Was bewegt zur Freiwilligenarbeit? Politische, sozioökonomische und individuelle Einflussfaktoren Freiwilligensymposium 2011 des Landes

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1 Was bewegt zur Freiwilligenarbeit? Politische, sozioökonomische und individuelle Einflussfaktoren Freiwilligensymposium 2011 des Landes Oberösterreich Michael Abteilung für Nonprofit-Management, WU Wien

2 Formen des zivilgesellschaftlichen Engagements 1. Mitgliedschaft 2. Politisches Engagement 3. Freiwilligenarbeit 4. Spenden Zivilgesellschaftliches Engagement FOLIE 2 Quelle: European Social Survey 2002

3 Verwendete Begriffsdefinition für freiwilliges Engagement Ist eine Leistung die, freiwillig (ohne gesetzliche Verpflichtung) unbezahlt (exkl. Aufwandsentschädigungen) außerhalb des eigenen Haushalts erbracht wird Unterscheidung in (Badelt/More-Hollerweger 2007) formelle Freiwilligenarbeit : im Rahmen von Organisationen, Institutionen oder Vereinen informelle Freiwilligenarbeit (Nachbarschaftshilfe): ohne jeden institutionellen Rahmen, jedoch außerhalb des eigenen Haushalts SEITE 3

4 Freiwilligenarbeit in Österreich Freiwillig Engagierte 43,8% Formell freiwillig 27,9% Informell freiwillig 27,1% ÖsterreicherInnen ab 15 Jahren 100% Nicht freiwillig Engagierte 56,2% Nicht formell freiwillig Engagierte 72,1% Nicht informell freiwillig Engagierte 72,9% SEITE 4 Quelle: BMASK (2009). Freiwilliges Engagement in Österreich.1. Freiwilligenbericht. Wien: BMASK.

5 Bereiche/Felder nach Anzahl der Freiwilligen SEITE 5 Quelle: BMASK (2009). Freiwilliges Engagement in Österreich.1. Freiwilligenbericht. Wien: BMASK.

6 Kultur Stadt/Land Gesellschaftlich-kultureller Kontext Aktueller sozialer Kontext Herkunftskontext Person Gender Wohlfahrtsstaat Soziale Netzwerke Art und Intensität der FA Persönlichkeit Klassen- bzw. Schichtzugehörigkeit Motive Freiwilligenorganisationen Familienstand Einstellungen Rollenmodelle Gruppenzugehörigkeit Erwerbsarbeit Staatliche Institutionen

7 Mehr Staat Mehr Privat Freiwilligenarbeit in Europa

8 Freiwilligenarbeit in Europa SEITE 8 Quelle: Meyer et al. 2009, ESS 2002

9 Zivilgesellschaftliches Engagement in Europa Hohe Partizipation Niedrige Partizipation In-between Mitgliedschaft 0,631-0,487 0,132 Politisches Engagement 0,258-0,325 0,169 Freiwilligenarbeit 0,331-0,213 0,028 Informelles Engagement 0,237-0,25 0,116 Spenden 0,282-0,238 0,063 Anzahl der Länder Länder Dänemark Spanien Österreich Niederlande Griechenland Belgien Norwegen Ungarn Deutschland Schweden Israel Finnland Italien Polen Portugal Slowenien Frankreich Irland Luxemburg Vereinigtes Königreich Vertrauen in Vertrauen in Vertrauen in die den Staat die Wirtschaft Zivilgesellschaft SEITE 9 Quelle: Meyer et al. 2009, ESS 2002

10 Sozioökonomische Einflussfaktoren: Das Matthäus-Prinzip Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, dass er Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, was er hat. Mt 25,29

11 Einflussfaktoren auf Freiwilligenarbeit in Europa Top ten impact factors on voluntary work Beta Social activities with friends Citizenship values: active & independent Religiousness Distribution of Income (Gini Coefficient) Urban Population (% of total population) Highest Level of Education Environment of living (rural vs. others) Trust in people Trust in political institutions FOLIE 11 Social expenditure (% GDP) 0.038

12 Freiwilligenarbeit und Bildung SEITE 12 Quelle: BMASK (2009). Freiwilliges Engagement in Österreich.1. Freiwilligenbericht. Wien: BMASK.

