Arno Geiger Dem Höhepunkt des Lebens war ich nah

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1 Arno Geiger Dem Höhepunkt des Lebens war ich nah Das Ortsmuseum von Heptonstall befindet sich in der Alten Grammatikschule, einem vom Dreck der vergangenen Jahrhunderte fast schwarz gewordenen Gebäude gleich gegenüber der Alten Kirche. Vom mit Grabsteinen gepflasterten Kirchhof ist es nur durch einen schmiedeeisernen Zaun und einen kleinen Vorplatz getrennt. Die Eintrittskarte löste ich bei einer etwa dreißigjährigen Frau. Sie zeigte mir, welches die Museumsräume sind. Ich schaute mich um: Weder im ersten Raum, der mit beschrifteter Flachware bestückt war, noch im eigentlichen Schauraum, dem ehemaligen Klassenzimmer, befanden sich weitere Besucher. Alltagsgegenstände lagen so dicht gedrängt in den Vitrinen, dass es war, als fehle buchstäblich die Luft zum Atmen. Einzig verlockend war die lebensgroße Nachstellung einiger derber Schulkinder aus dem 19. Jahrhundert. In einer Ecke des Schauraums spielten sie ein Wurfspiel mit Knöpfen. Die Buben und Mädchen trugen schwere genagelte Schuhe, teilweise Clogs. Die Buben steckten in Jacken, die für Erwachsene gemacht schienen und fast wie Mäntel an ihren Körpern hingen. Die Mädchen waren mit farbigen Schürzen über dunklen Kleidern ausstaffiert, eines dieser Mädchen, eine Kleine mit Ekzemnarben auf der Stirn, beäugte mich neugierig, fast eindringlich, während sie ihren zerbeulten Fassreifen hielt. Diese Kinder und etliche an den Wänden hängende Abzüge alter Fotografien betrachtete ich, bis mich die junge Frau, bei der ich die Eintrittskarte gelöst hatte, in ein Gespräch verwickelte. Sie redete über West Yorkshire zur Zeit der Industrialisierung. Sie sagte, England sei das reichste und fortschrittlichste Land Europas gewesen, die Werkstatt der Welt, gleichzeitig habe nicht einmal unter den Leibeigenen Russlands schlimmere Not geherrscht als hier in Heptonstall. Von den Kindern, die man auf den Fotografien sehe, könne man sicher sein, dass sie schon bald tot gewesen seien oder ihren Anteil am Inferno der damaligen Fabriken bekommen hätten. Draußen auf dem Alten Friedhof seien im 18. und 19. Jahrhundert hunderttausend Menschen begraben worden, man komme rechnerisch auf etwa ein Begräbnis pro Tag, ziemlich viel für ein Weberdorf mit weniger als viertausend Einwohnern. Es sei schwer zu entscheiden, sagte sie, ob die 1

