Aus: Kannetzky, F./Tegtmeyer, H. (Hrsg): Personalität. Studien zu einem Schlüsselbegriff der Philosophie. Leipzig: Universitätsverlag 2007.

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1 Aus: Kannetzky, F./Tegtmeyer, H. (Hrsg): Personalität. Studien zu einem Schlüsselbegriff der Philosophie. Leipzig: Universitätsverlag Inhalt EINLEITUNG Frank Kannetzky/Henning Tegtmeyer Begriff der Person und Theorie der Personalität 5 KOGNITIVE VERMÖGEN DER PERSON Wolfgang Prinz Subjekte sind Artefakte 19 Henrike Moll Person und Perspektivität. Kooperation und soziale Kognition beim Menschen 37 Claudia Henning Vom Wahrnehmungs- zum Handlungssubjekt? 57 PRAKTISCHE VERMÖGEN DER PERSON Bettina Walde Zur dualistischen und zur naturalistischen Sicht auf das Subjekt am Beispiel der Willensfreiheit 99 Simone Dietz Die Menschenwürde der Rampensau. Selbstdarstellungskultur in der massenmedialen Gesellschaft 119 Neil Roughley Willensschwäche und Personsein 143 DIE KONSTITUTION VON PERSONALITÄT Volker Schürmann Personen der Würde 165 Henning Tegtmeyer Sünde und Erlösung. Die Konstitution von Personalität im jüdisch-christlichen Denken 187 Frank Kannetzky Weder Bewusstseinsimmanenz noch Schnittpunktexistenz. Personalität als Handlungsbegriff 213

2 PERSON UND GEMEINSCHAFT Hans Bernhard Schmid Person Nostrologische Notizen 255 Heikki Ikäheimo Personale Anerkennung 275 Geert-Lueke Lueken Erziehung und Person. Eine Skizze 299 RECHTSDISKURSE Hans-Ludwig Kröber Willensfreiheit und strafrechtliche Verantwortlichkeit aus Sicht der forensischen Psychiatrie 321 Bernd Ladwig Das Recht auf Leben und der Begriff der Person 341 ÜBER DIE AUTOREN 367

3 Frank Kannetzky/Henning Tegtmeyer Einleitung Begriff der Person und Theorie der Personalität Der Begriff der Person ist schon seit geraumer Zeit ein Gegenstand intensiver philosophischer Reflexion. Allein in Deutschland sind dem Thema bereits mehrere Monographien gewidmet, 1 von der Flut von Aufsätzen zu systematischen und historischen Aspekten des Personenbegriffs ganz zu schweigen, die allein in den vergangenen zehn Jahren publiziert wurden. Es ist sicher nicht übertrieben, von einem Schlüsselbegriff der Philosophie der Gegenwart zu sprechen. Das war allerdings nicht immer so. Noch vor zwanzig Jahren schien der Begriff der Person eher eine Angelegenheit von Theologen und Juristen, und es war eher der Subjektbegriff, an dem sich philosophische Explikationsbemühungen und philosophischer Streit in vergleichbarem Umfang entzünden konnten, gipfelnd in der Kontroverse, die zu Beginn der Achtziger Jahre zwischen hermeneutischer und poststrukturalistischer Philosophie unter dem Schlagwort Tod des Subjekts ausgetragen wurde. Diese Debatte weckt heute kaum noch mehr als historisches Interesse, was nicht allein auf Ermüdung, einen Wandel terminologischer Moden, auf strategische Motive und hochschulpolitische Veränderungen zurückgeführt werden kann. Es gibt dafür auch echte sachliche Gründe. Diesen nachzugehen lohnt sich umso mehr, als Subjekt und Person in philosophischer Terminologie nahe beieinander liegen. Beide Begriffe bündeln Wesensmerkmale des Menschen, Eigenschaften und Fähigkeiten, die den Menschen in der einen oder anderen Weise vom Tier unterscheiden. Allerdings in bloß partieller semantischer Überlappung: Scheinen die Begriffe Subjekt und Subjektivität im Kern das Mentale und Psychische, die kognitiven Vermögen und affektiven Dispositionen des Menschen zu bezeichnen, so richten sich die Begriffe Person und Personalität wesentlich auch auf den Menschen als wollendes und handelndes Wesen. Dass der Begriff der Person heute philosophisch attraktiver erscheint als der Begriff des Subjekts, hat nun nicht nur mit der lang schon vollzogenen Rehabilitierung der praktischen Philosophie (M. Riedel) zu tun, sondern auch mit dem Streben nach einer Überwindung cartesischer, dualistischer Konzeptionen von Leib und Seele in der Philosophie des Geistes und dem Bedürfnis, den Menschen als Bürger der einen, ungeteilten Welt aufzufassen, das unter den Titeln Monis- 1 Vgl. Robert Spaemann: Personen. Versuche über den Unterschied zwischen etwas und jemand. Stuttgart : Klett-Cotta 1996; Dieter Sturma: Philosophie der Person. Die Selbstverhältnisse von Subjektivität und Moralität. Paderborn: Schöningh 1997; Michael Quante: Personale Identität. Paderborn: Schöningh 1999; Regine Kather: Person. Die Begründung menschlicher Identität. Darmstadt: WBG 2007;

