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1 Medien Rhetorik Persoenlich.com Marcus Knill

2 09 September 2015 Medienrhetorik Rhetorischer Sirtaki mit Zauberer Tsipras Der griechische Ministerpräsident Tsipras ist nach dem ganzen Euro-Desaster zurückgetreten. Aber vielleicht ist dies auch nur ein Teil seines ganzen Spiels. Medienexperte Marcus Knill über jenen Mann, der während eines ganzen Sommers die EU narrte. Text: Marcus Knill Bild: Keystone Alexis Tsipras. 96

3 Medienrhetorik Rhetorischer Sirtaki mit Zauberer Tsipras marketing & kommunikation Der wendige Schlaumeier Blatter und der Zauberkünstler Tsipras haben etwas gemeinsam: Sie verstehen es, die Medien auf Trab zu halten und stehen nach jeder Niederlage wieder auf. Eigene Aussagen werden problemlos widerrufen. Die Konfrontationsrhetorik des Premiers Alexis Tsipras ist mit jener des Fussballrhetorikers Sepp Blatter auch vergleichbar, da beide jahrelang Erfolg hatten, weil sie sich von ihrer Botschaft überzeugt zeigten und sich durch nichts beirren liessen. Blatter verstand es, trotz jahrelanger Kritik und happiger Korruptionsvorwürfe allen Stürmen zu trotzen. Nach seinem Rücktritt irritierte Blatter die Öffentlichkeit jüngst mit seinem sonderbaren «Rücktritt vom Rücktritt». Tsipras ist zwar kein Fussballrhetoriker, obwohl er das Spiel des Täuschens, des Ausweichens, der Finten, der Tricks und der überraschenden Angriffe ebenfalls beherrscht. Zusammen mit seinem Finanzminister erkannte er bald, wie man mit der EU spielen kann. Es lohnt sich, sein Pokerspiel unter die Lupe zu nehmen. Was ist das für ein Mann, der die Europäische Union das Fürchten lehrte? Er bringt es fertig, den EU-Politikern auf der Nase herumzutanzen. Er ignoriert gegebene Vorschriften und Spielregeln. Er beherrscht das Katz-und-Maus-Spiel mit der EU, weil er ganz genau weiss, dass die EU Griechenland nicht verlieren kann und will. Er kennt ferner das Spiel der Provokation. Er kann auf Angriff schalten und die Täter zu Opfern machen. Die Geldgeber, die für Griechenland ohne Gegenleistung Milliarden locker gemacht hatten, macht Tsipras zu Sündenböcken: Die langen Warteschlangen vor den Geldautomaten bezeichnete Tsipras beispielsweise als beschämend. Dafür verantwortlich seien die Partner in der Eurozone, die die Europäische Zentralbank dazu gezwungen hätten, die für die griechischen Banken wichtige Unterstützung einzufrieren nicht falsche griechische Wirtschaftspolitik. Auch in seinen Reden geht der Griechen- Premier voll auf Konfrontationskurs mit den Geldgebern. «Die Konfrontationsrhetorik von Alexis Tsipras ist mit derjenigen von Sepp Blatter vergleichbar.» In einer seiner TV-Ansprachen sagte Tsipras: «Wir kämpfen jetzt seit sechs Monaten, während uns die Luft zum Atmen abgeschnürt wird. Jetzt wurden wir von der EU mit einem Ultimatum brüskiert, das gegen die europäischen Prinzipien verstösst. Das Angebot der Gläubiger beinhaltet Reformen, die wir nicht akzeptieren können.» Und poltert weiter: «Möglicherweise ist es Marcus Knill (www.knill.com), Experte für Medienrhetorik, analysiert und coacht seit Jahren Politiker und Führungskräfte. Er ist auch Autor der viel beachteten virtuellen Navigationsplattform für Kommunikation und Medien ANZEIGE 1/3 Inserat quer rechts 97

