Ist das Finance Trade Center der Raiffeisenlandesbank OÖ, Linz eine logische Folge der Globalisierung der Finanzen?

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1 Paris Lodron Universität Salzburg Institut für Geschichte Josef B r ä u e r 4040 Linz, Jägerstraße 28 M. Nr.: / WS 2003 / 04; LV. NR Seminar Geschichte der Globalisierung Leiter der LV.: Ao. Univ. Prof. Dr. Reinhold Wagnleitner Seminararbeit zum Thema Ist das Finance Trade Center der Raiffeisenlandesbank OÖ, Linz eine logische Folge der Globalisierung der Finanzen?

2 Inhaltsverzeichnis I. Einleitung...3 II. Vorstufen der Globalisierung Die Industrielle Revolution Die Entstehung der Börse Bretton Woods Die goldenen Jahre der Nachkriegsprosperität Das Ende von Bretton Woods...9 III. Die Entstehung der globalisierten Welt Globalisierung, Internationalisierung, Multinationalisierung Vom nationalen zum globalen Kapitalismus Kapitalströme: Katalysatoren des globalen Kapitalismus Entkoppelung der Geldwirtschaft vom realen Handel...19 IV. Ist das Finance Trade Center der Raiffeisenlandesbank OÖ eine logische Auswirkung der Globalisierung der Finanzen?...21 V. Zusammenfassung...25 Literaturverzeichnis

3 I. Einleitung Global denken, lokal handeln ist eine der beliebtesten Losungen im Umweltschutz. In der globalen Wirtschaft müssen die Mitspieler in erster Linie auf ihre kommerzielle Wettbewerbsfähigkeit achten. Sie müssen gewinnen, sonst scheiden sie aus. Sie müssen auf sehr hohe Kapitalrenditen Wert legen. Mit fortschreitender Globalisierung wird das, was man hohe Rendite nennt, immer wichtiger. Klassische Aktivitäten geraten dagegen in ein schiefes Licht, weil sie nach neuer Definition nicht mehr hochrentabel sind. Der Zwang zur Sicherung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit ist schon alt in der Marktwirtschaft. Er hat sich überwiegend positiv ausgewirkt. Er hat für eine rasche Durchsetzung guter Ideen und Produkte gesorgt. So hat er zum Wohlstand beigetragen. Das war ein zentraler Grund für den Sieg der Marktwirtschaft über den bürokratischen Sozialismus. 1 Gleichzeitig wirft die Form der Ausgrenzung und Abkoppelung brisante Fragen auf. Wie wird sich die globale Welt in Zukunft entwickeln? Wird eine neue wirtschaftliche Logik der Globalisierung in der Weise die Welt beeinflussen, dass der Wohlstand der Welt das Ergebnis der Kreativität und der Beiträge aller Länder sein wird? Das Finance Trade Center der Raiffeisenlandesbank OÖ ist ein modernes Dienstleistungszentrum zur Abwicklung moderner Finanztransaktionen. Diese Seminararbeit ist ein Versuch, die Entwicklung der Globalisierung eingeschränkt auf das Gebiet der Finanzen und des Kapitals historisch zu durchleuchten und Vergleiche mit der Funktion des Finanzdienstleistungszentrums aufzuzeigen. 1 Die Gruppe von Lissabon,; Grenzen des Wettbewerbs Die Globalisierung der Wirtschaft und die Zukunft der Menschheit; Vorwort von Ernst Ulrich von Weizäcker, S., 11 f; Verlag: Luchterhand 3

4 II. Vorstufen der Globalisierung 1. Die Industrielle Revolution: Die Kapitalverfügbarkeit Abgesehen von klimatischen Zufälligkeiten waren in Großbritannien im 18. Jh. noch weitere wichtige Voraussetzungen für die Auslösung der Industriellen Revolution erfüllt. Man denke etwa an das handwerkliche, unternehmerische und kaufmännische Know How einer jahrhundertealten gewerblichen Tradition und weltweiter Handelsbeziehungen. Zudem war Großbritannien ein relativ reiches Land. Es herrschte kein Kapitalmangel. Die Kapitalansprüche konnten immer erfüllt werden. Die Erfordernisse des Anlagekapitals für die Eisen und Baumwollindustrie betrugen zur Jahrhundertwende im Jahre 1900 nur zwei Prozent der gesamtwirtschaftlichen Investitionserfordernisse. Es standen aber bereits genügend etablierte Handelshäuser hinter den neu gegründeten industriellen Unternehmungen und sie halfen nicht nur mit dem nötigen Kapital aus. Für das weitere Wachstum war dann die Selbstfinanzierung aus den erwirtschafteten Gewinnen die wichtigste Quelle langfristigen Kapitals. Der Kapitalbildungsprozess im Gewerbe entwickelte sich daher eher schrittweise und nicht revolutionär. 2 2 Buchheim, Christoph; Industrielle Revolutionen, Langfristige Wirtschaftsentwicklung in Großbritannien, Europa und Übersee, S 59 f; dtv Wissenschaft, München