2 Grabsteine stumm gegen die Fröhlichkeit der Fotos an den Wänden protestierten oder ob umgekehrt die Fotos mit den fröhlichen Kindern gegen die Grabsteine protestierten, auf denen die Kinder aus Platzgründen nicht namentlich erwähnt würden. Meist seien nur die Namen der Eltern vermerkt und dazu numerische Angaben: sieben ihrer Kinder, acht ihrer Kinder, vier ihrer Söhne und zwei ihrer Töchter. Mit irritierender Eindringlichkeit kam die junge Frau darauf zu sprechen, dass alle Kindheiten seltsam seien, aber die schönste Zeit im Leben seien die mittleren Jahre. Dabei zwinkerte sie mir zu, und es machte den Anschein, als sei sie nicht nur aufs Reden aus. Mein Herz schlug für einige Augenblicke schneller, aber letztlich war mir die Situation dann doch nicht geheuer, und ich wechselte das Thema, indem ich fragte, wo ich das Grab von Sylvia Plath finden könne. Bereitwillig, wenn auch mit einem mechanisch anmutenden Achselzucken, erklärte mir die junge Frau den Weg. Ich trat wieder hinaus ins Freie und überquerte den Alten Friedhof, der mit am Boden ausgelegten Grabsteinen fast lückenlos gepflastert war. Von den Schritten derer, die noch lebten, waren die Inschriften der Steine teilweise ausgelöscht, teilweise unleserlich gemacht, teilweise sehr blass. Seltsam rechthaberisch kam mir das vor: mit den eigenen Schritten die Grabinschriften der Verstorbenen auszulöschen. Eine schwarze Katze mit weißen Pfoten und hoch aufgerichtetem Schwanz stakste ein Stück weit neben mir her, ehe sie sich auf einem Grabstein niederließ. Ich ging an der Neuen Kirche vorbei, trat durch ein eisernes Gatter und überquerte einen Erdweg, der zwischen hohen, von Ästen überhangenen Mauern hindurchführte. Auf der anderen Seite des Erdwegs lag der Neue Friedhof. Drei Chemieklos standen rechts hinter dem Eingang, alle drei Klos waren mit Kabelbindern versperrt. In ihre Wegbeschreibung hatte die junge Frau den Hinweis eingeflochten, dass der Neue Friedhof nicht sonderlich prosperiere, die Gräber aus den sechziger Jahren befänden sich noch immer ziemlich weit vorn, in der dritten Reihe. Die Belegung finde systematisch statt, ganz hinten die ältesten Gräber, ganz vorne die jüngsten. Man wundere sich hatte die junge Frau gesagt, wie viele Leute auf der Suche nach dem Grab von Sylvia Plath stundenlang hilflos zwischen den Grabreihen umherirrten, ohne das System zu durchschauen. Offenbar gebe es auch unter den Intelligenzlern, die Lyrik lesen, nicht nur kluge Köpfe. Ich steuerte die dritte Reihe an. Der Aufruhr an Gefühlen, als ich vor dem Grab von Sylvia Plath stand, überraschte mich. Der Moment war sehr emotional, obwohl ich nie ein Hehl daraus gemacht habe, dass ich die meisten Gedichte von 2

3 Sylvia Plath als schreiend unzugänglich empfinde. Als ich das erste Mal mit ihnen in Kontakt gekommen war, war es gewesen, als hätte ich zwei Stunden auf engstem Raum mit jemand Verrücktem verbracht. Vielleicht auch deshalb an diesem lichten Tag, an diesem einsamen Hügel, weit entfernt von der Cheerleader-Welt, in der die kleine Miss Plath aufgewachsen war fühlte ich mich gepackt von der Vision eines talentierten amerikanischen Mädchens, das gluckst und kichert mit seinen strahlenden Augen, im unkontrollierten Überschwang angesichts des von ihm erwarteten Lebens. Doch die Phasen finstersten Elends stellten sich schon in der Jugend ein. Fast ein eigenes Klischee: Die Autorin ist für ihre Depressionen bekannter als für das, was sie geschrieben hat. Dann trat der Mann ihrer Träume auf den Plan. Als ich vor einiger Zeit in den Tagebüchern von Sylvia Plath gelesen hatte, schauderte ich im Wissen um die Stürze, auf die die junge Frau zusteuerte. Am Ende, gerade dreißigjährig, schrieb sie:»die Frau ist perfektioniert«. Sie stellte ihren Kindern Brot und Milch neben die Bettchen und legte den Kopf in den Gasofen, überwältigt von den Zyklen aus Hoffnung und Verzweiflung, überwältigt von der irrwitzigen Selbstüberforderung und dem Zusammenbruch der Ehe, nachdem ihr Ehemann mit Seitensprüngen jeden romantischen Restbestand in der Beziehung liquidiert hatte: perfekt war am Ende nur das Selbstmordgefühl. Sterben / ist eine Kunst, wie alles. / Ich kann es besonders schön. Im Grunde gilt das für jeden, für jede, dachte ich: Wenn man die Erwartungen, die in einen gesetzt werden oder die man in sich selbst setzt, nicht zu erfüllen vermag, wird es ungemütlich. Ich selbst wollte in meiner Jugend ebenfalls für perfekt angesehen werden, eigentlich schon als Kind, das ist noch nicht vergessen. Heute glaube ich, dass es aus Verletzlichkeit geschehen ist und nicht so sehr, um mich über andere zu erheben. Ein Grauen überkommt mich, wenn ich mir diese Zeit ins Gedächtnis zurückrufe: all die vielen kleinen Barrieren, die ich gegen meine Unfähigkeit und Unsicherheit aufzubauen versuchte. Denn perfekt und ideal zu sein, hätte Unverletzlichkeit bedeutet und ganz selbstverständlich jedes Urteil und jede Kritik von mir ferngehalten. Tief drinnen glaubte ich als Kind und glaube wohl heute noch ein wenig, dass jede kleine Schwachstelle in meiner massiven Rüstung die Ursache sein könnte, dass sich die Unzulänglichkeit des Ganzen offenbart. Während ich derart in die peinigende Perspektive meiner Kindheit und Jugend zurückschlüpfte und mich damit auseinandersetzte, dass mir gewisse Dinge von damals noch immer in den Knochen sitzen, stand ich ruhig und ernst zwischen den Grabsteinen. Das Harte, das Raue, das Traurige, das Gebrochene und Un- 3