4 09 September 2015 das Ziel, ganz Griechenland zu erniedrigen.» Der Griechen-Premier teilt immer wieder hart aus und übt Kritik an der Nichtverlängerung des laufenden Rettungsprogramms: «Ich persönlich hätte nicht erwartet, dass das demokratische Europa dem Bedürfnis nach Zeit nicht entgegenkommt.» Man habe die Banken «zum Ersticken» geführt mit dem Ziel, die Regierung zu erpressen. Selbstkritik und Sparen sind für Tsipras Fremdwörter. Was ebenfalls auffällt, ist sein Zickzackverhalten. Er zaubert unverhofft einen neuen Vorschlag aus dem Hut, um dann wieder die EU anzugreifen. Seine inhaltlichen Volten sind nie nachvollziehbar. Da akzeptiert er beispielsweise morgens ein Angebot der EU mit kleinen Änderungen. Am Nachmittag folgt dann die kalte Dusche durch ein Nein. So irritiert er laufend die Gegenseite und bringt es erstaunlicherweise fertig, die EU- Kommission, die europäische Zentralbank, den Währungsfonds, die Finanzminister und «Der linke Polterer wird in der Schweiz erstaunlicherweise von den bürgerlichen Politikern bewundert.» die europäischen Regierungen dermassen zu nerven, dass sie die Geduld verlieren. Tsipras versteht es ausgezeichnet, die Schwächen des EU-Gebildes schamlos auszunützen, und es gelingt ihm immer wieder, den Geldgebern seinen Rhythmus aufzuzwingen. Mit seinen knallharten Forderungen hat er erstaunlich lange Erfolg. Der Grund: Die EU-Politiker wollen wie erwähnt ein Scheitern nicht zulassen. Denn sie befürchten einen Flächenbrand. Die Zähne sind so stumpf. Sie müssen wohl oder übel das «Enfant terrible» immer wieder gewähren lassen. Dessen ist sich der Pokerspieler voll bewusst. Tsipras hat längst erkannt, dass man das hoch verschuldete EU-Mitglied nicht fallen lassen will. Tatsächlich ist niemand berechtigt, Griechenland gegen seinen Willen aus der EU rauszuschmeissen. Eine derartige Situation wurde in den Verträgen nicht bedacht. Mit dem Referendum hat Tsipras sein Volk als Geisel genommen. Die offizielle Nein-Empfehlung der Regierung ist ein verwegenes Spiel. Erstaunlicherweise übersteht übrigens die griechische Regierung seit Monaten das kollektive Griechenland-Bashing in den offiziellen Medien. Auch das Spiel mit «Druck ausüben» hat sich für den Taktiker Tsipras mit dem Demagogen Varoufakis erstaunlich gut bewährt. Die Rhetorik der griechischen Regierung wurde immer feindlicher. Premier Tsipras spricht von «Demütigungen und Machtspielen», obschon es Griechenland war, das Abmachungen und Termine nicht eingehalten hat. Ein Meisterstück der Hinhaltetaktik. Tsipras spielt auch mit dem Spannungsfeld zwischen Finanzminister Schäuble und EU-Kommissionspräsident Juncker. Es ist offensichtlich, dass ein Graben zwischen der Prin zipienfestigkeit Schäubles und der Nachsichtigkeit Junckers klafft. Mit grosszügigem Nachgeben will Juncker Griechenland um fast jeden Preis im Euro halten. So wird das Nichteinhalten von Vereinbarungen immer wieder toleriert. Tsipras nützt dieses Spannungsfeld geschickt aus. Im Mittelpunkt des Spiels stehen zwar Merkel und die übrigen europäischen Regierungschefs, die Regie führen aber Schäuble und Juncker. Griechenland erkennt, dass alles geschluckt wird, nur um einen Grexit zu verhindern. Dadurch macht sich die Eurozone erpressbar. Die Forderungen können laufend in die Höhe geschraubt werden. Anderseits muss die Nachsicht Europas irgendwann ein Ende haben. Tsipras als Verschwörungsrhetoriker In einer Rede ans griechische Volk beschuldigte der griechische Premier unlängst «extreme konservative Kräfte» in Europa, die mutwillig die Schliessung der Banken herbeigeführt haben. Als Strafe dafür, dass sich die Regierung in Griechenland erfrecht habe, den Souverän über die Sparvorhaben der Geldgeber abstimmen zu lassen. Der Polterer als Vorbild Der linke Polterer wird in der Schweiz erstaunlicherweise von bürgerlichen Politikern bewundert. Paradox ist es eigentlich, was das Griechendrama bei uns ausgelöst hat. Der Applaus gilt vor allem den Auftritten des griechischen Premiers bei den Verhandlungen. Rechtskonservative Kreise wünschen sich, dass der Bundesrat in Brüssel auch so hart debattieren sollte. In der Aargauer Zeitung lesen wir vom Unternehmer Philippe Gaydoul: «Nehmen wir uns ein Beispiel an den Griechen.» KOMMENTAR: Zu spät haben die Europäer erkannt, dass Zocker Tsipras sich nicht in die politische Elite einbinden lässt. Er war Anführer eines Schülerstreiks, nahm in Che-Klamotten 2001 an den blutigen Protesten gegen den G8- Gipfel in Genua teil und ist auf dem Erfolgsweg der linken Partei nicht mehr zu bremsen. In den Reden predigt er: Raus aus der Nato, Stopp dem Schuldendienst, nationalisiert die Banken. Er hat Erfolg als Wolf im Schafspelz. Zu spät haben die Europäer gemerkt, dass nicht nur die Griechen dem Charme des «freundlichen Schwiegersohnes» erlegen sind. Seine konsequente Haltung machte den Rebellen so gefährlich für die nachsichtige EU. FAZIT: Entgegen aller Prognosen kann der gewiefte Pokerrhetoriker erstaunlicherweise sein Spiel mit seinem Referendum fröhlich feiern. Mit deutlichem Mehr gewinnt er die legendäre Abstimmung und hat damit die Europäische Union in eine heikle Situation gebracht vielleicht sogar in eine Schockstarre. Obschon sich Griechenland damit ins Abseits manövriert hat, wird Taktiker Tsipras versuchen, das Spiel einfach mit neuen Karten weiterzuspielen. Auch wenn er bisher in keiner Weise eine Zukunftslösung auch nur erwähnt hat. 98

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6 07 Juli 2015 Medienrhetorik Der Eiertanzrhetoriker Jeb Bush, der kleine Bruder von George W., möchte gerne US-Präsident werden. George W. befahl damals die Irak-invasion. Auf die Frage einer Reporterin: «Hätten Sie die gleiche Entscheidung getroffen?», antwortete Jeb mit Ja, einen Tag darauf mit Vielleicht, und noch einen Tag später sagte er sogar Nein. Ob er sich wohl damit geschadet hat? Text: Marcus Knill Bild: Rolf Neeser Jeff Bush nächster US-Präsident? Trotz oder wegen seines Nachnamens. 68

