CAD/CAM läuft im Betrieb Ziel erreicht?

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1 CAD/CAM läuft im Betrieb Ziel erreicht? Von Timan Haerdle, Münster Die letzte CNC-Olympiade setzte Zeichen: Eine im Internet veröffentlichte Aufgabenstellung zur Fertigung eines Möbels wurde innerhalb von weniger als 20 Minuten vom Sieger erfolgreich bearbeitet. Kann es bessere Belege dafür geben, daß erfolgreiches CAD/CAM im Tischlerbetrieb endgültig angekommen ist, daß der Tischler nun den Spagat schafft, Losgröße 1 zu fertigen und dennoch preislich konkurrenzfähig zu sein? Ist CAD/CAM die Krönung der Technisierung im Tischlerbetrieb und das Allheilmittel, wenn es darum geht, im Wettbewerb mit den Ikeas dieser Welt bestehen zu können? Leider drängt sich bei näherem Hinsehen der Eindruck auf, daß wir gerade erst die Spitze des Eisbergs kennengelernt und kartiert haben, das größere Stück Arbeit jedoch noch unterhalb der Wasserlinie liegt. In diesem Artikel wollen wir uns bewußt auf ein Segment der Branche konzentrieren - Tischlerbetriebe, die schwerpunktmäßig Möbel fertigen, Innenausbau. Ladenbau oder Objektausbau betreiben. Hierbei interessieren besonders die Betriebe, die sich durch eine ambitioniert zu nennende Fertigung auszeichnen. Bestandsaufnahme Sehen wir uns einmal die aktuelle Situation in modernen, investitionsbereiten Tischlerbetrieben an: Werkstattseitig wurde in den letzten Jahren ordentlich hochgerüstet: CNC-Bearbeitungszentrum, idealerweise mit automatisierter Saugerpositionierung, selbstverständlich mindestens 4-Achs-gesteuert und mit graphischem WOP-System, vielleicht sogar noch automatisierte Beschickung und Abstapelung Liegende Zuschnittsäge, eventuell mit angeschlossenem automatisiertem Plattenlager Kantenbearbeitungszentrum mit umfangreichem Magazin für Rollen- und Stabware weitere, weniger computerisierte Maschinen wie Breitbandschleifmaschinen, Formatkreissägen etc. In der Werkstatt finden wir also einen Maschinenpark vor, der es möglich macht, mehr Teile in kürzerer Zeit und höherer Qualität zu fertigen und das mit reduziertem Personal. Die Tatsache, daß viele Betriebe hierbei auf Kosten der Vielseitigkeit ganz auf die Optimierung der Bearbeitung von beschichteten Werkstoffen gesetzt haben, tut diesem Fortschritt keinen Abbruch, sondern zeigt, daß in diesem eher niedrigpreisigen Sektor der größte Markt zu finden ist. In diesem Punkt hat der Tischler längst erkannt, daß der unternehmerische Erfolg die handwerkliche Tradition und Vielfalt dominiert. Im Büro, bei der EDV finden wir schon sehr häufig: CAD-Systeme, inzwischen meist 3D-CAD-Systeme mit der Möglichkeit, mehr oder minder schöne, bunte Bilder zu erzeugen