13 Freiwilligenarbeit und Bildung Funktionen (100%) BQ BS leitend operativ Pflichtschule/keine Pflichtschule 19,40% 17,90% 10,80% 89,20% Lehrabschluss (mit Berufsschule) 27,60% 34,70% 23,60% 76,40% Berufsbildende mittlere Schule 32,30% 15,60% 26,70% 73,30% Allgemeinbildende höhere Schule 28,20% 5,80% 25,10% 74,90% Berufsbildende höhere Schule 34,30% 10,20% 30,50% 69,50% BHS-Abiturientenlehrgang, Kolleg 22,60% 0,60% Hochschulverwandte Lehranstalten, Universitätslehrgänge 44,90% 3,60% 36,60% 63,40% Universität, Fachhochschule 37,30% 11,80% 36,70% 63,30% Gesamt 27,90% 100,00% 24,60% 75,40% Basis Beteiligungsquoten (BQ): österreichische Wohnbevölkerung; gewichtet Basis Beteiligungsstruktur (BS) und Funktion: Freiwillige (formell) SEITE 13 Quelle: BMASK (2009). Freiwilliges Engagement in Österreich.1. Freiwilligenbericht. Wien: BMASK.

14 Freiwilligenarbeit und Erwerbstätigkeit SEITE 14 Quelle: BMASK (2009). Freiwilliges Engagement in Österreich.1. Freiwilligenbericht. Wien: BMASK.

15 Freiwilligenarbeit und Beruf Funktionen (100%) BQ BS leitend operativ Nicht-Erwerbstätige 21,50% 32,80% 18,50% 81,50% ArbeiterInnen 27,60% 15,10% 18,00% 82,00% Mithelfende Familienangehörige 33,40% 1,40% Vertragsbedienstete 46,50% 4,20% 22,10% 77,90% Angestellte 31,70% 29,10% 27,40% 72,60% Beamte und Beamtinnen 39,90% 5,90% 39,90% 60,10% Freie DienstnehmerInnen 47,30% 1,40% Selbstständig ohne ArbeitnehmerInnen 38,20% 6,00% 36,80% 63,20% Selbstständig mit ArbeitnehmerInnen 33,90% 4,00% 41,50% 58,50% Gesamt 27,90% 100,00% 24,60% 75,40% SEITE 15 Quelle: BMASK (2009). Freiwilliges Engagement in Österreich.1. Freiwilligenbericht. Wien: BMASK.

16 Freiwilligenarbeit und politische Einstellungen Demokratiebewusstsein und politisches Interesse SEITE 16

17 Dimensionen politischer Einstellungen im EVS Politisches Interesse Wie wichtig ist Ihnen Politik in Ihrem Leben? Wie stark interessieren Sie sich für Politik? Wie häufig verfolgen Sie politische Nachrichten in den Medien? Demokratiebewusstsein Wie sind sie mit der Art und Weise wie Demokratie in Österreich funktioniert zufrieden? Zustimmung zu: Man sollte ein demokratisches politisches System haben. Zustimmung zu: Demokratie ist trotz Problemen besser als jede andere Regierungsform Vertrauen in das politische System Wie viel Vertrauen haben sie in politische Parteien? Wie viel Vertrauen haben sie in die Regierung? Wie wichtig ist Ihnen, Österreichs politische Institutionen und Gesetze zu respektieren? SEITE 17

18 Freiwilligenarbeit und politische Einstellungen SEITE 18 Soziales & Gesundheit sign. (1-seitig, p<0.05) Kultur & Bildung Ökologie Tierschutz Sport & Freizeit Gesamt Politik Religion Politisches Interesse nicht FE 2,69 2,76 2,74 2,75 2,77 2,77 2,76 FE 3,03 2,94 3,28 3,17 2,97 2,88 3,04 Demokratiebewusstsein nicht FE 3,14 3,18 3,17 3,17 3,18 3,18 3,17 FE 3,27 3,12 3,29 3,33 3,18 3,21 3,29 Vertrauen in die Politik nicht FE 2,42 2,46 2,44 2,45 2,46 2,45 2,45 FE 2,55 2,40 2,66 2,55 2,42 2,52 2,53