7 Medienrhetorik Der Eiertanzrhetoriker marketing & kommunikation Jeb Bush liegt in vielen Umfragen vorn. Jedenfalls hat er unter den republikanischen Präsidentschaftsbewerbern mit Abstand die meisten Spenden eingesammelt. Nun stolpert er ausgerechnet über eine W-Frage, mit der zu rechnen war. Es ist die Frage nach dem Irakkrieg seines Bruders George W. Bush. Zur ersten Antwort: Auf die Frage: «Hätten Sie mit dem Wissen von heute den Befehl zur Invasion im Irak gegeben?» antwortete Jeb Bush unmissverständlich: «Ja, das hätte ich. Und ich möchte daran erinnern, dass dies auch Hillary Clinton getan hätte.» Es hagelte hernach Kritik in den Medien, denn es hatte sich gezeigt, dass die Geheimdienstinformationen über Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen falsch waren. Soldaten. Einen Tag darauf folgte eine spürbar gereizte Klarstellung. Vermutlich auf Drängen seiner Berater sagte Jeb Bush nun: «Hätte ich damals gewusst, was wir jetzt wissen, dann wäre ich nicht in den Irak einmarschiert.» KOMMENTAR: Innerhalb von Tagen vollzog der mutmassliche Präsidentschaftskandidat der Republikaner eine radikale Kehrtwende. Von richtig zu falsch in vier Tagen, dies wunderte nicht nur Politbeobachter. Aus rhetorischer Sicht kann man aus diesem Eiertanz zwei Dinge lernen: 1. Wer in der Öffentlichkeit auftritt, muss damit rechnen, dass er auf heikle Sachverhalte angesprochen wird. Ein kluger Stratege weiss dies. Dass er nach dem Irakkrieg befragt werden würde, hätte er voraussehen können. Marcus Knill (www.knill.com), Experte für Medienrhetorik, analysiert und coacht seit Jahren Politiker und Führungskräfte. Er ist auch Autor der viel beachteten virtuellen Navigationsplattform für Kommunikation und Medien «Das Jeff Bush nach dem Irakkrieg befragt werden würde, hätte er voraussehen können.» Interview mit dem Sender Fox News (10. Mai 2015, Video: HereComesMax2 / Youtube): Im Radio versuchte Jeb Bush dann, die erste Antwort zu korrigieren: Er meldete sich in einer konservativen Radiosendung. Auf die Frage: «Sie hätten also im Rückblick anders gehandelt?» eierte Jeb Bush erneut herum: «Ich weiss nicht, wie meine Entscheidung ausgesehen hätte. Das ist eine hypothetische Frage.» Offensichtlich wollte der Präsidentschaftskandidat den älteren Bruder aus Loyalität nicht kritisieren. Dabei hatte George W. Bush schon selbst den Irakeinsatz als Fehler bezeichnet. Nicht nur die republikanischen Mitbewerber von Jeb Bush freuten sich über sein Lavieren, denn ohne Massenvernichtungswaffen hätte niemand einmarschieren dürfen. Eiertänzer Jeb Bush versucht natürlich sein Lavieren zu rechtfertigen: Anstelle einer klaren Stellungnahme sagte er auf einer Veranstaltung in Nevada, ein nachträgliches Infragestellen des Irakkrieges sei ungerecht gegenüber den getöteten 2. Heikle Fragen zu antizipieren, ist lernbar. Er selbst oder seine Berater hätten die Antworten vorbereiten können. Antizipieren heisst, eine überzeugende Antwort vorbereiten. Tatsächlich gibt es ständig Politiker, die vorschnell antworten und sich auf Interviews zu wenig vorbereiten (Christa Markwalder, Geri Müller und Co. lassen grüssen). Wenn es schlecht läuft, kommen bei unbedachten Antworten Flüchtigkeitsfehler dazu, und die Sache eskaliert. FAZIT: Natürlich ist es verständlich, dass Jeb Bush versucht, Vater und Bruder nicht eines Fehlers zu zeihen. Aber genauso verständlich sollte es auch sein, dass Bush erkannte Fehler, auch die seiner Familie, nicht so einfältig zu decken versucht. Sondern dass er Fehler, wenn er sie schon nicht vermeiden konnte, klar und ohne sie zu beschönigen zugibt. Was mich an Aussagen von Bekannten in den USA erstaunte: Sie gaben mir zu verstehen, dass Jeb Bush trotz seines verbalen Saltos clever gehandelt habe. Er habe damit bei jeder Gruppe (Gegner und Befürworter des Irakkrieges) gepunktet. 69

8 06 Juni 2015 Medienrhetorik Stephan Klapproths konkrete Antworten «10 vor 10»-Moderator Stephan Klapproth machte sich als Newsmoderator einen Namen. Klapproth kennt die BBB-Formel: Eine Botschaft muss mit einem Bild oder einem Beispiel gekoppelt werden. An seinen Antworten erkennen wir, wie Gedanken visualisiert werden könnten. Es sind Details, Emotionen, Geschichten, Vergleiche, Beispiele, Humor. Text: Marcus Knill Bild: Rolf Neeser Geschichten, Geschichten, Geschichten: News-Moderator Klapproth. Betrachten wir Klapproths Formulierungen im Interview mit dem SonntagsBlick: INTERVIEWER: Haben Sie die Nase voll von der Nachrichtenwelt? Nie! Sobald ich in die Aktualität eintauche, wird es zwar stressig, aber nie langweilig. Als Student hab ich mal als Bibliothekar-Assistent gearbeitet, die Zeit ging kaum vorbei. Ich liebe das Adrenalin und das rote Licht, wenn wir auf Sendung gehen. Bei «10 vor 10» sind Sie aber nur noch bis Ende September zu sehen. Warum der Wechsel zu «Sternstunde Philosophie»? Ich freue mich darauf, mich ganz in etwas vertiefen zu können. Jetzt bereite ich mich auf fast einstündige Gespräche vor. Statt einen Tag bin ich zwei Wochen bis zur Sendung kribbelig. Wie gehen Sie mit Katastrophenmeldungen um? Mir geht das sehr nahe. Im Privatleben bin ich eine Mimose. Ich könnte nie einen Horrorfilm schauen, schon ein Tennismatch ist eine Nervenbelastung. Für mich ist es einfacher, schwierige Themen auf der Redaktion zu verarbeiten. Es ist wie bei einem Feuerwehrmann: Man handelt einfach und hat nicht lange Zeit zu überlegen, wie man sich fühlt. Wie schalten Sie ab? Im Kajak auf dem Zürichsee. Ich bin in Luzern am See aufgewachsen, das Wasser ist mein Ele- 86