5 2. Die Entstehung der Börse Die Börse ist nicht mehr, aber auch nicht weniger, als ein regelmäßiger, freier Markt. Von anderen Märkten unterscheidet sie sich in erster Linie dadurch, dass auf dem Handelsplatz Börse die Werte und Waren, die dort ge- und verkauft werden, nicht selbst vorhanden sind. Vielmehr befasst sich die Börse lediglich mit sogenannten vertretbaren Gütern. Sie brauchen nur nach Maß, Anzahl, Gewicht und Qualität bestimmt zu werden, so dass sie weder der Verkäufer vorzeigen, noch der Käufer besichtigen muss. Beide wissen die entsprechenden Waren allein auf Grund der einheitlichen Merkmale zu beurteilen. Zu den vertretbaren Gütern gehören Kaffee, Tee, Baumwolle, Getreide, Metalle und ähnliche Güter. Die Unterscheidungen innerhalb einer dieser und weiterer Warengruppen lassen sich durch gewisse Typen- oder Sortenbezeichnungen klassifizieren, die Mengen eindeutig festlegen. Die Anfänge der Börse liegen in der flämischen Stadt Brügge. Dort entwickelte sich das Haus der Patrizier Familie van der Beurse vom 13. Jahrhundert an zum Treffpunkt von Kaufleuten aus vielen Ländern. Hier tauschten sie ihre Nachrichten, beispielsweise über die voraussichtlichen Ernteergebnisse in den Teilen der damals bekannten Welt, aus. Hier machten sie miteinander ihre Geschäfte. Waren oder Produktenbörsen, wie die erste in Brügge entstanden war, gibt es heute unter anderem in Hamburg und Bremen, in London, New York und Chikago. Dort konzentrierten sich Angebot und Nachfrage nach den verschiedensten Gütern und entsprechend nach den Gesetzen des freien Marktes wurden die Geschäfte abgewickelt. Das heißt, übersteigt das Interesse an einer Ware den Umfang, in dem sie geliefert werden kann, erhöht sich die Forderung der Verkäufer dafür. Sie stößt an die Obergrenze, sobald niemand mehr zu dem verlangten Preis zu kaufen bereit ist. Umgekehrt sinkt die Forderung der Verkäufer, sobald ihr Angebot größer ist als die Nachfrage, die gerade nach jenen Gütern herrscht. Als bekannteste Form der Börse bildete sich im Laufe der Jahrhunderte die Effekten- oder Fondsbörse heraus. Hier werden Wertpapiere gehandelt. Das sind in erster Linie Aktien, Obligationen, Anleihen und Pfandbriefe. Die Aktien stellen Anteilsrechte an den entsprechenden Unternehmen dar. Obligationen, Anleihen und Pfandbriefe sind als festverzinsliche Wertpapiere praktisch Quittungen für Geld, das ihr Erwerber dem Ausgebenden leiht und zu dessen Rückzahlung sich der Ausgebende zu einem bestimmten 5

6 Zeitpunkt verpflichtet. Bis dahin sagt er dem Inhaber des Wertpapiers eine regelmäßige Zinsleistung in gleichbleibender Höhe zu. 6