2 Zuschnittoptimierungen mit direkter Anbindung an Plattensägen und Ansteuerung von Etikettendruckern Branchenlösungen, mehrheitlich eingesetzt zur Auftragsbearbeitung und Zeiterfassung evtl. separate CAD/CAM-Postprozessoren, die Daten aus dem CAD-System im DXF- Format einlesen und daraus mit weiteren manuellen Änderungen CNC-Programme erzeugen weitere, allgemeine Software mit hohem Nutzungsgrad wie Tabellenkalkulationen für die Kalkulation, /Kalenderapplikationen für die Terminverwaltung und Textverarbeitungssoftware für die Angebote oder komplizierteren Rechnungen Die Erkenntnis, daß man mit spezieller Branchensoftware besser ausgestattet ist, hat sich erfreulicherweise bei vielen Tischlern durchgesetzt. In den letzten Jahren setzte sich doch die Erkenntnis durch, daß selbstgestrickte Lösungen auf Basis von Standardsoftware in der Regel Stückwerk bleiben und die in solche Lösungen investierte Zeit an anderer Stelle fehlt. Die Werkstatt hi tech, das Büro komplett vernetzt und die Rechner geladen mit Software reicht das? Nebeneinander statt Miteinander Die EDV-Nutzung ist dementsprechend heute bei nahezu 100% aller Betriebe tägliche Realität. Aber die EDV wird eigentlich genutzt wie die Maschinen in der Werkstatt: Nebeneinander und nicht miteinander. Eine wirkliche Verzahnung aller Komponenten, so daß sich eine lückenlose, redundanzfreie Prozeßkette bildet, ist nur bei einer Minderheit der Betriebe der Fall. Hierfür gibt es zahlreiche Beispiele: Aufträge werden per Branchen-Software erfaßt, angeboten und oft auch abgerechnet, Materialbestellungen erfolgen jedoch per Telefon, Fax aus Textverarbeitung oder Online im Browser. Stücklisten werden häufig in einer Tabellenkalkulation erfaßt statt in der Branchensoftware Stücklisten werden erneut manuell in Zuschnittoptimierung erfaßt Die Vorkalkulation erfolgt auf einem Blatt Papier oder in der Tabellenkalkulation Erfaßte Zeiten werden nicht automatisch auch Aufträgen zugeordnet. Auch im CAD-Bereich passiert es häufig genug, daß aus einer 3D-Planung nochmals manuell 2D-Schnitte erzeugt werden, die dann wiederum über einen Postprozessor erst in CNC-Programme umgewandelt werden. Blicken wir nochmals kurz zum Ausgangspunkt zurück: Während heute schon alle jubeln, wenn vom CAD-System aus mehr als ein CNC-Programm auf einmal an die Maschine geschickt wird, ist das also offensichtlich nicht das eigentliche Problem. Vielmehr ergeben sich aktuell folgende Herausforderungen: Abbildung der vorhandenen betrieblichen Abläufe auf ein IT-System, welches die betrieblichen Abläufe steuert, dokumentiert und der aktuellen Zustand des Kernstücks im Tischlerbetrieb, dem Auftrag, hinreichend genau darstellt. Wenn wir uns dazu einen Begriff aus der Industrie ausleihen: es fehlt ein PPS-System.

3 Dementsprechend verzeichnen wir aktuell eine mehrfaches Vorhandensein gleicher Daten wie beispielsweise o Materialverzeichnisse/Artikelstämme (CAD, Zuschnittoptimierung, Branchenlösung) o Werkzeugdatenbanken (WOP, CAD/CAM-Postprozessor, evtl. auch im CAD) o Adressdaten (Branchensoftware, Outlook und Konsorten) Es fehlt fast vollständig die Nutzung der Rückmeldungen bzw. Übernahme von Maschinenresultaten in die Branchensoftware Viele Hersteller verwenden große Anstrengungen darauf, Daten aus ihrem System sauber ausgeben zu können oder diese auch einzulesen. Eine Fokussierung auf den Daten-Im- und Export alleine ist jedoch nicht zielführend. Vielmehr sollten sich alle Beteiligten fragen, wieso Daten zwischen unterschiedlichen Systemen transportiert werden, wo es sinnvoll ist, diese zu pflegen und wo Resultate auch ausgewertet werden müssen. Sehen wir uns nur einmal Beispiele an der Schnittstelle vom Büro zur Fertigung an: Man macht es sich zu einfach, lediglich vom CAD aus CNC-Programme zu erzeugen. Das ist für eine Prototypenfertigung durchaus sinnvoll, aber nicht hinreichend in die täglichen Abläufe integriert, wenn die CNC-Programme nicht sofort in Beziehung mit einem konkreten Kundenauftrag gesetzt werden. Zudem fertigen viele Betriebe ähnliche Teile kundenauftragsübergreifend gemeinsam. So ein Vorgehen wird nicht unterstützt, wenn CNC-Daten direkt vom CAD an die Maschine übergeben werden. Ein weiteres Beispiel: Lagerbewirtschaftung wird in den seltensten Fällen mit einer Branchensoftware betrieben, da der Aufwand gescheut wird, speziell Plattenbestände im Computer zu verwalten. Grund hierfür ist letztendlich nur fehlender Datenfluß. Wüßte die Branchensoftware, wie viele Platten für einen Auftrag zugeschnitten wurden, könnten die Bestände einfach verwaltet werden. Umgekehrt ist ein Bestellwesen, das bei Wareneingang auch dem Lager zubuchen kann, wirklich hilfreich. In Wirklichkeit ist es also Aufgabe der IT, Prozesse abzubilden und zu integrieren, anstatt bestimmte Verrichtungen einfach nur am Computer durchzuführen. Lösungsbausteine Ansätze zur Integration der obigen Systeme stecken derzeit noch komplett in den Kinderschuhen. Jeder Betriebsinhaber sollte sich einmal folgende Fragen stellen: Werden Fertigungsprotokolle vom CNC-Bearbeitungszentrum in irgendeiner Form eingesehen, ausgewertet oder gar in die Branchensoftware eingelesen und mit den vorkalkulierten Daten verglichen? Werden Verbrauchsdaten aus der Zuschnittoptimierung zur Lagerverbuchung bzw. zur Bedarfsermittlung für den Einkauf genutzt? In elektronischer Form? Ohne nochmaliges Eintippen? Wer stellt vom Branchenprogramm aus CNC-Programme termingerecht an der Maschine zur Verfügung? Sind die Programme so benannt, daß eine spätere Auswertung maschinell erfolgen kann? Sind alle Informationen zur Weiterverarbeitung an der Kante und für den Zusammenbau enthalten?