9 Medienrhetorik Stephan Klapproths konkrete Antworten marketing & kommunikation ment. 50 Meter vom Ufer weg bin ich der König. Selbst wenn ich noch den Lärm vom Bellevue wahrnehme, ist es bei mir schon still. Sie haben auch eine Wohnung in Genf Ja, ich bin regelmässig in der Westschweiz, weil ich an den Unis in Neuenburg und Genf unterrichte. «Ich habe inzwischen gemerkt, dass es ideal ist, ein Local Hero zu sein.» Und weil Sie dort mehr Privatsphäre haben. Ich habe inzwischen gemerkt, dass es ideal ist, ein «Local Hero» zu sein. Ein bisschen Berühmtheit, das schmeichelt der Seele. Aber es kann auch anstrengen, wenn man sich immer beobachtet fühlt. In Zürich kennen mich neun von zehn Leuten. In Genf ist das umgekehrt. Und der Kellner im Restaurant ist zu mir genauso unfreundlich wie zu allen anderen. Werden Sie bevorzugt? Ich denke schon. Es ist ein bisschen, als ob man in einer Wunderwelt leben würde, in der alle immer freundlich sind. Sie behalten Ihr Privatleben sehr für sich, warum? Es ist so unspektakulär wie bei jedem anderen auch. Ich komme aus einer grossen Familie. Als ich vor über zwanzig Jahren zum ersten Mal in meiner Funktion als Moderator fotografiert wurde, habe ich beschlossen, diesen Kreis für mich zu behalten. Darum sieht man mich nicht mit meiner Frau an irgendwelchen Anlässen. Ihre Frisur wurde als «Die Palme» berühmt. Ärgert Sie das? O nein, darüber amüsiere ich mich. In den letzten 22 Jahren habe ich deswegen nicht eine einzige Zuschauerbeschwerde bekom- Marcus Knill (www.knill.com), Experte für Medienrhetorik, analysiert und coacht seit Jahren Politiker und Führungskräfte. Er ist auch Autor der viel beachteten virtuellen Navigationsplattform für Kommunikation und Medien ANZEIGE Executive MBA Strategisches Marketing Das EMBA-Programm für Marketing-Professionals Die Themen: Unternehmens-, Geschäftsfeld- und Marketingstrategien Strategische Markenführung und Kommunikation Strategisches CRM und Onlinemarketing Neuromarketing und Dienstleistungsmarketing HTW Chur Hochschule für Technik und Wirtschaft Pulvermühlestrasse 57 CH-7004 Chur Telefon +41 (0) Studienort: Zürich (KLZ) in unmittelbarer Nähe vom Zürich HB management-weiterbildung Das berufsbegleitende Studium hat einen sehr hohen Praxisbezug. Eine Intensivwoche in Graubünden, Firmenbesuche und Gastreferate runden den Studiengang ab. Optional können die Studierenden am Study Trip ins Silicon Valley teilnehmen. FHO Fachhochschule Ostschweiz 87

10 06 Juni 2015 men. Und auch der Coiffeur-Verband hat sich nie gemeldet. Letztendlich kümmert es mich nicht, ich frisiere mich jeden Morgen gleich mit einer Handvoll Gel, meist noch im Halbschlaf. Mein Grossvater hatte übrigens die gleiche Frisur. Er hat «die Palme» in die Familie gebracht. Ich kann also nichts dafür, das ist genetisch bedingt. Was haben Sie sonst noch von Ihrem Grossvater geerbt? Er hat mich als Kind sehr beeindruckt. Obwohl er am Stock ging, alt und blind war, wirkte er jung. In seiner Sprache und im Denken war er sehr leichtfüssig und elegant. Warum war er blind? Mein Grossvater Ferdinand Gonseth kam aus einer armen Uhrmacherfamilie im Jura, er war das jüngste von neun Kindern. Alle mussten bei den Bauern auf dem Feld helfen, nur er hat auf dem Estrich im Dunkeln gelesen. Das führte zu einer Netzhautablösung. Er musste ein Jahr lang im abgedunkelten Zimmer bleiben. Der Pfarrer kam jeden Tag, um ihm vorzulesen. Wegen seines Talents bekam er die Matura quasi geschenkt, studierte und wurde Professor für Wissenschaftsphilosophie. Die Eloquenz haben Sie von ihm? Nicht nur, auch von meinen Eltern. Sie waren beide in jungen Jahren Journalisten und sehr kulturorientiert. Jeden Freitag gingen sie ins Theater, und es kamen oft befreundete Schauspieler aus dem Stadttheater Luzern auf Besuch. Das waren faszinierende Leute, ein bisschen crazy, aber auch unstet. Ich war ehrlich gesagt froh, dass meine Eltern so gutbürgerlich und verlässlich waren und mir zugleich ein so spannendes Umfeld boten. Woran glauben Sie? Religiös formuliert, bin ich Agnostiker. Ich glaube nicht an einen Gott, verneine ihn aber auch nicht. Erkenntnistheoretisch ist es ja so: Wir wissen, dass wir nicht wissen, was da draussen ist. Mit Denken allein können wir das nicht lösen. Wie wäre es mit dem Fühlen? Ich bin Konstruktivist und glaube, dass sich jeder seine eigene Realität erschaffen kann. Da ist alles erlaubt, also jede Hoffnung. Menschen, die ihr Leben heiter und mit Zuversicht gestalten, sind auch glücklicher. Der Philosoph Friedrich Nietzsche schreibt vom unersättlichen Hunger aufs Leben und über den Wunsch ewiger Wiederkunft, das kann ich nachvollziehen. Wiedergeburt ist für Sie ein Thema? Ob es eine Reinkarnation im Sinne des Dalai Lama gibt who knows? Aber ich kenne diesen Hunger, Schönes nochmals erleben zu wollen. Wenn ich wählen könnte, ich käme bestimmt wieder. Bei den Musikern nennt man das «da capo»: «Spielen wir es noch einmal.» Das ist meine Lebensphilosophie. ANALYSE: In der ersten Antwort folgt nach dem narrativen Element (Ich habe als Bibliothekar- Assistent gearbeitet) die Schilderung der Situation mit dem Adrenalinschub, wenn das rote Licht aufleuchtet. Bei einigen Antworten schildert Klapproth seine emotionale Befindlichkeit sehr konkret: «Bin zwei Wochen kribbelig» oder «Horrorfilme oder ein Tennismatch belasten meine Nerven. Ich bin eine Mimose». Der Interviewte antwortet meist so, dass wir seine Aussagen sehen (im «Lernen wir so zu reden, dass das Gegenüber die Aussage mit den Ohren sieht.» Kanu, 50 Meter vom Bellevue entfernt). Die Geschichte mit dem Kellner in Genf, der genau so unfreundlich ist mit ihm, weil er den Promi nicht kennt, lässt den typischen Klapproth-Humor durchschimmern. Dass der prominente Journalist sein Privatleben nicht preisgibt, begründet er mit einem konkreten Erlebnis vor zwanzig Jahren. Die Geschichte mit der «Palmen-Frisur» wird mit einer humorvollen Bemerkung (Coiffeur-Verband hat sich nie gemeldet), der täglichen Gel-Haarpflege im Halbschlaf und dem genetisch bedingten Hinweis auf «die Palme» konkretisiert. Die Leser sehen den blinden Grossvater, der am Stock geht, aber dennoch jung, leichtfüssig und elegant wirkt. Die Fragen mit Tiefgang über Glauben, Fühlen und Wiedergeburt beantwortet der «10 vor 10»-Moderator, als sei er bereits «Sternstunden»-Moderator. Auch bei dieser anspruchsvollen Thematik weicht Klapproth weder aus, noch spricht er abstrakt oder in allgemeingültigen Formulierungen. Er klärt, woran er als Konstruktivist glaubt oder was er unter Reinkarnation versteht. Alle Antworten klingen wunderschön. Ich fragte mich jedoch, weshalb einige Leser diese Aussagen dennoch als nicht echt empfunden haben. Vielleicht, weil alles in eine so schöne Leichtigkeit getaucht wird und damit etwas flach, gewollt, zu gewollt, fröhlich und heiter formuliert wird. FAZIT: Dieses Beispiel ist ein gutes Lehrstück: Lernen wir so zu reden, dass das Gegenüber die Aussage mit den Ohren sieht. Lernen wir so zu schreiben, dass der Leser die Antworten mit den Sinnen wahrnimmt. Im Gegensatz zu vielen Politikern meidet Medienprofi Klapproth die üblichen allgemeinen Plausibilitätsphrasen, die zwar beeindrucken, aber nichts Konkretes aussagen. 88