4 6 Einleitung: Begriff der Person und Theorie der Personalität mus und Naturalismus der philosophische Metaphysik unserer Zeit die Richtung gibt. Der Terminus Person scheint da geeigneter, den Menschen als in der Welt seiend zu denken als der Terminus Subjekt, der sich schon rein konnotativ eher mit der Vorstellung eines Gegenüberstehens von Subjekt und Objekt, Geist und Welt verbindet. Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt. Dieser Satz Wittgensteins (Tractatus, 5632) ist nämlich bezogen auf den Subjektbegriff ein semantischer Truismus. Gleiches gilt aber nicht vom Begriff der Person. Das bedeutet jedoch nicht, dass schon die rein terminologische Umschaltung von Subjekt auf Person die Probleme des Dualismus und Cartesianismus auflöst. Die Fragen zum Verhältnis von Leib und Seele, Geist und Welt stellen sich lediglich auf neue Weise. Die heutzutage gängigen Fragen, an denen Theorien der Person arbeiten z.b. Ist der Begriff der Person speziesneutral, oder können nur Angehörige einer bestimmten biologischen Spezies Personen sein? Welche Vermögen oder Leistungen muss ein Wesen vorweisen können, um als Person gelten zu können? Kann ein Wesen Person sein, auch wenn sein kognitiver oder evaluativer Weltbezug ernsthaft gestört oder abnorm ist?, sind allesamt von großer Brisanz, nicht bloß in philosophischer, sondern auch in rechtlicher und politischer Hinsicht, zugleich aber Fragen, die dem dualistischen Denken keineswegs fremd sind, ebenso wenig wie der Terminus Person als solcher. Der Abschied vom Dualismus ist leichter proklamiert als vollzogen. In der Auseinandersetzung mit derartigen Fragen kann man aber vielleicht gerade deswegen auf eine reiche philosophische Tradition zurückgreifen. Traditionell wird Personsein dem Individuum zugeschrieben, sofern es über Rationalität verfügt. So bestimmt Boëthius die Person als unteilbares Wesen (sprachund) vernunftbegabter Natur (naturae rationabilis individua substantia). Als rationales Wesen verfügt die Person notwendig über Bewusstsein und vor allem Selbstbewusstsein, wobei letzteres nach Locke die Identität der Person über die Zeit verbürgt. Nur so sei Zurechenbarkeit von Handlungen überhaupt möglich, weshalb nach Locke nur ein selbstbewusstes Ich Rechtssubjekt sein kann. Diese identitätsstiftende Einheit des Selbstbewusstseins ist nach Kant aber zunächst nur eine formale Einheit, sie verbürgt noch nicht die materiale Realität der Person. Diese gewinnt sie als Wesen, welches sich selbst Zwecke setzen und Handlungen von selbst beginnen kann, also als Wesen mit praktischer Vernunft und moralischem Unterscheidungsvermögen. Kant wird damit zugleich zum Verfechter eines Würdebegriffs der Person. Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Begriff der Person in Kants Philosophie keineswegs eine so grundlegende Bedeutsamkeit hat wie der Begriff des Subjekts. Kant bleibt in terminologischer Hinsicht Cartesianer. Die neuere Beschäftigung mit dem Konzept der Person wurde auch durch ein wachsendes Interesse an Fragen der praktischen Ethik ausgelöst, etwa Fragen der Abtreibung und des Embryonenschutzes, ethischen Fragen der Gentechnologie und Medizin (Stichworte: Klonierung, genetische Identität, Sterbehilfe) oder der

5 Einleitung: Begriff der Person und Theorie der Personalität 7 Debatte um die Anerkennung von Grundrechten für Tiere. Dabei rücken Kriterien des Personseins in den Fokus des Interesses. Große Teile der einschlägigen neueren Philosophie der Person lassen sich demnach als der Versuch kennzeichnen, vermittels aussondernder Definitionen (letztlich deskriptive) Merkmale des Personseins zu bestimmen und den so ausgezeichneten Entitäten den Personenstatus zuzuschreiben. Charakteristisch ist dabei ein zweistufiges Verfahren: Zunächst wird die Frage beantwortet, welche Gegenstände aufgrund bestimmter Eigenschaften Person genannt werden dürfen, dann wird diskutiert, welchen normativen Status, also welche Ansprüche, Rechte und Pflichten das Personsein begründet. Die Vielfalt der Antworten lässt sich allerdings auf eine Handvoll Merkmale und deren Variation und