4 Genau das aber sind die Herausforderungen, mit denen die Unternehmer zu kämpfen haben, wenn sie die Verheißungen der automatisierten Fertigung und der angeblich so leistungsfähigen Softwaresysteme nutzen wollen. Gerade Branchensoftware wurde viel zu lange nur als System zur Auftragsbearbeitung (im Sinne der Erstellung von Angebot bis Rechnung) mit Ergänzungsbausteinen gesehen. Tatsächlich aber steuert die Branchensoftware den gesamten Betrieb. Die Planung auftragsbezogener Fertigungs- und Liefertermine ist hierbei gleichgestellt mit der Planung sonstiger Termine der Mitarbeiter, der Überwachung vorhandener Kapazitäten, der Einhaltung von geplanten Fertigstellungstermine, der Sicherstellung von Materialverfügbarkeit durch ein integriertes Bestell- und Materialbewirtschaftungssystem. Doch auch in der Werkstatt funktioniert eine Prozessintegration nicht in jeder Ausstattung. Gewisse softwareseitige Grundvoraussetzungen müssen gegeben sein: Um nur einen Maschinentyp herauszupicken es gibt eine ganze Reihe von CNC-Maschinen, die für eine Prozessoptimierung in der Fertigung untauglich sind, weil sie nicht vernetzbar sind keine Unterstützung von Scannersystemen und Arbeitslisten-Verarbeitung bieten eine Protokollierung von Bearbeitungszeiten nicht vorgesehen ist. Meist handelt es sich hier um Maschinen mit Baujahr vor So verlockend er auch sein mag, preisgünstig eine Gebrauchte zu erstehen die Vorteile der CNC-Technik potenzieren sich, wenn diese in jeder Hinsicht offen sind. Die CNC-Programmierung direkt an der Maschine, womöglich mit dem geöffneten Beschlagskatalog, sollte endgültig der Vergangenheit angehören. Eine weitere Konsequenz: Die Herausforderung, die eine Prozessintegration an das Unternehmen stellt, ist enorm. Oftmals müssen informell vorhandene - Geschäftsprozesse erst definiert werden. Ganze Tätigkeitsbereiche können sich bei der Abbildung auf die EDV dann so verschieben, daß manche Mitarbeiter mehrere Teilaufgaben in einem Vorgang erledigen, die vorher auf mehrere Mitarbeiter verteilt waren. Ein wesentlich höherer Grad an Disziplin, Kommunikationsfähigkeit und gegebenenfalls auch betrieblicher Spezialisierung ist erforderlich, um im Endeffekt dann aber konkurrenzfähig in seinem Markt auftreten zu können. Nur wenn die notwendigen Veränderungen vom Personal getragen werden und erkannt wird, daß definierte Prozesse auch Streß und Hektik, wie sie durch notwendiges Improvisieren, jonglieren mehrerer Bälle gleichzeitig und im Kopf behalten mehrerer Aufgaben verursacht werden, vermeiden, wird die Einführung eines integrierten Gesamtsystems erfolgreich sein. Ohne entsprechende Beratung seitens der Software-Lieferanten ist so ein Unterfangen gar nicht zu leisten. Diese Beratungsleistung kostet eingangs erst einmal richtig viel Geld. Eine Investition, die leider in "nicht Anfassbares" geht und daher von vielen Unternehmern gescheut wird. Das exzellente Papier von Herrn Ludolph "Untersuchungen zur Arbeitsorganisation in den Betrieben", ( Vgl. download auf dieser Seite) stellt den Sachverhalt für den CAD/CAM-Bereich schon sehr gut heraus. Die IT-basierende Prozessintegration ist demnach eine Chance, die aber auch Risiken birgt, wenn das Projekt nicht mit der notwendigen Fokussierung in Planung und Umsetzung betrieben wird. Es handelt sich um eine Investition. Genau das macht aber auch eines deutlich: Als