11 Medienrhetorik Bei Kampfdialektik das Gesicht wahren aber wie? marketing & kommunikation Der Preis für Integrierte Kommunikation Spitzenleistungen in der Kommunikation entstehen durch ganzheitliches Denken und Handeln und sind eine wesentliche Voraussetzung für den Unter nehmenserfolg. Jetzt anmelden Award-CC.com Zeigen Sie Ihren Erfolg. Eine neutrale Fachjury prämiert Kom muni kations- Konzepte, die auf kreative Art mit einem integrierten Ansatz kommunizieren und damit bei den angesprochenen Dialoggruppen eine nach haltige Kommunikationswirkung erzielen. Einreichungsschluss der Projekte: 15. Juli 2015 Veröffentlichung Shortlist: 15. August Preisverleihung: Donnerstag, 10. September Details, Teilnahmebestimmung und Anmeldung: Preissponsor Sponsoren und Medien-Partner Branchenpartner Schweizerischer Public Relations Verband SPRV Association Suisse de Relations Publiques ASRP Associazione Svizzera direlazioni Pubbliche ASRP Award Corporate Communicatons ist eine eingetragene Bild- und Wortmarke. 89

12 05 Mai 2015 Medienrhetorik Plausibilitätsformulierungen Die Astrologin Monica Kissling erfreut sich grosser Popularität. Und dies, obwohl ihre Prognosen oftmals allgemeingültig sind. Medienspezialist Marcus Knill verrät, was man von ihr lernen kann. Text: Marcus Knill Bild: Rolf Neeser Immer stimmende und allgemeingültige Phrasen sind nicht nur in der Politikerrhetorik anzutreffen. Die Texte von Horoskopen sind ebenfalls meist allgemeingültig sie stimmen für jede Person und jede Jahreszeit. Im Radio SRF 3 ist regelmässig Madame Etoile (Monica Kissling) zu hören. Ich habe ihre Prognosen an einem Samstag unter die Lupe genommen und erkannt, weshalb die Kissling-Horoskope gut ankommen. Alle Prognosen sind bei ihr analog gestrickt. «Negative Vorhersagen beeinflussen Menschen negativ!» Monica Kissling sieht nicht nur in die Zukunft. KISSLING: Kraftvolle, leidenschaftliche und experimentierfreudige Sterne begleiten uns durch die Woche. Wir wollen jetzt neue Wege gehen und vorwärtskommen. Wer mit ganzem Herzen und vollem Einsatz für seine Anliegen einsteht, kann sehr viel erreichen oder sogar einen Durchbruch schaffen. Unter den temperamentvollen Sternen sind wir aber auch eigenwillig und ungeduldig. Es besteht deshalb die Gefahr, dass wir uns überhitzen und überreagieren. Das führt dann nicht zum Erfolg, sondern vielmehr zu einer schnellen Eskalation von Konflikten. Der Konfliktplanet Mars steht dominant im heissblütigen Widder, und auch der Vollmond vom Donnerstag birgt Zündstoff. Da kann ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringen. Alte Konflikte können heftig aufflammen; gleichzeitig bietet sich uns die Chance, sie endlich zu bereinigen. 82