Kombination zurückführen, woraus sich dann verschiedene Kriterienlisten für Personalität und personale Identität ergeben. Etwa wird diskutiert, welches Maß an Empfindungsfähigkeit erforderlich ist, um den fraglichen Gegenständen Personenrechte zuzusprechen. Andere meinen, bloße Empfindungsfähigkeit genüge nicht, vielmehr müssten Personen über Erinnerungsvermögen, Bewusstsein und Selbstbewusstsein, über eine Ich-Identität verfügen, wobei deren Kriterien von der physischen Identität als Leib in Raum und Zeit bis zum kontinuierlichen Ich-Bewusstsein reichen, oder sie müssten in Diskurse eintreten können, wozu ein Mindestmaß an Rationalität und Reflexivität erforderlich sei Personen seien durch das Vermögen, Gründe angeben und Folgen abschätzen zu können, gekennzeichnet. Wieder andere betonen die Freiheit und Autonomie der Person i.s. des Vermögens, sich selbst Zwecke zu setzen, oder auch als Fähigkeit, diese zu verfolgen, also ihre Handlungskompetenz, und entsprechend die Zurechenbarkeit von Handlungen bzw. ihre Verantwortlichkeit für ihr Tun, wobei sich auch hier unterschiedliche Varianten ergeben, je nachdem, welche Kompetenzen für grundlegend erklärt werden. Etwa wird von vielen Autoren in der Tradition Kants Moralität als wesentliches Bestimmungsstück von Autonomie und damit Personalität gesehen; andere buchstabieren Handlungskompetenz als instrumentelle Rationalität. Ebenfalls in der Diskussion sind Artikulationsfähigkeiten als Kriterium des Personseins, die Frage, ob und welche Formen der Expressivität eine Vorbedingung des Personseins sind und welche Rolle dabei die Sprachfähigkeit spielt. Als ein weiteres Kriterium wird Individualität angeführt, wobei auch hier das Problem besteht, welche Identitätskriterien zählen sollen die genetische Einzigartigkeit ist offenkundig zu schwach, um personale Identität zu tragen. Man kann nun weiter fragen, ob und welche dieser Kriterien eine Person in welchem Maße tatsächlich oder nur potentiell erfüllen muss und kommt damit zu weiteren Differenzierungen des kriterialen Personenbegriffs. Aus diesen Bestimmungsstücken ergeben sich nun unterschiedliche Kriterienkataloge des Personseins und der personalen Identität. Debatten entzünden sich dann daran, dass diese Kataloge z.t. in sich nicht kohärent sind oder einander wechselseitig ausschließen, ganz abgesehen davon, dass die normativen Kon-

6 8 Einleitung: Begriff der Person und Theorie der Personalität sequenzen der kriteriengeleiteten Zuschreibung des Personenstatuts nicht unumstritten sind, die Frage also, welche Ansprüche, Rechte und Pflichten mit dem Status der Person verbunden sind. Diese Probleme einer Philosophie der Person können jedoch nicht auf der Ebene der Diskussion von Kriterien des Personseins gelöst werden. Vielmehr stellen sie das Projekt der kriterialen Definition der Person und des Personenseins als ganzes in Frage. So ist es ein grundsätzliches Problem, dass die Idee allgemeiner Kriterien des Personseins mit der intuitiv plausiblen Annahme, Individualität sei ein Charakteristikum der Person, nicht vereinbar ist. Betrachtet man bspw. Rationalität als Kern der Person, dann ist diese etwas Allgemeines und bildet gerade deshalb nicht die Individualität der Person ab als rationales Wesen ist die Person gerade nicht einzigartig. Man könnte nun versuchen, ein Konzept individueller Rationalität oder die Idee einer Stufung rationaler Kompetenzen einzuführen. Damit würde aber die Allgemeinheit des Kriteriums Rationalität für das Personsein unterlaufen. Oder man könnte Individualität als natürliche Eigenschaft der Person auffassen, etwa im Sinne einer rein indexikalischen Bestimmung. Dann fragt sich aber, warum Individualität als Kriterium von Personalität überhaupt relevant sein sollte, denn sie wäre gewissermaßen ein tautologisches Kriterium, also keines, welches dazu beitragen könnte, Personen von Dingen zu unterscheiden und entsprechende normative Konsequenzen zu rechtfertigen. Um etwa einen Eigenwert des Einzigartigen zu fundieren, muss dieses offenkundig von anderer Art sein als bloß indexikalische Individualität. Generell stellt sich die Frage, ob die vermeintlichen Kriterien des Personseins überhaupt hinreichend bestimmt sind, um sie im konkreten Fall anzuwenden. Kann man Begriffe