7 3. Bretton Woods In Bretton Woods, im amerikanischen Staat New Hampshire gelegen, legten während einer Währungs- und Finanzkonferenz der Vereinten Nationen am 23. Juli 1944 über 44 Länder der Welt die Paritäten ihrer Währung auf Gold- und US $ - Basis fest. Als Preis für eine Feinunze Gold wurden 35 US $ festgesetzt. Demnach betrug der Wert eines US $ 0, Gramm. Von diesem Ausgangspunkt aus wurden die Währungen der anderen Mitgliedsländer ebenfalls in ein Verhältnis zu jenem offiziellen Goldpreis gebracht. Diese einheitliche Grundlage ermöglichte fortan eine Konvertibilität der Währungen, das heißt ihre freie Austauschbarkeit. Die Währungsordnung von Bretton Woods umfasste beinahe alle Staaten der Welt mit Ausnahme des damaligen Ostblocks und Rotchinas. Auf der Konferenz von Bretton Woods wurden weiterhin die Errichtung des Weltwährungsfonds (IWF) / International Moneytary Fond (IMF) und der Weltbank beschlossen (Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung / International Bank for Reconstruction and Development IBRD). Nach der Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts und dem Zweiten Weltkrieg wurde so ein Anfang gemacht. Die Weltwirtschaft wurde universal geordnet und dem internationalen Zahlungsverkehr Ordnung und Stabilität verliehen. Durch die Liberalisierung sollte eine gedeihliche Entwicklung des Handels wie des Kapitalverkehrs erzielt werden. Eine internationale Kapitallenkung (IWF, IBRD) sollte darüber hinaus eine wirtschaftliche Entwicklung der unterentwickelten Länder erreichen. 7

8 4. Die goldenen Jahre der Nachkriegsprosperität Zumindest im Rückblick überkommt Politiker wie Wissenschafter eine warmes Gefühl, wenn sie sich das klassische System von Bretton Woods vor Augen halten, wie es bis 1971 funktionierte. Das Goldene Zeitalter des Kapitalismus, das erfolgreichste internationale monetäre Regime, das die Welt je gesehen hat, die beste umfassende Makroleistung von allen Regimen solche Lobreden gibt es viele fällte der hervorragende Wirtschaftswissenschafter Simon Kuznets über die Geschichte des Wirtschaftswachstums das Urteil, in den letzten 25 Jahren seien sowohl in den entwickelten wie in den unterentwickelten Ländern die materiellen Erträge pro Kopf in höheren Raten gewachsen als jemals in der Vergangenheit. 4 Die Inflationsraten waren niedriger als in der folgenden Periode floatender Wechselkurse, die realen langfristigen Zinssätze geringer und die Wachstumsraten höher. Vor allem war Wachstum gleichmäßiger verteilt. Auf internationaler Ebene blieben die Unterschiede zwischen den regionalen Wirtschaftsleistungen begrenzt: In den sechziger Jahren betrug die reale jährliche Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts in den OECD - Ländern fünf, in Lateinamerika vier und in Asien sechs Prozent. Auch im Innern näherten sich fast alle Länder einer erheblichen Reduzierung der Ungleichheiten in der Einkommensverteilung. 3 James, Harold, Rambouillet, 15. November 1975; Die Globalisierung der Wirtschaft; S., 117 f; Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1997, in: Stephen A. Marglin und Juliet B. Schor (Hg), The Golden Age of Capitalism 4 ebenda, S 117, in: Simon Kuznets, Two Centuries of Economic Growth. Reflections on US Experience. In: American Economic Review 67, (1977), S., 14 8

9 5. Das Ende von Bretton Woods Im August 1971 fand das klassische System von Bretton Woods sein Ende. Das Paritätssystem erlag allseitigen Meinungsverschiedenheiten und wechselseitigen Beschuldigungen in der Frage, wer denn nun ausgleichen müsse - es starb, mit anderen Worten, am Fehlen eines wirklich funktionierenden Apparates zur multilateralen Überwachung. Die Zerstörung war, auf allgemeinster Ebene, in erster Linie eine Folge der ungenügenden Flexibilität des Systems. Wechselkurse hatten sich verfestigt, und eine Diskussion über Änderungen war ohne die dramatischen Umstände einer ernsteren Krise unmöglich geworden. Andere Arten des Ausgleichs z. B. auf fiskalischem Felde waren politisch zu sehr umstritten. Die akute Störung, die dem System den Garaus machte, war jedoch die monetäre Expansion der Vereinigten Staaten in den späten sechziger Jahren, die mit dem Krieg in Vietnam zusammenhing und eine allzu lässige monetäre Politik, angesichts der Devisenkrise von 1971, zur Folge hatte. Den Auslöser lieferten die größeren Kapitalbewegungen. Diese drei Faktoren - ungenügende Flexibilität, monetäre Expansion der USA und gesteigerte Kapitalbewegungen wirkten bei der Zerstörung des Systems zusammen. Eines zeigte sich damals bereits: Ohne die Mobilität des Kapitals wäre es nicht zur Krise der späten sechziger Jahre gekommen, auch wenn sich sagen lässt, dass es gerade die neue Dynamik der Kapitalmärkte war, die das Wachstum nährte. Schließlich hätte das System erhalten werden können, wenn die nationalen, politischen Haltungen weniger unterschiedlich und zum Beispiel Deutschland und Japan zu höheren Inflationsraten bereit gewesen wären. Es besteht kaum ein Zweifel, dass es irgendwann ohnehin zur Auflösung des Systems von Bretton Woods gekommen wäre. Es verlangte ein Zuviel der Koordination nationaler, politischer Wege in einer Zeit, in der die Staaten mehr und mehr auf ihr Binnenwachstum achteten, während die technologischen Kräfte, die das Wirtschaftswachstum antrieben, sowohl der Warenmärkte, die hinsichtlich des Kapitals der Internationalisierung bedurft hätten. Die Krise des Systems von Bretton Woods kann als ein besonderes und sehr dramatisches Beispiel für den Zusammenstoß nationaler Wirtschaftsregulierung mit der Logik des Internationalismus gesehen werden. In den Umständen des Jahres 1971 war seine Zerstörung ein offensichtliches und direktes Resultat der amerikanischen Politik, die dazu übergegangen war, das System für machtpolitische Zwecke zu benutzen. Dadurch kam es zum legitimen Widerspruch anderer Mitglieder, die Märkte realisierten die Unhaltbarkeit der 9