5 Unternehmer investiert man, um seine Rentabilität und damit den Wert des Unternehmens zu erhöhen. Was ist zu tun? Es ist keine Neuigkeit, daß die Anzahl der Tischlerbetriebe immer weiter schrumpft in der Anzahl und in der Breite. Sehr vereinfacht werden wir im Innenausbau nur noch zwei Typen von Unternehmen sehen: Produktionsbetriebe: Unternehmen, die sich einen Markt suchen, in dem sie ihre Preise aufgrund ihrer Marktkenntnis und hohen Beratungskompetenz durchsetzen können. Rentabilität entsteht, weil die Bedürfnisse der Kunden erkannt bzw. antizipiert werden und der Betrieb paßgenaue Produkte in definierter Qualität zu für den Kunden akzeptablen Preisen liefern kann. Montagebetriebe: Kleinunternehmen, die entweder als Subunternehmer Montageaufträge wahrnehmen oder mit Hilfe von (internetbasierenden) Planungssystemen eher einfache Möbel planen, verkaufen und montieren. Die Fertigung wird immer durch Zulieferer erledigt. In diesem Artikel haben wir die Produktionsbetriebe auf s Korn genommen. Aus den obigen Ausführungen ergibt sich, daß eine integrierte, vernetzte IT, die in der Lage ist, die Fertigung zu steuern und zu überwachen, das Rückgrat für ein rentabel agierendes und flexibles Unternehmen bildet. Und nur dann ist ein Überleben in einem Markt gesichert, der zwar in der Menge der Marktteilnehmer schrumpft, weniger aber im Auftragsaufkommen. Es wird nur auf weniger Schultern verteilt, wodurch die Anforderungen an die betriebliche Effizienz steigen. Die Hausaufgaben zur Erreichung dieses Ziels sind bei allen Branchenteilnehmern zu machen: Die Unternehmen müssen sehr genau herausarbeiten, wofür sie stehen, wen sie bedienen und wie sie ihre betriebliche Organisation, die Technik und das Personal optimal auf ihre Zielgruppe abstimmen. Daraus ergibt sich eine Ablauforganisation mit definierten Prozessen. Sind diese vorhanden, wird eine Umsetzung mit Hilfe von EDV überhaupt erst möglich. Für die Hersteller von Software, egal ob diese begleitend zu einer Maschine oder als eigenständiges Branchensoftwaresystem oder CAD-System angeboten wird, besteht die Aufgabe darin, sehr genau zu überlegen, wie sich ihr System in den betrieblichen Gesamtkontext einfügt und wie es optimal mit anderen IT-Komponenten im Betrieb kommunizieren kann. Gerade im Bereich Branchensoftware und CAD versuchen einige Hersteller, den Betrieben zu diesem Zweck gleich das Gesamtpaket aus einem Hause anzudienen. Das wiederkehrende Argument ist, daß nur wenn CAD und Branchensoftware aus einem Haus kommen, eine wirklich saubere Integration gewährleistet ist. Dem ist kritisch gegenüberzustehen. Prozessintegration ist, wie wir gesehen haben, weitaus globaler zu sehen als eben nur zwischen Branchensoftware und CAD. Die Auseinandersetzung mit anderen IT-Herstellern ist immer erforderlich, um eben auch Systeme wie WOP, Zuschnittoptimierung, BDE etc. sauber zu verzahnen. Wer das nicht grundsätzlich erkennt und auf einen sauberen Datenfluß achtet, egal ob das Zielsystem nun aus dem eigenen Hause stammt oder nicht, der ist nicht konkurrenzfähig. Der Tischler muß sich seine Maschinen- und Softwarekomponenten abgestimmt auf seine Bedürfnisse auswählen können und nicht nach der Präferenz des Anbieters. Das Argument Nehmen Sie Software A, wir haben mit dem Hersteller eine gute Kooperation/wir stellen diese selbst her zieht nicht, wenn die Software A nicht das leistet, was der Kunde benötigt.

6 Daß die obigen Herausforderungen lösbar sind, daran besteht kein Zweifel. Gerade die Hersteller von CAD-Systemen und Branchensoftware, wie sie im deutschsprachigen Markt vertreten sind, zeichnen sich durch hohe Branchenkenntnis und mehrheitlich praxisnahe Lösungen aus. Es gibt weltweit kaum eine Region, in der branchentauglichere, spezialisiertere Software zu finden ist als im Raum D,A,CH. Auch die Tischlerbetriebe haben in weiten Bereichen die aktuellen Herausforderungen erkannt. Die Gewinner von morgen werden dementsprechend die Betriebe sein, die der Optimierung ihrer internen IT-Organisation den gleichen Wert beimessen wie ihrem Auftritt im Markt.

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