19 Stadt und Land In der Stadt lebt man zu seiner Unterhaltung, auf dem Lande zur Unterhaltung der anderen. Oscar Wilde

20 Formelles Engagement in Europa nach Gemeindegröße SEITE 20 Quelle: eigene Berechnungen; European Value Survey 2008 Albania Azerbaijan Austria Armenia Belgium Bosnia Herzegovina Bulgaria Belarus Cyprus Northern Cyprus Czech Republic Estonia Finland France Georgia Germany Greece Hungary Ireland Latvia Lithuania Luxembourg Malta Moldavia Montenegro Netherlands Poland Portugal Romania Russian Federation Serbia Slovak Republic Slovenia Spain Switzerland Ukraine Northern Ireland Kosovo

21 Engagementquote und Gemeindegröße Land Korr. Österreich -,134** Deutschland -,130** Niederlande -,090** Finnland -,052* Polen -,029 Schweiz -,028 Frankreich -,014 SEITE 21 Quelle: eigene Berechnungen; European Value Survey 2008 ** 0,01; * 0,05 (einseitig).

22 Regionale Unterschiede SEITE 22 Quelle: Rameder/More Hollerweger 2009, Mikrozensus 2006

23 Die wirtschaftlich schwächsten Regionen in Österreich Bevölkerungs-dichte (Personen pro km²) Weinviertel 57,9 51, Mühlviertel 54,3 76, Südburgenland 43,1 66, Mittelburgenland 48,7 53, West- und Südsteiermark 42,9 34, Oststeiermark 41,1 79, Beteiligungsquote formelle Freiwilligenarbeit Bruttoregionalprodukt pro Person SEITE 23 Quelle: eigene Berechnungen; Mikrozensus 2006

24 Die wirtschaftlich stärksten Regionen (ohne Wien) Bevölkerungsdichte (Personen pro km²) Beteiligungsquote formelle Freiwilligenarbeit Bruttoregionalprodukt pro Person Bludenz-Bregenzer Wald 50,8 47, Innsbruck 36,7 132, Außerfern 54,5 25, Graz 36,6 310, Wiener Umland-Südteil 35,6 207, Salzburg und Umgebung 36,6 195, Linz-Wels 41,5 309, SEITE 24

25 Das Ende der Gemeinde? Ohne grundlegenden Änderungen in der Aufgaben- und Finanzierungsstruktur sind die meisten österreichischen Gemeinden 2013 ruiniert. 2008: + 1,5 Mrd. 2010: +/ : Mio Immer mehr Gemeinden stehen unter Kuratel, müssen Anlagen und Infrastruktur verkaufen und können ihr Leistungen den Bereichen Kultur, Bildung und Soziales nicht mehr erbringen. SEITE 25 (Zentrum für Verwaltungsforschung, Wien)

26 Vereine als Rettungsanker? In vielen strukturschwachen Gemeinden bilden Vereine den letzten sozialen Kitt und noch immer einen Attraktor für die bereits Abgewanderten bzw. für die Auspendler. Die Finanzkrise der Gemeinden entzieht auch den Vereinen die Lebensgrundlage. Es gibt viele Initiativen zur Stärkung von Vereinen und Freiwilligenarbeit in den Bundesländern (z.b. Dorferneuerungsbewegung in N.Ö.). Engagementpolitik kann aber langfristig kein Ersatz für eine gescheiterte Regionalpolitik sein. SEITE 26

27 Zum Abschluss fünf Thesen 1. Partizipationschancen sind ungleich verteilt in der Zivilgesellschaft. BürgerInnenengagement ist aber kein Schweizer-Messer. 2. Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements durch den Staat ist paradox er kann aber Rahmen schaffen (bspw. Zivildienst, Arbeitsrecht, Steuerrecht, Regionalpolitik). 3. Es sind in erster Linie sozioökonomische Faktoren, die freiwilliges Engagement fördern oder behindern. Insofern ist gute Sozialpolitik gute Engagement- Politik. 4. In zweiter Linie sind es allgemeine Einstellungen und Vertrauen auch in den Staat: Vertrauenswürdige Politik ist somit gute Engagement-Politik. 5. Je stärker der (Wohlfahrts-) Staat, je professioneller die zivilgesellschaftlichen Organisationen, desto mehr engagieren sich die BürgerInnen. SEITE 27

28 Kontaktdaten Abteilung für Nonprofit Management Nordbergstrasse 15, 1090 Vienna, Austria UNIV.-PROF. DR. MICHAEL MEYER T F SEITE 28

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