10 unterschiedlichen nationalen Positionen und richteten sich auf den Kollaps der Paritätsstruktur ein. Als das System den Interessen Amerikas nicht mehr diente, griffen sie es an und lösten es auf. Erst nach der Krise und nicht bereits vorher, kam es zu einem fruchtbaren Reformprozess. 10

11 III. D i e E n t s t e h u n g d e r g l o b a l e n W e l t 1. Globalisierung, Internationalisierung, Multinationalisierung Die Begriffe Globalisierung, Internationalisierung und Multinationalisierung werden verwirrenderweise häufig als Synonyme verwendet. Sie beziehen sich aber auf unterschiedliche Entwicklungen und Phänomene. Was aber noch wichtiger ist, sie beziehen sich auf verschiedene Akteure, die das Spiel nach je eigenen Regeln spielen. So gesehen ist die Globalisierung eine neues Phänomen, das sich von Internationalisierung und Multinationalisierung unterscheidet. Die Internationalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft bezeichnet den Austausch von Rohstoffen, Industrieprodukten, sowie Dienstleistungen, Geld, Ideen und Menschen zwischen zwei oder mehreren Nationalstaaten. Handels- und Migrationsstatistiken sind die übliche Methode, mit der die Art, das Ausmaß und die Richtung der Internationalisierung gemessen und überwacht werden kann. Seit Jahrtausenden sind Güter und Dienstleistungen zwischen Staaten ausgetauscht worden und von einem Land zum anderen gewandert, ob mit oder ohne Zwang. Im modernen Kapitalismus nahm die Internationalisierung durch die Errichtung von Kolonien und die Entstehung des Merkantilismus neue Formen an. Im Jahr 1972 verwendete George Modelski den Begriff der Globalisierung explizit für die von Europäern angeführte Expansion, die die Unterwerfung anderer Gemeinschaften zum Ziel hatte. 5 Die Internationalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft geht von Nationen als Akteure aus. Eine bedeutende Rolle spielen hierbei die staatlichen Behörden. Sie lenken und kontrollieren den Austauschstrom durch monetäre Instrumente, die Steuer- und Fiskalpolitik durch Ausgaben der öffentlichen Hand sowie die Festlegung von Normen und Standards. Sie entscheiden über die Staatsbürgerschaft und darüber, ob die Grenzen offen oder geschlossen sind und kontrollieren die Bevölkerungsbewegungen. Im Rahmen der Internationalisierung der Wirtschaft stellt der Wettbewerb zwischen Unternehmen verschiedener Volkswirtschaften ein zentrales Instrument der Erzielung und Sicherung positiver Handelsbilanzen dar. 5 ebenda, S., 44, in: Modelski, George; Principes of the World Politics, New York 1972 (Historiker Ferdinand Braudel: economie monde in: Entstehung des Kapitalismus) 11

