Johann Georg Waibel als Person involviert beispielsweise wenn es um die Bemessung des Bürgermeister-Gehalts ging war eine nicht unerhebliche Erhöhung desselben von 175 auf fl. pro Jahr mit 18 liberalen gegen 10 oppositionelle Stimmen beschlossen worden. 75 Ähnlich 1899, als das Gehalt des Bürgermeisters mit 19 gegen 11 Stimmen, rückwirkend ab 1. Jänner, von auf fl. aufgestockt wurde. Das immer wieder vorgebrachte Argument der Klerikal-Konservativen, Waibel betreibe nebenher noch seine Arztpraxis, wurde nicht berücksichtigt. 76 Ähnlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand Waibel auch im Jahr Bei einer Rechnungsrevision wurde entdeckt, dass er Prozesskosten, die ihm aus einer Ehrenbeleidigungsklage gegen den damaligen Casino-Vorstand Johannes Thurnher entstanden waren, aus der Gemeindekasse bestritten hatte. Waibel hatte Thurnher gemeinsam mit Parteikollegen geklagt, der Prozess endete in einem Vergleich. Der Antrag der Konservativen, die Privatkläger sollten die Prozesskosten aus ihrer Privattasche bezahlen, wurde von der liberalen Mehrheit abgelehnt. 77 Obwohl sie als landesweit bekanntes Politikum durchaus einen Besuch wert gewesen wäre, besichtigte Kaiser Franz Josef auch die Turnhalle Dornbirn nicht; seine Besichtigungsroute führte direkt vom Oberdorf wieder zurück zum Bahnhof. Die Turnhalle verdankte ihre Bekanntheit in politisch interessierten Kreisen nicht nur den Aufsehen erregenden Konzerten, die unter Musikdirektor Torgglers Leitung dort gegeben wurden 78, sondern auch den Umständen ihrer Errichtung. In dieser Causa taucht Johann Georg Waibel nicht nur als Bürgermeister, sondern auch als Vereinsmitglied auf. Während er bereits als Gemeindeoberhaupt fungierte, war er gleichzeitig, bis 1871, im Vorstand des Turnvereins aktiv. Auch später blieb er dem Verein gewogen. Bereits 1872 hatte die Gemeinde dem Turnverein gratis einen Baugrund neben der Volksschule Markt überlassen. Rechtlich gesehen blieb der Boden allerdings im Besitz der Gemeinde. 79 Im März des folgenden Jahres 74 BH Feldkirch an Statthalterei Innsbruck, VLA, BA/BH Feldkirch, Karton 351, 50/ Gemeindeausschussprotokoll, StAD. 76 Gemeindeausschussprotokoll, Ebd. 77 Vorarlberger Volksblatt, Schneider, Sozialformationen, 170 f.; vgl. auch Dies., Rhomberg, S Gemeindeausschussprotokoll StAD.

19 19 wurde der Bau einer Turnhalle eben auf diesem Baugrund bewilligt. Als Gegenleistung hatte der Turnverein die Halle den Schulen zu Unterrichtszwecken zur Verfügung zu stellen. 80 Die klerikal-konservative Opposition weigerte sich entschieden, diesen Beschluss mitzutragen; im Gegenteil: Sie entschloss sich, beim Landesausschuss Berufung dagegen einzulegen und argumentierte, es hätten sich unter den abstimmenden Gemeindeausschussmitgliedern zu viele Mitglieder des Turnvereins befunden. Außerdem belaste der Beschluss das Stammvermögen der Gemeinde. 81 Auch der Einführung des Turnunterrichtes für Schulkinder konnte die Gemeindeopposition nichts abgewinnen, denn dieser würde nicht unentgeltlich erfolgen, sondern die Gemeinde hätte jährlich 100 fl. zuzuschießen. Und so ist "es [...] uns schlechterdings unmöglich, uns zu jener Begeisterung für den Turnunterricht in der Schule emporzuschwingen, wie sie uns mit ganzer Gewalt aufgedrungen werden will und die uns vergessen ließe, daß werthvolle Gemeindegrundstücke zu gemeinnützigern Zwecken dienen können, als zur Aufstellung von Reck und Barren". 82 Es dürfte hier allerdings auch die Sorge um eine unliebsame politische Beeinflussung der Gemeindejugend eine Rolle gespielt haben. Schließlich waren die Turnlehrer Liberale, die in punkto politischer Bildung der Jugend Religionslehrer und Pfarrer Konkurrenz machten. Die Klerikal-Konservativen drangen mit ihren entrüsteten Resolutionen nicht durch wurde die Turnhalle mit einem Schauturnen eröffnet und diente fortan auch als Konzert- und Veranstaltungssaal. Die Umstände, unter denen der Bau der Turnhalle zugunsten des Turnvereins Dornbirn vonstatten ging, zeigen deutlich die engen Verbindungen zwischen Vereins- und Gemeindepolitik. Der Turnverein organisierte vorwiegend liberal eingestellte Männer wie eben den späteren Bürgermeister Waibel und leistete so auch einen Beitrag zur Stabilisierung der Machtverhältnisse in Dornbirn. Hinter dem Rathaus liegt der Friedhof von Dornbirn konnte der die Oberdorferstraße (heute Dr. Waibel-Straße) herunterfahrende Monarch jedoch höchsten die Mauern betrachten, welche die Anlage umgeben war die Pfarrkirche St. Martin nicht nur neu erbaut, sondern auch beträchtlich vergrößert worden. Ein Teil des ursprünglichen Kirchhofs ging so als Begräbnisplatz verloren, weshalb man hier, etwas entfernt von der Kirche und außerhalb des Siedlungskerns, den neuen Friedhof errichtete. Man entschied sich für eine so genannte Campo-Santo-Anlage: ein rechteckiges Feld mit umlaufenden Arkadengängen, deren zugemauerte Rückseite den Friedhof umschloss. 83 Durch Säkularisierung und Aufklärung 80 Gemeindeausschussprotokoll Ebd. 81 Vorarlberger Volksblatt, Ebd., Vgl. dazu Barbara Happe, Die Entwicklung der deutschen Friedhöfe von der Reformation bis 1870, Tübingen 1991, S. 87.