13 Medienrhetorik Plausibilitätsformulierungen marketing & kommunikation ANALYSE: Wer Prognosen veröffentlicht, ist sich bewusst: Negative Vorhersagen beeinflussen Menschen negativ. Deshalb dominieren bei Sterndeutern vage, positive Formulierungen. «Kraftvolle, leidenschaftliche, experimentierfreudige Sterne werden uns begleiten.» Diese Formulierung spiegelt beispielsweise jede Frühlingsstimmung. Wer möchte nicht in der Aufbruchstimmung «neue Wege gehen und vorwärtskommen»? Die prognostizierten Wünsche zählen zur Plausibilitätsrhetorik. Niemand möchte nicht «voll und ganz für etwas einstehen und sehr viel erreichen». Die angeblichen Schattenseiten «Eigenwilligkeit und Ungeduld» wer kennt sie nicht? Dass bei Ungeduld die Gefahr des Überreagierens besteht, ist trivial; genauso wie die banale Feststellung, dass dieses Verhalten nicht zum Erfolg führt. Dass die Konstellation Mars Widder Vollmond Zündstoff in sich birgt, weil alte Konflikte heftig aufflammen könnten diese Gefahr besteht immer, auch ohne die geschilderte Konstellation. Dass Konflikte immer eine Chance sind, etwas zu bereinigen, steht in den meisten Beratungsbüchern. Die geschilderten Prognosen treffen somit immer zu. Potenziale entwickeln KISSLING: Der starke Mars mischt die Arbeitswelt auf und signalisiert verstärkten Wettbewerb. Wir müssen uns jetzt der Konkurrenz stellen und für unsere Sache einstehen. Wer beim ersten Widerstand nachgibt oder sich wenig zutraut, hat schlechte Karten. Unsere Durchsetzungskraft und unsere Konfliktfähigkeit werden einem Stresstest unterzogen. Die Welt gehört den Mutigen: Wagen wir also etwas! Sicherheit können uns die Sterne im Moment sowieso nicht bieten. «Alles, nur nicht stehen bleiben», lautet das aktuelle Motto. Schauen wir also, welche Potenziale wir entwickeln wollen und wie wir beruflich weiterkommen können. Die Sterne geben Marcus Knill (www.knill.com), Experte für Medienrhetorik, analysiert und coacht seit Jahren Politiker und Führungskräfte. Er ist auch Autor der viel beachteten virtuellen Navigationsplattform für Kommunikation und Medien ANZEIGE Am SAWI holen Sie sich, was die Praxis von Ihnen verlangt. Jetzt anmelden für die neuen Lehrgänge: Live Communication, Start 11. September 2015 in Zürich Product Manager, Start 11. September 2015 in Zürich Key Account Manager, Start 18. September 2015 in Zürich Alle Infos unter sawi.com oder Die kompromisslose Schule für Marketing und Kommunikation.

14 05 Mai 2015 grünes Licht für die Weiterbildung, für innovative Ideen und Reformen. Schon in der ersten Wochenhälfte können sich interessante Perspektiven eröffnen, vor allem für die Feuerzeichen Widder, Löwe und Schütze. Es lassen sich nun Geschäftspartner und Sponsoren finden: Akquirieren lohnt sich! ANALYSE: Hier geht Kissling auf die Arbeitswelt ein. Wettbewerb im Beruf ist die Norm seit je. Es wird geraten, sich der Konkurrenz zu stellen und für die eigenen Belange einzustehen. Auch dies eine allgemeingültige Lebensweisheit. Wir alle wissen das. Dass derjenige, der nachgibt und sich nichts zutraut, schlechtere Karten hat, ist auch nichts Neues, so wie die Aussagen: «Dem Mutigen gehört die Welt» oder «Die Sterne können uns im Moment nichts bieten.» Hernach folgt eine Kette von Allgemeinplätzen: «Nicht stehen bleiben!» «Suchen Sie Potenziale, die Sie weiterentwickeln können.» Madame Etoile motiviert die Zuhörer: «Die Sterne geben grünes Licht für die Weiterbildung.» Sie weiss aus Erfahrung: Wer dank dieser angeblichen Prognose die Aufmerksamkeit auf so eine allgemeingültige Aussage richtet, fokussiert sich auf Erfolge, die er sonst gar nicht bemerkt hätte. Erfolge, die wir ohne den Hinweis einer Kaffeesatzleserin gar nicht beachtet hätten, obwohl sie da waren. «Dass uns im Alltag der Instinkt meist an den richtigen Ort führt, ist nichts Neues.» Neues Liebesglück KISSLING: Auch in der Liebe wollen wir neue Wege gehen. Und die temperamentvollen Sterne machen uns Mut. Folgen wir also der Stimme unseres Herzens und dem Lockruf der Liebe! Wer ohne «Altlasten» unterwegs ist, kann das Glück sofort beim Schopf packen. Das Liebesfeuer kann sich auch völlig überraschend entzünden, bei einer zufälligen Begegnung. Unser Instinkt führt uns zielsicher an den richtigen Ort. Optimale Voraussetzungen bieten sich auch, wenn wir eine unbefriedigende Beziehungssituation zum Guten verändern oder beenden wollen. Das geht zwar nicht ganz so schnell und einfach, weil wir emotional, sexuell oder finanziell noch festhängen oder weil der Partner um uns kämpft. Doch wir haben jetzt den Mut und die Kraft, eine Grundsatzentscheidung zu fällen. ANALYSE: Der Hinweis auf die neuen Wege in der Liebe bewirkt Folgendes: Dank der Horoskoprhetorik werden alltägliche Geschehnisse oder Vorkommnisse besonders beleuchtet und uns bewusst gemacht. Wir staunen im Nachhinein, dass diese Bemerkungen gleichsam in Erfüllung gegangen sind. Dass uns im Alltag der Instinkt meist an den richtigen Ort führt, ist nichts Neues. Das Positive von sogenannten Plausibilitätsformulierungen be steht vor allem darin, dass wir gleichsam von einer Sternenfrau auf unsere Situation hingewiesen werden. KOMMENTAR: Die positiven Plausibilitätsformulierungen einer Hellseherin sind im Gegensatz zu Schwarzsehern nicht gefährlich, weil negative Prognosen uns negativ beeinflussen können. Alle Gedanken haben Auswirkungen auf unser Tun. FAZIT: Dank der geschickten Plausibilitätsformulierung kann Madame Etoile bei ihren angeblichen Prognosen eine Fehlerquote von beinahe null buchen. ANZEIGE BEI *MILLIONÄREN LERNT MAN SPAREN. 84