12 Die Liberalisierung der Handelsströme ist die treibende Kraft der letzten fünfzig Jahre, die sich im GATT Abkommen der Organisation zur Förderung und Sicherung der Liberalisierung der Handelsbeziehungen auf internationaler Ebene, institutionalisiert hat. Die Multinationalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft ist vor allem durch den Transfer und die Verlagerung von Ressourcen besonders des Kapitals, in geringerem Ausmaß auch der Arbeit, von einer Volkswirtschaft in die andere gekennzeichnet. Eine typische Erscheinung der wirtschaftlichen Multinationalisierung ist es, wenn eine Firma durch Tochterfirmen, Übernahmen oder verschiedene Formen von Kooperationen finanzieller, technologischer und industrieller Art Produktionskapazitäten in ein anderes Land verlegt. 6 Business- und Managementtheorien sind besser geeignet, die Akquisition und Kontrolle von Marktanteilen und die Profitmaximierung im Interesse der Firmen als die eigentlichen Triebkräfte der Multinationalisierung zu beleuchten. Durch die Multinationalisierung erhalten ökonomische Akteure aus anderen Ländern die Möglichkeit, die Wirtschaft eines Landes und seine Zukunft zu beeinflussen und zu kontrollieren. Deshalb ist die Multinationalisierung im Gegensatz zu Internationalisierungsprozessen häufig Gegenstand protektionistischer und kulturell bzw. politisch nationalistischer Reaktionen geworden. Die Furcht vor dem Einfluss ausländischer Unternehmen und ausländischer Investitionen begleitet von Anfang an die Präsenz multinationaler (besonders amerikanischer) Firmen im Ausland. Die Angst tritt zum Beispiel als Japanophobie auf. Nationale Regierungen sehen sich genötigt, die Unternehmen ihrer Länder bei der Suche und Durchsetzung einer effektiven und dauerhaften Multinationalisierung zu unterstützen. 7 Dies geschieht sowohl in offener Form (z.b. durch eine direkte Unterstützung der Konkurrenzfähigkeit ihrer multinationalen Firmen), als auch in defensiver Form durch die Schaffung von Hindernissen gegen das Eindringen ausländischer Firmen auf ihr Territorium. Von den zur Verfügung stehenden Instrumenten sind Kartellgesetze ein machtvolles Werkzeug zum Schutz der nationalen Wirtschaften. Allgemeiner betrachtet, bedeutet die Multinationalisierung der Gesellschaft, dass soziale Akteure (Universitäten, Zeitungen, Kirchen, Gewerkschaften) oder soziale Institutionen und 6 ebenda, S., 49 7 Aktuelles Beispiel: Die neue Steuersenkung und Vereinfachung in der Slowakei (Dezember 2003) 12

13 Systeme (das Erziehungswesen, die Lebensformen und Wertesysteme) in der Lage sind, sich in anderen nationalen Kontexten zu etablieren und sie von innen her zu verändern, während sie ihre Eigenschaften bewahren. Umgekehrt sind sie aber auch selbst den Einflüssen, Veränderungen und der Kontrolle anderer nationaler Akteure ausgesetzt. Alles in allem sind die verschiedenen nationalen Akteure, Institutionen und Prozesse angehalten, in einen multinationalen Prozess einzusteigen, der auf Koexistenz und gemeinsamer Entwicklung beruht. Der Begriff Transnationalisierung ist geeignet, einen solchen Trend zu beschreiben. Die Globalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft ist eine neue Erscheinung, die sehr unterschiedliche Formen und Erscheinungen annehmen kann. Einige mögen in zehn bis fünfzehn Jahren verschwunden sein oder an Bedeutung verloren haben. Nationale Faktoren werden aber auch weiterhin den Wandel der Volkswirtschaften und Gesellschaften durch Globalisierung beeinflussen. Es gibt nicht das eine, gültige Globalisierungsmodell. Deshalb ist es bis heute schwierig, eine allgemeine akzeptable Definition zu finden. Man kann mehrere Globalisierungsprozesse unterscheiden: Die Globalisierung der Finanzen Die Globalisierung der Märkte und Marktstrategien, besonders des Wettbewerbs Die Globalisierung der Technologie und des mit ihr verbundenen Wissens, sowie der Forschung und Entwicklung Die Globalisierung von Lebensformen und des Konsumverhaltens, sowie des kulturellen Lebens Die Globalisierung von Regulierungs- und Steuermöglichkeiten Die Globalisierung als politisches Zusammenwachsen der Welt Die Globalisierung der Wahrnehmung und des Bewußtseins. 13