wie Rationalität, Selbstbewusstsein etc. als hinreichend geklärt voraussetzen? Handelt es sich bei Rationalität, Selbstbewusstsein, Moralität und anderen der genannten Kriterien überhaupt um konstatierbare Eigenschaften von Individuen, wie bspw. ihre Haarfarbe? Was wäre ihr Grundbereich: die Menge der Menschen, der belebten Dinge oder die aller Gegenstände? Ist es überhaupt sinnvoll, sie als Begriffe im üblichen Sinne, also mit einem merkmalsbestimmten Inhalt und einem durch ihren Gehalt festgelegten Umfang aufzufassen? Oder dienen sie nicht vielmehr als Titelwörter, die es erlauben, sich auf eine Gesamtheit von aufeinander verweisenden Praxen, Standards, Normen und Institutionen, die Mensch und Person charakterisieren, im Ganzen, gewissermaßen synoptisch zu beziehen? Oder kennzeichnen sie die Einnahme einer praktischen Haltung? Wenn dies zutrifft, dann würde mittels Kriterienkatalogen des Personseins die Tiefendimension solcher Eigenschaften und damit des Personseins verfehlt; wenigstens müssten der Status und die Präsuppositionen solcher Kriterien, d.h. die Bedingungen, unter denen sie sinnvolle Unterscheidungen artikulieren, neu überdacht werden. Eine weitere Schwierigkeit kriterienorientierter Ansätze zur Person ist das Verhältnis von Personsein und Personenstatus. Dies wird gewöhnlich als Fundierungsverhältnis gedacht: bestimmte, deskriptiv zugängliche Qualitäten zeichnen

7 Einleitung: Begriff der Person und Theorie der Personalität 9 ein Wesen als Person aus und sind damit die Basis der Zuschreibung bzw. Anerkennung seines normativen Status als Person. Das scheint sinnvoll: Damit beurteilt werden kann, ob und welche Konsequenzen jemand für ein Tun zu tragen hat, muss sichergestellt sein, dass er überhaupt dessen Urheber ist, d.h. dass es sich nicht um ein bloßes Widerfahrnis oder ein Versehen handelt, sondern um eine Handlung, dass er sie als Handlung eines bestimmten Typs überhaupt ausführen konnte und sie ihm daher zugerechnet werden kann und dass er in der Lage ist, diese Zurechnung und deren Konsequenzen nachzuvollziehen, d.h. dass er frei und rational gehandelt hat, über Selbstbewusstsein verfügt etc. Das Problem ist, dass solche Zuschreibungen nur dann sinnvoll sind, wenn der Personenstatus schon vorausgesetzt werden kann. Denn gewöhnlich schreiben wir Personen Rationalität, Freiheit, Handlungskompetenz oder Selbstbewusstsein zu und nicht etwa umgekehrt rationalen, freien, kompetenten und/oder selbstbewussten Wesen Personalität. Dass zeigt sich daran, dass bspw. der Vorwurf der Irrationalität überhaupt nur Personen gemacht werden kann und dass man nur bei Personen sinnvoll von einem Mangel an Selbstbewusstsein, Handlungskompetenz, Einsichtsfähigkeit etc. sprechen kann. Das verweist darauf, dass Personalität ein normativ aufgeladener, dichter Begriff ist, der sich dem deskriptiv-kriterialem Zugriff entzieht. Damit steht man aber vor einem Dilemma: Einerseits können überhaupt nur Personen normative Konsequenzen tragen, die Zuschreibung eines normativen Status setzt demnach schon voraus, dass sein Träger eine Person ist; andernfalls wäre sie sinnlos. Andererseits kann der Personenstatus nur vermittels der Zuschreibung normativer Konsequenzen bestimmt werden und hängt in diesem Sinne gerade nicht von der vorgängigen Erfüllung bestimmter Eigenschaften ab. Aber kann man sich nicht darin irren, wer oder was als Person zählt, wer oder was nicht? Und setzt dies nicht von Zuschreibungen unabhängige Kriterien des Personseins voraus? Wie dem auch sei, allein mittels kriterienbasierter Zugänge zur Person sind diese Schwierigkeiten weder zu artikulieren noch zu lösen, weil sie die Präsuppositionen dieser Ansätze, genauer: deren Sinnbedingungen betreffen. Sie verlangen nach einer konstitutionslogischen Bestimmung des Sinnbereiches der Rede von Personen, was eine Festlegung des kategorialen Grundbereiches solcher Rede einschließt, die es dann auch erlaubt, jeden Menschen grundsätzlich als Person anzusprechen, selbst wenn er nicht über jede personale Kompetenz verfügt, die man normalerweise von Personen erwarten kann. Nun sind gemäß dem hier diskutierten zweigliedrigem Konzept der Person die Ansprüche der Person, insbesondere auch ihre Würde, an ihr kriterial bestimmtes Personsein gebunden: Danach gewinnt das Individuum mit der Erfüllung der Kriterien des Personseins Personenstatus und damit auch Würde. Hier wird nun das grundlegende Problem kriterienorientierter Zugänge zum Problem der Person deutlich: Sie laufen letztlich auf einen Leistungs - bzw. Kompetenzbegriff der Person hinaus, denn die Kriterienlisten sind letztlich Kataloge von Forderungen, deren Nichterfüllung mit dem Entzug bzw. der Nichtanerken-