15 Medienrhetorik Bei Kampfdialektik das Gesicht wahren aber wie? marketing & kommunikation «Wie für schwammige Körper gibt es dann Fitness-Studios für den schwammigen Geist.» Dieter Haller im GDI Impuls 4.14 GDI Impuls stählt ihren Verstand, trimmt ihren Weitblick Trends einordnen, Zusammenhänge erkennen, Strategien entwickeln. GDI Impuls die Pflichtlektüre für Vordenker und Entscheider. Unser Angebot für Werbe- und Kommunikationsagenturen: > Rabattierte Gruppenabonnemente für Mitarbeiter oder Kunden > Digital- oder Printausgabe an Ihrer Veranstaltung > Massgeschneiderte Kooperationspakete Kontaktieren Sie uns für Ihr massgeschneidertes Kooperationspaket! Wissensmagazin für Wirtschaft, Gesellschaft, Handel Nummer oder ISSN CHF 35. EUR 31 It s D-Time Vergessen Sie, was Sie je über Digitalisierung gehört haben. Wir sagen, was sie wirklich mit Ihnen anstellt. Und welche Chancen sie bietet. Wissensmagazin für Wirtschaft, Gesellschaft, Handel Nummer David Bosshart Die Zukunft des Wohlstands Peter Glaser Die nächste Atomkraft Aladin El-Mafaalani Salafi-Punk It s D-Time Vergessen Sie, was Sie je über Digitalisierung gehört haben. Wir sagen, was sie wirklich mit Ihnen anstellt. Und welche Chancen sie bietet. David Bosshart Peter Glaser Aladin El-Mafaalani Die Zukunft des Wohlstands Die nächste Atomkraft Salafi-Punk GDI IMPULS Wissensmagazin für Wirtschaft, Gesellschaft, Handel facebook.com /GDI.Impuls 85

16 04 April 2015 Medienrhetorik Bei Vorwürfen hilft eine treffende Zielbotschaft Frank Baumann, Direktor des Humorfestivals in Arosa einigen Lesern als «Ventilator» im Schweizer Fernsehen bekannt wirbelt mit seinen Antworten nicht nur warme Luft auf. Er überzeugt dank seiner einleuchtenden Zielbotschaft. Text: Marcus Knill Bild: Keystone Ex-Radiomoderator, Ex-Ventilator und Ex-Werber: Frank Baumann kennt die Branche in allen Facetten. 68

17 Medienrhetorik Bei Vorwürfen hilft eine treffende Zielbotschaft marketing & kommunikation ZUR SITUATION: Politikerinnen und Politiker, vorab aus dem links-grünen Lager, protestieren in einer On linepetition mit Unterschriften gegen die an geblich «frauenfeindliche Berichterstattung» in Schweizer Medien. Anlass sind die Artikel über die Zuger Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin, die «jeden Rahmen sprengten». Statt sensibel mit dem Vorgefallenen umzugehen, würden die Medien die grüne Kantonsrätin als Täterin etablieren. Das Humorfestival Arosa wurde in diesem Zusammenhang von den Grünen hart kritisiert, weil das Festival beide involvierten Politiker (Hürlimann und Spiess-Hegglin) für einen humoristischen Preis nominiert hat. «Verharmlosung, auch unter dem Deckmantel der Ironie, ist verantwortungslos», war der Grundtenor der Kritiker. Festivaldirektor Frank Baumann will jedoch die Nominierung nicht zurückziehen. Er begegnet den Vorwürfen mit einem Interview im Tages-Anzeiger. INTERVIEW: Herr Baumann, die gemeinsame Nominierung von Jolanda Spiess-Hegglin und Markus Hürlimann für den Schneemann des Jahres sorgt für anhaltende Kritik. War das eine bewusste Provokation? Nein. Die Nominierung ist nicht wegen der mutmasslichen Vorfälle während dieser Feier in Zug entstanden, sondern wegen der hilflosen Medienarbeit danach. Es ging uns um den Auftritt in der Öffentlichkeit; wir wollten keinen Profit aus einem allfälligen sexuellen Übergriff ziehen. ANALYSE Das eindeutige Nein stoppt den Vorwurf. Die Begründung ist nachvollziehbar: Es geht für Baumann nicht um die mutmasslichen Vorfälle, sondern um die hilflose Medienarbeit nach den fragwürdigen Vorkom m nissen. Lächerlich machten sich beide mit ihren Auf tritten. Marcus Knill (www.knill.com), Experte für Medienrhetorik, analysiert und coacht seit Jahren Politiker und Führungskräfte. Er ist auch Autor der viel beachteten virtuellen Navigationsplattform für Kommunikation und Medien ANZEIGE 1/2 Messerli 69