14 2. Vom nationalen zum globalen Kapitalismus Die Bedeutung der heute geschaffenen neuen globalen Welt liegt in der Tatsache, dass alle unsere Zukünfte Made in the World sein werden. Der Prozess der Globalisierung ist der Anfang vom Ende der nationalen Systeme als bisherigem Höhepunkt der Organisation von menschlichen Aktivitäten und Strategien. Der Nationalstaat ist als die alleingültige Form der politisch gesellschaftliche Organisation angesehen worden. Die nationale Identität bestimmte die Persönlichkeit von Individuen und Gruppen. Die nationale Volkswirtschaft wurde als einzige folgerichtige und integrierte Wirtschaftsform angesehen. Die Nationalgeschichte (die Geschichte der Sprache, Kultur, Eisenbahnen, Schulen, Sportmannschaften, der Souveränität und der Demokratie eines Landes) ist als die zentrale Entwicklung der menschlichen Gesellschaft betrachtet worden. Jeder Prozess wurde im Hinblick auf die nationale Dimension definiert: sowohl nach oben (inter national, multi national, supra national, tans national) als auch nach unten (intra national, sub national, infra national). Die Nationalstaaten sind aber nicht verschwunden; sie bestehen noch weiter. Die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft untergräbt aber einen der fundamentalen Pfeiler der Nationalstaaten, nämlich den nationalen Markt. Der nationale Raum als wichtigster strategischer Wirtschaftsraum wird durch den entstehenden globalen Raum ersetzt. Das bedeutet allerdings weder, dass die Macht des Nationalstaates, noch dass Nationalstaaten in der wirtschaftlichen Sphäre durch transnationale Unternehmen ersetzt würden. Es bedeutet auch nicht, dass die Volkswirtschaft als solche an Bedeutung verliert. Der wirtschaftliche Kampf um globale Führung zwischen den am weitesten entwickelten Nationalökonomien der Welt, wie Deutschland, USA, Japan, Frankreich, Italien, Großbritannien, zeigt ebenfalls, dass den nationalen Volkswirtschaften weiterhin einige Bedeutung zukommt. Aber sie diktieren nicht mehr die Spielregeln. Der Wohlstand in Deutschland, Österreich Japan, Finnland oder auch Costa Rica hängt immer weniger vom Erfolg der heimischen Unternehmen, Technologien, des Kapitals oder der Arbeitskraft ab, sondern zunehmend von Unternehmen, die Teil eines globalen Netzwerkes finanzieller und industrieller Konzerne sind und die auf strategische Interessen reagieren, die nicht länger an die des Nationalstaates gebunden sind. 14

15 Der Nationalstaat ist im Gegenteil abhängiger geworden von Technologien, die in anderen Weltteilen entwickelt und produziert wurden, von Kapital, das auf globalem Niveau verfügbar ist, wie die schnell zunehmende Globalisierung der Kapitalmärkte zeigt und zunehmend auch von qualifizierten Arbeitskräften, deren Ausbildung auch in anderen Ländern stattgefunden haben kann. 8 Jahrzehnte-, und in einigen Fällen Jahrhunderte lang, war die Geschichte der industriellen Wirtschaft und Modernisierung im wesentlichen mit der Geschichte der nationalen Industrie identisch. In der Entstehung und im Aufstieg eines nationalen Kapitalismus lag die Bedeutung dieses historischen Prozesses. Auch wenn es falsch wäre, den Tod des nationalen Kapitalismus zu verkünden, ist es richtig festzustellen, dass er nicht länger die einzige schlüssige Form der Kapitalorganisation ist, und dass seine Vorherrschaft in den nächsten Jahrzehnten rapide abnehmen wird. Die Geschichte des Kapitals hat die nationalen Grenzen gesprengt. Eine neue Epoche, die Ära des globalen Kapitalismus, bricht an und sie wird die Entwicklung der Gesellschaften in den nächsten Jahrzehnten bestimmen. Die Welt ist nicht in eine postkapitalistische Phase eingetreten. Der Besitz von Kapital und mehr noch, die Kontrolle und Mobilisierung von Kapital für den effizientesten Einsatz der vorhandenen materiellen und immateriellen Ressourcen der Welt ist nach wie vor der vorherrschende Faktor ökonomischer und soziopolitischer Macht. Wir stehen nicht an der Schwelle, die von einer kapitalistischen in eine postkapitalistische Gesellschaftsform führt, auch nicht von einem guten Kapitalismus der sozialen Marktwirtschaft zu einem bösen, dem Kasinokapitalismus. 9 Es handelt sich vielmehr um den Übergang von einem schwächer werdenden nationalen zu einem wachsenden globalen Kapitalismus. Diese Verlagerung spiegelt den einsetzenden historischen Wandel: Die Welt geht langsam von einer Ära des Reichtums der Nationen in eine Ära des Reichtums der Welt über. 8 Gruppe von Lissabon,; Grenzen des Wettbewerbs Die Globalisierung der Wirtschaft und die Zukunft der Menschheit; Vorwort von Ernst Ulrich von Weizäcker, S., 53; Verlag: Luchterhand in: Das Ende der natiomnalen Ökonomie. Berlin Gruppe von Lissabon,; Grenzen des Wettbewerbs Die Globalisierung der Wirtschaft und die Zukunft der Menschheit; Vorwort von Ernst Ulrich von Weizäcker, S., 53; Verlag: Luchterhan. In:Die postkapitalistische Gesellschaft, Düsseldorf,

