Auch starke Kinder weinen manchmal von Paulina*

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1 Auch starke Kinder weinen manchmal von Paulina* 1 Vor fünf Jahren hatte mein Vater seinen ersten Tumor. Alles fing mit furchtbaren Rückenschmerzen an. Jeder Arzt, den wir besuchten, sagte was anderes. Bis einer herausfand, dass er schon seit langem an Krebs litt, an einem Tumor im Rücken. Mit sieben Jahren wusste ich noch nicht so ganz, was Sache war, ganz zu schweigen von meinem Bruder, der damals erst zwei war. Vierzehn Monate lang wurde der Tumor mit Chemotherapie, Radiotherapie und einer Operation behandelt. Oft war er nicht da, wochenlang im Krankenhaus in der Stadt. Meinen Freundinnen sagte ich nichts. Ich wollte nicht die sein mit dem kranken Vater, doch meine Lehrer wussten Bescheid. Deshalb sagten sie nichts, als ich ein paar Mal zu spät kam, einmal weil der Krankenwagen meinen Vater in der Früh ins Krankenhaus bringen musste. Einmal hatte er sich von uns einen Schnupfen aufgeschnappt und blieb eine Woche lang im Krankenhaus. Nach mehr als einem Jahr hieß es: Der Tumor ist weg. Ein Jahr später zogen wir aus England nach Deutschland. Ich kam in die dritte Klasse, lernte neue Freunde kennen. In der vierten Klasse fing es mit dem Tumor wieder an. Wieder Chemotherapie. Meine Lehrerin hat Bescheid gekriegt, aber meinen Freunden habe ich es nicht gesagt, ich kannte sie gerade mal ein Jahr. Als ich in die fünfte Klasse kam, lernte ich wieder neue Freunde kennen. Der Tumor war immer noch da. Einer Freundin und ein paar Erwachsenen außerhalb der Schule erzählte ich, dass mein Vater Krebs hatte. Dann musste er nach Heidelberg zur Radiotherapie. Meine Mutter hatte vorgeschlagen, zu einer Gruppe für Kinder krebskranker Eltern zu gehen, sie nannten sich Bergfüchse. Von der Idee hielt ich damals nicht sehr viel, also ließ es meine Mutter sein.

2 2 Doch zum Glück hatte die Radiotherapie in Heidelberg ihren Job gemacht. Den Rest der fünften Klasse und die Sommer Ferien konnten wir alle sorgenfrei genießen. In der sechsten Klasse wurde die Freundin, der ich mein Geheimnis anvertraut hatte, meine beste Freundin. Sie hatte auch nichts weiter zu dem Tumor gesagt. Vor einigen Monaten, als ich einmal von einer Geburtsparty nach Hause kam, hatte mein Vater Rückenschmerzen. Eine Woche später, als er mich von der Schule abholte, erklärte er mir, dass er vielleicht bald ins Krankenhaus muss, um zu schauen, ob da nicht doch irgendetwas ist, das die Rückenschmerzen bewirkt. Bald erfuhren wir, dass da bereits wieder ein Tumor wächst. Wieder wird der Tumor mit Chemotherapie behandelt. Diesmal ging meine Mutter gleich zur Frau Mück. Es war schon der dritte Tumor und wir kannten noch keine anderen Kinder die sich in derselben Situation befanden. Nachdem ich Frau Mück kennenlernte, Radio-Robby und Chemo-Kasper las, wurde mir alles richtig klar. Ich bereute es, dass ich es in der fünften Klasse so frei und offen herum erzählt hatte. Ich hoffte, alle hatten es vergessen. Diesmal erzählte ich es keinem. Es ist meine Sache. Mein Bruder erzählte es einmal einem Freund, dem er vertraut. Sie waren aber nicht alleine am Spielplatz gewesen. Eine Woche später kamen mir zwei Mädchen an der U-Bahn Haltestelle entgegengelaufen. Das eine Mädchen ist in der Hausaufgabenbetreuung, in der mein Vater eine Zeit lang, als es ihm gut ging, geholfen hat. Wir hatten uns schon Gedanken gemacht, was die Jungs und Mädchen zur Abwesenheit meines Vaters sagen würden. Nun erzählte mir das eine Mädchen, irgendeine hatte von irgendeinem gehört, dass mein Vater Krebs hat. Ich war überrascht und ein wenig traurig, aber man konnte die Sache nicht rückgängig machen. Wenn man jemanden so etwas sagt, dann muss man damit rechnen, dass er im Laufe der Zeit nicht der einzige sein wird, der es weiß.