8 10 Einleitung: Begriff der Person und Theorie der Personalität nung des Personenstatus und der damit verknüpften normativen Konsequenzen geahndet wird. Genauer: geahndet werden müsste, denn zu dieser Konsequenz sind die wenigsten Autoren bereit, weil dies mit dem intuitiven Würdebegriff der Person und der entsprechenden Praxis der unbedingten Anerkennung des Personenstatus eines jeden Menschen kollidiert. Macht man bspw. Rationalität zur Bedingung des Personseins, dann könnten irrationale (präziser wäre freilich arationale ) Lebewesen keine Personen sein und folglich auch keine Personenrechte beanspruchen. Nicht jede Person handelt rational dieser banale, an erratischem, plan- und grundlosem Tun tausendfach bewährte Satz wäre aus Sicht einer Theorie, welche Rationalität als Kriterium für Personalität ansieht, schlicht unsinnig oder hätte zur Konsequenz, dass wir die Menschen, mit denen wir es gewöhnlich zu tun haben, nicht oder nicht permanent als Personen ansehen dürften. (Analoges gilt für andere Kriterien des Personseins.) Das Problem kann auch nicht durch Abschwächung der Kriterien gelöst werden, etwa indem man fordert, eine Person müsse nur der Möglichkeit nach über die fraglichen Eigenschaften und Fähigkeiten verfügen. Damit kommt man vom Regen in die Traufe. Denn was bliebe dann noch von der ursprünglichen Idee, normative Status aufgrund der Erfüllung bestimmter deskriptiver Eigenschaften zuzuschreiben? Modalbegriffe sind keine deskriptiven Begriffe. Wichtiger ist aber, dass unter den gegebenen Prämissen aus gutem, vortheoretischem Grund gänzlich ungeklärt bleibt, wie mit Menschen zu verfahren ist, denen bspw. jedes Vernunftvermögen fehlt, etwa aufgrund schwerer Hirnschäden, oder mit Menschen, denen es an Empathie mangelt, bspw. Autisten. Ein Leistungsbegriff der Person kann unsere Praxis der unbedingten Zuschreibung des Personenstatus jedenfalls nicht rationalisieren, und hält man daran fest, dass die Zuschreibung des Personenstatus von der Erfüllung bestimmter Eigenschaften abhängt, dann muss die unbedingte Anerkennung eines jeden Menschen als Person und damit die unbedingte Anerkennung seiner Würde irrational erscheinen. Diese vermeintliche Rationalitätslücke kann oder soll dann oft (und oft stillschweigend) von Nutzenkalkülen der Würde geschlossen werden womit die Dimension der Würde geradewegs verfehlt wird: Was eine Würde hat, hat bekanntlich keinen Preis. Die Frage ist demnach anscheinend nicht, ob bestimmte Kompetenzen (und d.h. auch: bestimmte Utilitäten) notwendig sind, um als Person anerkannt zu werden, sondern ob bestimmte Kompetenzen notwendig sein sollen. Die Tatsache, dass ein Gegenstand bestimmte deskriptive Kriterien erfüllt oder nicht erfüllt, besagt nicht unbedingt etwas über seinen normativen Status. Dass manche Rabenvögel den Spiegeltest auf Selbstidentifikation bestehen, macht sie nicht zu Personen (oder, wie man unter den Prämissen der deskriptiven Konzeptionen der Person sagen müsste, nicht zu Personen mit Personenrechten); dass manche Menschen sich selbst im Spiegel nicht erkennen können, bedeutet nicht, dass sie keine Personenrechte hätten. Das legt nahe, den Begriff der Person als normativ aufgeladenen Begriff zu deuten. Nennt man jemanden eine Person,