4 zweckmäßige meiner Erziehung tatsächlich, irgendwie sind alle Kindheiten seltsam. Ich wedelte den bitteren Geruch dieses Gedankens beiseite, schob die Schulterblätter nach hinten, es knackste zweimal, dann bückte ich mich und schaute mir, um mich von meinen Gedanken abzulenken, die Zettel an, die in dem Grab lagen, zwischen kläglich dürren Blumensträußen, Pence-Münzen, albernen Grabgeschenken und einem wunderschönen Borretsch, der aus dem Durcheinander wuchs: Mit Bedauern und Bewunderung, las ich auf einem der Zettel. Dann der erste Satz aus der Göttlichen Komödie: Dem Höhepunkt des Lebens war ich nah, als mich ein dunkler Wald umfing. Eine Wolke schob sich vor die Sonne. Die Härchen an den Armen stellten sich mir auf, ich schüttelte mich. Da trat die junge Frau aus dem Museum zu mir und nahm das Gespräch, das wir vorhin geführt hatten, wie selbstverständlich wieder auf. Heptonstall sei ein schöner Ort, sagte die junge Frau, aber Sylvia Plath habe sich bei ihren wenigen Besuchen hier nie wohlgefühlt, zu duster, zu dunkel, zu weit weg vom Meer. Zu kalt. Vor vielen Jahrzehnten sei der Vater der jungen Frau Zeuge gewesen, wie Ted Hughes, der Mann von Sylvia Plath, im Wirtshaus mit der Faust auf den Tisch gehauen und gesagt habe:»niemand kann in Heptonstall glücklich sein! NIE-MAND!«Um so tiefer sei das Mysterium, dass Ted Hughes als letzte Ruhestätte für seine das Meer liebende amerikanische Frau ausgerechnet Heptonstall gewählt habe, vielleicht eine seltsame Art von Rache oder ein letztes Mal Anschaffen: Tu, was ich sage, leg dich hin, sei eine ruhige Tote! Aber es könne natürlich auch sein, dass Mr. Hughes geglaubt habe, eines Tages ins Calder Valley zurückzukehren, nur dass er das nicht getan habe, egal, das seien alles nur Vermutungen. An Mr. Hughes hätten viele den Rohrstock ausprobieren wollen, ihn richtig durchprügeln, sorgfältig und mit Verstand durchprügeln, speziell Frauen hätten ihm gerne eine Tracht Prügel verpasst. Und natürlich sei es richtig, dass menschliche Sympathie ihre Grenzen habe, aber Mr. Hughes sei nicht der Prince of Wales gewesen, sondern ein Dichter mit einer kräftigen Kinnlade. Für den Prince of Wales würden andere Regeln gelten als für einen Dichter. Ted Hughes sei als Dichter genau dort am besten gewesen, wo er über die Natur geschrieben habe, über die Natur der Natur, über die dem Menschen innewohnende Gewalt und über die animalische Sexualität des Menschen. In dieser Hinsicht habe sich Mr. Hughes als Schüler von D. H. Lawrence erwiesen, man könne sagen, die Muse von Mr. Lawrence sei mit Mr. Hughes fremdgegangen, eine weitere Frau, die man der Liste von Mr. Hughes zahlreichen Eroberungen hinzufügen könne. Es 4