20 20 kam es beim Erwerb von Arkadengräbern zu einem Motivwandel: Der Gedanke der religiösen Heilserwartung verlor gegenüber weltlichem Repräsentationsdenken an Bedeutung. 84 Der Friedhof wurde zunehmend zu einem Ort bürgerlicher Selbstdarstellung. Die Grabplätze unter den Arkaden wurden an vermögende Gemeindemitglieder verkauft, die dort durch die Errichtung prunkvoller Grabmonumente eindrücklich auf ihren sozialen Status im Ort hinweisen und ihren gesellschaftlichen Führungsanspruch demonstrieren konnten. 85 Auf dem Friedhof spiegelten sich Reichtum und Geschmack der Einwohner, aber auch die gesellschaftlichen Strukturen der Gemeinde. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden viele künstlerisch anspruchsvolle Grabensembles errichtet, welche die Anlage zu einer Attraktion machten. Die Dornbirner jedenfalls waren überzeugt, dass dieser Friedhof "unstreitig einer der schönsten des Landes" sei, "sowohl seiner Lage als insbesondere der großen Zahl seiner hervorragenden Kunstwerke wegen, die zahlreiche Arkaden zieren." 86 Und jedes weitere Grabmonument hob die "Sehenswürdigkeit" des Friedhofs. 87 So wurde er zu einer Touristenattraktion, die auch im 1894 vom Verschönerungsverein herausgegebenen Führer nicht fehlen durfte: "Er [der Friedhof] ist von gemauerten Arkaden umfangen, in welchen manche von namhaften, anerkannten Künstlern gefertigte Grabdenkmale, Sculpturen, zu sehen sind. Dieser Friedhof, einer der schönsten im ganzen Lande, wird von Fremden häufig besucht." 88 Immer wieder wurden überregional bekannte Bildhauer, wie etwa Johann Georg Matt aus Bregenz, der in Wien seine Ausbildung erhalten hatte, engagiert. Besonders gefielen aber die Kunstwerke, die der in Rom lebende Georg Feuerstein schuf. 89 Von ihm stammt beispielsweise das Grabmonument der Familie Franz Martin Hämmerle. 90 Immer wieder finden sich Inschriften, welche die Besucher auf die Tugenden der Verstorbenen aufmerksam machen sollen oder der Hoffung auf das ewige Leben im Jenseits Ausdruck verleihen. Überwiegend handelt es sich um Bibelsprüche, manche sind jedoch individuelle Mottos oder Lobpreisungen. Solch eine Inschrift befindet sich auch auf dem Grabdenkmal der Familie Franz Martin Hämmerle und nimmt Bezug auf Viktor Hämmerle: "Wohltaten spendend ging er durch das Leben." Hämmerle war durch seine Großzügigkeit überaus populär. Er unterstützte öffentliche Bauaufgaben ebenso wie Vereine und konnte 84 Ebd., S kostete eine Arkade 75 fl., fl. Vgl. Albrich-Chronik, Teil 1, 1848 und StAD behauptet Albrich, früher hätte eine Arkade 70 fl. gekostet. 86 Vorarlberger Volksblatt, Dornbirner Gemeindeblatt, Dornbirn in Vorarlberg, S Georg Feurstein/Helmut Swozilek, Die Bildhauer Georg Feurstein und Georg Matt, Bregenz Dornbirner Zeitung,

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