3 3 Versteht mich nicht falsch, es gibt auch Menschen, denen man in jedem Fall vertrauen kann, aber besonders Kinder müssen es selbst erlebt haben, um uns verstehen und mitfühlen zu können. Aber jeder reagiert anders. Jetzt besuche ich regelmäßig Frau Mück und zu den Bergfüchsen gehöre ich jetzt auch. Jetzt weiß ich, dass mein Bruder und ich nicht die einzigen sind, die einen kranken Papa oder Mama haben. Doch ich weiß, dass es mir eigentlich viel schlechter gehen könnte. Viele Menschen unterstützen mich, so wie Frau Mück, meine Mutter, meine Großeltern, meine Hortbetreuer und auch mein Vater. Ich kann immer mit ihnen reden. Ich muss nicht alleine den Berg besteigen. Ich gehöre ja zu den Bergfüchsen. Das war meine Geschichte, die vor fünf Jahren angefangen hat, keiner weiß, wie sie endet. Aber wir bleiben stark. Manchmal will man einfach nur schreien oder heulen. Es wird von einem erwartet, dass man alles versteht und erwachsen sein soll. Am besten ist es, wenn man ärgerlich ist, dass man gleich in ein Kissen schreit oder ein bisschen weint. Nicht gut ist, andere mit seiner Wut anzustecken. Es ist ja in Ordnung ärgerlich zu sein, aber dann sollte man gleich versuchen die Wut herauszulassen. Sonst platzt sie zu einer dummen Zeit raus, zum Beispiel im Pausenhof mit einer Freundin, dann fühlt sich die Freundin betroffen und es führt vielleicht zu Auseinandersetzungen. Besonders wenn die Freundin nicht weiß, was zuhause los ist, und man ihr das auch nicht sagen will. Dann frägt sie, warum du so wütend bist und man sagt: Ich weiß es nicht. Es ist schwierig, es so zu machen, dass keiner davon etwas mitkriegt. Am besten ist es, bevor man in die Schule geht, alle Wut rauszulassen und sorgenfrei in die Schule zu gehen.

4 4 Ein oder zwei Lehrer sollten immer Bescheid wissen. Stell dir vor, du bist im Unterricht und fängst plötzlich an zu weinen. Wenn der Lehrer nicht Bescheid weiß, dann frägt er erst mal, warum du weinst, aber wenn er Bescheid weiß, dann kann man nur hoffen, dass er nicht vor der ganzen Klasse irgendwelche Fragen stellt, sondern dich nur beruhigt und nach der Stunde ein paar Sachen frägt. Leichter ist es, es welchen zu sagen. Aber wenn die so was noch nicht erlebt haben und nicht wissen, was Krebs ist, dann ist es auch schwierig für die mitzufühlen und so was ist leicht rumgesagt. Manchmal kommt man nach Hause und das Essen steht auf dem Tisch, aber der Krebskranke liegt im Bett, dann fühlt es sich sich so an, als ob man auf sich allein gestellt ist. Erst später, wenn der andere Elternteil nach Hause kommt, ist alles wieder normal. Aber was ist schon normal? Ist es normal, dass ein Elternteil unter Krebs leidet und alle davon betroffen sind? Ist es nicht ungerecht? Wenn man den Krebskranken fragen würde, ob er gerne Krebs hat, würde er ja oder nein sagen? Wahrscheinlich würde er nein sagen. Für ihn ist es auch nicht schön. Wenn man es von unserer Seite betrachtet, denkt man: Er liegt ja nur im Bett herum und wir müssen uns alle zwei Minuten die Hände waschen, nur weil Chemo-Kasper und seine Freunde alle Krankheitsbekämpfer gekillt haben. Auf der andern Seite muss der Kranke alle vier Wochen in die Klinik, kriegt von der Medizin Bauchweh, seine Haare fallen aus und er denkt sich, meine Familie könnte ja wenigstens so nett sein und sich immer gründlich die Hände waschen, damit ich nicht noch eine Infektion kriege.

5 5 Man kann ja versuchen sich in den Kranken hineinzuversetzen. Manchmal ist es so, als würde er absichtlich unser ganzes Leben auf den Kopf stellen, aber wenn man tief in sich hineingeht, kann man doch Mitleid spüren. Ich habe dieses Buch geschrieben für Kinder und Jugendliche, die in derselben Situation sind wie ich oder in derselben Situation sein werden. Um uns zu verstehen, muss man sich in die Erfahrungen von anderen reinversetzen können oder es selbst erlebt haben. Jeder Einzelne sieht es anders. Aber wir halten zusammen und helfen uns gegenseitig. Krebs muss nicht immer schlecht enden. Schon zwei Mal dachte ich, der Krebs ist vertrieben, jetzt ist er wieder da. Die Zukunft kann ich nicht voraussagen, aber die Hoffnung werde ich nicht aufgeben. Allen, denen es genauso geht wir mir, empfehle ich, zur Frau Mück zu gehen und zu den Bergfüchsen. Denn es hilft wirklich andere kennenzulernen, die in der gleichen Situation sind. Man muss nicht unbedingt mit ihnen darüber reden, aber einfach nur zu wissen, dass man nicht der einzige ist, dem es so geht, hilft wirklich.

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