16 3. Kapitalströme: Katalysatoren des globalen Kapitalismus Die Liberalisierung der Finanzbewegungen über Landesgrenzen hinweg, insbesondere seit 1971, als Richard Nixon die Nichtkonvertierbarkeit des Dollars erklärte, hat wesentlich zur Entstehung eines globalen Kapitalismus beigetragen. Die Kapitalströme umfassen drei Kategorien: Monetäre und finanzielle Ströme, die mit dem Austausch von Gütern und Dienstleistungen verbunden sind (z.b. Import/Export Transaktionen, Tourismusausgaben); Ausländische Direktinvestitionen, die nicht nur den Transfer von Finanzkapital, sondern auch den von Menschen und Technologien betreffen; Portfolio Investitionen und verschiedene andere Formen finanzieller Transaktionen (u.a. auch die Spekulation). Die Globalisierung der Kapitalströme war bisher das Herzstück der wirtschaftlichen Globalisierung. Während die Weltkapitalströme nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis zu den späten 60er Jahren weitgehend parallel zu einer Phase des Nationalen Wiederaufbaus relativ schwach flossen, erfolgte in den 70er Jahren eine rapide Beschleunigung und Intensivierung der globalen Finanzmärkte. Die Globalisierung von Finanzmärkten in den 70er Jahren wurde durch einen Transfer von Überschusskapital aus den OPEC Ländern ermöglicht. Diese Petro - Dollar wurden durch Banken des Nordens vermittelt. In dieser Zeit profitierten die Länder des Nordens davon, dass sie das Kapital aus einem Teil des Südens für die Finanzierung der Entwicklung des restlichen Südens verwendeten. Die armen Länder des Südens gerieten von da an in den Teufelskreis der Schuldenspirale, während die reichen Ölländer des Südens die ökonomische und finanzielle Verbesserung des Nordens finanzierten. 10 In den 80er Jahren geschah eine weitere tiefgreifende Veränderung. Kapitalströme aus dem Süden in den Süden über den Norden wurden durch Nord Nord Ströme ersetzt und zwar hauptsächlich durch Kapitalströme innerhalb der Triade. Das sind die drei reichsten Regionen des Nordens: Japan und die vier Drachen, Westeuropa und die USA. Über 80 % der Weltkapitalströme werden innerhalb dieser drei Regionen bewegt. Die Bedeutung der weniger entwickelten Länder als Verursacher von Kapitelbewegungen ist in diesem Prozess von etwa 14 % im Jahr 1982 auf null im Jahre 1989 gefallen. 10 ebenda, S 55, in: Vgl. besonders Michael Aglietta, Anton Brender und Virginia Coudery, Paris