9 Einleitung: Begriff der Person und Theorie der Personalität 11 dann ist dies nicht (nur) die Beschreibung eines Zustandes, sondern (zugleich) die Zuschreibung eines normativen Status, ggf. auch eine Bewertung im Lichte entsprechender normativer Erwartungen. Es erscheint daher unsinnig anzunehmen, man könnte normativ neutral und unabhängig von Anerkennungen das Personsein konstatieren und den Personen dann, gewissermaßen nachträglich, eine Würde zuschreiben. Ist Personalität aber ein normativer Begriff und Personsein ein normativer Status, dann müssen auch die Kriterien des Personseins normativ verstanden werden, bspw. als Erwartungen oder Forderungen, denen Personen normalerweise genügen müssen (und deren Verfehlung eigens gerechtfertigt oder erklärt werden muss), also ebenfalls als normative Zuschreibungen (die freilich oft in der sprachlichen Form von Eigenschaftsausdrücken daherkommen). Kurz: Konstitution und Würde der Person sind nicht voneinander zu trennen, was bedeutet, dass Unterschiede in den personalen Kompetenzen nicht auf Unterscheide im Personenstatuts zu projizieren sind. Aber auch hier bleibt ein Problem: Augenscheinlich hat der Personenbegriff auch deskriptiven Gehalt, und darin liegt das partielle Recht und die Plausibilität kriterienbasierter Ansätze. Denn auch wenn es Personen nicht unabhängig von personkonstitutiven Zuschreibungs- und Anerkennungspraxen gibt, macht die bloß subjektive Zuschreibung oder Anerkennung von Personalität noch keine Person, auch nicht, wenn jedes Mitglied der Gemeinschaft für sich bestimmten Zuschreibungs- und Anerkennungsnormen folgt. Eine Theorie der Personalität, die über bloß formale Definitionen hinauskommen will, muss einen Weg finden, diesen gegenläufigen Intuitionen gerecht zu werden. Den gemeinsamen Hintergrund dieser Schwierigkeiten bildet ein i.w.s. logisches Problem, welches als Paradox der Analyse bekannt ist: die Unmöglichkeit einer formal exakten und zugleich informativen Explikation dichter, d.h. immer auch bewertender Begriffe wie Wissen (im Falle der Gettierbeispiele) oder wie vorliegend eben Person. Keine eigenschaftsbasierte Definition des Personenbegriffs kann unsere Praxis der Zuschreibung des Personenstatus und der Anerkennung personaler Ansprüche und Rechte adäquat erfassen, weil, wie auch der umfangreiche Korpus der Literatur zum Begriff der Person zeigt, jede Definition durch die Konstruktion von mehr oder minder plausiblen Gegenbeispielen systematisch unterlaufen werden kann, was realen Veränderungen in den Anerkennungspraxen entspräche. Es ist immer möglich, dass manche, die faktisch als Personen anerkannt werden, die von einer Definition geforderten Eigenschaften nicht aufweisen und umgekehrt manche Nicht-Personen diese Eigenschaften erfüllen, Definiens und Definiendum demnach in der Anwendung auf einzelne Personen nicht immer austauschbar sind. Eine formal exakte und formal korrekte Definition von durch praktische Inferenzen und faktische Anerkennungen bestimmten Realbegriffen ist immer zu eng oder zu weit, d.h. sie schließt zuviel oder nicht genug aus (und manchmal beides). Dies ist nun kein bloß technisches Problem, welches mittels komplexerer oder exakterer Definitionen zu beheben wäre. In Frage steht vielmehr das grundsätzliche Herangehen an Fragen

10 12 Einleitung: Begriff der Person und Theorie der Personalität der Personalität. Vor diesem Hintergrund gibt es gute Gründe, mit einer Philosophie der Person unzufrieden zu sein, die ihre primäre Aufgabe in einer Definition der Person und der Artikulation entsprechender Kriterien sieht. Die Suche nach einer solchen Definition und solchen Kriterien erscheint nicht nur aussichtslos, sondern sie führt ggf. sogar dazu, fundamentale Unterscheidungen zu zerstören und praktische Orientierungen zu vernebeln. Das ist z.b. dann der Fall, wenn aufgrund eines schematischen Umgangs mit idealen Kriterien nicht mehr zwischen Nicht- Personen und Personen mit Defekten unterschieden werden kann (wie man an den Debatten zur Sterbehilfe, zur Abtreibung, zur Klonierung etc. sehen kann), d.h. wenn der Redebereich, in dem bestimmte Unterscheidungen und personale Kompetenzen erst relevant sind, und seine Konstitution nicht bedacht werden. Die Konsequenz daraus ist, dass Leistungs- und Würdebegriff der Person notwendig auseinanderfallen und es scheinbar keinen Weg gibt, sie wieder zusammenzuführen, ohne entweder die Würde oder normalerweise berechtigte Forderungen an Personen aufgeben zu müssen. Ein tendenziell gemeinsamer Zug der in diesem Band versammelten Texte ist nun, dass sie die Frage nach der Person nicht primär als Frage nach einer trennscharfen Definition der Person auffassen. Vielmehr wird unterstellt, dass philosophische Analysen über die bloße Beschreibung der Verwendung der interessierenden Begriffe und ihre Transformation in möglichst