5 sei wohl schon immer eine Schwäche von Frauen gewesen sagte die junge Frau, auch von klugen Frauen, sich vorzugsweise Männer mit einer starken Kinnpartie zu suchen und sich ihnen sehenden Auges an den Hals zu werfen, wo sie doch wissen müssten, dass ihnen diese Wahl mehr Sorgen als Glück bereiten werde. Selbst die Wissenschaft bestätige, dass Frauen, die einen Mann mit einer starken Kinnpartie wählen, jemanden an ihrer Seite haben wollen, der kein Zauderer ist. Trotzdem würden sich diese Frauen wundern, wenn sie es mit jemandem zu tun bekämen, der wie Mr. Hughes ist, gutaussehend, klug, männlich, kein Zauderer. Denn schließlich, sagte die junge Frau, nicht wenige große Autoren seien, menschlich betrachtet, absolute Monster gewesen, drogenabhängig, Alkoholiker, gewalttätig, notorische Ehebrecher, Vergewaltiger, Sadisten, Kinderschänder, Irre keine Menschen, von denen man sich wünsche, dass sie im Nachbarhaus wohnen. Notgedrungen müsse man auch über Autoren sagen, was Oscar Wilde über Bücher gesagt habe, so etwas wie moralische oder unmoralische Bücher gebe es nicht, Bücher seien entweder gut oder schlecht geschrieben. Das gleiche gelte für Autoren, entweder sie könnten schreiben oder sie könnten es nicht, das habe absolut nichts damit zu tun, wie oft sie ihre Hosen auszögen. Sie selbst, sagte die junge Frau, sei immer der Überzeugung gewesen, dass Mr. Hughes meist zu Unrecht verunglimpft worden sei, speziell von diesen brigadehaften Feministinnen, die lange Zeit nicht aufgehört hätten, am Grabstein von Mrs. Plath herumzumeißeln. Der Nachname sei ihnen zu lang gewesen, sie seien nachts mit Hammer und Meißel gekommen und hätten sich am zweiten Nachnamen zu schaffen gemacht, damals sei die Inschrift noch graviert gewesen: Sylvia Plath Hughes. Jetzt sei die Gravur mit metallenen Lettern überklebt, weil die Lettern leicht ersetzt werden könnten, man habe sich ein Arsenal der nötigen Buchstaben angeschafft, allerdings habe die Zahl der Angriffe abgenommen, seit auch Mr. Hughes die Szene verlassen habe. Er selbst habe seine Asche über einem Moor verstreuen lassen, ganz in der Nähe, vielleicht habe er über seinen Tod hinaus gewährleisten wollen, dass ihn die Plathophilen nicht länger heimsuchen können. Die junge Frau setzte ihren Monolog fort, folgte den Launen ihres Denkens, insgesamt wirkte, was sie sagte, wie eine Art Wegwerfgedicht, bei dem Sprechen und Zuhören eins waren. Welche Rolle ich dabei spielte, war nicht ganz klar, halb benommen horchte ich in die Gegend und schnupperte in die Luft. Das Sonnenlicht tanzte jetzt wieder prickelnd in meinem Gesicht, eine Luft wie Glas, die Dinge wie gestochen, ein Kiebitz stand piepsend im Aufwind über einigen 5

6 Kühen am Hang oberhalb der hinteren Friedhofsmauer. Ich fand, ich selber hatte eine eher mittelmäßige Kinnpartie, und auch meine Erfahrungen mit Drogen waren nicht der Rede wert. Ich schaute wieder die junge Frau an, sie hatte sich vollends in Erregung geredet, und weil sich mir schön langsam der Kopf drehte, wünschte ich, dass sie wieder aufhörte, ich wünschte mir, ich selber wäre weniger kompliziert. Sie verbreitete sich über das Wesen von Ehe und Seitensprung, sie sagte, ein Seitensprung sei bestimmt nicht so harmlos wie Wassertrinken, aber wer dem Seitensprung des Partners zu viel Bedeutung bemesse, gefährde die Ehe möglicherweise mehr als der Seitensprung selber. Nicht ganz unvernünftig, was sie da sagte, trotzdem klang es nach einer schmutzigen Sache oder als erlaubte sie sich einen Scherz mit mir. Ich sagte einmal»uuh«und einmal»oh my god«, eher spöttisch als erstaunt. An einer anderen Stelle räumte ich ein, dass einem so etwas natürlich zu schaffen machen könne. Ich klemmte meine Unterlippe zwischen Daumen und Zeigefinger, was für ein Unsinn! dachte ich im nächsten Moment, was soll das wieder werden? Na, eigentlich gar nicht so dumm, widersprach ich mir. Dann ließ ich die junge Frau reden, bis sie ausgeredet hatte, bedankte mich vielmals, verabschiedete mich freundlich und ging über den Alten Friedhof und durch das Gerippe der Alten Kirche zurück zur Straße. 6

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