18 03 März 2015 Das wird im Nominationstext so aber nicht klar. Dort heisst es: So viel Unterhaltung müsse belohnt werden. Ja, wir haben das missverständlich formuliert. Wahrscheinlich hätte es auch gereicht, wenn wir nur Herrn Hürlimann nominiert hätten. Ich habe in der Zwischenzeit mehrfach mit Frau Spiess-Hegglin telefoniert und versucht, unseren Standpunkt klarzumachen. Und die Ge mein de Arosa lädt sie und ihre Familie für einige Tage ein, um sich in der Bergluft zu erholen. Eine schöne Geste, finde ich. ANALYSE Der Satz «So viel Unterhaltung muss belohnt werden» könnte tatsächlich missverstanden werden. Mit diesem Eingeständnis bricht Baumann die Spitze des Vorwurfes und kommt Frau Spiess-Hegglin entgegen, um ihr den Standpunkt der Jury klarzumachen. Ist die Nominierung überhaupt über Ihren Tisch gegangen? Ja, aber ich habe ihr zu wenig Bedeutung beigemessen. Solche Nominationen werden auch nicht in dreitägigen Jurysitzungen erarbei tet, sondern geschehen eher ad hoc. Im Text heisst es: «Oft spielt das Leben die unterhaltsamsten Geschichten und lässt unbe scholtene Politiker plötzlich zu ungewollt komi schen Figuren werden.» Im Moment klärt die Staatsanwaltschaft, ob bei den Vorfällen Gewalt im Spiel war. Unterhaltsam? In einem nächsten Fall würden wir das sorgfältiger schreiben. Gerade bei so sensiblen Themen. Aber grundsätzlich ist es richtig, den Auftritt unserer Politiker in der Öffentlichkeit kritisch zu hinterfragen. Das ist ja Irrsinn, was sich die leisten! Das sind vom Volk gewählte Personen. Es übersteigt mein Vorstellungs vermögen, wie man sich derart die Kante geben kann, dass es danach zu solchen Eska pa den kommt. Und damit meine ich vor allem den Herrn von der SVP. ANALYSE Auch wenn er die Formulierung beim nächsten Mal sorgfältiger wählen würde, so bleibt Frank Baumann bei seinem Kernargument, dass Politiker oft ungewollt komische Figuren abgeben. Tatsächlich ist es erstaunlich, was sich Politiker, vom Volk gewählte Vertreter, alles leisten. Geri Müller lässt grüssen, der Nackt bilder tatsächlich im Amtshaus auf genommen und digital weitergeleitet hat, um sich nachher als Opfer der Medien bezeich nen zu lassen und mit dem Vorwurf der Persönlichkeitsverletzung seine Schuld auf die Journalisten zu verlagern. Verschiedentlich wird jetzt gefordert, dass Sie die Nomination zurückziehen. Was würde das denn bedeuten? Wem wäre gedient? Niemandem. Es wäre ein Papierentscheid. Es bringt uns mehr, wenn wir aus dieser Geschichte lernen, was eine solche Nomination auslösen kann. Und seien wir ehrlich, die Chancen, dass Hürlimann die Skulptur bekommt, sind eher gering. Da werden noch andere mit einem originelleren Auftritt kommen. In der Tageswoche hiess es gestern, dass die Festivalleitung die Nominierung zurückzöge, falls die Behörden einen Straftatbestand feststellen würden. Ja. Es ist einfach wahnsinnig schwierig, das zu präzisieren. Noch einmal: Uns geht es nicht um die mutmassliche Straftat. Uns geht es um den hilflosen Auftritt der Protagonisten danach. Die haben die Geschichte grösser und grösser werden lassen. Das hat Schäden verursacht, echte Schäden. Unser lä cher li cher Schneemann ist Pipifax dagegen. Es wäre doch bigott, wenn ich nun sagen würde, ich übernehme die Verantwortung und ziehe die Nomination zurück. Ich wäre nicht besser als irgendein Politiker! ANALYSE Zum Vorschlag des Rückzuges der No minierung, falls ein Strafbestand nach gewiesen würde, wiederholt Baumann sein Kern - argument: Es geht nicht um die mut massliche Straftat, sondern um den hilflosen Auftritt der Protagonisten. Es waren die Akteure, die mit ihrem Verhalten die Geschichte es ka lieren liessen. Das Addieren verursachte die Schäden. Es wäre ja sonderbar, wenn nun plöt zlich die Jury die Verantwortung für all die Pannen auf sich nehmen müsste. Aus Ihren Zeiten bei der Fernsehsendung «Ventil» sind Sie Anfeindungen gewohnt. In Ihrer Erfahrung: Was hat sich seither verändert? Erträgt es heute weniger als da mals? Ich stelle zwei Entwicklungen fest, und sie sind paradox. Zum einen braucht es heute einen viel grösseren Aufwand, um irgendeine Wirkung zu erzielen. Vor zwanzig Jahren hat es bei «Ventil» gereicht, einen Zuschauer aus der Telefonleitung zu werfen. Heute sind wir beim Dschungelcamp angelangt. Die Menschen sind abgestumpft, nur das härteste Geschütz berührt sie noch. Gleichzeitig hat die Political Correctness an Bedeutung gewonnen. Ehrlich ist das nicht. Wenn, wie im aktuellen Fall, irgendwelche Gruppie rungen und Politiker das Wort ergreifen und offene Briefe in der Gegend herumschicken, dann dient das häufig und einzig diesen Figuren. (Interview aus tagesanzeiger.ch/newsnet) BEMERKUNGEN: Frank Baumann betont zu Recht, dass die Öffentlichkeit durch harte Kost abgestumpft ist. Andererseits kommt es hinsichtlich Political Correctness vielfach zu Protest stürmen. Da sind Gruppierungen sensibilisiert und liefern postwendend Petitionen, ohne dass die Fakten geklärt sind. Im besagten Fall wäre ein bedächtigeres Vorgehen angesagt gewesen, denn niemand konnte damals sagen, was wirklich vorgefallen war. Beides ist falsch, eine Vorverurteilung ohne Kenntnis der Fakten, aber auch ein vorschnelles Reinwaschen, ohne das Untersuchungsergebnis zu kennen. Der Fall Kachelmann veranschaulicht exempla risch, dass das Geschlecht allein kein Garant dafür ist, ent- oder belastet zu werden. Wenn Frank Baumann das unprofessionelle Verhalten der Akteure betont, sind beispielsweise folgende gravierende Fehler gemeint: das Peace-Zeichen, das die Grünen-Politikerin auf der Aufnahme mit ihrem Partner am Fest in die Kamera gehalten hat, und die fragwürdige Wortschöpfung «Fremdküssen», die der SVP-Politiker ständig wiederholt hat. FAZIT: Was wir von Frank Baumann lernen können: Es fällt bei einer Replik kein Stein aus der Krone, wenn man für die Gegenseite Verständnis zeigt und Fehler eingesteht. Dann aber gilt es, die Zielbotschaft ins Zentrum zu stellen und mehrfach heraus zuschälen. Das ist die Stärke von Frank Baumann. 70

19 Medienrhetorik Bei Kampfdialektik das Gesicht wahren aber wie? marketing & kommunikation 1/1 coop 71

20 03 März 2015 Medienrhetorik Zur Brandrede des Papstes: (K)eine Gardinenpredigt des Papstes an die Kurie? Papst Franziskus hat Klartext gesprochen. Was meint er damit? Und vor allem, wen will er damit erreichen? Unser Medienexperte Marcus Knill hat die Standpauke des Kirchenoberhauptes analysiert. Text: Marcus Knill* Bild: Keystone Kämpferische Töne aus dem Vatikan: Papst Franziskus. 88

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