chon im Flur hörte Max den Fernseher. Die Kiste war wieder bis zum Anschlag aufgedreht. Max schloss die Wohnungstür ganz leise. Bloß kein Geräusch

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1 1 S chon im Flur hörte Max den Fernseher. Die Kiste war wieder bis zum Anschlag aufgedreht. Max schloss die Wohnungstür ganz leise. Bloß kein Geräusch machen. Er wollte unbemerkt in sein Zimmer verschwinden. Doch da hörte er die Stimme seines Vaters: Bist du das, Max? Er blieb stehen. Wer sollte es sonst sein? Seine Mutter saß jetzt im Supermarkt an der Kasse, und Nadine nervte mit ihrem Gebrüll bestimmt den ganzen Kindergarten. Jaaa, antwortete Max. Ich bin s. Max stand in dem kleinen Flur. Es stank nach Zigarettenqualm. Er ekelte sich vor dem Geruch. Am liebsten hätte er alle Fenster aufgerissen. Aber dann würde sein Vater sofort anfangen, zu meckern. Ich heize doch nicht für die Straße, war einer seiner liebsten Sprüche. Und? Willst du mich nicht mal begrüßen? Max konnte sich schon denken, wie die Begrüßung aussehen würde. Ein paar Befehle für den Nachmittag, Spülen, die Wohnung saugen und Nadine vom Kindergarten ab

2 holen. Und die schlechte Laune gratis dazu. Darauf konnte er gerne verzichten. Ich komme ja, rief Max und ließ den Rucksack auf den Boden fallen. Sein Vater hing auf dem Sofa. Ein Haufen Zigarettenstummel lag mitten auf dem Tisch, unter denen vermutlich ein Aschenbecher zu finden war. Ein paar benutzte Teller standen daneben. Das sieht ja wieder prächtig aus, flüsterte Max. Seine Worte wurden von dem Fernseher übertönt. Es lief irgendeine Talkshow. Zwei Frauen überboten sich mit Beleidigungen. Hast du was gesagt?, brummte der Vater und starrte weiter in den Fernseher. Nee, das war gestern, antwortete Max. Der Vater sah ihn an. Nach einer Weile sagte er: Bring das mal in die Küche. Und auf dem Rückweg kannst du den Müll nach unten tragen. Wie Max das hasste! Seit über einem Jahr ging das so. Seit sein Vater seinen Job verloren hatte. Den ganzen Tag lag er auf dem Sofa und verteilte Aufgaben. Mach dies, mach das. Räum dein Zimmer auf!

3 Du musst die Wäsche aufhängen! Vergiss nicht, zu spülen! Max spürte, wie sich die Wut in seinem Magen ausbreitete. Hastig räumte er den Tisch ab. Dabei fiel ein Messer auf die Zigarettenkippen und wirbelte eine graue Wolke Asche in die Luft. Pass doch auf! Hast du keine Augen im Kopf? Ist ja nichts passiert, murmelte Max und schüttelte den Kopf. Leider, fügte er hinzu und verließ das Wohnzimmer. Max betrat sein Zimmer und startete Alien- Alarm, ein Ego-Shooter-Spiel, das er von seinen Eltern zu Weihnachten bekommen hatte. Anscheinend wussten sie nicht, was sie ihm geschenkt hatten. Oder es war ihnen egal. Schließlich war das Spiel ab 16 und alles andere als harmlos. Er hatte es unendlich oft gespielt. Er bewegte den Spieler durch dunkle Gänge und knallte ab, was sich ihm in den Weg stellte. Im ganzen Zimmer waren die Schreie der explodierenden Aliens zu hören.

4 Max kannte jeden Level. Er hätte es im Schlaf spielen können. Wenn er davor saß, fühlte er sich gut. Dann lief alles, wie er es wollte. Wo war das schon so? In der Schule? Im Handballverein? Bei den Mädchen seiner Klasse? Fehlanzeige! Am Computer konnte er tun, was ihm gefiel. Da war Max der Held! Nach einer Weile klingelte das Telefon. Hey, Alter, hast du Zeit? Es war Tim. Max sah auf die Uhr. Es war kurz nach zwei. Er wollte gerade antworten, da hörte er im Hintergrund Patricks Stimme. Wir kommen vorbei, o.k.? Hast du gehört?, fragte Tim. Klar, sagte Max und mähte einem Angreifer die Beine weg. Kommt ruhig. Max war seit der fünften Klasse mit Patrick und Tim befreundet. Alle drei waren fünfzehn. Max war neidisch auf die beiden, weil sie schon mal eine Freundin hatten. Vor allem Patrick war ein richtiger Frauenheld. Hat hier jemand eine Ahnung, ob Isabelle einen Freund hat?, fragte Patrick und starrte 10

5 verträumt unter die Decke. Er hatte es sich auf Max Bett bequem gemacht. Tim schoss einem Klon in die Brust und grunzte begeistert. Doch schon stand der nächste vor seinem Maschinengewehr. Pass auf deine Deckung auf, rief Max und zeigte auf den Bildschirmrand, wo ein dritter Klon auftauchte. Tim machte alles falsch. Gib mal her, sagte Max und griff selbst nach der Maus. Dann lenkte er den Kämpfer nach rechts, verschanzte sich hinter einer Mauer und fegte beiden Klonen die Köpfe vom Hals. So einfach geht das, sagte Max und lehnte sich zurück. Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Tolle Wurst, blaffte Tim und stand auf. Wenn ich jeden Tag spielen würde, könnte ich das auch. Tim ließ sich zu Patrick aufs Sofa fallen. Der starrte die beiden an, als wären sie von einem anderen Stern. Seit zwei Tagen hatte es Patrick auf Isabelle abgesehen. Davor 11

6 war es Kim gewesen. Und davor Jenny. Patrick erinnerte sich an seine Frage. Und, was meint ihr? Hat die einen Macker? Tim sah zu Max und zuckte mit den Schultern. Na, kommt schon, Jungs! Glaubt ihr, die hat nen Stecher? Tim grinste Patrick an. Ich tippe auf Max, sagte Tim und verpasste Patrick einen leichten Stoß mit dem Ellenbogen. Patrick hielt seine Hand hoch, und sie schlugen ein. Du meinst den da?, fragte Patrick und zeigte mit dem Finger auf Max. Diesen Frauenheld da drüben? Tim nickte eifrig mit dem Kopf und setzte noch einen drauf. Der hatte schon jede, glaub mir. Auch deine Isabelle, sagte Tim und bog sich vor Lachen. Max saß auf seinem Stuhl und ließ die Sprüche über sich ergehen. Gerne hätte er eine Freundin gehabt. Aber irgendwie klappte es nicht. Max kämpfte lieber am Computer. Da war er eine richtige Killermaschine. 12

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