17 Die Triadisierung der Kapitalströme in den achtziger Jahren war durch die schnell wachsende Rolle Japans im Vergleich zu Europa und den USA gekennzeichnet. Der Grund ist im Prinzip ganz einfach. Während die 70er Jahre von dem Recycling der OPEC Überschüsse gekennzeichnet waren, konzentrierte man sich in den 80er Jahren auf das Recycling der japanischen Kapitalüberschüsse. Natürlich spielte sich dieser Prozess nahezu ausschließlich in den OECD Ländern ab. Japan gelang es ausgesprochen gut, diesen Prozess in Gang zu halten und zu steuern. Im Ergebnis besaß Japan von 1986 bis 1989 durchschnittlich einen Anteil von 26,93 % an den weltweiten Kapitalströmen die USA dagegen nur 16,41 %. Parallel dazu gingen zwischen 1984 und Prozent der japanischen Geschäftskredite, 70 Prozent der Direktinvestitionen und 86 % der Portfolio Investitionen in die beiden anderen Regionen der Triade ( ,56 %). 11 Die gegenwärtige Situation kann am besten so beschreiben werden: Die weniger entwickelten Länder werden abgekoppelt. Seit 1980 wurde durch Kapitalströme die neue globale Welt geschaffen, während die meisten Entwicklungsländer marginalisiert wurden. Diese zogen 1980 weltweit 55 % der Weltkapitalströme auf sich, generierten aber ihrerseits nur 14,5 %. Zehn Jahre später waren beide Prozentsätze dramatisch auf 2 Prozent gesunken. Wenn wir die wichtigsten als Off - Shore Finanzzentren dienenden Länder herausnehmen (Panama, Hongkong, die Kaiman Inseln und Holländisch Westindien) und zusätzlich die Kapitaltransfers der internationalen Organisationen und der privaten wie öffentlichen Spendengelder abziehen, sind zwischen 1986 und 1991 im Ergebnis weniger als 3 Prozent der Weltkapitalströme in die ärmeren Länder geflossen. Die allmähliche Ausgrenzung der Mehrheit der unterentwickelten Länder ist besonders auffällig im Bereich industrieller und finanzieller Investitionen sowie bei internationalen Bankkrediten. 11 ebenda, S 57, in: alle Daten Uger Mulder, Fast, Europäische Kommission, Brüssel

18 Seit 1982 hat es einen brutalen Stopp bei der Vergabe internationaler Bankkredite an arme Länder gegeben. Wenn wir wieder Länder wie Hongkong, Südkorea, Taiwan, Singapur Thailand, China und die Türkei ausschließen, dann zieht der Großteil der ärmeren Länder außer öffentlichen Spenden und multilateraler Hilfe gar kein Kapital mehr an. Das in diese Länder strömende Kapital stammt aus humanitären Hilfsmaßnahmen und beruht nicht auf wirtschaftlichen Überlegungen. 18

19 4. Entkoppelung der Geldwirtschaft vom realen Handel Die Ökonomie löst sich immer mehr von ihrer stofflichen Substanz. Es geht nicht mehr darum, von einem Standort die ganze Welt zu beliefern, sondern an allen wichtigen Standorten präsent zu sein. Die Internationalisierung des Tertiären Sektors wurde vorangetrieben, ein weltweites Netz von Banken, Versicherungen, Maklerbüros, Werbeagenturen, etc. aufgebaut. Während die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Nationalstaaten früher vorwiegend aus dem Warentausch bestanden und sichtbarer Natur (also räumlich und zeitlich identifizierbar) waren, verlagern sie sich tendenziell zu unsichtbaren Transfers. Größere Bedeutung als allem anderen kommt dem Handel mit Finanzdienstleistungen zu, der sich geradezu explosionsartig entwickelt: Die transnationalen Konzerne verdienen heute sehr viel mehr Geld mit Finanzanlagen als mit der Güterproduktion. Nur mehr ein Bruchteil der Finanztransaktionen dient der Abwicklung realer Tauschgeschäfte und Investitionsvorgänge. Der spekulative Sektor hat nicht nur überproportional zum realen Handel mit Gütern und Dienstleistungen zugenommen, die Geldwirtschaft hat sich heute weitgehend vom realen Handel entkoppelt: 12 Nur noch 3 % (manche sprechen von gar nur mehr 0,5%) fallen auf den realen Handel von Gütern und Dienstleistungen, die restlichen 97 oder mehr Prozent des Welthandels bilden eine Blase spekulativen Geldes Gruber, Petra, C., Zukunftsfähige Entwicklungswege jenseits einer durchkapitalisierten Weltgesellschaft; Johannes Kepler Universität Linz, Universitätsverlag Rudolf Trauner, Linz; Gruber, Petra, C. Zukunftsfähige Entwicklungswege jenseits einer durchkapitalisierten Weltgesellschaft; Johannes Kepler Universität Linz, Universitätsverlag Rudolf Trauner, Linz; 2000; in : Kennedy, Margit: Gefahren und Chancen der Globalisierung; in: Zeitschrift für Sozialökonomie 121/1999, S 27 ff. 19

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