exakte, möglichst operationalisierbare Definitionen hinausgehen müssen. Der Begriff der Person ist, und auch das wird in vielen Texten des Bandes deutlich, auf eine Weise in unseren Praxen verankert, die es erforderlich macht, seine Explikation in eine umsichtige Reflexion dieser Praxen und ihrer natürlichen und kulturellen Voraussetzungen einzubetten. Schlagwortartig lässt sich der Unterschied zur üblichen Herangehensweise an das Problem und den Begriff der Person daher wie folgt zusammenfassen: Statt eines fixen Begriffs der Person bedarf es einer Theorie der Personalität. Nun ist die Unterscheidung zwischen Begriff und Theorie vage der volle Begriff einer Sache umfasst immer Tickets auf erlaubte Schlüsse, Relationen zu anderen Begriffen, paradigmatische Fälle und paradigmatische Nicht-Fälle, Projektionslinien auf neue Fälle und vieles mehr, und insofern immer auch Urteile über die fragliche Sache. Als ein Knotenpunkt im Netz möglicher Inferenzen ist der Begriff der Person daher letztlich gar nicht anders zu bestimmen als über eine Vielzahl von Verknüpfungen mit anderen Gebieten der Philosophie und Geistes- und Sozialwissenschaften sowie unseren praktischen Welt- und Selbstbeschreibungen. Dabei wird deutlich, dass ihm umgekehrt eine Schlüsselstellung im philosophischen Fragen überhaupt eingeräumt werden muss, sofern althergebrachte, zentrale Konzepte der Philosophie wie Subjektivität, Rationalität, Selbstbewusstsein, Vernunft, Moralität, Handlung, Praxis, Interesse u.a. erst als Vermögen von und Forderungen an Personen überhaupt verständlich gemacht und ihre Gehalte im Leben verankert werden können.

11 Einleitung: Begriff der Person und Theorie der Personalität 13 Diese Art der Annäherung bedeutet nun keinen Bruch mit den traditionellen Herangehensweisen, markiert aber dennoch eine, wie wir meinen, wichtige Differenz der Fragestellung, genauer eine Blickwendung, die ihre terminologische Entsprechung in der Unterscheidung von Person und Personalität findet. Nach Personalität zu fragen statt nach der Person ist offener, reflexiver und nimmt die Frage nach der Person selbst in den Blick. Es geht dabei nicht primär um die Frage, was eine Person ist und wann wir den Personenstatuts zu recht zuschreiben. Vielmehr ist nach den Voraussetzungen solcher Zuschreibungen zu fragen, also danach, was es heißt, von Personen zu sprechen und worauf wir uns damit einlassen, aber auch worauf sich das Vokabular des Subjektiven bezieht und in welchem Sinn hier überhaupt von Referenzobjekten gesprochen werden kann, wann und wie und zu welchem Zweck wir das tun, was wir dabei mitsagen und worauf wir uns damit in normativer Hinsicht festlegen, welche systematischen Fehler und Missverständnisse dabei vorkommen mögen, ferner, wie das Verhältnis von Sein und Werden der Person zu verstehen ist, wie der Einzelne überhaupt zur Person werden kann, in welchem Sinne bestimmte Vermögen konstitutiv für die Person sind und wieweit deren Abwesenheit, bspw. spezifische Formen der Irrationalität, ebenso gut dazugehört, ob bzw. in welchem Sinne Personalität eine historische Größe ist, d.h. wie sich nicht nur der Begriff der Person, sondern die Realität, die eine solche Unterscheidung notwendig macht, verändert hat und nicht zuletzt, welche auch lebensweltlichen Konsequenzen verschiedene theoretische Modelle von Personalität haben. Diese Verschiebung der Fragestellung hin zu Analysen der sinnvollen Verwendung und des Sinns der Verwendung dieses Begriffs spiegelt sich nun auch im Titel und den Texten des vorliegenden Bandes. Die Artikulation von Kriterien der Personalität und die Fixierung wichtiger Verwendungsweisen des Personenbegriffs in definitionsähnlichen Festlegungen betreffen zwar einen wichtigen, aber eben nur einen, nämlich den expressiven Aspekt der unter dem Titel Personalität reflektierten personkonstitutiven Praxen. Das Unternehmen einer Theorie der Personalität muss denn auch nicht als philosophische Spezialdisziplin, sondern als disziplinübergreifendes und -integrierendes Unterfangen angelegt werden. Die vorliegenden Kriterien und Definitionen sind dabei keinesfalls belanglos, denn ihn ihnen werden gewöhnlich wichtige Unterscheidungen artikuliert, die den Ansatzpunkt und die Reibungsfläche weiterer Analysen bilden. Es bleibt aber zu klären, vor welchem Hintergrund sie Geltung beanspruchen können, warum gerade diese und nicht andere Eigenschaften und Kriterien wichtig sind, was sie bedeuten, d.h. welche Folgerungen und Projektionen sie zulassen, welchen theoretischen Status sie beanspruchen können und wie sie in unsere Theorien und Praxen eingebunden sind. Die philosophischen Probleme mit dem Begriff der Person sind nicht so sehr auf Mängel an den bisherigen Personendefinitionen zurückzuführen. Was wir brauchen, sind nicht primär bessere Definitionen; schon die Definition des Boëthius reicht diesbezüglich im Grunde aus. Im besten Falle werden Bestimmungen der Person nach dem Muster solcher tradi-

12 14 Einleitung: Begriff der Person und Theorie der Personalität tioneller Definitionen auf diese Weise aufgehoben, was einschließt, sie bei aller Kritik nicht schlicht für falsch zu erklären, sondern über Analysen der Bedingungen ihrer sinnvollen Verwendung ihren guten Sinn und den Gehalt ihrer Unterscheidungen und damit auch den Sinn des Personbegriffs freizulegen. In dieser Herangehensweise besteht eine erstaunliche Übereinstimmung zwischen der Mehrzahl der im Band versammelten Texte. Dabei geraten konstitutionslogische Probleme der Person und ihre methodische Ordnung in den Fokus, und diese sind auch ein zentrales Thema des vorliegenden Bandes, wobei die soziale Konstitution von Personalität einen gemeinsamen Bezugspunkt vieler Texte darstellt: Das Ich kann nicht sinnvoll ohne ein Wir, die Person nicht ohne Verankerung in Gemeinschaften gedacht werden. Dieser gemeinsame Bezugspunkt wird nun ganz unterschiedlich und z.t. kontrovers ausbuchstabiert: sowohl mit Blick auf den Menschen als Kooperationswesen als auch unter ontogenetischen Aspekten, von der Konstitution der menschlichen Anschauung und das Vermögen zum Perspektivenwechsel, über Probleme der Anerkennung und der kollektiven Struktur personaler Identität und der Würde der Person bis hin zur Konstitution des Selbst in Kooperationen, Spiegelpraktiken oder auch in Formen der Selbstdarstellung. Die Vielfalt der verhandelten Probleme reicht dabei von der anthropologischen Diskussion des Tier-Mensch- Vergleichs und die Diskussion biologischer Dispositionen und Bedingungen des Personseins über die kulturelle Formbestimmtheit der Person bis hin zum Problem des Lehrens und Lernens in der Ontogenese. Erst die Gesamtheit solcher Überlegungen, der synoptische Blick auf die Verfasstheit des Menschen, vermittelt einen Begriff von Personalität. Naturgemäß überschneiden sich die Texte des vorliegenden Bandes thematisch in vielen Punkten ebenso, wie sie hinsichtlich der philosophisch-theoretischen Orientierung, der inhaltlichen und methodischen Herangehensweisen an ihr Thema divergieren. Deshalb ist die Gliederung des Bandes in verschiedene Abschnitte eher tentativ zu lesen, die Texte könnten auch anders angeordnet werden. Wir haben sie nach traditionellen Unterscheidungen sortiert. Die einzelnen Abschnitte sind eher als Aspekte oder zentrale Topoi einer komplexen Debatte über Personalität zu lesen denn als Stufen eines bestimmten Theorieaufbaus o.ä. Dass bspw. Spiegelpraktiken als Bedingung von Personalität die Interaktion mit anderen Individuen voraussetzen, hätte es gerechtfertigt, den Beitrag von W. Prinz unter die Rubrik PERSON UND GEMEINSCHAFT zu stellen, ebenso gut wäre er aber in der Rubrik DIE KONSTITUTION VON PERSONALITÄT aufgehoben. Ähnliches gilt auch von der Mehrzahl der anderen Texte des Bandes. Deshalb sollte die Anordnung der Texte im Band nicht als Festlegung auf eine Fundierungsordnung verstanden werden, etwa in dem Sinn, dass kognitive und praktische Vermögen des Individuums dessen Personsein konstitutierten und damit seine Einbindung in Gemeinschaften ermöglichten, die wiederum rechtliche Setzungen erforderten. Warum dies ein grobes Missverständnis von Personalität wäre, das ist ein zentrales Thema der Beiträge dieses Bandes.

13 Einleitung: Begriff der Person und Theorie der Personalität 15 Die vorliegenden Texte beruhen bis auf die Beiträge H. Molls und H. Ikäheimos auf Vorträgen, die im Sommersemester 2005 im Philosophischen Kolloquium der Universität Leipzig gehalten worden sind.

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